Lacans Schemata

SI-Phi – Nachtrag zur Erläuterung des optischen Modells

René Mag­rit­te, La gran­de guer­re, 1964, Se­rie 1, Farbli­tho­gra­phie, 68,6 x 49,8 cm

Ein Le­ser schreibt zu mei­ner Er­läu­te­rung von La­cans op­ti­schem Mo­dell:

War­um im S und I oben rechts das un­ge­stri­che­ne Sub­jekt und das Ichi­de­al le­sen und nicht S für Sym­bo­li­sches und I für Ima­gi­nä­res?“

Optisches Modell - Lagache-Vortrag - mit SIDie Fra­ge be­zieht sich auf La­cans Auf­satz An­mer­kung zu Da­ni­el Lag­a­ches Vor­trag „Psy­cho­ana­ly­se und Per­sön­lich­keits­struk­tur“1 und dort auf die oben wie­der­ge­ge­be­ne zwei­te Ab­bil­dung zum op­ti­schen Mo­dell. Ste­hen die Buch­sta­ben S und I (oben rechts in Ab­bil­dung zwei) tat­säch­lich, wie ich be­haup­te, für das Sub­jekt und das Ichi­de­al?

Also ein we­nig S-und-I-Phi­lo­lo­gie, kurz: SI-Phi.

S

La­can ver­wen­det den Buch­sta­ben groß S manch­mal für das Sym­bo­li­sche, manch­mal für Si­gni­fi­kan­ten und manch­mal für das Sub­jekt. Steht das S für das Sub­jekt, kann es wie­der­um in zwei un­ter­schied­li­chen Be­deu­tun­gen auf­tre­ten, es kann für das Sub­jekt im all­ge­mei­nen ste­hen, so etwa im so­ge­nann­ten L-Sche­ma ab Se­mi­nar 1 von 1953/54, und es kann für das Sub­jekt im Sin­ne des noch nicht durch die Spra­che hin­durch­ge­gan­ge­nen, also des vor­sym­bo­li­schen Sub­jekts ste­hen, im Ge­gen­satz zum „durch­ge­stri­che­nen“ bzw. „ver­sperr­ten Sub­jekt“; die letz­te Be­deu­tung er­gibt S im Ge­gen­satz zu $. Das S im Sin­ne des Sub­jekts wird von La­can mit ei­ner Rei­he von Wort­spie­len ver­bun­den: mit dem deut­schen Wort Es (das Sub­jekt als ver­dräng­ter Trieb), mit der fran­zö­si­schen Fra­ge Est-ce? (Ist es?, das Sub­jekt als Fra­ge an sich selbst, was es ei­gent­lich will) und mit dem la­tei­ni­schen esse (Sein, das Sub­jekt als Sein bzw. als Seins­man­gel, d.h. als Be­geh­ren).

In Se­mi­nar 1 von 1953–54 fin­det man meh­re­re Fas­sun­gen des op­ti­schen Sche­mas, eine da­von ist die fol­gen­de2:

Optisches Modell VSIn die­ser Ver­si­on steht oben rechts das Kür­zel „VS“, dort, wo im Lag­a­che-Auf­satz die Buch­sta­ben S und I ste­hen. „VS“ steht für „vir­tu­el­les Sub­jekt“:

Wir ha­ben das Sub­jekt am Rand des sphä­ri­schen Spie­gels si­tu­iert. Aber wir wis­sen, daß die An­sicht ei­nes Bil­des auf dem ebe­nen Spie­gel dem­je­ni­gen Bild des rea­len Ob­jekts voll­kom­men äqui­va­lent ist, das ein Be­schau­er se­hen wür­de, der jen­seits vom Spie­gel stün­de, an ge­nau dem Platz, wo das Sub­jekt sein Bild sieht. Wir kön­nen also das Sub­jekt durch ein vir­tu­el­les Sub­jekt, VS, er­set­zen, das im In­nern des Ke­gels lo­ka­li­siert ist, der die Il­lu­si­ons­mög­lich­keit be­grenzt – das ist das Feld x’y‘.“3

Das Sub­jekt, dar­ge­stellt durch das Auge, hat sei­nen Platz oben links am Rand des sphä­ri­schen Spie­gels; es sieht im Spie­gel ein Bild des Ob­jekts. Die­ses Bild ent­spricht dem­je­ni­gen Bild, das sich ei­nem Be­ob­ach­ter ohne Ver­mitt­lung des Spie­gels auf die Netz­haut pro­ji­zie­ren wür­de, wenn er auf die an­de­re Sei­te des Spie­gels gin­ge und von dort aus das Ob­jekt di­rekt be­trach­te­te; dazu müss­te er im rea­len Raum hin­ter dem Spie­gel die Stel­le ein­neh­men, auf der das Sub­jekt im Spie­gel­bild er­scheint. (Die Ent­spre­chung ist par­ti­ell, der Be­ob­ach­ter hin­ter dem Spie­gel sieht das Ob­jekt von der­sel­ben Sei­te wie der Be­ob­ach­ter, der in den Spie­gel schaut, die bei­den Bil­der sind je­doch sei­ten­ver­kehrt.) Der Punkt oben rechts, VS, steht für das vir­tu­el­le Sub­jekt, also das Sub­jekt, wie es im Plan­spie­gel er­scheint, im Spie­gel des An­de­ren, der Spra­che.

In Se­mi­nar 8 be­kräf­tigt La­can die Zu­ord­nung zwi­schen dem Punkt oben rechts, der jetzt nicht mehr mit „VS“ be­zeich­net wird, son­dern mit „S, I“, und dem vir­tu­el­len Sub­jekt:

In dem klei­nen Sche­ma, so wie Sie es in der Zeit­schrift ver­öf­fent­licht se­hen wer­den, wer­den Sie er­ken­nen, daß das S, das als Fi­gu­ra­ti­on der Funk­ti­on des Sub­jekts da ist, rein vir­tu­ell ist.“4

La­can kün­digt hier das Er­schei­nen des Auf­sat­zes über Lag­a­che in der Zeit­schrift La Psy­chana­ly­se an. Die Äu­ße­rung macht klar: In Ab­bil­dung 2 des Lag­a­che-Auf­sat­zes steht das S für das vir­tu­el­le Sub­jekt, für das Sub­jekt, so­weit es in der Spra­che er­scheint.

I

Der Buch­sta­be groß I steht bei La­can manch­mal für das Ima­gi­nä­re, manch­mal für das Ichi­de­al.

Ei­nen Be­leg da­für, dass im op­ti­schen Sche­ma mit I das Ichi­de­al ge­meint ist, lie­fert die Be­schrei­bung die­ses Mo­dells durch Jac­ques-Alain Mil­ler im An­hang der Écrits. (Die Über­set­zung fin­det man hier, ganz am Ende die­ses Blog­ein­trags.) Mil­ler er­läu­tert das op­ti­sche Sche­ma so:

Schließ­lich ist es der Punkt I (der Punkt des Ichi­de­als, wo der ein­zi­ge Zug zu ver­or­ten ist), der für das Sub­jekt das Selbst­bild steu­ert.“5

Das ist ein­deu­tig: I steht für das Ichi­de­al. Aber lei­der kann Mil­ler sich ge­irrt ha­ben und La­can kann die­sen Irr­tum über­se­hen ha­ben, als er Mil­lers Be­schrei­bung in die Écrits über­nahm.

In Se­mi­nar 8 sagt La­can, mit sei­ner Er­läu­te­rung des op­ti­schen Sche­mas wol­le er prä­zi­sie­ren,

was ich die Funk­ti­on des Ide­al-Ichs nen­ne, als un­ter­schie­den von der des Ichi­de­als und im Ge­gen­satz zu ihr“6.

Es geht ihm also vor al­lem um den Ge­gen­satz zwi­schen dem Ichi­de­al und dem Ide­al-Ich. Also ist zu er­war­ten, dass das Ichi­de­al ir­gend­wo im Sche­ma re­prä­sen­tiert ist.

Und wei­ter:

Ich zeich­ne hier die In­funk­ti­onnah­me des An­de­ren nach, in­so­fern er der An­de­re des spre­chen­den Sub­jekts ist, der An­de­re, in­so­fern über ihn als Ort des Spre­chens die Aus­wir­kung des Si­gni­fi­kan­ten für je­des Sub­jekt ein­her­ge­hen wird – für je­des Sub­jekt, mit dem wir als Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu tun ha­ben. Wir kön­nen dar­in [ici] den Platz des­sen fi­xie­ren, was als Ichi­de­al funk­tio­nie­ren wird.7

Dar­in“ für ici ist pro­ble­ma­tisch, bes­ser wäre „hier“: „Wir kön­nen hier den Platz des­sen fi­xie­ren, was als Ichi­de­al funk­tio­nie­ren soll.“ La­can steht vor der Ta­fel mit dem op­ti­schen Sche­ma und zeigt bei ici auf ei­nen be­stimm­ten Punkt der Zeich­nung. Lei­der ent­geht uns, man­gels Film­auf­nah­me, wo die­ser Punkt an­zu­sie­deln ist, im­mer­hin hat sich da­mit un­se­re Ver­mu­tung be­stä­tigt, dass das Ichi­de­al im op­ti­schen Sche­ma an ei­ner be­stimm­ten Stel­le sei­nen Platz hat.

Et­was spä­ter heißt es:

Wie es auch da­mit be­stellt sein mag, die Po­si­ti­on von S im Feld des An­de­ren, das heißt im vir­tu­el­len Feld, das der An­de­re durch sei­ne An­we­sen­heit als Re­fle­xi­ons­feld ent­wi­ckelt, ist dar­in nur an ei­nem Punkt groß I, als un­ter­schie­den von dem Platz, auf den i‘(a) sich pro­ji­ziert, zu ver­or­ten. In­so­fern die­se Un­ter­schei­dung nicht nur mög­lich, son­dern üb­lich ist, kann das Sub­jekt er­fas­sen, was an zu­tiefst Il­lu­so­ri­schem sei­ne nar­ziß­ti­sche Iden­ti­fi­zie­rung hat.“8

Die Po­si­ti­on von S – die Po­si­ti­on des vir­tu­el­len Sub­jekts – ist am Punkt groß I zu ver­or­ten; d.h. die Buch­sta­ben S und I be­zie­hen sich auf ein und den­sel­ben Punkt. Der Punkt I un­ter­schei­det sich von dem Platz, auf dem i‘(a) er­scheint, also vom Ide­al-Ich. Da­mit ist klar, dass sich I nicht auf das Ima­gi­nä­re be­zieht – es wird vom ima­gi­nä­ren Ide­al-Ich ja aus­drück­lich ab­ge­grenzt. Vor­her hat­ten wir er­fah­ren, dass es im Sche­ma um den Un­ter­schied zwi­schen dem Ichi­de­al und dem Ide­al-Ich geht. Also dür­fen wir an­neh­men: Mil­ler hat recht und das I steht für das Ichi­de­al.

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Anmerkungen

  1. Écrits 1966, S. 674 und 680
  2. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 179
  3. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 180, Fett­schrei­bung hier und im Fol­gen­den von mir.
  4. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 454.
  5. Écrits, S. 905, die Ein­fü­gung in der Klam­mer stammt von Mil­ler.
  6. Se­mi­nar 8, S. 454, Über­set­zung ge­än­dert.
  7. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 454.
  8. Se­mi­nar 8, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 456.

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