Begehren

… só portugueses conseguem senti-las bem

Almeida Júnior, Saudade, 1899 - zu: Anspruch und Begehren José Fer­raz de Al­mei­da Jú­ni­or, Sau­dade, 1899
Öl auf Lein­wand, 197 x 101 cm, Pi­n­acote­ca do Esta­do de São Pau­lo

Aus ei­nem Ar­ti­kel von Ka­rim Sad­jad­pour über den Schah-Sohn Ali­re­za Pahl­avi, der sich am 4. Ja­nu­ar er­schos­sen hat, ler­ne ich das Wort für die por­tu­gie­sisch-bra­si­lia­nisch-ira­ni­sche Va­ri­an­te des Be­geh­rens:

Ira­ni­ans, it was once said, are aff­lic­ted by a uni­que strain of me­lan­cho­ly: Tho­se who live in Iran dream of lea­ving, while tho­se who were exi­led dream of go­ing back. […] Ali­re­za Pahlavi’s ge­ne­ra­ti­on of uproo­ted Ira­ni­ans – young ado­le­scents at the time of the re­vo­lu­ti­on – were of­ten af­fec­ted more pro­found­ly than tho­se who were too young to re­mem­ber, or old en­ough to cope. Three de­ca­des la­ter, many still strugg­le to find their be­a­rings. They nego­tia­te what Bra­zi­li­ans would re­fer to as sau­dade, a deep lon­ging for so­me­thing that is un­at­tain­ab­le.“

Fer­nan­do Pes­soa be­haup­te­te:

Sau­dades, só por­tu­gue­ses
Con­se­guem sen­ti-las bem.
Por­que têm essa pa­lav­ra
para di­zer que as têm.

Sau­dades, nur Por­tu­gie­sen
kön­nen die­ses Ge­fühl ken­nen.
Weil nur sie die­ses Wort be­sit­zen,
um es wirk­lich beim Na­men zu nen­nen.

Der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Be­geh­ren und dem Si­gni­fi­kan­ten war für ihn also glas­klar. Der Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel zum The­ma macht mir klar:

Sau­dade ist auch kei­ne per se ne­ga­tiv be­wer­te­te Stim­mung, son­dern wird im Fado, dem por­tu­gie­si­schen Chan­son, her­bei­ge­sehnt.“

Das Be­geh­ren ist  re­fle­xiv, es ist Be­geh­ren nach dem Be­geh­ren. Und es stützt sich im Fado auf das Sin­gen, also auf das Spre­chen, im oben wie­der­ge­ge­be­nen Ge­mäl­de auf das Schrei­ben: auf ei­nen Brief.

Das ist ja wie Faust“, sagt F. und zeigt mir die Stel­le in ei­nem Ar­beits­blatt ih­res Deutsch-Grund­kur­ses:

Was man nicht hat, das eben brauch­te man
Und was man hat, kann man nicht brau­chen.“

Heißt im Ori­gi­nal al­ler­dings an­ders:

O glück­lich, wer noch hof­fen kann,
Aus die­sem Meer des Irr­tums auf­zu­tau­chen!
Was man nicht weiß, das eben brauch­te man,
Und was man weiß, kann man nicht brau­chen.“
(Goe­the, Faust I, Sze­ne „Vor dem Tor“)

Und so fin­de ich un­ver­hofft nicht nur ei­nes der, ne­ben Schie­nen­er­satz­ver­kehr, schöns­ten Wör­ter der Welt, son­dern auch eine Ant­wort auf die Fra­ge, was denn, mit La­can, un­ter Wiss­be­gier zu ver­ste­hen sei.

Vi­deo: Agus­tín Pío Bar­ri­os (Pa­ra­gu­ay­er! 1885–1944), Cho­ro da sau­dade, ge­spielt von João Ra­bel­lo

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