No matter!

Meine Kurzsitzung

Do shit that matters 2T-Shirt-Design von Georgia Hill bei Threadless

Vor einiger Zeit habe ich Herrn X. eine E-Mail geschickt, von der ich wusste, dass er sie nicht haben wollte. Er hatte mich gebeten, ihn aus einem Verteiler zu nehmen, ich hatte das getan und übersehen, dass ich eine zweite Liste führte. Als mir das auffiel, schrieb ich ihm eine Entschuldigung.

Darauf erhielt ich die folgende Antwort:

no matter!
Herzlich.

X. X.

Normalerweise hätte ich gedacht: „nett von ihm, falsches Englisch, Vermengung von no problem und doesn’t matter und den Brief vergessen. Aber nicht in diesem Fall. Herr X. war Psychoanalytiker, genau gesagt lacanianischer Psychoanalytiker. Ich begriff, dass seine Antwort ein Glücksfall war. Herr X. hatte meine Fehlhandlung gedeutet – und das umsonst.

Damit es funktionierte, musste ich eine Übertragung herstellen, ihn in die Position des sujet supposé savoir bringen, ihm unterstellen, dass er wusste, was er tat. Das machte mir keine Schwierigkeiten, Herr X. war mir nur oberflächlich bekannt.

Lacanianische Psychoanalytiker deuten mithilfe von Äquivokationen, von Mehrdeutigkeiten. Die Frage, die ich zu beantworten hatte, lautete: Welche Bedeutungen hatte Herr X. mit „no matter!“ ins Spiel gebracht?

Matter kommt vom lateinischen materia, und bereits für die klassische Psychoanalyse ist die Materie der Kot. „No matter!“ ist also psychoanalytisch für:

  • „Kein Scheiß!“

Wenn man nach „no“ eine Interpunktion vornimmt, erhält man „no, matter!“, die Kurzform von „no, it’s matter“ oder „no, it was matter“. Die nächste Bedeutung war demnach:

  • „Nein, das war kein fehlgeleiteter Brief, sondern Materie, Scheiße.“

Freud zufolge ist der Kot die erste Gabe. Damit konnte ich die Mail von Herrn X. weiter dechiffrieren. „No matter!“ bedeutete im Klartext:

  • „Verschonen Sie mich mit ihren Kot-Geschenken!“

Falsch war an „no matter!“ nur die Verwendung, der Ausdruck selbst war korrekt gebildet. No matter what heißt „gleich was“, „egal was“, „was auch immer“. He didn’t listen to me, no matter what I told him, Er hörte mir nicht zu, egal was ich ihm sagte. „Egal was“, das konnte nicht gemeint sein. Oder doch? War die eigentliche Bedeutung von „no matter!“ vielleicht diese Standardbedeutung? Hatte Herr X. den Sinn von „no matter!“ so beiseite geschafft, wie – in Poes Geschichte vom entwendeten Brief – der Minister den Brief der Königin versteckt hatte: in voller Sicht?

No matter, „was auch immer“, wenn ein Lacanianer das sagt, bezieht er sich auf die Metonymie des Begehrens. Egal was du forderst, es geht immer um etwas anderes, und in dieser Bewegung manifestiert sich dein Begehren.

Mit dieser Einsicht konnte ich „no matter!“ definitiv entschlüsseln. Der Satz bedeutete:

  • „Verschonen Sie mich mit ihren Kot-Geschenken und kümmern Sie sich um Ihr Begehren!“

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