Mit Jacques Lacan im Kino

Die Struktur des Masochismus, am Beispiel des Films Secretary

Secretary - Holloway verharrt mit den Händen auf dem SchreibtischLee Hol­lo­way (Mag­gie Gyl­len­haal) ver­harrt mit den Hän­den auf dem Schreib­tisch
Se­creta­ry (USA 2002), Dreh­buch: Erin Cres­si­da Wil­son, Re­gie: Ste­ven Shain­berg
Co­py­right: Slough Pond, Two­Po­und­Bag Pro­duc­tions, dou­ble A Films

Der Film Se­creta­ry (USA 2002) ist eine sa­do­ma­so­chis­ti­sche Lie­bes­ko­mö­die. Was sieht man, wenn man die Hand­lung mit­hil­fe des Sche­mas des Ma­so­chis­mus be­ob­ach­tet, das La­can in Kant mit Sade vor­ge­stellt hat?1

Jacques Lacan, Kant mit Sade, Schema 2 - Écrits S. 778

Sche­ma 2
aus „Kant mit Sade

In Kant mit Sade trägt das Dia­gramm des Ma­so­chis­mus die Be­zeich­nung „Sche­ma 2“. Eine Er­läu­te­rung fin­det man in die­sem Blog hier, eine über­ar­bei­te­te Fas­sung der Über­set­zung von Kant mit Sade hier.

Im Sche­ma steht die lin­ke Sei­te (mit a und $) für das Sub­jekt, also für den Ma­so­chis­ten oder die Ma­so­chis­tin, die rech­te Sei­te (mit V und S) für den An­de­ren des Ma­so­chis­ten, für sei­ne Part­ner (falls man das Wort hier ver­wen­den kann), etwa für sei­nen Herrn oder sei­ne Her­rin­nen. Im fol­gen­den Dia­gramm habe ich die lin­ke Sei­te des­halb mit „Sub­jekt“ über­schrie­ben, die rech­te mit „An­de­rer“.

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - mit Subjekt u Anderer Kopie

Die Handlung

Lee Hol­lo­way (ge­spielt von Mag­gie Gyl­len­haal), eine jun­ge un­si­che­re Frau, die bei ih­ren El­tern lebt, er­lei­det beim „Rit­zen“ ei­nen Un­fall, be­sucht, als sie aus der Kli­nik kommt, ei­nen Schreib­ma­schi­nen­kurs und tritt dann ih­ren ers­ten Job an. Sie wird Schreib­kraft bei dem Rechts­an­walt E. Ed­ward Grey (Ja­mes Spa­der).

Von sei­nem au­to­ri­tä­ren Auf­tre­ten ist sie fas­zi­niert, und auf sei­nen Be­fehl hin hört sie auf, sich zu ver­let­zen. Ihr de­vo­tes Ver­hal­ten ruft sei­ne Be­gier­den wach, und die bei­den be­gin­nen eine ein­ver­nehm­li­che sa­do­ma­so­chis­ti­sche Af­fä­re. Auf sein Kom­man­do hin beugt sie sich über sei­nen Schreib­tisch und er schlägt sie auf den Hin­tern. Die Be­zie­hung ist für bei­de se­xu­ell be­frie­di­gend.

Hol­lo­way ist mit ih­ren ma­so­chis­ti­schen Nei­gun­gen ein­ver­stan­den und ent­wi­ckelt eine lei­den­schaft­li­che Lie­be zu Grey. Die­ser fin­det sei­ne sa­dis­ti­schen Ge­lüs­te ab­sto­ßend und be­müht sich, zu ei­ner rei­nen Ar­beits­be­zie­hung zu­rück­zu­keh­ren. Als es ihr ge­lingt, ihn zur Wie­der­auf­nah­me der Af­fä­re zu pro­vo­zie­ren, ent­lässt er sie.

Von ei­nem Schul­freund ganz ohne sa­dis­ti­sche Nei­gun­gen be­kommt Hol­lo­way ei­nen Hei­rats­an­trag, und sie wil­ligt ein. Kurz vor der ge­plan­ten Hoch­zeit läuft sie ih­rem Ver­lob­ten da­von und er­klärt Grey, dass sie ihn lie­be. Er ant­wor­tet, er glau­be ihr nicht, und un­ter­wirft sie ei­ner Be­wäh­rungs­pro­be. Sie soll an sei­nem Schreib­tisch sit­zen blei­ben, mit den Hand­flä­chen auf der Tisch­plat­te und den Fü­ßen auf dem Bo­den – so­lan­ge, bis er zu­rück­kommt.2 Sie er­starrt in der be­foh­le­nen Po­si­ti­on und ver­harrt so ta­ge­lang. Ihr Ver­hal­ten wird zu ei­nem öf­fent­li­chen Er­eig­nis, Ver­wand­te und Be­kann­te re­den auf sie ein, ei­ni­ge ab­leh­nend, die meis­ten un­ter­stüt­zend; so­gar das Fern­se­hen rückt an.

Von fer­ne be­ob­ach­tet Grey das Ge­sche­hen und ist von Hol­lo­way be­ein­druckt. Als er zu ihr zu­rück­kommt – sie ist na­he­zu be­wusst­los –, gibt er ihr zu trin­ken, trägt sie in sei­ne Woh­nung und ba­det sie. Die bei­den hei­ra­ten und ver­su­chen, ihre sa­do­ma­so­chis­ti­schen Nei­gun­gen dau­er­haft in ih­ren All­tag zu in­te­grie­ren.

*

Der Film be­ruht auf der Kurz­ge­schich­te Se­creta­ry von Mary Gaits­kill.3 Die Film­ad­ap­ti­on stammt von Erin Cres­si­da Wil­son und Ste­ven Shain­berg. Das Dreh­buch schrieb Wil­son; Shain­berg führ­te Re­gie. Das Dreh­buch ist als Buch ver­öf­fent­licht wor­den, sie­he hier4; eine Tran­skrip­ti­on der Dia­lo­ge fin­det man hier.

Auch in der Kurz­ge­schich­te von Mary Gaits­kill geht es um eine jun­ge Frau, die, als Se­kre­tä­rin bei ei­nem Rechts­an­walt, ih­ren ers­ten Job an­tritt, für Tipp­feh­ler von ihm auf den Hin­tern ge­schla­gen wird und die das se­xu­ell er­regt. An­ders als im Film ver­liebt sie sich nicht in ih­ren Ar­beit­ge­ber; sie ist es, die die Stel­le auf­gibt. Die ers­te Hälf­te des Films ent­spricht in etwa der Kurz­ge­schich­te, die zwei­te ist eine Er­fin­dung der Dreh­buch­au­to­rin, die im ers­ten Teil auch das The­ma der Selbst­ver­let­zung hin­zu­ge­fügt hat.5

Lacans Schema des Masochismus

a: das Objekt a

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - mit Subjekt und Anderer - a gelbDer An­fang der Pfeil­li­nie, der Platz oben links auf der Sei­te des Sub­jekts, ist mit ei­nem klei­nen a be­zeich­net. Der Buch­sta­be a sym­bo­li­siert das Ob­jekt a, La­cans Ver­si­on des­sen, was in der Psy­cho­ana­ly­se sonst als „Par­ti­al­ob­jekt“ be­zeich­net wird, etwa Brust oder Kot, ein Ob­jekt, auf das sich die Par­ti­al­trie­be be­zie­hen. Die­ses Ob­jekt ist, in La­cans Per­spek­ti­ve, die phan­tas­ma­ti­sche Sym­bo­li­sie­rung des­sen, was das Sub­jekt von sich op­fern muss, wenn es der Spra­che und der sym­bo­li­schen Ord­nung un­ter­wor­fen wird. Da­mit das Ob­jekt die­se Funk­ti­on er­fül­len kann, muss es et­was sein, wo­von das Sub­jekt sich ge­trennt hat, und es muss sich auf ein Feh­len be­zie­hen.6 Das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt iden­ti­fi­ziert sich mit dem Ob­jekt a.

Hol­lo­way ist de­vot, sie macht sich zum In­stru­ment für Greys For­de­run­gen. In die­sem Sin­ne ist sie für Grey ein Ob­jekt, das ist of­fen­sicht­lich. Aber wel­che Art von Ob­jekt?

Stellenanzeigen in der Mülltonne

Hol­lo­way sieht die Stel­len­an­zei­gen in der Müll­ton­ne

Die An­non­cen, auf die hin sie sich be­wirbt, fin­det sie in ei­nem Ab­fall­ei­mer (Bil­der zum Ver­grö­ßern an­kli­cken).

Ihre zwei­te dienst­li­che Hand­lung – nach dem Kaf­fee­ko­chen – wird fol­gen­der­ma­ßen ein­ge­lei­tet.

Grey: „Ich glau­be, ich habe ver­se­hent­lich mei­ne Un­ter­la­gen vom Feld­man-Fall weg­ge­wor­fen. Viel­leicht könn­ten Sie … “

Hol­lo­way (eif­rig): „Den gan­zen Müll durch­su­chen?“

Grey: „Ja, Lee, dan­ke.“

Hol­lo­way geht. Grey wirft die Do­nuts, die sie ihm mit­ge­bracht hat, in den Pa­pier­korb und tritt ans Fens­ter. Fas­zi­niert be­ob­ach­tet er, wie sie auf dem Hof in ei­nen Müll­con­tai­ner klet­tert und ihn durch­wühlt.

Grey wirft Hol­lo­ways Gabe in den Pa­pier­korb: ein Bild für die Tren­nung, die Se­pa­ra­ti­on, durch die das Ob­jekt a ent­steht. Hol­lo­way fällt in den Con­tai­ner: sie iden­ti­fi­ziert sich mit dem Ab­fall.

Be­reits wäh­rend des Ein­stel­lungs­ge­sprächs soll sie Kaf­fee ko­chen. Sie über­gießt sich ver­se­hent­lich mit Was­ser, ihre Blu­se wird nass.

Am Schluss der Hand­lung sitzt sie, auf Greys Be­fehl hin, meh­re­re Tage lang wie an­ge­schweißt an sei­nem Schreib­tisch. Das heißt: sie geht nicht aufs Klo. Man hört und man sieht, wie ihr Harn auf den Fuß­bo­den rinnt. Das Ob­jekt, mit dem sie sich wäh­rend der Be­wäh­rungs­pro­be iden­ti­fi­ziert, ist der Urin. Das ent­spricht Freuds Be­haup­tung über den Zu­sam­men­hang zwi­schen Urin und Ehr­geiz.7 Hol­lo­way ver­sucht, Gray et­was zu be­wei­sen, und der Be­weis be­steht dar­in, dass sie eine Art Still­hal­te­re­kord auf­stellt.

Secretary - Urin läuft den Schreibtischstuhl hinunter

Hol­lo­ways Urin läuft vom Schreib­tisch­stuhl auf den Bo­den

Bei den se­xu­el­len Be­geg­nun­gen mit Grey muss sie, wäh­rend er sie schlägt, aus ei­nem Brief vor­le­sen, den er ihr dik­tiert hat und der sei­ne Kor­rek­tur­k­rin­gel trägt. In die­ser Si­tua­ti­on re­du­ziert sich ihr Spre­chen dar­auf, dem, was er ge­schrie­ben hat, eine Stim­me zu ver­lei­hen. Die­se Stim­me ist vom Au­tor des Brie­fes, von Grey, ge­trennt. Der sa­do­ma­so­chis­ti­sche Trieb, sagt La­can, ist der In­vo­ka­ti­ons- oder An­ru­fungs­trieb.8 In Kant mit Sade ver­gleicht er die Stim­me als Ob­jekt a mit der Funk­ti­on ei­nes He­rolds9; wäh­rend der Schla­ge­sze­nen macht Hol­lo­way sich zu Greys He­rol­din.10

Im All­tag iden­ti­fi­ziert Hol­lo­way sich mit dem ana­len Ob­jekt, wäh­rend ei­ner Be­wäh­rungs­pro­be mit dem ure­thra­len Ob­jekt und bei der In­sze­nie­rung des se­xu­el­len Phan­tas­mas mit der Stim­me als Ob­jekt a.

Un­ter die­sen Ob­jek­ten hat die Stim­me das größ­te Ge­wicht. Nicht nur, weil sie beim se­xu­el­len Akt ins Spiel ge­bracht wird, son­dern auch des­halb, weil sie im Ver­lauf der Film­hand­lung er­zo­gen wor­den ist.

Grey be­stellt Hol­lo­way zu sich ins Büro.

Grey: „Okay. Das Te­le­fon klin­gelt.“

Hol­lo­way schaut sich ir­ri­tiert um: kein Te­le­fon ist zu hö­ren.

Grey: „Gehn Sie dran!“

Hol­lo­way: „Tut mir leid …“

Grey: „Brr­ring! Brr­ring!“

Hol­lo­way ver­steht. Sie geht zu dem noch im­mer nicht klin­geln­den Te­le­fon, nimmt den Hö­rer ab und sagt: „Hal­lo, hier ist die An­walts­kanz­lei von …“

Grey un­ter­bricht sie: „Hö­ren Sie zu. Sie sind ein gro­ßes Mäd­chen. Ich schät­ze mal, da ver­birgt sich eine kräf­ti­ge­re Stim­me in die­ser win­zi­gen Keh­le.“

Hol­lo­way: „Win­zig?“

Grey: „Miss Hol­lo­way, als ich Sie ein­stell­te, ha­ben Sie mir ge­sagt, dass Sie ge­wohnt sind, ans Te­le­fon zu ge­hen.“

Die Übung wird wie­der­holt, Hol­lo­way spricht lau­ter.

Grey klatscht hef­tig und sagt: „Sehn Sie, sehn Sie, sehn Sie, das nenn ich, Mumm an den Tag le­gen. Ich hab doch kein Be­stat­tungs­un­ter­neh­men.“

Hol­lo­way, ver­le­gen lä­chelnd: „Nein.“

Hol­lo­ways Stim­me soll den Tod de­men­tie­ren. Es ist eine von ih­rem Herrn ge­schul­te Stim­me, her master’s voice.

Das Ob­jekt a wird bei der An­nä­he­rung des Rea­len ge­bil­det, sagt La­can. Wenn das Sub­jekt da­mit kon­fron­tiert ist, dass es im Sym­bo­li­schen nicht re­prä­sen­tiert ist (wenn es sich also dem Rea­len an­nä­hert), ver­stüm­melt es er­satz­wei­se sich selbst und fin­det da­durch ei­nen Re­prä­sen­tan­ten; durch die­se Se­pa­ra­ti­on ent­steht das Ob­jekt a.11 Im Film wird dies prä­gnant in Sze­ne ge­setzt. Nach­dem Hol­lo­way von Grey zum ers­ten Mal we­gen ih­rer Schreib­feh­ler her­un­ter­ge­putzt wor­den ist, schnei­det sie, wie­der al­lein, ein Stück Stoff aus ih­rem Rock­saum und schreibt dazu ei­nen Brief:

Das Stück Stoff, das Holloway aus ihrem Rock geschnitten hat

Auf der Schreib­ma­schi­ne: das Stück Stoff, das Hol­lo­way aus ih­rem Rock ge­schnit­ten hat

Ein Stück von mir.
Ein klei­nes Op­fer,
Für E. Ed­ward Grey.”

Dann ver­nich­tet sie den Brief.

V: der Wille zum Genießen

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - mit Subjekt und Anderer - V gelbIm Sche­ma führt der Pfeil vom Buch­sta­ben klein a auf der Sei­te des Sub­jekts, links oben, hin zum Buch­sta­ben groß V auf der Sei­te des An­de­ren, rechts oben. V steht für vo­lon­té; ge­meint ist der vo­lon­té de jouis­sance, der Wil­le zur Lust, der Wil­le zum Ge­nie­ßen.12 Das Men­schen­we­sen wird, La­can zu­fol­ge, da­durch zum Sub­jekt, dass es vom An­de­ren be­gehrt wer­den will – das Be­geh­ren ist das Be­geh­ren des An­de­ren. Im Sche­ma steht die obe­re vom Sub­jekt zum An­de­ren füh­ren­de Li­nie für die­se Be­zie­hung. Im Ma­so­chis­mus hat das be­gehr­te Be­geh­ren des An­de­ren die Form des Wil­lens zum Ge­nie­ßen.

Wenn Grey mit Hol­lo­way spricht, gibt er ihr An­wei­sun­gen. Da­bei geht es zu­nächst um Auf­trä­ge, wie ein Ar­beit­ge­ber sie üb­li­cher­wei­se sei­nen An­ge­stell­ten er­teilt:

Schrei­ben Sie die­sen Brief und schi­cken Sie vier Ko­pi­en an O’Malley & Bar­rett.”

In La­cans Be­griff­lich­keit ist eine Äu­ße­rung die­ser Art eine de­man­de, eine For­de­rung, ein An­spruch.

Hol­lo­way be­folgt Greys An­wei­sun­gen um­stands­los und ohne Mucks. Sie ist un­ter­wür­fig, wie Greys frü­he­re Freun­din über sie sagt, mit La­can: sie be­gehrt den An­spruch. Hol­lo­way be­folgt nicht ein­zel­ne von Greys An­wei­sun­gen, wäh­rend sie an­de­re in Fra­ge stellt oder sich ih­nen ent­zieht. Mit Lei­den­schaft be­folgt sie alle sei­ne An­wei­sun­gen. Sei­ne For­de­run­gen sind für sie das Ge­setz.

Im Ver­lauf der Hand­lung wer­den Greys For­de­run­gen ag­gres­si­ver. Brie­fe, die sie ge­schrie­ben hat, knallt er auf ihre Schreib­ma­schi­ne und macht Hol­lo­way zur Schne­cke. Er übt päd­ago­gi­schen Zwang aus und zeigt sei­ne Ag­gres­si­vi­tät; aber von da bis zu sei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren ist noch ein wei­ter Schritt.

Der Ab­stand wird all­mäh­lich ge­rin­ger. Das be­ginnt da­mit, dass er ihr Vor­hal­tun­gen macht, die sich auf ih­ren Kör­per be­zie­hen.

Grey: „Lee, für je­man­den, der mei­ne Kanz­lei be­tritt, sind Sie die sicht­ba­re Re­prä­sen­ta­ti­on mei­ner An­walts­tä­tig­keit, und die Art, wie Sie sich klei­den, ist ab­sto­ßend.“

Hol­lo­way: „Äh, tut mir leid.“

Grey: „Sie häm­mern stän­dig mit den Fü­ßen auf den Bo­den und fum­meln an Ih­ren Haa­ren. Ent­we­der tra­gen Sie ab so­fort ein Haar­netz, oder das mit dem Fum­meln hört auf. Und noch et­was, krie­gen Sie ei­gent­lich mit, dass Sie dau­ernd schnie­fen?“

Hol­lo­way: „Ich, was, ich schnie­fe?“

Grey: „Und was ma­chen Sie mit Ih­rer Zun­ge, wäh­rend Sie tip­pen?“

Hol­lo­way: „Tut mir leid, das mit dem Schnie­fen ist mir nicht auf­ge­fal­len.“

Grey: „Tja, Sie tun’s.“

Mit die­ser Kri­tik rückt er ihr auf den Leib, aber es wäre schwer, von se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung zu spre­chen.

Das än­dert sich in der fol­gen­den Se­quenz. Grey sagt zu Hol­lo­way:

Kom­men Sie in mein Büro und brin­gen Sie den Brief mit.– Le­gen Sie den Brief auf mei­nen Schreib­tisch.“

Das sind noch ge­wöhn­li­che Auf­trä­ge. Aber dann fährt Grey fort:

Grey: „Sie beu­gen sich jetzt über den Schreib­tisch, so­dass Sie di­rekt auf den Brief se­hen kön­nen. Ge­hen Sie mit dem Ge­sicht ganz dicht her­an und le­sen Sie laut vor.“

Hol­lo­way: „Ehm, ich ver­ste­he nicht ganz.“

Grey: „Da gibt es nichts zu ver­ste­hen. Stüt­zen Sie die El­len­bo­gen auf den Tisch. Beu­gen Sie sich vor. Ge­hen Sie ganz dicht an den Brief her­an und le­sen Sie ihn laut vor.“

Ir­ri­tiert und fas­zi­niert be­folgt sie sei­ne Be­feh­le, und er fängt an, sie mit der Hand auf das Ge­säß zu schla­gen.

Secretary - Grey holt zum ersten Schlag aus

Grey holt zum ers­ten Schlag aus

Wenn Grey zu Hol­lo­way sagt „Sie beu­gen sich jetzt über mei­nen Schreib­tisch …“ fällt sein ar­ti­ku­lier­ter Wil­le mit sei­nem se­xu­el­len Be­geh­ren zu­sam­men und schließ­lich mit sei­ner Lust, sei­ner jouis­sance. Die­ser Wil­le zum Ge­nie­ßen ist ein päd­ago­gisch-mo­ra­li­scher Zwang, eine Stra­fe für Schreib­feh­ler.13

Ge­nau das ist es, was Hol­lo­way er­regt. Ihr Be­geh­ren zielt, wie das ei­nes je­den, dar­auf ab, dass sich das Be­geh­ren des An­de­ren auf sie rich­tet. Die­se Be­zie­hung un­ter­liegt in ih­rem Fall ei­ner spe­zi­el­len Be­din­gung. Der von Grey sym­bo­lisch ar­ti­ku­lier­te Wil­le muss mit sei­ner Lust­be­frie­di­gung eins sein. La­can nennt die Iden­ti­tät von Wil­le und Lust vo­lon­té de jouis­sance, „Wil­le zur Lust“ oder „Wil­le zum Ge­nie­ßen“. Das Be­geh­ren von Hol­lo­way rich­tet sich dar­auf, dass Greys Be­geh­ren die Form des Wil­lens zum Ge­nie­ßen an­nimmt, dass sei­ne Be­feh­le und sei­ne Lust sich ver­bin­den.

Nur vor­über­ge­hend ge­lingt es Grey, den An­de­ren ohne Riss zu ver­kör­pern, die Ein­heit von Ge­setz und Trieb­be­frie­di­gung. Sei­ne sa­dis­ti­schen Trieb­re­gun­gen sind ihm pein­lich, sie wi­der­spre­chen sei­nem Selbst­bild, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: sei­nem Ichi­de­al und sei­nem Ideal­ich. Grey zeigt ein do­mi­nan­tes Ver­hal­ten, aber er ist kei­nes­wegs in der Po­si­ti­on des all­mäch­ti­gen An­de­ren. Letzt­lich ist er hilf­los. Als sei­ne frü­he­re Freun­din ihn im Büro spre­chen will, ver­steckt er sich im Wand­schrank. Der Wil­le zum Ge­nie­ßen ist, wie La­can sagt, ohn­mäch­tig.

Die trei­ben­de Kraft der Be­zie­hung ist Hol­lo­way; von der Po­si­ti­on des Ex­kre­ment- und Stimm-Ob­jekts aus ver­sucht sie, Grey in die Po­si­ti­on zu brin­gen, den Wil­len zur Lust zu ver­kör­pern. Im Sche­ma wird die­se An­triebs­funk­ti­on durch den Pfeil dar­ge­stellt, der von a nach V ver­läuft.

Grey bie­tet Hol­lo­way das Ge­gen­bild zu ih­rem Va­ter. Ihr Va­ter ver­ehrt sie. Er ist Kauf­haus­an­ge­stell­ter; zu Be­ginn der Hand­lung wird er we­gen Al­ko­ho­lis­mus ent­las­sen. Lee Hol­lo­way be­lauscht fol­gen­den Dia­log zwi­schen ih­ren El­tern:

Va­ter zur Mut­ter: „Du re­dest mit mir wie mit ei­nem Kind! Aber ich bin kein Kind! Meinst du, ich weiß nicht, was ich tue?“

Mut­ter: „Du be­nimmst dich wie ein Kind! Du be­nimmst dich nicht wie ein Mann! Die ha­ben dich ge­feu­ert!“

Lee Hol­lo­ways Per­ver­si­on ist ein père-ver­si­on, wie La­can manch­mal sagt, eine Wen­dung zum Va­ter; in Freud­scher Ter­mi­no­lo­gie: ihr Ma­so­chis­mus be­ruht auf dem Ödi­pus­kom­plex.14 Als sie, um Grey ihre Lie­be zu be­wei­sen, ta­ge­lang am Schreib­tisch er­starrt, er­scheint ihr Va­ter und er­teilt ihr sei­nen Se­gen:

Va­ter zu Lee: „Du bist Got­tes hei­li­ges Ge­schenk der Lie­be. Du stammst von mir ab, aber du bist nicht ich. Dei­ne See­le und dein Leib ge­hö­ren dir, und du kannst da­mit ver­fah­ren, wie im­mer es dir be­liebt.“

Lee (se­lig lä­chelnd): „Dan­ke, Dad­dy.“

In der­sel­ben Sze­ne, Lee am Schreib­tisch, er­klärt ihr je­mand die ma­so­chis­ti­schen Züge man­cher Mönchs­or­den. Durch Rhe­to­rik und In­halt wird an­ge­deu­tet, dass der Spre­cher ein ka­tho­li­scher Geist­li­cher ist.

Weißt du Lee, das al­les hat eine lan­ge Ge­schich­te im Ka­tho­li­zis­mus. Die Mön­che tru­gen frü­her Dor­nen an ih­ren Schlä­fen, und Non­nen näh­ten sie sich der Ein­fach­heit hal­ber gleich in die Klei­dung. Du bist Teil ei­ner gro­ßen Tra­di­ti­on. Wer be­haup­tet denn, dass Lie­be sanft und zärt­lich sein muss?“

Hol­lo­way be­kommt das Ja-Wort, nicht nur das von Grey, son­dern auch den Se­gen des Va­ters und den der Kir­che.

$: das verschwindende Subjekt

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - mit Subjekt und Anderer - $ gelbVom gro­ßen V auf der Sei­te des An­de­ren geht der Pfeil zu­rück zur Sei­te des Sub­jekts und dort, links un­ten, zum durch­ge­stri­che­nen gro­ßen S, also zu $. „S“ meint su­jet, Sub­jekt; der Schräg­strich / steht für den Si­gni­fi­kan­ten, die Spra­che. Das Sym­bol $ meint im Sche­ma des Ma­so­chis­mus: das hin­ter dem Si­gni­fi­kan­ten ver­schwin­den­de Sub­jekt, das vo Si­gni­fi­kan­ten aus­ge­stri­che­ne Sub­jekt, das Sub­jekt, das von dem Si­gni­fi­kan­ten, der es re­prä­sen­tiert (der Iden­ti­fi­zie­rung), nicht wirk­lich re­prä­sen­tiert wird und in­so­fern auf der Ebe­ne der Si­gni­fi­kan­ten fehlt.15

Si­gni­fi­kan­ten wer­den in das Sub­jekt ein­ge­schrie­ben: Das Kind un­ter­wirft sich der Spra­che und der sym­bo­li­schen Ord­nung und wird hier­durch zum Sub­jekt als et­was, was hin­ter den Si­gni­fi­kan­ten ver­schwin­det, denn die Si­gni­fi­kan­ten sind die des An­de­ren. $ meint: auf der Ebe­ne des un­be­wuss­ten Dis­kur­ses hat das Sub­jekt kei­nen Re­prä­sen­tan­ten (vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel). Im Ma­so­chis­mus als ei­ner se­xu­el­len Prak­tik kann das Ver­schwin­den des Sub­jekts aus dem Dis­kurs ma­ni­fest wer­den, etwa in der Wei­se, dass das Spre­chen des­je­ni­gen, der die do­mi­nan­te Po­si­ti­on ein­nimmt, die Büh­ne be­herrscht und das Sub­jekt, das in der un­ter­ge­ord­ne­ten Po­si­ti­on ist, über sich selbst nichts zu sa­gen hat.

Das ma­so­chis­ti­sche Sub­jekt nimmt also zwei un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen ein, a und $. Es iden­ti­fi­ziert sich mit ei­nem Rest­ob­jekt, und es ist ein We­sen, das im Dis­kurs nicht re­prä­sen­tiert ist. Das kann von ihm bei­spiels­wei­se so be­schrie­ben wer­den: „Ich bin für ihn Dreck“ (a) und „Er hört mir nicht zu“ ($). 

Die Ein­schrei­bung der Si­gni­fi­kan­ten

Wenn Lee mit der Schwä­che ih­res Va­ters kon­fron­tiert wird, mit sei­nem Al­ko­ho­lis­mus, greift sie zu ei­ner klei­nen Werk­zeug­ta­sche und ritzt sich mit ei­nem der In­stru­men­te.

Secretary - Hollways Schneidwerkzeuge

Hol­lo­ways Schneid­werk­zeu­ge

Grey spricht sie dar­auf an:

Grey: “War­um schnei­den Sie an sich rum, Lee?“

Hol­lo­way: „Kei­ne Ah­nung.“

Grey: „Viel­leicht weil der Schmerz in Ih­rem In­ne­ren von Zeit zu Zeit her­aus­kom­men muss und Sie erst, wenn Sie ihn vor Au­gen ha­ben, mer­ken, dass Sie exis­tie­ren? Wenn Sie dann se­hen, wie die Wun­de heilt, schöp­fen Sie Trost. Ist es so? “

Hol­lo­way: „Ich – so könn­te man’s be­schrei­ben.“

Grey un­ter­schei­det hier drei Grö­ßen: den Schmerz im In­ne­ren, die Wun­de und die Hei­lung der Wun­de. Die Hei­lung der Wun­de hin­ter­lässt häu­fig eine Nar­be. In La­cans Be­griff­lich­keit geht es beim Schmerz im In­ne­ren um das Ge­nie­ßen (jouis­sance), bei der Wun­de um den Schnitt (coupu­re) und bei der Nar­be um den ein­zel­nen Zug (trait un­aire).16 Zu er­gän­zen sind die In­stru­men­te, mit de­nen sie sich schnei­det: Ra­sier­klin­gen, Mes­ser, Sche­ren, Dart­pfei­le usw.; in psy­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve re­prä­sen­tie­ren sie den Phal­lus.17

Die Schnit­te, die Lee in ih­rem Kör­per er­zeugt, die of­fe­nen Wun­den, sind im Film nicht zu se­hen. Der Re­gis­seur fin­det da­für eine Me­ta­pher. In ei­ner Rück­blen­de er­zählt Hol­lo­way, wie sie ein­mal mit ih­rer Mut­ter in der Kü­che stand, sich, wäh­rend die Mut­ter ihr den Rü­cken zu­dreh­te, zu rit­zen ver­such­te und sich da­bei ver­se­hent­lich le­bens­ge­fähr­lich ver­letz­te. In die­ser Se­quenz ist die Bild­spra­che die ei­ner trau­ma­ti­schen Er­in­ne­rung (mit La­can: der „An­nä­he­rung an das Rea­le“): un­ru­hi­ge Hand­ka­me­ra, Über­be­lich­tung, kör­ni­ge Bil­der, neon­ar­ti­ge Far­ben. In ei­ner De­tail­auf­nah­me sieht man dann ei­nen Trop­fen Blut, der ins Spül­was­ser ge­fal­len ist. Die­ser Bluts­trop­fen re­prä­sen­tiert die Wun­de, den Schnitt.

Secretary - Ein Tropfen Blut im Spülwasser

Hol­lo­ways Blut im Spül­was­ser

Die Schnit­te ver­hei­len, hin­ter­las­sen häu­fig aber Spu­ren; Hol­lo­ways Kör­per ist von Nar­ben über­sät, von traits un­aires, von Ein­zel­stri­chen.

Narben auf Holloways Körper

Hol­lo­ways Nar­ben (Aus­schnitt)

In ih­rer Knie­keh­le sieht man eine Fol­ge von Pflas­tern, die auf eine Se­rie von Schnit­ten oder Nar­ben ver­weist.

Secretary - Die Pflaster an Holloways Knie

Pflas­ter in Hol­lo­ways Knie­keh­le

Hol­lo­way fügt sich die Schnit­te und Nar­ben selbst zu. Ihr Va­ter fällt aus, er ist nicht in der Lage, das Ge­setz zur re­prä­sen­tie­ren; im Rit­zen fin­det sie ei­nen Er­satz.

Im Ver­lauf der Film­hand­lung wird das Ri­tu­al der Si­gni­fi­kan­ten­ein­schrei­bung durch Selbst­ver­let­zung zwei Trans­for­ma­tio­nen un­ter­zo­gen. Die ers­te Um­wand­lung be­steht dar­in, dass sich das Ritz­ri­tu­al in ein Kor­rek­tur­ri­tu­al ver­wan­delt. Wenn Hol­lo­way sich ver­tippt oder Re­geln der Or­tho­gra­phie ver­letzt, wird das von Grey groß her­aus­ge­stellt. Er krin­gelt ihre Schreib­feh­ler mit ei­nem ro­ten Filz­stift ein und hält ihr eine Stand­pau­ke.

Secretary - Tippfehler genderr mit rotem Kringel

Hol­lo­ways Tipp­feh­ler mit Greys Mar­kie­rung

An die Stel­le ih­res Kör­pers tritt das von ihr be­schrie­be­ne Blatt Pa­pier. Hol­lo­ways Schneid­werk­zeu­ge wer­den durch die phal­li­schen Filz­stif­te er­setzt, die auf Greys Schreib­tisch pran­gen.

Secretary - Greys rote Filzstifte

Greys rote Filz­stif­te

Das Sub­sti­tut für die Nar­ben, die sie sich selbst zu­fügt, sind die ro­ten Li­ni­en, mit de­nen Grey ihre Brie­fe schmückt; sein Kor­rek­tur­k­rin­gel rea­li­siert  die Funk­ti­on des ein­zel­nen Zugs. Hol­lo­ways iso­lier­ter Schmerz ver­wan­delt sich in die af­fek­ti­ve Be­zie­hung zwi­schen ihr und Grey. Ihn er­regt es, wenn er Recht­schreib­feh­ler fin­det und zum Filz­stift grei­fen kann; sie ist be­schämt und ver­ängs­tigt, wenn er sie zur Rede stellt – spä­ter, wenn sie al­lein ist, auch ein we­nig em­pört.

Ver­gli­chen mit dem Ritz­ri­tu­al sind beim Kor­rek­tur­ri­tu­al die Sei­ten ver­tauscht. An­lass für die Ein­schrei­bung des „ein­zel­nen Zugs“ ist beim Kor­rek­tur­ri­tu­al nicht mehr das Ver­sa­gen des An­de­ren, des Va­ters, son­dern das Ver­sa­gen des Sub­jekts, Hol­lo­ways Ver­let­zung ei­ner Schreib­re­gel. Der Agent der Ein­schrei­bung ist nicht mehr das Sub­jekt, also Hol­lo­way, son­dern der An­de­re; Grey, der Rechts­an­walt, ver­kör­pert das Schreib­ge­setz, er über­nimmt die Funk­tio­nen des Schrift-Rich­ters und des Schrift-Po­li­zis­ten.

Die zwei­te Trans­for­ma­ti­on der Si­gni­fi­kan­ten­ein­schrei­bung voll­zieht sich durch die Um­wand­lung des Kor­rek­tur­ri­tu­als in ein Schlag­ri­tu­al. Die Ober­flä­che, in die der Si­gni­fi­kant ein­ge­schrie­ben wird, ist jetzt wie­der Hol­lo­ways Kör­per. An die Stel­le ih­rer Klin­gen und von Greys phal­li­schen Stif­ten tritt Greys schla­gen­der Arm. Die Funk­ti­on des ein­zel­nen Zugs wird von den Fle­cken rea­li­siert, die ih­ren Hin­tern zie­ren. Wäh­rend der Schla­ge­sze­nen sieht man vor al­lem Hol­lo­ways Ge­sicht, wie es dar­auf war­tet, was als nächs­tes pas­sie­ren wird. Sie ge­nießt nicht pri­mär den Schmerz, son­dern das War­ten auf den nächs­ten Schlag, sie ge­nießt das Be­geh­ren.

Holloways Hintern mit rotem Fleck

Hol­lo­ways Hin­tern mit ro­tem Fleck

Zwi­schen dem Kor­rek­tur­ri­tu­al und dem Schlag­ri­tu­al gibt es eine di­rek­te Ver­bin­dung. Hol­lo­way muss, wäh­rend Gray ihr den Hin­tern ver­sohlt, ei­nen Brief vor­le­sen, der sei­ne Kor­rek­tur­k­rin­gel trägt.

Grey schlägt sie mit der Hand, nie mit ei­ner Ger­te oder ei­nem ähn­li­chen phal­li­schen In­stru­ment; die Ak­ti­on des Schla­gens ist im Film un­auf­fäl­lig, sie wird von Re­gis­seur nicht groß in Sze­ne ge­setzt. Das ist be­mer­kens­wert, denn au­ßer­halb der se­xu­el­len Sze­nen wird Grey deut­lich durch phal­li­sche At­tri­bu­te cha­rak­te­ri­siert. Dazu ge­hö­ren, ne­ben den ro­ten Filz­stif­ten, die Dart­pfei­le auf sei­nem Schreib­tisch; sie stel­len die Ver­bin­dung zu Hol­lo­ways Werk­zeug­täsch­chen her, in dem sich eben­falls ein Dart­pfeil be­fin­det. Dazu ge­hört au­ßer­dem, über­deut­lich, die Sprit­ze, mit der Grey sei­ne Büro­pflan­zen künst­lich be­fruch­tet.

Secretary - Die künstliche Bestäubung der Orchideen

Grey be­stäubt die Or­chi­de­en

Die Dreh­buch­au­to­rin er­zählt, dass sie ge­zö­gert hat­te, den Auf­trag an­zu­neh­men, Gaits­kills Ge­schich­te in ein Dreh­buch um­zu­schrei­ben. Der Grund, aus dem sie schließ­lich zu­stimm­te, war ein se­xu­el­les Er­leb­nis in der Nacht vor dem Ge­spräch mit dem Re­gis­seur. Ihr Freund schlug sie beim Sex zum ers­ten Mal mit ei­ner Reit­ger­te. Zwar hat­te sie im Bett im­mer die pas­si­ve Po­si­ti­on ein­ge­nom­men, die­se Er­fah­rung er­öff­ne­te ihr je­doch ei­nen neu­en Ho­ri­zont.18

Der Re­gis­seur stat­tet Grey sorg­fäl­tig mit ei­ner Se­rie von phal­li­schen At­tri­bu­ten aus, je­doch nicht in den Schla­ge­sze­nen; die Dreh­buch­au­to­rin hat die Be­deu­tung der Peit­sche oder Ger­te am ei­ge­nen Leib ken­nen­ge­lernt, im Dreh­buch fin­den die­se In­stru­men­te kei­nen Platz. Ich schlie­ße dar­aus, dass das phal­li­sche Schlag­in­stru­ment in den se­xu­el­len Sze­nen be­wusst weg­ge­las­sen wor­den ist, dass es zen­siert wur­de. Im­mer­hin gibt es in ei­ner der ko­mischs­ten Sze­nen des Films eine An­spie­lung auf das feh­len­de Ge­rät. Hol­lo­way kniet auf Greys Schreib­tisch, der mit Stroh be­deckt ist, Grey legt ihr ei­nen Sat­tel auf und schiebt ihr eine Möh­re zwi­schen die Zäh­ne (die Sze­ne par­odiert eine Fo­to­gra­fie von Hel­mut New­ton, Sadd­le I). Der Sat­tel evo­ziert die Vor­stel­lung der Ger­te. Das ist die Ab­sicht des Re­gis­seurs: di­rekt vor die­ser Sze­ne sind peit­schen­de Schlä­ge zu hö­ren.

Secretary - Grey setzt Holloway einen Sattel auf

Grey setzt Hol­lo­way ei­nen Sat­tel auf

Das Ver­schwin­den des Sub­jekts be­ruht auf dem Ver­schwin­den des Phal­lus, und die Su­che nach dem Phal­lus ist im­mer die Haupt­quel­le des Ko­mi­schen, wie La­can sagt.19

Das Ver­schwin­den des Sub­jekts

Wenn Grey sei­ne Be­feh­le an Hol­lo­way rich­tet, ver­schwin­det sie auf der Ebe­ne des Dis­kur­ses: sie kann ihm nichts über sich sa­gen.

Grey (er­regt): „Schau­en Sie sich das an. Se­hen Sie das?“

Hol­lo­way: „Was?“

Grey: „Die­ser Brief ent­hält drei Tipp­feh­ler. Bei ei­nem han­delt es sich, wie ich glau­be, um ei­nen Recht­schreib­feh­ler.“

Hol­lo­way: „Oh, das tut mir leid.“

Grey: „Das ist auch nicht das ers­te Mal. Über die an­de­ren habe ich hin­weg­ge­se­hen, da sie erst ein paar Wo­chen hier wa­ren. Das muss sich auf je­den Fall ganz schnell än­dern.“

Hol­lo­way: „Ich …“

Grey: „Wis­sen Sie, wie ich da­durch vor den Leu­ten da­ste­he, die die­se Brie­fe er­hal­ten?“

Hol­lo­way: „Es tut mir leid, ich bin …“

Grey: „Schrei­ben sie das noch­mal, und dies Mal rich­tig, ja!“ (Er rauscht da­von und knallt die Tür zu.)

Ihre Exis­tenz im Dis­kurs re­du­ziert sich auf ein „Was?“, auf eine Ent­schul­di­gungs­for­mel und auf das „ich bin .…“. Zwar kann sie „ich“ sa­gen, und in­so­fern gibt es im Dis­kurs ei­nen Re­prä­sen­tan­ten des Sub­jekts, näm­lich das Per­so­nal­pro­no­men der ers­ten Per­son Sin­gu­lar. Sie kann den Satz über das, was sie ist, je­doch nicht zu Ende brin­gen, und in die­sem Sin­ne ver­schwin­det sie auf der Ebe­ne des ma­ni­fes­ten Dis­kur­ses.

In Hol­lo­ways Be­zie­hung zu Grey geht es nicht nur dar­um, dass sie als ein We­sen ab­ge­schafft wird, das ei­ge­ne Wün­sche ar­ti­ku­lie­ren kann. Die Be­zie­hung greift tie­fer ein, sie zielt dar­auf ab, ihr Be­geh­ren ganz und gar zu ver­nich­ten. Auf Greys Vor­hal­tun­gen hin ver­sucht sie, nicht mehr mit den Haa­ren spie­len, nicht mehr zu schnie­fen, nicht mehr mit dem Fuß zu klop­fen – sie be­müht sich, all die klei­nen Ticks zu un­ter­drü­cken, in de­nen sich ihr Be­geh­ren ma­ni­fes­tiert.

Das, wor­un­ter sie ver­schwin­det, sind Greys Be­feh­le. Grey gibt Hol­lo­way te­le­fo­nisch An­wei­sun­gen, was und wie viel sie zu Hau­se es­sen darf:

Ein Löf­fel von dem Kar­tof­fel­pü­ree, ein Stück But­ter und vier Erb­sen. Und so­viel Eis­krem, wie Sie es­sen möch­ten.“

Secretary - Ein Löffel Kartoffelpüree und vier Erbsen

Hol­lo­way por­tio­niert ihr Es­sen

Selbst ihr Hun­ger wird ihr ge­nom­men und in die Aus­füh­rung ei­nes Be­fehls um­ge­wan­delt.

Wäh­rend der se­xu­el­len Be­geg­nun­gen muss sie sich vorn­über beu­gen, er hin­ge­gen steht. Durch die­sen Ge­gen­satz wird sie zu der­je­ni­gen, die ih­rer Wür­de be­raubt ist, des auf­rech­ten Gangs. Wenn er sie dann auf den Hin­tern schlägt, geht es nicht nur um den Schmerz. Das Schla­gen dient vor al­lem dazu, sie zu de­mü­ti­gen, sie zu er­nied­ri­gen, ihr die An­er­ken­nung zu ent­zie­hen, sie auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne ab­zu­schaf­fen.

Wäh­rend der Lie­bes­pro­be, als sie re­gungs­los am Schreib­tisch ver­harrt, ver­wan­delt sich ihr ge­sam­ter Kör­per in die Rea­li­sie­rung von Greys Be­fehl. Sie wird zu ei­nem Zei­chen und geht da­mit an den Rand der Selbst­zer­stö­rung. Eine Re­por­te­rin kom­men­tiert das Ge­sche­hen so:

Wir be­rich­ten heu­te vom drit­ten Tag des so­ge­nann­ten Lee Hol­lo­way Hun­ger­streiks. Sie ha­ben ver­mut­lich ge­hört, dass es Mit­bür­ger gibt, die sich fra­gen, ob Mrs. Hol­lo­way so­gar be­reit ist, sich zu Tode zu hun­gern.“

Hol­lo­way ver­schwin­det als Sub­jekt, als We­sen, das ei­ge­ne Wün­sche ar­ti­ku­lie­ren kann. Sie ver­schwin­det un­ter Si­gni­fi­kan­ten, un­ter den Be­feh­len des An­de­ren. Und ei­ni­ge ih­rer Mit­bür­ger deu­ten den Ma­so­chis­mus wie Freud als Ma­ni­fes­ta­ti­on des To­des­triebs. Der Film setzt in Sze­ne, dass der To­des­trieb nicht, wie Freud an­nimmt, eine phy­sio­lo­gi­sche Grund­la­ge hat, son­dern dass er auf das Spre­chen zu­rück­zu­füh­ren ist: da­durch, dass das Le­ben im Spre­chen des An­de­ren ent­frem­det ist, ist es mit dem Tod ver­bun­den.

Zu Be­ginn des Films wird das Ver­schwin­den des Sub­jekts auch im Bild dar­ge­stellt, auf der ima­gi­nä­ren Ebe­ne. Als Hol­lo­way im Müll­con­tai­ner nach Greys Un­ter­la­gen sucht, plumpst sie in den Be­häl­ter; ei­nen Mo­ment lang ver­schwin­det sie aus dem Blick von Grey und aus dem des Zu­schau­ers.

Secretary - Holloway verschwindet in der Mülltonne

Hol­lo­way beim Ver­schwin­den in der Müll­ton­ne

Das Ver­schwin­den des Sub­jekts un­ter dem Si­gni­fi­kan­ten ist am­bi­va­lent. Da­durch, dass Hol­lo­way sich be­din­gungs­los Greys Be­feh­len un­ter­wirft, ge­winnt sie sei­ne An­er­ken­nung und wird dar­über hin­aus so­gar zu ei­ner lo­ka­len Be­rühmt­heit. La­can be­tont die­se Dia­lek­tik des Ma­so­chis­mus: durch die De­mü­ti­gung er­folgt die An­er­ken­nung.20 Ge­nau da­durch, dass Lee sich be­müht zu ver­schwin­den, drückt sie den Din­gen ih­ren Stem­pel auf.21 Eine Schwä­che des Sche­mas be­steht dar­in, dass es die­se Sei­te des Ma­so­chis­mus nicht deut­lich her­aus­stellt; für die Hand­lung des Films ist sie je­doch ent­schei­dend.

Lee Hol­lo­way nimmt also zwei un­ter­schied­li­che Po­si­tio­nen ein. Zum ei­nen iden­ti­fi­ziert sie sich mit dem Ex­kre­ment­ob­jekt und dem Stimm­ob­jekt (a). Zum an­de­ren ist sie die­je­ni­ge, de­ren Wün­sche im Dis­kurs nicht re­prä­sen­tiert sind ($) – bis zum Um­schlag ins Ge­gen­teil.

Die­ser Um­schlag er­folgt, als die Hei­rat mit dem Schul­freund Rea­li­tät zu wer­den droht. Hol­lo­way ant­wor­tet dar­auf, in­dem sie zwei For­de­run­gen an Grey rich­tet. Die ers­te For­de­rung hat die Ge­stalt ei­ner Lie­bes­er­klä­rung. Mit ihr er­hebt sie ei­nen Lie­bes­an­spruch: in­di­rekt for­dert sie von Grey, dass er sie liebt. Ihre zwei­te For­de­rung be­zieht sich auf den Lie­bes­akt:

Grey: „Put both your hands on the desk, palms down.”

Hol­lo­way: „I want to make love.”

S: das rohe Subjekt der Lust

Jacques Lacan, Kant mit Sade - Schema 2 - mit Subjekt und Anderer - S gelbDer Pfeil führt vom Sym­bol $ auf der Sei­te des Sub­jekts, links un­ten, zum Buch­sta­ben groß S auf der Sei­te des An­de­ren, rechts un­ten. S steht auch hier für su­jet, Sub­jekt. Die­ses Sub­jekt ist nicht durch­ge­stri­chen; im Sche­ma ist da­mit ge­meint „das rohe Sub­jekt der Lust“, um­gangs­sprach­lich for­mu­liert: der Lüst­ling.22 Die Lust, um die es geht, ist das „Schmerz­ge­nie­ßen“, die „Schmerz­lust“, wie Freud sagt.23 Die­ses Sub­jekt ist in­so­fern „roh“, als es un­ge­spal­ten ist, als es (in der Per­spek­ti­ve des ma­so­chis­ti­schen Sub­jekts) un­ge­hemmt sei­ne Lust be­frie­digt.

Im Sche­ma ist das Schmerz­ge­nie­ßen auf der Sei­te des An­de­ren ver­or­tet. Da­mit ist ge­meint: der Ma­so­chist ver­sucht, sei­nen Schmerz zu tei­len, so wie ein Gut24; er schreibt dem An­de­ren zu, dass er das Lei­den ge­nießt.

Das S steht am Ende der Pfeil­li­nie, d.h. auf die­sen Punkt läuft die ge­sam­te Trieb­dy­na­mik hin­aus. In Freuds Be­griff­lich­keit: S ist das Trieb­ziel.

Die Lie­bes­pro­be am Schreib­tisch er­in­nert an die Kreu­zi­gung Chris­ti: Hän­de und Füße wer­den fi­xiert; Ver­wand­te und Be­kann­te ver­sam­meln sich am Ort des Ge­sche­hens; der Vor­gang ist ein öf­fent­li­ches Er­eig­nis; es gibt ei­nen Streit um das Kleid25; aus dem Kör­per tritt Flüs­sig­keit aus26; nach drei Ta­gen kommt es zur „Auf­er­ste­hung“. Auch die Kreu­zi­gung gilt als Lie­bes­be­weis, als Be­weis für die Lie­be Got­tes.27 Wenn Grey Hol­lo­way da­nach in sei­nen Ar­men hält, äh­nelt das ei­ner Pie­tà; er trägt sie in sei­ne Woh­nung, eine Trep­pe hoch: nach oben. Das Bild ih­res nack­ten Kör­pers mit dem her­vor­tre­ten­den Brust­korb und den Nar­ben er­in­nert an Dar­stel­lun­gen des ge­kreu­zig­ten Chris­tus. Von ei­nem der Be­su­cher wird der Be­zug zum Chris­ten­tum aus­drück­lich her­ge­stellt.

Über das Sa­de­sche Phan­tas­ma sagt La­can:

Das Lei­den ist hier als eine Sta­se [Stau­ung] auf­ge­faßt, die be­kräf­tigt, daß das, was ist, nicht in das Nichts zu­rück­zu­keh­ren ver­mag, aus dem es her­vor­ge­gan­gen ist.

Es ist hier tat­säch­lich die Gren­ze, die das Chris­ten­tum an­stel­le al­ler an­de­ren Göt­ter er­rich­tet hat in Ge­stalt je­nes ex­em­pla­ri­schen Bil­des, das ins­ge­heim alle Fä­den un­se­res Be­geh­rens an sich zieht – das Bild der Kreu­zi­gung.“28

Das Bild der Kreu­zi­gung zieht alle Fä­den des Be­geh­rens an sich, auch die Fä­den des Be­geh­rens von Hol­lo­way und von Grey, auch die Fä­den des Be­geh­rens der Zu­schau­er.

Das Sche­ma des Ma­so­chis­mus be­haup­tet: Das Lei­den des ma­so­chis­ti­schen Sub­jekts ist nicht das ent­schei­den­de Lei­den. Das, wor­um es letzt­lich geht, ist das Lei­den, das dem An­de­ren als ro­hem Sub­jekt der Lust zu­ge­schrie­ben wird. Mit wem also ver­sucht Lee Hol­lo­way, ihr Leid zu tei­len?

Mit ih­rer Mut­ter. Das ist für Lee nicht sicht­bar, die Mut­ter ist für sie ein selbst­ver­ständ­li­cher und manch­mal läs­ti­ger Hin­ter­grund. Für den Zu­schau­er ist leicht zu er­ken­nen, dass die Mut­ter im Film die Po­si­ti­on ein­nimmt, sich für ihre Toch­ter auf­zu­op­fern.

Die Mut­ter ist Lee ge­gen­über be­din­gungs­los loy­al, ent­we­der be­sorgt oder, meist, de­mons­tra­tiv be­geis­tert. Ihre Haupt­be­schäf­ti­gung be­steht dar­in, Lee von A nach B zu trans­por­tie­ren und auf sie zu war­ten.

Lee hat an­ge­fan­gen, für Grey zu ar­bei­ten und ent­deckt, auf dem Park­platz ne­ben der Kanz­lei, ihre Mut­ter im Auto.

Lee: „Was willst du hier?“

Mut­ter (strah­lend): „Naja, ich war­te hier auf dich, Schätz­chen.“

Lee: „Ich muss noch fünf Stun­den ar­bei­ten.“

Mut­ter (strah­lend): „Ich weiß.“

Als Grey das mit­be­kommt, be­fiehlt er Lee, al­lein nach Hau­se zu lau­fen. Prompt mar­schiert sie zum Park­platz, auf dem ihre Mut­ter im Auto auf sie war­tet, und er­klärt ihr, sie wer­de zu Fuß ge­hen.

Im ge­sam­ten Film zeigt Hol­lo­ways Mut­ter ih­rer Toch­ter ge­gen­über eine he­roi­sche Er­ge­ben­heit. Sie un­ter­stützt sie in ih­ren Ex­zes­sen: als Lee am Schreib­tisch fest­klebt, bringt sie ihr eine Mahl­zeit.29 Die Mut­ter geht für Lee in die­ser die­nen­den Funk­ti­on auf, sie fun­giert für Lee als „ro­hes“, als un­ge­spal­te­nes Sub­jekt. Die Mut­ter ist kein ge­misch­ter Cha­rak­ter und sie wird ka­ri­ka­tur­haft ge­spielt; da­durch ist sie auch für den Zu­schau­er ein We­sen, das sich dar­auf re­du­ziert, ih­rer Toch­ter zu die­nen – auch für den Zu­schau­er ist die Mut­ter ein „ro­hes  Sub­jekt“, ein Sub­jekt ohne Riss.

Secretary - Lee schickt ihre Mutter nach Hause

Hol­lo­way schickt ihre war­ten­de Mut­ter fort

Im Sche­ma des Ma­so­chis­mus hat das S sei­nen Platz am Ende des Z-för­mi­gen Pfeils, das rohe Sub­jekt der Lust auf der Sei­te des An­de­ren ist das Trieb­ziel. In der Film­hand­lung spielt die Mut­ter nur eine Ne­ben­rol­le. Falls das Sche­ma stimmt, muss es noch je­man­den ge­ben, mit dem Lee ihr Leid tei­len will, je­man­den, der für die Hand­lung wich­ti­ger ist als die Mut­ter.

Als Lee Hol­lo­way wäh­rend der Lie­bes­pro­be am Schreib­tisch fest­klebt, gibt sie ei­ner Zei­tung ein In­ter­view. Am nächs­ten Tag liest Grey, was Lee ge­sagt hat. Da­mit ver­lässt sie ein wei­te­res Mal die Po­si­ti­on des ver­schwin­den­den Sub­jekts, des Sub­jekts, das auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne nicht re­prä­sen­tiert ist; er­mög­licht wird das durch die In­ter­ven­ti­on ei­nes Drit­ten. Grey liest, was Hol­lo­way der Jour­na­lis­tin über ihre Be­zie­hung zu ihm zu sa­gen hat:

Auf die eine oder an­de­re Wei­se habe ich im­mer ge­lit­ten. Ich wuss­te nicht ge­nau, war­um. Aber ich weiß, dass ich jetzt nicht mehr sol­che Angst da­vor habe, zu lei­den. Ich füh­le mehr, als ich je­mals ge­fühlt habe. Und ich habe je­man­den ge­fun­den, mit dem ich all das tei­len kann. Mit dem ich spie­len kann und den ich lie­ben kann, und das auf eine Art, die ich als rich­tig emp­fin­de. Ich hof­fe, er weiß, dass ich mit­be­kom­me, dass auch er lei­det. Und dass ich ihn lie­ben will.“

In Grey hat Hol­lo­way je­man­den ge­fun­den, mit dem sie ihr Leid tei­len kann. Sie weiß, dass er lei­det, und er und alle an­de­ren sol­len wis­sen, dass sie es weiß. Das Lei­den, auf das die ge­sam­te Trieb­dy­na­mik hin­aus­läuft, ist das Lei­den, das sie Grey zu­schreibt. Wäh­rend sie am Schreib­tisch fest­ge­schweißt ist, schläft er bei sich zu Hau­se statt im Bett auf dem Fuß­bo­den: er teilt ih­ren Schmerz.

Secretary - Holloway beobachtet Grey auf seinem Laufband

Hol­lo­way be­ob­ach­tet Grey auf dem Lauf­band

Wor­un­ter lei­det Grey? Un­ter sei­nen sa­dis­ti­schen Nei­gun­gen. Er fin­det sich wi­der­lich. Hol­lo­way und Grey bil­den kein per­fekt sich er­gän­zen­des Paar, ihre Po­si­tio­nen sind nicht kom­ple­men­tär. Grey will die Po­si­ti­on, in der sie ihn brin­gen will, nicht an­neh­men; er will nicht ihr per­fek­ter sa­dis­ti­scher Herr sein. Mit La­can: zwi­schen dem Sche­ma des Sa­dis­mus und dem des Ma­so­chis­mus gibt es kei­ne Ach­sen­sym­me­trie, d.h. kein Spie­gel­ver­hält­nis.30

Als Grey die se­xu­el­le Be­zie­hung zu Hol­lo­way auf­gibt, ver­sucht er, sei­ne Ge­lüs­te durch sport­li­che Übun­gen un­ter Kon­trol­le zu brin­gen. Hol­lo­way sieht ihn auf ei­nem Lauf­band in sei­ner Woh­nung und bei Klimm­zü­gen in der Kanz­lei. Als sie zu ihm stürzt, um ihm ihre Lie­be zu er­klä­ren, liegt er im Büro auf dem Bo­den und macht Sit-ups. Mit der sport­li­chen Selbst­quä­le­rei wird Greys Lei­den am Trieb in ein sicht­ba­res Ele­ment der Film­hand­lung über­setzt; wenn Hol­lo­way ihn bei sei­nen Fitt­ness­übun­gen be­ob­ach­tet, sieht sie, ins Fil­mi­sche über­setzt, wie er lei­det.

Grey hat für Hol­lo­way also zwei Funk­tio­nen. Er ver­kör­pert die Ein­heit von Ge­setz und Be­geh­ren, von Wil­le und Ge­nie­ßen. Er ist au­ßer­dem der­je­ni­ge, mit dem sie ihr Lei­den tei­len will. Dass Grey von sei­nen Nei­gun­gen ge­quält wird, macht ihn für sie un­wi­der­steh­lich.

Nun ist Grey aber kein „ro­hes Sub­jekt der Lust“, wie die Mut­ter in der Sicht von Lee und in der Dar­stel­lungs­wei­se des Films. Grey ist ein ge­spal­te­nes Sub­jekt, in La­cans For­mel­spra­che: nicht S, son­dern $. Er ver­sucht, sei­ne sa­dis­ti­schen Nei­gun­gen zu un­ter­drü­cken, das ist ein we­sent­li­ches Ele­ment der Hand­lung. Kann man gleich­wohl be­haup­ten, Grey sei für Lee ein We­sen, das in sei­nem Lei­den auf­geht, ohne Riss, ein „ro­hes Sub­jekt der Lust“?

Am Ende der Lie­bes­pro­be wird Lee aus ih­rer Er­star­rung am Schreib­tisch da­durch er­löst, dass Grey ihr zu trin­ken gibt und sie ba­det. Die­se Sze­nen ver­bin­den den Ma­so­chis­mus mit dem Trau­ma der Ent­wöh­nung. Sie deu­ten aber auch an, dass das Trieb­ziel für Lee dar­in be­steht, dass Grey sich für Hol­lo­way auf­op­fert und mit die­ser Funk­ti­on ganz und gar ein­ver­stan­den ist wie ihre Mut­ter. Die père-ver­si­on ist auch eine mère-ver­si­on und die Mut­ter hat in die­sem Phan­tas­ma die Funk­ti­on des ro­hen Sub­jekts der Lust.

Verwandte Beiträge

Anmerkunge

  1. Das Sche­ma ist ab­ge­druckt in Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 149.
  2. In der deut­schen Syn­chron­fas­sung fehlt der Be­fehl, die Füße auf dem Bo­den zu las­sen.
  3. Vgl. Mary Gaits­kill: Se­creta­ry. In: Dies.: Bad Be­ha­vi­or. Po­sei­don Press, New York 1988, S. 131–147. Deutsch: Se­kre­tä­rin. In: Dies.: Schlech­ter Um­gang. Über­setzt von Ni­ko­laus Han­sen. Ro­wohlt, Rein­bek 1989, S. 140–157.
  4. Erin Cres­si­da Wil­son: Se­creta­ry. A Screen­play. Soft Skull Press, Brook­lyn, New York 2003.
  5. Vgl. die Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zur Ent­ste­hung des Dreh­buchs in: Erin Cres­si­da Wil­son: In­tro­duc­tion. In: Dies.: Se­creta­ry. A Screen­play, a.a.O., S. iii-vii.
  6. Der Be­griff des Ob­jekts a in die­sem Sin­ne wird von La­can in Se­mi­nar 10 ein­ge­führt.
  7. Vgl. S. Freud: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 221, Fn.; ders.: Zur Ge­win­nung des Feu­ers (1932). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9, a.a.O., S. 445–454.
  8. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 166.
  9. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 142.
  10. Die Stim­me als Ob­jekt a wird von La­can in Se­mi­nar 10 ein­ge­führt, in der Sit­zung vom 22. Mai 1963.
  11. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 89.
  12. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 144, 150; Se­mi­nar 10, Ver­si­on Mil­ler, S. 176 f., 192.
  13. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 150.
  14. Père-ver­si­on“ fin­det man in den von La­can ver­öf­fent­lich­ten Tex­ten nur im Pré­face à «L’Éveil du prin­temps» (1974), in: La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 563. In den Se­mi­na­ren ver­wen­det er den Aus­druck zu­erst in Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975.
  15. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 145, 150.
  16. Den Be­griff des Schnitts führt La­can in Se­mi­nar 6 ein, Sit­zung vom 20. Mai 1959; in die­ser Sit­zung ver­weist er auch dar­auf, dass der Schnitt eine Nar­be, ein Stig­ma, eine Mar­kie­rung zu­rück­lässt.
    Vom trait un­aire spricht La­can zu­erst in Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961. Er be­zieht sich da­mit auf Freuds Rede vom „ein­zel­nen Zug“ (Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ich-Ana­ly­se (1921). In: Freud: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 100). Mit der Über­set­zung als trait un­aire deu­tet La­can den Be­griff als „ein­zel­ner Zug“ oder „Ein­zel­strich“.
  17. La­can ent­wi­ckelt sei­nen Be­griff des Phal­lus vor al­lem in den Se­mi­na­ren 5, 6 und 8 so­wie in dem Auf­satz Die Be­deu­tung des Phal­lus; vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel.
  18. Vgl. Wil­son, In­tro­duc­tion, a.a.O.
  19. Vgl. Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 275.
  20. Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 292.
  21. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 150.
  22. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 146, 150.
  23. Schmerz­ge­nie­ßen“: Freud: Trie­be und Trieb­schick­sa­le (1915). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher, Ta­schen­buch Ver­lag 2000,S. 92. „Schmerz­lust“: Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus, a.a.O., S. 345 f.
  24. Vgl. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 228.
  25. Hol­lo­way sitzt in ei­nem Braut­kleid am Schreib­tisch und ver­un­rei­nigt es durch ih­ren Urin. Das Kleid ge­hört der Mut­ter ih­res Ver­lob­ten; die­se er­scheint wäh­rend der Lie­bes­pro­be und ver­langt von Hol­lo­way das Kleid ge­rei­nigt zu­rück.
    In al­len vier Evan­ge­li­en wird er­zählt, dass die Kriegs­knech­te die Klei­der des ver­ur­teil­ten Je­sus un­ter sich auf­teil­ten.
  26. Nach dem Jo­han­nes­evan­ge­li­um stach ein Kriegs­knecht den ge­kreu­zig­ten und be­reits to­ten Je­sus mit ei­nem Speer in die Sei­te; Blut und Was­ser tra­ten aus (Jo­han­nes 19, 34).
  27. Vgl. „Denn Gott hat die Welt so sehr ge­liebt, dass er sei­nen ein­zi­gen Sohn hin­gab, da­mit je­der, der an ihn glaubt, nicht zu­grun­de geht, son­dern das ewi­ge Le­ben hat.“ Jo­han­nes 3, 16, Ein­heits­über­set­zung
  28. Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 314.
  29. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 150.
  30. Vgl. Kant mit Sade, Schrif­ten II, S. 149.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.