Franz Kaltenbeck: Die gesellschaftliche Verleugnung des Realen

bunuel-tagebuchTa­ge­buch ei­ner Kam­mer­zo­fe, Re­gie: Luis Buñu­el, Frank­reich und Ita­li­en 1964
Dreh­buch: Luis Buñu­el und Jean-Clau­de Car­ri­è­re nach dem gleich­na­mi­gen Ro­man von Oc­ta­ve Mir­beau

Bild: Cé­lesti­ne (Jean­ne Mo­reau) und M. Ra­bour (Jean Ozen­ne)

Abs­tract (April 2016)

Das Rea­le der Ge­sell­schaft äu­ßert sich un­ter an­de­rem in ih­ren Wert­kri­sen. Die­se soll­ten nicht mit den ge­sell­schaft­li­chen Kon­flik­ten ver­wech­selt wer­den. Wert­kri­sen ent­ste­hen dann, wenn eine Ge­sell­schaft für die Ge­fah­ren, die ihre das Le­ben er­hal­ten­den Funk­tio­nen be­dro­hen, blind wird und die Men­schen dann ihre Pa­nik durch ein­stim­mi­ge Mas­sen­be­we­gun­gen aus­zu­schal­ten ver­su­chen. Zum Bei­spiel fürch­tet die Mehr­heit der Fran­zo­sen die Im­mi­gra­ti­on der sy­ri­schen Kriegs­flücht­lin­ge in ihr Land viel mehr als die im­mer rea­lis­ti­scher wer­den­de Pro­gno­se, dass nach den nächs­ten Wah­len der Front Na­tio­nal an die Macht kom­men könn­te. Die­ser dro­hen­de po­li­ti­sche Um­sturz macht nur ei­ner Min­der­heit der Be­völ­ke­rung Angst.

Be­stimm­te Ver­bre­chen wie Kin­der­schän­dung, Kin­des­miss­hand­lung und Kin­des­mord lö­sen in un­se­rer Ge­sell­schaft mit Recht Em­pö­rung aus. In Frank­reich und Bel­gi­en wer­den nach sol­chen Un­ta­ten stil­le Pro­test­mär­sche ver­an­stal­tet. Die Schwur­ge­richts­sä­le sind bei den Pro­zes­sen ge­gen die Tä­ter über­füllt. An die­sen Re­ak­tio­nen auf sol­che manch­mal un­sag­ba­ren Ta­ten be­frem­det aber, dass in meh­re­ren Fäl­len die Ge­sell­schaft zu dem Zeit­punkt die Au­gen schloss, als die­se Ver­bre­chen ge­scha­hen und man­che ih­rer Ver­tre­ter, wie Ärz­te oder Schul­per­so­nal, so­gar zu Kom­pli­zen wur­den. Die ge­sell­schaft­li­che Ver­leug­nung des Rea­len und den Wi­der­spruch an­ge­sichts des Ver­bre­chens wer­de ich auf der Ba­sis mei­ner kli­ni­schen Ar­beit in ei­nem Ge­fäng­nis Nord­frank­reichs un­ter­su­chen.

Vorbemerkung

Wol­len und Ha­ben statt Den­ken und Han­deln“
Da­vid Fos­ter Wal­lace, Der blei­che Kö­nig1

Zu­erst darf ich Herrn Dr. Lutz Götz­mann für sei­ne Ein­la­dung hier her nach Se­ge­berg, an die­sen der Kli­nik ge­wid­me­ten Ort dan­ken und Ih­nen al­len ver­si­chern, wie sehr ich es schät­ze zu und mit Ih­nen zu spre­chen.2

Mau­ro Bo­lo­gni­nis Film Per le an­ti­che sca­le (1975)3 spielt wäh­rend der Dik­ta­tur Mus­so­li­nis im psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus von Luc­ca. Sei­ne Vor­la­ge ist ein Ro­man mit glei­chem Ti­tel des Psych­ia­ters Ma­rio To­bi­no, der sich in den 1970er Jah­ren, als der Film ge­dreht wur­de, ge­gen Fran­co Ba­sagli­as anti-asylä­re Ide­en und Maß­nah­men wand­te. Aber nicht we­gen die­ser vor ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert ge­führ­ten De­bat­te er­wäh­ne ich Bo­lo­gni­nis Film und auch nicht, weil der von Mar­cel­lo Mastroi­an­ni ge­spiel­te Chef­arzt Pro­fes­sor Bo­nac­cor­si dem Wahn, den Vi­rus der Schi­zo­phre­nie ge­fun­den zu ha­ben, zum Op­fer fällt. Vor sei­nem Zu­sam­men­bruch ist Bo­nac­cor­si der Frau­en­held sei­ner An­stalt, fast alle sei­ne Ärz­tin­nen und vie­le sei­ner Pa­ti­en­tin­nen sind in ihn ver­liebt. Ihm er­ge­ben, dul­den sie die Kon­kur­renz ih­rer Ri­va­lin­nen. Ist Bo­nac­cor­si aber tat­säch­lich ein Wo­ma­ni­zer? Des Pro­fes­sors ero­ti­sche Aben­teu­er wer­den auf eine Be­geg­nung zwi­schen ihm und ei­ner Dame na­mens Fran­ce­s­ca ver­dich­tet: Er streift  da­bei ei­nen von Fran­ce­s­cas Sei­den­strümp­fen  be­hend von ih­ren Bei­nen und hält dann sei­ne kost­ba­re Tro­phäe ge­gen das Licht. Sein be­schwing­ter Fe­ti­schis­mus stellt zwi­schen ihm und sei­ner Part­ne­rin ein Ein­ver­ständ­nis her, das den meis­ten ero­ti­schen Film­sze­nen fehlt, weil aus ih­nen die Ein­sam­keit und der Schwer­mut je­des der bei­den Part­ner trotz ih­res se­xu­el­len Ge­nie­ßens nicht weg­ge­dacht wer­den kann. Bo­lo­gn­i­ni scheint Freud recht zu ge­ben, der dem Fe­ti­schis­mus zu­ge­steht, eine zu­gleich ein­fa­che und ele­gan­te Ab­wehr ge­gen die Kas­tra­ti­ons­angst zu leis­ten.4

Von der Kas­tra­ti­on glaubt man, al­les schon zu wis­sen. Wie kommt es aber, dass Män­ner der Kas­tra­ti­ons­dro­hung mit so schlau­en Dis­po­si­ti­ven wie dem Fe­tisch aus­zu­wei­chen ver­mö­gen, an­de­re hin­ge­gen bis zur sym­bo­li­schen, ima­gi­nä­ren und selbst rea­len Zer­stö­rung des weib­li­chen Ob­jekts ge­hen, um mit ih­rer Angst vor Frau­en fer­tig zu wer­den? Hat nicht un­längst der Phi­lo­soph Pe­ter Slo­ter­di­jk in ei­nem „pein­li­chen“ Ro­man die Weib­lich­keit auf dem Ni­veau von Her­ren­wit­zen be­han­delt, als wol­le er sich der Ero­tik selbst ent­le­di­gen? Die Kas­tra­ti­on als Sank­ti­on ge­gen den In­zest soll­te zu­min­dest den Psy­cho­ana­ly­ti­kern zu den­ken ge­ben. War­um spielt bei vie­len Män­nern das müt­ter­li­che Ob­jekt in ihre Be­zie­hun­gen zu Frau­en hin­ein? War­um fin­det der Mensch zum Ver­bot, das den In­zest ahn­det, ei­nen dia­lek­ti­schen Zu­gang, nicht aber zu den Ver­bo­ten an­de­rer Ar­ten des Ge­nie­ßens, die nicht vom Eros do­mi­niert wer­den?

Nicht die Fra­ge, ob sich psy­cho­ana­ly­ti­sche Be­grif­fe auf die Kri­sen un­se­rer west­li­chen  Ge­sell­schaf­ten  an­wen­den las­sen, muss hier ein­lei­tend er­ör­tert wer­den, son­dern, ob die Be­grif­fe, die man im Sinn hat, also z. B. je­ner der Ver­leug­nung, auch die rich­ti­gen sind. Ge­nügt die­ser Be­griff? Muss man ihn er­set­zen, er­wei­tern? Je­den­falls ging ich von ihm aus, als ich Dr. Götz­mann im April den Ti­tel und das Abs­tract die­ses Vor­trags schick­te. Die Ana­ly­ti­ker ha­ben im­mer wie­der Freuds Be­grif­fe, wie z. B. „Li­bi­do“, „Ob­jekt“, „Ichi­de­al“ den­je­ni­gen hin­zu­ge­fügt, wel­che die So­zio­lo­gie oder die Eth­no­lo­gie zur Be­schrei­bung und Theo­rie ge­sell­schaft­li­cher Struk­tu­ren –„Ver­wandt­schaft“, „Kul­tur“, „Ge­setz“, „Mas­se“, „Füh­rer“ – ein­ge­führt hat­ten. Im Lau­fe der For­schungs­ar­beit, die man an­stel­len muss, um sich in den ge­gen­wär­ti­gen Kri­sen un­se­rer Ge­sell­schaft zu­recht­zu­fin­den, hat man es nö­tig, ei­nen Be­griff zu de­kon­stru­ie­ren, ihm an­de­re hin­zu­zu­fü­gen, manch­mal auch neue zu bil­den. Nicht um­sonst sprach La­can als ers­ter vom Freud­schen Feld, wo­mit er auch mein­te, dass die­ses Feld sich zwi­schen meh­re­ren Be­grif­fen aus­dehnt. Was nun die De­kon­struk­ti­on be­trifft, so wird sie im­mer von rea­len Pro­ble­men in Gang ge­setzt, nicht vom Zer­stö­rungs­wil­len der Phi­lo­so­phen. Die Den­ker nach Hei­deg­ger wa­ren ja sehr pro­duk­tiv, wenn es um das Schaf­fen neu­er Be­grif­fe ging – so­gar La­can, der  sich doch da­mit be­schied, nur eine Er­fin­dung als die sei­ne aus­zu­ge­ben, die des Ob­jekts a. Da La­can ne­ben sei­ner Aus­bil­dung als Psych­ia­ter und als Psy­cho­ana­ly­ti­ker auch Ko­jè­ves Vor­le­sung zur Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes hör­te, muss je­der sei­ner Le­ser zu­min­dest die­se eine Vor­aus­set­zung He­gels ak­zep­tie­ren: Wenn sich ein Be­griff für die Durch­drin­gung ei­nes Phä­no­mens als zu ein­fach er­weist, braucht man ihn des­we­gen nicht weg­zu­wer­fen. Er war näm­lich das In­stru­ment, das uns die Kom­ple­xi­tät des Phä­no­mens erst hat er­ken­nen las­sen. In un­se­rem Fall stieß mich die Freud’sche Ver­leug­nung auf die be­frem­den­de Fest­stel­lung, dass wir, spre­chen­de We­sen, uns so oft von dem ab­brin­gen las­sen, was wir doch für wahr hiel­ten, ja so­gar wahr­nah­men.

Wir ha­ben es heu­te nicht nur mit der Ver­leug­nung zu tun, son­dern in ei­nem weit hö­he­ren Grad mit der Miss­ach­tung der Wahr­heit, selbst dann, wenn die­se mit Tat­sa­chen be­legt ist. Die­se Miss­ach­tung scheint die Funk­ti­on zu ha­ben, ei­nem „Um­wer­fen des Spiel­ti­sches“ der De­mo­kra­tie den Weg frei zu ma­chen. Man könn­te zu die­sen Ab­wen­dun­gen von ver­bind­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on noch die fal­schen Ana­ly­sen und Theo­ri­en rech­nen, die man so leicht­fer­tig zu erns­ten Fra­gen wie de­nen des Ter­ro­ris­mus auf­stellt. Der selt­sa­me Er­folg des Wor­tes „Ra­di­ka­li­sie­rung“ zur Er­klä­rung der ter­ro­ris­ti­schen Hand­lun­gen ju­gend­li­cher Tä­ter wäre da ein Bei­spiel.5

Was ist nun „Verleugnung“?

Die­ser Be­griff taucht in Freuds Ar­ti­kel „Fe­ti­schis­mus“, 1927, auf. Freud reiht den Fe­ti­schis­mus un­ter die Per­ver­sio­nen ein. Er wird von de­nen, die ihn prak­ti­zie­ren, nicht als „Lei­dens­sym­ptom“ emp­fun­den, spielt in der Ana­ly­se also die „Rol­le ei­nes Ne­ben­be­fun­des“. Freud gibt zu­erst das Bei­spiel des „Glan­zes auf der Nase“. Eine Nase, die glänzt, dient hier als Fe­tisch. Das Bei­spiel ist in­so­fern sub­til, ja glän­zend, als Freud es aus der Kind­heit sei­nes Pa­ti­en­ten her­lei­tet, die die­ser in Eng­land ver­brach­te, wo er von ei­ner eng­li­schen Kin­der­frau be­treut wur­de. Sein Fe­tisch kam vom eng­li­schen a glance at the nose (ein Blick auf die Nase), hat­te sei­ne Wur­zeln in der Spra­che sei­ner Kin­der­stu­be, in sei­ner Mut­ter­spra­che, die er, nach­dem er nach Deutsch­land ge­kom­men war, fast ver­ges­sen hat­te. Der Aus­druck wur­de also von ihm falsch über­setzt  –  „ein Glanz auf der Nase“: „die Nase war also der Fe­tisch, dem er üb­ri­gens nach sei­nem Be­lie­ben je­nes be­son­de­re Glanz­licht ver­lieh, das an­de­re nicht wahr­neh­men konn­ten“. Ein gu­tes Bei­spiel für das, wor­auf Freud be­stand: der Fe­tisch ent­steht aus ei­ner Ver­schie­bung, d. h. aus ei­nem rein lin­gu­is­ti­schen Vor­gang. Er geht als Ob­jekt aus die­sem Vor­gang der Ver­schie­bung her­vor, als ein „me­to­ny­mi­sches Ob­jekt“6. Er ist eine Me­to­ny­mie und zu­gleich et­was mehr, ein Schein, der das Be­geh­ren des Sub­jekts ver­ur­sacht, ohne es mit der Kas­tra­ti­on zu ängs­ti­gen. Dass er aus ei­ner Me­to­ny­mie stammt und zu­gleich ei­ner Ge­fahr Ein­halt ge­bie­tet, er­gibt sich auch aus dem Ver­gleich, den Freud zwi­schen dem letz­ten An­hal­ten der Er­in­ne­rung vor der trau­ma­ti­schen Sze­ne und dem Fe­tisch zieht.7

Wozu dient aber der Fe­tisch? „…der Fe­tisch ist der Er­satz für den Phal­lus des Wei­bes (der Mut­ter), an den das Knäb­lein ge­glaubt hat und auf den es – wir wis­sen war­um – nicht ver­zich­ten will“. Es will dar­auf nicht ver­zich­ten, weil der der Mut­ter an­ge­dich­te­te Phal­lus ihm er­laubt, nicht an sei­ne ei­ge­ne Kas­tra­ti­on zu glau­ben, da er doch den Phal­lus­man­gel der Mut­ter dann nicht wahr­nimmt, wenn er sie mit­tels ei­nes Fe­tischs mit ei­nem Phal­lus-Eratz aus­stat­tet. Für das Nicht-Se­hen des Pe­nis­man­gels bei weib­li­chen We­sen er­wägt Freud auch das von Laf­or­gue ein­ge­führ­te Wort „Sko­to­mi­sa­ti­on“, lehnt es aber schließ­lich ab, „denn es weckt die Idee, als wäre die Wahr­neh­mung glatt weg­ge­wischt wor­den, so daß das Er­geb­nis das­sel­be wäre, wie wenn ein Ge­sichts­ein­druck auf den blin­den Fleck der Netz­haut fie­le“8.

Die Sko­to­mi­sie­rung ist für Freud hier ein un­nüt­zer Be­griff, denn sie wäre das­sel­be wie eine Ver­drän­gung, wel­che die un­an­ge­neh­men Af­fek­te, die an eine Vor­stel­lung ge­bun­den sind, ins Un­be­wuss­te schafft. Wenn das Sub­jekt je­doch nur die Vor­stel­lung nicht wahr­neh­men will, gibt er dem Vor­gang ei­nen an­de­ren Be­griff: den der Ver­leug­nung. Da­bei sagt er aber nicht, dass er den­sel­ben Vor­gang in ei­nem rein dis­kur­si­ven, lo­gi­schen Zu­sam­men­hang schon als „Ver­nei­nung“ be­zeich­net hat­te (im gleich­na­mi­gen Auf­satz von 1925).9

Die Ver­leug­nung ist kei­ne so ein­fa­che lo­gi­sche Ope­ra­ti­on. Viel­leicht be­steht dar­in ihr ma­te­ri­el­ler Un­ter­schied zur Ver­nei­nung. Die Wahr­neh­mung des Phal­lus­man­gels wird nicht ein­fach weg­ge­wischt. Freud schreibt, dass „daß eine sehr en­er­gi­sche Ak­ti­on10 un­ter­nom­men wur­de, ihre Ver­leug­nung auf­recht­zu­hal­ten“11. Wo­her kommt die­ser En­er­gie­auf­wand? Aus der Tat­sa­che, dass das Kind gar nicht ganz dar­an glaubt, dass die Mut­ter den Phal­lus hat. Es hat sich sei­nen „Glau­ben be­wahrt, aber auch auf­ge­ge­ben“12. So kam es zu ei­nem Kom­pro­miss. Das Kind glaubt nun, dass die Mut­ter ei­nen Phal­lus hat, aber es ist nicht mehr der­sel­be, den es ge­se­hen zu ha­ben mein­te. Es ist ein Er­satz. Sie be­mer­ken, dass es da ein Zeit­in­ter­vall zwi­schen der Ver­leug­nung des Man­gels und der Schaf­fung des Fe­tischs gibt. Und au­ßer­dem hat es durch die statt­ge­fun­de­ne Ver­drän­gung ein stig­ma in­de­le­bi­le er­wor­ben. Als Fe­ti­schist wird das groß ge­wor­de­ne Kind sich vom weib­li­chen Ge­ni­ta­le auf un­be­grenz­te Dau­er ent­frem­den. Der Fe­tisch wird ihm er­lau­ben, über die Kas­tra­ti­on zu tri­um­phie­ren, und dazu er­spart er es sich auch, die Ho­mo­se­xua­li­tät zu wäh­len. Der Fe­tisch ge­hört ihm al­lein, sei­ne Fe­tisch-Be­deu­tung wird von ei­nem an­de­ren nicht er­kannt.13 Die Se­xu­al­be­frie­di­gung lässt sich mit ihm leicht er­zie­len, sie wird ihm nicht ver­wei­gert. Er muss nicht um die Gunst des Fe­tischs wer­ben. Freud er­klärt da­nach, wel­che Ob­jek­te – Fuß oder Schuh; Klei­dungs­stü­cke, Pelz oder Samt, die auf den An­blick der Ge­ni­tal­be­haa­rung an­spie­len – für die Funk­ti­on des Fe­tischs ge­wählt wer­den.

Da­nach stellt Freud die Per­ver­si­on des Fe­ti­schis­mus in ei­nen dif­fe­ren­ti­al-kli­ni­schen Zu­sam­men­hang. Er hat­te den Un­ter­schied zwi­schen Neu­ro­se und Psy­cho­se da­mit er­klärt, dass bei der Neu­ro­se das Ich ein Stück des Es zu Guns­ten der Rea­li­tät un­ter­drü­cke, wäh­rend das Ich sich bei der Psy­cho­se „vom Es fort­rei­ßen las­se, sich von ei­nem Stück der Rea­li­tät zu lö­sen“14.

Die Be­hand­lung zwei­er jun­ger Män­ner, die in ih­ren frü­hen Jah­ren ih­ren Va­ter ver­lo­ren hat­ten, be­lehr­te ihn aber ei­nes Bes­se­ren. Sie bei­de hat­ten, im zehn­ten bzw. im zwei­ten Le­bens­jahr, den Tod ih­res ge­lieb­ten Va­ters nicht zur Kennt­nis ge­nom­men. Freud sagt, sie hät­ten die­ses Er­eig­nis „sko­to­mi­siert“, nimmt aber die­sen Ter­mi­nus zu­rück. Da er nicht von Ver­drän­gung spricht, darf man an­neh­men, dass die­se Nicht-An­er­ken­nung ihm als et­was Ein­schnei­den­de­res als eine Ver­drän­gung vor­kam. Er sagt aber nicht „Ver­wer­fung“ wie im Fal­le des Wolfs­man­nes15, son­dern nennt das Nicht-An­er­ken­nen die­ses Er­eig­nis­ses eine Ver­leug­nung, die je­ner des Fe­ti­schis­ten nach Wahr­neh­mung des Phal­lus­man­gels der Frau ent­spricht.

Und den­noch ist kei­ner der bei­den jun­gen Män­ner psy­cho­tisch ge­wor­den, ob­wohl der An­lass zur Psy­cho­se hät­te füh­ren kön­nen.

Bei­de Män­ner hat­ten es mit zwei Strö­mun­gen in ih­rer Sub­jek­ti­vi­tät zu tun. Die eine, die rea­li­täts­ge­rech­te, er­kann­te den Tod des Va­ters an, die an­de­re, die wunsch­ge­rech­te, nicht. So war es bei bei­den zu ei­ner Spal­tung ge­kom­men, aber ihre Ich­spal­tun­gen hat­ten un­ter­schied­li­che Kon­se­quen­zen. Der eine wur­de zu ei­nem Zwangs­neu­ro­ti­ker, der in al­len schwie­ri­gen La­gen zwei­fel­te, ob der Va­ter wirk­lich tot war. Der an­de­re fühl­te sich als des­sen le­gi­ti­mer Nach­fol­ger.

Auch beim Fe­ti­schis­mus gebe es  eine „zwie­späl­ti­ge Ein­stel­lung“ des Fe­ti­schis­ten „zur Kas­tra­ti­on des Wei­bes“16, die be­sagt, dass das Weib kas­triert und nicht kas­triert sei. Die Zwie­späl­tig­keit äu­ßer­te sich manch­mal in der Wahl ei­nes Klei­dungs­stü­ckes, ei­nes Scham­gür­tels, bei dem das Ge­ni­ta­le sei­nes Trä­gers ver­deckt blieb. So war es nicht mög­lich zu wis­sen, ob die Frau oder auch der Mann, die ihn tru­gen, kas­triert wa­ren oder nicht.

Freud war auch die Am­bi­va­lenz nicht ent­gan­gen, die der Fe­ti­schist sei­nem Fe­tisch ge­gen­über zeigt: Zärt­lich­keit oder Ab­leh­nung, je nach Ver­leug­nung oder An­er­ken­nung der Kas­tra­ti­on.

Der Fe­tisch kann also da­bei hel­fen, die Kas­tra­ti­on zu ver­leug­nen, sie aber zu­gleich auch an­zu­er­ken­nen. Er passt sich da­mit der Am­bi­gui­tät der Ver­leug­nung selbst an, die nie rein oder to­tal sein kann, son­dern den Man­gel des Phal­lus im­mer zum Teil auch an­er­kennt.

In sei­ner Schrift Kant mit Sade zi­tiert La­can die An­ti­go­ne des So­pho­kles, Vers 781, wo Eros als „un­be­siegt im Kampf“ vom Chor ge­fei­ert wird.17 Eros oder der Se­xu­al­trieb, wie die Psy­cho­ana­ly­se ihn auch viel plum­per nennt, zwingt so­wohl die Kas­tra­ti­on als auch die lo­gi­schen und kli­ni­schen Ope­ra­tio­nen, die sie ver­leug­nen und doch zu­gleich an­er­ken­nen, zu ei­nem sub­ti­len Spiel.

We­gen der Am­bi­gui­tät, die in der Ver­leug­nung auf­recht er­hal­ten bleibt, kann die psy­cho­ana­ly­ti­sche Ver­leug­nung nicht so ohne wei­te­res auf Si­tua­tio­nen an­ge­wen­det wer­den, wo ein Stück Rea­li­tät ge­leug­net wird, auf das Eros gar kei­nen An­spruch er­hebt oder das schon dem To­des­trieb an­heim­fiel.

Kindesmisshandlung und Mord

Schwe­re Kin­des­miss­hand­lun­gen wer­den oft von der Um­ge­bung des Op­fers und oft auch von den Ver­tre­tern der Ge­sell­schaft (Schul­per­so­nal, Er­zie­hern, ja so­gar Ärz­ten) ver­leug­net. Und hier ist der Freud’sche Be­griff trotz der Fürch­ter­lich­keit des Ver­bre­chens an­ge­bracht. War­um? El­tern lie­ben ihr Kind, aber es kann ih­nen die Lie­be zu ih­rem Kind auch feh­len. Das Kind hat für sie ei­nen phal­li­schen Wert. Er wirkt auf ihre Sen­si­bi­li­tät und mo­bi­li­siert ihr Be­geh­ren, das sich ja in ih­rem Spre­chen und in ih­rem Schwei­gen ar­ti­ku­liert. Ein Kind kann zum Ob­jekt des Be­geh­rens sei­ner El­tern wer­den, aber auch zum Ob­jekt ih­res Sa­dis­mus.

Olga S. sprach mit mir wäh­rend der drei Jah­re, die ihre Un­ter­su­chungs­haft dau­er­te,  über die Fol­ter, die Ago­nie und den Tod ih­res fünf­jäh­ri­gen Soh­nes Lou­is. Sie war als die Kom­pli­zin ih­res Le­bens­ge­fähr­ten an­ge­klagt, der die­se Ver­bre­chen oft in ih­rer Ge­gen­wart be­ging, ohne dass sie da­ge­gen ein­ge­schrit­ten wäre. Sie un­ter­ließ es, zur Po­li­zei zu ge­hen oder den Ret­tungs­dienst für das schon le­bens­ge­fähr­lich ver­letz­te Kind an­zu­ru­fen. Ein­mal brach­te sie den schwer lei­den­den Jun­gen zu ih­rem Haus­arzt, der sei­ne Wun­den gar nicht an­sah und ihn auch nicht hos­pi­ta­li­sier­te. Ihre El­tern be­gnüg­ten sich mit ein paar Be­mer­kun­gen zu dem ge­schwol­le­nen Ge­sicht ih­res En­kels. Als Olga S., ihr Le­bens­ge­fäh­ret Ba­sil C. und Lou­is ein­mal auf der Stra­ße eine Be­kann­te tra­fen, frag­te die­se den Klei­nen, wer ihn so zu­ge­rich­tet habe. Lou­is sah sei­nen Fol­ter­knecht an, ohne ihn an­zu­kla­gen, und ant­wor­te­te ihr nur, er habe es sich nicht selbst an­ge­tan. Das sag­te er, weil sei­ne Mut­ter im­mer und über­all er­klär­te, er ver­let­ze sich selbst, so ver­rückt sei er. Olga S. war, was man eine star­ke Per­sön­lich­keit, also eine Pa­ra­noi­ke­rin, nennt. Auch ihre Be­kann­te glaub­te ihr und nicht dem Op­fer. Lou­is war also voll­kom­men al­lein. Selbst die Schu­le be­gnüg­te sich mit den Er­klä­run­gen der Mut­ter und lei­te­te kei­ne Un­ter­su­chung we­gen sei­ner wo­chen­lan­gen Ab­we­sen­heit ein. Die Nach­barn wuss­ten viel­leicht, was ge­schah, sa­hen je­doch zu­gleich nichts. Das ver­letz­te Kind war ein­fach für sei­ne Na­he­ste­hen­den und die Ver­ant­wort­li­chen der Ge­sell­schaft nicht mehr des Schut­zes wür­dig. Alle konn­ten sei­ne Stig­men se­hen, nie­mand nahm sie wahr.

Lou­is ist nicht das ein­zi­ge kind­li­che Op­fer, des­sen Schick­sal mir mit­ge­teilt wur­de. Fast un­mit­tel­bar nach dem Pro­zess von Olga S. kam In­grid F., eben­falls wäh­rend ei­ner drei­jäh­ri­gen Un­ter­su­chungs­haft, in mei­ne Sprech­stun­de. Sie hat­te ihre sie­ben­jäh­ri­ge Toch­ter er­schla­gen. Auch die­ses Kind war von al­len Ra­dar­schir­men der Ge­sell­schaft ver­schwun­den. Das Kind ist ein be­gehr­tes We­sen, wird es aber ein­mal ver­sto­ßen, schlie­ßen vor sei­nem Schick­sal fast alle die Au­gen.

Von der Verleugnung zum falschen Akt

Nun möch­te ich zu po­li­ti­schen Ge­fah­ren kom­men, wel­che wir oder un­se­re El­tern – in mei­nem Fall zu­min­dest – nicht wahr­ha­ben woll(t)en. Die ers­te liegt für Eu­ro­pa, aber auch für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, in na­her Zu­kunft, die zwei­te im vo­ri­gen Jahr­hun­dert. Aber kann man bei ih­nen noch mit dem Be­griff der Ver­leug­nung ar­bei­ten, wie das z. B. der fran­zö­si­sche Jour­na­list Alain Du­ha­mel tut?18 Das wer­den wir gleich se­hen. Dass die­se bei­den Ge­fah­ren die Psy­cho­ana­ly­se an­ge­hen, eben­so.

Um mich so­fort ver­ständ­lich zu ma­chen, möch­te ich Ih­nen gleich et­was aus ei­nem Ar­ti­kel der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung über den ame­ri­ka­ni­schen Wahl­kampf er­zäh­len. Der Jour­na­list be­rich­tet aus ei­ner Ge­gend Penn­syl­va­ni­ens mit gro­ßen wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten. Dort, wo er war, ver­ehrt man den re­pu­bli­ka­ni­schen Kan­di­da­ten. Ein Ge­braucht­wa­gen­händ­ler be­haup­tet, dass alle Sen­der über ihn nur lö­gen, um auf ihn ein­zu­dre­schen. „Ich glau­be ihm, dass er wirk­lich et­was für Ame­ri­ka tun will. Trump sagt uns die Wahr­heit.“

Dar­auf der Jour­na­list:

‚Wirk­lich? Und was ist mit Trumps Mär­chen­ge­schich­te über Tau­sen­de Mus­li­me, die auf den Stra­ßen von Jer­sey City am 11. Sep­tem­ber 2001 die An­schlä­ge ge­fei­ert ha­ben sol­len? Oder mit sei­ner Lüge, er sei im­mer ge­gen den Irak-Ein­marsch und die Li­by­en-In­ter­ven­ti­on ge­we­sen?‘ ‚Das ist doch to­tal egal‘, schreit Ko­kin­da (ein Kun­de) da­zwi­schen. ‚Glaubst du, so ein Klein­kram schert ir­gend­wen in der ar­bei­ten­den Be­völ­ke­rung?‘ Ter­ra­ci­no ist sich kei­nes­wegs si­cher, dass Trump es als Prä­si­dent schaf­fen könn­te, Ame­ri­ka auf neu­en Kurs zu len­ken. ‚Aber was ha­ben wir zu ver­lie­ren?‘“19

Es geht die­sen Leu­ten of­fen­bar nicht mehr dar­um, die Wahr­heit zu er­fah­ren. Sie wol­len eher das „Sys­tem“, wie man in rechts-ex­tre­mis­ti­schen Krei­sen Frank­reichs sagt, um­sto­ßen. Sie ha­ben eine wahn­sin­ni­ge Lust, den Kar­ten­tisch um­zu­wer­fen. Eine Re­vol­te also, eine Re­vol­te von weit rechts.

Wie Sie wis­sen, wer­den die Fran­zo­sen im Mai nächs­ten Jah­res ih­ren Prä­si­den­ten und vier Wo­chen spä­ter auch ihr Par­la­ment, die Na­tio­nal­ver­samm­lung, neu wäh­len. Bei die­sen Wah­len läuft nicht nur Frank­reich son­dern auch die Eu­ro­päi­sche Uni­on (EU) Ge­fahr, dass die Fran­zo­sen die Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin des Front Na­tio­nal (FN), der­zeit schon stärks­te Par­tei des Lan­des, an die Spit­ze des Lan­des wäh­len und ihr da­nach eine Mehr­heit in der Na­tio­nal­ver­samm­lung ge­ben.20 Man kann dar­an zwei­feln, dass alle Wäh­ler sich dar­über im Kla­ren sind, was sie da­mit ih­rem Land und der EU an­tu­en könn­ten. Kein Zwei­fel be­steht je­doch, dass heu­te je­der die Kon­se­quen­zen sei­ner Wahl er­fas­sen kann, wenn er das will. Die Fra­ge ist nur: 1) will er wis­sen, was ge­sche­hen wird, wenn Ma­ri­ne Le Pen an die Macht kommt? 2) Will er, dass Ma­ri­ne Le Pen ihr Wahl­pro­gramm ver­wirk­licht und da­mit das Land und ei­nen Teil der eu­ro­päi­schen Wirt­schaft rui­niert? Die­se bei­den Fra­gen, das wer­den Sie mir viel­leicht kon­ze­die­ren, in­ter­es­sie­ren den Bür­ger aber auch den Psy­cho­ana­ly­ti­ker.

Dem­ago­gie durch Wi­der­sprüch­lich­keit, so lässt sich das Pro­gramm des FN cha­rak­te­ri­sie­ren, das neu­lich von ei­nem jun­gen bre­to­ni­schen Po­li­ti­ker der klas­si­schen Rech­ten kri­tisch un­ter­sucht wur­de.21 Maël de Ca­lan sie­delt die Wirt­schafts­po­li­tik des FN links von der des Deut­schen­has­sers Jean-Luc Mé­lan­chon an. Der FN will zu­gleich die Min­dest­löh­ne um 200 Euro an­he­ben, die 35-Stun­den-Wo­che bei­be­hal­ten und den­noch die Un­ter­neh­men stär­ken, er will den Ar­bei­ter un­ter­stüt­zen aber auch den Ar­beits­ge­ber. Und das al­les bei ei­ner Sen­kung der Ar­beits­kos­ten. Die Lohn- und Preis­po­li­tik wird wie in den gu­ten al­ten Zei­ten vom Staat fest­ge­legt. Wenn es eine Schwie­rig­keit da­bei zu er­klä­ren gibt, winkt Frau Le Pen ab, nach dem Mot­to des Kar­di­nal Retz: „Man ver­lässt die Zwei­deu­tig­keit nur zu sei­nem ei­ge­nen Scha­den.“ Frau Le Pen will aus dem Euro aus­stei­gen und ihre eu­ro­päi­schen Part­ner dazu über­re­den, das glei­che zu tun, die dann ihre wie­der­ein­ge­führ­te Na­tio­nal-Wäh­rung ab­wer­ten müss­ten, um die Wett­be­berbs­fä­hig­keit ih­rer Wirt­schaft auf­recht­zu­er­hal­ten. Sie lässt of­fen, ob sie Frank­reich auch von der EU ver­ab­schie­den wird. Mit Mer­kels Deutsch­land will sie je­den­falls nicht mehr viel zu tun ha­ben, wohl aber mit Pu­tins Russ­land. Die schon be­trächt­li­che Staats­schuld und die bud­ge­tä­ren De­fi­zi­te wer­den un­ter Ma­ri­ne Le Pens Re­gie­rung ex­plo­die­ren. Zur Be­kämp­fung des Ter­ro­ris­mus hat der FN so gut wie kei­nen Vor­schlag. Er schiebt  den Ter­ror den bis­he­ri­gen Re­gie­rungs­par­tei­en in die Schu­he, vor al­lem ih­rer la­xen Po­li­tik ge­gen­über der Im­mi­gra­ti­on. Die in­ter­na­tio­nal fest­ge­leg­ten Anti-Ter­ror-Maß­nah­men, z. B. die Über­wa­chung der Dschi­ha­dis­ten im In­ter­net oder den Pas­sen­ger Name Re­cord für den Flug­ver­kehr, leh­nen die „Pa­trio­ten“ ab. Die Im­mi­gran­ten, sprich die Schwar­zen und die Ara­ber, sind die idea­len Sün­den­bö­cke für al­les: sie las­sen die Un­si­cher­heit auf­flam­men, be­ge­hen die meis­ten Ver­bre­chen, neh­men den Fran­zo­sen die Ar­beits­plät­ze weg, mel­den sich aber zu­gleich ar­beits­los und brau­chen das Ge­sund­heits­bud­get auf. Der FN peilt also die Null-Im­mi­gra­ti­on an, was für Frank­reich ein wirt­schaft­li­cher „Selbst­mord“ wäre. Ma­ri­ne Le Pen will auch alle Frem­den ohne Pa­pie­re aus­wei­sen, also eine Mas­sen-De­por­ta­ti­on. Der FN kann sich da­bei auf den Wahn Ren­aud Ca­mus’, ei­nes rechts-ex­tre­mis­ti­schen Schrift­stel­lers, stüt­zen, der be­haup­tet, die bo­den­stän­di­ge fran­zö­si­sche Be­völ­ke­rung wer­de seit Jah­ren be­wusst durch Ma­ghre­bi­ner und Schwar­ze „aus­ge­tauscht“. Das füh­re zu ei­nem Iden­ti­täts­ver­lust. Ein an­de­rer In­tel­lek­tu­el­ler hieb in die­sel­be Ker­be. De­ren Theo­ri­en müs­sen seit An­ge­la Mer­kels Tat vom Som­mer 2015 nicht nur als frem­den­feind­lich son­dern auch als äu­ßerst ein­falls­los be­zeich­net wer­den. Sie spie­geln den Tief­stand der fran­zö­si­schen Po­li­tik wie­der. So­weit das Wahl­pro­gramm Ma­ri­ne Le Pens, wie es von De Ca­lan gut ana­ly­siert wur­de.

Der So­zio­lo­ge Mi­chel Wie­vior­ka schrieb eine Fik­ti­on über die sie­ben Mo­na­te nach der Macht­er­grei­fung Ma­ri­ne Le Pens.22 Er sagt un­ter an­de­rem vor­aus, Ma­ri­ne Le Pen wer­de in der Na­tio­nal­ver­samm­lung nicht mit ih­rer ei­ge­nen Par­tei al­lein re­gie­ren kön­nen. Sie holt die Sou­verai­nis­ten in ihr Ka­bi­nett, aber das ge­nügt auch nicht. So ap­pel­liert sie an die „Re­pu­bli­ka­ner“, also an die de­mo­kra­ti­sche Rech­te. Das an ge­wis­se weit rechts ste­hen­de Per­sön­lich­kei­ten die­ser Par­tei ge­rich­te­tes An­ge­bot, in ihre Re­gie­rung ein­zu­tre­ten, führt zum Zer­fall der „Re­pu­bli­ka­ner“. Die Po­li­ti­ker, die ihr An­ge­bot an­neh­men, grün­den eine neue na­tio­na­lis­ti­sche Par­tei. Das hat zur Fol­ge, dass die bei­den gro­ßen de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en nicht mehr als Mehr­heits­par­tei­en exis­tie­ren. Die Re­pu­bli­ka­ner auf­grund der ge­nann­ten Spal­tung, die So­zia­lis­ten, weil ihr Stim­men­an­teil auf zwölf Pro­zent fal­len wer­de und auch sie sich spal­ten dürf­ten. So wird es in Frank­reich, ge­mäß die­ser Fik­ti­on, nur­mehr eine na­tio­na­lis­ti­sche Par­tei und den FN, den man fa­schis­tisch nen­nen kann, ge­ben, die vor­läu­fig auf die Macht An­spruch er­he­ben kön­nen.

Es wäre also kaum an­ge­bracht, für die­se Si­tua­ti­on den Be­griff der Ver­leug­nung zu wäh­len. Die Po­li­ti­ker dürf­ten das Pro­gramm des FN ge­le­sen, die Leu­te da­von ge­hört ha­ben. Si­cher wur­de es nur von we­ni­gen so auf all sei­ne ka­ta­stro­pha­len Kon­se­quen­zen hin durch­leuch­tet, wie das De Ca­lan ge­tan hat. Er sagt vor­aus, dass der FN, käme er an die Macht, das zweit­größ­te Land Eu­ro­pas rui­nie­ren wür­de. Das Elend, das auf die Be­völ­ke­rung zu­kä­me, wäre um ein Viel­fa­ches schlim­mer als das, wor­an sie schon lei­det und auf­grund des­sen sie die­se Par­tei an die Macht brin­gen könn­te. 27,9 Pro­zent, also 6 Mil­lio­nen, ha­ben im vo­ri­gen Jahr die­ser Par­tei be­reits ihre Stim­men ge­ge­ben. Da­her die Sor­ge, dass nächs­tes Jahr noch viel mehr dazu kom­men könn­ten.

Was heißt das nun? Die Mehr­heit ei­nes für das Ni­veau sei­ner Zi­vi­li­sa­ti­on ge­schätz­ten Lan­des könn­te nicht nur eine Par­tei wäh­len, die ein­deu­tig den Ras­sis­mus auf ihre Fah­nen ge­schrie­ben hat, son­dern die das Land auch in ei­nen so­zia­len und wirt­schaft­li­chen Ab­grund stür­zen wür­de. Die mo­ra­li­schen Ur­tei­le hel­fen aber be­kannt­lich nur dazu, eine noch stär­ke­re Wut her­vor­zu­ru­fen.

Für ei­nen Psy­cho­ana­ly­ti­ker wäre es nun ziem­lich plau­si­bel, von ei­nem so­zio-öko­no­mi­schen Selbst­mord un­ter dem Dik­tat des De­struk­ti­ons­trie­bes zu spre­chen. Aber auch die­se Be­griffs­an­wen­dung blie­be blo­ßes Pa­thos. Mer­ken wir nur an, dass der FN die zum Re­gie­ren not­wen­di­ge Mehr­heit noch nie er­reicht hat. Er dürf­te sie auch die­ses Mal (knapp) ver­feh­len, was na­tür­lich nicht si­cher ist.23

Das macht aber das au­gen­blick­li­che Wäh­ler­ver­hal­ten nicht we­ni­ger ge­fähr­lich. Die rea­le Si­tua­ti­on der fran­zö­si­schen Po­li­tik sieht nun so aus: Die Lin­ke hat sich auf­ge­löst, wenn man vor­aus­se­hen kann, dass die so­zia­lis­ti­sche Par­tei zu ei­ner klei­nen op­po­si­tio­nel­len Par­tei schrump­fen und die ex­tre­me Lin­ke nur­mehr als eine An­zahl von Split­ter­grup­pen ve­ge­tie­ren wird. Auf der Rech­ten gibt es zwar zwei re­gie­rungs­tüch­ti­ge Kan­di­da­ten, aber ei­ner da­von, Sar­ko­zy, kann als Ex-Prä­si­dent kei­ne glor­rei­che Bi­lanz vor­wei­sen und hat noch meh­re­re Straf­ver­fah­ren am Hals. Das macht die Wahl für vie­le völ­lig un­in­ter­es­sant.

Da­her die Ver­su­chung der Wut­bür­ger, auf de­mo­kra­ti­schem Weg den Spiel­tisch um­zu­wer­fen und ei­ner Par­tei mit Ge­walt­po­ten­ti­al die Macht zu ge­ben, hat sie doch den bis­her Be­nach­tei­lig­ten, die viel­leicht nie mehr in das Wirt­schafts­le­ben ein­ge­bun­den wer­den kön­nen, ein de­zen­tes Exis­tenz­mi­ni­mum ver­spro­chen. Man könn­te das eine von der Kom­bi­na­ti­on zwi­schen den de­sas­trö­sen Zu­stän­den im Land und den de­mo­kra­ti­schen Mög­lich­kei­ten in­du­zier­te Re­vo­lu­ti­on von rechts nen­nen, die nur die eine Per­spek­ti­ve hat: die Um­ver­tei­lung zu be­wir­ken, die we­gen des Aus­blei­bens des wirt­schaft­li­chen Auf­schwungs nicht statt­fin­den konn­te.

Ich wür­de das ei­nen „fal­schen Akt“ nen­nen, wo­bei ich „Akt“ hier im Sin­ne La­cans24 ge­brau­che. Für La­can war Cä­sars Über­schrei­ten des Ru­bi­kons ein (po­li­ti­scher) Akt. Was die Wäh­ler Frank­reichs im nächs­ten Jahr an­rich­ten könn­ten, wäre ein „fal­scher Akt“, weil sie die Kon­se­quen­zen die­ses Akts zwar ken­nen, sie aber nicht zu tra­gen be­reit sind. Die­se Kon­se­quen­zen wür­den dann zu Las­ten der noch Är­me­ren ge­hen, der Im­mi­gran­ten, der Aus­län­der, der sans pa­piers, der Ob­dach­lo­sen, der Aus­ge­sto­ße­nen. Der ame­ri­ka­ni­sche Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Ro­bert B. Reich sagt zur heu­ti­gen Si­tua­ti­on Ame­ri­kas: „Es gibt auch eine dunk­le Sei­te der ame­ri­ka­ni­schen Per­sön­lich­keit, die bis­lang aber nie do­mi­niert hat: an­de­re zum Sün­den­bock zu ma­chen. Dar­auf setzt Do­nald Trump.“25

Es braucht noch ei­nen wei­te­ren Be­griff, um die Si­tua­ti­on aus­zu­leuch­ten: den des „Nicht-Akts“. Der Akt fehlt auf der Sei­te der po­li­ti­schen Klas­se und je­ner der In­tel­lek­tu­el­len. Die klas­si­schen Par­tei­en ha­ben die Lage des Lan­des ver­stan­den, auch wenn sie ganz ober­fläch­li­chen Be­fun­den an­hän­gen, aber sie glau­ben, durch po­li­ti­sche Ma­nö­ver die zum Teil von ih­nen selbst in­du­zier­te Re­vo­lu­ti­on von rechts ver­hin­dern zu kön­nen. Sie knüp­fen z. B. Al­li­an­zen mit dem FN in der Hoff­nung, ihn dann in der Um­ar­mung zu er­sti­cken oder ihn dazu zu brin­gen, Was­ser in sei­nen Wein zu gie­ßen. La­can sag­te, der Ana­ly­ti­ker scheue den Akt. Im Frank­reich un­se­rer Jah­re gilt das viel­leicht noch mehr vom Po­li­ti­ker, des­sen Spre­chen kei­ne wirk­sa­me Kraft mehr hat, um zur Tat zu wer­den. Sei­ne Rede wird nicht mehr ge­hört und bleibt wir­kungs­los.

Was nun die In­tel­lek­tu­el­len be­trifft, so muss man lei­der fest­stel­len, dass heu­te vie­le von ih­nen sehr vor­sich­tig, ja ab­we­send sind, wenn es sich dar­um han­delt, den FN zu be­kämp­fen. Ei­ni­ge von ih­nen pak­tie­ren so­gar ideo­lo­gisch mit Ma­ri­ne Le Pen. Ihre Theo­ri­en sind ein­falls­lo­se Ver­le­gen­heits­lö­sun­gen. Meh­re­re von ih­nen, mit de­nen ich manch­mal dis­ku­tie­re, glau­ben über­haupt nicht an eine Macht­er­grei­fung durch den FN.26 Hof­fent­lich ha­ben sie recht!

Davon haben wir nichts gewusst“

Der Hel­le­nist Jean Bollack, ein Freund und Ex­eget Paul Cel­ans – er lehr­te in Lil­le, kam aber oft nach Deutsch­land – be­stand meh­re­re Male dar­auf, dass sich vie­le Men­schen in Eu­ro­pa ei­gent­lich erst ab den acht­zi­ger Jah­ren des vo­ri­gen Jahr­hun­derts mit der Sho­ah ernst­haft und wis­sen­schaft­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen be­gan­nen. Das heißt na­tür­lich nicht, dass die Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den27 die Men­schen nicht schon viel frü­her af­fi­ziert hät­te. Über­le­ben­de Ju­den, wie der Dich­ter Paul Ce­lan oder die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Anne-Lise Stern, kämpf­ten na­tür­lich, je­der auf sei­ne Art, ge­gen die da­ma­li­ge Ver­drän­gung des Ge­sche­he­nen.

Im Ös­ter­reich der Nach­kriegs-Zeit war das, was ein paar Jah­re vor­her statt­ge­fun­den hat­te, völ­lig tabu. Nie­mand sprach dar­über, we­der die Er­wach­se­nen, die Zeu­gen von De­por­ta­tio­nen wa­ren, noch die Leh­rer. Nach dem Krieg gab es nur die Wo­chen­schau­en und die (deut­schen) „Il­lus­trier­ten“, in de­nen ein Kind da­mals die Pho­tos der be­frei­ten KZs und der To­des­la­ger sah. Es gab nicht den ge­rings­ten Ge­schichts­un­ter­richt zu dem Ver­bre­chen. Was da vor sich ging, war nichts an­de­res als Ver­drän­gung in actu, und die­se lief auf Hoch­tou­ren.28 Aber wie Sie wis­sen, ist Ver­drän­gung auch die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten – als Sym­ptom. Nur gab es in Ös­ter­reich da­für kei­ne Wor­te, kei­ne Rede, kein Wis­sen.

Paul Ce­lan schrieb Ge­dich­te, aus de­nen er al­les Dich­ter­hand­werk weg­ließ, das er den­noch wie kein an­de­rer be­saß. Da­mit for­der­te er die Schrift­stel­ler der Grup­pe 47 her­aus, die da­von über­zeugt wa­ren, mit dem Pro­blem des Ho­lo­causts schon ins Rei­ne ge­kom­men zu sein. In den fal­schen Pla­gi­ats­an­schul­di­gun­gen der Wit­we Groll ge­gen ihn stell­ten sich nur we­ni­ge auf sei­ne Sei­te. Dass er sei­ne El­tern in La­gern ver­lo­ren hat­te, war ih­nen egal.

Da­von ha­ben wir nichts ge­wusst“: un­ter die­sem Ti­tel er­schien vor zehn Jah­ren ein Buch von Pe­ter Lon­ge­rich. Der Au­tor setz­te die Be­haup­tung des en­schul­di­gen­den Nicht-Wis­sens in An­füh­rungs­zei­chen.29 Der Satz sagt ohne Zwei­fel das Fal­sche, bis auf ein De­tail, dem Lon­ge­rich am Ende sei­nes Bu­ches ei­ni­ge Sei­ten wid­met, ohne es aus­zu­ar­bei­ten. Die­ses De­tail ist mehr als un­heim­lich, es könn­te ein Schlüs­sel­mo­ment des Un­er­träg­li­chen, des „all­zu Rea­len“ (La­can) der gan­zen „End­lö­sung“  sein. Und da­bei ha­ben wir es si­cher nicht mit ei­ner Ver­leug­nung zu tun, son­dern mit dem Ver­such ei­ner Aus­lö­schung des Wis­sens.

Lon­ge­rich un­ter­sucht also, was man aus den heu­te noch ver­füg­ba­ren Quel­len und Do­ku­men­ten und den in­zwi­schen an­ge­sam­mel­ten For­schun­gen über die Ein­stel­lung der Deut­schen zur Ver­fol­gung und Ver­nich­tung, vor al­lem also zur „End­lö­sung der Ju­den­fa­ge“ zwi­schen 1933 und 1945 er­fah­ren und wis­sen kann. Wel­che Hal­tung nahm die Be­völ­ke­rung zur so­ge­nann­ten „Ju­den­fra­ge“ ein? War sie eher pas­siv oder ag­gres­siv an­ti­se­mi­tisch? Er stößt schnell auf eine grund­le­gen­de Schwie­rig­keit: In ei­ner Dik­ta­tur wie dem Hit­ler-Staat gibt es nicht die Öf­fent­lich­keit im Sin­ne von Ha­ber­mas. Die Leu­te sa­gen nur im Kreis ih­rer engs­ten Ver­trau­ten, aber auch den Ver­folg­ten ge­gen­über, die sie nicht de­nun­zie­ren wür­den, was sie den­ken. Da­her wa­ren aus­län­di­sche Be­ob­ach­ter oder sol­che, die der ver­bo­te­nen so­zi­al­de­mo­kra­tis­hen Par­tei ent­stamm­ten, wich­ti­ge Quel­len.

Das Ver­hal­ten der Be­völ­ke­rung lässt sich na­tür­lich am Leich­tes­ten be­schrei­ben. So zeigt Lon­ge­rich z. B., dass die Boy­kott­ak­tio­nen der NSDAP ge­gen die jü­di­schen Ge­schäf­te nur un­ter den An­hä­gern der Par­tei Zu­stim­mung fan­den und das so lan­ge, als es jü­di­sche Ge­schäf­te noch gab. Im­mer ein­dring­li­cher macht Lon­ge­rich sei­nem Le­ser klar, dass für die Nazi-Eli­ten die „Ju­den­fra­ge“ „der Schlüs­sel zur Lö­sung der we­sent­li­chen Pro­ble­me des ‚Drit­ten Rei­ches‘“30 war. Je mehr man sich dem Ende des Krie­ges nä­hert, umso deut­li­cher wird es, dass Hit­ler durch die­sen Krieg vor al­lem die Ju­den be­kämpf­te und in ei­ner Art Pro­jek­ti­on so­gar an­nahm, dass sie den Krieg an­ge­zet­telt hät­ten. Er konn­te sich da­bei au­ßer auf sei­nen ei­ge­nen Wahn­sinn auch auf den Chef­ideo­lo­gen Al­fred Ro­sen­berg be­ru­fen, der im Völ­ki­schen Be­ob­ach­ter be­haup­tet hat­te, die jü­di­schen Po­li­ti­ker Léon Blum (Frank­reich), Ma­xim Ma­xi­mo­witsch Lit­wi­now (UdSSR) und Les­lie Hore-Beli­sha (Groß­bri­tan­ni­en) „hät­ten sich zur Ver­nich­tung Deutsch­lands zu­sam­men ge­schlos­sen“31. Na­tür­lich ver­mu­te­te Hit­ler und sei­ne Par­tei­pres­se auch, dass Ge­org El­sers At­ten­tat vom 8. No­vem­ber 1939 auf ihn jü­di­schen Hin­ter­män­nern zur Last ge­legt wer­de müss­te.

Ab 1940 fan­den die ers­ten we­ni­gen De­por­ta­tio­nen jü­di­scher Men­schen statt, die „von der Pro­pa­gan­da nicht the­ma­ti­siert wur­den, aber der Be­völ­ke­rung of­fen­bar nicht voll­kom­men ver­bor­gen blie­ben“32. Im Sep­tem­ber 1941 mach­te sich Go­eb­bels stark da­für, den Ju­den­stern als „Ab­zei­chen“ der noch in Deutsch­land le­ben­den Ju­den durch­zu­set­zen. Die nicht-jü­di­sche Be­völ­ke­rung tat lan­ge so, als ob sie den gel­ben Stern gar nicht sehe. Es gab manch­mal so­gar dis­kre­te So­li­dari­däts-Kund­ge­bun­gen, bis der von der Idee, Ber­lin „ju­den­rein“ zu  be­kom­men, be­ses­se­ne Go­eb­bels der Be­völ­ke­rung je­den Kon­takt mit Ju­den ver­bot. Den­noch fan­den man­che der aus­ge­hun­ger­ten Op­fer Nah­rungs­mit­tel vor ih­ren Tü­ren.

Ab Herbst wur­den die Mas­sen­ver­schlep­pun­gen der Ju­den be­kannt und wa­ren of­fen­bar un­po­pu­lär. Da­her spar­te Go­eb­bels die De­por­ta­tio­nen aus sei­nen Pro­pa­gan­da­kam­pa­gnen aus. Die Deut­schen konn­ten trotz­dem von den De­por­ta­tio­nen aus der Pres­se er­fah­ren. Zu­dem kam Hit­ler im­mer wie­der in sei­nen Re­den auf sei­ne „Pro­phe­zei­ung“ zu Kriegs­be­ginn zu­rück, die Ju­den wür­den ver­nich­tet wer­den, soll­te sich der Krieg wie­der zu ei­nem Welt­krieg aus­wei­ten. Da­mit spiel­te er na­tür­lich auf den Kriegs­ein­tritt der Ame­ri­ka­ner an. Die De­por­ta­tio­nen und die „Lö­sung“ der „Ju­den­fra­ge“ wa­ren also kein Ge­heim­nis. Die mi­li­tä­ri­schen Rück­schlä­ge in Russ­land, vor al­lem die Nie­der­la­ge vor Sta­lin­grad, brach­te die Füh­rung im­mer mehr dazu, den Ju­den die Schuld am Krieg zu ge­ben und den Krieg selbst in ei­nen Krieg ge­gen die Ju­den um­zu­mün­zen. (Es war fort­an für sie ein­fa­cher, hun­dert­tau­sen­de Wehr­lo­se um­zu­brin­gen, als auf den rus­si­schen Schlacht­fel­dern Er­fol­ge zu er­zie­len.)

Von ei­nem Nicht-Wis­sen über die End­lö­sung kann also kei­ne Rede sein. Kaum be­kannt wa­ren al­ler­dings die Exis­tenz und die Lo­ka­li­sie­run­gen der To­des­la­ger.33 Die Be­völ­ke­rung glaub­te, die Er­mor­dung durch Gas fän­de in Wag­gons und Tun­nels statt. Die Nach­rich­ten über die Er­schie­ßun­gen durch die Ein­satz­grup­pen wur­den von den heim­ge­kehr­ten Sol­da­ten der Wehr­macht ver­brei­tet. Und doch gab es bei all dem ei­nen „un­heim­li­chen“ äu­ßerst düs­te­ren Mo­ment der Ge­schich­te, der das Wis­sen wie­der in Un­wis­sen zu­rück­führ­te:

Im Jahr 1942 „ra­di­ka­li­sier­te“ Hit­ler sei­ne Sprach­re­ge­lung noch um ei­nen Grad: Er sprach nicht mehr von „Ver­nich­tung“, son­dern ver­wen­de­te das Verb „aus­rot­ten“. Sei­ne Re­den ent­hiel­ten im­mer mehr „mas­si­ve Be­dro­hun­gen“34 der Ju­den. Das „Wie“ der Aus­rot­tung wur­de je­doch of­fen­ge­las­sen, schreibt Lon­ge­rich. Ein be­harr­li­ches viel­sa­gen­des und un­heim­li­ches Schwei­gen mach­te sich breit. Die Pro­pa­gan­da wan­del­te den Krieg in ei­nen „Ras­sen­krieg“ zwi­schen Deut­schen und Ju­den um. Es  gehe um das Sein oder Nicht-Sein der Deut­schen, be­haup­te­ten Go­eb­bels und Hit­ler.

Die Be­völ­ke­rung be­kam im­mer mehr In­for­ma­tio­nen aus dem Aus­land über das, was mit den Ju­den ge­schah. Aber auch die Füh­rung gab das als eine Kriegs­tat aus­ge­ge­be­ne Ver­bre­chen zu.

Go­eb­bels er­fand den „to­ta­len Krieg“ und die Pa­ro­le „Kraft durch Furcht“. Soll­ten die Deut­schen den Krieg nicht ge­win­nen, wä­ren sie es, die – wie die eu­ro­päi­schen Ju­den – aus­ge­rot­tet wür­den. Von die­ser Angst­ma­che er­war­te­te sich die Füh­rung eine ver­zwei­fel­te Kriegs­an­stren­gung „ih­res“ Vol­kes. Zu­gleich wur­de die Be­völ­ke­rung zum Mit­wis­ser und Kom­pli­zen des un­ge­heu­ren Ver­bre­chens ge­macht. „Sieg oder Un­ter­gang“ war nun die Pa­ro­le.

Hit­ler hat­te schon früh den Wahn ent­wi­ckelt, mit dem Deut­schen Volk mys­tisch ver­eint zu sein. Die Füh­rung zog aus die­sem Wahn die Kon­se­quenz, als sie die Deut­schen in das Ver­bre­chen ein­weih­te und so zu ih­rem Mit­wis­ser ma­chen woll­te.

Doch das ging der Be­völ­ke­rung zu weit! Lon­ge­rich schreibt: „Je wahr­schein­li­cher die­se Nie­der­la­ge (im Krieg ge­gen die mäch­ti­ge Ko­ali­ti­on der Eng­län­der, Ame­ri­ka­ner und Rus­sen) wur­de, des­to grö­ßer war das Be­dürf­nis, sich dem Wis­sen über das of­fen­sicht­lich vor sich ge­hen­de Ver­bre­chen zu ent­zie­hen und sich in os­ten­ta­ti­ve Ah­nungs­lo­sig­keit zu flüch­ten. Die­se Ten­denz, die Hoff­nung, dass die all­ge­mei­ne Be­völ­ke­rung im Fal­le ei­ner Nie­der­la­ge nicht für den Mord an den Ju­den zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den wür­de, ver­stärk­te sich noch, nach­dem das Re­gime sei­ne ‚Kraft-durch-Furcht-Pro­pa­gan­da‘ Mit­te 1943 als weit­ge­hend kon­tra­pro­duk­tiv er­kannt und auf­ge­ge­ben hat­te“. Fa­zit: „ein Man­tel des Schwei­gens (wur­de) über die ‚End­lö­sung‘ aus­ge­brei­tet“35. Auch ein „Nicht-Wis­sen-Wol­len und Nicht-Be­grei­fen-Kön­nen“36.

Was Lon­ge­rich mit die­sem his­to­ri­schen Mo­ment der Wir­kung ei­nes fal­schen Kal­küls der Hit­ler-Füh­rung her­aus­ge­ar­bei­tet hat, scheint nichts an­de­res als eine Ver­drän­gung im Sin­ne von Freuds zwei­ter Theo­rie zu die­sem Be­griff in Hem­mung, Sym­ptom und Angst (1926) zu sein37: nicht die Ver­drän­gung er­zeugt Angst, son­dern die Angst ver­ur­sacht Ver­drän­gung. In die­sem Fall die Angst vor der rä­chen­den Macht der sieg­rei­chen Al­lier­ten. In man­chen Fäl­len dürf­te es sich so­gar um die Ver­wer­fung die­ses Wis­sens ge­han­delt ha­ben, wie das die Straf­frei­heit zahl­rei­cher Nazi-Tä­ter na­he­legt. Viel­leicht soll­te man da von ei­ner „Aus­lö­schung des Wis­sens“ spre­chen.

Denn das Ver­ges­sen des furcht­ba­ren Wis­sens soll­te doch nur ganz kurz dau­ern, so kurz wie die Wo­chen nach der schei­tern­den Kam­pa­gne „Kraft durch Furcht“. Im Ge­gen­teil! Das an die Stel­le des Wis­sens ge­tre­te­ne Nicht-Wis­sen dau­er­te vie­le Jah­re an, in der Nach­kriegs­zeit – und ei­gent­lich bis zum Au­gen­blick, als Hil­berg, die deut­sche und die eng­lisch-spre­chen­de Hol­caust-For­schung die­se fins­te­re Zeit zu durch­leuch­ten be­gan­nen.

Mit un­se­ren ana­ly­ti­schen In­stru­men­ten kön­nen wir sa­gen, dass den Deut­schen38 ein un­ver­zeih­li­cher Feh­ler un­ter­lief: Sie hat­ten im Jah­re 1933 nicht ver­stan­den, dass es  auf dem Weg von der De­mo­kra­tie zur Dik­ta­tur kein Zu­rück gibt. Da­her auch un­se­re Be­sorg­nis an­ge­sichts der Per­spek­ti­ve, dass in Eu­ro­pa eine fa­schis­ti­sche Par­tei an die Macht kom­men könn­te.

Schlim­mer noch: es ge­nüg­te nicht, dem Hit­ler-Re­gime sei­nen „Un­wil­len“ über die schreck­li­chen Maß­nah­men ge­gen die Ju­den zu zei­gen, wie das die deut­sche Be­völ­ke­rung tat. Au­ßer den bei­den At­ten­ta­ten ge­gen Hit­ler hat es so we­ni­ge Akte des Wi­der­stan­des ge­ge­ben, dass sich die Nazi-Dik­ta­tur ei­gent­lich nie vom „ei­ge­nen“ Volk be­droht füh­len muss­te. Der Feind wa­ren die Ju­den oder die aus­län­di­schen Re­gie­run­gen, von de­nen Göb­bels be­haup­te­te, sie sei­en in den Hän­den der Ju­den ge­we­sen! Hit­ler konn­te „sein“ Volk, mit dem er sich bis knapp vor sei­nem Ende iden­ti­fi­zier­te, in ei­nen töd­li­chen Clinch neh­men, aus dem es kein Ent­rin­nen gab.

Zusammenfassend: von der Verleugnung zum Akt

Wir sind vom Be­griff der Ver­leug­nung aus­ge­gan­gen, den Freud im Jah­re 1927 den Ope­ra­tio­nen zur Lo­gik des Un­be­wuss­ten – Ver­drän­gung, Ver­wer­fung, Ver­nei­nung – hin­zu­füg­te. Mit die­sen Ope­ra­tio­nen konn­te er auch die Dif­fe­ren­zie­rung der drei kli­ni­schen Struk­tu­ren – Neu­ro­se, Psy­cho­se und Per­ver­si­on – aus­ar­bei­ten. So sagt er z. B. im Wolfs­mann: „Eine Ver­drän­gung ist et­was an­de­res als eine Ver­wer­fung“39. In ih­rem Zu­sam­men­spiel mit dem Fe­tisch er­weist sich die Ver­leug­nung als die viel­leicht raf­fi­nier­tes­te die­ser Ope­ra­tio­nen, denn sie stellt  zwi­schen der se­xu­el­len Zwei­deu­tig­keit und je­ner der Spra­che eine Ver­bin­dung her. Wir ha­ben die Ver­leug­nung bis zum Fall ei­nes Kin­des­mor­des am Werk ge­se­hen. Das ver­letz­te Kind wird ein­fach lie­ber nicht ge­se­hen, sei­ne phal­li­sche Be­deu­tung ist er­lo­schen. Auch die Ge­sell­schaft gibt die­ses Kind auf!

Im Fal­le der fa­schis­ti­schen Ge­fahr, von de­ren Fol­gen man un­ter­rich­tet ist, könn­te man schon sa­gen, dass die Leu­te vor ihr die Au­gen schlie­ßen. Wir ha­ben es aber vor­ge­zo­gen, zu ar­gu­men­tie­ren, dass sie agie­ren, ohne die Kon­se­quen­zen ih­res Akts auf sich zu neh­men. Sie wür­den die­se eher auf ei­nen Sün­den­bock ab­schie­ben: auf die Im­mi­gran­ten bei­spiels­wei­se. Sie ge­ben sich also ei­nem „fal­schen Akt“ hin, so, wie die meis­ten Po­li­ti­ker und In­tel­lek­tu­el­len dem Ge­sche­hen ge­schwät­zig aber macht­los zu­se­hen, also zu kei­ner wirk­sa­men Tat an­ge­sichts der Ge­fahr schrei­ten. Sie ver­feh­len den Akt nicht, son­dern sie las­sen ihn aus.

Die nicht-jü­di­sche Be­völ­ke­rung im „Drit­ten Reich“ war nicht ein­ver­stan­den mit dem, was den Ju­den ge­schah – aber au­ßer ih­ren „Un­wil­len“ zu zei­gen, tat sie nur we­nig da­ge­gen. Sie hat­te 1933 das Ver­häng­nis ih­rer ei­ge­nen Wahl, aus dem es kein Zu­rück mehr gab, über­se­hen. Auch war sie nicht im­mun ge­gen die Her­ren­si­gni­fi­kan­ten der Hit­ler-Pro­pa­gan­da, die sie von An­fang an ent­frem­de­ten, so dass sie sich von ih­rem dik­ta­to­ri­schen An­de­ren nicht recht­zei­tig tren­nen konn­te. Sie wuss­te um die End­lö­sung, aber das Schei­tern der go­eb­bels­schen Kam­pa­gne „Kraft durch Angst“, die sie zur Kom­pli­zin der Ver­nich­tung ma­chen woll­te, ließ sie die­ses Wis­sen ver­ges­sen, viel­leicht auch aus Scham dar­über, aus ihm kei­ne Kon­se­quen­zen ge­zo­gen zu ha­ben.

Die Theo­rie der Tat, des Ak­tes, hat mehr mit dem To­des­trieb zu tun als mit des­sen an­de­rer Sei­te, dem die Zwei­deu­tig­keit schil­lernd  her­aus­for­dern­den Se­xu­al­trieb. Das ist ihre Schwie­rig­keit und da­her set­zen sich die Theo­re­ti­ker der Lin­ken mit ihr nicht gern aus­ein­an­der. Nur vom Ge­schlechts­akt kann man mit La­can sa­gen, dass er zwei­deu­tig ist, weil es ihn gibt und auch nicht gibt. Von der Er­kennt­nis die­ser Zwie­späl­tig­keit aus ver­such­te La­can den psy­cho­ana­ly­ti­schen Akt auf der Sei­te des Le­bens ein­zu­schrei­ben. Für den in un­se­rem de­mo­kra­ti­schen Wes­ten so sel­ten ge­wor­de­ne po­li­ti­sche Akt ha­ben Sie seit 2015 in Deutsch­land ein gu­tes Bei­spiel von Ih­rer Kanz­le­rin be­kom­men. Als Ana­ly­ti­ker möch­te man ih­ren Akt  für ei­nen über­di­men­sio­na­len psy­cho­ana­ly­ti­schen Akt hal­ten, mit dem, was er brach­te: Ehre und das Wis­sen, dass es nicht an­ders ging.

Trou­vil­le-sur-Mer
8. Au­gust 2016

Ur­he­ber­recht (Co­py­right) für die­sen Ar­ti­kel bei Franz Kal­ten­beck.

Über den Autor

Franz-Kaltenbeck Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pa­ris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire), Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se und Mit­her­aus­ge­ber von Y – Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hören: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Da­vid Fos­ter Wal­lace: Dich­ter, Den­ker, Me­lan­cho­li­ker (In: Y – Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se, 1/2012);  Le­sen mit La­can. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Mi­cha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013); Da­vid Fos­ter Wal­lace au-delà du princi­pe de plai­sir (In: Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se, Nr. 15, 2012)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com
Web­site: franz-kaltenbeck-psychanalyste-psychotherapeute-paris-lille.fr

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Anmerkungen

  1. Köln, 2013, Kie­pen­heu­er & Witsch, S. 150.
  2. Bei­trag zur Ta­gung Macht und Ohn­macht des Rea­len. 9. – 11. Sep­tem­ber 2016. Lei­tung: Prof. Dr. med. L. Götz­mann und Dipl. Psych. O. Boh­len. Se­ge­ber­ger Kli­ni­ken. Vi­ta­lia See­ho­tel. 23795 Bad Se­ge­berg.
  3. Über die al­ten Stie­gen.
  4. Vgl. S. Freud, Fe­ti­schis­mus (1927), in: ders., Ge­sam­mel­te Wer­ke, chro­no­lo­gisch ge­ord­net, Band XIV. Lon­don, 1955, Ima­go, S. 311–317.
  5. Hé­lè­ne L’Heuillet, Phi­lo­so­phin an der Sor­bon­ne und Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin, „Ra­di­ca­li­sa­ti­on et ter­ro­ris­me“, in Cités, 66, 2016, puf, S. 123–136, de­fi­niert die­sen Be­griff als ei­nen Bruch, als eine „Kri­tik ohne Ein­spruch des­sen, wo­mit man bricht, wo­bei man die Sa­che an der Wur­zel fasst und je­den Kom­pro­miss auf der Ebe­ne der Ak­ti­on ab­lehnt“. Wenn man nun un­ter die­sen „Sa­chen“ die west­li­che Le­bens­wei­se, den Ka­pi­ta­lis­mus, das Chris­ten­tum etc. ver­steht, muss man sich fra­gen, ob selbst ge­bil­de­te Ter­ro­ris­ten die Mit­tel dazu ha­ben, die­se Ge­sell­schafts- und Re­li­gi­ons­phä­no­me­ne bis an die Wur­zel zu kri­ti­sie­ren. Die Au­to­rin nennt dann noch die Kon­ver­si­on (zu ex­tre­mis­ti­schen For­men des Is­lams) eine Be­din­gung der Ra­di­ka­li­sie­rung. Bleibt zu fra­gen, war­um sich je­mand, der die Mit­tel zur oben ge­nann­ten Kri­tik hat, sol­cher Be­keh­rung un­ter­zie­hen soll.
  6. Die­sen Be­griff hat Jac­ques-Alain Mil­ler ge­prägt. Die­ses Ob­jekt ist also ein Sprach­pro­dukt und den­noch mehr, näm­lich auch ein Ob­jekt des Ge­nie­ßens. La­can lehnt die On­to­lo­gie ab und be­gnügt sich mit ei­ner On­tik des Ge­nie­ßens.
  7. Sie­he dazu sei­nen Ar­ti­kel Über De­cker­in­ne­run­gen (1899), in: ders., Ge­sam­mel­te Wer­ke, chro­no­lo­gisch ge­ord­net, Bd. I. Lon­don, 1952, Ima­go, S. 531–554.– Im Fe­ti­schis­mus-Auf­satz schreibt Freud 1927:
    „Bei der Ein­set­zung des Fe­tisch scheint viel­mehr ein Vor­gang ein­ge­hal­ten zu wer­den, der an das Halt­ma­chen der Er­in­ne­rung bei trau­ma­ti­scher Amne­sie ge­mahnt. Auch hier bleibt das In­ter­es­se wie un­ter­wegs ste­hen, wird etwa der letz­te Ein­druck vor dem un­heim­li­chen, trau­ma­ti­schen, als Fe­tisch fest­ge­hal­ten. So ver­dankt der Fuß oder Schuh sei­ne Be­vor­zu­gung als Fe­tisch – oder ein Stück der­sel­ben – dem Um­stand, daß die Neu­gier­de des Kna­ben von un­ten, von den Bei­nen her nach dem weib­li­chen Ge­ni­ta­le ge­späht hat; Pelz und Samt fi­xie­ren – wie längst ver­mu­tet wur­de  –den An­blick der Ge­ni­tal­be­haa­rung, auf den der er­sehn­te des weib­li­chen Glie­des hät­te fol­gen sol­len; die so häu­fig zum Fe­tisch er­ko­re­nen Wä­sche­stü­cke hal­ten den Mo­ment der Ent­klei­dung fest, den letz­ten, in dem man das Weib noch für phal­lisch hal­ten durf­te.“ (A.a.O., S. 314) 
  8. A.a.O., S. 313.
  9. Vgl. S. Freud, Die Ver­nei­nung (1925), in: ders., Ge­sam­mel­te Wer­ke, chro­no­lo­gisch ge­ord­net, Bd. XIV. Lon­don, 1955, Ima­go, S. 11–15.
  10. Von mir kur­siv ge­setzt.
  11. A.a.O., S. 313. 
  12. A.a.O., S. 313.
  13. In ei­nem an­de­ren kli­ni­schen Zu­sam­men­hang, dem der Psy­cho­sen, spricht man in der deut­schen Psych­ia­trie von „Ei­gen­be­deu­tung“.
  14. A.a.O., S. 315.
  15. S. Freud, Aus der Ge­schich­te ei­ner in­fan­ti­len Neu­ro­se (1918), in: ders., Ge­sam­mel­te Wer­ke, chro­no­lo­gisch ge­ord­net. Bd. XII. Frank­furt am Main, 1966, S. Fi­scher, S. 111. 
  16. A.a.O., S. 316. 
  17. Vgl. J. La­can, Kant mit Sade, über­setzt von Wolf­gang Fiet­kau, in: ders., Schrif­ten II, hg. Nor­bert Haas. Ol­ten u.a., 1975, Wal­ter-Ver­lag, S. 133–165, hier: S. 147. 
  18. Li­bé­ra­ti­on, Sep­tem­ber 2016. 
  19. An­dre­as Ross, „Ech­te Ame­ri­ka­ner“. F.A.Z., Po­li­tik, Sams­tag, 13. Au­gust 2016.
  20. Ende Augs­ut hat Ma­ri­ne Le Pen er­klärt, sie wer­de sich nur mit dem Na­men „Ma­ri­ne“ zur Wahl stel­len und zwar für die Be­we­gung Bleu Ma­ri­ne, also nicht mit ih­rem Fa­mi­li­en­na­men „Le Pen“ und auch nicht für den Front Na­tio­nal – bei­de Na­men sei­en zu an­stö­ßig (vgl. Ma­ri­ne Le Pen prend ses di­stan­ces avec le FN. In: Le point, 29.8.2016).
  21. Maël de Ca­lan, La vé­rité sur le pro­gram­me du Front na­tio­nal. Pré­face d’Alain Jup­pé. Pa­ris, 2016. Plon. 
  22. Mi­chel Wie­vior­ka, Le séis­me. Ma­ri­ne Le Pen pré­si­den­te. Pa­ris, 2016, Ro­bert Laf­font.
  23. Das hof­fen heu­te noch vie­le Bür­ger Frank­reichs. In­so­fern hat Alain Du­ha­mel recht, von ei­ner „Ver­leug­nung“ der zu­künf­ti­gen Macht­er­grei­fung des Fa­schis­mus zu spre­chen.
  24. Jac­ques La­can, L’acte psy­chana­ly­tique, un­ver­öf­fent­lich­tes Se­mi­nar 1967–1968.
  25. Ro­bert B. Reich, „Wut ist gut“, Spie­gel­ge­spräch, Der Spie­gel, Nr. 32, 6.8. 2016.
  26. Was wie­der­um eine Ver­leug­nung ist! 
  27. Vgl. Raoul Hil­berg, Die Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den, durch­ge­se­he­ne und er­wei­ter­te Aus­ga­be, Frank­furt am Main, 1990, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag.
  28. Ich er­in­ne­re mich z. B. an eine Le­se­buch­ge­schich­te, in der es um ei­nen Sol­da­ten ging, der, un­mit­tel­bar be­vor er das adria­ti­sche Meer zum ers­ten Mal sah, von ei­ner Ku­gel töd­lich ge­trof­fen wur­de. Die­se Ge­schich­te spiel­te im ers­ten Welt­krieg!
  29. Pe­ter Lon­ge­rich, „Da­von ha­ben wir nichts ge­wusst“. Mün­chen, 2007, Pan­the­on.
  30. A.a.O., S. 77. 
  31. A.a.O., S. 115. 
  32. S. 157.
  33. Das geht auch aus ei­nem In­ter­view mit Mar­tin Wal­ser her­vor, das am 28. Au­gust 2016 im ZDF aus­ge­strahlt wur­de. Er hat­te als Her­an­wach­sen­der von Dach­au ge­hört, nicht aber von Ausch­witz. Die ihn be­fra­gen­de Jour­na­lis­tin dräng­te ihn, sei­ne manch­mal zwei­deu­ti­gen Aus­sa­gen („Ausch­witz ohne Ende“ oder die ge­gen Grass und Jens ge­rich­te­te For­mel „Ausch­witz wer­de in­stru­men­ta­li­siert“) zu klä­ren. Er sag­te auch, dass er auf die von den Al­lier­ten ge­mach­ten Pho­tos in den To­des­la­gern nicht „hin­schau­en“ konn­te.
  34. S. 201.
  35. S. 327.
  36. S. 328. 
  37. Vgl. S. Freud, Hem­mung, Sym­ptom und Angst, in: ders., Ge­sam­mel­te Wer­ke, chro­no­lo­gisch ge­ord­net, Bd. XIV. Lon­don, 1955, Ima­go, S. 111–205.
  38. Ge­nau­er: so­wie Ös­ter­rei­chern und ei­ni­gen an­de­ren ih­rer Ver­bün­de­ten
  39. Freud, Aus der Ge­schich­te ei­ner in­fan­ti­len Neu­ro­se, a.a.O., S. 111.

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