Franz Kaltenbeck: Die gesellschaftliche Verleugnung des Realen

bunuel-tagebuchTagebuch einer Kammerzofe, Regie: Luis Buñuel, Frankreich und Italien 1964
Drehbuch: Luis Buñuel und Jean-Claude Carrière nach dem gleichnamigen Roman von Octave Mirbeau

Bild: Célestine (Jeanne Moreau) und M. Rabour (Jean Ozenne)

Abstract (April 2016)

Das Reale der Gesellschaft äußert sich unter anderem in ihren Wertkrisen. Diese sollten nicht mit den gesellschaftlichen Konflikten verwechselt werden. Wertkrisen entstehen dann, wenn eine Gesellschaft für die Gefahren, die ihre das Leben erhaltenden Funktionen bedrohen, blind wird und die Menschen dann ihre Panik durch einstimmige Massenbewegungen auszuschalten versuchen. Zum Beispiel fürchtet die Mehrheit der Franzosen die Immigration der syrischen Kriegsflüchtlinge in ihr Land viel mehr als die immer realistischer werdende Prognose, dass nach den nächsten Wahlen der Front National an die Macht kommen könnte. Dieser drohende politische Umsturz macht nur einer Minderheit der Bevölkerung Angst.

Bestimmte Verbrechen wie Kinderschändung, Kindesmisshandlung und Kindesmord lösen in unserer Gesellschaft mit Recht Empörung aus. In Frankreich und Belgien werden nach solchen Untaten stille Protestmärsche veranstaltet. Die Schwurgerichtssäle sind bei den Prozessen gegen die Täter überfüllt. An diesen Reaktionen auf solche manchmal unsagbaren Taten befremdet aber, dass in mehreren Fällen die Gesellschaft zu dem Zeitpunkt die Augen schloss, als diese Verbrechen geschahen und manche ihrer Vertreter, wie Ärzte oder Schulpersonal, sogar zu Komplizen wurden. Die gesellschaftliche Verleugnung des Realen und den Widerspruch angesichts des Verbrechens werde ich auf der Basis meiner klinischen Arbeit in einem Gefängnis Nordfrankreichs untersuchen.

Vorbemerkung

„Wollen und Haben statt Denken und Handeln“
David Foster Wallace, Der bleiche König1

Zuerst darf ich Herrn Dr. Lutz Götzmann für seine Einladung hier her nach Segeberg, an diesen der Klinik gewidmeten Ort danken und Ihnen allen versichern, wie sehr ich es schätze zu und mit Ihnen zu sprechen.2

Mauro Bologninis Film Per le antiche scale (1975)3 spielt während der Diktatur Mussolinis im psychiatrischen Krankenhaus von Lucca. Seine Vorlage ist ein Roman mit gleichem Titel des Psychiaters Mario Tobino, der sich in den 1970er Jahren, als der Film gedreht wurde, gegen Franco Basaglias anti-asyläre Ideen und Maßnahmen wandte. Aber nicht wegen dieser vor einem halben Jahrhundert geführten Debatte erwähne ich Bologninis Film und auch nicht, weil der von Marcello Mastroianni gespielte Chefarzt Professor Bonaccorsi dem Wahn, den Virus der Schizophrenie gefunden zu haben, zum Opfer fällt. Vor seinem Zusammenbruch ist Bonaccorsi der Frauenheld seiner Anstalt, fast alle seine Ärztinnen und viele seiner Patientinnen sind in ihn verliebt. Ihm ergeben, dulden sie die Konkurrenz ihrer Rivalinnen. Ist Bonaccorsi aber tatsächlich ein Womanizer? Des Professors erotische Abenteuer werden auf eine Begegnung zwischen ihm und einer Dame namens Francesca verdichtet: Er streift  dabei einen von Francescas Seidenstrümpfen  behend von ihren Beinen und hält dann seine kostbare Trophäe gegen das Licht. Sein beschwingter Fetischismus stellt zwischen ihm und seiner Partnerin ein Einverständnis her, das den meisten erotischen Filmszenen fehlt, weil aus ihnen die Einsamkeit und der Schwermut jedes der beiden Partner trotz ihres sexuellen Genießens nicht weggedacht werden kann. Bolognini scheint Freud recht zu geben, der dem Fetischismus zugesteht, eine zugleich einfache und elegante Abwehr gegen die Kastrationsangst zu leisten.4

Von der Kastration glaubt man, alles schon zu wissen. Wie kommt es aber, dass Männer der Kastrationsdrohung mit so schlauen Dispositiven wie dem Fetisch auszuweichen vermögen, andere hingegen bis zur symbolischen, imaginären und selbst realen Zerstörung des weiblichen Objekts gehen, um mit ihrer Angst vor Frauen fertig zu werden? Hat nicht unlängst der Philosoph Peter Sloterdijk in einem „peinlichen“ Roman die Weiblichkeit auf dem Niveau von Herrenwitzen behandelt, als wolle er sich der Erotik selbst entledigen? Die Kastration als Sanktion gegen den Inzest sollte zumindest den Psychoanalytikern zu denken geben. Warum spielt bei vielen Männern das mütterliche Objekt in ihre Beziehungen zu Frauen hinein? Warum findet der Mensch zum Verbot, das den Inzest ahndet, einen dialektischen Zugang, nicht aber zu den Verboten anderer Arten des Genießens, die nicht vom Eros dominiert werden?

Nicht die Frage, ob sich psychoanalytische Begriffe auf die Krisen unserer westlichen  Gesellschaften  anwenden lassen, muss hier einleitend erörtert werden, sondern, ob die Begriffe, die man im Sinn hat, also z. B. jener der Verleugnung, auch die richtigen sind. Genügt dieser Begriff? Muss man ihn ersetzen, erweitern? Jedenfalls ging ich von ihm aus, als ich Dr. Götzmann im April den Titel und das Abstract dieses Vortrags schickte. Die Analytiker haben immer wieder Freuds Begriffe, wie z. B. „Libido“, „Objekt“, „Ichideal“ denjenigen hinzugefügt, welche die Soziologie oder die Ethnologie zur Beschreibung und Theorie gesellschaftlicher Strukturen –„Verwandtschaft“, „Kultur“, „Gesetz“, „Masse“, „Führer“ – eingeführt hatten. Im Laufe der Forschungsarbeit, die man anstellen muss, um sich in den gegenwärtigen Krisen unserer Gesellschaft zurechtzufinden, hat man es nötig, einen Begriff zu dekonstruieren, ihm andere hinzuzufügen, manchmal auch neue zu bilden. Nicht umsonst sprach Lacan als erster vom Freudschen Feld, womit er auch meinte, dass dieses Feld sich zwischen mehreren Begriffen ausdehnt. Was nun die Dekonstruktion betrifft, so wird sie immer von realen Problemen in Gang gesetzt, nicht vom Zerstörungswillen der Philosophen. Die Denker nach Heidegger waren ja sehr produktiv, wenn es um das Schaffen neuer Begriffe ging – sogar Lacan, der  sich doch damit beschied, nur eine Erfindung als die seine auszugeben, die des Objekts a. Da Lacan neben seiner Ausbildung als Psychiater und als Psychoanalytiker auch Kojèves Vorlesung zur Phänomenologie des Geistes hörte, muss jeder seiner Leser zumindest diese eine Voraussetzung Hegels akzeptieren: Wenn sich ein Begriff für die Durchdringung eines Phänomens als zu einfach erweist, braucht man ihn deswegen nicht wegzuwerfen. Er war nämlich das Instrument, das uns die Komplexität des Phänomens erst hat erkennen lassen. In unserem Fall stieß mich die Freud’sche Verleugnung auf die befremdende Feststellung, dass wir, sprechende Wesen, uns so oft von dem abbringen lassen, was wir doch für wahr hielten, ja sogar wahrnahmen.

Wir haben es heute nicht nur mit der Verleugnung zu tun, sondern in einem weit höheren Grad mit der Missachtung der Wahrheit, selbst dann, wenn diese mit Tatsachen belegt ist. Diese Missachtung scheint die Funktion zu haben, einem „Umwerfen des Spieltisches“ der Demokratie den Weg frei zu machen. Man könnte zu diesen Abwendungen von verbindlicher Kommunikation noch die falschen Analysen und Theorien rechnen, die man so leichtfertig zu ernsten Fragen wie denen des Terrorismus aufstellt. Der seltsame Erfolg des Wortes „Radikalisierung“ zur Erklärung der terroristischen Handlungen jugendlicher Täter wäre da ein Beispiel.5

Was ist nun „Verleugnung“?

Dieser Begriff taucht in Freuds Artikel „Fetischismus“, 1927, auf. Freud reiht den Fetischismus unter die Perversionen ein. Er wird von denen, die ihn praktizieren, nicht als „Leidenssymptom“ empfunden, spielt in der Analyse also die „Rolle eines Nebenbefundes“. Freud gibt zuerst das Beispiel des „Glanzes auf der Nase“. Eine Nase, die glänzt, dient hier als Fetisch. Das Beispiel ist insofern subtil, ja glänzend, als Freud es aus der Kindheit seines Patienten herleitet, die dieser in England verbrachte, wo er von einer englischen Kinderfrau betreut wurde. Sein Fetisch kam vom englischen a glance at the nose (ein Blick auf die Nase), hatte seine Wurzeln in der Sprache seiner Kinderstube, in seiner Muttersprache, die er, nachdem er nach Deutschland gekommen war, fast vergessen hatte. Der Ausdruck wurde also von ihm falsch übersetzt  –  „ein Glanz auf der Nase“: „die Nase war also der Fetisch, dem er übrigens nach seinem Belieben jenes besondere Glanzlicht verlieh, das andere nicht wahrnehmen konnten“. Ein gutes Beispiel für das, worauf Freud bestand: der Fetisch entsteht aus einer Verschiebung, d. h. aus einem rein linguistischen Vorgang. Er geht als Objekt aus diesem Vorgang der Verschiebung hervor, als ein „metonymisches Objekt“6. Er ist eine Metonymie und zugleich etwas mehr, ein Schein, der das Begehren des Subjekts verursacht, ohne es mit der Kastration zu ängstigen. Dass er aus einer Metonymie stammt und zugleich einer Gefahr Einhalt gebietet, ergibt sich auch aus dem Vergleich, den Freud zwischen dem letzten Anhalten der Erinnerung vor der traumatischen Szene und dem Fetisch zieht.7

Wozu dient aber der Fetisch? „…der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der Mutter), an den das Knäblein geglaubt hat und auf den es – wir wissen warum – nicht verzichten will“. Es will darauf nicht verzichten, weil der der Mutter angedichtete Phallus ihm erlaubt, nicht an seine eigene Kastration zu glauben, da er doch den Phallusmangel der Mutter dann nicht wahrnimmt, wenn er sie mittels eines Fetischs mit einem Phallus-Eratz ausstattet. Für das Nicht-Sehen des Penismangels bei weiblichen Wesen erwägt Freud auch das von Laforgue eingeführte Wort „Skotomisation“, lehnt es aber schließlich ab, „denn es weckt die Idee, als wäre die Wahrnehmung glatt weggewischt worden, so daß das Ergebnis dasselbe wäre, wie wenn ein Gesichtseindruck auf den blinden Fleck der Netzhaut fiele“8.

Die Skotomisierung ist für Freud hier ein unnützer Begriff, denn sie wäre dasselbe wie eine Verdrängung, welche die unangenehmen Affekte, die an eine Vorstellung gebunden sind, ins Unbewusste schafft. Wenn das Subjekt jedoch nur die Vorstellung nicht wahrnehmen will, gibt er dem Vorgang einen anderen Begriff: den der Verleugnung. Dabei sagt er aber nicht, dass er denselben Vorgang in einem rein diskursiven, logischen Zusammenhang schon als „Verneinung“ bezeichnet hatte (im gleichnamigen Aufsatz von 1925).9

Die Verleugnung ist keine so einfache logische Operation. Vielleicht besteht darin ihr materieller Unterschied zur Verneinung. Die Wahrnehmung des Phallusmangels wird nicht einfach weggewischt. Freud schreibt, dass „daß eine sehr energische Aktion10 unternommen wurde, ihre Verleugnung aufrechtzuhalten“11. Woher kommt dieser Energieaufwand? Aus der Tatsache, dass das Kind gar nicht ganz daran glaubt, dass die Mutter den Phallus hat. Es hat sich seinen „Glauben bewahrt, aber auch aufgegeben“12. So kam es zu einem Kompromiss. Das Kind glaubt nun, dass die Mutter einen Phallus hat, aber es ist nicht mehr derselbe, den es gesehen zu haben meinte. Es ist ein Ersatz. Sie bemerken, dass es da ein Zeitintervall zwischen der Verleugnung des Mangels und der Schaffung des Fetischs gibt. Und außerdem hat es durch die stattgefundene Verdrängung ein stigma indelebile erworben. Als Fetischist wird das groß gewordene Kind sich vom weiblichen Genitale auf unbegrenzte Dauer entfremden. Der Fetisch wird ihm erlauben, über die Kastration zu triumphieren, und dazu erspart er es sich auch, die Homosexualität zu wählen. Der Fetisch gehört ihm allein, seine Fetisch-Bedeutung wird von einem anderen nicht erkannt.13 Die Sexualbefriedigung lässt sich mit ihm leicht erzielen, sie wird ihm nicht verweigert. Er muss nicht um die Gunst des Fetischs werben. Freud erklärt danach, welche Objekte – Fuß oder Schuh; Kleidungsstücke, Pelz oder Samt, die auf den Anblick der Genitalbehaarung anspielen – für die Funktion des Fetischs gewählt werden.

Danach stellt Freud die Perversion des Fetischismus in einen differential-klinischen Zusammenhang. Er hatte den Unterschied zwischen Neurose und Psychose damit erklärt, dass bei der Neurose das Ich ein Stück des Es zu Gunsten der Realität unterdrücke, während das Ich sich bei der Psychose „vom Es fortreißen lasse, sich von einem Stück der Realität zu lösen“14.

Die Behandlung zweier junger Männer, die in ihren frühen Jahren ihren Vater verloren hatten, belehrte ihn aber eines Besseren. Sie beide hatten, im zehnten bzw. im zweiten Lebensjahr, den Tod ihres geliebten Vaters nicht zur Kenntnis genommen. Freud sagt, sie hätten dieses Ereignis „skotomisiert“, nimmt aber diesen Terminus zurück. Da er nicht von Verdrängung spricht, darf man annehmen, dass diese Nicht-Anerkennung ihm als etwas Einschneidenderes als eine Verdrängung vorkam. Er sagt aber nicht „Verwerfung“ wie im Falle des Wolfsmannes15, sondern nennt das Nicht-Anerkennen dieses Ereignisses eine Verleugnung, die jener des Fetischisten nach Wahrnehmung des Phallusmangels der Frau entspricht.

Und dennoch ist keiner der beiden jungen Männer psychotisch geworden, obwohl der Anlass zur Psychose hätte führen können.

Beide Männer hatten es mit zwei Strömungen in ihrer Subjektivität zu tun. Die eine, die realitätsgerechte, erkannte den Tod des Vaters an, die andere, die wunschgerechte, nicht. So war es bei beiden zu einer Spaltung gekommen, aber ihre Ichspaltungen hatten unterschiedliche Konsequenzen. Der eine wurde zu einem Zwangsneurotiker, der in allen schwierigen Lagen zweifelte, ob der Vater wirklich tot war. Der andere fühlte sich als dessen legitimer Nachfolger.

Auch beim Fetischismus gebe es  eine „zwiespältige Einstellung“ des Fetischisten „zur Kastration des Weibes“16, die besagt, dass das Weib kastriert und nicht kastriert sei. Die Zwiespältigkeit äußerte sich manchmal in der Wahl eines Kleidungsstückes, eines Schamgürtels, bei dem das Genitale seines Trägers verdeckt blieb. So war es nicht möglich zu wissen, ob die Frau oder auch der Mann, die ihn trugen, kastriert waren oder nicht.

Freud war auch die Ambivalenz nicht entgangen, die der Fetischist seinem Fetisch gegenüber zeigt: Zärtlichkeit oder Ablehnung, je nach Verleugnung oder Anerkennung der Kastration.

Der Fetisch kann also dabei helfen, die Kastration zu verleugnen, sie aber zugleich auch anzuerkennen. Er passt sich damit der Ambiguität der Verleugnung selbst an, die nie rein oder total sein kann, sondern den Mangel des Phallus immer zum Teil auch anerkennt.

In seiner Schrift Kant mit Sade zitiert Lacan die Antigone des Sophokles, Vers 781, wo Eros als „unbesiegt im Kampf“ vom Chor gefeiert wird.17 Eros oder der Sexualtrieb, wie die Psychoanalyse ihn auch viel plumper nennt, zwingt sowohl die Kastration als auch die logischen und klinischen Operationen, die sie verleugnen und doch zugleich anerkennen, zu einem subtilen Spiel.

Wegen der Ambiguität, die in der Verleugnung aufrecht erhalten bleibt, kann die psychoanalytische Verleugnung nicht so ohne weiteres auf Situationen angewendet werden, wo ein Stück Realität geleugnet wird, auf das Eros gar keinen Anspruch erhebt oder das schon dem Todestrieb anheimfiel.

Kindesmisshandlung und Mord

Schwere Kindesmisshandlungen werden oft von der Umgebung des Opfers und oft auch von den Vertretern der Gesellschaft (Schulpersonal, Erziehern, ja sogar Ärzten) verleugnet. Und hier ist der Freud’sche Begriff trotz der Fürchterlichkeit des Verbrechens angebracht. Warum? Eltern lieben ihr Kind, aber es kann ihnen die Liebe zu ihrem Kind auch fehlen. Das Kind hat für sie einen phallischen Wert. Er wirkt auf ihre Sensibilität und mobilisiert ihr Begehren, das sich ja in ihrem Sprechen und in ihrem Schweigen artikuliert. Ein Kind kann zum Objekt des Begehrens seiner Eltern werden, aber auch zum Objekt ihres Sadismus.

Olga S. sprach mit mir während der drei Jahre, die ihre Untersuchungshaft dauerte,  über die Folter, die Agonie und den Tod ihres fünfjährigen Sohnes Louis. Sie war als die Komplizin ihres Lebensgefährten angeklagt, der diese Verbrechen oft in ihrer Gegenwart beging, ohne dass sie dagegen eingeschritten wäre. Sie unterließ es, zur Polizei zu gehen oder den Rettungsdienst für das schon lebensgefährlich verletzte Kind anzurufen. Einmal brachte sie den schwer leidenden Jungen zu ihrem Hausarzt, der seine Wunden gar nicht ansah und ihn auch nicht hospitalisierte. Ihre Eltern begnügten sich mit ein paar Bemerkungen zu dem geschwollenen Gesicht ihres Enkels. Als Olga S., ihr Lebensgefähret Basil C. und Louis einmal auf der Straße eine Bekannte trafen, fragte diese den Kleinen, wer ihn so zugerichtet habe. Louis sah seinen Folterknecht an, ohne ihn anzuklagen, und antwortete ihr nur, er habe es sich nicht selbst angetan. Das sagte er, weil seine Mutter immer und überall erklärte, er verletze sich selbst, so verrückt sei er. Olga S. war, was man eine starke Persönlichkeit, also eine Paranoikerin, nennt. Auch ihre Bekannte glaubte ihr und nicht dem Opfer. Louis war also vollkommen allein. Selbst die Schule begnügte sich mit den Erklärungen der Mutter und leitete keine Untersuchung wegen seiner wochenlangen Abwesenheit ein. Die Nachbarn wussten vielleicht, was geschah, sahen jedoch zugleich nichts. Das verletzte Kind war einfach für seine Nahestehenden und die Verantwortlichen der Gesellschaft nicht mehr des Schutzes würdig. Alle konnten seine Stigmen sehen, niemand nahm sie wahr.

Louis ist nicht das einzige kindliche Opfer, dessen Schicksal mir mitgeteilt wurde. Fast unmittelbar nach dem Prozess von Olga S. kam Ingrid F., ebenfalls während einer dreijährigen Untersuchungshaft, in meine Sprechstunde. Sie hatte ihre siebenjährige Tochter erschlagen. Auch dieses Kind war von allen Radarschirmen der Gesellschaft verschwunden. Das Kind ist ein begehrtes Wesen, wird es aber einmal verstoßen, schließen vor seinem Schicksal fast alle die Augen.

Von der Verleugnung zum falschen Akt

Nun möchte ich zu politischen Gefahren kommen, welche wir oder unsere Eltern – in meinem Fall zumindest – nicht wahrhaben woll(t)en. Die erste liegt für Europa, aber auch für die Vereinigten Staaten, in naher Zukunft, die zweite im vorigen Jahrhundert. Aber kann man bei ihnen noch mit dem Begriff der Verleugnung arbeiten, wie das z. B. der französische Journalist Alain Duhamel tut?18 Das werden wir gleich sehen. Dass diese beiden Gefahren die Psychoanalyse angehen, ebenso.

Um mich sofort verständlich zu machen, möchte ich Ihnen gleich etwas aus einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den amerikanischen Wahlkampf erzählen. Der Journalist berichtet aus einer Gegend Pennsylvaniens mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Dort, wo er war, verehrt man den republikanischen Kandidaten. Ein Gebrauchtwagenhändler behauptet, dass alle Sender über ihn nur lögen, um auf ihn einzudreschen. „Ich glaube ihm, dass er wirklich etwas für Amerika tun will. Trump sagt uns die Wahrheit.“

Darauf der Journalist:

„‚Wirklich? Und was ist mit Trumps Märchengeschichte über Tausende Muslime, die auf den Straßen von Jersey City am 11. September 2001 die Anschläge gefeiert haben sollen? Oder mit seiner Lüge, er sei immer gegen den Irak-Einmarsch und die Libyen-Intervention gewesen?‘ ‚Das ist doch total egal‘, schreit Kokinda (ein Kunde) dazwischen. ‚Glaubst du, so ein Kleinkram schert irgendwen in der arbeitenden Bevölkerung?‘ Terracino ist sich keineswegs sicher, dass Trump es als Präsident schaffen könnte, Amerika auf neuen Kurs zu lenken. ‚Aber was haben wir zu verlieren?‘“19

Es geht diesen Leuten offenbar nicht mehr darum, die Wahrheit zu erfahren. Sie wollen eher das „System“, wie man in rechts-extremistischen Kreisen Frankreichs sagt, umstoßen. Sie haben eine wahnsinnige Lust, den Kartentisch umzuwerfen. Eine Revolte also, eine Revolte von weit rechts.

Wie Sie wissen, werden die Franzosen im Mai nächsten Jahres ihren Präsidenten und vier Wochen später auch ihr Parlament, die Nationalversammlung, neu wählen. Bei diesen Wahlen läuft nicht nur Frankreich sondern auch die Europäische Union (EU) Gefahr, dass die Franzosen die Präsidentschaftskandidatin des Front National (FN), derzeit schon stärkste Partei des Landes, an die Spitze des Landes wählen und ihr danach eine Mehrheit in der Nationalversammlung geben.20 Man kann daran zweifeln, dass alle Wähler sich darüber im Klaren sind, was sie damit ihrem Land und der EU antuen könnten. Kein Zweifel besteht jedoch, dass heute jeder die Konsequenzen seiner Wahl erfassen kann, wenn er das will. Die Frage ist nur: 1) will er wissen, was geschehen wird, wenn Marine Le Pen an die Macht kommt? 2) Will er, dass Marine Le Pen ihr Wahlprogramm verwirklicht und damit das Land und einen Teil der europäischen Wirtschaft ruiniert? Diese beiden Fragen, das werden Sie mir vielleicht konzedieren, interessieren den Bürger aber auch den Psychoanalytiker.

Demagogie durch Widersprüchlichkeit, so lässt sich das Programm des FN charakterisieren, das neulich von einem jungen bretonischen Politiker der klassischen Rechten kritisch untersucht wurde.21 Maël de Calan siedelt die Wirtschaftspolitik des FN links von der des Deutschenhassers Jean-Luc Mélanchon an. Der FN will zugleich die Mindestlöhne um 200 Euro anheben, die 35-Stunden-Woche beibehalten und dennoch die Unternehmen stärken, er will den Arbeiter unterstützen aber auch den Arbeitsgeber. Und das alles bei einer Senkung der Arbeitskosten. Die Lohn- und Preispolitik wird wie in den guten alten Zeiten vom Staat festgelegt. Wenn es eine Schwierigkeit dabei zu erklären gibt, winkt Frau Le Pen ab, nach dem Motto des Kardinal Retz: „Man verlässt die Zweideutigkeit nur zu seinem eigenen Schaden.“ Frau Le Pen will aus dem Euro aussteigen und ihre europäischen Partner dazu überreden, das gleiche zu tun, die dann ihre wiedereingeführte National-Währung abwerten müssten, um die Wettbeberbsfähigkeit ihrer Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Sie lässt offen, ob sie Frankreich auch von der EU verabschieden wird. Mit Merkels Deutschland will sie jedenfalls nicht mehr viel zu tun haben, wohl aber mit Putins Russland. Die schon beträchtliche Staatsschuld und die budgetären Defizite werden unter Marine Le Pens Regierung explodieren. Zur Bekämpfung des Terrorismus hat der FN so gut wie keinen Vorschlag. Er schiebt  den Terror den bisherigen Regierungsparteien in die Schuhe, vor allem ihrer laxen Politik gegenüber der Immigration. Die international festgelegten Anti-Terror-Maßnahmen, z. B. die Überwachung der Dschihadisten im Internet oder den Passenger Name Record für den Flugverkehr, lehnen die „Patrioten“ ab. Die Immigranten, sprich die Schwarzen und die Araber, sind die idealen Sündenböcke für alles: sie lassen die Unsicherheit aufflammen, begehen die meisten Verbrechen, nehmen den Franzosen die Arbeitsplätze weg, melden sich aber zugleich arbeitslos und brauchen das Gesundheitsbudget auf. Der FN peilt also die Null-Immigration an, was für Frankreich ein wirtschaftlicher „Selbstmord“ wäre. Marine Le Pen will auch alle Fremden ohne Papiere ausweisen, also eine Massen-Deportation. Der FN kann sich dabei auf den Wahn Renaud Camus’, eines rechts-extremistischen Schriftstellers, stützen, der behauptet, die bodenständige französische Bevölkerung werde seit Jahren bewusst durch Maghrebiner und Schwarze „ausgetauscht“. Das führe zu einem Identitätsverlust. Ein anderer Intellektueller hieb in dieselbe Kerbe. Deren Theorien müssen seit Angela Merkels Tat vom Sommer 2015 nicht nur als fremdenfeindlich sondern auch als äußerst einfallslos bezeichnet werden. Sie spiegeln den Tiefstand der französischen Politik wieder. Soweit das Wahlprogramm Marine Le Pens, wie es von De Calan gut analysiert wurde.

Der Soziologe Michel Wieviorka schrieb eine Fiktion über die sieben Monate nach der Machtergreifung Marine Le Pens.22 Er sagt unter anderem voraus, Marine Le Pen werde in der Nationalversammlung nicht mit ihrer eigenen Partei allein regieren können. Sie holt die Souverainisten in ihr Kabinett, aber das genügt auch nicht. So appelliert sie an die „Republikaner“, also an die demokratische Rechte. Das an gewisse weit rechts stehende Persönlichkeiten dieser Partei gerichtetes Angebot, in ihre Regierung einzutreten, führt zum Zerfall der „Republikaner“. Die Politiker, die ihr Angebot annehmen, gründen eine neue nationalistische Partei. Das hat zur Folge, dass die beiden großen demokratischen Parteien nicht mehr als Mehrheitsparteien existieren. Die Republikaner aufgrund der genannten Spaltung, die Sozialisten, weil ihr Stimmenanteil auf zwölf Prozent fallen werde und auch sie sich spalten dürften. So wird es in Frankreich, gemäß dieser Fiktion, nurmehr eine nationalistische Partei und den FN, den man faschistisch nennen kann, geben, die vorläufig auf die Macht Anspruch erheben können.

Es wäre also kaum angebracht, für diese Situation den Begriff der Verleugnung zu wählen. Die Politiker dürften das Programm des FN gelesen, die Leute davon gehört haben. Sicher wurde es nur von wenigen so auf all seine katastrophalen Konsequenzen hin durchleuchtet, wie das De Calan getan hat. Er sagt voraus, dass der FN, käme er an die Macht, das zweitgrößte Land Europas ruinieren würde. Das Elend, das auf die Bevölkerung zukäme, wäre um ein Vielfaches schlimmer als das, woran sie schon leidet und aufgrund dessen sie diese Partei an die Macht bringen könnte. 27,9 Prozent, also 6 Millionen, haben im vorigen Jahr dieser Partei bereits ihre Stimmen gegeben. Daher die Sorge, dass nächstes Jahr noch viel mehr dazu kommen könnten.

Was heißt das nun? Die Mehrheit eines für das Niveau seiner Zivilisation geschätzten Landes könnte nicht nur eine Partei wählen, die eindeutig den Rassismus auf ihre Fahnen geschrieben hat, sondern die das Land auch in einen sozialen und wirtschaftlichen Abgrund stürzen würde. Die moralischen Urteile helfen aber bekanntlich nur dazu, eine noch stärkere Wut hervorzurufen.

Für einen Psychoanalytiker wäre es nun ziemlich plausibel, von einem sozio-ökonomischen Selbstmord unter dem Diktat des Destruktionstriebes zu sprechen. Aber auch diese Begriffsanwendung bliebe bloßes Pathos. Merken wir nur an, dass der FN die zum Regieren notwendige Mehrheit noch nie erreicht hat. Er dürfte sie auch dieses Mal (knapp) verfehlen, was natürlich nicht sicher ist.23

Das macht aber das augenblickliche Wählerverhalten nicht weniger gefährlich. Die reale Situation der französischen Politik sieht nun so aus: Die Linke hat sich aufgelöst, wenn man voraussehen kann, dass die sozialistische Partei zu einer kleinen oppositionellen Partei schrumpfen und die extreme Linke nurmehr als eine Anzahl von Splittergruppen vegetieren wird. Auf der Rechten gibt es zwar zwei regierungstüchtige Kandidaten, aber einer davon, Sarkozy, kann als Ex-Präsident keine glorreiche Bilanz vorweisen und hat noch mehrere Strafverfahren am Hals. Das macht die Wahl für viele völlig uninteressant.

Daher die Versuchung der Wutbürger, auf demokratischem Weg den Spieltisch umzuwerfen und einer Partei mit Gewaltpotential die Macht zu geben, hat sie doch den bisher Benachteiligten, die vielleicht nie mehr in das Wirtschaftsleben eingebunden werden können, ein dezentes Existenzminimum versprochen. Man könnte das eine von der Kombination zwischen den desaströsen Zuständen im Land und den demokratischen Möglichkeiten induzierte Revolution von rechts nennen, die nur die eine Perspektive hat: die Umverteilung zu bewirken, die wegen des Ausbleibens des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht stattfinden konnte.

Ich würde das einen „falschen Akt“ nennen, wobei ich „Akt“ hier im Sinne Lacans24 gebrauche. Für Lacan war Cäsars Überschreiten des Rubikons ein (politischer) Akt. Was die Wähler Frankreichs im nächsten Jahr anrichten könnten, wäre ein „falscher Akt“, weil sie die Konsequenzen dieses Akts zwar kennen, sie aber nicht zu tragen bereit sind. Diese Konsequenzen würden dann zu Lasten der noch Ärmeren gehen, der Immigranten, der Ausländer, der sans papiers, der Obdachlosen, der Ausgestoßenen. Der amerikanische Politikwissenschaftler Robert B. Reich sagt zur heutigen Situation Amerikas: „Es gibt auch eine dunkle Seite der amerikanischen Persönlichkeit, die bislang aber nie dominiert hat: andere zum Sündenbock zu machen. Darauf setzt Donald Trump.“25

Es braucht noch einen weiteren Begriff, um die Situation auszuleuchten: den des „Nicht-Akts“. Der Akt fehlt auf der Seite der politischen Klasse und jener der Intellektuellen. Die klassischen Parteien haben die Lage des Landes verstanden, auch wenn sie ganz oberflächlichen Befunden anhängen, aber sie glauben, durch politische Manöver die zum Teil von ihnen selbst induzierte Revolution von rechts verhindern zu können. Sie knüpfen z. B. Allianzen mit dem FN in der Hoffnung, ihn dann in der Umarmung zu ersticken oder ihn dazu zu bringen, Wasser in seinen Wein zu gießen. Lacan sagte, der Analytiker scheue den Akt. Im Frankreich unserer Jahre gilt das vielleicht noch mehr vom Politiker, dessen Sprechen keine wirksame Kraft mehr hat, um zur Tat zu werden. Seine Rede wird nicht mehr gehört und bleibt wirkungslos.

Was nun die Intellektuellen betrifft, so muss man leider feststellen, dass heute viele von ihnen sehr vorsichtig, ja abwesend sind, wenn es sich darum handelt, den FN zu bekämpfen. Einige von ihnen paktieren sogar ideologisch mit Marine Le Pen. Ihre Theorien sind einfallslose Verlegenheitslösungen. Mehrere von ihnen, mit denen ich manchmal diskutiere, glauben überhaupt nicht an eine Machtergreifung durch den FN.26 Hoffentlich haben sie recht!

„Davon haben wir nichts gewusst“

Der Hellenist Jean Bollack, ein Freund und Exeget Paul Celans – er lehrte in Lille, kam aber oft nach Deutschland – bestand mehrere Male darauf, dass sich viele Menschen in Europa eigentlich erst ab den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der Shoah ernsthaft und wissenschaftlich auseinanderzusetzen begannen. Das heißt natürlich nicht, dass die Vernichtung der europäischen Juden27 die Menschen nicht schon viel früher affiziert hätte. Überlebende Juden, wie der Dichter Paul Celan oder die Psychoanalytikerin Anne-Lise Stern, kämpften natürlich, jeder auf seine Art, gegen die damalige Verdrängung des Geschehenen.

Im Österreich der Nachkriegs-Zeit war das, was ein paar Jahre vorher stattgefunden hatte, völlig tabu. Niemand sprach darüber, weder die Erwachsenen, die Zeugen von Deportationen waren, noch die Lehrer. Nach dem Krieg gab es nur die Wochenschauen und die (deutschen) „Illustrierten“, in denen ein Kind damals die Photos der befreiten KZs und der Todeslager sah. Es gab nicht den geringsten Geschichtsunterricht zu dem Verbrechen. Was da vor sich ging, war nichts anderes als Verdrängung in actu, und diese lief auf Hochtouren.28 Aber wie Sie wissen, ist Verdrängung auch die Wiederkehr des Verdrängten – als Symptom. Nur gab es in Österreich dafür keine Worte, keine Rede, kein Wissen.

Paul Celan schrieb Gedichte, aus denen er alles Dichterhandwerk wegließ, das er dennoch wie kein anderer besaß. Damit forderte er die Schriftsteller der Gruppe 47 heraus, die davon überzeugt waren, mit dem Problem des Holocausts schon ins Reine gekommen zu sein. In den falschen Plagiatsanschuldigungen der Witwe Groll gegen ihn stellten sich nur wenige auf seine Seite. Dass er seine Eltern in Lagern verloren hatte, war ihnen egal.

„Davon haben wir nichts gewusst“: unter diesem Titel erschien vor zehn Jahren ein Buch von Peter Longerich. Der Autor setzte die Behauptung des enschuldigenden Nicht-Wissens in Anführungszeichen.29 Der Satz sagt ohne Zweifel das Falsche, bis auf ein Detail, dem Longerich am Ende seines Buches einige Seiten widmet, ohne es auszuarbeiten. Dieses Detail ist mehr als unheimlich, es könnte ein Schlüsselmoment des Unerträglichen, des „allzu Realen“ (Lacan) der ganzen „Endlösung“  sein. Und dabei haben wir es sicher nicht mit einer Verleugnung zu tun, sondern mit dem Versuch einer Auslöschung des Wissens.

Longerich untersucht also, was man aus den heute noch verfügbaren Quellen und Dokumenten und den inzwischen angesammelten Forschungen über die Einstellung der Deutschen zur Verfolgung und Vernichtung, vor allem also zur „Endlösung der Judenfage“ zwischen 1933 und 1945 erfahren und wissen kann. Welche Haltung nahm die Bevölkerung zur sogenannten „Judenfrage“ ein? War sie eher passiv oder aggressiv antisemitisch? Er stößt schnell auf eine grundlegende Schwierigkeit: In einer Diktatur wie dem Hitler-Staat gibt es nicht die Öffentlichkeit im Sinne von Habermas. Die Leute sagen nur im Kreis ihrer engsten Vertrauten, aber auch den Verfolgten gegenüber, die sie nicht denunzieren würden, was sie denken. Daher waren ausländische Beobachter oder solche, die der verbotenen sozialdemokratishen Partei entstammten, wichtige Quellen.

Das Verhalten der Bevölkerung lässt sich natürlich am Leichtesten beschreiben. So zeigt Longerich z. B., dass die Boykottaktionen der NSDAP gegen die jüdischen Geschäfte nur unter den Anhägern der Partei Zustimmung fanden und das so lange, als es jüdische Geschäfte noch gab. Immer eindringlicher macht Longerich seinem Leser klar, dass für die Nazi-Eliten die „Judenfrage“ „der Schlüssel zur Lösung der wesentlichen Probleme des ‚Dritten Reiches‘“30 war. Je mehr man sich dem Ende des Krieges nähert, umso deutlicher wird es, dass Hitler durch diesen Krieg vor allem die Juden bekämpfte und in einer Art Projektion sogar annahm, dass sie den Krieg angezettelt hätten. Er konnte sich dabei außer auf seinen eigenen Wahnsinn auch auf den Chefideologen Alfred Rosenberg berufen, der im Völkischen Beobachter behauptet hatte, die jüdischen Politiker Léon Blum (Frankreich), Maxim Maximowitsch Litwinow (UdSSR) und Leslie Hore-Belisha (Großbritannien) „hätten sich zur Vernichtung Deutschlands zusammen geschlossen“31. Natürlich vermutete Hitler und seine Parteipresse auch, dass Georg Elsers Attentat vom 8. November 1939 auf ihn jüdischen Hintermännern zur Last gelegt werde müsste.

Ab 1940 fanden die ersten wenigen Deportationen jüdischer Menschen statt, die „von der Propaganda nicht thematisiert wurden, aber der Bevölkerung offenbar nicht vollkommen verborgen blieben“32. Im September 1941 machte sich Goebbels stark dafür, den Judenstern als „Abzeichen“ der noch in Deutschland lebenden Juden durchzusetzen. Die nicht-jüdische Bevölkerung tat lange so, als ob sie den gelben Stern gar nicht sehe. Es gab manchmal sogar diskrete Solidaridäts-Kundgebungen, bis der von der Idee, Berlin „judenrein“ zu  bekommen, besessene Goebbels der Bevölkerung jeden Kontakt mit Juden verbot. Dennoch fanden manche der ausgehungerten Opfer Nahrungsmittel vor ihren Türen.

Ab Herbst wurden die Massenverschleppungen der Juden bekannt und waren offenbar unpopulär. Daher sparte Goebbels die Deportationen aus seinen Propagandakampagnen aus. Die Deutschen konnten trotzdem von den Deportationen aus der Presse erfahren. Zudem kam Hitler immer wieder in seinen Reden auf seine „Prophezeiung“ zu Kriegsbeginn zurück, die Juden würden vernichtet werden, sollte sich der Krieg wieder zu einem Weltkrieg ausweiten. Damit spielte er natürlich auf den Kriegseintritt der Amerikaner an. Die Deportationen und die „Lösung“ der „Judenfrage“ waren also kein Geheimnis. Die militärischen Rückschläge in Russland, vor allem die Niederlage vor Stalingrad, brachte die Führung immer mehr dazu, den Juden die Schuld am Krieg zu geben und den Krieg selbst in einen Krieg gegen die Juden umzumünzen. (Es war fortan für sie einfacher, hunderttausende Wehrlose umzubringen, als auf den russischen Schlachtfeldern Erfolge zu erzielen.)

Von einem Nicht-Wissen über die Endlösung kann also keine Rede sein. Kaum bekannt waren allerdings die Existenz und die Lokalisierungen der Todeslager.33 Die Bevölkerung glaubte, die Ermordung durch Gas fände in Waggons und Tunnels statt. Die Nachrichten über die Erschießungen durch die Einsatzgruppen wurden von den heimgekehrten Soldaten der Wehrmacht verbreitet. Und doch gab es bei all dem einen „unheimlichen“ äußerst düsteren Moment der Geschichte, der das Wissen wieder in Unwissen zurückführte:

Im Jahr 1942 „radikalisierte“ Hitler seine Sprachregelung noch um einen Grad: Er sprach nicht mehr von „Vernichtung“, sondern verwendete das Verb „ausrotten“. Seine Reden enthielten immer mehr „massive Bedrohungen“34 der Juden. Das „Wie“ der Ausrottung wurde jedoch offengelassen, schreibt Longerich. Ein beharrliches vielsagendes und unheimliches Schweigen machte sich breit. Die Propaganda wandelte den Krieg in einen „Rassenkrieg“ zwischen Deutschen und Juden um. Es  gehe um das Sein oder Nicht-Sein der Deutschen, behaupteten Goebbels und Hitler.

Die Bevölkerung bekam immer mehr Informationen aus dem Ausland über das, was mit den Juden geschah. Aber auch die Führung gab das als eine Kriegstat ausgegebene Verbrechen zu.

Goebbels erfand den „totalen Krieg“ und die Parole „Kraft durch Furcht“. Sollten die Deutschen den Krieg nicht gewinnen, wären sie es, die – wie die europäischen Juden – ausgerottet würden. Von dieser Angstmache erwartete sich die Führung eine verzweifelte Kriegsanstrengung „ihres“ Volkes. Zugleich wurde die Bevölkerung zum Mitwisser und Komplizen des ungeheuren Verbrechens gemacht. „Sieg oder Untergang“ war nun die Parole.

Hitler hatte schon früh den Wahn entwickelt, mit dem Deutschen Volk mystisch vereint zu sein. Die Führung zog aus diesem Wahn die Konsequenz, als sie die Deutschen in das Verbrechen einweihte und so zu ihrem Mitwisser machen wollte.

Doch das ging der Bevölkerung zu weit! Longerich schreibt: „Je wahrscheinlicher diese Niederlage (im Krieg gegen die mächtige Koalition der Engländer, Amerikaner und Russen) wurde, desto größer war das Bedürfnis, sich dem Wissen über das offensichtlich vor sich gehende Verbrechen zu entziehen und sich in ostentative Ahnungslosigkeit zu flüchten. Diese Tendenz, die Hoffnung, dass die allgemeine Bevölkerung im Falle einer Niederlage nicht für den Mord an den Juden zur Rechenschaft gezogen werden würde, verstärkte sich noch, nachdem das Regime seine ‚Kraft-durch-Furcht-Propaganda‘ Mitte 1943 als weitgehend kontraproduktiv erkannt und aufgegeben hatte“. Fazit: „ein Mantel des Schweigens (wurde) über die ‚Endlösung‘ ausgebreitet“35. Auch ein „Nicht-Wissen-Wollen und Nicht-Begreifen-Können“36.

Was Longerich mit diesem historischen Moment der Wirkung eines falschen Kalküls der Hitler-Führung herausgearbeitet hat, scheint nichts anderes als eine Verdrängung im Sinne von Freuds zweiter Theorie zu diesem Begriff in Hemmung, Symptom und Angst (1926) zu sein37: nicht die Verdrängung erzeugt Angst, sondern die Angst verursacht Verdrängung. In diesem Fall die Angst vor der rächenden Macht der siegreichen Allierten. In manchen Fällen dürfte es sich sogar um die Verwerfung dieses Wissens gehandelt haben, wie das die Straffreiheit zahlreicher Nazi-Täter nahelegt. Vielleicht sollte man da von einer „Auslöschung des Wissens“ sprechen.

Denn das Vergessen des furchtbaren Wissens sollte doch nur ganz kurz dauern, so kurz wie die Wochen nach der scheiternden Kampagne „Kraft durch Furcht“. Im Gegenteil! Das an die Stelle des Wissens getretene Nicht-Wissen dauerte viele Jahre an, in der Nachkriegszeit – und eigentlich bis zum Augenblick, als Hilberg, die deutsche und die englisch-sprechende Holcaust-Forschung diese finstere Zeit zu durchleuchten begannen.

Mit unseren analytischen Instrumenten können wir sagen, dass den Deutschen38 ein unverzeihlicher Fehler unterlief: Sie hatten im Jahre 1933 nicht verstanden, dass es  auf dem Weg von der Demokratie zur Diktatur kein Zurück gibt. Daher auch unsere Besorgnis angesichts der Perspektive, dass in Europa eine faschistische Partei an die Macht kommen könnte.

Schlimmer noch: es genügte nicht, dem Hitler-Regime seinen „Unwillen“ über die schrecklichen Maßnahmen gegen die Juden zu zeigen, wie das die deutsche Bevölkerung tat. Außer den beiden Attentaten gegen Hitler hat es so wenige Akte des Widerstandes gegeben, dass sich die Nazi-Diktatur eigentlich nie vom „eigenen“ Volk bedroht fühlen musste. Der Feind waren die Juden oder die ausländischen Regierungen, von denen Göbbels behauptete, sie seien in den Händen der Juden gewesen! Hitler konnte „sein“ Volk, mit dem er sich bis knapp vor seinem Ende identifizierte, in einen tödlichen Clinch nehmen, aus dem es kein Entrinnen gab.

Zusammenfassend: von der Verleugnung zum Akt

Wir sind vom Begriff der Verleugnung ausgegangen, den Freud im Jahre 1927 den Operationen zur Logik des Unbewussten – Verdrängung, Verwerfung, Verneinung – hinzufügte. Mit diesen Operationen konnte er auch die Differenzierung der drei klinischen Strukturen – Neurose, Psychose und Perversion – ausarbeiten. So sagt er z. B. im Wolfsmann: „Eine Verdrängung ist etwas anderes als eine Verwerfung“39. In ihrem Zusammenspiel mit dem Fetisch erweist sich die Verleugnung als die vielleicht raffinierteste dieser Operationen, denn sie stellt  zwischen der sexuellen Zweideutigkeit und jener der Sprache eine Verbindung her. Wir haben die Verleugnung bis zum Fall eines Kindesmordes am Werk gesehen. Das verletzte Kind wird einfach lieber nicht gesehen, seine phallische Bedeutung ist erloschen. Auch die Gesellschaft gibt dieses Kind auf!

Im Falle der faschistischen Gefahr, von deren Folgen man unterrichtet ist, könnte man schon sagen, dass die Leute vor ihr die Augen schließen. Wir haben es aber vorgezogen, zu argumentieren, dass sie agieren, ohne die Konsequenzen ihres Akts auf sich zu nehmen. Sie würden diese eher auf einen Sündenbock abschieben: auf die Immigranten beispielsweise. Sie geben sich also einem „falschen Akt“ hin, so, wie die meisten Politiker und Intellektuellen dem Geschehen geschwätzig aber machtlos zusehen, also zu keiner wirksamen Tat angesichts der Gefahr schreiten. Sie verfehlen den Akt nicht, sondern sie lassen ihn aus.

Die nicht-jüdische Bevölkerung im „Dritten Reich“ war nicht einverstanden mit dem, was den Juden geschah – aber außer ihren „Unwillen“ zu zeigen, tat sie nur wenig dagegen. Sie hatte 1933 das Verhängnis ihrer eigenen Wahl, aus dem es kein Zurück mehr gab, übersehen. Auch war sie nicht immun gegen die Herrensignifikanten der Hitler-Propaganda, die sie von Anfang an entfremdeten, so dass sie sich von ihrem diktatorischen Anderen nicht rechtzeitig trennen konnte. Sie wusste um die Endlösung, aber das Scheitern der goebbelsschen Kampagne „Kraft durch Angst“, die sie zur Komplizin der Vernichtung machen wollte, ließ sie dieses Wissen vergessen, vielleicht auch aus Scham darüber, aus ihm keine Konsequenzen gezogen zu haben.

Die Theorie der Tat, des Aktes, hat mehr mit dem Todestrieb zu tun als mit dessen anderer Seite, dem die Zweideutigkeit schillernd  herausfordernden Sexualtrieb. Das ist ihre Schwierigkeit und daher setzen sich die Theoretiker der Linken mit ihr nicht gern auseinander. Nur vom Geschlechtsakt kann man mit Lacan sagen, dass er zweideutig ist, weil es ihn gibt und auch nicht gibt. Von der Erkenntnis dieser Zwiespältigkeit aus versuchte Lacan den psychoanalytischen Akt auf der Seite des Lebens einzuschreiben. Für den in unserem demokratischen Westen so selten gewordene politische Akt haben Sie seit 2015 in Deutschland ein gutes Beispiel von Ihrer Kanzlerin bekommen. Als Analytiker möchte man ihren Akt  für einen überdimensionalen psychoanalytischen Akt halten, mit dem, was er brachte: Ehre und das Wissen, dass es nicht anders ging.

Trouville-sur-Mer
8. August 2016

Urheberrecht (Copyright) für diesen Artikel bei Franz Kaltenbeck.

Über den Autor

Franz-Kaltenbeck Franz Kaltenbeck ist Psychoanalytiker in Paris und Lille, Mitgründer von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psychanalyse et de son histoire), Herausgeber von Savoirs et clinique. Revue de psychanalyse und Mitherausgeber von Y – Revue für Psychoanalyse.

Zu seinen Veröffentlichungen ge­hören: Reinhard Priessnitz. Der stille Rebell. Aufsätze zu seinem Werk (Droschl, Graz 2006); Sigmund Freud. Immer noch Unbehagen in der Kultur? (Mitherausgeber, diaphanes, Zürich 2009); David Foster Wallace: Dichter, Denker, Melancholiker (In: Y – Revue für Psychoanalyse, 1/2012);  Lesen mit Lacan. Aufsätze zur Psychoanalyse (Parodos, Berlin 2013, siehe auch hier, 12.12.2014); Michael Turnheim: Jenseits der Trauer (Mitherausgeber, Zürich, diaphanes 2013); David Foster Wallace au-delà du principe de plaisir (In: Savoirs et clinique. Revue de psychanalyse, Nr. 15, 2012)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com
Website: franz-kaltenbeck-psychanalyste-psychotherapeute-paris-lille.fr

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Anmerkungen

  1. Köln, 2013, Kiepenheuer & Witsch, S. 150.
  2. Beitrag zur Tagung Macht und Ohnmacht des Realen. 9. – 11. September 2016. Leitung: Prof. Dr. med. L. Götzmann und Dipl. Psych. O. Bohlen. Segeberger Kliniken. Vitalia Seehotel. 23795 Bad Segeberg.
  3. Über die alten Stiegen.
  4. Vgl. S. Freud, Fetischismus (1927), in: ders., Gesammelte Werke, chronologisch geordnet, Band XIV. London, 1955, Imago, S. 311–317.
  5. Hélène L’Heuillet, Philosophin an der Sorbonne und Psychoanalytikerin, „Radicalisation et terrorisme“, in Cités, 66, 2016, puf, S. 123–136, definiert diesen Begriff als einen Bruch, als eine „Kritik ohne Einspruch dessen, womit man bricht, wobei man die Sache an der Wurzel fasst und jeden Kompromiss auf der Ebene der Aktion ablehnt“. Wenn man nun unter diesen „Sachen“ die westliche Lebensweise, den Kapitalismus, das Christentum etc. versteht, muss man sich fragen, ob selbst gebildete Terroristen die Mittel dazu haben, diese Gesellschafts- und Religionsphänomene bis an die Wurzel zu kritisieren. Die Autorin nennt dann noch die Konversion (zu extremistischen Formen des Islams) eine Bedingung der Radikalisierung. Bleibt zu fragen, warum sich jemand, der die Mittel zur oben genannten Kritik hat, solcher Bekehrung unterziehen soll.
  6. Diesen Begriff hat Jacques-Alain Miller geprägt. Dieses Objekt ist also ein Sprachprodukt und dennoch mehr, nämlich auch ein Objekt des Genießens. Lacan lehnt die Ontologie ab und begnügt sich mit einer Ontik des Genießens.
  7. Siehe dazu seinen Artikel Über Deckerinnerungen (1899), in: ders., Gesammelte Werke, chronologisch geordnet, Bd. I. London, 1952, Imago, S. 531–554.– Im Fetischismus-Aufsatz schreibt Freud 1927:
    „Bei der Einsetzung des Fetisch scheint vielmehr ein Vorgang eingehalten zu werden, der an das Haltmachen der Erinnerung bei traumatischer Amnesie gemahnt. Auch hier bleibt das Interesse wie unterwegs stehen, wird etwa der letzte Eindruck vor dem unheimlichen, traumatischen, als Fetisch festgehalten. So verdankt der Fuß oder Schuh seine Bevorzugung als Fetisch – oder ein Stück derselben – dem Umstand, daß die Neugierde des Knaben von unten, von den Beinen her nach dem weiblichen Genitale gespäht hat; Pelz und Samt fixieren – wie längst vermutet wurde  –den Anblick der Genitalbehaarung, auf den der ersehnte des weiblichen Gliedes hätte folgen sollen; die so häufig zum Fetisch erkorenen Wäschestücke halten den Moment der Entkleidung fest, den letzten, in dem man das Weib noch für phallisch halten durfte.“ (A.a.O., S. 314)
  8. A.a.O., S. 313.
  9. Vgl. S. Freud, Die Verneinung (1925), in: ders., Gesammelte Werke, chronologisch geordnet, Bd. XIV. London, 1955, Imago, S. 11–15.
  10. Von mir kursiv gesetzt.
  11. A.a.O., S. 313.
  12. A.a.O., S. 313.
  13. In einem anderen klinischen Zusammenhang, dem der Psychosen, spricht man in der deutschen Psychiatrie von „Eigenbedeutung“.
  14. A.a.O., S. 315.
  15. S. Freud, Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (1918), in: ders., Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. XII. Frankfurt am Main, 1966, S. Fischer, S. 111.
  16. A.a.O., S. 316.
  17. Vgl. J. Lacan, Kant mit Sade, übersetzt von Wolfgang Fietkau, in: ders., Schriften II, hg. Norbert Haas. Olten u.a., 1975, Walter-Verlag, S. 133–165, hier: S. 147.
  18. Libération, September 2016.
  19. Andreas Ross, „Echte Amerikaner“. F.A.Z., Politik, Samstag, 13. August 2016.
  20. Ende Augsut hat Marine Le Pen erklärt, sie werde sich nur mit dem Namen „Marine“ zur Wahl stellen und zwar für die Bewegung Bleu Marine, also nicht mit ihrem Familiennamen „Le Pen“ und auch nicht für den Front National – beide Namen seien zu anstößig (vgl. Marine Le Pen prend ses distances avec le FN. In: Le point, 29.8.2016).
  21. Maël de Calan, La vérité sur le programme du Front national. Préface d’Alain Juppé. Paris, 2016. Plon.
  22. Michel Wieviorka, Le séisme. Marine Le Pen présidente. Paris, 2016, Robert Laffont.
  23. Das hoffen heute noch viele Bürger Frankreichs. Insofern hat Alain Duhamel recht, von einer „Verleugnung“ der zukünftigen Machtergreifung des Faschismus zu sprechen.
  24. Jacques Lacan, L’acte psychanalytique, unveröffentlichtes Seminar 1967-1968.
  25. Robert B. Reich, „Wut ist gut“, Spiegelgespräch, Der Spiegel, Nr. 32, 6.8. 2016.
  26. Was wiederum eine Verleugnung ist!
  27. Vgl. Raoul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, durchgesehene und erweiterte Ausgabe, Frankfurt am Main, 1990, Fischer Taschenbuch Verlag.
  28. Ich erinnere mich z. B. an eine Lesebuchgeschichte, in der es um einen Soldaten ging, der, unmittelbar bevor er das adriatische Meer zum ersten Mal sah, von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Diese Geschichte spielte im ersten Weltkrieg!
  29. Peter Longerich, „Davon haben wir nichts gewusst“. München, 2007, Pantheon.
  30. A.a.O., S. 77.
  31. A.a.O., S. 115.
  32. S. 157.
  33. Das geht auch aus einem Interview mit Martin Walser hervor, das am 28. August 2016 im ZDF ausgestrahlt wurde. Er hatte als Heranwachsender von Dachau gehört, nicht aber von Auschwitz. Die ihn befragende Journalistin drängte ihn, seine manchmal zweideutigen Aussagen („Auschwitz ohne Ende“ oder die gegen Grass und Jens gerichtete Formel „Auschwitz werde instrumentalisiert“) zu klären. Er sagte auch, dass er auf die von den Allierten gemachten Photos in den Todeslagern nicht „hinschauen“ konnte.
  34. S. 201.
  35. S. 327.
  36. S. 328.
  37. Vgl. S. Freud, Hemmung, Symptom und Angst, in: ders., Gesammelte Werke, chronologisch geordnet, Bd. XIV. London, 1955, Imago, S. 111–205.
  38. Genauer: sowie Österreichern und einigen anderen ihrer Verbündeten
  39. Freud, Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, a.a.O., S. 111.

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