Lacans Schemata

SI-Phi – Nachtrag zur Erläuterung des optischen Modells

Clemens Gijsbrechts - Rückseite eines Gemäldes - 1670Cornelis Gijsbrechts, Rückseite eines Gemäldes, 1670
Öl auf Leinwand, 67 x 87 cm, Kopenhagen, Statens Museum for Kunst

Ein Leser schreibt zu meiner Erläuterung von Lacans optischem Modell:

„Warum im S und I oben rechts das ungestrichene Subjekt und das Ichideal lesen und nicht S für Symbolisches und I für Imaginäres?“

Optisches Modell - Lagache-Vortrag - mit SIDie Frage bezieht sich auf Lacans Aufsatz Anmerkung zu Daniel Lagaches Vortrag „Psychoanalyse und Persönlichkeitsstruktur“1 und dort auf die oben wiedergegebene zweite Abbildung zum optischen Modell. Stehen die Buchstaben S und I (oben rechts in Abbildung zwei) tatsächlich, wie ich behaupte, für das Subjekt und das Ichideal?

Also ein wenig S-und-I-Philologie, kurz: SI-Phi.

S

Lacan verwendet den Buchstaben groß S manchmal für das Symbolische, manchmal für Signifikanten und manchmal für das Subjekt. Steht das S für das Subjekt, kann es wiederum in zwei unterschiedlichen Bedeutungen auftreten, es kann für das Subjekt im allgemeinen stehen, so etwa im sogenannten L-Schema ab Seminar 1 von 1953/54, und es kann für das Subjekt im Sinne des noch nicht durch die Sprache hindurchgegangenen, also des vorsymbolischen Subjekts stehen, im Gegensatz zum „durchgestrichenen“ bzw. „versperrten Subjekt“; die letzte Bedeutung ergibt S im Gegensatz zu $. Das S im Sinne des Subjekts wird von Lacan mit einer Reihe von Wortspielen verbunden: mit dem deutschen Wort Es (das Subjekt als verdrängter Trieb), mit der französischen Frage Est-ce? (Ist es?, das Subjekt als Frage an sich selbst, was es eigentlich will) und mit dem lateinischen esse (Sein, das Subjekt als Sein bzw. als Seinsmangel, d.h. als Begehren).

In Seminar 1 von 1953-54 findet man mehrere Fassungen des optischen Schemas, eine davon ist die folgende2:

Optisches Modell VSIn dieser Version steht oben rechts das Kürzel „VS“, dort, wo im Lagache-Aufsatz die Buchstaben S und I stehen. „VS“ steht für „virtuelles Subjekt“:

„Wir haben das Subjekt am Rand des sphärischen Spiegels situiert. Aber wir wissen, daß die Ansicht eines Bildes auf dem ebenen Spiegel demjenigen Bild des realen Objekts vollkommen äquivalent ist, das ein Beschauer sehen würde, der jenseits vom Spiegel stünde, an genau dem Platz, wo das Subjekt sein Bild sieht. Wir können also das Subjekt durch ein virtuelles Subjekt, VS, ersetzen, das im Innern des Kegels lokalisiert ist, der die Illusionsmöglichkeit begrenzt – das ist das Feld x’y‘.“3

Das Subjekt, dargestellt durch das Auge, hat seinen Platz oben links am Rand des sphärischen Spiegels; es sieht im Spiegel ein Bild des Objekts. Dieses Bild entspricht demjenigen Bild, das sich einem Beobachter ohne Vermittlung des Spiegels auf die Netzhaut projizieren würde, wenn er auf die andere Seite des Spiegels ginge und von dort aus das Objekt direkt betrachtete; dazu müsste er im realen Raum hinter dem Spiegel die Stelle einnehmen, auf der das Subjekt im Spiegelbild erscheint. (Die Entsprechung ist partiell, der Beobachter hinter dem Spiegel sieht das Objekt von derselben Seite wie der Beobachter, der in den Spiegel schaut, die beiden Bilder sind jedoch seitenverkehrt.) Der Punkt oben rechts, VS, steht für das virtuelle Subjekt, also das Subjekt, wie es im Planspiegel erscheint, im Spiegel des Anderen, der Sprache.

In Seminar 8 bekräftigt Lacan die Zuordnung zwischen dem Punkt oben rechts, der jetzt nicht mehr mit „VS“ bezeichnet wird, sondern mit „S, I“, und dem virtuellen Subjekt:

„In dem kleinen Schema, so wie Sie es in der Zeitschrift veröffentlicht sehen werden, werden Sie erkennen, daß das S, das als Figuration der Funktion des Subjekts da ist, rein virtuell ist.“4

Lacan kündigt hier das Erscheinen des Aufsatzes über Lagache in der Zeitschrift La Psychanalyse an. Die Äußerung macht klar: In Abbildung 2 des Lagache-Aufsatzes steht das S für das virtuelle Subjekt, für das Subjekt, soweit es in der Sprache erscheint.

I

Der Buchstabe groß I steht bei Lacan manchmal für das Imaginäre, manchmal für das Ichideal.

Einen Beleg dafür, dass im optischen Schema mit I das Ichideal gemeint ist, liefert die Beschreibung dieses Modells durch Jacques-Alain Miller im Anhang der Écrits. (Die Übersetzung findet man hier, ganz am Ende dieses Blogeintrags.) Miller erläutert das optische Schema so:

„Schließlich ist es der Punkt I (der Punkt des Ichideals, wo der einzige Zug zu verorten ist), der für das Subjekt das Selbstbild steuert.“5

Das ist eindeutig: I steht für das Ichideal. Aber leider kann Miller sich geirrt haben und Lacan kann diesen Irrtum übersehen haben, als er Millers Beschreibung in die Écrits übernahm.

In Seminar 8 sagt Lacan, mit seiner Erläuterung des optischen Schemas wolle er präzisieren,

„was ich die Funktion des Ideal-Ichs nenne, als unterschieden von der des Ichideals und im Gegensatz zu ihr“6.

Es geht ihm also vor allem um den Gegensatz zwischen dem Ichideal und dem Ideal-Ich. Also ist zu erwarten, dass das Ichideal irgendwo im Schema repräsentiert ist.

Und weiter:

„Ich zeichne hier die Infunktionnahme des Anderen nach, insofern er der Andere des sprechenden Subjekts ist, der Andere, insofern über ihn als Ort des Sprechens die Auswirkung des Signifikanten für jedes Subjekt einhergehen wird – für jedes Subjekt, mit dem wir als Psychoanalytiker zu tun haben. Wir können darin [ici] den Platz dessen fixieren, was als Ichideal funktionieren wird.7

„Darin“ für ici ist problematisch, besser wäre „hier“: „Wir können hier den Platz dessen fixieren, was als Ichideal funktionieren soll.“ Lacan steht vor der Tafel mit dem optischen Schema und zeigt bei ici auf einen bestimmten Punkt der Zeichnung. Leider entgeht uns, mangels Filmaufnahme, wo dieser Punkt anzusiedeln ist, immerhin hat sich damit unsere Vermutung bestätigt, dass das Ichideal im optischen Schema an einer bestimmten Stelle seinen Platz hat.

Etwas später heißt es:

„Wie es auch damit bestellt sein mag, die Position von S im Feld des Anderen, das heißt im virtuellen Feld, das der Andere durch seine Anwesenheit als Reflexionsfeld entwickelt, ist darin nur an einem Punkt groß I, als unterschieden von dem Platz, auf den i'(a) sich projiziert, zu verorten. Insofern diese Unterscheidung nicht nur möglich, sondern üblich ist, kann das Subjekt erfassen, was an zutiefst Illusorischem seine narzißtische Identifizierung hat.“8

Die Position von S – die Position des virtuellen Subjekts – ist am Punkt groß I zu verorten; d.h. die Buchstaben S und I beziehen sich auf ein und denselben Punkt. Der Punkt I unterscheidet sich von dem Platz, auf dem i'(a) erscheint, also vom Ideal-Ich. Damit ist klar, dass sich I nicht auf das Imaginäre bezieht – es wird vom imaginären Ideal-Ich ja ausdrücklich abgegrenzt. Vorher hatten wir erfahren, dass es im Schema um den Unterschied zwischen dem Ichideal und dem Ideal-Ich geht. Also dürfen wir annehmen: Miller hat recht und das I steht für das Ichideal.

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Anmerkungen

  1. Écrits 1966, S. 674 und 680
  2. Seminar 1, Version Miller/Hamacher, S. 179
  3. Seminar 1, Version Miller/Hamacher, S. 180, Fettschreibung hier und im Folgenden von mir.
  4. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 454.
  5. Écrits, S. 905, die Einfügung in der Klammer stammt von Miller.
  6. Seminar 8, S. 454, Übersetzung geändert.
  7. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 454.
  8. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 456.

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