Mangel im Anderen

Die Ungerechtigkeit Gottes

Hans Fronius, Hiob - zu: Mangel im AnderenHans Fro­ni­us, Hiob, Krei­de­zeich­nung. Il­lus­tra­ti­on zu Jo­seph Roth: Hiob
Auf­bau Ver­lag, Ber­lin und Wei­mar 1986

Ein In­ter­view mit Pau­la Fre­drik­sen in The Brow­ser macht mich neu­gie­rig auf ein von ihr emp­foh­le­nes Buch von Jack Mi­les: Gott: Eine Bio­gra­phie.1

Mi­les ord­net die bi­bli­schen Schrif­ten in der Rei­hen­fol­ge an, die sie im Ta­nach ha­ben, in der jü­di­schen Bi­bel, und liest die­se Tex­te hin­ter­ein­an­der, so als han­de­le es sich um eine fort­lau­fen­de Ge­schich­te. Das The­ma die­ser Er­zäh­lung ist die Ent­wick­lung ei­ner Per­son na­mens Gott. Wäh­rend sich die­se li­te­ra­ri­sche Fi­gur mit der Mensch­heit im all­ge­mei­nen und mit Is­ra­el im be­son­de­ren her­um­schlägt, ver­än­dert sich auf über­ra­schen­de Wei­se ihr Cha­rak­ter.

Eine von Mi­les‘ Fra­gen lau­tet, so be­rich­tet Fre­drik­sen:

Was wäre, wenn ‚Gott‘ selbst mo­ra­lisch feh­ler­haft wäre? Wenn er selbst mo­ra­lisch ver­sa­gen wür­de? Man muss kein The­ist sein, um die­se Idee ab­so­lut schreck­lich zu fin­den. Und als Er­klä­rung für das Böse ist sie ent­setz­lich.“

Ge­nau da­für steht bei La­can das Kür­zel S(Ⱥ).2

Der Buch­sta­be groß A, ohne Quer­strich, meint den An­de­ren als po­ten­zi­el­len Adres­sa­ten mei­ner For­de­run­gen, den im­pli­zi­ten Hö­rer. Be­zo­gen auf die Ge­schich­te von Jack Mi­les ist der An­de­re der vom Be­ten­den un­ter­stell­te Emp­fän­ger der Ge­be­te.

Das durch­ge­stri­che­ne A, also Ⱥ, ist das Sym­bol für den „Man­gel im An­de­ren“. Die­ser An­de­re ist nicht der vir­tu­el­le Hö­rer, also nicht A. Ge­meint ist viel­mehr der rea­le An­de­re, ein An­de­rer, der vom Spre­chen ge­prägt ist und der des­halb in Be­wusst­sein und Un­be­wuss­tes ge­spal­ten ist. Die Ant­wor­ten die­ses An­de­ren sind rät­sel­haft, denn in ih­nen ma­ni­fes­tiert sich ein ver­dräng­tes Be­geh­ren. Mit Jack Mi­les: „Gott“, der das Ge­setz er­las­sen hat, ist selbst ein Sün­der.

Der Buch­sta­be groß S dient in der For­mel als Ab­kür­zung für „Si­gni­fi­kant“. Im Sym­bol S(Ⱥ) steht S für ei­nen Si­gni­fi­kan­ten, der sich da­durch aus­zeich­net, dass er dem An­de­ren fehlt. Es gibt ei­nen Man­gel im An­de­ren, (Ⱥ), und das, was ihm fehlt, ist ein Si­gni­fi­kant, S. Gott fehlt eine Er­klä­rung für das Böse in der Welt.

Die­se Idee, sagt Fre­drik­sen, ist ent­setz­lich. Mit La­can: Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Man­gel im An­de­ren ist Kern un­se­res Un­be­wuss­ten, das, was am tiefs­ten ver­drängt wor­den ist.

Gibt es Gott? Dazu kann die Psy­cho­ana­ly­se nichts sa­gen. Aber falls es ihn gibt, ist es, in psy­cho­ana­ly­ti­scher Per­spek­ti­ve, der von Jack Mi­les: ein Sün­der ohne Er­lö­ser. In La­cans Spra­che: „Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren.“

Up­date vom 9. März 2013:
Em­pör­te Re­ak­ti­on ei­nes hilfs­be­rei­ten, gläu­bi­gen und theo­lo­gisch ge­schul­ten Be­kann­ten: Willst du etwa sa­gen, für das Elend in der Welt sei Gott ver­ant­wort­lich?
Mei­ne Ant­wort, lei­der nur ge­dacht: Du setzt vor­aus, dass er all­mäch­tig ist.

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Anmerkungen

  1. Han­ser, Mün­chen, Wien 1996, zu­erst USA 1995.
  2. Das Sym­bol S(Ⱥ) wird von La­can in Se­mi­nar 6 ent­wi­ckelt so­wie in dem Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, ei­nem Vor­trag von 1960, der 1966 ver­öf­fent­licht wur­de (Schrif­ten II, S. 165–204).

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