Lacans Kommentare zu Munchs Bild Der Schrei

Ed­vard Munch, Der Schrei der Na­tur, 1893, Öl, Tem­pe­ra und Pas­tell auf Kar­ton, 91 x 73,5 cm
Nor­we­gi­sche Na­tio­nal­ga­le­rie Oslo

In La­cans Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens (ge­schrie­ben 1962) heißt es:

Was bin Ich [Je]? Ich bin an dem Platz, von wo her­aus­ge­schrien (vo­cifè­re) wird, dass ‚das Uni­ver­sum ein Feh­ler ist in der Rein­heit des Nicht-Seins‘.“1

Dem­nach bin ich am Platz ei­nes Schreis. Die Pas­sa­ge wird ver­ständ­li­cher, wenn man Freuds Be­mer­kun­gen über das Schrei­en im Ent­wurf hin­zu­zieht so­wie La­cans Kom­men­ta­re zu Ed­vard Munchs be­rühm­tem Bild Der Schrei.

Freud im „Entwurf“

Im Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895) schreibt Freud:

Noch an­de­re Wahr­neh­mun­gen des Ob­jek­tes, z. B. wenn es schreit, wer­den die Er­in­ne­rung an ei­ge­nes Schrei­en und da­mit an ei­ge­ne Schmerz­er­leb­nis­se we­cken. Und so son­dert sich der Kom­plex des Ne­ben­men­schen in 2 Be­stand­tei­le, von de­nen der eine durch kon­stan­tes Ge­fü­ge im­po­niert, als Ding bei­sam­men bleibt, wäh­rend der an­de­re durch Er­in­ne­rungs­ar­beit ver­stan­den, d. h. auf eine Nach­richt vom ei­ge­nen Kör­per zu­rück­ge­führt wer­den kann.“2

Eine Ket­te aus drei Glie­dern: Wahr­neh­mun­gen des schrei­en­den Ob­jekts – Er­in­ne­rung an ei­ge­nes Schrei­en – Er­in­ne­rung an ei­ge­ne Schmerz­er­leb­nis­se. Das ers­te Ele­ment ge­hört of­fen­bar zum kon­stan­ten Ge­fü­ge, das als Ding bei­sam­men­bleibt, die an­de­ren bei­den Ele­men­te sind Kom­po­nen­ten der Er­in­ne­rungs­ar­beit. Wir­kung der Er­in­ne­rungs­ar­beit ist das Ver­ste­hen. Das Ver­ste­hen be­steht dar­in, eine Wahr­neh­mung auf eine Nach­richt vom ei­ge­nen Kör­per zu­rück­zu­füh­ren („Ver­ste­he, das da ist et­was, was mir be­reits ein­mal Schmer­zen ver­ur­sacht hat“).

Spä­ter heißt es im Ent­wurf:

Zu Be­ginn der Ur­teils­leis­tung, wenn die Wahr­neh­mun­gen we­gen ih­rer mög­li­chen Be­zie­hung zum Wunsch­ob­jekt in­ter­es­sie­ren und ihre Kom­ple­xe (wie be­reits ge­schil­dert) in ei­nen un­assi­mi­lier­ba­ren Teil (das Ding) und ei­nen dem Ich aus ei­ge­ner Er­fah­rung be­kann­ten (Ei­gen­schaft, Tä­tig­keit) zer­le­gen, was man Ver­ste­hen heißt, er­ge­ben sich für die Sprach­äu­ße­rung zwei Ver­knüp­fun­gen. Ers­tens fin­den sich Ob­jek­te – Wahr­neh­mun­gen die ei­nen schrei­en ma­chen, weil sie Schmerz er­re­gen, und es stellt sich als un­ge­heu­er be­deut­sam her­aus, daß die­se As­so­zia­ti­on ei­nes Klan­ges (der auch ei­ge­ne Be­we­gungs­bil­der an­regt) mit ei­ner sonst zu­sam­men­ge­setz­ten Wahr­neh­mung dies Ob­jekt als feind­li­ches her­vor­hebt und dazu dient, die Auf­merk­sam­keit auf die Wahr­neh­mung zu len­ken. Wo man sonst vor Schmerz kei­ne gu­ten Qua­li­täts­zei­chen des Ob­jek­tes er­hielt, dient die ei­ge­ne Schrei­nach­richt zur Cha­rak­te­ris­tik des Ob­jek­tes. Es ist also die­se As­so­zia­ti­on ein Mit­tel, die Un­lust er­re­gen­den Er­in­ne­run­gen be­wußt und zum Ge­gen­stand der Auf­merk­sam­keit zu ma­chen, die ers­te Klas­se be­wuß­ter Er­in­ne­run­gen ist ge­schaf­fen. Es braucht nun nicht viel, um die Spra­che zu er­fin­den.“3

The­ma ist das Ur­teil. Im Ur­teil wer­den Wahr­neh­mun­gen auf Wunsch­ob­jek­te be­zo­gen, das Wahr­ge­nom­me­ne wird also im Hin­blick auf sei­ne Wünsch­bar­keit be­ur­teilt.

Die Wahr­neh­mun­gen bil­den Kom­ple­xe; beim Ur­tei­len wer­den die­se Kom­ple­xe zer­legt in ei­nen un­assi­mi­lier­ba­ren Teil, das „Ding“, und ei­nen as­si­mi­lier­ba­ren Teil, d.h. in ei­nen Teil, der dem Ich aus ei­ge­ner Er­fah­rung be­kannt ist. Die Ver­bin­dung des Wahr­ge­nom­me­nen mit dem aus ei­ge­ner Er­fah­rung Be­kann­ten nennt Freud „Ver­ste­hen“.

Die­se Kon­zep­ti­on, die aus dem vor­an­ge­hen­den Zi­tat be­reits be­kannt ist, wird nun auf Sprach­äu­ße­run­gen be­zo­gen.

Un­ter den wahr­ge­nom­me­ne Ob­jek­ten gibt es sol­che, die Schmerz er­re­gen. Der Schmerz bringt ei­nen zum Schrei­en. Die Sprach­äu­ße­rung ist hier also ein vom Ich aus­ge­sto­ße­ner Schrei. Die­ser Schrei wird von Freud auch als „Schrei­nach­richt“ be­zeich­net; ich neh­me an, das ge­meint ist: der Schrei ist die Nach­richt über ei­nen Schmerz und, da­hin­ter, über et­was die­sen Schmerz her­vor­ru­fen­des Wahr­ge­nom­me­nes.

Durch den Schrei ent­steht die As­so­zia­ti­on ei­ner Ob­jekt­wahr­neh­mung mit ei­nem Klang, mit dem ei­ge­nen Schrei. Der Schrei ver­bin­det sich also nicht nur mit dem Schmerz des Ichs, son­dern auch mit dem wahr­ge­nom­me­nen Ob­jekt.

Die Schmerz-Ob­jekt-As­so­zia­ti­on hat zwei Ef­fek­te. Zum ei­nen ver­än­dert sie den Ob­jekt­be­zug: das zu­sam­men­ge­setz­te Ob­jekt wird ver­ein­heit­licht, in­dem es nun als feind­lich cha­rak­te­ri­siert wird. 

Zum an­de­ren ver­wan­delt die As­so­zia­ti­on das Ich. Durch den Schmer­zens­schrei wird die Un­lust er­re­gen­de Er­in­ne­rung be­wusst und zu ei­nem Ge­gen­stand der Auf­merk­sam­keit, auf die­se Wei­se ent­steht eine be­wuss­te Er­in­ne­rung.

Die Er­fin­dung der Spra­che knüpft hier­an an, baut hier­auf auf.

Lacan im Seminar „Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse“

In Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se, kom­men­tiert La­can Munchs Bild Der Schrei:

An die­ser Stel­le hof­fe ich, dass der Ge­gen­stand, den ich eben in Ih­ren Rei­hen habe zir­ku­lie­ren las­sen, näm­lich die Re­pro­duk­ti­on des be­rühm­ten Ge­mäl­des von Ed­vard Munch mit dem Ti­tel Der Schrei, dass dies et­was ist, eine Ab­bil­dung, die mir güns­tig zu sein schien, um für Sie ei­nen wich­ti­gen Punkt zu ar­ti­ku­lie­ren, bei dem vie­le Ver­schie­bun­gen mög­lich sind, mit dem viel Miss­brauch ge­trie­ben wird, und der sich ‚Schwei­gen‘ nennt.

Das Schwei­gen – es ist ver­blüf­fend, dass ich, um es für Sie zu il­lus­trie­ren, nichts Bes­se­res ge­fun­den habe, wie ich mei­ne, als die­ses Bild, dass Sie alle, den­ke ich, jetzt ge­se­hen ha­ben, und das Der Schrei heißt.

In die­ser au­ßer­ge­wöhn­lich öden Land­schaft, mit kon­zen­tri­schen Li­ni­en ge­zeich­net, die im Hin­ter­grund eine Art Zwei­tei­lung skiz­zie­ren, zwi­schen ei­ner Form der Land­schaft – in ih­rem Wi­der­schein gibt es hier in der Mit­te ei­nen See, der auch ein Loch bil­det – und, am Rand, ei­ner Stra­ße, die weg­führt, ge­ra­de, dia­go­nal, quer, ge­wis­ser­ma­ßen das Feld des Ge­mäl­des ver­sper­rend. Im Hin­ter­grund zwei Spa­zier­gän­ger, dün­ne Schat­ten, die sich ent­fer­nen, in ei­ner Art Bild der Gleich­gül­tig­keit; im Vor­der­grund die­ses We­sen, von dem Sie in der Re­pro­duk­ti­on, also der des Ge­mäl­des, ha­ben se­hen kön­nen, dass das Aus­se­hen selt­sam ist, dass man nicht ein­mal sa­gen kann, dass es ei­nem be­stimm­ten Ge­schlecht an­ge­hört. In ei­ni­gen der Nach­bil­dun­gen, die Ed­vard Munch da­von an­ge­fer­tigt hat, ist es viel­leicht stär­ker in der Rich­tung ak­zen­tu­iert, dass es ein jun­ges We­sen und ein klei­nes Mäd­chen ist; wir ha­ben je­doch kei­nen be­son­de­ren Grund, das stär­ker zu be­rück­sich­ti­gen. Die­ses We­sen hier im Ge­mäl­de, von eher äl­te­rem Aus­se­hen, im Üb­ri­gen eine so stark re­du­zier­te mensch­li­che Form, dass sie nicht um­hin kann, uns die For­men der ganz sum­ma­ri­schen, ganz roh be­han­del­ten Bil­der der phal­li­schen Kind­heit in Er­in­ne­rung zu ru­fen, die­ses We­sen ver­schließt sich die Oh­ren und öff­net weit den Mund – es schreit.

Was ist die­ser Schrei? Wer ihn hö­ren wür­de, die­sen Schrei, den wir nicht hö­ren, au­ßer eben, dass er das Reich des Schwei­gens auf­zwingt, ei­nes Schwei­gens, das in die­sem Raum, der zu­gleich zen­triert und of­fen ist, auf- und ab­zu­stei­gen scheint. Es scheint hier, dass die­ses Schwei­gen ge­wis­ser­ma­ßen das Kor­re­lat ist, durch das die­ser Schrei sich in sei­ner Prä­senz von je­der an­de­ren vor­stell­ba­ren Mo­du­la­ti­on un­ter­schei­det, wo­bei je­doch spür­bar ist, dass das Schwei­gen nicht den Hin­ter­grund des Schreis bil­det, es gibt hier kei­ne Gestalt*-Beziehung, der Schrei scheint das Schwei­gen buch­stäb­lich her­vor­zu­ru­fen, und wenn er auf­hört, ist spür­bar, dass er das Schwei­gen ver­ur­sacht; er lässt es auf­tau­chen, er er­mög­licht es dem Schwei­gen, den Ton zu hal­ten. Es ist der Schrei, der das Schwei­gen stützt, und nicht das Schwei­gen den Schrei. Der Schrei sorgt ge­wis­ser­ma­ßen da­für, dass das Schwei­gen sich in eben der Sack­gas­se ver­fängt, aus der er her­aus­schießt, da­mit das Schwei­gen aus ihr ent­kommt.

Wenn wir das Bild von Munch se­hen, ist das je­doch be­reits ge­sche­hen: Der Schrei wird vom Raum des Schwei­gens durch­quert, ohne dass der Schrei ihn be­wohnt; sie sind nicht ver­bun­den, we­der da­durch, dass sie zu­sam­men auf­tre­ten, noch da­durch, dass sie auf­ein­an­der­fol­gen, der Schrei bil­det den Ab­grund, in den das Schwei­gen sich stürzt. Die­ses Bild, in dem die Stim­me sich von je­der mo­du­lie­ren­den Stim­me un­ter­schei­det –, denn im Schrei ist das, was ihn selbst von den re­du­zier­tes­ten For­men der Spra­che un­ter­schei­det, die Ein­fach­heit, die Re­duk­ti­on des dar­an be­tei­lig­ten Ap­pa­rats; hier ist die La­rynx nur noch Sy­rinx, es fehlt die Im­plo­si­on, die Ex­plo­si­on, der Ein­schnitt.

Die­ser Schrei hier gibt uns viel­leicht die Zu­si­che­rung von et­was, wo das Sub­jekt nur noch als Si­gni­fi­kat er­scheint – aber wor­in?

Ge­nau in die­ser of­fe­nen Kluft, die sich hier – an­onym, kos­misch, in ei­ner Ecke durch zwei ab­we­sen­de mensch­li­che An­we­sen­hei­ten gleich­wohl mar­kiert –, die sich hier aus­zeich­net, sich be­kun­det als die Struk­tur des an­de­ren.

Und dies umso be­stimm­ter, als der Ma­ler sie als ge­teilt aus­ge­wählt hat, in Form ei­ner Spie­ge­lung, wo­mit er uns eben eine grund­le­gen­de Form an­zeigt, die­je­ni­ge, die wir in der Ge­gen­über­stel­lung, in der Zu­sam­men­fü­gung, in der Ver­nähung von al­lem fin­den, was sich in der Welt als or­ga­ni­siert be­haup­tet.

Des­halb, wenn es in der Ana­ly­se um das Schwei­gen geht, wo das Wort um­läuft, von dem man ei­nen nur an­nä­hern­den Ge­brauch macht – Si­lence and ver­ba­li­za­ti­on, aus­ge­zeich­ne­ter Ar­ti­kel, ge­schrie­ben vom Sohn von Wil­helm Fließ, dem Ge­fähr­ten von Freuds Selbst­ana­ly­se, also von Ro­bert Fliess.4 Si­cher­lich be­nennt Ro­bert Fliess in dem, was er uns er­klärt, auf kor­rek­te Wei­se das, wor­um es beim Schwei­gen geht: Die­ses Schwei­gen ist eben der Ort, an dem das Ge­we­be er­scheint, auf dem sich die Bot­schaft ent­rollt, und da, wo das Nichts von Ge­druck­tem5 er­schei­nen lässt, wor­um es bei die­sem Spre­chen geht. Und das, wor­um es da­bei geht, ist auf die­ser Ebe­ne ge­nau sei­ne Äqui­va­lenz mit ei­ner be­stimm­ten Funk­ti­on des Ob­jekts a.“6

Munchs Bild gibt es in vier Ge­mäl­de-Ver­sio­nen und ein­mal als Li­tho­gra­fie; man kann ver­mu­ten, dass La­can sich auf das Ge­mäl­de von 1893 be­zieht, das als die Haupt­ver­si­on gilt.

La­can stellt ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Schrei und dem Schwei­gen her, sei­ne The­se lau­tet: Das Schwei­gen bil­det nicht den Hin­ter­grund, aus dem der Schrei her­vor­geht, viel­mehr er­zeugt der Schrei über­haupt erst das Schwei­gen.

La­can grenzt den Schrei vom Si­gni­fi­kan­ten ab: Der Schrei ist kei­ne Spra­che, es fehlt der Ein­schnitt (coupu­re).

In die­sem Schrei er­scheint das Sub­jekt als Si­gni­fi­kat. Of­fen­bar ent­spricht das Sub­jekt-als-Si­gni­fi­kat dem Schwei­gen.

In Munchs Ge­mäl­de er­scheint das Sub­jekt-als-Si­gni­fi­kat in ei­ner Kluft. Die­se Kluft wird an­onym, kos­misch dar­ge­stellt, als Kluft zwi­schen dem Schrei und der ru­hi­gen Land­schaft. Die Kluft wird zu­gleich durch den Kon­trast zwi­schen dem Schrei und den bei­den gleich­gül­ti­gen Ge­stal­ten mar­kiert. Sie spie­geln sich in­ein­an­der und ver­wei­sen da­mit auf das ima­gi­nä­re Ich. Die Spie­ge­lung bil­det die Grund­la­ge für die Kon­sti­tu­ie­rung ei­ner or­ga­ni­sier­ten Welt, viel­leicht darf man sie mit dem par­al­le­li­sie­ren, was Freud im Ent­wurf als „Ver­ste­hen“ be­zeich­net, Zu­rück­füh­ren auf eine Nach­richt vom ei­ge­nen Kör­per.

Die Dar­stel­lung der ge­schlechts­lo­sen schrei­en­den Fi­gur er­in­nert La­can an Kin­der­zeich­nun­gen des Phal­lus, wie man sie bei­spiels­wei­se über­all als Mauer­in­schrif­ten fin­det. Der Phal­lus, so will er of­fen­bar an­deu­ten, steht in ei­ner Be­zie­hung zum Schrei (in­so­fern er das Ge­nie­ßen sym­bo­li­siert, dass durch die Ein­wir­kung der Spra­che ver­lo­ren­ge­gan­gen ist.).

Was die psy­cho­ana­ly­ti­sche Di­men­si­on des Schwei­gens an­geht, ver­weist La­can zu­stim­mend auf ei­nen Ar­ti­kel von Ro­bert Fliess, Si­lence and ver­ba­li­za­ti­on, wor­in die­ser drei For­men des Schwei­gens des Pa­ti­en­ten un­ter­schei­det: ure­thra­les, ana­les und ora­les Schwei­gen.

Ein ent­schei­den­der Satz die­ser Pas­sa­ge ist (zu­min­dest mir) un­ver­ständ­lich: Das Schwei­gen ist der Ort, an dem das Ge­we­be er­scheint, auf dem sich die Bot­schaft ent­rollt, wo das Nichts von Ge­druck­tem er­scheint, um das es in die­sem Spre­chen geht.

Lacan im Seminar „Von einem Anderen zum anderen“

In Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, kommt La­can auf Munchs Bild zu­rück; dies­mal spricht er über die Li­to­gra­phie-Ver­si­on.

Ed­vard Munch, Der Schrei, 1895, Li­tho­gra­fie

Habe ich denn nicht auch be­reits bei an­de­rer Ge­le­gen­heit vor­ge­bracht, was es mit dem Schrei der Wahr­heit auf sich hat? ‚Ich, die Wahr­heit‘, habe ich ge­schrie­ben, ‚ich spre­che‘, und ich bin rei­ne Ar­ti­ku­la­ti­on, vor­ge­bracht zu Ih­rer Ver­le­gen­heit. Das ist hier das, was die Wahr­heit sa­gen kann, um uns zu er­schüt­tern.

Aber was der­je­ni­ge, der Lei­den ist, von da­her sagt, dass er die­se Wahr­heit ist, er muss wis­sen, dass ihr Schrei nur stum­mer Schrei ist, Schrei in der Lee­re, Schrei, den ich be­reits vor ei­ni­ger Zeit mit der be­rühm­ten Gra­phik von Munch il­lus­triert habe. Denn auf die­ser Ebe­ne kann ihm beim an­de­ren nichts an­de­res ant­wor­ten als das, wo­durch des­sen Kon­sis­tenz be­wirkt wird und was sei­nen nai­ven Glau­be an das be­wirkt, was das Sub­jekt als Ich (moi) ist, an das, was des­sen wahr­haf­te Stüt­ze ist, das heißt sei­ne Fa­bri­ka­ti­on als Ob­jekt a.“7

La­can be­zieht sich in der zi­tier­ten Pas­sa­ge zu­nächst auf sei­nen Auf­satz Die Freud’sche Sa­che (1956). Die Wahr­heit steigt hier aus ei­nem Brun­nen und sagt: „Ich, die Wahr­heit, ich spre­che.“8 Vor die­sem Hin­ter­grund wird der Schrei als der „Schrei der Wahr­heit“ be­zeich­net; der Schrei der Wahr­heit ist ein Spre­chen, näm­lich rei­ne Ar­ti­ku­la­ti­on. Die­ses Spre­chen, die­se rei­ne Ar­ti­ku­la­ti­on ver­setzt uns in Ver­le­gen­heit und er­schüt­tert uns. Ist die­se Ver­le­gen­heit, die­se Er­schüt­te­rung das aus dem Schrei her­vor­ge­hen­de Schwei­gen?

Der­je­ni­ge, der Lei­den ist, spricht von die­ser Wahr­heit aus; die Wahr­heit ist hier nichts an­de­res als eben dies, dass das Sub­jekt Lei­den ist. Die­se Ver­bin­dung von Lei­den und Schrei lässt an den Ent­wurf den­ken.

Des­halb ist der Schrei des Lei­den­den nur stum­mer Schrei, Schrei in der Lee­re – als stum­mer Schrei muss er nicht ge­äu­ßert wer­den. La­can stellt hier eine an­de­re Ver­bin­dung zwi­schen dem Schrei und dem Schwei­gen her als in Se­mi­nar 12, dort wur­de das Schwei­gen vom Schrei her­vor­ge­ru­fen, jetzt wird der Schrei im Schwei­gen aus­ge­sto­ßen.

La­can er­in­nert dar­an, dass er sich in ei­nem frü­he­ren Se­mi­nar auf Munchs Schrei be­zo­gen hat­te, an­ders als dort be­zieht er sich jetzt aus­drück­lich auf die Gra­phik-Ver­si­on.

War­um geht der Schrei ins Lee­re (war­um ruft er das Schwei­gen her­vor)? Weil ihm beim an­de­ren nichts ant­wor­ten kann als das, was des­sen Kon­sis­tenz be­wirkt, also die ima­gi­nä­re Di­men­si­on des an­de­ren (die bei­den sich in­ein­an­der spie­geln­den Ge­stal­ten im Hin­ter­grund). Die­se Kon­sis­tenz be­wirkt den nai­ven Glau­ben (des Lei­den­den? des an­de­ren?) an das Sub­jekt als Ich (moi) und an das, was die Stüt­ze des Sub­jekts ist, näm­lich das Ob­jekt a.

In ei­ner spä­te­ren Sit­zung die­ses Se­mi­nars heißt es:

Ich wer­de hier nicht wie­der­auf­grei­fen, denn auch da­für habe ich nicht die Zeit, wel­chen Ak­zent ich auf die­ses ‚das Ding‘ ge­setzt habe. Al­les, was ich sa­gen kann oder wor­an ich er­in­nern kann, ist dies, dass Freud es durch die Funk­ti­on des Ne­ben­men­schen* ein­führt. Das ist der Mensch, der ei­nem am nächs­ten ist. Und die­ser Mensch, der von da­her mehr­deu­tig ist, dass er nicht ver­or­tet wer­den kann, was ist also die­ser Nächs­te, der in den Evan­ge­li­en wi­der­hallt, im Zu­sam­men­hang mit der For­mel ‚Lie­be dei­nen Nächs­ten wie dich selbst‘?

Wo ihn fas­sen? Wo gibt es au­ßer­halb die­ses Zen­trums mei­ner selbst, das ich nicht lie­ben kann, et­was, das mir nä­her ist? Das ist auch das, was Freud – in dem Mo­ment, in dem er auf den We­gen der De­duk­ti­on ge­wis­ser­ma­ßen durch ihre Not­wen­dig­keit ge­zwun­gen ist – nicht auf an­de­re Wei­se cha­rak­te­ri­sie­ren kann als durch et­was ab­so­lut Pri­mä­res, das er den ‚Schrei‘ nennt.

In die­ser aus­ge­sto­ße­nen Äu­ßer­lich­keit wird et­was iden­ti­fi­ziert, wo­durch das, was mir das In­ners­te ist, ge­nau das ist, was ich ge­zwun­gen bin, nur au­ßen er­ken­nen zu kön­nen.

Eben des­halb muss die­ser Schrei nicht ge­äu­ßert wer­den, um ein Schrei zu sein.

Ich habe an die­ser groß­ar­ti­gen Gra­phik ge­zeigt, die Der Schrei heißt, von Munch, dass zu sei­nem Aus­drucks­wert nichts passt bes­ser passt als die Tat­sa­che, dass er in die­ser ru­hi­gen Land­schaft ver­or­tet ist, mit, in der Nähe, zwei Per­so­nen auf der Stra­ße, die sich ent­fer­nen und sich nicht ein­mal um­dre­hen. Aus dem ver­zerr­ten Mund des weib­li­chen We­sens (être) im Vor­der­grund der Schrei, durch den es dar­ge­stellt wird, der sei­nem We­sen (es­sence) nach so ist, dass dar­aus nichts an­de­res her­vor­geht als das ab­so­lu­te Schwei­gen.

Aus dem Schwei­gen, auf das die­ser Schrei sich rich­tet, taucht die Ge­gen­wart des We­sens (être) auf, das am nächs­ten ist, des We­sens, das er­war­tet wird, umso mehr, als es im­mer schon da ist: der Nächs­te, der kei­ner­lei Er­schei­nung* hat, au­ßer in den Ak­ten der Hei­li­gen.

Ist die­ser Nächs­te das, was ich den An­de­ren ge­nannt habe, der mir dazu dient, die Ge­gen­wart der Si­gni­fi­kan­ten­ar­ti­ku­la­ti­on im Un­be­wuss­ten funk­tio­nie­ren zu las­sen? Ge­wiss nicht. Der Nächs­te ist das un­er­träg­li­che Be­vor­ste­hen des Ge­nie­ßens. Der An­de­re ist nur der ein­ge­eb­ne­te ge­rei­nig­te Bo­den (le terre-plain net­toyé). Ich kann die­se Din­ge je­doch auf die­ser Wei­se schnell sa­gen, seit ich für Sie die De­fi­ni­ti­on die­ses An­de­ren ar­ti­ku­lie­re. Das ist ge­nau dies: das ist ein Ge­län­de, das von Ge­nie­ßen ge­rei­nigt ist.“9

Mit der Rede vom „Ding“ und vom „Ne­ben­men­schen“ be­zieht La­can sich un­mit­tel­bar auf Freuds Ent­wurf und auf sei­nen Kom­men­tar hier­zu in Se­mi­nar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se.

Den „Ne­ben­men­schen“ setzt er mit dem „Nächs­ten“ des bi­bli­schen Ge­bots der Nächs­ten­lie­be gleich. Wo ist die­ser Ne­ben­mensch, wo ist die­ser Nächs­te zu fas­sen? Au­ßer­halb des Zen­trums mei­ner selbst, das ich nicht lie­ben kann. Mit die­ser For­mu­lie­rung wird die bi­bli­sche For­de­rung zu­rück­ge­wie­sen, dass ich den Nächs­ten lie­ben soll „wie mich selbst“. In mir gibt es et­was, das ich nicht lie­ben kann, das ich nar­ziss­tisch nicht in­te­grie­ren kann, und der Ne­ben­mensch, der Nächs­te steht dazu in ei­ner Be­zie­hung.

Freud cha­rak­te­ri­siert die Be­zie­hung zum Ne­ben­men­schen durch den Schrei, also durch eine aus­ge­sto­ße­ne Äu­ßer­lich­keit.

Im Äu­ße­ren des Schreis wird et­was iden­ti­fi­ziert, näm­lich ge­nau das, was mir das In­ners­te ist, mein Zen­trum, das ich nicht lie­ben kann. Die­ses In­ners­te kann ich nur au­ßen er­ken­nen, eben im Schrei als et­was Äu­ße­rem.

An Munchs Gra­phik hebt La­can her­vor, dass der Schrei durch die ru­hi­ge Land­schaft ak­zen­tu­iert wird so­wie durch die bei­den Per­so­nen, die sich ent­fer­nen, ohne sich um­zu­dre­hen.

Er nimmt dann die The­se aus Se­mi­nar 12 wie­der auf: Aus dem Schrei geht das ab­so­lu­te Schwei­gen her­vor.

Und er setzt die­sen Ge­dan­ken jetzt fort: Aus dem Schwei­gen wie­der­um taucht der Nächs­te auf. Die Be­zie­hungs­ket­te ist also:  das in­ne­re Zen­trum, das ich nicht lie­ben kann → der Schrei → das Schwei­gen → der Nächs­te.

Der Nächs­te ist nicht der An­de­re, nicht der Ort der Si­gni­fi­kan­ten­ar­ti­ku­la­ti­on des Un­be­wuss­ten; der An­de­re ist ein Ge­län­de, das von Ge­nie­ßen ge­rei­nigt ist.

Der Nächs­te hin­ge­gen ist das un­er­träg­li­che Be­vor­ste­hen des Ge­nie­ßens. Er er­scheint nur in den Ak­ten der Hei­li­gen.

Vier Jah­re spä­ter wird La­can über den Ana­ly­ti­ker sa­gen, er sei ein Hei­li­ger, in­so­fern näm­lich, als er für den­je­ni­gen, der in Ana­ly­se geht, ei­nen Ab­fall dar­stellt, ei­nen Aus­wurf, den Aus­schluss der jouis­sance. Dies, um es dem Pa­ti­en­ten zu er­mög­li­chen, ihn als Ur­sa­che des Be­geh­rens zu neh­men, als Ob­jekt a.10

Verwandte Beiträge

  • Se­mi­nar 18, „Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre“, Sit­zung vom 9. Juni 1971, Über­se­zung (kur­zer Hin­weis auf den Schrei zu Be­ginn der Sit­zung)

Anmerkungen

  1. J.L.: Schrif­ten. Band II. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien u.a. 2015, S. 325–368 hier: S. 358; Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 819.
  2. S. Freud: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se 1887–1902. Brie­fe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1962, S. 299–384, hier: S. 337 f.
  3. A.a.O., S. 365.
  4. Ro­bert Fliess: Si­lence and ver­ba­li­za­ti­on: a sup­ple­ment of the theo­ry of the ana­ly­tic rule“. In: In­ter­na­tio­nal jour­nal of psy­cho-ana­ly­sis, 30. Jg. (1949), S. 21–30, im In­ter­net hier.
  5. Das „Nichts von Ge­druck­tem“ (le rien d’imprimé) er­gibt für mich kei­nen Sinn, viel­leicht ein Tran­skrip­ti­ons­feh­ler.
  6. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 17. März 1965, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  7. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1968, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la, vgl. Ver­si­on Mil­ler S. 24.
  8. Vgl. J.L.: Die Freud’sche Sa­che. In: Ders.: Schrif­ten. Band I. Voll­stän­di­ger Text. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant 2015, S. 472–513, hier: S. 481 ff.
  9. Se­mi­nar 16, Sit­zung vom 12. März 1969, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la, vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 225.
  10. Vgl. J. La­can: Te­le­vi­si­on (1973). In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1988, S. 55–95, zum Hei­li­gen: S. 70–72.

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