Metapher und Metonymie

Jakobson über Freud und wie Lacan daran anschließt

Magritte René - La Durée (zu Jacques Lacan und Roman Jakobson über Metapher und Metonymie)
René Magritte, La Durée poignardée (Die erdolchte Dauer), 1938, Öl auf Leinwand, 147 x 99 cm
Art Institute of Chicago

In dem Aufsatz Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud entwickelt Lacan das Begriffspaar Metapher und Metonymie.1 Er stützt sich hierfür ausdrücklich auf Roman Jakobson, und das ist bekannt. In Sean Homers Lacan-Einführung liest sich das so:

“Lacan sah in Jakobsons strukturalem Modell von Metapher und Metonymie eine direkte Entsprechung zu Freuds Prozessen der Traumarbeit: Verdichtung und Verschiebung.“2

Das ist nicht falsch, aber irreführend. Der Satz legt nahe, dass Jakobson eine Beziehung zwischen Metapher und Metonymie und Freuds Begriffen der Verdichtung und der Verschiebung nicht selbst hergestellt hat und dass erst Lacan diesen Schritt gegangen ist. Das aber stimmt nicht. Jakobson bezieht sich in seinem Aufsatz über Metapher und Metonymie ausdrücklich auf Freuds Verdichtung und Verschiebung – und auf weitere Freudsche Kategorien.

Wie genau bezieht Jakobson sich auf Freud und was fängt Lacan damit an?

Ein Blick in die Sekundärliteratur

Dass Jakobson sein Begriffspaar von Metapher und Metonymie selbst bereits auf Freuds Begriffe der Verdichtung und der Verschiebung bezieht, scheint weitgehend unbekannt zu sein, zumindest habe ich kaum Hinweise darauf gefunden – nicht bei Weber3, nicht bei Muller & Richardson4, nicht bei Benvenuto & Kennedy5, nicht bei Pagel6, nicht bei Widmer7, nicht bei Borch-Jacobsen8, nicht bei Evans9, nicht bei Porge10, nicht bei Fink11, nicht bei Braun12, nicht bei Chemama & Vandermersch13.

In meiner Bibliothek bin ich auf zwei Arbeiten gestoßen, in denen dieser Zusammenhang erwähnt wird. Kai Hammermeister stellt die Beziehung so dar:

„In einem abschließenden Passus seines Aufsatzes zur Aphasie verbindet Jakobson nun diese beiden sprachkonstituierenden Achsen mit Mechanismen der Traumarbeit, die Freud in dem Kapitel ‚Verdichtung und Verschiebung‘ der Traumdeutung ausgearbeitet hatte. Freuds Verschiebung operiert entsprechend der metonymischen Sprachdynamik, die Verdichtung entsprechend der Synekdoche. Das Prinzip der Ähnlichkeit im Traum richtet sich für Jakobson an der Trope der Symbolisierung aus. Lacan wird diese Parallelisierungen mit einer geringen Korrektur übernehmen. (…) Und genau wie Jakobson verbindet er [Lacan] das Traumbearbeitungsprinzip der Verschiebung mit der Trope der Metonymie; die Verdichtung entspricht Lacan zufolge allerdings nicht der Synekdoche, mit der Jakobson sie parallelisiert hatte, sondern der Metapher.“14

Demnach stellt Jakobson folgende Verbindungen zu Freud her:
– Metonymie: Verschiebung
– Synekdoche: Verdichtung
– Ähnlichkeit (also Metapher): Symbolisierung (statt „Symbolisierung“ müsste es „Symbolik“ heißen)

Diese Darstellung ist unvollständig. Sie referiert drei von Jakobsons Freudbezügen, übergeht aber eine Verbindung, die Jakobson darüber hinaus zu Freud herstellt.

Das fehlende vierte Element findet man bei Malcolm Bowie, der die beste Darstellung dieses Zusammenhangs gibt:

„Jakobson selbst, von dem die Begriffe ‚Metapher‘ und ‚Metonymie‘ entlehnt sind, hatte ein ganz anderes Muster der Zuordnung seiner Begriffe zu denen Freuds vorgeschlagen. ‚Verdichtung‘ und ‚Verschiebung‘ waren demzufolge metonymisch, während ‚Identifizierung‘ und ‚Symbolik‘ als metaphorisch galten.“15

Demnach bringt Jakobson die Metapher nicht nur mit der Symbolik zusammen, sondern auch mit der Identifizierung. Jakobson stellt (sagt Bowie) folgende Bezüge zu Freud her:
– Metonymie: Verdichtung und Verschiebung
– Metapher: Identifizierung und Symbolik

Zwischen Hammermeisters und Bowies Jakobson-Darstellung scheint es einen Widerspruch zu geben. Hammermeister zufolge bezieht Jakobson den Begriff der Verschiebung auf die Metonymie und den der Verdichtung auf die Synekdoche, Bowie hingegen schreibt, das Jakobson Verschiebung und Verdichtung gleichermaßen der Metonymie zuordnet. Wer hat recht? Beide.

Was Jakobson über Freud schreibt

Was genau behauptet Jakobson über Freud? Die Passage, um die es geht, findet sich in Jakobsons Aufsatz Two aspects of language and two types of aphasic disturbances (1956). Hier kann man lesen:

„A competition between both devices, metonymic and metaphoric, is manifest in any symbolic process, either intrapersonal or social. Thus in an inquiry into the structure of dreams, the decisive question is, whether the symbols and the temporal sequences used are based on contiguity (Freud’s metonymic ‚displacement‘ and synecdochic ‚condensation‘) or on similarity (Freud’s ‚identification and symbolism‘).“16

Die veröffentlichte deutsche Übersetzung hat den Titel Zwei Seiten der Sprache und zwei Typen aphatischer Störungen.17 Leider enthält die Übersetzung der zitierten Passage einen Fehler: displacement wird hier mit „Verdrängung“ statt mit „Verschiebung“ ins Deutsche gebracht („Verdrängung“ wäre repression).18

Hier meine Übersetzung:

„Eine Rivalität zwischen den beiden Mechanismen, metonymischen und metaphorischen, manifestiert sich in jedem symbolischen Prozess, sei er intrapersonal oder sozial. So lautet bei der Erforschung der Struktur der Träume die entscheidende Frage, ob die Symbole und die verwendeten zeitlichen Sequenzen auf Kontiguität beruhen (Freuds metonymische ‚Verschiebung‘ und synekdocheische ‚Verdichtung‘) oder auf Similarität (Freuds ‚Identifizierung und Symbolik‘).“

Die Anführungszeichen um „Identifizierung und Symbolik“, die man so im Original findet, sind vermutlich ein Schreib- oder Satzfehler; ein Begriffspaar „Identifizierung und Symbolik“ gibt es bei Freud nicht. Plausibler ist die Schreibung „Freuds ‚Identifizierung‘ und ‚Symbolik‘“, so wie es Bowie (oder sein Übersetzer Laermann) stillschweigend korrigiert hat.

Jakobson über Metapher und Metonymie

Will man Jakobsons Bezugnahme auf Freud nachvollziehen, muss man rekonstruieren, wie er in seinem Aufsatz diese Begriffe verwendet: Kontiguität und Similarität, Metonymie und Metapher und schließlich Synekdoche.

Jedes sprachliche Zeichen gehört – so behauptet Jakobson in Zwei Seiten der Sprache – gleichzeitig zu zwei unterschiedlichen Ordnungen. Es beruht immer auf der Operation der Kombination und zugleich auf der Operation der Selektion. Die Kombination, das ist etwa die Operation, durch welche die Phoneme „s“, „a“, „f“ und „t“ zu „Saft“ verbunden werden. Die Selektionsoperation besteht darin, dass an einer bestimmten Stelle beispielsweise ein „s“ ausgewählt wird und dass Alternativen wie „h“ oder „p“ oder „r“ oder „sch“ oder „t“ zurückgewiesen werden – ich sage „Saft“ statt „Haft“ oder „pafft“ oder „rafft“ oder „Schaft“ oder „Taft“.

Diese beiden Operationen werden nicht nur, wie im Beispiel, auf der Ebene der Wortbildung vollzogen, sondern auf sämtlichen Ebenen der Sprache: bei der Erzeugung von Phonemen, von Sätzen, von Erzählungen usw.

Den Operationen der Kombination und der Selektion werden von Jakobson zwei Arten von Beziehungen zwischen sprachlichen Einheiten zugeordnet: Kontiguität und Similarität.

Die Kombination erzeugt einen Kontext, beispielsweise führt die Kombination der Wörter „einen“, „Saft“ und „bitte“ dazu, dass ein Satz entsteht, der den Kontext dieser drei Wörter bildet: „einen Saft bitte“. Die Bestandteile dieses Kontexts, also die Wörter „einen“, „Saft“ und „bitte“, stehen im Satz zueinander in Beziehungen der Kontiguität, der unmittelbaren Nachbarschaft. Kombination erzeugt Kontiguität.

Bei der Operation der Selektion geht es darum, zwischen sprachlichen Einheiten eine Auswahl zu treffen. Die Beziehungen zwischen den Einheiten sind in diesem Falle verschiedene Grade der Gleichartigkeit; bei Wörtern liegt die Gleichartigkeit zwischen, auf der einen Seite, der Gleichwertigkeit von Synonymen und, am anderen Pol, dem gemeinsamen Bedeutungskern von Gegenbegriffen, sagt Jakobson. Zu den Graden der Gleichartigkeit gehören auch, so kann man ergänzen, die Beziehungen zu Ober- und Unterbegriffen; statt „Saft“ kann ich auch „Getränk“ sagen oder „Orangensaft“. Jakobson nennt die Beziehung zwischen den sprachlichen Einheiten, in Bezug auf die eine Selektion vollzogen wird, „Similarität“, also Ähnlichkeit. Ich sage „einen Saft bitte“, statt, beispielsweise, „einen Schnaps bitte“, „Saft“ und „Schnaps“ stehen in einer Beziehung der Similarität, beides sind Kaltgetränke mit der Merkmalsopposition nichtalkoholisch versus alkoholisch.

Die Operation der Kombination bringt also sprachliche Einheiten in ein Verhältnis der Kontiguität, die Operation der Selektion wird an Einheiten unter dem Aspekt vollzogen, dass sie in Beziehungen der Similarität zueinander stehen.

Auch diese beiden Beziehungen, Kontiguität und Similarität, sind auf sämtlichen Ebenen der Sprache wirksam. Wenn ich, beispielsweise, eine Geschichte erzählte, bringe ich die Bausteine des Erzählens in ein Verhältnis der Nachbarschaft – ich spule die Geschichte ab, könnte man sagen –, und ich wähle dabei zwischen ähnlichen narrativen Einheiten.

Ausgehend von dieser gedoppelten Begriffsopposition – Kombination-Kontiguität versus Selektion-Similarität – unterscheidet Jakobson zwei Formen der Aphasie, also der auf einer Schädigung des Gehirns beruhenden Sprachstörung. Bei der einen Form ist die Fähigkeit stark eingeschränkt, durch Kombination Beziehungen der Kontiguität hervorzubringen, anders gesagt: der Kranke ist nicht dazu in der Lage, Sätze zu bilden. Er verwendet meist Ein-Wort-Sätze; um in meinem Beispiel zu bleiben, er sagt „Saft“, und das kann dann heißen, dass er Saft trinken möchte oder dass jemand anders Saft verschüttet hat usw. Bei der zweiten Form der Aphasie ist es dem Kranken nicht möglich, eine Beziehung zwischen ähnlichen Wörtern herzustellen; beispielsweise kann er die Frage „Was ist ein Junggeselle?“ nicht mit „Ein unverheirateter Mann“ beantworten. Es gibt also eine Form der Aphasie, bei der die Störung darin besteht, dass die Herstellung von Kontiguität blockiert ist, und es gibt eine andere Form der Aphasie, bei der es dem Kranken nicht möglich ist, zwischen Einheiten auszuwählen, die in Beziehungen der Similarität zueinander stehen.

Im nächsten Argumentationsschritt bezieht Jakobson seinen Dualismus auf die Opposition von Metapher und Metonymie. Den Begriff der Metapher gebraucht er im Anschluss an die klassische Rhetorik: Austausch eines Elements durch ein ähnliches. Eine Metapher verwende ich, wenn ich sage „Einmal Jauche bitte“ und durch den Kontext klar ist, dass ich Saft meine.

Den Begriff der Metonymie verwendet Jakobson anders als üblich. In der Rhetorik versteht man unter einer Metonymie den Austausch eines Wortes durch ein anderes Wort, und zwar so, dass die Gegenstände, auf die sich die beiden Wörter beziehen, in einem Verhältnis der Nachbarschaft zueinander stehen. Wenn ich einen Saft in der Weise anfordere, dass ich sage „ein Glas bitte“, ist „Glas“ eine Metonymie, und zwar deshalb, weil das Glas und der Saft in der außersprachlichen Realität räumlich benachbart sind – der Saft ist im Glas. Jakobson hingegen versteht unter einer Metonymie eine Nachbarschaft zwischen Einheiten der Sprache. Wenn ich „Saft“ durch „Glas“ ersetze, ist das auch für ihn eine Metonymie, aber mit einer anderen Begründung. Mit „Glas“ verwende ich einen Ausdruck, der zu dem Wort „Saft“ in einer Beziehung der sprachlichen Kontiguität steht, insofern nämlich, als häufig von einem „Glas Saft“ oder von einem „Saftglas“ gesprochen wird. Um eine Metonymie handelt es sich für Jakobson aufgrund dieser sprachlichen Benachbartheit.19

Jakobson bezieht die Ausdrücke Metapher und Metonymie beide auf den Vorgang der Selektion, und zwar speziell auf die Auswahl von Wörtern. Die Bildung eines Satzes kann man sich so zurechtlegen. Erste Ebene: ich kombiniere die Wörter zu einem Satz: „einen Saft bitte“ (Kombination-Kontiguität). Dabei treffe ich an jeder Stelle eine Auswahl, ich sage nicht „drei Schnaps, du Arsch“ (Selektion-Similarität). Zweite Ebene: Die Selektion kann in zwei Richtungen gehen. Statt „Saft“ kann ich „Zuckerpisse“ sagen (wie ich einmal gehört habe), „eine Zuckerpisse bitte“; in diesem Fall bilde ich eine Metapher. Statt „Saft“ kann ich aber auch ganz schlicht „Glas“ sagen, „ein Glas bitte“ (und durch den Kontext sei festgelegt, dass damit gemeint ist: ein mit Saft gefülltes Glas). In diesem Fall bilde ich eine Metonymie.

Die Metaphernbildung, sagt Jakobson, beruht auf der Beziehung der Similarität. Die Metonymie beruht, ihm zufolge, auf Kontiguität, und damit kommt eine Komplikation ins Spiel. Denn im Fall der Metonymie wird die Kontiguität nicht, wie in den bisherigen Beispielen für Kontiguität, im Sprechen aktuell realisiert; sie ist vielmehr ein Typ der Selektion, und die Kontiguität wird an einer Wahlstelle nur virtuell durchlaufen.

Bei einer Similaritätsstörung ist es nicht möglich, Metaphern zu erzeugen oder sie zu verstehen. Bei diesem Typ der Aphasie ist der Kranke jedoch in der Lage, Wörter nach einem anderen Prinzip auszutauschen. Statt „Gib mir das Messer“ sagt er beispielsweise „Gib mir die Gabel“. Für Jakobson heißt das: der Kranke ist in der Lage, Metonymien zu bilden. Um eine Metonymie handelt es sich für ihn, wie erläutert, deshalb, weil „Gabel“ und „Messer“ in Sätzen häufig kombiniert werden, also in Kontiguitätsbeziehungen gebracht werden; man denke an Helmut Kohls Bemerkung „Merkel konnte ja nicht mit Messer und Gabel essen“.

Bei einer Kontiguitätsstörung kann der Kranke, wie erwähnt, keine Sätze bilden. Er ist außerdem nicht in der Lage, Metonymien zu erzeugen. Wenn er das Wort „Saft“ nicht abrufen kann (um weiter in meinem Beispiel zu bleiben), kann er es nicht durch das Wort „Glas“ ersetzen. Bei einer Kontiguitätsstörung ist die Kontiguität also doppelt eingeschränkt: dem Kranken ist es nicht möglich, Sätze zu bilden, und an einer Selektionsstelle ist er nicht in der Lage, sprachliche Elemente zu wählen, die im gewöhnlichen Sprachgebrauch benachbart sind. Ein Aphasiker dieses Typs ist jedoch in der Lage, zwischen Wörtern auszuwählen, die in einer Beziehung der Similarität stehen. Jakobson berichtet, dass der Kranke beispielsweise „Mikroskop“ statt „Fernglas“ sagt.

Von hier aus gelangt Jakobson dazu, zwei unterschiedliche „semantische Richtungen“ zu unterscheiden, den „metaphorischen Weg“ und den „metonymischen Weg“.20 Er bezieht diese beiden Wege auf ein breites Spektrum von Phänomenen.

Bei einem Assoziationstest kann man zu einem Wort einen Ausdruck assoziieren, der ähnlich ist („Hütte“ – „kleines Haus“) oder einen Ausdruck, der zum Impulswort normalerweise in syntaktischer Kontiguität steht („Hütte“ – „abgebrannt“). Der erste Assoziationsyp gehört für Jakobson zum metaphorischen, der zweite zum metonymischen Weg.

Auf dieselbe Weise unterscheidet Jakobson zwei Formen der Dichtung. In der Romantik und im Symbolismus überwiegt der metaphorische Prozess. In der realistischen Literatur werden die Elemente der Erzählung nach dem Prinzip der Metonymie verknüpft: die Darstellung geht von der Handlung zum Hintergrund über und von den Personen zur Darstellung des Raums und der Zeit. Ich vermute, dass Jakobson hier darauf anspielt, dass dieser Erzähltechnik dieselbe Kombinationsstrategie liegt wie der Bildung von Sätzen. Wenn ich sage „ich bestelle einen Saft, weil ich durstig bin“, ist das der Übergang von der Handlung zum Hintergrund; wenn ich sage „sie ist jetzt da“, ist das der Übergang von der Person zur Zeit und zum Raum.

An dieser Stelle bringt Jakobson den Begriff „Synekdoche“ ins Spiel, den er später im Text auch verwendet, um die Beziehung zu Freud herzustellen. Der realistische Autor

„setzt gern Teile fürs Ganze. In der Selbstmordszene Anna Kareninas richtet Tolstoj die Aufmerksamkeit auf die Handtasche der Heldin; in ‚Krieg und Frieden‘ werden die Synekdochen (also die Tropen des pars pro toto, genus pro specie) Haare auf der Oberlippe oder nackte Schultern von Tolstoj für die Frauen, die diese Eigenheiten aufweisen, verwendet.“21

Unter einer Synekdoche versteht Jakobson hier, wie in der Rhetorik üblich, die Beziehungen „Teil fürs Ganze“ und „Gattung für die Art“. Aus dem Kontext geht hervor, dass er an dieser Stelle zugleich den Weg der Metonymie beschreibt. Einige Sätze später heißt es:

„Ein illustratives Beispiel aus der Geschichte der Malerei bietet die ganz offensichtlich metonymische Orientierung des Kubismus, wo das Objekt in ein Gefüge von Synekdochen aufgelöst ist.“22

Die Synekdoche gehört für Jakobson demnach zur metonymischen Orientierung. Danach heißt es zu einer Studie über den russischen Dichter Gleb Ivanovič Uspenskij, der Autor

„zeigt, daß Uspenskij eine besondere Neigung zur Metonymie und besonders zur Synekdoche besitzt (…).“23

Für Jakobson ist die Synekdoche eine Form der Metonymie.

Jakobson verwendet den Ausdruck „Metonymie“ also in zwei verschiedenen Bedeutungen. Zum einen in der Opposition von Metonymie und Metapher, sagen wir: Metonymie im weiteren Sinne. Wenn er vom „metonymischen Weg“ spricht, geht es um die Metonymie im weiteren Sinne. Von hier aus gesehen ist die Synekdoche eine Spezialform der Metonymie. Zum anderen verwendet er den Begriff Metonymie im Sinne der klassischen Rhetorik, Austausch benachbarter Elemente. Die Metonymie im engeren Sinne bildet eine Alternative zur Synekdoche, zum Austausch des Teils für das Ganze oder der Gattung für die Art. Der metonymische Weg nimmt also zwei Formen an: Metonymie und Synekdoche. Man stößt hier bei Jakobson auf eine hegelianische Figur: der Begriff Metonymie ist zugleich der Oberbegriff und einer seiner Unterbegriffe.

Jakobson über Freud, noch einmal

Damit ist klar, wie Jakobsons Bemerkung zu Freud aufzufassen ist.

In einem Traum, sagt Jakobson, beruht die Beziehung zwischen den Symbolen und ihre zeitliche Anordnung entweder auf metonymischen oder auf metaphorischen Mechanismen. Hier spricht Jakobson über Metonymie im weiteren Sinne.

Die Beziehung zwischen den Symbolen des Traums, sagt Jakobson außerdem, basiert entweder auf Kontiguität oder auf Similarität.

Die beiden Begriffspaare werden von ihm parallelisiert: die Kontiguität entspricht der Metonymie, die Similarität entspricht der Metapher. Die Symbole des Traums stehen entweder in der Beziehung der Metonymie, d.h. der Kontiguität, oder in der Beziehung der Metapher, d.h. der Similarität.

Wenn die Beziehung zwischen den Traumsymbolen auf Kontiguität beruht (sagt Jakobson), handelt es sich entweder um eine metonymische Verschiebung, „Verschiebung“ im Sinne von Freud, oder um eine synekdocheische Verdichtung, auch hier „Verdichtung“ im Sinne von Freud. Hier spricht Jakobson über Metonymie im engeren Sinne. Der metonymische Weg kann beim Traum demnach durch zwei Pfade realisiert werden, durch die Metonymie im engeren Sinne (Nachbarschaftsbeziehung: Verschiebung) oder durch die Synekdoche (Pars pro toto: Verdichtung).

Wenn jedoch in einem Traum, sagt Jakobson, die Beziehung zwischen den Symbolen auf Similarität beruht, handelt es sich entweder um das, was Freud als Identifizierung bezeichnet, oder um das, was Freud Symbolik nennt.

Jakobson stellt also folgende Bezüge zu Freud her:

Kontiguität/Metonymie i.w.S.
– Metonymie i.e.S.: Verschiebung
– Synekdoche: Verdichtung

Similarität/Metapher
– Identifizierung
– Symbolik

Jakobson bezieht sich auf Freuds Traumdeutung, und darin auf Kapitel VI, das den Titel „Die Traumarbeit“ hat. Die Verdichtung wird hier in Abschnitt A dargestellt, „Die Verdichtungsarbeit“; die Verschiebung wird in Abschnitt B erläutert, „Die Verschiebungsarbeit“; die Identifizierung wird vor allem in Abschnitt C behandelt, „Die Darstellungsmittel im Traum“; die Symbolik ist Gegenstand von Abschnitt E, „Die Darstellung durch Symbole im Traum – weitere typische Träume“.

Unter einer Verschiebung versteht Freud eine bestimmte Beziehung zwischen dem latenten Traumgedanken und dem manifesten Trauminhalt (dem erzählten Traum). Einige Vorstellungen sind beiden Ebenen gemeinsam; in Freuds Traum von der botanischen Monografie gehört dazu die Vorstellung „botanisch“. Auf den beiden Ebenen hat sie jedoch eine unterschiedliche „Wertigkeit“, wie Freud sagt. Im latenten Traumgedanken ist sie marginal, im manifesten Trauminhalt zentral. Und darin besteht die Verschiebung: beim Übergang von der latenten zur manifesten Ebene wechselt die Wertigkeit einer Vorstellung.

Was hat Freuds Verschiebung mit Kontiguitiät und mit Metonymie zu tun? Vielleicht hat Jakobson es sich so zurechtgelegt: Der latente Traumgedanke und der manifeste Trauminhalt lassen sich beide nach der Art von sprachlichen Gebilden auffassen, sie ähneln Sätzen oder Erzählungen. Die Kontiguität ist hier die Beziehung der Symbole in ihrem Nacheinander, und zwar auf beiden Ebenen. Die Verschiebung ist eine Verschiebung der Akzentsetzung im Wechsel von der latenten zur manifesten Ebene. Ein einfaches sprachliche Modell einer Verschiebung wäre – in meinem Beispiel – der Wechsel von „Einen Saft bitte“ (Betonung auf „bitte“)  zu „Einen Saft bitte“. Um es ein bisschen auszuschmücken: „Einen Saft bitte“: wann werden Sie mich endlich bedienen?; hier manifestiert sich das Begehren nach Anerkennung. „Einen Saft bitte“: ich bin doch kein Alkoholiker!; unter dem Druck der Zensur wird das Idealich in Szene gesetzt. Also bezieht sich die Verschiebung auf die Achse der Kontiguität und es handelt sich dabei eine Metonymie im Sinne von Jakobson, um eine Beziehung zwischen sprachlichen Elementen, die in der Verkettung benachbart sind.

Auch die Verdichtung ist für Freud eine Beziehung zwischen latentem Traumgedanken und manifestem Trauminhalt. In einem Element des manifesten Inhalts laufen mehrere latente Traumgedanken zusammen; das manifeste Element ist „überdeterminiert“, wie Freud es nennt. Beispielsweise vertritt in Freuds Traum von der botanischen Monografie das Wort „botanisch“ eine Vielzahl von latenten Vorstellungen: Professor Gärtner, seine „blühende“ Frau, eine Patientin namens Flora, eine Geschichte mit vergessenen Blumen, die Lieblingsblumen seiner Frau usw.

Worin besteht die Beziehung der Verdichtung zur Kontiguität? Die Kontiguität besteht in diesem Fall für Jakobson, so nehme ich an, in den Beziehungen zwischen den Elementen der Assoziationskette.

Was hat diese Kontiguitätsbeziehung mit der Synekdoche zu tun? Auch hier kann ich die Antwort nur vermuten. Ein Element (wie „botanisch“) steht für ein ganzes Bündel von Elementen, der Teil also fürs Ganze, und insofern handelt es sich für Jakobson (nehme ich an) um eine Synekdoche.

Den Begriff der Identifizierung versteht Jakobson so, wie Freud ihn in der Traumdeutung verwendet. Dort wird der Begriff so erläutert:

Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird vom Traum ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu einer Einheit, welche entweder bereits im Traummaterial vorgefunden oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identifizierung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identifizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden oft wie Personen behandelt.

Die Identifizierung besteht darin, dass nur eine der durch ein Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im Traum in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von ihr oder von den gedeckten Personen ableiten.“24

Die Identifizierung wird von Freud also ausdrücklich der Ähnlichkeit zugeordnet, Jakobson braucht das nur aufzulesen.

Unter Symbolik versteht Freud starre Koordinationen zwischen Vorstellungen und Bedeutungen, unabhängig von den Assoziationen des Patienten. Beispielsweise ist das Steigen auf einer Stiege, Leiter oder Treppe, Freud zufolge, ein Symbol für den Geschlechtsakt. Er schreibt hierzu:

„Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer aufzufinden: in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt man auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder.“25

Die Beziehng zwischen dem Symbol und dem Symbolisierten beruht demnach auf Ähnlichkeit.

Metapher als Identifizierung und Symbolik – bei Lacan

Stimmt es, dass Lacan Verschiebung und Verdichtung mit Metonymie und Metapher gleichsetzt statt, wie Jakobson, mit Metonymie und Synekdoche? Ja und Nein.

Ja, denn es lassen sich zahlreiche Passagen zitieren, in denen Lacan genau diese Zuordnung vornimmt.

Nein, denn das würde heißen, dass Lacan Jakobsons Zuordnung der Metapher zu Identifizierung und Symbolik unbeachtet gelassen hätte. Das ist jedoch, so denke ich, nicht der Fall. Im Gegenteil, diese Verbindung ist meines Erachtens ein entscheidendes Merkmal von Lacans Metaphernbegriff.

Die von Lacan am stärksten ausgearbeitete Konzeption der Metapher ist das Theorem von der Vatermetapher. Die Formel dieser Metapher wird von ihm in dem Aufsatz Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht (1958) eingeführt.26 Sie sieht so aus:

\frac {\text {Name-des-Vaters}}{\text {Begehren der Mutter}} \cdot \frac {\text {Begehren der Mutter}}{\text {dem Subjekt signifiziert}} \rightarrow \text {\normalsize {Name-des-Vaters}} \left( \frac {\text {A}}{\text {Phallus}} \right)

Die Formel stellt eine Verbindung her zwischen dem Namen-des-Vaters und dem Phallus: Dadurch, dass der Signifikant Name-des-Vaters an die Stelle des Signifikanten Begehren der Mutter gesetzt wird (linke Seite der Formel), kommt es dazu, dass der Phallus als Signifikant des Begehrens des Anderen (A) installiert wird (rechte Seite der Formel).

Nun meint aber „Name-des-Vaters“ die Identifizierung mit dem Vater als Repräsentanten des Gesetzes. Und welches Gebilde hätte ein Anrecht auf den Titel des Symbols, wenn nicht der Phallus? Die Formel der Vatermetapher stellt also eine Verbindung her zwischen der Identifizierung (mit dem Namen-des-Vaters) und der Symbolik (des Phallus).

Die Identifizierung erscheint in der Formel der Vatermetapher so, wie sie von Freud in der Traumdeutung definiert wird: zwei Personen sind durch ein Gemeinsames verknüpft (bei Lacan: Begehren der Mutter, Name-des-Vaters, verknüpft durch den Phallus), nur eine dieser Personen gelangt zur Darstellung, während die zweite Person unterdrückt scheint (bei Lacan: der Signifikant „Name-des-Vaters“ elidiert den Signifikanten „Begehren der Mutter“).

Also stützt sich Lacans Konzeption der Vatermetapher letztlich auf Jakobsons kleine Idee: der Metapher entspricht bei Freud die Identifizierung und die Symbolik.

Jakobson & Lacan – zur Genealogie

In Das Drängen des Buchstabens notiert Lacan in einer Fußnote:

„Wir wollen hier Roman Jakobson ehren, dem wir in dieser Formulierung einiges verdanken, wir meinen seine Arbeiten, die für den Analytiker jederzeit eine Hilfe zur Strukturierung seiner Erfahrung darstellen und die jene ‚persönlichen Mitteilungen‘ überflüssig machen, die wir so gut wie einer vorzeigen könnten.“27

Der Seitenhieb gilt vermutlich Rudolph Loewenstein, der in dem Artikel Some remarks on the role of speech in psychoanalytic technique (1956)28 auf eine „persönliche Mitteilung“ von Jakobson verwiesen hatte29 – auf Loewensteins Artikel bezieht Lacan sich etwas später in derselben Fußnote.

In Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, sagt Lacan:

„Was die Originalität der Passage von Monsieur Jakobson angeht, so rechne ich tatsächlich mit der stärksten Bezugnahme. Man muss sagen, dass in diesem Fall – ich glaube, dass ich angefangen habe, die Metapher und die Metonymie in unserer Theorie nach vorne zu bringen, irgendwo neben dem Romvortrag, der erschienen ist30 –, als ich mit Jakobson sprach, hat er mir gesagt: ‚Aber sicher, diese Geschichte von Metapher und Metonymie, das haben wir gemeinsam gedreht, erinnern Sie sich, am 14. Juli 1950.‘“31

Offenbar bezieht sich Lacans Bemerkung über die persönliche Mitteilung, die er selbst ebenso vorzeigen könnte, auf dieses Gespräch.

Falls Lacans Hinweis stimmt, wäre dies die Genealogie von Lacans Aufsatz:
– Am  14. Juli 1950 (also am französischen Nationalfeiertag) sprechen Jakobson und Lacan über Metapher und Metonymie, Verdichtung und Verschiebung.
– 1956 erscheint Jakobsons Aufsatz Two aspects of language and two types of aphasic disturbances.
– A
m 9. Mai 1957 hält Lacan den Vortrag L’instance de la lettre dans l’inconscient ou la raison depuis Freud im Hörsaal Descartes der Sorbonne, auf Einladung der Groupe de philosophie de la Fédération des étudiants des Lettres.
– Lacan redigiert den Vortragstext vom 14. bis zum 16. Mai 1957.32 Er verweist ausdrücklich auf Jakobsons Arbeit über die beiden Formen der Aphasie.
Der Aufsatz erscheint in: La Psychanalyse, 2. Jg. (1957), S. 47-81.

Zum Bild zum Beginn des Artikels

In Zwei Seiten der Sprache schreibt Jakobson über Metonymie und Metapher:

„Das Vorhandensein des einen oder des anderen der beiden Prozesse ist keineswegs auf die Wortkunst beschränkt. Es tritt auch in nicht-sprachlichen Zeichensystemen auf. Ein illustratives Beispiel aus der Geschichte der Malerei bietet die ganz offensichtlich metonymische Orientierung des Kubismus, wo das Objekt in ein Gefüge von Synekdochen aufgelöst ist. Die surrealistischen Maler dagegen zeigen eine offensichtlich metaphorische Einstellung.“33

Magrittes surrealistisches Kaminbild lässt mich an eine Passage der Traumdeutung über Symbolik denken. Freud schreibt hier:

„Alle in die Länge reichenden Objekte (…) wollen das männliche Glied vertreten. (…) Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib (…).“34

Dies wiederum erinnert mich an eine Kaminszene in Edgar Allen Poes Entwendetem Brief und an Lacans Kommentar zu dieser Stelle.

In Poes Erzählung berichtet Dupin, der Meisterdetektiv, über seine Aktivitäten im Zimmer des Diebs, d.h. des Ministers:

„At length my eyes, in going the circuit of the room, fell upon a trumpery filigree card-rack of pasteboard, that hung dangling by a dirty blue ribbon, from a little brass knob just beneath the middle of the mantlepiece. In this rack, which had three or four compartments, were five or six visiting cards and a solitary letter. (…) No sooner had I glanced at this letter than I concluded it to be that of which I was in search.“

In Wollschlägers Übersetzung:

„Schließlich fielen meine Blicke, die das Zimmer im Kreise durchschweiften, auf ein schäbiges Filigran-Gestell aus Pappkarton, das an einem schmutzigen blauen Band von einem kleinen Messingknopf just in der Mitte unter dem Kaminsims baumelte. In diesem Gestell, das drei oder vier Fächer hatte, befanden sich fünf oder sechs Visitenkarten und ein einzelner Brief. (…) Kaum war mir dieser Brief vor den Blick gekommen, so wußte ich schon, was ich suchte.“35

Dupin sucht den Minister ein zweites Mal auf und inszeniert ein Ablenkungsmanöver, das den Gastgeber veranlasst, ans Fenster zu treten.

„Derweilen trat ich zu dem Kartengestell, nahm den Brief, steckte ihn in die Tasche und ersetzte ihn durch eine – was das Äußere betraf – getreue Nachbildung, die ich zuvor in meiner Wohnung sorgfältig hergestellt hatte (…).“36

Lacan schreibt hierzu:

„Und deshalb, ohne es nötig oder, und das aus guten Gründen, die Gelegenheit dazu gehabt zu haben, geht er [Dupin] schnurstracks dahin, wo das, was der Körper verstecken muß, liegt und lagert, in irgendeiner schönen Mitte, in die der Blick hineingleitet, wahrlich an jenem Ort, den die Verführer das Schloß Sainte-Ange in der einfältigen Einbildung nennen, mit der sie sich versichern, sie könnten von daher die Stadt überlisten. Da haben Sie’s! Zwischen den Sockeln des Kamins befindet sich das Objekt, das mit der Hand erreichbar ist, die der Räuber nur noch auszustrecken braucht …

Die Frage, ob er es auf dem Kaminsims, wie Baudelaire übersetzt, oder unter ihm ergreift, wie es im ursprünglichen Text steht, kann ohne Schaden den Schlussfolgerungen der Interpretationsküche überlassen werden. (Anm. von Lacan:) Und sogar der Köchin.“37

Mit chateaux Saint-Ange (Kastell Heiliger Engel) spielt Lacan auf das antike Baudenkmal Castel SantʼAngelo in Rom an; die zu erobernde Stadt ist also – auf einer der Ebenen der Bedeutung – Rom. 38

Die „Köchin“ ist vermutlich Marie Bonaparte (so der Hinweis des deutschen Übersetzers, Rodolphe Gasché). In ihrer Poe-Studie hatte Bonaparte den fehlenden Brief so gedeutet, dass dass Poe hier sein Bedauern über das Fehlen des mütterlichen Phallus artikuliert und der Mutter vorwirft, ihn verloren zu haben. Die zitierte Stelle wird von ihr so gedeutet:

„Wir bemerken zuerst, daß der Brief, ein regelrechtes Symbol für den mütterlichen Penis, über dem Feuerherd des Kamins ‚hängt‘, so wie der Penis der Frau – wenn sie einen hätte! – über der Kloake hängen würde, die hier, wie in den vorhergehenden Geschichten, unter dem häufig verwendeten Symbol eines Kamins dargestellt wird. Wir haben hier gleichsam ein Bild aus der topographischen Anatomie vor uns, bei dem selbst der Knopf (knob), die Klitoris nicht fehlt. Aber an diesem Knopf sollte wohl etwas anderes hängen!“39

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Anmerkungen

  1. Übersetzt von Norbert Haas. In: J.L.: Schriften II. Walter-Verlag, Olten u.a. 1975, S. 15-55.
  2. Sean Homer: Jacques Lacan. Routledge, Milton Park, Abingdon (UK), S. 43, meine Übersetzung.
  3. Vgl. Samuel M. Weber: Rückkehr zu Freud. Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse. Ullstein, Frankfurt am Main 1978, darin: „Der gesperrte Abort – Metonymie und Metapher“, S. 53-66.
  4. Vgl. John P. Muller, William J. Richardson: Lacan and language. A reader’s guide to Écrits. International Universities Press, New York 1982, Kapitel „The agency of the letter in the unconscious or reason since Freud“, S. 160-193.
  5. Vgl. Bice Benvenuto, Roger Kennedy: The works of Jacques Lacan. An introduction. Free Association Books, London 1986, zu Lacans Rezeption von Jakobsons Begriffsopposition von Metapher und Metonymie vgl. S. 221.
  6. Vgl. Gerda Pagel: Lacan zur Einführung. SOAK, Hamburg 1989, zu Metapher und Metonymie vgl. S. 47-49.
  7. Vgl. Peter Widmer: Subversion des Begehrens. Eine Einführung in Jacques Lacans Werk. Turia und Kant, Wien 1997 (zuerst im Fischer Taschenbuch Verlag 1990); darin: „Die Rhetorik des Begehrens: Metonymie und Metapher“, S. 72-82.
  8. Vgl. Mikkel Borch-Jacobsen: Lacan. Le maître absolut. Flammarion, Paris 1995 (zuerst 1990), zu Metapher und Metonymie: S. 217-221.
  9. Vgl. Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Turia und Kant, Wien 2002 (zuerst USA 1996), Artikel „Metapher“, S. 186-198, Artikel „Metonymie“, S. 190-192.
  10. Vgl. Erik Porge: Jacques Lacan, un psychanalyste. Parcours d’un enseignement. Érès, Ramonville Sainte-Agne 2000, zu Metapher und Metonymie vgl. v.a. S. 82-88.
  11. Vgl. Bruce Fink: Reading „The instance of the letter in the unconscious“. In: Ders.: Lacan to the letter. Reading Écrits closely. University of Minnesota Press, Minneapolis u.a. 2004, S. 63-105.
  12. Vgl. Christoph Braun: Die Stellung des Subjekts. Lacans Psychoanalyse. Parodos, Berlin 2007, zu Metonymie und Metapher S. 85 f.
  13. Vgl. Roland Chemama, Bernard Vandermersch: Dictionnaire de la psychanalyse. Larousse, Paris 2009, Artikel „métaphore“, S. 348, „métaphore et métonymie“, S. 348 f., „métonymie“, S. 349.
  14. Kai Hammermeister: Jacques Lacan. Beck, München 2008, S. 71, 73.
  15. Malcolm Bowie: Lacan. Steidl, Göttingen 1994 (zuerst UK 1991), S. 207 Fn. 35.
  16. Roman Jakobson: Two aspects of language and two types of aphasic disturbances. In: Ders. und Morris Halle: Fundamentals of language. Mouton & Co, ’s-Gravenhage (= Den Haag) 1956, darin Teil II, S. 53-82, hier: S. 80 f.
  17. Roman Jakobson: Zwei Seiten der Sprache und zwei Typen aphatischer Störungen (1956). Übersetzt von Georg Friedrich Meier, Überarbeitung der Übersetzung durch Wolfgang Raible. In: R. Jakobson: Aufsätze zur Linguistik und Poetik. Hg. v. Wolfgang Raible. Ullstein, Frankfurt am Main u.a. 1979, S.117–141, im Internet hier.
    Üblicher und naheliegender als „aphatische Störung“ ist „aphasische Störung“.
  18. Die veröffentlichte Übersetzung lautet so:

    „Eine gewisse Rivalität zwischen den metonymischen und metaphorischen Darstellungsweisen kommt bei jedem symbolischen Prozeß, gleichgültig ob es sich um einen intrapersonellen oder um einen sozialen handelt, zum Vorschein.

    So ist es auch bei der Untersuchung von Traumstrukturen eine entscheidende Frage, ob die Symbole und die zeitliche Reihenfolge auf Kontiguität (Freuds metonymische ‚Verdrängung‘ und synekdocheische ‚Verdichtung‘) oder auf Similarität (Freuds ‚Identifizierung‘ und ‚Symbolismus‘) beruhen.“ (Zwei Seiten der Sprache, a.a.O., S. 137 f.)

    Diese Übersetzung beruht auf der Übersetzung von Fundamentals of language durch Georg Friedrich Meier, die, unter dem Titel Grundlagen der Sprache, 1960 im Akademie-Verlag in Berlin (Ost) erschien.

  19. Vgl. Zwei Seiten der Sprache, a.a.O., S. 129.
  20. Vgl. Zwei Seiten der Sprache, a.a.O., S. 133 f.
  21. Zwei Seiten der Sprache, a.a.O., S. 135, Einfügung in Klammern von Jakobson.
  22. Zwei Seiten der Sprache, a.a.O., S. 135.
  23. Zwei Seiten der Sprache, a.a.O., S. 137.
  24. S. Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 318, Hervorhebungen von Freud.
  25. Traumdeutung, a.a.O., S. 349 Fn. 4.
  26. Vgl. Schriften II, S. 90.
  27. Das Dränken des Buchstabens, a.a.O., S. 30 f.
  28. International Journal of Psycho-Analysis, 37. Jg., S. 460-467.
  29. Vgl. John P. Muller, William J. Richardson: Lacan and language. A reader’s guide to „Écrits“. International University Press, New York 1982, S. 187.
  30. Der Romvortrag (Funktion und Feld usw.) und der Text über Metapher und Metonymie (Das Drängen des Buchstabens usw.) wurden zuerst in der Zeitschrift La psychanalyse veröffentlicht, der Romvortrag im Jahr 1956, der Aufsatz über Metapher und Metonymie ein Jahr später.
  31. Seminar 9, Sitzung vom 23. Mai 1962, meine Überetzung nach Version Staferla.
  32. Die letzten beiden Daten findet man in den bibliographischen Angaben der Écrits, Seuil, Paris 1966, S. 918.
  33. Zwei Seiten der Sprache, a.a.O., S. 135 f.
  34. Freud, Traumdeutung, a.a.O., S. 348.
  35. Edgar Allen Poe: Der stibitze Brief. Übersetzt von Hans Wollschläger. In: E.A. Poe: Das gesamte Werk in zehn Bänden. Band 2. Walter Verlag, Olten 1976, S. 915-943, hier: S. 939.
  36. A.a.O., S. 941 f.
  37. J. Lacan: Das Seminar über E.A. Poes „Der entwendete Brief“ (1956). In: Schriften I, S. 35 f.
  38. Als die Goten im Jahr 537 Rom angriffen, verteidigten die Soldaten das Kastell, indem sie die dort aufgestellten Bronzestatuen als Projektile verwendeten.
  39. Marie Bonaparte: Edgar Poe. Eine psychoanalytische Studie. 3 Bände. Internationaler psychoanalytischer Verlag, Wien 1934, Band 2, S. 416; der Einschub in runden Klammern ist im Original.

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