Begehren

Die Transzendenz des Lebens

Grenzzaun zwischen US und Mexiko - Protest von ausgewiesenen illegalen Einwanderern - zu: Anspruch und BegehrenAusgewiesene illegale Einwanderer protestieren am Grenzzaun zwischen Mexika und den USA, von hier

Am 2. März 1960 hält Pierre Kaufmann in Lacans Seminar 7, Die Ethik der Psychoanalyse, ein Referat über einen Aufsatz von Siegfried Bernfeld; am Rande bezieht er sich auf Georg Simmels Philosophie des Geldes1. In derselben Sitzung kommentiert Lacan Kaufmanns Darlegungen; dabei äußert er sich auch zu Simmel.2 Paul Vanden Berghe hat nachzuweisen versucht, dass Lacan Simmels Kant-Interpretation nicht nur vom Hörensagen kannte und dass sich die im Ethik-Seminar entwickelten Auffassungen über das „Ding“ und die Sublimation auf Simmel stützen.3

Die Verbindung zwischen Simmel und Lacan muss man tiefer angesetzen. Lacans Konzeption des Begehrens beruht auf einer Grundfigur der Lebensphilosophie: auf dem Widerspiel von Formgebung und Formauflösung, von Grenzziehung und Grenzüberschreitung. In Simmels Lebensanschauung von 1918 findet man, im ersten Teil, eine Darstellung dieser Figur.

Bei Simmel liest man:

„wie die Grenze selbst an dem Diesseits und Jenseits ihrer teil hat, so schließt der einheitliche Akt des Lebens das Begrenztsein und das Überschreiten der Grenze ein, gleichgültig dagegen, dass dies, gerade als Einheit gedacht, einen logischen Widerspruch zu bedeuten scheint.“4

Bei Lacan heißt es vierzig Jahre später:

„Insofern der Mensch in der signifikanten Dialektik gefangen ist, gibt es etwas, das nicht aufgeht […]. Es gibt also ein Residuum. Wie stellt es sich dar? Wie muß es sich notwendig darstellen? […] Gibt es etwas, das die durch die Einfallwirkung des Signifikanten auf die Bedürfnisse bezeichnete Abweichungsmarge in den alten Zustand zurückversetzt, und wie stellt sich dieses Jenseits dar, wenn es sich darstellt? Die Erfahrung beweist, daß es sich darstellt. Und das ist dies, was wir Begehren nennen.“5

Lacans Dialektik von Anspruch und Begehren – was ist das anderes als der Versuch, der Dialektik von Grenzziehung und Grenzüberschreitung, wie sie von Simmel beschrieben wird, eine psychoanalytische und sprachtheoretische Wendung zu geben?

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Anmerkungen

  1. Vgl. Georg Simmel: Philosophie des Geldes. Duncker & Humblot, Berlin 1900, Online-Ausgabe hier.
  2. In der Miller-Edition von Seminar 7 fehlt das Referat von Kaufmann, was es nicht gerade erleichtert, Lacans Kommentar zu folgen; in der Afi-Edition und in der staferla-Edition des Seminars kann man Kaufmanns Ausführungen nachlesen.
  3. Paul Vanden Berghe: Lacan lecteur de Simmel: une étrange alliance. In: Steve G. Lofts, Paul Moyaert (Hg.): La pensée de Jacques Lacan. Questions historiques – Problèmes théoriques. Editions de l’institut supérieur de philosophie Louvain-la-Neuve, Louvain, Editions Peeters,  Paris 1994, S. 147-188.
  4. Georg Simmel: Lebensanschauung. Vier metaphysische Kapitel (1918). Teil I: Die Transzendenz des Lebens. Zitiert nach der Online-Ausgabe hier.
  5. Seminar 5, Version Miller/Gondek, S. 449.

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