Phallus

Kastration – Frustration – Privation

riot_hero_s200_mark.olynciwSi­gnet von Riot Hero ali­as Marc Olyn­ciw

Im vo­ri­gen Blog­ein­trag habe ich das trau­ri­ge Los der Sei­te nosubject.com mit dem Be­griff der Kas­tra­ti­on zu­sam­men­ge­bracht. War das un­vor­sich­tig? Han­delt es sich nicht eher um eine Frus­tra­ti­on? Oder um eine Pri­va­ti­on? Wor­in un­ter­schei­den sich Kas­tra­ti­on, Frus­tra­ti­on und Pri­va­ti­on?

Lacans Tabelle

Wie man sich mit ei­nem Klick auf die Sei­te nosubject.com leicht hät­te über­zeu­gen kön­nen, wenn sie nicht vom Schick­sal er­eilt wor­den wäre, be­greift La­can Frus­tra­ti­on, Pri­va­ti­on und Kas­tra­ti­on als drei Ar­ten von man­gel-er­zeu­gen­den Ak­tio­nen, die von drei Ar­ten von Ak­teu­ren voll­zo­gen wer­den und drei Ar­ten von feh­len­den Ob­jek­ten her­vor­brin­gen.

AGENTMANGELOBJEKT
Rea­ler Va­terSym­bo­li­sche Kas­tra­ti­onIma­gi­nä­rer Phal­lus
Sym­bo­li­sche Mut­terIma­gi­nä­re Frus­tra­ti­onRea­le Brust
Ima­gi­nä­rer Va­terRea­le Pri­va­ti­onSym­bo­li­scher Phal­lus

Die Kas­tra­ti­on ist die sym­bo­li­sche Ak­ti­on ei­nes rea­len Ak­teurs, die sich auf ein ima­gi­nä­res Fehl­ob­jekt be­zieht. Die Frus­tra­ti­on ist die ima­gi­nä­re Ak­ti­on ei­nes sym­bo­li­schen Ak­teurs im Ver­hält­nis zu ei­nem rea­len Fehl­ob­jekt. Und die Pri­va­ti­on ist die rea­le Ak­ti­on ei­nes ima­gi­nä­ren Ak­teurs in Be­zie­hung zu ei­nem sym­bo­li­schen Fehl­ob­jekt.1

La­can stellt die­se Un­ter­schei­dung in dem Se­mi­nar Die Ob­jekt­be­zie­hung vor. Kas­tra­ti­on, Frus­tra­ti­on und Pri­va­ti­on sind drei un­ter­schied­li­che Ob­jekt­be­zie­hun­gen.

Die Bezugspunkte bei Freud

Die Un­ter­schei­dung von Frus­tra­ti­on, Pri­va­ti­on und Kas­tra­ti­on stützt sich auf Freuds The­sen über den Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes.

Eine mög­li­che Ur­sa­che ist

das Aus­blei­ben der er­hoff­ten Be­frie­di­gung, die fort­wäh­ren­de Ver­sa­gung des ge­wünsch­ten Kin­des.“2

Ver­sa­gung“ wird mit frus­tra­ti­on ins Eng­li­sche über­setzt. Freud zu­fol­ge spielt beim Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes die­ser Um­stand nur eine ge­rin­ge Rol­le.

Ein zwei­te be­stim­men­de Grö­ße ist, im Fal­le des Jun­gen, die Kas­tra­ti­ons­dro­hung, aus­ge­spro­chen als Stra­fe für die Mas­tur­ba­ti­on oder für das Bett­näs­sen; sie wird meist von Frau­en vor­ge­bracht, der Mut­ter oder der Kin­der­pfle­ge­rin, aber häu­fig dem Va­ter zu­ge­schrie­ben.3 Der Jun­ge schenkt die­ser Dro­hung zu­nächst kei­nen Glau­ben und kei­nen Ge­hor­sam.4

Ein drit­ter Fak­tor ist die Be­ob­ach­tung des weib­li­chen Ge­ni­ta­les.

Ir­gend ein­mal be­kommt das auf sei­nen Pe­nis­be­sitz stol­ze Kind die Ge­ni­tal­re­gi­on ei­nes klei­nen Mäd­chens zu Ge­sicht und muß sich von dem Man­gel ei­nes Pe­nis bei ei­nem ihm so ähn­li­chen We­sen über­zeu­gen.“5

Der Man­gel ei­nes Pe­nis, das ist, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie, die Pri­va­ti­on.

Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes be­ruht beim Jun­gen auf dem Zu­sam­men­wir­ken von Kas­tra­ti­ons­dro­hung und be­ob­ach­te­tem Pe­nis­man­gel. Freud nimmt zu­nächst an, dass der Pe­nis­man­gel (die Pri­va­ti­on) der ent­schei­den­de Fak­tor ist:

Da­mit ist auch der ei­ge­ne Pe­nis­ver­lust vor­stell­bar ge­wor­den, die Kas­tra­ti­ons­dro­hung ge­langt nach­träg­lich zur Wir­kung.“6

Spä­ter sieht er es ver­wi­ckel­ter: Zu­nächst wird die Pe­nis­lo­sig­keit be­ob­ach­tet, ohne gro­ße Fol­gen.

Erst spä­ter, wenn eine Kas­tra­ti­ons­dro­hung auf ihn Ein­fluß ge­won­nen hat, wird die­se Be­ob­ach­tung für ihn be­deu­tungs­voll wer­den; ihre Er­in­ne­rung oder Er­neue­rung regt ei­nen fürch­ter­li­chen Af­fekt­sturm in ihm an und un­ter­wirft ihn dem Glau­ben an die Wirk­lich­keit der bis­her ver­lach­ten An­dro­hung.“7

Dem­nach voll­zieht sich der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes in vier Pha­sen:
(1) Der Jun­ge be­ob­ach­tet die Pe­nis­lo­sig­keit (die Pri­va­ti­on) des Mäd­chens, ohne Fol­gen,
(2) er wird zum Ziel­punkt der Kas­tra­ti­ons­dro­hung, eben­falls ohne Fol­gen, sie wird von ihm ver­lacht,
(3) die Kas­tra­ti­ons­dro­hung be­kommt ei­nen ge­wis­sen Ein­fluss auf ihn, ohne dass er sie be­reits glaubt,
(4) die Er­in­ne­rung an den be­ob­ach­te­ten Pe­nis­man­gel wird ak­ti­viert, was dazu führt, dass er der Dro­hung Glau­ben schenkt.

Frustration

Für La­can ist der Agent der Frus­tra­ti­on ein sym­bo­li­scher Ak­teur; er voll­zieht eine ne­gie­ren­de Ak­ti­on in der ima­gi­nä­ren Di­men­si­on; die­se Ak­ti­on führt zum Man­gel ei­nes rea­len Ob­jekts – dazu, dass ein rea­ler Ge­gen­stand, der eine Be­dürf­nis­be­frie­di­gung er­mög­li­chen wür­de, nicht zur Ver­fü­gung steht.
– Im Ödi­pus­kom­plex ist der Ak­teur der Frus­tra­ti­on die sym­bo­li­sche Mut­ter, d.h. Mut­ter, auf die sich das Kind un­ter dem Ge­sichts­punkt be­zieht, dass sie an­we­send oder ab­we­send ist.
– Die Frus­tra­ti­on ist eine ima­gi­nä­re Ak­ti­on, in­so­fern von ihr ein An­spruch auf Be­dürf­nis­be­frie­di­gung und da­mit auf Lie­be zu­rück­ge­wie­sen wird, der kei­nem Ge­setz un­ter­liegt, dass er „maß­los“ ist, wie Freud sagt, und in die­sem Sin­ne ima­gi­när ist.
– Das feh­len­de Ob­jekt ist die Brust, in­so­fern sie Milch spen­det, je­doch un­er­reich­bar ist.

Die Frus­tra­ti­on be­steht also dar­in, dass das Kind sich an die Mut­ter wen­det, die es als ein We­sen wahr­nimmt, das kommt und geht; dass es For­de­run­gen an sie rich­tet, die durch kein Ge­setz re­gu­liert wer­den und dass die­se For­de­run­gen nicht er­füllt wer­den; was zur Fol­ge hat, dass ihm zu sei­ner Be­dürf­nis­be­frie­di­gung ein Ob­jekt fehlt: die Brust.

Im Fal­le von nosubject.com ist der sym­bo­li­sche Agent der Pro­vi­der, in­so­fern er als An­spruchs­be­rech­tig­ter in­ter­ve­niert, als In­stanz, die dar­auf be­steht, dass ein Ver­trag ein­ge­hal­ten wird. Die zu­rück­ge­wie­se­ne For­de­rung, die kei­nem Ge­setz un­ter­liegt, ist der An­spruch des Be­trei­bers der Web­site, der Pro­vi­der möge ihm Spei­cher­platz auch ohne Zah­lung zur Ver­fü­gung stel­len: „and so I couldn’t afford/refused to pay them for a few mon­ths“. Die Zu­rück­wei­sung die­ses An­spruchs führt zum Feh­len ei­nes rea­len Ob­jekts, zum Man­gel an Webs­pace, mit der Fol­ge, dass der Spei­cher­platz­be­darf des Be­trei­bers un­be­frie­digt bleibt.

Privation

Un­ter der Pri­va­ti­on ver­steht La­can die ne­gie­ren­de Ak­ti­on ei­nes ima­gi­nä­ren Agen­ten; die­se Hand­lung voll­zieht sich in der rea­len Di­men­si­on, sie re­du­ziert sich nicht auf die Ord­nung der Bil­der und der Wor­te; das feh­len­de Ob­jekt hat im Fal­le der Pri­va­ti­on sym­bo­li­schen Cha­rak­ter, es be­ruht auf der Struk­tur des Plat­zes, an dem et­was ab­we­send oder an­we­send sein kann.
– Im Ödi­pus­kom­plex ist der pri­vie­ren­de Ak­teur der Va­ter. Er ist ima­gi­när, in­so­fern er für das Kind der Ri­va­le ist, der, als Trä­ger des Phal­lus, von der Mut­ter dem Kind vor­ge­zo­gen wird. Als sol­cher wird er zum idea­li­sier­ten all­mäch­ti­gen Va­ter, der ge­fürch­tet und ver­ehrt wird. Auf die­ser Grund­la­ge wird sich (in ei­ner Pha­se, die in der Ta­bel­le nicht dar­ge­stellt wird) das Ichi­de­al her­aus­bil­den, das dem Jun­gen sagt, was es heißt, ein Mann zu sein.8
– Der Akt der Pri­va­ti­on be­steht dar­in, dass der Mut­ter (die vom Kind zu­nächst als phal­li­sche Mut­ter be­grif­fen wird) ge­wis­ser­ma­ßen der Phal­lus ge­raubt wird und sie als pe­nis­los auf­ge­fasst wird.
– Das Ob­jekt ist der sym­bo­li­sche Phal­lus, d.h. der Phal­lus, in­so­fern er im Sche­ma der Al­ter­na­ti­ve von Ab­we­sen­heit und An­we­sen­heit funk­tio­niert. Bei ge­lin­gen­der Nor­ma­li­sie­rung kom­men bei­de Ge­schlech­ter zu der Auf­fas­sung, dass Frau­en ihn nicht ha­ben und Män­ner ihn ha­ben. Der Phal­lus, um den es hier­bei geht, ist in­so­fern sym­bo­lisch, als das Rea­le mit ei­nem Ras­ter von Plät­zen über­zo­gen wer­den muss (an de­nen et­was da oder weg sein kann), da­mit der Pe­nis im Sche­ma von Ab­we­sen­heit und An­we­sen­heit funk­tio­nie­ren kann. Die­se Platz­struk­tur fun­diert das Sym­bo­li­sche, sie liegt der Spra­che zu­grun­de.

Die Pri­va­ti­on voll­zieht sich also der­art, dass der Va­ter in die Be­zie­hung zwi­schen der Mut­ter und dem Kind ein­greift, als Ri­va­le, der von der Mut­ter vor­ge­zo­gen wird; er in­ter­ve­niert auf eine Wei­se, die zur Fol­ge hat, dass die Mut­ter den Phal­lus ver­liert, den das Kind ihr zu­ge­schrie­ben hat­te; hier­durch ent­steht der sym­bo­li­sche Phal­lus, d.h. der Pe­nis, der un­ter dem Ge­sichts­punkt von An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit funk­tio­niert: die Mut­ter wird zu der­je­ni­gen, die ihn nicht hat, der Va­ter zu dem­je­ni­gen, der ihn hat. Beim Jun­gen wie beim Mäd­chen, be­ruht die Über­nah­me der Po­si­ti­on, den Phal­lus zu ha­ben bzw. nicht zu ha­ben, auf dem Ver­hält­nis zum ima­gi­nä­ren Va­ter, zum Va­ter als Ichi­de­al.

Be­din­gung für die Über­nah­me der Po­si­ti­on, den Phal­lus zu ha­ben oder nicht zu ha­ben, ist die Kas­tra­ti­on: auch für den Jun­gen muss es, um den Phal­lus zu ha­ben, ei­nen Mo­ment ge­ge­ben ha­ben, in dem er ihn nicht hat­te.

Im Fal­le von nosubject.com ist der ima­gi­nä­re Ak­teur der Pro­vi­der, in­so­fern sich der Be­trei­ber der Web­site mit ihm in ei­nen Kampf ver­wi­ckelt, bei dem es dar­um geht, wer der Stär­ke­re ist. Die rea­le Ak­ti­on des Pro­vi­ders be­steht dar­in, dass er die Da­tei­en der Web­site – lei­der! – phy­sisch zum Ver­schwin­den bringt. Das sym­bo­li­sche Ob­jekt ist eine Leer­stel­le: das La­can-Wör­ter­buch ist nicht da, es fehlt an sei­nem Platz. Auf das ab­we­sen­de Ob­jekt ver­weist an der Leer­stel­le ein Stell­ver­tre­ter: „I’m sor­ry that the site has been down for a few mon­ths …“

Kastration

Die Kas­tra­ti­on ist für La­can die ne­gie­ren­de Ak­ti­on ei­nes rea­len Agen­ten; die­se Ak­ti­on ist in­so­fern sym­bo­lisch, als sie eine Stra­fe für die Über­tre­tung des Ge­set­zes ist und eine Schuld er­zeugt. Das feh­len­de Ob­jekt ist ima­gi­när, es fun­giert vor dem Hin­ter­grund des Kör­per­bilds.
– Im Ödi­pus­kom­plex ist der Agent der Kas­tra­ti­on der rea­le Va­ter. Da­mit ist zu­nächst ge­meint, dass die Kas­tra­ti­on kei­ne blo­ße Phan­ta­sie­vor­stel­lung ist; sie be­ruht auf dem Han­deln ei­nes be­stimm­ten In­di­vi­du­ums; die­ser Ein­griff kann aus­fal­len, was neu­ro­ti­sie­ren­de Fol­gen hat.9 Mit dem „rea­len Va­ter“ ist dar­über hin­aus der Va­ter ge­meint, in­so­fern er in der Lage ist, die Mut­ter se­xu­ell zu be­frie­di­gen und ihr ein Kind zu ma­chen.10

Die Kas­tra­ti­ons­dro­hung wird häu­fi­ger von der Mut­ter oder der Kin­der­pfle­ge­rin aus­ge­spro­chen als vom Va­ter; dem rea­len Va­ter wird sie vom Kind zu­ge­schrie­ben, sei­ne Agen­ten­schaft ist eine At­tri­bu­ti­ons­leis­tung des Kin­des.
– Sei­ne Ak­ti­on spielt sich im sym­bo­li­schen Re­gis­ter ab, es han­delt sich bei ihr um eine (an­ge­kün­dig­te) Stra­fe, um die Sank­ti­on für das Über­tre­ten des Ge­set­zes, des Mas­tur­ba­ti­ons­ver­bots, letzt­lich aber des In­zest­ver­bots.11 Die­se Stra­fe be­zieht sich auf eine Schuld.
– Die Kas­tra­ti­on führt zum Feh­len des Pe­nis qua ima­gi­nä­rer Phal­lus. Der ab­ge­schnit­te­ne Pe­nis ist eine blo­ße Vor­stel­lung. Die Ab­we­sen­heit des Pe­nis wird als Ver­stüm­me­lung auf­ge­fasst, das Feh­len wird vor dem Hin­ter­grund des voll­ständ­gen Kör­per­bil­des ge­deu­tet. Beim Jun­gen hat die Angst um die­sen Kör­per­teil nar­ziss­ti­schen Cha­rak­ter, wie Freud sagt12; für das Mäd­chen ist die Pe­nis­lo­sig­keit, mit Freud ge­spro­chen, eine „nar­ziß­ti­sche Wun­de“.13

Bei der Kas­tra­ti­on geht es also dar­um, dass dem Va­ter, in­so­fern er mit der Mut­ter schläft, eine be­stimm­te Dro­hung zu­ge­schrie­ben wird; die­se Dro­hung kün­digt eine Stra­fe an, für die Über­tre­tung ei­nes Ge­set­zes, das sich auf das Ver­hält­nis zur Mut­ter be­zieht; die Stra­fe be­steht, die­ser Vor­stel­lung zu­fol­ge, in ei­ner kör­per­li­chen Ver­stüm­me­lung, in der Ent­fer­nung des Pe­nis.

Der Pro­vi­der in­ter­ve­niert als rea­ler Agent, in­so­fern er den Zu­gang zu ei­ner Rei­he von Ser­vern phy­sisch kon­trol­liert. Das Lö­schen der Da­ten ist eine Sank­ti­on für das Nicht­be­glei­chen der von ihm aus­ge­stell­ten Rech­nung und da­mit eine Ak­ti­on im sym­bo­li­schen Raum des Tauschs, der Re­zi­pro­zi­tät von Gabe und Ge­gen­ga­be, wo­bei der Tausch hier die Form des Kau­fens und Ver­kau­fens an­ge­nom­men hat, ge­nau­er: des Mie­tens und Ver­mie­tens.14

Drei Agen­ten also:
– der rea­le Ak­teur agiert als Kör­per, der in der Lage ist, se­xu­ell zu be­frie­di­gen und Kin­der zu zeu­gen,
– der sym­bo­li­sche Agent in­ter­ve­niert als je­mand, der an­we­send oder ab­we­send ist oder als In­ha­ber von Rech­ten,
– der ima­gi­nä­re Agent ist der Ri­va­le, der stär­ker oder schwä­cher ist als sein Geg­ner.
Die Un­ter­schei­dun­gen sind funk­tio­nal, ein und das­sel­be In­di­vi­du­um kann alle drei Funk­tio­nen rea­li­sie­ren.

Drei Hand­lungs­ar­ten, die ei­nen Man­gel her­bei­füh­ren:
– die (rea­le) Pri­va­ti­on: die Her­bei­füh­rung ei­nes Feh­lens in be­zug auf den Kör­per,
– die (sym­bo­li­sche) Kas­tra­ti­on: Be­stra­fung we­gen Über­tre­tung ei­nes Ge­set­zes und da­mit die Eta­blie­rung ei­ner Schuld,
– die (ima­gi­nä­re) Frus­tra­ti­on: die Nicht-Be­frie­di­gung ei­ner For­de­rung jen­seits des Ge­set­zes.

Drei Ar­ten von feh­len­den Ob­jek­ten:
– das rea­le Fehl­ob­jekt: ein Ob­jekt, das der Be­dürf­nis­be­frie­di­gung dient, je­doch fehlt,
– das sym­bo­li­sche Fehl­ob­jekt: ein Ob­jekt, das an ei­ner be­stimm­ten Stel­le ab­we­send oder an­we­send sein kann und bei ei­ner be­stimm­ten Per­so­nen­grup­pe fehlt,
– das ima­gi­nä­re Fehl­ob­jekt: eine phan­ta­sier­te Ver­stüm­me­lung vor der Hin­ter­grund der Ganz­heit­lich­keit des Kör­per­bil­des.

Gibt es im Fal­le von nosubject.com eine Ent­spre­chung zum feh­len­den ima­gi­nä­ren Ob­jekt, zum Phal­lus? Man müss­te wis­sen, wel­ches Bild der Be­trei­ber der Sei­te von sich hat, wie er sich selbst auf der iko­ni­schen Ebe­ne er­scheint, im Re­gis­ter der Bil­der des ei­ge­nen Kör­pers. Auf den Sei­ten academia.edu und Face­book wird man fün­dig. Man er­fährt hier, dass Riot Hero, der Be­trei­ber von ehe­mals nosubject.com, im bür­ger­li­chen Le­ben Mark Olyn­ciw heißt. Und man be­kommt ein Kör­per­bild; auf die­sen Sei­ten prä­sen­tiert er sich in fol­gen­der Ge­stalt:riot_hero_s200_mark.olynciw

Das Si­gnet er­freut den Be­trach­ter dem Bild ei­ner kul­tu­rell eta­blier­te Po­tenz-Iko­ne, mit ei­nem ima­gi­nä­ren Phal­lus.

riot_hero_ausschnitt_penistascheFalls man sich traut, ge­nau­er hin­zu­schau­en, er­blickt man au­ßer­dem ei­nen Pe­nis, ge­nau­er, eine Schlauch- oder Pe­nis­ta­sche: das ist das klei­ne schwar­ze Drei­eck, dem ge­wis­ser­ma­ßen zwei Hör­ner auf­ge­setzt sind, so dass sich eine Art An­ti­lo­pen­kopf er­gibt, der an Höh­len­zeich­nun­gen er­in­nert.

– Ein Pfer­de­pe­nis sieht für mich an­ders aus, SEHR VIEL GRÖSSER, der soll da drin sein? sagt S.

Das Pe­nis­fut­te­ral dient hier als „Schlei­er“, wie La­can es nennt, als Hül­le, in Be­zug auf die man sich fragt, ob der Phal­lus sich da­hin­ter ver­birgt oder nicht; er fun­giert da­mit als Schirm, auf den das Bild des aus­ge­fah­re­nen und eri­gier­ten Or­gans pro­ji­ziert wird und zu­gleich die Mög­lich­keit sei­nes Feh­lens.15

Also ein Dop­pel­phal­lus.

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Anmerkungen

  1. Vgl. La­can, Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 67, 235, 317 (auf die­ser Sei­te fin­det man die im Ar­ti­kel wie­der­ge­ge­be­ne Ta­bel­le); Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 200.
  2. S. Freud: Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 245.
  3. Freud: „So wird (vom Mäd­chen) z.B. spä­ter ein­mal die Tat­sa­che der Kas­tra­ti­on als Stra­fe für die ona­nis­ti­sche Be­tä­ti­gung auf­ge­faßt, de­ren Aus­füh­rung aber dem Va­ter zu­ge­scho­ben, was bei­des ge­wiß nicht ur­sprüng­lich sein kann. Auch der Kna­be be­fürch­tet die Kas­tra­ti­on re­gel­mä­ßig von sei­ten des Va­ters, ob­wohl auch bei ihm die Dro­hung zu­meist von der Mut­ter aus­geht.“ (Über die weib­li­che Se­xua­li­tät (1931). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 283.)
  4. Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes, a.a.O., S. 246 f.
  5. Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes, a.a.O., S. 247.
  6. Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes, a.a.O., S. 247.
  7. S. Freud: Ei­ni­ge psy­chi­sche Fol­gen des ana­to­mi­schen Ge­schlechts­un­ter­schieds (1925). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 260 f.
  8. Vgl. Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 201, 227 f.
  9. Vgl. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 261 f.
    Die Gleich­set­zung des rea­len Va­ters mit dem Va­ter als tat­säch­lich Han­deln­dem fin­det man in Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se, Schrif­ten I, S. 119.
  10. Für die­se Deu­tung des Be­griffs „rea­ler Va­ter“ stüt­ze ich mich auf fol­gen­de Be­mer­kun­gen La­cans:
    In Se­mi­nar 3 cha­rak­te­ri­siert er den rea­len Va­ter, in Ab­gren­zung vom ima­gi­nä­ren und vom sym­bo­li­schen Va­ter, durch „die rea­le Funk­ti­on des Va­ters bei der Fort­pflan­zung“, Ver­si­on Miller/Turnheim, S. 252.
    In Se­mi­nar 4 heißt es: „In ge­nau die­sem Sta­di­um kommt es ((im Fall der jun­gen Ho­mo­se­xu­el­len)), wenn man das so sa­gen kann, zu dem schick­sal­haf­ten Au­gen­blick, in dem der Va­ter im Rea­len in­ter­ve­niert, um der Mut­ter ein Kind zu ge­ben“ (Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 155).
    Und au­ßer­dem: „Die drit­te Zeit ((des Ödi­pus­kom­ple­xes)) ist die­ses – der Va­ter kann der Mut­ter das ge­ben, was sie be­gehrt, und kann es ihr ge­ben, weil er es hat ((näm­lich den Phal­lus)). Hier kommt also die Tat­sa­che der Po­tenz im ge­ni­ta­len Sin­ne des Wor­tes her­ein – sa­gen wir, daß der Va­ter ein po­ten­ter Va­ter ist. Des­we­gen geht die Be­zie­hung der Mut­ter zum Va­ter wie­der auf die rea­le Ebe­ne über.“ (Se­mi­nar 5, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 227) Die rea­le Ebe­ne ist dem­nach die Ebe­ne der Be­geg­nung der Kör­per im Ko­itus.–
  11. Freud: „Wir neh­men an, daß die­se Ona­nie (des Kin­des) am Ödi­pus­kom­plex hängt und die Ab­fuhr sei­ner Se­xu­al­erre­gung be­deu­tet. Ob sie von An­fang an die­se Be­zie­hung hat oder nicht viel­mehr spon­tan als Or­gan­be­tä­ti­gung auf­tritt und erst spä­ter den An­schluß an den Ödi­pus­kom­plex ge­winnt, ist un­si­cher; die letz­te­re Mög­lich­keit ist die weit­aus wahr­schein­li­che­re.“ Ei­ni­ge psy­chi­sche Fol­gen des ana­to­mi­schen Ge­schlechts­un­ter­schieds, a.a.O., S. 259.
  12. Freud: „Wenn die Lie­bes­be­frie­di­gung auf dem Bo­den des Ödi­pus­kom­ple­xes den Pe­nis kos­ten soll, so muß es zum Kon­flikt zwi­schen dem nar­ziß­ti­schen In­ter­es­se an die­sem Kör­per­tei­le und der li­bi­di­nö­sen Be­set­zung der el­ter­li­chen Ob­jek­te kom­men. In die­sem Kon­flikt siegt nor­ma­ler­wei­se die ers­te­re Macht; das Ich des Kin­des wen­det sich vom Ödi­pus­kom­plex ab.“ Der Un­ter­gang des Ödi­pus­kom­ple­xes, a.a.O., S. 248.
  13. Ei­ni­ge psy­chi­sche Fol­gen des ana­to­mi­schen Ge­schlechts­un­ter­schieds, a.a.O.,S. 261.
  14. Der Tausch ist in­so­fern eine sym­bo­li­sche Struk­tur, als er auf ei­ner Buch­hal­tung be­ruht: das Ob­jekt, das ge­ge­ben wird, wird durch die­ses Ab­we­send­ma­chen für den Ge­ben­den nicht voll­stän­dig ge­tilgt – es ist kein Ge­schenk –, sei­ne Ab­we­sen­heit be­grün­det viel­mehr ein An­recht auf die An­we­sen­heit ei­ner Ge­gen­ga­be.
  15. Zur Funk­ti­on des Schlei­ers oder Vor­hangs vgl. Se­mi­nar 4, Sit­zung vom 30. Ja­nu­ar 1957.

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