Anspruch und Begehren

Die Metonymie des Begehrens meiner Mutter (und die mutmaßliche Antwort meines Vaters)

Käthe Kollwitz - Frau mit totem Kind (zu Jacques Lacan, Metonymie des Begehren)Kä­the Koll­witz, Frau mit to­tem Kind, 63 x 69 cm, Ra­die­rung, 1903

Wenn mei­ne Mut­ter ei­nes ih­rer Kin­der such­te, spul­te sie meist die gan­ze Ket­te der Na­men ab. Ich hör­te „Han­ne­lo­re Do­ris Klaus Pe­ter Rolf!“ und wuss­te, dass ich ge­meint war. Wenn ich mei­ne Mut­ter dar­auf an­sprach, lach­te sie ver­le­gen; ihr klei­nes Sym­ptom fand ich ko­misch. Jetzt, glau­be ich, habe ich es ver­stan­den.

Die Se­rie der Na­men ist eine Form der sym­bo­li­schen Iden­ti­fi­zie­rung: je­des der Kin­der ist je eins, eins in ei­ner Rei­he.

Das Ru­fen ei­nes Na­mens ist aber mehr als eine Be­nen­nung, es ist ein An­spruch, eine For­de­rung. „Rolf!“ meint „Rolf komm!“ Die­ser An­spruch ist die For­de­rung nach An­we­sen­heit, in La­cans Be­griff­lich­keit: ein Lie­bes­an­spruch. Wenn mei­ne Mut­ter fünf Na­men rief, ließ sie den Lie­bes­an­spruch in Se­rie ge­hen.

Von La­can habe ich ge­lernt, dass eine Fol­ge von For­de­run­gen sich auf ein ver­lo­re­nes Ob­jekt be­zie­hen kann; er nennt das „Me­to­ny­mie des Be­geh­rens“. Dar­in ist jede ein­zel­ne For­de­rung eine Me­ta­pher – ein Er­satz – für das ei­gent­lich an­ge­ziel­te Ob­jekt. Die­ses kann nicht di­rekt be­an­sprucht wer­den, es ist un­auf­heb­bar ver­lo­ren und der Ver­lust ist trau­ma­tisch, er wi­der­setzt sich der In­te­gra­ti­on ins Spre­chen. Das Be­geh­ren nach dem ver­lo­re­nen Ob­jekt ma­ni­fes­tiert sich des­halb in ei­ner Ver­schie­bung von For­de­rung zu For­de­rung, von An­spruch zu An­spruch, eine Be­we­gung, die La­can als Me­to­ny­mie be­zeich­net. Die Me­to­ny­mie des Be­geh­rens be­steht also dar­in, dass ein nicht di­rekt ar­ti­ku­lier­ba­res Be­geh­ren nach ei­nem ver­lo­re­nen Ob­jekt sich in ei­nem Ob­jekt­wech­sel ma­ni­fes­tiert, in ei­ner Se­rie von Lie­bes­an­sprü­chen, die al­le­samt ei­nen Er­satz dar­stel­len.1

Mei­ne Mut­ter hat­te zwei wei­te­re Kin­der, Jür­gen und Ul­rich. Bei­de wa­ren ge­stor­ben, das ers­te di­rekt nach der Ge­burt, das zwei­te, als es ein Jahr alt war. Wenn mei­ne Mut­ter im­mer wie­der die Fol­ge der Na­men hö­ren ließ – wenn sich die Se­rie der Lie­bes­an­sprü­che wie­der­hol­te –, rief sie, so neh­me ich an, die ver­lo­re­nen Jungs auf Nim­mer­land, die Kin­der, die sie nicht mehr ru­fen konn­te.

La­can for­ma­li­siert die Me­to­ny­mie so:

f (S … Sꞌ) S ≅ S (–) s

f: Funk­ti­on
S, Sꞌ: Si­gni­fi­kant
≅: ist kon­gru­ent mit, deckt sich mit
(–): Auf­recht­erhal­ten der Sper­re
s: Si­gni­fi­kat

Die For­mel ist so zu le­sen: Eine der Funk­tio­nen [f] des Si­gni­fi­kan­ten [das S rechts ne­ben der ers­ten Klam­mer] be­steht dar­in, eine Ket­te von Si­gni­fi­kan­ten zu bil­den [(S … Sꞌ)]; dies ent­spricht dem [≅], dass der Si­gni­fi­kant [das S rechts ne­ben ≅] da­für sorgt , dass eine Be­deu­tung [s] ver­sperrt bleibt, un­zu­gäng­lich bleibt [(–)].2

Das Ru­fen mei­ner Mut­ter lässt sich so for­ma­li­sie­ren:

f (Han­ne­lor Do­ris Klaus Pe­ter Rolf!) S ≅ S (–) Jürgen&Ulrich

An­ders ge­sagt: Die Funk­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten, eine Ket­te von Ruf­na­men zu bil­den, näm­lich „Han­ne­lo­re Do­ris Klaus Pe­ter Rolf“, ent­spricht dem, dass der Si­gni­fi­kant da­für sorgt, dass eine Be­deu­tung un­zu­gäng­lich bleibt, näm­lich „Jür­gen und Ul­rich“.

Wäh­rend ih­rer De­menz hielt mei­ne Mut­ter be­stän­dig eine Pup­pe im Arm, die sie um kei­nen Preis her­ge­ben woll­te, in der Spra­che der Psy­cho­ana­ly­se: ein Über­gangs­ob­jekt – ein Ob­jekt, das zwar von ihr ge­trennt war, das ihr aber nicht ver­lo­ren ge­hen konn­te.

Auch mein Va­ter hat­te es eine Zeit­lang mit dem Ru­fen, nicht in Ge­stalt ei­nes Sym­ptoms, son­dern ei­nes be­wusst ze­le­brier­ten spie­le­ri­schen Ri­tu­als. Wenn er von der Ar­beit nach Hau­se kam, such­te er nach mei­nem Bru­der Klaus, der da­mals das jüngs­te Kind war und „Tau­ni“ ge­nannt wur­de. Mein Va­ter zog also re­gel­mä­ßig durch die Woh­nung und rief in ge­spielt jam­mern­dem Ton: „Wo ist der Tau­ni? Ach wo ist denn mein Tau­ni?“ Die Auf­füh­rung en­de­te im­mer da­mit, dass er sei­nen Sohn in die Arme schloss und sag­te: „Ach, da ist ja mein Tau­ni!“

Viel­leicht war die­se Va­ri­an­te des Fort-Da-Spiels eine Ant­wort auf das Be­geh­ren mei­ner Mut­ter. Viel­leicht woll­te mein Va­ter, ohne es zu wis­sen, mei­ner Mut­ter et­was si­gna­li­sie­ren. Viel­leicht woll­te er ihr (und sich selbst) da­mit sa­gen: Es sind doch alle da. Nichts von dem, was ich dir ge­ge­ben habe, ist ver­lo­ren ge­gan­gen.

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Anmerkung

  1. Das Kon­zept der Me­to­ny­mie des Be­geh­rens ent­wi­ckelt La­can in dem Auf­satz Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957): Denn das Sym­ptom ist eine Me­ta­pher (…), wie das Be­geh­ren eine Me­t­o­ny­mie ist (…).“ (Jac­ques La­can, Schrif­ten II, S. 55) Die ge­naue For­mu­lie­rung „Me­to­ny­mie des Be­geh­rens“ ver­wen­det er in Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht (Vor­trag von 1958, der 1961 ver­öf­fent­licht wur­de): „Im­mer schon und lan­ge vor Freud ha­ben die Psy­cho­lo­gen, wenn sie sich auch nicht in die­sen Wen­dun­gen aus­ge­drückt ha­ben, ge­wußt, daß, wenn das Be­geh­ren die Me­to­ny­mie des Seins­ver­feh­lens ist, das Ich die Me­to­ny­mie des Be­geh­rens ist.“ (Schrif­ten I, S. 233)
  2. Vgl. Das Drän­gen des Buch­sta­bens, Schrif­ten II, S. 40 f.
    Hilf­reich zur Ent­zif­fe­rung der For­mel ist: Jean-Luc Nan­cy, Phil­ip­pe La­coue-La­bart­he: Le tit­re de la lett­re. (Une lec­tu­re de La­can). Ga­li­lée, Pa­ris 1973, S. 99 f.

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