Der Schrei

Edvard Munch, Der Schrei der Natur, 1893, Öl, Tempera und Pastell auf Karton, 91 x 73,5 cm
Norwegische Nationalgalerie Oslo

In Lacans Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens (geschrieben 1962) heißt es:

„Was bin Ich [Je]? Ich bin an dem Platz, von wo herausgeschrien (vocifère) wird, dass ‚das Universum ein Fehler ist in der Reinheit des Nicht-Seins‘.“1

Demnach bin ich am Platz eines Schreis. Die Passage wird verständlicher, wenn man Freuds Bemerkungen über das Schreien im Entwurf hinzuzieht sowie Lacans Kommentare zu Edvard Munchs berühmtem Bild Der Schrei.

Freud im „Entwurf“

Im Entwurf einer Psychologie (1895) schreibt Freud:

„Noch andere Wahrnehmungen des Objektes, z. B. wenn es schreit, werden die Erinnerung an eigenes Schreien und damit an eigene Schmerzerlebnisse wecken. Und so sondert sich der Komplex des Nebenmenschen in 2 Bestandteile, von denen der eine durch konstantes Gefüge imponiert, als Ding beisammen bleibt, während der andere durch Erinnerungsarbeit verstanden, d. h. auf eine Nachricht vom eigenen Körper zurückgeführt werden kann.“2

Eine Kette aus drei Gliedern: Wahrnehmungen des schreienden Objekts – Erinnerung an eigenes Schreien – Erinnerung an eigene Schmerzerlebnisse. Das erste Element gehört offenbar zum konstanten Gefüge, das als Ding beisammenbleibt, die anderen beiden Elemente sind Komponenten der Erinnerungsarbeit. Wirkung der Erinnerungsarbeit ist das Verstehen. Das Verstehen besteht darin, eine Wahrnehmung auf eine Nachricht vom eigenen Körper zurückzuführen („Verstehe, das da ist etwas, was mir bereits einmal Schmerzen verursacht hat“).

Später heißt es im Entwurf:

„Zu Beginn der Urteilsleistung, wenn die Wahrnehmungen wegen ihrer möglichen Beziehung zum Wunschobjekt interessieren und ihre Komplexe (wie bereits geschildert) in einen unassimilierbaren Teil (das Ding) und einen dem Ich aus eigener Erfahrung bekannten (Eigenschaft, Tätigkeit) zerlegen, was man Verstehen heißt, ergeben sich für die Sprachäußerung zwei Verknüpfungen. Erstens finden sich Objekte – Wahrnehmungen die einen schreien machen, weil sie Schmerz erregen, und es stellt sich als ungeheuer bedeutsam heraus, daß diese Assoziation eines Klanges (der auch eigene Bewegungsbilder anregt) mit einer sonst zusammengesetzten Wahrnehmung dies Objekt als feindliches hervorhebt und dazu dient, die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung zu lenken. Wo man sonst vor Schmerz keine guten Qualitätszeichen des Objektes erhielt, dient die eigene Schreinachricht zur Charakteristik des Objektes. Es ist also diese Assoziation ein Mittel, die Unlust erregenden Erinnerungen bewußt und zum Gegenstand der Aufmerksamkeit zu machen, die erste Klasse bewußter Erinnerungen ist geschaffen. Es braucht nun nicht viel, um die Sprache zu erfinden.“3

Thema ist das Urteil. Im Urteil werden Wahrnehmungen auf Wunschobjekte bezogen, das Wahrgenommene wird also im Hinblick auf seine Wünschbarkeit beurteilt.

Die Wahrnehmungen bilden Komplexe; beim Urteilen werden diese Komplexe zerlegt in einen unassimilierbaren Teil, das „Ding“, und einen assimilierbaren Teil, d.h. in einen Teil, der dem Ich aus eigener Erfahrung bekannt ist. Die Verbindung des Wahrgenommenen mit dem aus eigener Erfahrung Bekannten nennt Freud „Verstehen“.

Diese Konzeption, die aus dem vorangehenden Zitat bereits bekannt ist, wird nun auf Sprachäußerungen bezogen.

Unter den wahrgenommene Objekten gibt es solche, die Schmerz erregen. Der Schmerz bringt einen zum Schreien. Die Sprachäußerung ist hier also ein vom Ich ausgestoßener Schrei. Dieser Schrei wird von Freud auch als „Schreinachricht“ bezeichnet; ich nehme an, das gemeint ist: der Schrei ist die Nachricht über einen Schmerz und, dahinter, über etwas diesen Schmerz hervorrufendes Wahrgenommenes.

Durch den Schrei entsteht die Assoziation einer Objektwahrnehmung mit einem Klang, mit dem eigenen Schrei. Der Schrei verbindet sich also nicht nur mit dem Schmerz des Ichs, sondern auch mit dem wahrgenommenen Objekt.

Die Schmerz-Objekt-Assoziation hat zwei Effekte. Zum einen verändert sie den Objektbezug: das zusammengesetzte Objekt wird vereinheitlicht, indem es nun als feindlich charakterisiert wird.  

Zum anderen verwandelt die Assoziation das Ich. Durch den Schmerzensschrei wird die Unlust erregende Erinnerung bewusst und zu einem Gegenstand der Aufmerksamkeit, auf diese Weise entsteht eine bewusste Erinnerung.

Die Erfindung der Sprache knüpft hieran an, baut hierauf auf.

Lacan im Seminar „Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse“

In Seminar 12 von 1964/65, Schlüsselprobleme für die Psychoanalyse, kommentiert Lacan Munchs Bild Der Schrei:

„An dieser Stelle hoffe ich, dass der Gegenstand, den ich eben in Ihren Reihen habe zirkulieren lassen, nämlich die Reproduktion des berühmten Gemäldes von Edvard Munch mit dem Titel Der Schrei, dass dies etwas ist, eine Abbildung, die mir günstig zu sein schien, um für Sie einen wichtigen Punkt zu artikulieren, bei dem viele Verschiebungen möglich sind, mit dem viel Missbrauch getrieben wird, und der sich ‚Schweigen‘ nennt.

Das Schweigen – es ist verblüffend, dass ich, um es für Sie zu illustrieren, nichts Besseres gefunden habe, wie ich meine, als dieses Bild, dass Sie alle, denke ich, jetzt gesehen haben, und das Der Schrei heißt.

In dieser außergewöhnlich öden Landschaft, mit konzentrischen Linien gezeichnet, die im Hintergrund eine Art Zweiteilung skizzieren, zwischen einer Form der Landschaft – in ihrem Widerschein gibt es hier in der Mitte einen See, der auch ein Loch bildet – und, am Rand, einer Straße, die wegführt, gerade, diagonal, quer, gewissermaßen das Feld des Gemäldes versperrend. Im Hintergrund zwei Spaziergänger, dünne Schatten, die sich entfernen, in einer Art Bild der Gleichgültigkeit; im Vordergrund dieses Wesen, von dem Sie in der Reproduktion, also der des Gemäldes, haben sehen können, dass das Aussehen seltsam ist, dass man nicht einmal sagen kann, dass es einem bestimmten Geschlecht angehört. In einigen der Nachbildungen, die Edvard Munch davon angefertigt hat, ist es vielleicht stärker in der Richtung akzentuiert, dass es ein junges Wesen und ein kleines Mädchen ist; wir haben jedoch keinen besonderen Grund, das stärker zu berücksichtigen. Dieses Wesen hier im Gemälde, von eher älterem Aussehen, im Übrigen eine so stark reduzierte menschliche Form, dass sie nicht umhin kann, uns die Formen der ganz summarischen, ganz roh behandelten Bilder der phallischen Kindheit in Erinnerung zu rufen, dieses Wesen verschließt sich die Ohren und öffnet weit den Mund – es schreit.

Was ist dieser Schrei? Wer ihn hören würde, diesen Schrei, den wir nicht hören, außer eben, dass er das Reich des Schweigens aufzwingt, eines Schweigens, das in diesem Raum, der zugleich zentriert und offen ist, auf- und abzusteigen scheint. Es scheint hier, dass dieses Schweigen gewissermaßen das Korrelat ist, durch das dieser Schrei sich in seiner Präsenz von jeder anderen vorstellbaren Modulation unterscheidet, wobei jedoch spürbar ist, dass das Schweigen nicht den Hintergrund des Schreis bildet, es gibt hier keine Gestalt*-Beziehung, der Schrei scheint das Schweigen buchstäblich hervorzurufen, und wenn er aufhört, ist spürbar, dass er das Schweigen verursacht; er lässt es auftauchen, er ermöglicht es dem Schweigen, den Ton zu halten. Es ist der Schrei, der das Schweigen stützt, und nicht das Schweigen den Schrei. Der Schrei sorgt gewissermaßen dafür, dass das Schweigen sich in eben der Sackgasse verfängt, aus der er herausschießt, damit das Schweigen aus ihr entkommt.

Wenn wir das Bild von Munch sehen, ist das jedoch bereits geschehen: Der Schrei wird vom Raum des Schweigens durchquert, ohne dass der Schrei ihn bewohnt; sie sind nicht verbunden, weder dadurch, dass sie zusammen auftreten, noch dadurch, dass sie aufeinanderfolgen, der Schrei bildet den Abgrund, in den das Schweigen sich stürzt. Dieses Bild, in dem die Stimme sich von jeder modulierenden Stimme unterscheidet –, denn im Schrei ist das, was ihn selbst von den reduziertesten Formen der Sprache unterscheidet, die Einfachheit, die Reduktion des daran beteiligten Apparats; hier ist die Larynx nur noch Syrinx, es fehlt die Implosion, die Explosion, der Einschnitt.

Dieser Schrei hier gibt uns vielleicht die Zusicherung von etwas, wo das Subjekt nur noch als Signifikat erscheint – aber worin?

Genau in dieser offenen Kluft, die sich hier – anonym, kosmisch, in einer Ecke durch zwei abwesende menschliche Anwesenheiten gleichwohl markiert –, die sich hier auszeichnet, sich bekundet als die Struktur des anderen.

Und dies umso bestimmter, als der Maler sie als geteilt ausgewählt hat, in Form einer Spiegelung, womit er uns eben eine grundlegende Form anzeigt, diejenige, die wir in der Gegenüberstellung, in der Zusammenfügung, in der Vernähung von allem finden, was sich in der Welt als organisiert behauptet.

Deshalb, wenn es in der Analyse um das Schweigen geht, wo das Wort umläuft, von dem man einen nur annähernden Gebrauch macht – Silence and verbalization, ausgezeichneter Artikel, geschrieben vom Sohn von Wilhelm Fließ, dem Gefährten von Freuds Selbstanalyse, also von Robert Fliess.4 Sicherlich benennt Robert Fliess in dem, was er uns erklärt, auf korrekte Weise das, worum es beim Schweigen geht: Dieses Schweigen ist eben der Ort, an dem das Gewebe erscheint, auf dem sich die Botschaft entrollt, und da, wo das Nichts von Gedrucktem5 erscheinen lässt, worum es bei diesem Sprechen geht. Und das, worum es dabei geht, ist auf dieser Ebene genau seine Äquivalenz mit einer bestimmten Funktion des Objekts a.“6

Munchs Bild gibt es in vier Gemälde-Versionen und einmal als Lithografie; man kann vermuten, dass Lacan sich auf das Gemälde von 1893 bezieht, das als die Hauptversion gilt.

Lacan stellt einen Zusammenhang zwischen dem Schrei und dem Schweigen her, seine These lautet: Das Schweigen bildet nicht den Hintergrund, aus dem der Schrei hervorgeht, vielmehr erzeugt der Schrei überhaupt erst das Schweigen.

Lacan grenzt den Schrei vom Signifikanten ab: Der Schrei ist keine Sprache, es fehlt der Einschnitt (coupure).

In diesem Schrei erscheint das Subjekt als Signifikat. Offenbar entspricht das Subjekt-als-Signifikat dem Schweigen.

In Munchs Gemälde erscheint das Subjekt-als-Signifikat in einer Kluft. Diese Kluft wird anonym, kosmisch dargestellt, als Kluft zwischen dem Schrei und der ruhigen Landschaft. Die Kluft wird zugleich durch den Kontrast zwischen dem Schrei und den beiden gleichgültigen Gestalten markiert. Sie spiegeln sich ineinander und verweisen damit auf das imaginäre Ich. Die Spiegelung bildet die Grundlage für die Konstituierung einer organisierten Welt, vielleicht darf man sie mit dem parallelisieren, was Freud im Entwurf als „Verstehen“ bezeichnet, Zurückführen auf eine Nachricht vom eigenen Körper.

Die Darstellung der geschlechtslosen schreienden Figur erinnert Lacan an Kinderzeichnungen des Phallus, wie man sie beispielsweise überall als Mauerinschriften findet. Der Phallus, so will er offenbar andeuten, steht in einer Beziehung zum Schrei (insofern er das Genießen symbolisiert, dass durch die Einwirkung der Sprache verlorengegangen ist.).

Was die psychoanalytische Dimension des Schweigens angeht, verweist Lacan zustimmend auf einen Artikel von Robert Fliess, Silence and verbalization, worin dieser drei Formen des Schweigens des Patienten unterscheidet: urethrales, anales und orales Schweigen.

Ein entscheidender Satz dieser Passage ist (zumindest mir) unverständlich: Das Schweigen ist der Ort, an dem das Gewebe erscheint, auf dem sich die Botschaft entrollt, wo das Nichts von Gedrucktem erscheint, um das es in diesem Sprechen geht.

Lacan im Seminar „Von einem Anderen zum anderen“

In Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen, kommt Lacan auf Munchs Bild zurück; diesmal spricht er über die Litographie-Version.

Edvard Munch, Der Schrei, 1895, Lithografie

„Habe ich denn nicht auch bereits bei anderer Gelegenheit vorgebracht, was es mit dem Schrei der Wahrheit auf sich hat? ‚Ich, die Wahrheit‘, habe ich geschrieben, ‚ich spreche‘, und ich bin reine Artikulation, vorgebracht zu Ihrer Verlegenheit. Das ist hier das, was die Wahrheit sagen kann, um uns zu erschüttern.

Aber was derjenige, der Leiden ist, von daher sagt, dass er diese Wahrheit ist, er muss wissen, dass ihr Schrei nur stummer Schrei ist, Schrei in der Leere, Schrei, den ich bereits vor einiger Zeit mit der berühmten Graphik von Munch illustriert habe. Denn auf dieser Ebene kann ihm beim anderen nichts anderes antworten als das, wodurch dessen Konsistenz bewirkt wird und was seinen naiven Glaube an das bewirkt, was das Subjekt als Ich (moi) ist, an das, was dessen wahrhafte Stütze ist, das heißt seine Fabrikation als Objekt a.“7

Lacan bezieht sich in der zitierten Passage zunächst auf seinen Aufsatz Die Freud’sche Sache (1956). Die Wahrheit steigt hier aus einem Brunnen und sagt: „Ich, die Wahrheit, ich spreche.“8 Vor diesem Hintergrund wird der Schrei als der „Schrei der Wahrheit“ bezeichnet; der Schrei der Wahrheit ist ein Sprechen, nämlich reine Artikulation. Dieses Sprechen, diese reine Artikulation versetzt uns in Verlegenheit und erschüttert uns. Ist diese Verlegenheit, diese Erschütterung das aus dem Schrei hervorgehende Schweigen?

Derjenige, der Leiden ist, spricht von dieser Wahrheit aus; die Wahrheit ist hier nichts anderes als eben dies, dass das Subjekt Leiden ist. Diese Verbindung von Leiden und Schrei lässt an den Entwurf denken.

Deshalb ist der Schrei des Leidenden nur stummer Schrei, Schrei in der Leere – als stummer Schrei muss er nicht geäußert werden. Lacan stellt hier eine andere Verbindung zwischen dem Schrei und dem Schweigen her als in Seminar 12, dort wurde das Schweigen vom Schrei hervorgerufen, jetzt wird der Schrei im Schweigen ausgestoßen.

Lacan erinnert daran, dass er sich in einem früheren Seminar auf Munchs Schrei bezogen hatte, anders als dort bezieht er sich jetzt ausdrücklich auf die Graphik-Version.

Warum geht der Schrei ins Leere (warum ruft er das Schweigen hervor)? Weil ihm beim anderen nichts antworten kann als das, was dessen Konsistenz bewirkt, also die imaginäre Dimension des anderen (die beiden sich ineinander spiegelnden Gestalten im Hintergrund). Diese Konsistenz bewirkt den naiven Glauben (des Leidenden? des anderen?) an das Subjekt als Ich (moi) und an das, was die Stütze des Subjekts ist, nämlich das Objekt a.

In einer späteren Sitzung dieses Seminars heißt es:

„Ich werde hier nicht wiederaufgreifen, denn auch dafür habe ich nicht die Zeit, welchen Akzent ich auf dieses ‚das Ding‘ gesetzt habe. Alles, was ich sagen kann oder woran ich erinnern kann, ist dies, dass Freud es durch die Funktion des Nebenmenschen* einführt. Das ist der Mensch, der einem am nächsten ist. Und dieser Mensch, der von daher mehrdeutig ist, dass er nicht verortet werden kann, was ist also dieser Nächste, der in den Evangelien widerhallt, im Zusammenhang mit der Formel ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘?

Wo ihn fassen? Wo gibt es außerhalb dieses Zentrums meiner selbst, das ich nicht lieben kann, etwas, das mir näher ist? Das ist auch das, was Freud – in dem Moment, in dem er auf den Wegen der Deduktion gewissermaßen durch ihre Notwendigkeit gezwungen ist – nicht auf andere Weise charakterisieren kann als durch etwas absolut Primäres, das er den ‚Schrei‘ nennt.

In dieser ausgestoßenen Äußerlichkeit wird etwas identifiziert, wodurch das, was mir das Innerste ist, genau das ist, was ich gezwungen bin, nur außen erkennen zu können.

Eben deshalb muss dieser Schrei nicht geäußert werden, um ein Schrei zu sein.

Ich habe an dieser großartigen Graphik gezeigt, die Der Schrei heißt, von Munch, dass zu seinem Ausdruckswert nichts passt besser passt als die Tatsache, dass er in dieser ruhigen Landschaft verortet ist, mit, in der Nähe, zwei Personen auf der Straße, die sich entfernen und sich nicht einmal umdrehen. Aus dem verzerrten Mund des weiblichen Wesens (être) im Vordergrund der Schrei, durch den es dargestellt wird, der seinem Wesen (essence) nach so ist, dass daraus nichts anderes hervorgeht als das absolute Schweigen.

Aus dem Schweigen, auf das dieser Schrei sich richtet, taucht die Gegenwart des Wesens (être) auf, das am nächsten ist, des Wesens, das erwartet wird, umso mehr, als es immer schon da ist: der Nächste, der keinerlei Erscheinung* hat, außer in den Akten der Heiligen.

Ist dieser Nächste das, was ich den Anderen genannt habe, der mir dazu dient, die Gegenwart der Signifikantenartikulation im Unbewussten funktionieren zu lassen? Gewiss nicht. Der Nächste ist das unerträgliche Bevorstehen des Genießens. Der Andere ist nur der eingeebnete gereinigte Boden (le terre-plain nettoyé). Ich kann diese Dinge jedoch auf dieser Weise schnell sagen, seit ich für Sie die Definition dieses Anderen artikuliere. Das ist genau dies: das ist ein Gelände, das von Genießen gereinigt ist.“9

Mit der Rede vom „Ding“ und vom „Nebenmenschen“ bezieht Lacan sich unmittelbar auf Freuds Entwurf und auf seinen Kommentar hierzu in Seminar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psychoanalyse.

Den „Nebenmenschen“ setzt er mit dem „Nächsten“ des biblischen Gebots der Nächstenliebe gleich. Wo ist dieser Nebenmensch, wo ist dieser Nächste zu fassen? Außerhalb des Zentrums meiner selbst, das ich nicht lieben kann. Mit dieser Formulierung wird die biblische Forderung zurückgewiesen, dass ich den Nächsten lieben soll „wie mich selbst“. In mir gibt es etwas, das ich nicht lieben kann, das ich narzisstisch nicht integrieren kann, und der Nebenmensch, der Nächste steht dazu in einer Beziehung.

Freud charakterisiert die Beziehung zum Nebenmenschen durch den Schrei, also durch eine ausgestoßene Äußerlichkeit.

Im Äußeren des Schreis wird etwas identifiziert, nämlich genau das, was mir das Innerste ist, mein Zentrum, das ich nicht lieben kann. Dieses Innerste kann ich nur außen erkennen, eben im Schrei als etwas Äußerem.

An Munchs Graphik hebt Lacan hervor, dass der Schrei durch die ruhige Landschaft akzentuiert wird sowie durch die beiden Personen, die sich entfernen, ohne sich umzudrehen.

Er nimmt dann die These aus Seminar 12 wieder auf: Aus dem Schrei geht das absolute Schweigen hervor.

Und er setzt diesen Gedanken jetzt fort: Aus dem Schweigen wiederum taucht der Nächste auf. Die Beziehungskette ist also:  das innere Zentrum, das ich nicht lieben kann → der Schrei → das Schweigen → der Nächste.

Der Nächste ist nicht der Andere, nicht der Ort der Signifikantenartikulation des Unbewussten; der Andere ist ein Gelände, das von Genießen gereinigt ist.

Der Nächste hingegen ist das unerträgliche Bevorstehen des Genießens. Er erscheint nur in den Akten der Heiligen.

Vier Jahre später wird Lacan über den Analytiker sagen, er sei ein Heiliger, insofern nämlich, als er für denjenigen, der in Analyse geht, einen Abfall darstellt, einen Auswurf, den Ausschluss der jouissance. Dies, um es dem Patienten zu ermöglichen, ihn als Ursache des Begehrens zu nehmen, als Objekt a.10

Verwandte Beiträge

  • Seminar 18, „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“, Sitzung vom 9. Juni 1971, Übersezung (kurzer Hinweis auf den Schrei zu Beginn der Sitzung)

Anmerkungen

  1. J.L.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien u.a. 2015, S. 325–368 hier: S. 358; Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 819.
  2. S. Freud: Entwurf einer Psychologie (1895). In: Ders.: Aus den Anfängen der Psychoanalyse 1887–1902. Briefe an Wilhelm Fließ. S. Fischer, Frankfurt am Main 1962, S. 299–384, hier: S. 337 f.
  3. A.a.O., S. 365.
  4. Robert Fliess: Silence and verbalization: a supplement of the theory of the analytic rule“. In: International journal of psycho-analysis, 30. Jg. (1949), S. 21–30, im Internet hier.
  5. Das „Nichts von Gedrucktem“ (le rien d’imprimé) ergibt für mich keinen Sinn, vielleicht ein Transkriptionsfehler.
  6. Seminar 12, Sitzung vom 17. März 1965, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  7. Seminar 16, Sitzung vom 13. November 1968, meine Übersetzung nach Version Staferla, vgl. Version Miller S. 24.
  8. Vgl. J.L.: Die Freud’sche Sache. In: Ders.: Schriften. Band I. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant 2015, S. 472–513, hier: S. 481 ff.
  9. Seminar 16, Sitzung vom 12. März 1969, meine Übersetzung nach Version Staferla, vgl. Version Miller, S. 225.
  10. Vgl. J. Lacan: Television (1973). In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 55–95, zum Heiligen: S. 70–72.

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