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Franz Kaltenbeck
Robert Musils unvollendbare Liebe
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  1. Kann man über­haupt zwei so un­ter­schied­li­che Tex­te ein­an­der an­nä­hern, oder nur auf den ei­nen vom an­dern her et­was Licht fal­len las­sen? Da muss man sich aber wohl für eine Rich­tung ent­schei­den. Dem Schreib­kos­mos Mu­sils ist eine sehr eig­ne Struk­tur inne, die mit den Ab­sich­ten La­cans nicht das Ge­rings­te ge­mein hat. Ist Mu­sils Werk nicht vor al­lem der Ort, an dem sich Ma­the­ma­ti­sches und Mys­ti­sches (nach sei­nem Wil­len) be­geg­nen sol­len? Ist nicht al­les von da aus ge­dacht, auch das Ge­schlechts­ver­hält­nis? La­cans Ar­bei­ten zielt in eine völ­lig an­de­re Rich­tung – da­her muss ein wech­seln­des Hin-und-her-Le­sen eher in die Irre füh­ren. (Oder irre ich mich?)

    • Mu­sil und La­can ein­an­der an­nä­hern? Nein, das geht nicht und das woll­te ich auch nicht. Auf­ein­an­der be­zie­hen, das schon! Wo käme man hin, wenn es ver­bo­ten wäre, ein Werk, das Mu­sils, zur Re­fe­renz ei­nes an­de­ren, dem Werk La­cans, wer­den zu las­sen? Vor Ador­no und Hork­hei­mer („Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ 1944, 1969) und La­can, „Kant mit Sade“ (1963) hat­te kaum je­mand ge­wusst, dass Kant et­was mit Sade zu tun hat. Es gibt zahl­rei­che geis­ti­ge Wahl­ver­wandt­schaf­ten weit aus­ein­an­der lie­gen­der Au­to­ren! Die sehr ei­ge­ne Schreib­welt Mu­sils hin­der­te ihn nicht dar­an, sei­ne Er­fah­run­gen mit Frau­en zu ei­nem Den­ken über weib­li­che Se­xua­li­tät und weib­li­ches Ge­nies­sen in sei­ner Li­te­ra­tur zu sub­li­mie­ren. Mit die­sem schon in sei­nen No­vel­len auf­find­ba­ren Den­ken konn­te ich mir man­che Be­grif­fe La­cans er­klä­ren, z.B. den des „Nicht-Gan­zem“ (pas-tout), wel­cher das weib­li­che Über­schrei­ten des phal­li­schen Ge­nies­sens er­fasst. Mu­sils iro­nisch ge­nann­te No­vel­le „Die Voll­endung der Lie­be“ spricht von die­ser Über­schrei­tung. Mu­sil und La­can lie­ben, je­der auf sei­ne Art, die Ma­the­ma­tik, sie for­dern von ih­rer re­spek­ti­ven Pra­xis, dem Schrei­ben und der Psy­cho­ana­ly­se, wis­sen­schaft­li­che Stren­ge. Und wenn La­can zwar nicht von der Be­geg­nung zwi­schen Ma­the­ma­tik und Mys­tik träumt, so legt er doch dar, dass Mys­ti­ker, Män­ner wie Frau­en, et­was über das weib­li­che Ge­nies­sen mit­tei­len, was vie­le Frau­en so­gar in der Ana­ly­se eher ver­schwei­gen. (Sie­he sein Se­mi­nar „En­core“, S. 70, 71). Da auch er mit lo­gi­schen Mit­teln von die­sem Ge­nies­sen spricht, also die Struk­tur fand, die es stützt, kann er also selbst zu den Mys­ti­kern ge­rech­net wer­den. Ich hal­te also Mu­sils Werk für eine Re­fe­renz des psy­cho­ana­ly­ti­schen Dis­kur­ses, den La­can theo­re­tisch fass­te und dem er prak­tisch diente.

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