Mein Schnitt oder Die Geschichte vom Daumenlutsch/er

Struwwelpeter 1845Reimerich Kinderlieb (= Heinrich Hoffmann): Lustige Geschichten und drollige Bilder. .
Literarischer Verein, Frankfurt am Main 1845 (1. Fassung des Struwwelpeters), von hier

Seit einigen Wochen fällt mir auf, dass ich mit geballten Fäusten aufwache: die beiden Daumen zwischen den Fingern gut versteckt. Wenn ich dann richtig wach bin, ist die Geste verschwunden. Wie lange ist das schon so? Ich weiß es nicht, darauf habe ich nie geachtet. Etwa seit meiner Kindheit?

Dazu stellt sich hartnäckig dieselbe Assoziation ein: Der Daumenlutscher. Und immer dieselbe Frage: Warum beide?

Zu den ersten Büchern, die ich gelesen habe, mit fünf oder sechs, gehörte der Struwwelpeter. Irgendwann, so nehme ich an, muss sich in mir diese Vorstellung festgesetzt haben: Wenn der Konrad die Daumen zwischen die Finger geklemmt hätte, wär ihm das nicht passiert. Im Schlaf – oder beim Aufwachen? – wird diese Phantasie offenbar abgerufen und körperlich in Szene gesetzt. Fällt es mir deshalb so schwer, auf andere Weise zu gehen als mit den Händen in den Hosentaschen? Ist das Merkmal „Hände-in-den-Hosentaschen“, das kulturell als „männlich“ kodiert ist, ein Schutz davor, dass die Daumen abgeschnitten werden könnten?

Ich war nie ein Daumenlutscher. Andere Kinder litten an dieser Krankheit, und es wurden Geschichten darüber erzählt, was man mit ihnen anstellte (Daumen mit Senf einstreichen, Hände ans Bett fesseln). Auch als Baby habe ich nie am Daumen gelutscht, sagte meine Mutter. Deutlich erinnere ich mich daran, dass ich stolz darauf war. Wer ist schon so dumm, am Daumen zu lutschen!

Also vielleicht die klassische Kastrationsphantasie: die von der Bilderbuchmutter ausgesprochene metaphorische Kastrationsdrohung, das Phantasma von den zu Fäusten geballten Händen als Kastrationsabwehr, die Realisierung des Phantasmas in einem flüchtigen Konversionssymptom.

Was fällt mir auf, wenn ich die Sache mit Lacan betrachte?

Ich schaue mir im Internet die Geschichte vom Daumenlutscher an. Konrad werden beide Daumen abgeschnitten, das hatte ich vergessen. Beschäftigte mich als Kind die Frage, warum ihm beide genommen wurden, wo er doch, wie man gut sehen konnte, nur an einem gelutscht hatte? „Warum beide“, das meint aber auch „Warum zwei?“. Ich bin ein Zwilling; warum wurde ich zusammen mit einer Schwester geboren?

Ich lese die erste Strophe der Geschichte vom Daumenlutscher.

Konrad! sprach die Frau Mama,
Ich geh’ aus und du bleibst da.
Sei hübsch ordentlich und fromm,
Bis nach Haus ich wieder komm’.
Und vor allem Konrad, hör’!
Lutsche nicht am Daumen mehr;
Denn der Schneider mit der Scheer
Kommt sonst ganz geschwind daher,
Und die Daumen schneidet er
Ab, als ob Papier es wär’.“1

Als ich klein war, gab es tatsächlich einen Schneider, der ins Haus kam: einen Maßschneider, der meinem Vater die Anzüge anprobierte. Mit Nachnamen hieß er Schneider, weshalb jedesmal, wenn er bei uns klingelte, mein kleiner Bruder rief: „Der Schneider Schneider kommt!“, Spiel von Eigennamen und Gattungsnamen.

„Als ob Papier es wär’“ – schneide ich mich deshalb so oft mit Papier? So wie vorgestern, ausgerechnet in der Psychoanalytischen Bibliothek, beim Einsortieren der Lacan-Vorlesungen; das Blut kleckste auf die Rückenschilder der Sammelordner so wie im Bild unten das Blut von Konrad auf den Fußboden. Während ich diesen Satz tippe, fällt mein Blick auf meinen linken Daumen, den eine große, schräg verlaufende Narbe ziert. Da habe ich mich als Kind geschnitten, als ich ein Messer schärfen wollte. Das Messer rutschte ab, es „ging bis auf den Knochen“, wie meine Mutter immer sagte, was sich jedes Mal schön gruslig anhörte. Das war zur selben Zeit, als ich die Struwwelpeter-Geschichten zum ersten Mal las und als der Schneider Schneider uns heimsuchte.

Mir fallen zwei sprachliche Eigenarten der Strophe auf. Zuerst das Enjambement von „schneidet er“ zu „ab“.  Schneidet er – winzige Pause – ab. Das ist gekonnt, man hört die Daumen auf den Boden plumpsen. In Lacans Begrifflichkeit ist der Zeilensprung ein Schnitt. Der imaginäre Schnitt – die phantasierte Verstümmelung – wird von Hoffmann mit einem symbolischen Schnitt verbunden: mit der Akzentuierung des Intervalls zwischen den Signifikanten, mit einer Skandierung. Der Schnitt, sagt Lacan, ist die Einschreibung des Realen in das Symbolische.

Und dann das Reimschema: aa-bb-cccccc. Sechs Mal hintereinander derselbe Reim, das hat man selten: hör – mehr – Scheer – her – er – wär. Also der Signifikant „er“, einmal sogar in Reinform. Manifest richtet die Drohung sich gegen den Daumen, latent gegen das „er“, gegen das Pronomen für das männliche Geschlecht. Schöner Doppelsinn.

„Er“, das ist der Signifikant, und wo ist der Buchstabe?

Der Buchstabe ist R. Und R ist der Anfangsbuchstabe von „Rolf“. Der Buchstabe fungiert als Eigenname. Beispielsweise das R in der Titelzeile von „Lacan entziffeHorusaugeRn“.

Als ich vor fünf Jahren anfing, diesen Blog zu schreiben, entschied ich mich, das R als Horusauge darzustellen, und so ist es geblieben.

Dabei dachte ich an Lacans Sentenz „Liebe dein Symptom wie dich selbst“. Ich habe eine Reihe von Augen-Symptomen:
– Ich schiele (trotz zwei Schieloperationen – aha, „warum beide?“).
– Ich kann nicht mit beiden Augen zugleich sehen, ich sehe alternierend mit dem rechten oder mit dem linken Auge (was bei Schielen häufig vorkommt).
– Ich muss mich anstrengen, um meinem Gegenüber in die Augen zu schauen; früher konnte ich’s gar nicht, da liefen mir bei solchen Versuchen die Tränen aus den Augen. (Stattdessen schaue ich spontan auf die Mundwinkel, die mir die Stimmung anzeigen.)
– Deswegen sehe ich auch nie, wenn jemand schielt.
– Ich habe eine Gesichtserkennungs-Störung, Prosopagnosie geheißen. (Kürzlich, als ich, an einem Blogartikel schreibend, im Café saß, kam lächelnd eine mir unbekannte junge Frau auf mich zu. Was will sie?, fragte ich mich. Dann sagte sie „Hallo, Rolf“, und mir wurde klar: Es ist Franziska, meine Tochter. Sie hatte sich eine neue Frisur zugelegt, und in solchen Fällen habe ich keine Chance.)
– Wenn die Butter im Kühlschrank 10 cm neben der üblichen Stelle liegt, sehe ich sie nicht und entwickle Phantasien darüber, wer sie entwendet haben könnte – Privation lässt grüßen; es ist wohl kein Zufall, dass mir als Beispiel für dieses Symptom die Butter einfällt, die sich ja als erstes auf „Mutter“ reimt.

Darum habe ich das Horusauge in den Titel dieser Website aufgenommen. Als Seth und Horus um den Thron von Osiris kämpften, riss Seth dem Horus das linke Auge aus; Thot, Schutzpatron der Wissenschaften und der Schreibkunst, heilte das Auge. Die Hieroglyphe des Horusauges (Udjat) funktioniert zugleich imaginär und symbolisch. Als Bild ist das Horusauge das geheilte Auge, es dient als Amulett gegen den bösen Blick. Das Horusauge ist aber auch ein Schriftzeichen; im System der ägyptischen Hieroglyphen werden die Stammbrüche der Zweierpotenzen (1/2, 1/4, 1/8 usw.) mit Bestandteilen des Horusauges geschrieben: der linke Teil der Iris repräsentiert 1/2, die Pupille 1/4, die Augenbraue 1/8 usw. Das Horusauge – das war damals die Idee bei der Gestaltung des Titels – verbindet meine kleinen Augensymptome mit der Opposition imaginär/symbolisch, mit dem Bruch, den der Signifikant hervorruft, mit dem Blick als Objekt a und mit meinem Namen.

Und außerdem mit dem Schnitt, wie mir jetzt klar wird.
Imaginärer Schnitt: der Schneider mit der Scheer.
Realer Schnitt: bis auf den Knochen.
Symbolischer Schnitt: schneidet R / ab.

NACHTRÄGE VOM 19. JUNI 2016:

Meine ältere Schwester H. hat den Artikel gelesen und schreibt mir, sie sei eine leidenschaftliche Daumenlutscherin gewesen und ihr rechter Daumen sei deshalb breiter und flacher als der andere, gewissermaßen plattgelutscht. Unsere Mutter, selbst eine ehemalige Daumenlutscherin, habe ihr tröstend gesagt: „Mit der Hochzeit hört das Daumenlutschen auf.“

*

In der Übersetzung von Lacans Vorlesung vom 20. Januar 1971, die ich etwa zwei Wochen nach diesem Daumenlutscher-Text in diesem Blog veröffentlicht habe, stoße ich auf einen Tippfehler. Dort heißt es (ich habe die Stelle durch Fettschreibung markiert):

„Sie wissen vielleicht, dass der Transsexualismus genau aus dem sehr energischen Begehren besteht, mit allen Mitteln zum anderen Geschlecht überzuwechseln, und sei es, wenn man auf der männlichen Seite ist, dass man sich opererieren lässt.“

Das zweite „er“ (ich habe es in der Übersetzung inzwischen entfernt) hatte sich genau an der Stelle eingeschmuggelt, wo es um die Entfernung des Penis geht. Eine Fehlleistung auf der Ebene des Schreibens, und eine Art Beweis für meine Deutung der Daumenlutschergeschichte – durch Lieferung von bestätigendem Material, auf dem Wege der énonciation, des nicht beherrschbaren Äußerungsvorgangs. Die Silbe „er“ – nicht als Personalpronomen, sondern an unauffälliger Stelle – ist in meinem Unbewussten offenbar der Signifikant für den Penis, insofern er fehlt, also der Phallus-Signifikant. Mein Vater betonte immer, meine ältere Schwester H. sei „die Älteste“, ich aber sei „der Älteste“. „Die“ versus „der“ – lässt man den gemeinsamen Anfangslaut „d“ weg, ergibt sich „ie“ versus „er“. Der Doppelphallus hat die Funktion der Kastrationsabwehr, das ist ein klassisches Theorem der Psychoanalyse (ich habe vergessen, von wem); „erer“, das ist ein Doppelphallus.

*

Einer der Gründe, warum ich in diesem Blog mit Leichtigkeit Artikel auf Artikel veröffentliche (während ich mit der Veröffentlichung in Printmedien Mühe habe) besteht darin, dass ich die Blogbeiträge auch nach der Veröffentlichung inhaltlich korrigieren kann. So habe ich es mir bislang zurechtgelegt. Vielleicht ist es aber komplizierter. Möglicherweise geht es nicht nur um theoretische Irrtümer, die ich ausbessern kann, sondern auch um – Tippfehler. Wenn ich schreibe (ich schreibe 10 Finger blind), vertippe ich mich beständig. Das Blog-Schreiben ermöglicht es mir, die Tippfehler zu veröffentlichen und sie anschließend wieder zu löschen, zumindest einige von ihnen. Das Blog-Schreiben ermöglicht meinem Unbewussten also das Pulsieren. Das erklärt mir auch, warum ich das Korrekturlesen meiner eigenen Artikel als Schwerarbeit empfinde: weil ich dabei gegen den Auftrieb des Unbewussten anarbeiten muss.

NACHTRAG vom 31. Juli 2016

Gerade bin ich in einem meiner Blogartikel auf diesen schönen Schreibfehler gestoßen: „Drei Abhandungen zur Sexualtheorie“. Dazu fällt mir hartnäckig diese Zeile ein: „Schwanz ab, Hand ab, Rübe ab“. Ich weiß nicht, woher ich das habe, aber im Internet finde ich die Quelle: den Text des Liedes Lösungslotterie von Konstantin Wecker aus dem Jahr 1979, mit der Zeile „Schwanz ab, Hand ab, Kopf ab, Rübe ab“. Das kann nicht sein, denke ich, ein Lied von Konstantin Wecker habe ich nie gehört. Also lasse ich es mir von ihm auf YouTube vorsingen und erkenne das Lied nach wenigen Noten sofort wieder. Vor allem wegen des Georg-Kreisler-Sounds. (Die letzte Bemerkung wollte ich streichen, aber sie bedrängt mich, offenbar will sie geschrieben und veröffentlicht werden – hinter der nichtssagenden Wortfolge „Georg-Kreisler-Sound“ scheint noch mehr zu stecken).

NACHTRAG vom 18. August 2016

Beim Wiederlesen des Nachtrags vom 31. Juli weiß ich sofort, was sich hinter der Signifikantenkette „Georg-Kreisler-Sound“ verbirgt: das Wort „Kreissäge“. Vor etwa 20 Jahren hatte ich einen Nachbarn, dem an einer Hand einige Finger fehlten. Er war damit, wie er (mit wunderbarem niederdeutschen Akzent) sagte, „in die Kreissäge gekommen“.  Da er seinen Beruf als Landwirt nicht mehr ausüben konnte, hatte er auf CAD umgesattelt, Computer Aided Design, wie er mir erklärte, die moderne Form des technischen Zeichnens. (Während der Schulzeit habe ich mir Geld als technischer Zeichner verdient. Der Nachbar, das bin auch ich.)

Der „Sound“ in „Georg-Kreisler-Sound“ wäre also das Kreischen der Kreissäge? Die Stimme als Objekt a?

Und sofort die nächste Erinnerung, ein sehr peinlicher Moment. Es ist mehr als dreißig Jahren her, an einer Uni in Schweden. Mir wird ein Wissenschaftler vorgestellt und ich reiche ihm die Hand.  Er greift zu und ich springe entsetzt zurück: ich hatte gespürt, dass ihm Finger fehlen. Vor Scham wäre ich am liebsten im Boden versunken. (Der schwedische Kollege war ein origineller Althusserianer, was ich gern gewesen wäre.)

Diese Schreckreaktion erinnert mich an meine Falterphobie. Wenn ein Falter auf mich zusteuert – ob Nachtfalter oder Schmetterling, spielt keine Rolle –, lasse ich vor Schreck alles fallen und ducke mich weg. Diese Reaktion kann ich nicht kontrollieren. Bienen oder Wespen kann ich an mich heranlassen, sie dürfen mich sogar berühren, bei Faltern ist das ausgeschlossen. Die (drohende) Berührung mit dem Falter löst dieselbe Reaktion aus wie die (realisierte) Berührung mit Fingerstumpf. Offenbar gibt es in meinem Unbewussten eine symbolische Gleichung (wie Freud sagen würde) zwischen einem Falter und einem abgeschnittenen Finger. Als wäre der Körper des Falters ein abgeschnittener Daumen. Woher kenne ich das: ein Daumen, der sich unabhängig von mir frei im Raum bewegt? Aus den Märchen vom Däumling und von Daumesdick. Womit ich wieder bei meiner Kindheitslektüre wäre.

Und das „Georg“ von „Georg-Kreisler-Sound“? Hartnäckig drängt sich mir „Schorsch“ auf, hessisch ausgesprochen: „Schosch“. Aber wer ist Schosch? Etwa Georg K., Professor in Marburg (in „Mabbursch“), dem gegenüber ich mich als Student, nicht zuletzt wegen seines hessischen Akzents, immer überlegen gefühlt hatte?

Und jetzt ein bizarrer Gedanke: Georg-Kreisler-Sound. Hat diese Wortfolge die Struktur des Phantasmas? Steht „Kreisler“ für den Schnitt und „Sound“ für das Objekt a? Ist „Schosch“dann das verschwindende Subjekt?

Struwwelpeter Manuskript 1858Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter oder lustige Geschichten und drollige Bilder.
Manuskript der zweiten Fassung von 1858, von hier

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Anmerkung

  1. Ich zitiere die erste Ausgabe von 1845 mit der dort verwendeten Orthografie; in der Ausgabe von 1858 ist der Text derselbe.

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