Kant mit Sade

Horkheimer & Adorno vs. Lacan

Kant mit Sade 4Montage Kant mit Sade: Rolf Nemitz, unter Verwendung einer Zeichnung von Kant als Spaziergänger (um 1798) und einer zeitgenössischen Illustration zu Juliette

Lacan vergleicht Kant mit Sade, zuerst in Seminar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psychoanalyse, dann im Aufsatz Kant mit Sade von 1963.1 Er folgt hierin Andeutungen Freuds, der einerseits vom „kategorischen Imperativ“ des Über-Ichs spricht, andererseits vom „Sadismus“ des Über-Ichs.2 Damit stellt sich die Frage: In welchem Verhältnis steht Kants kategorischer Imperativ zum Sadismus von Sade? Die ersten, die versucht haben, hierauf eine Antwort zu geben, waren Horkheimer und Adorno, in der Dialektik der Aufklärung von 1944. Worin unterscheidet sich der von den kritischen Theoretikern durchgeführte Vergleich von dem, den später Lacan vorgenommen hat?3

Für Horkheimer und Adorno besteht die Gemeinsamkeit von Kant und Sade im Vernunftbegriff. Für Kant wie für Sade ist die Vernunft ein System; beide begreifen die Vernunft als ein Organ der Planung für beliebige Zwecke (sagen Horkheimer und Adorno). Dieser Typ der Vernunft ist von Kant — in der Sicht der Frankfurter — transzendental begründet worden.4 Der Systemcharakter der kantischen Philosophie „kündigt wie die Turnerpyramiden der Sadeschen Orgien“5 eine Organisation des Lebens an, die von inhaltlichen Zielen entleert ist.

Horkheimer und Adorno beziehen ihre These nicht auf Kant schlechthin. Sie zielen speziell auf die Kritik der reinen Vernunft. Was die kantische Moralphilosophie angeht, ergibt sich für sie ein anderes Bild.

Zwar sehen sie auch hier eine Gemeinsamkeit von Kant und Sade: das Lob der Apathie. Von Kant wie von Sade wird die Gefühllosigkeit als Tugend gepriesen.6

Insgesamt jedoch, so argumentieren Horkheimer und Adorno, widerspricht Kant in seiner Moralphilosophie dem Vernunftbegriff, den er in der Kritik der reinen Vernunft entwickelt hat. Seine Ethik ist ein „Gewaltstreich“.7 Kant nimmt sich darin vor, die Verpflichtung zur wechselseitigen Achtung auf die Achtung vor der bloßen Form des Gesetzes zu gründen; diese Ableitung findet – so sagen Horkheimer und Adorno – in der Vernunftkritik jedoch keine Basis.8 In seiner Moralphilosophie begrenzt Kant die Kritik, um die Möglichkeit einer Vernunft zu retten, der es um Ziele geht, nicht bloß um Mittel.9

Horkheimer und Adorno sehen bei Kant demnach einen Gegensatz zwischen der Fundierung der kalkulierenden Vernunft, durchgeführt in der Kritik der reinen Vernunft, und dem kategorischen Imperativ, dem Sittengesetz.

Diese Opposition zeigt sich für sie nicht nur bei Kant, sondern auch bei Sade. Bezogen auf die Heldin seines Romans Justine10 schreiben sie: „Justine, die gute der beiden Schwestern, ist eine Märtyrerin des Sittengesetzes.“11 Justine ist für Horkheimer und Adorno ein Opfer der kalkulierenden Vernunft. Sie ist eine Märtyrerin des Sittengesetzes nicht in dem Sinne, dass sie unter dem Sittengesetz leidet, sondern dass sie – gegen die kalkulierende Vernunft – durch ihr Leiden die Wahrheit des Sittengesetzes bezeugt.

Lacan begreift das Verhältnis zwischen Kant und Sade umgekehrt. Dort, wo sich für die kritischen Theoretiker zwischen Kant und Sade ein Abgrund auftut, beim Sittengesetz, beim kategorischen Imperativ, genau dort sieht Lacan ihre größte Nähe. Die Sadesche Genussmaxime orientiert sich an der Form der Universalität und damit am kategorischen Imperativ;  das ist Lacans These, die er von Blanchot übernimmt.12 Sade ist heimlicher Kantianer — im Bereich der Moral. Für Lacan ist Justine nicht eine Märtyrerin, die durch ihr Leiden die Wahrheit des Sittengesetzes bezeugt, vielmehr ist sie sein Opfer. Sie leidet nicht für das Sittengesetz, sondern unter ihm.

Der Vergleich zwischen Kant und Sade in der Dialektik der Aufklärung trägt den Titel Juliette oder Aufklärung und Moral. Die Differenz zwischen Horkheimer/Adorno und Lacan bezieht sich auf genau diesen Punkt: auf das Verhältnis zwischen Juliette und Moral. Ist die kantische Moral ein Versuch, der instrumentellen Vernunft, wie sie etwa in Juliette am Werk ist, Einhalt zu gebieten? Das ist die These von Horkheimer und Adorno. Oder orientiert sich Sade in Juliette an einer Moral kantischen Typs? Das ist die These Lacans.

(Text und Grafik urheberrechtlich geschützt, 2013, Rolf Nemitz)

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Anmerkungen

  1. Kant mit Sade gibt es in zwei Versionen, die erste erschien 1963, eine überarbeitete Fassung wurde 1966 in den Écrits veröffentlicht.
  2. Vgl. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 315, 319. Vom „Sadismus“ des Über-Ichs schreibt Freud auch in Das ökonomische Problem des Masochismus (1924). In: Ders: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 352.
  3. Zum Unterschied zwischen dem von Horkheimer und Adorno vorgenommenen Vergleich zwischen Kant und Sade und dem von Lacan siehe auch: Slavoj Žižek: Radical Evil as a Freudian Category. In: Lacan.com, 2008.
  4. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1969, S. 95.
  5. Ebd.
  6. Vgl. a.a.O., S. 102 f.
  7. A.a.O., S. 92.
  8. Ebd.
  9. Vgl. a.a.O., S. 101.
  10. Sades Roman Justine gibt es in drei Versionen mit drei unterschiedlichen Titeln:
    1. Fassung: Les Infortunes de la vertu (Die Missgeschicke der Tugend), geschrieben 1787, veröffentlicht 1930,
    2. Fassung: Justine ou les Malheurs de la vertu (Justine oder Die Unglücke der Tugend), veröffentlicht 1791,
    3. Fassung: La Nouvelle Justine, ou les Malheurs de la vertu (Die neue Justine oder Die Unglücke der Tugend), veröffentlicht 1799.
  11. A.a.O., S. 101.
  12. Vgl. Die Ethik der Psychoanalyse, Version Miller/Haas, S. 98, 244; Kant mit Sade, in: Schriften II, S. 138 f.

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