Kannibalismus beim Kaffee

Anspruch und Begehren im oralen und analen Stadium

Bitte die Tauben nicht futtern - zu: Anspruch und Begehren

Das Foto mit der kan­ni­ba­lis­ti­schen Phan­ta­sie „Bit­te die Tauben/Stummen (nicht) fut­tern“ ist von die­ser Web­site. 

Ges­tern las ich in La­cans Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung, dort die Sit­zung vom 15. März 1961. Der Her­aus­ge­ber hat ihr ei­nen tref­fen­den Ti­tel ge­ge­ben: „An­spruch und Be­geh­ren im ora­len und ana­len Sta­di­um“. Hier eine Zu­sam­men­fas­sung.

Oraler Anspruch und orales Begehren

Der ora­le An­spruch, sagt La­can, ist eine For­de­rung, die sich auf Nah­rung be­zieht. Sie geht vom Sub­jekt aus und rich­tet sich an den An­de­ren. Der An­de­re schickt dem Sub­jekt die For­de­rung in um­ge­kehr­ter Form zu­rück; das im An­spruch mit­schwin­gen­de Be­geh­ren wird hier­durch ver­nich­tet.

Als Bei­spiel für das Wech­sel­spiel zwi­schen der ora­len For­de­rung und der Ant­wort des An­de­ren fällt mir ein: „Ist noch Sup­pe da?“ – „Es ist noch Sup­pe da!“ Eine ver­blass­te Er­in­ne­rung, ein Kar­ne­vals­schla­ger von 1968. Ich schaue ihn mir auf You­Tube an; er ist un­er­träg­lich (dank La­can weiß ich, war­um), und er geht so wei­ter: „Wer hat noch nicht, wer will noch mal?“ Das ist, wie er­war­tet, der vom An­de­ren zu­rück­kom­men­de er­sti­cken­de ora­le An­spruch. Nicht er­war­tet hat­te ich den obers­ten Kom­men­tar auf der You­Tube-Sei­te, er stammt von ei­nem Alex Jake und lau­tet so (xD ist ein Kür­zel für ei­nen Smi­ley):

al­ter wer das vi­deo schaut und ei­nen stän­der be­kommt, be­kommt vom ir 50€ xDDDD“.

Was ist das an­de­res als der Ver­such, das Be­geh­ren vor der Ver­nich­tung durch den An­spruch zu schüt­zen, und zwar da­durch, dass, streng la­ca­nia­nisch, der Phal­lus ins Spiel ge­bracht wird, als Si­gni­fi­kant für das, was dem An­de­ren fehlt? (Und wer, au­ßer La­can, kann er­klä­ren, war­um „von mir“ in „vom ir“, also „vom Ihr“ ver­wan­delt wird, in den An­de­ren?)

Das ora­le Be­geh­ren – im Un­ter­schied zum ora­len An­spruch – ist kan­ni­ba­lis­tisch, es stützt sich auf ein Phan­tas­ma und be­zieht sich auf das Ver­schlin­gen und Ver­schlun­gen­wer­den. Das Be­geh­ren kann nicht di­rekt ar­ti­ku­liert wer­den, auf das Be­geh­ren lässt sich nur an­spie­len, durch eine Se­rie von An­sprü­chen, die al­le­samt das Be­geh­ren an­zie­len und ver­feh­len („Me­to­ny­mie des Be­geh­rens“ heißt die­se Form der An­spie­lung bei La­can).

T. er­zählt vom Kaf­fee­trin­ken mit Ver­wand­ten. Un­wei­ger­lich, so sagt er, kommt bei sol­chen Tref­fen das Ge­spräch an den Punkt, an dem sei­ne sanf­te Schwie­ger­mut­ter ihre kan­ni­ba­lis­ti­schen Phan­ta­si­en aus­brei­tet; beim letz­ten Mal wa­ren es men­schen­fres­sen­de Amei­sen. Da­bei strahlt sie ihn an und ver­wan­delt sich in ein Raub­tier. Die Fin­ger ge­hen in Op­po­si­ti­on zum Dau­men, krüm­men sich und be­we­gen sich mehr­mals auf und ab: die Hand ist jetzt ein Kopf, der et­was ver­schlingt. Dazu sagt sie „rrrp-rrrp-rrrp“. Je­des Mal, mit leuch­ten­den Au­gen. Das Un­be­wuss­te ist eine sich wie­der­ho­len­de Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, sagt La­can.

Analer Anspruch und anales Begehren

Der ana­le An­spruch ist eine For­de­rung, die sich auf die Ent­lee­rung der Ex­kre­men­te be­zieht. Die Rich­tung der Kom­mu­ni­ka­ti­on ist um­ge­kehrt: die­ser An­spruch geht vom An­de­ren aus und wen­det sich an das Sub­jekt. Die For­de­rung kann dar­in be­stehen, die Ex­kre­men­te an ei­nem be­stimm­ten Ort und zu ei­ner be­stimm­ten Zeit von sich zu ge­ben, sie kann aber auch dar­auf ab­zie­len, sie an ei­nem be­stimm­ten Ort und zu ei­ner be­stimm­ten Zeit zu­rück­zu­hal­ten.

Die Sa­che mit dem Ort leuch­tet mir ein, sagt S., aber was hat das mit der Zeit zu tun? T. er­zählt von den Au­to­fahr­ten in sei­ner Kind­heit, je­den zwei­ten Sonn­tag ein Be­such in W., eine Stun­de Fahr­zeit. Be­vor es los­geht, for­dern die El­tern die Kin­der re­gel­mä­ßig auf, die Toi­let­te auf­zu­su­chen. Auf hal­ber Stre­cke, mit­ten auf der Au­to­bahn, kein Klo weit und breit, sagt I.: „Ich muss mal“. Im­mer.

Hat das mit Zeit zu tun? Auch, aber ein ein­fa­che­res Bei­spiel wäre die Töpf­chen­bank in den Kin­der­krip­pen der DDR ge­we­sen.

Im Zwang von I., sich ge­ra­de au­ßer­halb der ge­for­der­ten Zeit ent­lee­ren zu müs­sen, mel­det sich das Be­geh­ren.

Das ana­le Be­geh­ren stützt sich auf das Phan­tas­ma, in ei­nem Ab­grund, in ei­nem Loch zu ver­schwin­den, wie ein Kot­häuf­chen im Klo­sett­ab­fluss. C. hat mir ein­mal er­zählt, dass sie sich als Kind schrei­end ge­wei­gert hat, den Spül­knopf der Toi­let­te zu drü­cken – das Be­geh­ren zeigt sich in der Angst.

In­sze­niert I. die­ses Be­geh­ren, wenn sie das Fa­mi­li­en­au­to zum An­hal­ten zwingt und sich dar­aus ge­wis­ser­ma­ßen aus­stößt?

Ein Traum

Letz­te Nacht, nach­dem ich die Vor­le­sung über An­spruch und Be­geh­ren ge­le­sen hat­te, hat­te ich die­sen Traum: Eine Ver­an­stal­tung der Volks­uni­ver­si­tät in gro­ßen wei­ßen Zel­ten, wie man sie bei Volks­fes­ten be­nutzt. Ich bin in ei­nem Zelt, in dem W., mein aka­de­mi­scher Leh­rer, ei­nen Vor­trag hält. Ich gehe hin­ter der letz­ten Rei­he der Zu­hö­rer vor­bei, da­bei tra­ge ich et­was zu es­sen in der Hand. W. ruft mir zu: „Rolf, du störst , war­um hältst du dich nicht an die Es­sens­zei­ten?“ Be­lei­digt zieh ich mich in ein an­de­res Zelt zu­rück. Hier bin ich al­lein. Die Ösen des Zelts sind ver­ros­tet, der Re­gen hat den Rost auf die Pla­ne ge­schwemmt, der An­blick fas­zi­niert mich (beim Er­zäh­len des Traums er­in­nert er mich an die Haa­re von Re­be­kah Brooks). Ich be­schlie­ße, die Ver­an­stal­tung zu ver­las­sen; bei die­ser Vor­stel­lung habe ich leich­te Angst. F. kommt in mein Zelt, W.s Ehe­frau, sie will mit mir re­den. Ich wei­ge­re mich, mit ihr zu spre­chen. Ein wei­te­res Mal be­schlie­ße ich zu ge­hen, und wie­der ist mir un­be­hag­lich.

Als ich beim Früh­stück S. den Traum er­zäh­le, bin ich über­rascht. Ich habe La­cans The­sen über An­spruch und Be­geh­ren wei­ter­ge­dacht – im Schlaf! Wenn der ora­le An­spruch vom An­de­ren in um­ge­kehr­ter Form zu­rück­kommt, nimmt er eine ana­le Form an: Hier und jetzt sollst du es­sen, hier und jetzt sollst du nicht es­sen. Kei­ne ori­gi­nel­le Ein­sicht, für Psy­cho­ana­ly­ti­ker ver­mut­lich eine Ba­na­li­tät, aber doch, zu mei­ner Ver­blüf­fung, ein im Traum sich mel­den­der Ge­dan­ke: Die ana­le Form des An­spruchs kann auf den ora­len An­spruch auf­ge­pfropft wer­den. (Auch das Lied „Es ist noch Sup­pe da“ nimmt eine ana­le Wen­dung, wie man hier nach­le­sen kann.)

Im Traum ist nicht nur mein Un­be­wuss­tes am Werk und nicht nur mei­ne Er­zähl­gram­ma­tik („Rück­sicht auf Dar­stell­bar­keit“ nennt das Freud). Im Schlaf be­tä­tigt sich auch mein Ver­stand. Das war schon Leib­niz be­kannt (er nennt die Ge­dan­ken ohne Be­wusst­sein pe­ti­tes per­cep­ti­ons), und Her­bart sprach von der „Ver­drän­gung“ die­ser un­be­wuss­ten Ge­dan­ken (von ihm hat Freud den Aus­druck). Dass ich das weiß, ver­hin­dert nicht, dass es mich er­staunt, wenn ich es an mir selbst er­le­be.

Mein Traum bringt aber nicht nur, oral ver­klei­det, den ana­len An­spruch auf die Büh­ne. Er in­sze­niert auch ein ana­les Phan­tas­ma.

Du störst“: das ist das Ver­schwin­den des Sub­jekts aus dem Dis­kurs des An­de­ren, die Apha­ni­sis, in der For­mel des Phan­tas­mas ($◊a) dar­ge­stellt durch das durch­ge­stri­che­ne S, also $.

Die Rost­fle­cken brin­gen den Kot ins Spiel, die „Brot­mar­ke“, wie mein On­kel Hans zu sa­gen pfleg­te, der brau­ne Fleck in der Un­ter­ho­se. Das Sich-Da­von­ma­chen ist die ana­le Ant­wort auf das die Apha­ni­sis. Ich iden­ti­fi­zie­re mich mit ei­nem Kot­häuf­chen, das hin­un­ter­ge­spült wird, mit dem Ob­jekt a; als ver­schwin­den­des Sub­jekt fin­de ich in ihm mei­nen Re­prä­sen­tan­ten.

In der For­mel des Phan­tas­mas steht die Rau­te, also das Sym­bol ◊, für den Schnitt. Wo er­scheint er in mei­nem Traum? In Ge­stalt der Zel­t­ö­se.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.