Phallus

Mein Zahntraum

TirpitzAl­fred von Tir­pitz, 1903, Groß­ad­mi­ral und Staats­se­kre­tär des Reichs­ma­ri­ne­amts
Fo­to­graf un­be­kannt

Ich war neu­gie­rig, in wel­cher Form mir der Phal­lus er­schei­nen wür­de. Heu­te früh, beim Auf­wa­chen, er­in­ne­re ich mich, dass ich die­sen Satz ge­träumt habe:

He (oder „she“?) den­ted in for …

Die Er­in­ne­rung ist von ei­nem Ge­fühl der Be­lus­ti­gung be­glei­tet: ei­gen­ar­tig, dass ich Eng­lisch träu­me, und dann ein sol­ches.

Ers­te As­so­zia­tio­nen: „Sich (k)einen Za­cken aus der Kro­ne bre­chen.“ Der Ver­such der Ägyp­ter, Mu­ba­rak zu stür­zen. „Oba­ma re­ached out for the other side of the ais­le.“ S. wur­de vor kur­zem ein Weis­heits­zahn ge­zo­gen, das war für sie er­schüt­tern­de Er­fah­rung.

Der eng­li­sche Satz meint: „Oba­ma mach­te ein An­ge­bot an die an­de­re Sei­te des Gangs“ = an die Op­po­si­ti­on. (Kor­rekt wäre „to the other side“.) Der Zahn war kein Weis­heits­zahn, son­dern ein ge­wöhn­li­cher Ba­cken­zahn, sagt S.

War­um habe ich ei­nen eng­li­schen Satz ge­träumt? Hat­te ich mich mit Anna O. iden­ti­fi­ziert, also mit Ber­tha Pap­pen­heim, Breu­ers ers­ter Pa­ti­en­tin, die wäh­rend der Be­hand­lung pha­sen­wei­se nur eng­lisch sprach? Am Vor­tag war über ich über eine Be­mer­kung von La­can ge­stol­pert, in der von Freud „am Saum der Psy­cho­ana­ly­se“ die Rede war, also in den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se, das hat­te die Er­in­ne­rung an die „Stu­di­en über Hys­te­rie“ auf­ge­scheucht, in de­nen Anna O. ih­ren Auf­tritt hat.

Dent: Dass die klei­nen Aus­schlä­ge in der Kur­ve ei­nes Kur­ven­dia­gramms „dents“ ge­nannt wer­den, Zähn­chen, wuss­te ich. Wenn Paul Krug­man in der New York Times die Ent­wick­lung der Wirt­schaft kom­men­tiert, spricht er oft von sol­chen „dents“ und da­von, dass man ein­zel­ne „dents“ nicht über­be­wer­ten darf. Nach un­ten ge­rich­te­te, be­son­ders gro­ße „dents“ hei­ßen „dips“, Ein­tau­cher, eine dop­pel­te Re­zes­si­on er­scheint im Dia­gramm als„double dip“. (Wo­mit ich beim The­ma „Zu­sam­men­bruch des Sys­tems“ wäre.) Als ich zum ers­ten Mal auf den Aus­druck „dou­ble dip“ stieß, muss­te ich an den Bart von Tir­pitz den­ken, der die Form ei­nes „dou­ble dip“ hat, ei­nes gro­ßen W – eine Hul­di­gung an sei­nen Kai­ser? Wo­mit ich schon wie­der beim Sys­tem­zu­sam­men­bruch wäre (beim Flot­ten­pro­gramm, das sich als mi­li­tä­ri­sche Fehl­kal­ku­la­ti­on er­wies; bei der Nie­der­la­ge im Ers­ten Welt­krieg; bei der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on; beim Aus­zie­hen der Weis­heit / des Weis­heits­zahns) und zu­gleich beim „gro­ßen Weh“, z.B. beim Zahn­weh. Wenn ich mir das Bild des Ad­mi­rals an­schaue, kommt in mir un­wei­ger­lich ein Ge­fühl der Be­lus­ti­gung auf, das­sel­be Ge­fühl wie heu­te früh beim Auf­wa­chen, als ich mich an den Traum­satz er­in­ner­te.

To dent: Im Schlaf habe ich aus dem Sub­stan­tiv „dent“ ein Verb ge­macht, „to dent“, also „ei­nen Za­cken in ei­ner Kur­ve her­bei­füh­ren“, „aus­za­cken“. Beim Auf­wa­chen war ich da­von über­zeugt, dass dies fal­sches Eng­lisch sei, aber das Le­xi­kon hat mich ei­nes Bes­se­ren be­lehrt; „to dent“ geht. Wört­lich heißt es „zah­nen“, und das ist das Ge­gen­teil des Zahn­zie­hens.

Den­ted in: Die prä­po­si­tio­na­le Wen­dung „den­ted in“ ist eine Traum­er­fin­dung (träu­me ich eng­li­sche Sät­ze, weil ich möch­te, dass mein Eng­lisch „traum­haft“ ist?). Die Be­deu­tung ist klar: „ein­ge­zackt“, „ein­ge­beult“, „ein­ge­zahnt“. Viel­leicht, be­zo­gen auf ei­nen Zahn, „ein­ge­schla­gen“? Also das Ge­gen­teil von „zah­nen“? Ei­ni­ge Tage zu­vor hat­te ich ein Vi­deo ge­se­hen, in dem ein Re­gis­seur sich zu sei­nem Film äu­ßer­te; auf sei­nen Zäh­nen la­gen Schat­ten, und ich frag­te mich, ob ihm tat­säch­lich Zäh­ne fehl­ten oder ob er nur schlecht be­leuch­tet war. Der Satz ist ab­ge­bro­chen, als wäre ihm ein Zahn aus­ge­schla­gen.

For: Wie ist das „for“ in „den­ted in for“ ge­meint? Beim Auf­wa­chen ist mir klar, dass es sich um ein ob­jekt­be­zo­ge­nes „nach“ han­delt, wie in „Oh! Su­san­na, Oh don’t you cry for me“. In mei­ner Er­in­ne­rung heißt es hart­nä­ckig „Why don’t you cry for me“; was im Lied in Fra­ge steht, hat sich in eine Tat­sa­che ver­wan­delt. Das Ein­ge­zackt­sein, das Ein­ge­schla­gen­sein des Zahns hat durch das „for“ in­ten­tio­na­len Cha­rak­ter, es ist auf et­was aus­ge­rich­tet, es strebt nach et­was; das „for“ ist ein „for“ des Be­geh­rens, wie in „lon­ging for“.

…: Der Satz bricht ab, was an die „ab­ge­bro­che­nen Re­dens­ar­ten“ von Da­ni­el Paul Schre­ber den­ken lässt (bei Schre­ber etwa „Nun will ich mich …“). Schre­bers Sät­ze bre­chen nach ei­ner be­stimm­ten Wort­art ab, nach Aus­drü­cken, die auf den Spre­cher ver­wei­sen (wie „mich“), in Ja­kobsons Ter­mi­no­lo­gie: nach ei­nem Shif­ter.1 Mein Traum­satz bricht nach ei­nem Ele­ment ab, das eine an­de­re Funk­ti­on hat, das „for“ stellt den Ob­jekt­be­zug des Verbs her, das Ob­jekt selbst je­doch wird ver­drängt, der Ziel­punkt der Stre­bung bleibt un­be­stimmt zu­min­dest im Traum­satz. In der Lie­das­so­zia­ti­on kommt es um­stands­los zum Vor­schein (ähn­lich wie bei Schre­ber, der ge­nau weiß, wie die ab­ge­bro­che­nen Sät­ze zu be­en­den sind). Das Ob­jekt, auf das sich das „for“ rich­tet, ist der Spre­cher („for me“), der Traum­satz bricht nicht nach dem Shif­ter ab, son­dern da­vor; das ist es, was mich vom Se­nats­prä­si­den­ten un­ter­schei­det. Das un­ter­drück­te Spre­cher-Ob­jekt spielt eine be­mit­lei­dens­wer­te und be­sin­gens­wer­te Rol­le, die ei­nes We­sens, das nicht be­trau­ert wird, das nicht be­gehrt wird zu­min­dest nicht von Su­san­na.

Wie zeigt sich hier die Di­men­si­on des Si­gni­fi­kan­ten? Zum ei­nen na­tür­lich dar­in, dass der Satz schwer ver­ständ­lich ist, dass er eng­lisch ist und dass er ab­ge­bro­chen ist. Das Si­gni­fi­kat ent­zieht sich und zwar ei­gen­ar­tig de­mons­tra­tiv – der Satz prä­sen­tiert sich als Fast-Un­sinn; Si­gni­fi­ka­te kön­nen nicht deutsch oder eng­lisch sein; Si­gni­fi­ka­te kön­nen un­klar sein, nicht aber ab­ge­bro­chen. In­so­fern lie­fert der Satz eine schö­ne Il­lus­tra­ti­on für den Pri­mat der Si­gni­fi­kan­ten ge­gen­über dem Si­gni­fi­kat.

Die sym­bo­li­sche Di­men­si­on geht dar­über hin­aus. Beim Auf­wa­chen be­schäf­tigt mich die Fra­ge, was ge­nau ich un­ter dem „den­ted in“ zu ver­ste­hen habe. Zeigt der Aus­schlag der Kur­ve nach oben oder nach un­ten? Han­delt es sich um ei­nen „po­si­ti­ven“ oder um ei­nen „ne­ga­ti­ven“ Za­cken? Ich ver­su­che mich zu er­in­nern, aber ich sehe kein kla­res Bild vor mir, und das be­un­ru­higt mich. Die Aus­buch­tung der Kur­ve funk­tio­niert vor dem Hin­ter­grund des Ge­gen­sat­zes von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit, al­ler­dings so, dass un­be­stimmt ist, nach wel­cher Sei­te der Za­cken aus­ge­beult ist.

Was mich da­von über­zeugt hat, dass mir im Traum nicht nur ein schlich­ter Si­gni­fi­kant er­schie­nen ist, son­dern der Phal­lus höchst­per­sön­lich, ist der An­fang des Sat­zes, das „He (oder ‚she‘?)“. Ich kann mich beim Auf­wa­chen nicht dar­an er­in­nern, ob der ge­träum­te Satz mit ei­nem „he“ oder ei­nem „she“ be­gann – wahr­schein­lich mit ei­nem „he“, mög­li­cher­wei­se mit ei­nem „she“. Und da­mit ist die Fra­ge nach der Ge­schlech­ter­dif­fe­renz im Spiel, die Fra­ge von Anna O.

Und das Ge­fühl der Be­lus­ti­gung? Kei­ne Ah­nung, aber im­mer­hin ver­bin­det La­can den Phal­lus mit der Ko­mö­die2 und mit dem Ko­mi­schen3.

Vor ei­ni­gen Ta­gen war ich in ei­nem Ge­spräch mit G. beim The­ma hän­gen ge­blie­ben, auf wel­che Wei­se sich der Phal­lus-Si­gni­fi­kant kon­kret be­merk­bar macht; gern hät­te ich ein plas­ti­sches Bei­spiel ge­habt. Heu­te nacht hat mein Traum mir die­sen Wunsch er­füllt. Vie­len Dank, lie­bes Un­be­wuss­tes!

Der Phal­lus, der in der Op­po­si­ti­on von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit er­scheint, je­doch so, dass der Ge­gen­satz flüs­sig ist, dass die An­we­sen­heit die Ab­we­sen­heit ist und die An­we­sen­heit die Ab­we­sen­heit: eben das ist der ima­gi­nä­re Phal­lus.4

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Anmerkungen

  1. Vgl. La­can: Über eine Fra­ge, die je­der mög­li­chen Be­hand­lung der Psy­cho­se vor­aus­geht (1959). In: Ders.: Schrif­ten II. Wal­ter­Ver­lag, Ol­ten und Frei­burg im Breis­gau 1975, S. 61117, v.a. S. 72
  2. Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 309–318
  3. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 11.3.1975
  4. Vgl. Se­mi­nar 4, Ver­sion Miller/Gondek, S. 243, 247, 284; Se­mi­nar 6, Ver­sion Mil­ler, Sit­zun­gen vom 14. Ja­nuar 1959 bis ein­schließ­lich 11. Fe­bruar 1959.

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