Selbstreflexion?

Das Spiegelstadium im Spiegel des Anderen

Groucho Marx in Die Marx-Brothers im Krieg (1933)

Michael Ermann gibt in seinem Buch Psychoanalyse in den Jahren nach Freud unter anderem einen Überblick über die Lacansche Psychoanalyse.1 Ermann, Professor Dr. med. und laut Umschlagtext Psychoanalytiker, Psychotherapeut und Psychosomatiker, war bis 2009 Leiter der psychosomatischen Abteilung der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. In seiner Lacandarstellung konzentriert er sich auf das Spiegelstadium sowie auf die These, dass das Unbewusste strukturiert ist wie eine Sprache; sein Referat ist wohlwollend.

Hier einige kritische Anmerkungen zu Ermanns Darstellung des Spiegelstadiums.2

Das Selbst?

Ermann schreibt:

„In seinen frühen Forschungen widmete sich Lacan der Ausarbeitung der Struktur des Ich/Selbst und des Selbstbewussteins.“ (S. 101), Anmerkung hierzu: „Bei Lacan heißt es damals noch das Ich, denn es handelt sich um die Zeit vor der Beschreibung des Selbst.“ (S. 101)

Ermann deutet die beiden Begriffe, mit denen Lacan das Ich beschreibt, Je und Moi, als

„das erlebende und das erlebte Selbst“ (S. 102).

Ermann ist offenbar der Ansicht, dass Lacan irgendwann den Begriff des Selbst einführt oder übernimmt oder dass er ihn übernommen hätte, wenn es den Begriff bereits gegeben hätte. Das ist nicht haltbar. Vom Selbst spricht Heinz Hartmann in einem Aufsatz aus dem Jahr 19503, Donald Winnicott verwendet den Begriff in einer Arbeit von 19604. Lacan hatte jede Menge Gelegenheiten, den Selbstbegriff zu übernehmen – und er hats nie getan.

Gelegentlich verwendet er den Ausdruck „Selbst“. So etwa in einem Text von 1946, dem Vortrag über psychische Kausalität, wo er im Zusammenhang des Spiegelstadiums schreibt, dass das Subjekt sich in seinem „Selbst-Gefühl (sentiment de Soi)“ mit dem Bild des anderen identifiziert5. Oder in Seminar 1 von 1953/54, wo er, bezogen auf das Verhältnis zwischen dem Subjekt und dem anderen, davon spricht, dass „der Körper als Ideal des Selbst“ auf den anderen projiziert wird6 und wo er von dem „Selbstbild“ spricht7, das durch die Identifizierung mit dem Spiegelbild entsteht.

Das Wort „Selbst“ wird bei ihm jedoch nicht zum theoretischen Konzept, nicht zum Teil eines Begriffsgefüges. Das unterscheidet ihn von von dem Soziologen Charles Cooley, der 1902 den Begriff des looking glass self geprägt hat, aber auch von Psychoanalytikern wie Melanie Klein, Anna Freud, Heinz Hartmann, Donald Winnicott und Heinz Kohut, die den Begriff des Selbst – in unterschiedlichen Bedeutungen – in ihre Theoriegebäude eingefügt haben.

In Seminar 12 von 1964/65, Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse, sagt Lacan:

„Die Inbetriebnahme einer ganzen Population von Subjekt-Entitäten, die Sie gut kennen, und die überall herumliegen: das Ich, das Ichideal, das Über-Ich, das Es, ohne mitzuzählen, was man hier an Neuem, an Raffiniertem hinzufügen kann, indem man das Ideal-Ich vom Ichideal unterscheidet, trägt all das nicht an sich –, ja dass man hier, wie seit einiger Zeit in der in der angelsächsischen Literatur, das ‚Self‘ hinzuzufügen kann, das, auch wenn es offensichtlich deshalb hinzugefügt worden ist, um dem Missstand dieser lächerlichen Vielzahl Abhilfe zu schaffen, das nicht weniger scheitert, insofern es, in der Art, wie es gehandhabt wird, nur eine ergänzende Entität darstellt.“8

Im Aufsatz über das Spiegelstadium verwendet Lacan den Ausdruck kritisch: gegen Sartre wendet er ein, dass dieser die Negativität leider nur soweit begreift, als sie „in den Grenzen bewußtseinsmäßiger self-Genügsamkeit bleibt.“9

Die Unterschiebung des Selbst-Konzepts bei der Darstellung des Spiegelstadiums findet man auch in Sean Homers Lacan-Einführung.10 Möglicherweise ist die Quelle dieses Irrtums der Titel von Anthony Wildens Übersetzung des Rom-Vortrags: The language of the self.11

Der Körper

Bei Ermann liest man: das Kind

„begrüßt das gespiegelte Selbst mit einer ‚Geste‘.“ (S. 101). „Narziss entdeckt ein imaginäres Selbst (le moi), d.h. ein Abbild des Selbst – und nicht das Selbst.“ (S. 102)

Das, was sich im Spiegel spiegelt, ist demnach das Selbst; bei Homer findet man dieselbe These.12 Lacan stellt es anders dar. Das, was im Spiegel gespiegelt wird, ist nicht das Selbst, sondern der Körper. Im Spiegelbild sieht das Kind die „totale Form des Körpers“13. Lacan versucht hier, den primären Narzissmus dadurch zu rekonstruieren, dass er einer rätselhaften Bemerkung von Freud einen Sinn gibt; Freud hatte geschrieben: „Das Ich ist vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche.“14

Ist es nicht verblüffend, dass ein Psycho-Somatiker in seiner Lacan-Rezeption ausgerechnet den Körper übersieht?

Das Imaginäre

Zum Imaginären heißt es bei Ermann:

„So wird das Moi zum Ort des Imaginären, dem Lacan später das Symbolische und das Reale zur Seite stellt. Dieses Imaginäre ist die Vorstellungswelt – eine Welt voller Illusionen, die subjektiv eine Wirklichkeit abbilden.“ (S. 104)

Demnach ist das Imaginäre die Vorstellungswelt, und das Symbolische ist keine Vorstellungswelt. Auch das entspricht nicht der Lacanschen Konzeption. Für ihn gibt es zwei unterschiedliche „Vorstellungswelten“, wenn man den Ausdruck verwenden will, zwei unterschiedliche Repräsentationssysteme (wie Jerome Bruner es nennt): Bilder und Sprache. Das Imaginäre ist die bildhafte „Vorstellungswelt“, das Symbolische die sprachliche „Vorstellungswelt“. Freuds unbewusste „Vorstellungen“ werden von Lacan oft als „Signifikanten“ bezeichnet.

Allerdings ist das Imaginäre (wie auch das Symbolische) keineswegs eine Vorstellungswelt, es ist nicht eine Welt von inneren Vorstellungen. Das Imaginäre findet nicht primär im Kopf statt, seiner Grundstruktur nach ist es eine Form der Beziehung zu äußeren Objekten, zu Objekten, die für das Subjekt die Funktion von Bildern haben, seien es Spiegelbilder, seien es Mitmenschen, die dem Subjekt das Bild der eigenen Ganzheit zeigen. Diese Bilder werden, Lacan zufolge, nicht primär durch das Subjekt erzeugt; der grundlegende Vorgang besteht für ihn darin, dass die Bilder auf das Subjekt einwirken und es verändern. Die totale Form des Körpers, schreibt er, ist dem Subjekt als Gestalt gegeben, d.h. in einem Außen, und darin ist diese Form „eher konstituierend als konstituiert“15, es ist eher so, dass diese Form das Subjekt konstituiert, als dass das Subjekt diese Form konstituiert. Die Identifikation mit dem Bild – die „psychische Kausalität“16 – geht der Projektion des Bildes voraus.

Das Objekt

Durch den Spiegel erfährt das Subjekt auch, wie es von anderen gesehen wird,  schreibt Ermann, und weiter:

„So entsteht durch den Spiegel nicht nur eine Vorstellung vom Selbst, sondern zugleich durch den Blick aus der Perspektive der anderen auch eine Beziehung zwischen dem Ich und dem imaginären Anderen. (…) Das Erleben von Beziehungen hat immer zwei Seiten: Einerseits erscheint der Andere und erweckt den Wunsch, den Mangel, den das entfremdete Subjekt im eigenen Selbst erfährt, durch Objekte auszugleichen. Andererseits ist die Bewegung hin zum Anderen immer begrenzt.“ (S. 104)

Der imaginäre andere (den Lacan mit kleinem a schreibt) ist der Mitmensch, auf den das Subjekt sich unter dem Gesichtspunkt bezieht, dass er ihm ähnlich ist. Dieser imaginäre andere erweckt im Subjekt den Wunsch, den im Begehren erlebten Mangel durch Objekte auszugleichen. Hier fehlt in Ermanns Darstellung die Pointe: das Subjekt will den Mangel, Lacan zufolge, durch Objekte ausgleichen, die der andere begehrt. Die Beziehung zum anderen beruht auf Identifizierung, und dies hat zur Folge, dass das Subjekt eben das begehrt, was der andere begehrt. Grundlegend für die Beziehung zum anderen ist deshalb die Eifersucht (die also auf Identifizierung beruht) sowie die Aggressivität. Die Identifizierung mit dem Ebenbild konstituiert die Objekte des Subjekts „in abstrakter Gleichwertigkeit durch die Konkurrenz der andern“17.

Die ursprüngliche Zwietracht und das Spiegelstadium

Welche Funktion hat das Spiegelbild?

„Hat das Kind sich bis dahin nur in Teilobjekten wahrgenommen, weil es z.B. das eigene Gesicht aus der Leibperspektive nicht sehen kann, so erkennt es sich nun im Bild von außen als ganzes Objekt. Das ist die psychische Geburt des Ich/Selbst.“ (S. 101)

Ermann zufolge ist der entscheidende Gegensatz bei Lacan der zwischen der direkten visuellen Selbstwahrnehmung, die partialisierend ist, und der vermittelten Selbstwahrnehmung im Spiegel, die eine Totalisierung ermöglicht. Lacan arbeitet mit einem anderen Grundgegegensatz. Ihm geht es um die Spannung zwischen dem unkoordinierten Körper, der als zerrissen erlebt wird, und der Antizipation der Ganzheit des Körpers in einem Bild.

Lacan: „Aber diese Beziehung zur Natur ist beim Menschen gestört durch ein gewisses Aufspringen (déhiscence) des Organismus in seinem Innern, durch eine ursprüngliche Zwietracht, die sich durch die Zeichen von Unbehagen und motorischer Inkoordination in den ersten Monaten des Neugeborenen verrät. Das objektive Wissen um die anatomische Unvollendetheit des Pyramidalsystems und um die Remanenz gewisser organischer Flüssigkeiten des mütterlichen Körpers bestätigt, was wir als Gegebenheiten einer tatsächlichen, spezifischen Vorzeitigkeit der menschlichen Geburt formulieren.“18

Lacan argumentiert so: In den ersten sechs Monaten ist das Kind, bezogen auf das Nervensystem und die Körperflüssigkeiten, physiologisch noch unentwickelt. Dies führt zu einer mangelhaften Koordination der Motorik und des Gleichgewichts. Dies verursacht die ursprüngliche Hilflosigkeit des Kindes, sowohl im Verhältnis seiner Organe zueinander als auch zu seinen Mitmenschen (Freuds „motorische Hilflosigkeit“19). Die Hilflosigkeit äußert sich in Triebspannungen und, später beim Erwachsenen, in Fantasien des zerstückelten Körpers. Die durch die Unkoordiniertheit entstehende pychische Spannung wird dadurch gelöst, dass ein Bild der Ganzheit auf das Kind einwirkt, was es ihm ermöglicht, die Körperbeherrschung in einem gestalthaften Körperbild zu antizipieren. Aus diesem Grunde begrüßt es sein Körperbild mit Begeisterung – es nimmt „seinen eigenen Körper zum Liebesobjekt“, wie Freud sagt.20 Das affektiv besetzte Körperbild übt auf das Kind eine formende Wirkung aus: es identifiziert sich mit ihm.

Es fasziniert mich, dass der Leser, der Lacans psycho-somatische These überliest und sie ersetzt durch die psychologische These über die Eingeschränktheit der visuellen Selbstwahrnehmung und deren Überwindung durch das Spiegelbild, dass dieser Leser ein Psychosomatiker ist.

Das Imaginäre beruht darauf, dass ein äußeres Bild auf den unkoordinierten Körper einwirkt, ihn auf eine vereinheitliche Gestalt polt und eben dadurch spaltet. Das ist ein ungewöhnlicher Gedanke, an den man sich heranarbeiten muss. Vielleicht mit der ausgezeichneten Darstellung dieser Struktur in Peter Gebles Aufsatz über Mimese.

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Anmerkungen

  1. Michael Ermann: Psychoanalyse in den Jahren nach Freud. Entwicklungen 1940-1975. Kohlhammer, Stuttgart 2009, zu Lacan: S. 96-109.– Das Buch beruht auf Ermanns Vorlesung „Psychoanalyse nach Freud“ bei den Lindauer Psychotherapiewochen 2008.
  2. Zum Spiegelstadium vgl. v.a. die folgenden Arbeiten Lacans:
    Die Familie (1938). In: Ders.: Schriften III. Walter, Olten 1980, S. 39-100, darin das Kapitel „Der Komplex des Eindringlings“, S. 54-62.
    Vortrag über die psychische Kausalität (Vortrag von 1946, zuerst veröffentlicht 1950). In: Schriften III, S. 123-171, darin das Kapitel „Die psychischen Wirkungen des imaginären Modus“, S. 155-171.
    L’aggressivité en psychanalyse (1948). In: Ders.: Écrits. Éditions du Seuil, Paris 1966, S. 101-124, darin S. 112 f.
    Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion (1949). In: Ders.: Schriften I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, S. 61-70.
    Some reflections on the Ego (Vortrag von 1951). In: International Journal of Psychoanalysis, 34. Jg. (1953), S. 11-17.
    Das Freud’sche Ding (Vortrag von 1955, veröffentlicht 1956). Turia + Kant, Wien 2011, darin S. 55-58.

    .

    Das Konzept des Spiegelstadiums übernimmt Lacan (ohne ihn zu nennen) von Henri Wallon. Vgl.: Henri Wallon: Les origines du caractère chez l’enfant. Les préludes du sentiment de personnalité. Boivin, Paris 1934.

    Sekundärliteratur zum Spiegelstadium:
    Peter Geble: Der Mimese-Komplex. In: ilinx. Heft 2 (2011), Mimesen
    – Emile Jalley: Freud, Wallon, Lacan: l’enfant au miroir. EPEL, Paris 1998
    – Elisabeth Roudinesco: The mirror stage: an obliterated archive. In: Jean-Michel Rabaté (Hg.): The Cambridge companion to Lacan. Cambridge, Cambridge University Press 2003, S. 25-34.

  3. Heinz Hartmann: Bemerkungen zur psychoanalytischen Theorie des Ichs (1950). In: Ders.: Ich-Psychologie. Studien zur psychoanalytischen Theorie. Klett, Stuttgart 1972, S. 119-144.
  4. Donald W. Winnicott: Ich-Verzerrung in Form des wahren und des falschen Selbst (1960). In: Ders.: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Psychosozial-Verlag, Gießen 2001, S. 182.
  5. Vortrag über psychische Kausalität, a.a.O., S. 158.
  6. Seminar 1, Version Miller/Hamacher, S. 192.
  7. Seminar 1, S. 354.
  8. Seminar 12, Sitzung vom 24. Mai 1967; Version Staferla 6.8.2013, S. 175, meine Übersetzung.
  9. Spiegelstadium (1949), a.a.O., S. 69.
  10. Vgl. Sean Homer: Jacques Lacan. Routledge, London, New York 2005, S. 18, 22, 25.
  11. J.L.: The language of the self: the function of language in psychoanalysis. Übersetzung und Kommentar von Anthony Wilden. Johns Hopkins Press, Baltimore 1968; erste englischsprachige Übersetzung von Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalye.
  12. Vgl. Homer, a.a.O., S. 18.
  13. Spiegelstadium (1949), a.a.O. S. 64.
  14. Das Ich und das Es (1923). In: Studienausgabe, Bd. 3. S. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 294.
  15. „plus constituante que constituée“, J.L.: Le stade du miroir come formateur de la fonction du Je. In: Écrits. Éditions du Seuil, Paris 1966, , S. 95; in der Übersetzung findet man hier „eher bestimmend als bestimmt“, Spiegelstadium (1949), a.a.O., a.a.O., S. 64.
  16. Vgl. J.L.: Vortrag über die psychische Kausalität (1946), a.a.O.
  17. Spiegelstadium (1949), a.a.O., S. 68.
  18. Spiegelstadium (1949), a.a.O., S. 66.
  19. Vgl. S. Freud: Hemmung, Symptom und Angst (1926). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 6. S. Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 227-310, hier: S. 305.
  20. S. Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) (1911). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 7. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 133-203, hier: S. 184.

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