Subjekt

Lass Dich sein.“

Was bin ich - Heiteres Beruferaten mit Robert Lenke - zu: SubjektWas bin ich? Hei­te­res Be­ru­fe­ra­ten mit Ro­bert Lemb­ke“, Sen­dung des Ers­ten Deut­schen Fern­se­hens 1955–58 und 1961–89, Bild von 1964 von hier

In Se­mi­nar 8 von 1960/61, Die Über­tra­gung, stol­pe­re ich über die­se Pas­sa­ge:

Die Ant­wort auf das Was bin ich? ist nichts an­de­res als et­was, das in eben der Form ar­ti­ku­lier­bar ist, in der ich Ih­nen sag­te, daß kein An­spruch be­stehen ge­las­sen wird. Auf das Was bin ich? gibt es auf der Stu­fe des An­de­ren kei­ne an­de­re Ant­wort als das Laß Dich sein. Und jede die­ser Ant­wort ge­ge­be­ne Über­stür­zung, wel­che auch im­mer es sein mag in der Ord­nung der Wür­de, Kind oder Er­wach­se­ner, ist nur dies, wor­in ich den Sinn die­ses Laß-Dich-Sein flie­he.“1

Lass Dich sein“ (lais­se-toi être) – was könn­te das hei­ßen? Was meint hier „las­sen“ und was „sein“? Die Dun­kel­heit lich­tet sich ein we­nig (und neue kommt hin­zu), wenn man der Spur nach­geht, die mit dem Si­gni­fi­kan­ten „sein“ ge­legt wird.

Das „sein“ führt zu Hei­deg­ger, und die Fra­ge „Was bin ich?“ zum The­ma der Iden­ti­tät. In dem Auf­satz Der Satz der Iden­ti­tät spricht Hei­deg­ger über das Zu­sam­men­ge­hö­ren von Sei­en­dem und Sein so­wie von Mensch (als ei­ner Form des Sei­en­den) und Sein. Das Sein wird von der Me­ta­phy­sik als Grund auf­ge­fasst, die Iden­ti­tät als ein Zug im Sein, das mensch­li­che Sei­en­de als ani­mal ra­tio­na­le, das in der Neu­zeit zum Sub­jekt für sei­ne Ob­jek­te ge­wor­den ist. Es ist mög­lich, sich von die­ser Be­zie­hung von Sein und Sei­en­dem ab­zu­set­zen, in Rich­tung auf eine neue Kon­stel­la­ti­on, die auf uns war­tet, und zwar durch ei­nen Sprung.2 Springt die­ser Ab­sprung in ei­nen Ab­grund? Ja, sagt Hei­deg­ger, so­lan­ge wir uns den Sprung im Ge­sichts­kreis des me­ta­phy­si­schen Den­kens vor­stel­len.

Nein, in­so­fern wir sprin­gen und uns los­las­sen. Wo­hin? Da­hin, wo­hin wir schon ein­ge­las­sen sind: in das Ge­hö­ren zum Sein.“3

und uns los­las­sen …“, hier ha­ben wir das Las­sen; das Las­sen ist ein Los­las­sen. Was los­ge­las­sen wird, ist das me­ta­phy­si­sche Den­ken, die Vor­stel­lung vom ani­mal ra­tio­na­le, das sich als Sub­jekt zu ei­nem Ob­jekt ver­hält.

… in das Ge­hö­ren zum Sein“: Das Los­las­sen führt zum Sein, ge­nau­er: in das Zu­ge­hö­ri­gen des Sei­en­den (des Men­schen) zum Sein.

Was heißt das im Rah­men der Psy­cho­ana­ly­se?

Im Kon­text geht es um die Iden­ti­fi­zie­rung, und da­mit um das Ideal­ich und das Ichi­de­al. Wenn sich das Sub­jekt fragt, „Was bin ich?“, kommt es, seit der Ro­man­tik, häu­fig zur Ant­wort „Ich bin ein Kind“, etwa in die­ser Ver­si­on: „Ich bin ein Künst­ler und als Künst­ler ver­tre­te ich ge­gen­über den ernst­haf­ten Leu­ten die Rech­te des Kin­des“. Bei ei­ner sol­chen Ant­wort wird der Sin­n­ef­fekt da­durch er­zeugt, dass die mit „Ich bin …“ be­gin­nen­de Si­gni­fi­kan­ten­ket­te bei ei­nem be­stimm­ten Si­gni­fi­kan­ten zum Ab­schluss kommt, hier bei „Kind“. „Kind“ ist das Ideal­ich, und die Be­zie­hung zum Ideal­ich wird vom Ichi­de­al re­gu­liert, hier: vom My­thos des Er­wach­se­nen. Die Ant­wort „Ich bin ein Kind“ be­ruht auf der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem my­thi­schen Er­wach­se­nen, und die­se Iden­ti­fi­zie­rung ist eine Me­ta­pher, ein Er­satz für das Be­geh­ren.4

La­can ana­lo­gi­siert das Ver­hält­nis von Sei­en­dem und Sein mit dem von An­spruch und Be­geh­ren. Die An­sprü­che sind die „fal­schen Me­ta­phern des Sei­en­den“, wie es im Ethik-Se­mi­nar heißt5, das Be­geh­ren ist Seins­man­gel, also eine ne­ga­ti­ve Form des Seins (das Sein zeigt sich nur im Nichts, sagt Hei­deg­ger in Was ist Me­ta­phy­sik?), die Fi­xie­rung auf den An­spruch ent­spricht der Seins­ver­ges­sen­heit. Sich sein zu las­sen heißt, das sagt La­can deut­lich, kei­nen An­spruch be­stehen zu las­sen, also: zu be­geh­ren. Das Mo­dell da­für ist, im Ethik­se­mi­nar, An­ti­go­ne.

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Anmerkungen

  1. Ver­si­on Miller/Gondek, S. 301.
  2. Hei­deg­ger evo­ziert hier  Kier­ke­gaar­ds Sprung in den Glau­ben (Phi­lo­so­phi­sche Bro­cken, Ab­schlie­ßen­de un­wis­sen­schaft­li­che Nach­schrift).
  3. Der Satz der Iden­ti­tät. In: Ders.: Iden­ti­tät und Dif­fe­renz. Nes­ke, Pful­lin­gen 1957, S. 20.
  4. Vgl. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 299–301.
  5. Se­mi­nar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se, Ver­si­on Miller/Haas, S. 299; die Be­zie­hung zwi­schen den „fal­schen Me­ta­phern des Sei­en­den“ und dem An­spruch ist mei­ne Zu­tat, sie wird von La­can an die­ser Stel­le nicht her­ge­stellt.

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