Graf des Begehrens

Mein einzelner Zug

Brockhaus - zu: IchidealDer Große Brockhaus, 16. Auflage in 12 Bänden von 1952-1957. Foto von hier.

Lacan stellt die Identifizierung mit dem Anderen durch folgendes Kürzel dar: I(A), was zu lesen ist als groß I (der Buchstabe I) von groß A, auch zu lesen als „Ichideal“ (idéal du moi).
– Groß A steht für den Anderen – den Anderen in einer symbolischen, also sprachbezogenen Funktion. Dieser Andere ist, bei der Entstehung des Ichideals, zunächst der Andere des Ödipuskomplexes, Vater oder Mutter als Objekt von Liebe und Hass. Der ödipale Konflikt wird dadurch bewältigt, dass die Objektbeziehung in eine Identifizierung umgewandelt wird1, und A steht für den Anderen dieser Identifizierung: für den idealisierten, nicht „kastrierten“ Anderen, für den idealisierten Vater, für die idealisierte Mutter und deren Substitute, sofern die Idealisierung sich darauf bezieht, dass sie „etwas zu sagen haben“, nämlich darüber, was es heißt, ein Mann oder eine Frau zu sein.
– Groß I ist der trait unaire, wörtlich: der Einzelstrich, mit Freud: der „einzige Zug“2, das isolierte Merkmal, das man vom Anderen übernimmt. Wenn von „Identifizierung“ gesprochen wird, geht es unter anderem um solche Merkmalsübernahmen. Lacan spricht zunächst von der „Insignie“, später vom trait unaire, womit Freuds „einziger Zug“ als „einzelner Zug“ sowie als „Einzelstrich“ gedeutet wird – man kann mehrere „einzige Züge“ haben.3

Eine der Formen, die für mich der allwissende Andere angenommen hat, ist das Smartphone, das hatte ich, wie hier geschildert, von S. am Frühstückstisch gelernt. Aber was ist der einzige Zug?

Bei einem Geschwistertreffen über Pfingsten in Hamburg sagte mein Bruder: „Und Rolf hat wieder Rolf gespielt.“ Ich wusste nicht, was er meinte, was ihn wiederum verblüffte. Während der Gespräche war eine Wissensfrage aufgetaucht (ist Risottoreis matschig?), ich hatte mein Smartphone herausgezogen und nachgeschaut. Das also tut Rolf, wenn er Rolf spielt. „Genau wie der Vater“, sagte mein Bruder. Ich verstand wieder nichts.

Meine Geschwister hatten in guter Erinnerung, dass mein Vater während des Mittagessens, wenn eine Wissensfrage auftauchte, zur Empörung meiner Mutter (die gekocht hatte) aufstand, in sein Arbeitszimmer ging, ein Lexikon holte (einen Band des oben abgebildeten zwölfbändigen „Großen Brockhaus“), das Buch auf den Essenstisch legte und daraus vorlas. Diesen Zug meines Vaters hatte ich vergessen, nein: verdrängt, und genau ihn habe ich übernommen. Früher war es ein Buch, dass ich, während ich mit anderen sprach, holte, um etwas nachzuschlagen; heute ziehe ich während des Gesprächs das Smartphone aus der Tasche und tippe einen Suchbefehl ein. Der Zusammenhang hat mich, als meine Geschwister davon erzählten, verblüfft, die Sache war mir ein bisschen peinlich und zugleich fand ich sie komisch; so fühlt sich das häufig an, wenn aus meinem Unbewussten etwas auftaucht.

Der Griff nach dem Wissensspeicher, um sich im Verlauf eines Gesprächs eine Information zu beschaffen, am liebsten während eines gemeinsamen Essens: das ist also der einzige Zug, das Merkmal, das ich, ohne es zu wissen, aus dem Verhalten meines Vaters herausgebrochen und übernommen habe. Der Griff nach dem Smartphone ist I von groß A, das Merkmal (I), durch dessen Übernahme ich mich mit dem allwissenden Anderen (A) identifiziere, mit dem imaginären Vater, und mit dem ich mir die Frage stelle, was es heißt, ein Mann zu sein.4

Kann denn eine Verhaltenssequenz ein Signifikant sein, ein Signifikant im Sinne von Lacan? Aber sicher. Das Verhalten muss nur hinreichend abgegrenzt sein, es muss auftreten oder nicht auftreten können und es muss in Beziehungen der Kombination und Substitution stehen; die Isolierung der Sequenz muss mit einem Überraschungseffekt verbunden sein.

Unter dem trait unaire versteht Lacan auch einen Einzelstrich; eine Serie von traits unaires ergibt eine Serie von senkrechten Strichen, eine Strichliste, siehe hier. Der Griff zum Brockhaus scheint damit nichts zu tun zu haben. Aber nur auf den ersten Blick. Man schaue auf das Foto zu Beginn des Artikels: die Buchrücken sind mit einer Serie von Einzelstrichen markiert.

Die Identifizierung durch Übernahme eines „einzigen Zugs“ besteht, Freud zufolge, in der Kopie eines Symptoms, in seinem Beispiel ist dies ein quälender Husten.5 Muss ich also den Vorgang, dass mein Vater einen Band des „Brockhaus“ auf den Küchentisch legt, als Symptom deuten?

Ich bin mir nicht sicher, aber ganz deutlich bezieht sich der Griff meines Vaters zum Lexikon auf seine „Kastration“. Als mein Gr0ßvater starb, musste mein Vater das Gymnasium verlassen, um für die Familie Geld zu verdienen. Er begann als Hilfsarbeiter und machte eine steile Karriere. Dass er kein Abitur hatte und deshalb nicht studieren konnte, hat er nie verwunden; immer wieder sprach er davon. Mein Vater, ein jähzorniger Tyrann, trug seine Kastration vor sich her: das Fehlen eines Signifikanten, der (in seinen Augen) die Wahrheit garantiert hätte – das Fehlen des Abiturs. Das Abitur ist hier der Signifikant des Mangels im Anderen, S(Ⱥ). Der Griff zum teuren, schönen, schweren Brockhaus war ein Ersatz, ein Platzhalter für diesen Verlust.

À propos: Was ist diese Website anderes als ein Lacan-Brockhaus? Eine Textsammlung, in der man etwas zu Lacan nachlesen kann. Ein Ort,  an dem die Lacan-Brocken hausen. Ein Blog-Haus, wie meine japanische Stiefschwiegertochter sagen würde.

Nachtrag vom 11. Juni 2013: Nachdem ich diesen Artikel ins Netz gestellt habe, erfahre ich am selben Tag aus den Nachrichten, dass der Bertelsmann-Konzern den Brockhaus aufgibt.

Nachtrag 2 vom 21. Juni 2013: Ich frage mich, welchen „einzelnen Zug“ ich von meiner Mutter übernommen habe. Was mir sofort in den Sinn kommt, ist das Wort „Jugend“, genauer: das g darin. Ich spreche das Wort westfälisch aus, „Juchend“, mit einem Reibelaut, wie meine Mutter. Sonst spreche ich kein westfälisches g und schon gar kein westfälisches k (mein Onkel sagte „Pachet“ zum Paket). Das Wort „Tugend“ artikuliere ich spontan und problemlos hochdeutsch, mit einem Verschlusslaut zwischen den Vokalen, einzig bei „Jugend“ gelingt mir das nicht. Das korrekte g kriege ich nur hin, wenn ich einen Anlauf nehme: Ju – Pause –gend.

(„Lass doch der Jugend, der Jugend, der Jugend ihren Lauf“, das ist eines der Lieder meiner Mutter. Sie sang beständig vor sich hin, Volkslieder und Kirchenlieder. Damit sie keine schlechte Laune kriegt, wie sie sagte. Dieses spezielle Lied war offenbar ein Protestsong, gegen den strengen Vater, die strenge Mutter, die strenge Schwester. Das war die Musik meiner frühen Kindheit: kein Radio, keine Schallplatten, sondern die unermüdlichen Selbstaufheiterungsgesänge meiner Mutter. Als sie schon in der Demenz versank, wollte sie, dass man mit ihr diese Lieder sang. Sie erzählte dann strahlend, wie sehr sie von Lehrer Frese ihres Gesangs wegen gelobt worden war. Sie liebte das Kind, das sie in ihrem Singen für ihre Anderen gewesen war, und in ihren Kindern liebte sie dieses Kind.)

(„Juchend“ ist ein Worter meiner lalangue, wie Lacan sagt, der besonderen Sprache, die ich von meiner Mutter bekommen habe und deren Mehrdeutigkeiten mein Unbewusstes bestimmen. In der Sprache meiner Familie gab es nur noch ein weiteres Wort, das mit „juch“ beginnt: „juchzen“ – meine Eltern sagten nicht „jauchzen“, sondern „juchzen“. „Juchzen“ ist ein Lust, eine jouissance, im Übergang zur Sprache, an der Grenze zum Signifikanten. „Juch“: ein Laut, den ich früh erworben habe, und mit dem ich dann als Kind vielleicht versucht habe, die beunruhigende Erfahrung der sexuellen Erregung zu verarbeiten.]

 („Hübsche Mädchen wachsen immer wieder auf“, geht das Lied weiter. Ich erinnere mich, dass ich meine Mutter gefragt habe, was die Zeile bedeutet. Dass die Mädchen alt werden und dann nicht mehr so schön sind und dass immer wieder schöne Mädchen auf die Welt kommen, sagte sie. Das hat mich damals gewundert (und es wundert mich heute noch). Heute weiß ich: Dies ist die Metonymie ihres Begehrens. Und für mich vielleicht eine Stütze beim Übergang von der einzigen Mutter zu einigen Frauen?)

„Jugend“, wenn ich das sage, bin ich ein parlêtre, ein Sprechwesen, ein vom Sprechen meiner Mutter gesprochenes Wesen.6 Der Signifikant „g“ hat sich in den Sand des Fleisches eingeschrieben, wie Lacan es im Rom-Vortrag formuliert.7

Nachtrag 3 vom 25. September 2016

Beim Lesen von Geneviève Morels (brillantem) Buch La loi de la mère kommt mir eine Idee, wie die beiden Enden des Fadens dieses Blogartikels zusammenhängen könnten: die Identifizierung mit dem lexikophilen Vater und die Bindung an das Sprechen und Singen meiner Mutter.8

Die Identifizierung mit dem lexikonlesenden Vater gibt mir die Möglichkeit, mich von der Muttersprache zu trennen („Lalangue“), die vor allem durch Klänge und Mehrdeutigkeiten bestimmt ist („Juchend“) und in der ihre Begehren mitschwingt („hübsche Mädchen wachsen immer wieder auf, lass doch der Jugend ihren Lauf“). Aber nicht nur ihr Begehren, sondern auch ihre spezielle Art des Genießens, das wohl etwas mit der Unaufhörlichkeit ihres Singens zu tun hat. Dann wäre meine Lexikomanie (selbst dieser Blog ist eine Art Lexikon) mein „Sinthom“: ein Bündel von Symptomen, die so arrangiert sind, dass auf der Ebene des Sprechens, Lesens und Schreibens diese Trennung stabilisieren, und die für immer auf das verweisen, wovon die Trennung vollzogen werden soll.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Vgl. S. Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse (1920). In: Ders: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 61-134, hier: S. 99 f.
  2. Vgl. Freud, Masssenpsychologie und Ich-Analyse, a.a.O., S. 100.
  3. Von der Insignie (insigne) spricht Lacan zuerst in Seminar 5, in der Sitzung vom 19. März 1958 (Version Miller/Gondek, S. 349); vgl. auch Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht, Schriften I, S. 220.
    Den Terminus trait unaire verwendet er zuerst in Seminar 9, in der Sitzung vom 6. Dezember 1961.
    Die Gleichsetzung von „Insignie“ und „einziger Zug“ wird von Lacan vorgenommen in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten, Schriften II, S. 192 f.; in der deutschen Übersetzung ist das nicht zu erkennen, da dort insigne von Creusot/Haas falsch mit „Zeichen“ übersetzt wird.
  4. Zum allmächtigen Vater, zum absoluten Herrn als imaginären Vater vgl. Seminar 4, Version Miller/Gondek, S. 324 f.
  5. Vgl. Freud, Massenpsychologie, a.a.O., S. 99.
  6. In Seminar 21 heißt es: „Il n’y a pas de rapport naturel, non pas que s’il était naturel, on pourrait l’écrire, mais que justement on ne peut pas l’écrire parce qu’il n’y a rien de naturel dans le rapport sexuel de cet être qui se trouve moins être parlant qu’être parlé.“ (Sitzung vom 11. Juni 1974, Version Staferla) „Es gibt keine natürliche Beziehung – nicht, dass, wenn sie natürlich wäre, man sie schreiben könnte, sondern dass man sie gerade deshalb nicht schreiben kann, weil es nichts Natürliches gibt in der sexuellen Beziehung dieses Wesens, dass weniger sprechendes als gesprochenes Wesen ist.“ (Meine Übersetzung)
  7. Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse, Schriften I, S. 122
  8. Économica, Anthropos, Paris 2008.
    Die Erleuchtung kam mir beim Lesen von Seite 327 f.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.