Franz Kaltenbeck: Robert Musils unvollendbare Liebe

Café Müller Tanz­thea­ter Wup­per­tal: Café Mül­ler, ein Stück von Pina Bausch (1978)
Foto: Anna Wloch, von hier

Für Ro­bert Mu­sil wa­ren Ge­dan­ken und Ge­füh­le un­per­sön­lich. Nur was sie mit­ein­an­der ver­flocht, mach­te sie zur Kunst und zu et­was Per­sön­li­chem. Die Ein­ma­lig­keit sei­nes Schrei­bens be­steht viel­leicht dar­in, dass sei­ne künst­le­ri­schen Ver­flech­tun­gen wie­der zu Ge­dan­ken führ­ten, die ih­rer Zeit weit vor­aus lie­fen. Zum Bei­spiel war er ein gro­ßer Theo­re­ti­ker der Weib­lich­keit. Sein Schrei­ben sub­li­mier­te sei­nen Trieb zu ei­nem neu­en Wis­sen über das, was eine Frau will. Als er die­ses Wis­sen zwi­schen 1908 und 1911 poe­tisch ar­ti­ku­lier­te, be­zo­gen Freud und sei­ne Schü­ler ihr Wis­sen über Weib­lich­keit noch über das kli­ni­sche Stu­di­um der Hys­te­rie.

Musil Vereinigungen Kopie

Erst­aus­ga­be, Ver­lag Ge­org Mül­ler 1911

An sei­nen bei­den No­vel­len „Die Voll­endung der Lie­be“ und „Die Ver­su­chung der stil­len Ve­ro­ni­ka“ la­bo­rier­te Mu­sil zwei­ein­halb Jah­re lang, und zwar Tag und Nacht. Er ver­öf­fent­lich­te sie 1911 in ei­nem Band un­ter dem Ti­tel Ver­ei­ni­gun­gen, von dem er schrieb:

Der Feh­ler die­ses Bu­ches ist, ein Buch zu sein. Dass es ei­nen Ein­band hat, Rü­cken, Pa­gi­nie­rung. Man soll­te zwi­schen Glas­plat­ten ein paar Sei­ten da­von aus­brei­ten und sie von Zeit zu Zeit wech­seln. Dann wür­de man se­hen, was es ist“1.

Die Mönchs­ar­beit Mu­sils hät­te also et­was wie eine mit­tel­al­ter­li­che Hand­schrift oder In­ku­na­bel er­ge­ben.2 Beim Schrei­ben zog er sich psy­cho­so­ma­ti­sche Lei­den zu, sein Buch fiel bei der Kri­tik durch und ver­kauf­te sich nicht, ob­wohl er mit ihm ei­nen in der Li­te­ra­tur al­lein da­ste­hen­den Dis­kurs über das un­mög­li­che Ver­hält­nis zwi­schen den Ge­schlech­tern schuf und gro­ße Ein­sich­ten in weib­li­ches Den­ken und Füh­len zu dich­te­ri­scher Spra­che brach­te. Hart­mut Böh­me er­kennt in der ers­ten der bei­den No­vel­len die „Prä­lu­di­en“ der Ge­schwis­ter­lie­be von Ul­rich und Aga­the im gro­ßen un­voll­ende­ten Ro­man des Au­tors.3 Müh und Leid beim Schrei­ben die­ses fünf Jah­re nach Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß er­schie­ne­nen Wer­kes ha­ben sich also ge­lohnt, sie wa­ren der sym­pto­ma­ti­sche Preis, den Mu­sil für sein Be­geh­ren zu be­zah­len hat­te.

Mein The­ma im Fol­gen­den ist die eine die­ser bei­den No­vel­len, „Die Voll­endung der Lie­be“.

Die Vollendung der Liebe

Die äu­ße­re Hand­lung

Die No­vel­le hat eine dürf­ti­ge äu­ße­re Hand­lung.4 Fast al­les, was uns der Au­tor zu le­sen gibt, ge­schieht im Er­le­ben, Füh­len und Den­ken der Prot­ago­nis­tin, Clau­di­ne, in die sich der Er­zäh­ler hin­ein zu ver­set­zen ver­mag, als sei er zu sei­ner ei­ge­nen Hel­din ge­wor­den.5

Clau­di­ne muss in eine weit ent­fern­te und ein­ge­schnei­te Pro­vinz­stadt fah­ren, um dort ihre in ei­nem Pen­sio­nat un­ter­ge­brach­te Toch­ter zu be­su­chen. Ihr Mann, mit dem sie eine gro­ße, ge­gen­sei­ti­ge Lie­be ver­bin­det, kann sie auf die­ser Rei­se nicht be­glei­ten. In dem ab­ge­le­ge­nen Ort lässt sich Clau­di­ne von ei­nem ihr gleich­gül­ti­gen Mann ver­füh­ren. So­weit der äu­ße­re Hand­lungs­ab­lauf, den „Die Voll­endung der Lie­be“ mit so man­cher kon­ven­tio­nel­len No­vel­le teilt. Will man ver­su­chen, Mu­sils No­vel­le ge­recht zu wer­den, muss man ver­su­chen, was nicht leicht fällt: die in­ne­ren Er­eig­nis­se der Prot­ago­nis­tin zu­sam­men­fas­send skan­die­ren.

Der Drit­te

Am Abend vor der Ab­rei­se sit­zen Clau­di­ne und ihr Mann beim Tee. Der Er­zäh­ler be­steht auf der kör­per­li­chen Ver­bun­den­heit des Paa­res; die­ses Band spannt sich „wie eine Stre­be aus här­tes­tem Me­tall“ (8) zwi­schen ih­nen; Clau­di­ne fühlt „ihre Her­zen wie zwei Schwär­me klei­ner Schmet­ter­lin­ge in­ein­an­der­flat­tern“.

Doch die­se Zwei­sam­keit der bei­den Men­schen, die ein­an­der „wie durch Tau­sen­de spie­geln­de Flä­chen an­se­hen“, wird von ih­rem Ge­spräch un­ter­bro­chen, das ei­nen Drit­ten ins Spiel bringt. Sie un­ter­hal­ten sich beim Tee über ei­nen ge­wis­sen G., den Kran­ken aus ei­nem Buch, das Clau­di­ne ge­ra­de liest. Er ver­führt Kin­der und jun­ge Frau­en, ist aber nur ein „zu­fäl­li­ger Mensch“. Doch hin­ter ihm däm­mert Clau­di­ne „von ir­gend et­was Be­stimm­tem“ (11). Wie De­me­ter in der Ve­ro­ni­ka-No­vel­le hält der Per­ver­se hier den Platz ei­ner Al­le­go­rie. Der „Drit­te“ wird auch der „Un­be­kann­te“ ge­nannt, aber er ist nur ei­ner von vie­len Drit­ten (12). Er kon­fron­tiert das Paar mit des­sen zwei­sa­mem „Al­lein­sein“ (13). Das Ge­heim­nis des Al­lein­seins die­ses Drit­ten steht so dem Ge­heim­nis des ge­mein­sa­men Al­lein­seins des Man­nes und der Frau ge­gen­über. Nach der Ein­füh­rung des Drit­ten in die Er­zäh­lung ge­steht Clau­di­ne ih­rem Mann, dass am vo­ri­gen Abend schon et­was zwi­schen ih­nen war, als er sie küss­te, es war ja „nichts“, nur „ein un­deut­li­cher Schat­ten“ (15). Die Zwei­sam­keit wird also im­mer ge­stört. Die Bli­cke, wel­che die bei­den aus­tau­schen, glei­chen zwei Kör­pern auf ei­nem ge­spann­ten Seil, das schwankt. Sie kön­nen ohne ein­an­der nicht le­ben, son­dern nur „wie ein kunst­voll in sich ge­stütz­tes Sys­tem“.

Nach die­ser Ein­lei­tung in die Arith­me­tik des Lie­bes­le­bens, wo es die Dua­li­tät ohne den Drit­ten nicht gibt, zeigt der Er­zäh­ler, dass das „kunst­vol­le Sys­tem“ nicht hält.

Ver­gan­gen­heit, Vor­zu­kunft und das pre­ziö­se Ob­jekt

Im Le­ben Clau­di­nes gab es im­mer Drit­te, also sie und zwei Män­ner. Sie war schon frü­her ein­mal ver­hei­ra­tet, aber ihre Toch­ter Lil­li, die sie am Land be­su­chen wird, hat­te sie in der Zeit ih­rer ers­ten Ehe nicht mit ih­rem Mann ge­zeugt, son­dern mit ei­nem Zahn­arzt, den sie we­gen ra­sen­der Schmer­zen auf­such­te. Ihr Ge­wis­sen hat­te ge­gen die­se Un­treue nichts ein­zu­wen­den. Der Drit­te kam im­mer zu­fäl­lig ins Spiel.

Als sie am nächs­ten Tag ihre Rei­se an­tritt, über­fal­len sie Er­in­ne­run­gen an ihr ver­gan­ge­nes Le­ben, in dem sie „Hand­lun­gen von ei­ner Stär­ke der Lei­den­schaft bis zur De­mü­ti­gung“ er­litt. Doch nichts von all dem be­rühr­te sie mehr (18, 19), denn all ihre Lei­den wa­ren mit ei­nem Mal „ver­sun­ken“, als sie ih­ren Mann traf. Die Rei­se zu ih­rem Kind lässt das Ver­dräng­te wie­der­keh­ren. Das Ges­tern kommt ihr zum Be­wusst­sein, „als trü­ge sie heim­lich et­was Kost­ba­res und Zar­tes“ (22). Der Er­zäh­ler de­fi­niert die Ver­gan­gen­heit mit der Gram­ma­tik der Vor­zu­kunft, die auch in der Psy­cho­ana­ly­se gilt: „… und ihre Ver­gan­gen­heit er­schien ihr mit ein­mal wie ein un­voll­kom­me­ner Aus­druck von et­was, das erst ge­sche­hen muss­te“ (55). Die­ses wert­vol­le Ob­jekt ih­res Ges­tern ist nicht nur an ihre Be­zie­hung zu ih­rem Mann ge­knüpft, son­dern auch an ihre Er­in­ne­run­gen. Sein „Glanz“ be­glei­tet sie.

Der Ge­dan­ke, der nicht ent­stand. Ein un­be­tre­te­ner Pfad

Im Zug ist sie al­lein, und in ih­rem Geist geht eine in ih­rer Er­in­ne­rung im­mer ver­schlos­se­ne Tür auf (25). Sie über­schrei­tet eine Gren­ze, ihr Weg führt an ei­nem „son­der­ba­ren Pfahl vor­bei“, sie be­tritt „ein(en) nie betretene(n) Pfad“, der in die in­ne­re Frem­de ih­rer Ver­gan­gen­heit führt: „und von ei­nem nicht ge­wor­de­nen Ge­dan­ken strahlt eine stil­le Läh­mung aus“ (26). Ihre – bis­her auf ih­ren ge­lieb­ten Mann be­schränk­te – Treue lehnt sich ge­gen ihr „Sich­zu­rück­bie­gen nach der Ver­gan­gen­heit“ auf. Sie dach­te manch­mal, „es müss­te noch eine an­de­re, fer­ne Art des Le­bens für sie be­stimmt sein“. Die blo­ße „Form ei­nes Ge­dan­kens“, ein „nicht wirk­lich ge­mein­ter Ge­dan­ke“ ohne In­halt „öff­net sich als dunk­ler Gang in ih­ren Träu­men“ (28). Sie fühl­te sich manch­mal von „ei­nem un­ge­kann­ten Lie­bes­leid be­stimmt“.

Weit drau­ßen, im Un­kennt­li­chen, von den Din­gen ver­las­sen

Sie be­fin­det sich „weit draus­sen“ und er­schrickt, „im Un­kennt­li­chen plötz­lich noch ihre See­le zu spü­ren“ (29). Aber es geht nicht um Ver­lan­gen nach Lie­be, son­dern sie ver­spürt fast die Sehn­sucht, „die­se gros­se Lie­be, die sie be­sass, zu ver­las­sen“ (29). Ihr Weg führt sie nicht „zum Ge­lieb­ten hin, son­dern fort und schutz­los in die wei­che tro­cke­ne Welk­heit ei­ner schmerz­haf­ten Wei­te“ (ibid.). Ihre Lie­be ist plötz­lich nicht mehr et­was zwi­schen ihr und dem Ge­lieb­ten, sie ge­hört auch der Welt an (sie hängt „in blas­sen Wur­zeln un­si­cher an der Welt“).

Clau­di­ne er­lebt eine on­ti­sche Tren­nung; das Sei­en­de löst sich von ihr und ih­rem Ge­lieb­ten „in die­sen von ei­ner un­ge­heu­ren Sicht­bar­keit durch­schau­er­ten Stun­den“. Es ist, „als ob sich mit ein­mal die stum­men folg­sa­men Din­ge von ih­nen los­ge­macht hät­ten“ (30). Es han­delt sich nicht um He­gels „Nacht des Men­schen“, son­dern um die Nacht des Da­seins, das der Er­zäh­ler be­schreibt.

Nacht des Da­seins

Clau­di­ne und ihr Ge­lieb­ter ver­lie­ren die Din­ge, die sie ver­ban­den. Sie sind „wie Frem­de, wie Un­wirk­li­che, von ih­rem Ver­hal­len er­grif­fen6, voll Stü­cken ei­nes Un­be­greif­li­chen in sich, dem nichts ant­wor­tet, das von al­len Ge­gen­stän­den ab­ge­schüt­telt wur­de und von dem ein zer­bro­che­ner Schein in die Welt fiel, der ver­wor­fen und ohne Zu­sam­men­hang da in ei­nem Ding, dort in ei­nem ent­schwin­den­den Ge­dan­ken auf­leuch­tet“ (30).

Ab die­ser Da­seins­ka­ta­stro­phe ver­mag Clau­di­ne „zu den­ken, dass sie ei­nem an­de­ren ge­hö­ren könn­te“. Aber es ist „nicht wie Un­treue, son­dern wie eine letz­te Ver­mäh­lung“ (ibid.). Die­se fin­det „ir­gend­wo“ statt, wo sie nicht wa­ren, wo sie nur „wie eine von nie­man­dem ge­hör­te (…) Mu­sik wa­ren“. Ihre Lie­be wird von ei­nem Weh be­glei­tet, das sie ih­rem Mann an­tut. Dann ver­geht die­ses Weh. (31)

Sie schaut aus dem Zug­fens­ter. Er­lebt ei­nen Ver­lust ih­res Le­bens­ge­fühls, sie sieht wie die Din­ge „brö­ckeln“ und „zer­fal­len“. Sie er­kennt sich als Ge­fan­ge­ne in ih­rer Stadt, in ih­rer Woh­nung, auf ei­nem win­zi­gen Platz (ibid.).

Eine „sich gren­zen­los auf­rich­ten­de Öde“ (34) er­scheint ihr in ei­nem „zu­fäl­li­gen Ge­dan­ken“. Ihr Ge­fühl fin­det dort kei­nen Halt, es ist wie ein Klet­te­rer an ei­ner Wand, wo sie sich selbst hört wie „ein klei­nes un­ver­ständ­li­ches Ge­räusch“. Sie hört „ver­ges­se­ne Ge­räu­sche“ an der „stei­ner­nen Stirn der Lee­re“ (34). Sie hat die Do­mä­ne der phal­li­schen Funk­ti­on ver­las­sen, „wo das Sub­jekt sich mit sei­nem le­ben­di­gen Sein (être de vi­vant) iden­ti­fi­zie­ren kann“7.

Sturz „in die blin­de Rie­sen­haf­tig­keit ei­nes lee­ren Rau­mes“

Clau­di­ne steht „un­ter dem Druck des un­ge­heu­er Frem­den“ (35), also dort, wo das vä­ter­li­che Ge­setz des An­de­ren nicht mehr gilt. Sie emp­fin­det mit „Ent­zü­cken“ das „Glück der Fremd­heit in der Welt“ (35). Sie fühlt sich „an den Rand des Le­bens ge­drängt“, sie fühlt „den Au­gen­blick vor dem Sturz in die blin­de Rie­sen­haf­tig­keit ei­nes lee­ren Rau­mes“ (ibid.).

Da sehnt sie sich phan­tas­ma­tisch nach ih­rem frü­he­ren, von frem­den Men­schen miss­brauch­ten und aus­ge­nüt­zen Le­ben, als müs­se ihr das Phan­tas­ma der Er­nied­ri­gung Halt ge­ben, so wie ihr spä­ter die mas­si­ve Ge­gen­wär­tig­keit des Frem­den „Fes­tig­keit“ (43) ver­spricht. Vor der drau­ßen „laut­los to­ben­den Land­schaft“ (36) hat sie „nichts als ihr Nichts­sein“, iden­ti­fi­ziert sich also mit die­sem „Nichts“ als Ob­jekt. Sie emp­fin­det „Lust am Al­lein­sein mit frem­den Er­leb­nis­sen“ (37) und fin­det von ih­rer ver­gan­ge­nen Lie­be zu ih­rem Mann nur mehr die „wun­der­li­che Vor­stel­lung“ von „ei­nem Zim­mer mit lan­ge ge­schlos­se­nen Fens­tern“. Ihre Ge­dan­ken wan­dern in den Schnee hin­ein, „ohne zu­rück­zu­se­hen, im­mer wei­ter und wei­ter, wie wenn man zu müd ist, um um­zu­keh­ren und geht und geht“ (37).

Eine ge­heim­nis­vol­le Ver­ei­ni­gung?

Am Ende der Zug­fahrt tritt ein frem­der Herr in Clau­di­nes Le­ben. Sie neh­men den glei­chen Pfer­de­schlit­ten in die Stadt. Er ist ihr gleich­gül­tig, und den­noch be­ginnt mit ihm et­was wirk­lich zu wer­den (38). „Gross, breit und in sei­nen Pelz ge­hüllt“, ver­sperrt er ih­ren Ge­dan­ken den Weg (40). Und wie schon im Fal­le von G., dem Per­ver­sen, ist auch die­ser Herr „ein Be­lie­bi­ger, nur eine dunk­le Breit­heit von Fremd­heit“, „nur ein all­täg­li­cher Mensch“8 (43). Doch ge­nau die Tat­sa­che, dass die­ser Mann „ganz un­ge­wiss bleibt“, be­rei­tet ihr Lust. Er er­klärt ihr, dass sie an die­sem Ort ein­ge­schneit wer­den. Plötz­lich be­fin­det sie sich in ei­ner „un­ge­woll­ten Wirk­lich­keit“9 (43). Dass sie dem Frem­den freund­lich ant­wor­tet, be­rei­tet ihr „zer­spal­te­nen Ge­nuss“ (44).

Ob­wohl ihr Kör­per nur nach ei­nem Sehn­sucht hat (49), war­tet sie, ge­spal­ten zwi­schen Lie­be und Be­geh­ren, in der Nacht auf die­sen Un­be­kann­ten (50). Nicht der Frem­de lockt sie, son­dern „ihre wil­de preis­ge­ge­be­ne Se­lig­keit, sie zu sein (…) auf­ge­sprun­gen wie eine Wun­de“. Da sucht sie „den Rausch ei­ner ge­heim­nis­vol­len Ver­ei­ni­gung“ (50) mit dem fer­nen Ge­lieb­ten. Sie wird von „der un­heim­li­chen Ein­sam­keit die­ses sie su­chen­den Gleich­klangs (zwi­schen ihr und dem Ge­lieb­ten) wie von ei­ner un­ge­heu­ren Ver­schlin­gung er­grif­fen“. Aber die­se Ver­schlin­gung ge­schieht in ei­nem an­de­ren Raum, „weit über al­les Wohn­land der See­len hin­aus“ (51).

Un­mög­li­che Voll­endung

Das Phan­tas­ma ge­winnt aufs Neue die Ober­hand: sie glaubt sich wie in der Ver­gan­gen­heit ge­fan­gen, zu de­mü­ti­gen­den Diens­ten ge­zwun­gen. Die „schreck­li­che Wehr­lo­sig­keit“ ih­res Da­seins kehrt aus ih­rer Ver­gan­gen­heit wie­der. Sie er­lei­det eine von „der fürch­ter­li­chen Un­wi­der­ruf­lich­keit ih­res Schick­sals ver­lang­te Ent­kräf­tung“ (52). Aber ge­ra­de die­ser Zu­stand der Schwä­che wird auch von et­was an­de­rem mit ver­ur­sacht. Von ei­nem ver­wir­ren­den „mit ziel­lo­ser Zärt­lich­keit sei­ne Voll­endung suchende(n) Teil ei­ner Lie­be“. Dass es um den „Teil ei­ner Lie­be“ geht, der Voll­endung sucht, zeigt das Feh­len des Gan­zen der Lie­be an. Die Voll­endung kann nicht er­reicht wer­den. Der Er­zäh­ler be­steht dann auch auf ei­ner wich­ti­gen Un­ter­schei­dung: Für die Voll­endung der Lie­be gibt es „in der Spra­che des Ta­ges und des har­ten, auf­rech­ten Gan­ges noch kein Wort“ (ibid.). Der Er­zäh­ler ver­gleicht Clau­di­ne an ei­ner Stel­le mit ei­ner „schnup­pern­den Hün­din“ (92).

Bei der „Spra­che des Ta­ges“ denkt man an Freuds „Se­kun­där­vor­gang“, beim „auf­rech­ten Gang“ an sei­ne Theo­rie, die „Auf­rich­tung des Men­schen“ ste­he am Be­ginn des ver­häng­nis­vol­len Kul­tur­pro­zes­ses mit sei­ner „Ent­wer­tung des Ge­ruchs­rei­zes“, an des­sen Stel­le die Ge­sichts­rei­ze tre­ten. Die Ge­ni­ta­li­en wer­den sicht­bar, es kom­me zur „Kon­ti­nui­tät der Se­xu­al­erre­gung“ und der „Grün­dung der Fa­mi­lie“ etc.10

Wir wa­ren ein­an­der un­treu, be­vor wir ein­an­der kann­ten“

Clau­di­ne fühlt sich ab­we­send von sich selbst11 (53), als stün­de sie „in Wirk­lich­keit im­mer noch bei je­nem ver­sun­ke­nen Traum­ge­fühl“ (ih­rer Wehr­lo­sig­keit). Sie will sich dem Ge­lieb­ten wah­ren und den­noch kommt ihr ein „in stil­lem Halb­sein leuch­ten­der Ge­dan­ke“: „wir wa­ren ein­an­der un­treu, be­vor wir ein­an­der kann­ten“, der von ei­nem an­de­ren Ge­dan­ken stammt: „wir lieb­ten ein­an­der, be­vor wir ein­an­der kann­ten“ (54). Ihre Lie­be dehnt sich also weit über das Ge­gen­wär­ti­ge hin­aus – in die Un­treue. Die­se ist ein „ewi­ges Zwi­sche­nih­nen­sein“. Im­mer gibt es mehr oder we­ni­ger als sie zwei.

Da fällt ihr wie­der je­ner G. aus dem Ge­spräch vor ih­rer Ab­rei­se ein (53). Un­treu zu sein wird zu ei­ner „geheimnisvolle(n) das Le­ben schliessende(n) Lust“ (ibid.).Wieder holt die Ver­gan­gen­heit sie ein: „Vom nächs­ten Mor­gen ab lag eine ei­gen­tüm­li­che Luft von Ver­gan­gen­heit über al­lem“ (55). In ei­nem Brief bit­tet sie ih­ren Mann, ihr zu sa­gen, was ihre Lie­be sei und gibt ihm auch gleich ihre me­ta­pho­ri­sche Ant­wort: sie ist ein Turm, von dem sie nur ein Zit­tern „rings um sei­ne schlan­ke Höhe“ fühlt (58).

Aber die Post­ver­bin­dung zwi­schen der ein­ge­schnei­ten Stadt und der Au­ßen­welt ist ab­ge­schnit­ten. Sie zer­reißt ih­ren Brief (60). Es kommt ihr der Ge­dan­ke, dass sie, „kaum da sie al­lein war“, viel­leicht wirk­lich wie­der in die Ver­gan­gen­heit zu­rücksin­ken könn­te. Sie be­merkt die frem­den Men­schen um sich. Das Frem­de, „mit dem ihr Le­ben nichts ge­mein­sam (hat)“, rich­tet sich vor ihr auf, wie ein „zot­ti­ges (…) Tier“ (63).

Sonst bin ich ir­gend­et­was“: Treu­bruch

Auch ihr Mann, wenn­gleich ein „un­ver­gleich­li­cher Mensch“ (64), ist ihr als Ob­jekt ih­res Be­geh­rens ent­frem­det. „Ein Un­wäg­ba­res, vom Ver­stand nicht zu Fas­sen­des (…) war von ihm ge­schwun­den“ (ibid.). Der Er­zäh­ler sagt zu die­ser Be­frem­dung der Prot­ago­nis­tin: „und viel­leicht er­lebt man die gros­sen, be­stim­men­den Zu­sam­men­hän­ge nur in ei­ner ei­gen­tüm­lich ver­kehr­ten Ver­nunft…“ (65). In ei­ner „schlag­schnel­len Er­hel­lung“ er­scheint ihr ihr gan­zes Le­ben von die­sem un­ver­steh­ba­ren un­auf­hör­li­chen Treu­bruch be­herrscht“ (66). Die Si­cher­heit, die ihr Le­ben trug, geht ihr ver­lo­ren. Die Ku­lis­sen ih­rer ver­schie­de­nen mög­li­chen Le­ben glei­ten aus­ein­an­der. In ei­nem „weis­sen, lee­ren, un­ru­hi­gen Raum“ tau­chen die Leh­rer ih­rer Toch­ter wie „dunk­le, un­ge­wis­se Kör­per“ auf, mit de­nen sie spre­chen muss (68).

Das Be­geh­ren des Frem­den, des Mi­nis­te­ri­al­ra­tes aus dem Zug, wird nun zur se­xu­el­len Rea­li­tät. Ihr fällt das Wort „So­do­mie“ ein. Un­ter „die­sem Tier“ wür­de das „Un­vor­stell­ba­re“ ge­sche­hen. Das ist die „Ver­su­chung ih­rer Lie­be“, die sie noch ein­mal be­schwört, in­dem sie sich als das Ob­jekt des Be­geh­rens ih­res Man­nes de­fi­niert: „ich bin nur et­was in dir, nur et­was durch dich, nur so­lan­ge du mich fest­hältst sonst ir­gend­et­was, Ge­lieb­ter, so selt­sam ver­eint“ (69). Dann be­geg­net sie ih­rem Ver­füh­rer, ei­nem Men­schen „von häss­li­cher All­täg­lich­keit des Geis­tes“ (75), von dem doch Ge­walt aus­geht (72). Er ge­bär­det sich als „Ken­ner der Frau­en­see­le“ (80)! Und den­noch kann sie ihm nicht wi­der­ste­hen, weil es et­was in ihr gibt, das sich nicht mit Hand­lun­gen aus­drü­cken lässt und das „un­ter dem Be­reich der Wor­te (liegt)“ (71).

Der Mi­nis­te­ri­al­rat ver­sucht sie da­von zu über­zeu­gen, dass ihre Lie­be zu ih­rem Mann rein kon­tin­gent, nichts an­de­res als eine Ge­wohn­heit sei. Wor­auf will er hin­aus, wenn nicht auf die Zer­stö­rung der Be­son­der­heit ih­rer Lie­be. Im Lau­fe der Er­zäh­lung wie­der­holt Clau­di­ne ja ihre Be­haup­tung, ihre Lie­be be­ru­he dar­auf, dass sich ihr Mann von al­len an­de­ren Män­nern un­ter­schei­det. Ge­nau die­se Sin­gu­la­ri­tät stellt der Mi­nis­te­ri­al­rat in Fra­ge. Und er hat Er­folg mit sei­nen At­ta­cken ge­gen die Aus­nah­me­stel­lung ih­res Man­nes. War­um? Weil Clau­di­ne, ob­wohl sie ih­ren Ge­lieb­ten von al­len an­de­ren Män­nern un­ter­schei­det, kei­ne Aus­nah­me macht, die eine All­heit schaf­fen wür­de. Für sie gibt es nur den Ein­zi­gen und die Ge­wöhn­li­chen, aber bei­de Men­gen sind dis­junkt. Von An­fang der Er­zäh­lung an ist je­der „Drit­te“ ein ge­wöhn­li­cher Mensch, aber nichts macht den ge­wöhn­li­chen Men­schen zum Men­schen schlecht­hin.

Nun ist aber ihr Mann als Ob­jekt ih­rer Lie­be ver­blasst. Da­her wird sie durch das Drän­gen des Mi­nis­te­ri­al­ra­tes de­sta­bi­li­siert. Sie fühlt, wie ihr Kör­per zer­split­tert: „Da war ihr mit ei­nem Schlag, als ob tau­send zu ih­rem Kör­per an­ein­an­der­ge­füg­te Kris­tal­le sich sträub­ten; ein um­her­ge­wor­fe­nes, un­ru­hi­ges, zer­split­tert däm­mern­des Licht stieg in ih­rem Kör­per em­por …“ (73).

Ohne Ge­setz

Sie will sich ge­gen die An­ma­ßung ih­res Ver­füh­rers auf­leh­nen: „Sie woll­te sich zu­ru­fen, wer er sei, aber das Ge­fühl blieb wie ein we­sen­lo­ser Schein ohne Ge­setz, ei­gen­tüm­lich schweb­te es in ihr, als ob es nicht zu ihr ge­hör­te“. Ihre Ge­füh­le ver­selb­stän­di­gen sich, ver­bin­den sich nur zu­fäl­lig mit der „täg­li­chen Ver­nunft“ (74).

Clau­di­ne be­fin­det sich also au­ßer­halb des Ge­set­zes (hors la loi)12, das für sie nicht ein­mal ihr Mann re­prä­sen­tiert, eine „sinn­ent­leer­te Wei­te“ um­gibt sie (75). Sie fühlt den be­geh­ren­den Blick des Men­schen als „et­was ganz Un­per­sön­li­ches“, er­lei­det eine De­per­so­na­li­sie­rung. Der Er­zäh­ler ver­gleicht ihre Si­tua­ti­on ge­gen­über dem Men­schen, der sie ver­führt, mit ei­nem Punkt ge­gen­über ei­nem an­de­ren frem­den Punkt, und die­se Punk­te se­hen ein­an­der „fremd im Raum“ an13 (ibid.). Auch glaubt sie, die Lie­be der Tie­re ver­ste­hen zu kön­nen14 (76). In der No­vel­le „Die Ver­su­chung der stil­len Ve­ro­ni­ka“ kom­men eben­so Tie­re vor, an die der Er­zäh­ler ap­pel­liert, als wol­le er das Tier­reich be­schwö­ren, in wel­chem er, wie an­de­re Au­to­ren auch, jene Ge­wiss­heit der se­xu­el­len Be­zie­hung pos­tu­liert, die zwi­schen den Men­schen fehlt.

Gren­zen­los

Die­ser Blick löst noch eine an­de­re Un­si­cher­heit bei Clau­di­ne aus. Wäh­rend sie ihre Lie­be zu ih­rem Man­ne frü­her in der Er­zäh­lung schon in Fra­ge stell­te, weiß sie nun nicht mehr, ob in die­sem Au­gen­blick ihre Lie­be zum „äus­sers­ten Wag­nis wird oder ver­blasst“ (76). Ihre Sin­ne öff­nen sich „wie neu­gie­ri­ge Fens­ter“. Sie emp­fin­det „eine un­sag­ba­re Sehn­sucht nach je­nem ein­zi­gen Men­schen“, also nach ih­rem Mann, der eben­so ein­sam ist wie sie (77). Die Welt wird für sie „ein un­end­li­ches Ge­räusch“ (79), sie kann sich nicht mehr be­gren­zen und spürt ein „Selbst­ver­flies­sen“, sie geht sich ver­lo­ren (ibid.).

Der Mi­nis­te­ri­al­rat sagt ihr, sie sei eine je­ner Frau­en, „de­ren Schick­sal es ist, von ei­nem Sturm hin­ge­ris­sen zu wer­den“ (80). Sie fällt ein wei­te­res Mal in ihre Ver­gan­gen­heit zu­rück. In dem „Fa­den des Ge­sche­hens“ zer­springt plötz­lich ein Glied (81) und der „gros­se, durch die Jah­re ge­floch­te­ne Ge­fühls­zu­sam­men­hang ih­res Da­seins“ wird „kahl“, und fast „wert­los“ (ibid.).

Ver­geb­li­ches Zu­sam­men­wach­sen­wol­len

Sie will sich frei ma­chen „und dem Ge­lieb­ten zu Füs­sen stür­zen“ (82). Aber et­was hält sie da­von ab. Selbst das Still­wer­den, das Nichts, die Lee­re hel­fen ihr nicht (83). Ihr Kör­per hemmt ih­ren Elan, der sie zu ih­rem Ge­lieb­ten brin­gen könn­te, sie ge­rät in eine „un­ent­rinn­ba­re Treu­lo­sig­keit, die sie von dem Ge­lieb­ten (trennt)“ (84). Er­schüt­tert in ih­ren see­li­schen Wer­ten und in tie­fe Un­si­cher­heit ge­stürzt, sucht sie in ih­rem Ver­lan­gen nach dem Frem­den Halt. Sie fühlt sich wie von ei­nem Frem­den mit Mes­sern auf­ge­bro­chen und „nie­der­ge­streckt“. Sie kämpft für ihre „Treue um die­ses Nichts“ ih­res ver­wun­de­ten Kör­pers. Der Er­zäh­ler spricht von ei­nem „Schwan­ken­den“, ei­nem „ge­stalt­lo­sen Über­all“ (85). In An­spie­lung an den aris­to­pha­ni­schen My­thos von den zer­schnit­te­nen Kör­pern der Ku­gel­men­schen (auf den ich un­ten zu­rück­kom­me), wird sie „wie der Rand ei­ner traum­haf­ten Wun­de“, der in ei­nem „Zu­sam­men­wach­sen­wol­len (…) ver­geb­lich den an­de­ren sucht“. Ihre ver­gan­ge­ne Lie­be ist eine „Ster­bens­sehn­sucht“.

Ver­leug­nung der Lie­be

In Ge­gen­wart des Mi­nis­te­ri­al­ra­tes denkt sie an ih­ren Ge­lieb­ten, und als die­ser sie fragt, ob sie ih­ren Mann noch lie­be, ver­leug­net sie ihre Lie­be (86). Doch ihre Lüge ver­schafft ihr ei­nen „un­be­greif­li­chen Reiz“. Ihr Ge­lieb­ter er­scheint ihr in der Licht­ge­stalt des Ide­als, doch sie fällt in die Lüge zu­rück. Sie emp­fin­det den Schmerz zu exis­tie­ren: „dass sie leb­te, tat ihr weh“ (87). Wäh­rend sie in der Ver­gan­gen­heit das Zer­fal­len­de, das „Un­be­weis­ba­re“, das „vom Ver­stand nicht zu Fas­sen­de des ei­ge­nen Le­bens“ be­griff, lei­det sie jetzt an dem, was es an Ver­ei­ni­gung in die­sem Le­ben gab (90). Ihre Lie­be sei zwi­schen zwei Spie­geln ge­glit­ten, „hin­ter de­nen man das Nichts weiss“, be­haup­tet der Er­zäh­ler (ibid.).

Hier voll­zieht sich nun eine er­staun­li­che Sub­sti­tu­ti­on: die Lüge tritt an die Stel­le der Lie­be. Sie hat­te ja ihre Lie­be zu ih­rem Mann dem Mi­nis­te­ri­al­rat ge­gen­über ver­leug­net. Die Lüge wird nun auf­ge­wer­tet, der Text spricht vom „wundervolle(n), gefahrvolle(n) stei­gern­den) We­sen der Lüge und des Be­trugs in der Lie­be“ (ibid.). Die Lüge „tritt aus sich her­aus“. Sie hat eine Not­wen­dig­keit, aber die­se be­steht nicht in der Täu­schung. Sie tritt eher an jene Stel­le, wo die Prot­ago­nis­tin, für den an­de­ren, ih­ren ge­lieb­ten Mann, nicht mehr er­reich­bar ist, sie er­setzt das, was sie für ihn ge­mie­den hat; sie löst das Al­lein­sein auf. Sie steht im Diens­te der Wahr­haf­tig­keit: sie tritt „um der gros­sen Wahr­haf­tig­keit wil­len in die Lee­re, die zu­wei­len ei­nen Au­gen­blick lang, sich hin­ter den Idea­len auf­tut“ (9091). Of­fen­sicht­lich macht Mu­sil hier aus der Lie­bes­lü­ge eine Me­ta­pher des Schrei­bens.

Clau­di­ne fühlt mit Gleich­gül­tig­keit die Ge­gen­wart ei­nes Men­schen hin­ter ih­rer Tür, bis sie die Lust packt, aber die­se Lust ist nicht Sinn­lich­keit. Sie hört den Men­schen weg­ge­hen und be­greift, dass ihre Un­treue stär­ker ist als die Lüge. In ih­rem Phan­tas­ma nimmt sie das „Un­be­greif­li­che“ vor­weg, dass ihre Un­treue schon ver­wirk­licht ist (93), un­ter­wirft sich dem „Frem­den“, der an ih­rer Tür lauscht. Im Ge­dan­ken, es tun zu müs­sen, ent­rie­gelt sie die Tür: Er ist weg­ge­gan­gen. Sie schließt al­les Frem­de von sich aus in ei­ner träu­men­den Voll­endung ei­ner gro­ßen Lie­be (98).

Nicht ganz, nicht al­les

Am nächs­ten Tag gibt sie dem Drän­gen des Mi­nis­te­ri­al­rats nach. Sie ist ge­fühl­los, hat nur das Be­wusst­sein, et­was Un­rech­tes zu tun. Er will sie da­mit ge­win­nen, in­dem er von sich be­haup­tet, „ein gan­zer Mensch“ zu sein, und sie fragt ihn, was das denn sei, ein gan­zer Mensch (102). Für sie gibt es nur Teil­ob­jek­te, wel­che ihr Be­geh­ren ver­ur­sa­chen: Au­gen, Zun­ge, nicht die Wor­te, son­dern de­ren Klang, die Stim­me (102).

Sie sagt ihm, dass sie nicht ihn lie­be, son­dern nur den Zu­fall, bei ihm zu sein. Dann über­schrei­tet sie die Gren­ze, gibt sich ihm hin, es ekelt sie. Doch mit Schau­dern fühlt sie Wol­lust (104) und denkt an das, was sie schon frü­her er­lebt hat­te: „die­ses wie für alle da sein kön­nen und doch nur für ei­nen“.

Hart­mut Böh­mes Lek­tü­re

In sei­nem Es­say „‚Er­in­ne­rungs­zei­chen an un­ver­ständ­li­che Ge­füh­le‘15 prä­sen­tiert Hart­mut Böh­me Mu­sils poe­to­lo­gi­sche und kust­theo­re­ti­sche Aus­sa­gen zu den Ver­ei­ni­gun­gen und kom­men­tiert die bei­den No­vel­len.

Mit der No­vel­le „Die Voll­endung der Lie­be“ wie­der­ho­le Mu­sil den aris­to­pha­ni­schen Ver­ei­ni­gungs­my­thos aus Pla­tons Sym­po­si­um, um die „ver­fluch­te Zer­schnit­ten­heit der Ge­schlech­ter“ durch Poe­sie auf­zu­he­ben. Das Mo­tiv der Un­treue in die­ser No­vel­le fin­det eine tie­fe Deu­tung: „Die Un­treue ist kein no­vel­lis­ti­scher ‚Sei­ten­sprung‘, son­dern der on­to­lo­gi­schen Kluft der Ge­schlech­ter ge­schul­det“. Mu­sil selbst spricht ja von der Un­treue als ei­ner „frü­he­ren Form ih­res (der Ge­schlech­ter) ewi­gen Zwi­sche­nih­nen­seins“ (54). Nur die poe­ti­sche Spra­che Mu­sils habe das Aus­ein­an­der­schnei­den des my­thi­schen (an­dro­gy­nen) „Ku­gel­men­schen“ durch Zeus in den mo­der­nen Fi­gu­ren Clau­di­nes und ih­res Er­zäh­lers, der mit ihr ver­schmilzt, über­wun­den.

Mit der Ve­ro­ni­ka-No­vel­le sei Mu­sil von der „vera ikon“ des Schweiß­tuchs der Ve­ro­ni­ka, aus­ge­gan­gen, in wel­chem Lei­nen sich ja, laut der „christ­li­chen Bild­theo­lo­gie“, das Ge­sicht des wah­ren Chris­tus ab­ge­drückt hat. Das Tuch mit dem Ab­druck wur­de Mo­dell der Ver­ei­ni­gung von Si­gni­fi­kant und Si­gni­fi­kat, ja so­gar je­ner von Ab­bil­dung und Ab­ge­bil­de­ten, bei der nichts ver­lo­ren gehe. So kann die­ses Tuch auch als ein Ide­al ei­ner Spra­che auf­ge­fasst wer­den, in der das Zei­chen zu­gleich sei­ne Be­deu­tung ist (212), also kei­ne Dif­fe­renz zwi­schen die­sen bei­den Tei­len be­steht. Auf ihre Ver­ei­ni­gung nach ih­rer „trau­ma­ti­schen Zer­reis­sung“ bei Pla­ton (ibid.) spie­le Mu­sil in der Ve­ro­ni­ka­no­vel­le an, wo ja das Schweiß­tuch ex­pli­zit vor­kommt. Mu­sil habe eine Äqui­va­lenz sei­ner poe­ti­schen Spra­che und der stil­len Ve­ro­ni­ka selbst ge­sucht, „die in ih­rer un­teil­ba­ren Selbst­be­züg­lich­keit zum ‚wah­ren Bild‘ der Poe­sie“ wer­de.16

Hart­mut Böh­mes aus­ge­zeich­ne­te Ana­ly­sen ha­ben nur eine Schwä­che. Sie las­sen alle Mög­lich­kei­ten of­fen. So schreibt er am Schluss: „Ein we­nig sind die­se No­vel­len My­thos und Bild­re­li­quie, und er­zäh­len zu­gleich, dass bei­des nur My­thos und Ima­gi­na­ti­on sein kann“ (220).

Hart­mut Böh­me be­gnügt sich na­tür­lich nicht da­mit, fest­zu­stel­len , dass bei­de No­vel­len „Frau­en zum Mit­tel­punkt“ ha­ben, er schreibt auch: „Un­ter­grün­di­ges Ziel des Er­zäh­lers näm­lich ist das Ein­drin­gen ins Weib­li­che, so­dass die­ses sich von in­nen her er­schliesst und jene Fremd­heit, die zwi­schen den Ge­schlech­tern und mit­hin auch zwi­schen dem Er­zäh­ler und sei­nen Prot­ago­nis­tin­nen herrscht, ge­tilgt wird – um im Er­zäh­len selbst jene Ver­ei­ni­gung zu er­lan­gen, wel­che auf der er­zähl­ten Ebe­ne das Be­geh­ren der Fi­gu­ren ist“ (200201). Was der Frem­de (der Mi­nis­te­ri­al­rat) bei Clau­di­ne ver­fehlt, da er die Frau in sei­nem In­ne­ren nicht füh­len kann, stellt auch eine Her­aus­for­de­rung für den Er­zäh­ler dar: „dass sei­ne Spra­che nicht ins In­ne­re des Selbst­er­le­bens der Frau rei­chen könn­te“ (206). Hart­mut Böh­me hält den Er­zäh­ler zwar für fä­hig, dies zu er­rei­chen, in­ter­es­siert sich aber nicht ge­nug für das Er­geb­nis die­ses Sich-in-die Frau-Ver­set­zens des Er­zäh­lers. Da­her will ich des­sen Ent­de­ckun­gen hier skiz­zie­ren.

La­can mit Mu­sil

In ih­rem Buch über Ro­bert Mu­sils gro­ßen Ro­man be­klagt Inka Mül­der-Bach des­sen „Man­gel an Re­so­nanz“:

Ob­wohl Der Mann ohne Ei­gen­schaf­ten eine hohe Af­fi­ni­tät zu mass­geb­li­chen theo­re­ti­schen Po­si­tio­nen der letz­ten Jahr­zehn­te auf­weist, liest man den Ro­man mit Ador­no, Der­ri­da, Fou­cault, Luh­mann oder De­leu­ze – und nicht etwa um­ge­kehrt. Und ob­wohl Mu­sil – auf sei­ne Wei­se – in ähn­li­chen Re­gio­nen un­ter­wegs ist wie Freud, Sim­mel, War­burg oder Ben­ja­min, ist es nie ge­lun­gen, sei­nen Ro­man als ei­nen Re­fe­renz­text zu eta­blie­ren, an dem kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­sio­nen eben­so we­nig vor­bei­kom­men, wie an den Schrif­ten der ge­nann­ten Au­to­ren“17.

Wie aus Zu­fall fehlt La­can in der Lis­te die­ser Au­to­ren. Er hat­te wohl Mu­sils Haupt­werk ge­le­sen, es gab ein ab­ge­nutz­tes Ex­em­plar des Ori­gi­nals in der Bi­blio­thek sei­ner Or­di­na­ti­on. Als er in den 1950er Jah­ren be­gann, die Hie­ro­gly­phen der weib­li­chen Se­xua­li­tät zu ent­zif­fern, hat­te Ul­richs und Aga­thes Ge­schwis­ter­lie­be sein Wis­sen über die Be­zie­hung von Mann und Frau da be­rei­chert? Die Lie­be zwi­schen den Zwil­lin­gen fin­det ihre „Prä­lu­di­en“ in der No­vel­le „Die Voll­endung der Lie­be“, be­haup­tet Hart­mut Böh­me. Hat Mu­sil in den bei­den No­vel­len sei­nes Ban­des Ver­ei­ni­gung (1911) sich so in das Den­ken und Füh­len ei­ner Frau ver­set­zen kön­nen, dass er schon Ein­sich­ten in jene Lo­gik ge­win­nen konn­te, wel­che La­can sech­zig Jah­re spä­ter schuf, um zu zei­gen, dass Weib­lich­keit und Männ­lich­keit in kein schrift­lich fass­ba­res Ver­hält­nis tre­ten?18 Je­den­falls wag­te Mu­sil sich frü­her als Freuds Schü­ler an das „Rät­sel der Weib­lich­keit“19 und schuf in sei­ner No­vel­le „Die Voll­endung der Lie­be“ so­gar die To­po­gra­phie der frem­den, un­be­kann­ten Land­schaft im Le­ben ei­ner Frau, sei­ner Hel­din Clau­di­ne. Die Rei­se, die der Er­zäh­ler mit Clau­di­ne dort­hin un­ter­nimmt, er­öff­ne­te ihm auch den Weg zu sei­nem gro­ßen, un­voll­ende­ten Ro­man.

Den Kom­men­ta­to­ren der Ver­ei­ni­gun­gen sind Mu­sils In­ter­es­se für, und sei­ne Ein­sich­ten in die Lo­gik der Weib­lich­keit na­tür­lich nicht ent­gan­gen. Den­noch schüt­tet Hart­mut Böh­me Mu­sils Durch­bruch zu die­sem vom Stand­punkt des Man­nes ra­di­kal An­de­ren wie­der zu, in­dem er die er­staun­li­che Leis­tung des Er­zäh­lers der No­vel­le „Die voll­ende­te Lie­be“, sich in die weib­li­che See­le hin­ein zu ver­set­zen, als Wie­der­her­stel­lung der pla­to­ni­schen An­dro­gy­nie er­klärt, um die­se Re­sti­tu­ti­on dann wie­der zu­rück­zu­neh­men. Es gibt in der Li­te­ra­tur- und Geis­tes­ge­schich­te meh­re­re Au­to­ren – oft Mys­ti­ker –, wel­che von Frau­en, ih­rem Den­ken und Füh­len, mehr ver­stan­den als vie­le Frau­en selbst. Mu­sil und La­can wa­ren sol­che Au­to­ren. Ha­ben sie des­halb die Ver­schmel­zung mit der Weib­lich­keit an­ge­strebt? Es ist scha­de, dass Freud die Ver­ei­ni­gun­gen nicht ge­le­sen hat; dass ei­ni­ges von Mu­sils Wis­sen über die Lie­bes­be­zie­hung von Aga­the und Ul­rich zu La­can ge­drun­gen ist, hal­te ich nicht für aus­ge­schlos­sen.

Lo­gik der Lie­be

Mu­sils li­te­ra­ri­sches Pro­gramm ist La­cans Ori­en­tie­rung der Psy­cho­ana­ly­se an der Wis­sen­schaft ver­gleich­bar. Nach Mu­sil war ein Lo­gi­ker wie Giu­sep­pe Pea­no für die Li­te­ra­tur wich­ti­ger als Goe­the. Li­te­ra­tur soll­te wie die Wis­sen­schaft sei­ner Zeit vor­ge­hen, ohne sich für Wis­sen­schaft zu hal­ten. La­can ori­en­tier­te sich an Fre­ges Lo­gik und er­klär­te, dass das Sub­jekt der Psy­cho­ana­ly­se auch das Sub­jekt der Wis­sen­schaft sei.

Vor La­can und vor Gö­del hat­te Mu­sil gro­ße Zwei­fel an der Fun­dier­bar­keit der Zahl Zwei. Zwei­sam­keit wird im­mer ge­stört und zwar aus tie­fe­ren Grün­den als de­nen des Phan­tas­mas oder der Un­treue. In „Die Voll­endung der Lie­be“ wird uns zu­erst in Clau­di­ne und ih­rem Mann ein Paar vor­ge­stellt, de­ren Lie­be die­se bei­den Men­schen so­li­de zu­sam­men­hält „wie eine Stre­be aus här­tes­tem Me­tall“. Die­ser Ein­heit im Phy­si­schen ent­spricht die Leich­tig­keit ih­rer Ver­men­gung. Ihre Her­zen flat­tern wie „zwei Schwär­me klei­ner Schmet­ter­lin­ge“ in­ein­an­der, sagt der Er­zäh­ler (8). Aber schon eine Sei­te wei­ter taucht der Per­ver­se im Ge­spräch der Ge­lieb­ten auf, ein „zu­fäl­li­ger Mensch“ (11), ein „Un­be­kann­ter“, „ei­ner von den vie­len Drit­ten“ (12), hin­ter dem sich für Clau­di­ne den­noch „et­was Be­stimm­tes“ ab­zeich­net (11). Er ver­stört das Paar, „ritzt“ wie der Flug ei­nes Vo­gels sei­ne „tau­meln­de Li­nie“ in die gro­ße Ku­gel der At­mo­sphä­re und kon­fron­tiert je­den von ih­nen mit sei­nem „Al­lein­sein“. Und un­mit­tel­bar be­vor Clau­di­ne ih­rem Mann ge­steht, „dass da et­was zwi­schen uns war“, als er sie vor ei­ni­gen Aben­den küss­te, heißt es im Text: „Sie wa­ren manch­mal un­glück­lich, weil sie nicht al­les bis ins Letz­te ein­an­der ge­mein­sam ma­chen konn­ten“20. Der Drit­te taucht dann aus Clau­di­nes Ver­gan­gen­heit auf. Sie war schon ein­mal ver­hei­ra­tet, aber der Va­ter ih­rer Toch­ter war ein wäh­rend die­ser Ehe zu­fäl­lig ge­trof­fe­ner ame­ri­ka­ni­scher Zahn­arzt. Schließ­lich trifft sie im Zug den Frem­den, den Mi­nis­te­ri­al­rat.

Der Drit­te ist also eine so­wohl kon­tin­gen­te, ge­sichts­lo­se Fi­gur, ein Un­be­kann­ter, als auch „et­was Be­stimm­tes“, ein Schat­ten, oder eine mas­si­ve Fremd­heit.

Der Eine

Der Mann, dem ihre gro­ße Lie­be gilt, eine Lie­be, die schon früh von ei­ner Sehn­sucht Clau­di­nes be­droht wird, sie zu ver­las­sen (29), wird als ihr ein­zi­ger Ge­lieb­ter ge­nannt. Sie lie­ben ein­an­der schon be­vor sie sich ken­nen (54). Sie wähl­te ihn also, er hat kei­nen Ri­va­len und im Un­ter­schied zum Drit­ten, ist er der Eine. Im Un­ter­schied zu den vie­len Drit­ten ver­dankt er sei­ne Exis­tenz kei­nem Zu­fall. Er ist „der ein­zi­ge Mensch“, eben­so ein­sam wie sie.

Der ge­lieb­te Mann steht also dem Drit­ten kon­tra­dik­to­risch ge­gen­über. Er ist der Ein­zi­ge, zu­min­dest ein Ein­zi­ger. Mit La­can könn­te man auch sa­gen: min­des­tens er ist Ei­ner, au mo­ins un, der mit ei­nem Wort­spiel La­cans zu l’hommoinzin wird.21 Er, min­des­tens, steht dem All­men­schen (tout­hom­me) ge­gen­über, ei­ner Funk­ti­on, auf Grund de­ren es auch die vie­len Drit­ten bei Mu­sil gibt.

Dass der Ge­lieb­te in der Funk­ti­on des „Min­des­tens Ei­nen“ dem Viel­fa­chen Drit­ten wi­der­spricht, ist nicht schwer zu ver­ste­hen. Clau­di­ne liebt ih­ren Mann wie kei­nen an­de­ren, für sie ist er An­ders als die­se, ein Ein­zi­ger. Trotz­dem glaubt sie nicht an die Ge­set­zes­macht sei­ner Aus­nah­me. Sie sagt: ‚Es gibt ei­nen, der nicht so ist, wie alle an­de­ren.‘ Aber auch: ‚Sei­ne Ein­zig­keit bin­det mich nicht an ihn.‘ Selbst auf die Ge­fahr hin, ihn zu ver­lie­ren, will sie also in ei­nem freie­ren Raum als dem des Va­ter­ge­set­zes mit ih­rem Ge­lieb­ten zu­sam­men sein. Sie sagt ‚Nein‘ zur Kas­tra­ti­on. Das wäre „voll­ende­te Lie­be“. Nicht ohne Über­ra­schung liest man in Mu­sils Text Ab­leh­nun­gen des Gan­zen und der Lo­gik der All­sät­ze. Bei­spiels­wei­se S. 14, wo es heißt, dass Clau­di­ne und ihr Mann „nicht al­les bis ins Letz­te ein­an­der ge­mein­sam ma­chen konn­ten“. Auch mo­kiert sich Clau­di­ne über die Idee des Mi­nis­te­ri­al­rats, dass es den gan­zen Men­schen gebe. Die No­vel­le schließt so­gar mit dem fol­gen­den De­men­ti ei­nes All­sat­zes über die Lie­be: Nach­dem Clau­di­ne ih­rem Mann un­treu wur­de, dach­te sie „an die­ses für alle da sein kön­nen und doch nur für ei­nen“. Ihr „Für alle da sein und doch nur für ei­nen“ for­mu­liert nicht die Be­zie­hung zwi­schen ei­ner All-Aus­sa­ge und ih­rer Aus­nah­me. Im Ge­gen­teil, sie sagt ei­nen Wi­der­spruch: wenn Clau­di­ne doch nur für ei­nen da sein will, dann kann sie nicht für alle da sein. Denn die­ser Eine ist nicht die glück­li­che Aus­nah­me. So darf man sa­gen, dass Mu­sil schon et­was von der Lo­gik des Nicht-Al­les (pas tout) ge­ahnt hat, mit wel­cher La­can die weib­li­che Se­xua­li­tät un­ter­sucht.

Rei­se ins Un­kenn­ba­re

Clau­di­ne reist nicht nur nach der klei­nen Stadt, son­dern auch zu „et­was Unaufgefunden(em)“ (19), ei­ner „ver­bor­ge­nen We­sen­heit ih­res Le­bens“ und zwar auch auf dem Um­weg über ihre Ver­gan­gen­heit. Sie kommt aus der ihr ver­trau­en Stadt, wo sie aber auch ge­fan­gen war, und fährt ins „Un­kenn­ba­re“22. Ab ei­nem „son­der­ba­ren Pfahl“ am Rand ih­res We­ges kommt sie zu ei­nem „nie betretene(n) Pfad“ (26), wo sie zu­erst mit ih­rer Ver­gan­gen­heit kon­fron­tiert wird. Der „son­der­ba­re Pfahl“ könn­te die Gren­ze mar­kie­ren, jen­seits de­rer das Ge­setz des Sym­bo­li­schen nicht mehr gilt und über die das Ge­biet des phal­li­schen Ge­nie­ßens nicht hin­aus­reicht. Die Ver­gan­gen­heit holt sie ein in Form ei­nes „nicht gewordene(n) Gedanke(ns)“, und er lähmt sie. Ihr Weg führt von ih­rem Ge­lieb­ten fort in eine „schmerz­haf­te Wei­te“. Ihre Lie­be „ist nicht mehr et­was zwi­schen ih­nen al­lein“ (29). Ihre Lie­be scheint sich zu ver­selb­stän­di­gen. Sie ist nicht mehr zwi­schen ih­nen al­lein, aber das be­wahrt sie bei­de nicht da­vor, je­der für sich, al­lein zu sein, zu ver­ein­sa­men. Der Er­zäh­ler be­rich­tet nichts von der Ein­sam­keit ih­res Man­nes, wohl aber von der ih­ren. Sie be­geg­net je­weils ei­nem der Drit­ten. Die­se sind we­der der Eine, den sie er­wähl­te, noch kön­nen sie zu al­len wer­den. We­der mit ih­nen noch mit ihm kann es die mys­ti­sche Ver­ei­ni­gung ge­ben. Im­mer wei­ter ent­fernt sie sich von der Stadt, in der sie da­heim war, bis sie an je­nem von der Welt ab­ge­trenn­ten Ort an­kommt, an dem sie ein­ge­schneit wer­den wird. Die Post­ver­bin­dung bricht ab, sie zer­reißt den Brief an ih­ren Mann und bricht mit dem ge­wöhn­li­chen Men­schen ihre Treue zu ihm.

Das Wei­te, das Drau­ßen, die un­ge­heu­re Frem­de, das Un­kennt­li­che, die Lee­re, die un­ge­woll­te Wirk­lich­keit, „das, was un­ter dem Be­reich der Wor­te liegt“, „weit über al­les Wohn­land der See­le hin­aus“, die „gren­zen­lo­se Öde“, die „blin­de Rie­sen­haf­tig­keit ei­nes lee­ren Rau­mes“, das sind ei­ni­ge Na­men die­ser rea­len Erde (Litu­ra­terre), auf der sie, wie man­che der gro­ßen Fi­gu­ren der Li­te­ra­tur von Shake­speare bis Be­ckett, irrt.

Ur­he­ber­recht (Co­py­right) für die­sen Ar­ti­kel bei Franz Kal­ten­beck.

Kommentare

Im Kom­mentar­teil (nach den An­mer­kun­gen) fin­det man ei­nen Kom­men­tar von Jür­gen Kai­zik und eine Ant­wort von Franz Kal­ten­beck.

Über den Autor

Franz-Kaltenbeck Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pa­ris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire) und Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hören: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Da­vid Fos­ter Wal­lace: Dich­ter, Den­ker, Me­lan­cho­li­ker (In: Y – Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se, 1/2012);  Le­sen mit La­can. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Mi­cha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013); Da­vid Fos­ter Wal­lace au-delà du princi­pe de plai­sir (In: Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se, Nr. 15, 2012); Ge­schlecht und Sym­ptom (In: LACANIANA in „La­can ent­zif­fern“, lacan-entziffern.de, 30. Sep­tem­ber 2014)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com
Web­site: franz-kaltenbeck-psychanalyste-psychotherapeute-paris-lille.fr

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Anmerkungen

  1. Ro­bert Mu­sil, Ta­ge­bü­cher, Rein­bek bei Ham­burg, 1976, Ro­wohlt, S. 347.
  2. Hart­mut Böh­me, „Er­in­ne­rungs­zei­chen an un­ver­ständ­li­che Ge­füh­le“, Es­say, er­schie­nen in: Ro­bert Mu­sil, Ver­ei­ni­gun­gen, Frank­furt, 1990, Suhr­kamp, S. 191 (im In­ter­net hier). Ich zi­tie­re die­se Aus­ga­be der Ver­ei­ni­gun­gen mit ih­ren Sei­ten­an­zah­len im Text die­ses Auf­sat­zes. Im In­ter­net fin­det man bei­de Er­zäh­lun­gen hier.
  3. Ibid., S. 189. Hart­mut Böh­me er­läu­tert in sei­nem Es­say meh­re­re Aus­sa­gen Mu­sils zu den Ver­ei­ni­gun­gen.
  4. Ich hat­te den Weg zu be­schrei­ben, der von ei­ner in­nigs­ten Zu­nei­gung bei­na­he bloss bin­nen 24 Stun­den zur Un­treue führt“ (Ro­bert Mu­sil, Ge­sam­mel­te Wer­ke. Band II, her­aus­ge­ge­ben von Adolf Fri­sé, Rein­bek bei Ham­burg, Ro­wohlt, 1978, S. 972).
  5. Der Au­tor ent­schied sich da­für, „den ma­xi­mal be­las­te­ten Weg zu wäh­len, den Weg der kleins­ten Schrit­te, den Weg des all­mäh­lichs­ten, un­merk­lichs­ten Über­gan­ges“ (ibid.).
  6. Dem Ver­hal­len der von ih­nen los­ge­mach­ten Din­ge.
  7. Jac­ques La­can, Écrits, Pa­ris, 1966, Seuil, S. 552, Über­set­zung FK.
  8. Jean Ge­net spricht in ei­nem sei­ner Tex­te eben­falls von ei­nem ganz be­lie­bi­gen Mann, dem er in ei­nem Zug ge­gen­über­saß und des­sen See­le in sei­ne ei­ge­ne See­le ein­drang. Ed­mund White, sein Bio­graph be­schreibt die­se Be­geg­nung in ei­nem In­ter­view von 1993 an­läss­lich des Er­schei­nens sei­ner Bio­gra­phie:
    „Un jour, dans un train, en com­pa­gnie d’un voya­geur, il a eu l’impression que l’âme de ce voya­geur en­trait dans son corps à lui, tan­dis que son âme pas­sait dans le corps de l’autre. D’un seul coup, il a com­pris qu’il n’était pas sin­gu­lier, que tous les êtres hu­mains sont par­eils, et cet­te ex­pé­ri­ence l’a hor­ri­fié.“ (Sie­he hier.)
  9. Das wäre ein aus­ge­zeich­ne­ter Aus­druck für das „Rea­le“ La­cans!
  10. Vgl. S. Freud, „Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur“, in: Ders., Stu­di­en­aus­ga­be, Band IX, Frank­furt am Main, 2000, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, S. 229230.
  11. La­can führt die „Ab­we­sen­heit der Frau von sich selbst“ auf ihr Ge­nie­ßen zu­rück, das sich kei­nem All-Satz un­ter­wer­fen lässt, es ist ein „nicht gan­zes Ge­nie­ßen“ (jouis­sance pas tou­te). Die Frau selbst ist „nicht ganz“, es gibt die Frau nicht, es gibt kei­ne All-Frau. Sie­he: J. La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XX. En­core. 19721973, Text­her­stel­lung von Jac­ques-Alain Mil­ler, Pa­ris, 1975, Seuil, Sit­zung vom 9. Ja­nu­ar 1973, S. 36; Über­set­zung von Nor­bert Haas u.a., Wein­heim u.a., 1986, Qua­dri­ga, S. 40.
  12. Die Frau hat nichts mit dem Ge­setz zu tun“, Jac­ques La­can, Le sé­min­aire, li­v­re XVIII. D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant. 1971, Text­her­stel­lung von Jac­ques-Alain Mil­ler, Pa­ris, 2007, Seuil, Sit­zung vom 17. März 1971, S. 107, Über­set­zung FK.
  13. Die­ses Bild der bei­den frem­den Punk­te, die ein­an­der an­se­hen, steht dem auf den ers­ten Sei­ten der No­vel­le be­schrie­be­nen fast me­cha­ni­schen Sys­tem, das Clau­di­ne mit ih­rem ge­lieb­ten Mann ver­bin­det, dia­me­tral ge­gen­über.
  14. In sei­nem Se­mi­nar von Ca­ra­cas, 1980, deu­tet La­can die Tat­sa­che, dass man­che Künst­ler Tier­dar­stel­lun­gen in eine Lie­bes­sze­ne ein­fü­gen, als Sehn­sucht der Men­schen nach se­xu­el­lem Frie­den, den er im Tier­reich ver­mu­tet, weil Tie­re nicht über die Zah­len ver­fü­gen. So sag­te er in Ca­ra­cas (un­ver­öf­fent­lich­tes, aber von Pa­trick Valas hier ins In­ter­net ge­häng­te Se­mi­nar von 1980):
    „Mais qui sait que fai­re d’un corps de parlêtre ? – hor­mis le ser­rer de plus ou mo­ins près ?
    Qu’est-ce que l’Autre trouve à dire, et en­core quand il veut bien ? Il dit: „Ser­re moi fort“.
    Bête com­me chou pour la co­pu­la­ti­on.
    N’importe qui sait y fai­re mieux. Je dis n’importe qui  une gre­nouil­le par ex­emp­le.
    Il y a une pein­ture qui me trot­te dans la tête de­puis long­temps. J’ai re­trouvé le nom prop­re de son au­teur, non sans les difficultés pro­p­res à mon âge. Elle est de Bra­man­ti­no.
    Eh bien, cet­te pein­ture est bien fai­te pour témoigner de la nost­al­gie qu’une femme ne soit pas une gre­nouil­le, qui est mise là sur le dos, au pre­mier plan du ta­bleau.“
  15. In Ver­ei­ni­gun­gen, op cit., S. 185 bis 221.
  16. Der zwei­ten No­vel­le in den Ver­ei­ni­gun­gen, „Die Ver­su­chung der stil­len Ve­ro­ni­ka“, wid­me ich ei­nen Teil mei­nes Auf­sat­zes „Über zwei Frau­en im Werk Ro­bert Mu­sils“, in: Y. Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se, 2016, im Er­schei­nen.
  17. Inka Mül­der-Bach, Ro­bert Mu­sil. Der Mann ohne Ei­gen­schaf­ten. Ein Ver­such über den Ro­man, Mün­chen, 2013, Carl Han­ser, S. 12.
  18. Karl Co­ri­no, Mu­sils Bio­graph, stellt schon in sei­ner 1974 er­schie­nen Stu­die Ro­bert Mu­sils „Ver­ei­ni­gun­gen“ fest, dass in Mu­sils No­vel­len­werk das Rea­le – er nennt es „Wirk­lich­keit“ – Vor­aus­set­zung der Mög­lich­kei­ten ist (Mün­chen, Salz­burg, Wil­helm Fink, S. 37). Das Rea­le ist hier aber das des Ge­schlechts-Un­ter­schie­des und der Nicht-Be­zie­hung zwi­schen den Ge­schlech­tern.
  19. Sig­mund Freud, „Die Weib­lich­keit“, in: Ders., Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se. Und Neue Fol­ge, in: Ders., Stu­di­en­aus­ga­be, Band I, Frank­furt am Main, 1969, Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, S. 545.
  20. Mei­ne Un­ter­strei­chung, FK.
  21. J. La­can, D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant, Sit­zung vom 19. Mai 1971, a.a.O., S. 144.
  22. An ei­ner be­rühm­ten Stel­le der Traum­deu­tung ver­wen­det Freud den Be­griff des „Un­er­kann­ten“: „Dies ist dann der Na­bel des Traums, die Stel­le, an der er dem Un­er­kann­ten auf­sitzt.“ (Ge­sam­mel­te Wer­ke. Chro­no­lo­gisch ge­ord­net. Bd. II/III, Frank­furt am Main, 1961, S. Fi­scher, S. 530)

Kommentare

Franz Kaltenbeck: Robert Musils unvollendbare Liebe — 2 Kommentare

  1. Kann man über­haupt zwei so un­ter­schied­li­che Tex­te ein­an­der an­nä­hern, oder nur auf den ei­nen vom an­dern her et­was Licht fal­len las­sen? Da muss man sich aber wohl für eine Rich­tung ent­schei­den. Dem Schreib­kos­mos Mu­sils ist eine sehr eig­ne Struk­tur inne, die mit den Ab­sich­ten La­cans nicht das Ge­rings­te ge­mein hat. Ist Mu­sils Werk nicht vor al­lem der Ort, an dem sich Ma­the­ma­ti­sches und Mys­ti­sches (nach sei­nem Wil­len) be­geg­nen sol­len? Ist nicht al­les von da aus ge­dacht, auch das Ge­schlechts­ver­hält­nis? La­cans Ar­bei­ten zielt in eine völ­lig an­de­re Rich­tung – da­her muss ein wech­seln­des Hin-und-her-Le­sen eher in die Irre füh­ren. (Oder irre ich mich?)

    • Mu­sil und La­can ein­an­der an­nä­hern? Nein, das geht nicht und das woll­te ich auch nicht. Auf­ein­an­der be­zie­hen, das schon! Wo käme man hin, wenn es ver­bo­ten wäre, ein Werk, das Mu­sils, zur Re­fe­renz ei­nes an­de­ren, dem Werk La­cans, wer­den zu las­sen? Vor Ador­no und Hork­hei­mer („Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ 1944, 1969) und La­can, „Kant mit Sade“ (1963) hat­te kaum je­mand ge­wusst, dass Kant et­was mit Sade zu tun hat. Es gibt zahl­rei­che geis­ti­ge Wahl­ver­wandt­schaf­ten weit aus­ein­an­der lie­gen­der Au­to­ren! Die sehr ei­ge­ne Schreib­welt Mu­sils hin­der­te ihn nicht dar­an, sei­ne Er­fah­run­gen mit Frau­en zu ei­nem Den­ken über weib­li­che Se­xua­li­tät und weib­li­ches Ge­nies­sen in sei­ner Li­te­ra­tur zu sub­li­mie­ren. Mit die­sem schon in sei­nen No­vel­len auf­find­ba­ren Den­ken konn­te ich mir man­che Be­grif­fe La­cans er­klä­ren, z.B. den des „Nicht-Gan­zem“ (pas-tout), wel­cher das weib­li­che Über­schrei­ten des phal­li­schen Ge­nies­sens er­fasst. Mu­sils iro­nisch ge­nann­te No­vel­le „Die Voll­endung der Lie­be“ spricht von die­ser Über­schrei­tung. Mu­sil und La­can lie­ben, je­der auf sei­ne Art, die Ma­the­ma­tik, sie for­dern von ih­rer re­spek­ti­ven Pra­xis, dem Schrei­ben und der Psy­cho­ana­ly­se, wis­sen­schaft­li­che Stren­ge. Und wenn La­can zwar nicht von der Be­geg­nung zwi­schen Ma­the­ma­tik und Mys­tik träumt, so legt er doch dar, dass Mys­ti­ker, Män­ner wie Frau­en, et­was über das weib­li­che Ge­nies­sen mit­tei­len, was vie­le Frau­en so­gar in der Ana­ly­se eher ver­schwei­gen. (Sie­he sein Se­mi­nar „En­core“, S. 70, 71). Da auch er mit lo­gi­schen Mit­teln von die­sem Ge­nies­sen spricht, also die Struk­tur fand, die es stützt, kann er also selbst zu den Mys­ti­kern ge­rech­net wer­den. Ich hal­te also Mu­sils Werk für eine Re­fe­renz des psy­cho­ana­ly­ti­schen Dis­kur­ses, den La­can theo­re­tisch fass­te und dem er prak­tisch dien­te.

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