Meine Hölle

Auf dem Flohmarkt

Flohmarkt Mauerpark - zu: Jacques Lacan, Anspruch und Begehren

Floh­markt am Mau­er­park (Foto von hier)

Heu­te sind wir, beim Spa­zier­ge­hen in Prenz­lau­er Berg, in ei­nen Floh­markt ge­ra­ten. Ich fand’s gräss­lich, und wäh­rend S. nach et­was Schö­nem für ihr Hand­ge­lenk Aus­schau hielt, habe ich ver­sucht, mich mit La­can in die Hal­tung des in­ter­es­sier­ten Be­ob­ach­ters zu ver­set­zen.

War­um ist der Be­such ei­nes Trö­del­markts für vie­le Men­schen ein Ver­gnü­gen? Weil hier die Dif­fe­renz von An­spruch und Be­geh­ren in­sze­niert wird.

An­spruch“, das ist die Ein­deut­schung von de­man­de, und de­man­de meint auch die Nach­fra­ge im öko­no­mi­schen Sin­ne. „Ich hätt gern das und das“ – das ist, zu ei­nem Ver­käu­fer ge­spro­chen, ein An­spruch, eine For­de­rung, die Ar­ti­ku­la­ti­on ei­ner Nach­fra­ge.

Ge­hen Men­schen auf ei­nen Floh­markt, um et­was zu kau­fen, also um ei­nen An­spruch vor­zu­brin­gen, eine Kauf-For­de­rung? Nur auch. Auf ei­nem Trö­del­markt stö­bert man. Man wech­selt von mög­li­cher Nach­fra­ge zu mög­li­cher Nach­fra­ge. Das könn­te et­was sein. Oder das? Nein, doch eher das. Den Über­gang von An­spruch zu An­spruch zu An­spruch nennt La­can Me­to­ny­mie. Von wel­cher Trieb­kraft wird die Me­to­ny­mie in Gang ge­hal­ten? Vom Be­geh­ren. Men­schen gehn auf Floh­märk­te, weil es dort mög­lich ist, durch das Drif­ten von Stand zu Stand das me­to­ny­mi­sche Glei­ten von Nach­fra­ge zu Nach­fra­ge zu rea­li­sie­ren, das Be­geh­ren sze­nisch dar­zu­stel­len.

Man könn­te auch sa­gen: Trö­deln kommt von trö­deln. Der Han­del mit al­ten Din­gen lebt vom be­stän­di­gen Auf­schub, da­von, dass die Rea­li­sie­rung des An­spruchs un­er­müd­lich ver­zö­gert wird.

War­um stür­zen Men­schen sich da­für ins Ge­wühl? Das Ge­drän­ge ist ja nicht nur eine Ne­ben­wir­kung, son­dern zu­gleich eine Ur­sa­che. Vie­le Men­schen gehn auch des­halb auf ei­nen Floh­markt, weil hier ein sol­cher An­drang herrscht. Wür­de je­mand ei­nen Floh­markt be­su­chen, wenn er wüss­te, dass er dort ein­sam von Stand zu Stand schlen­dern wird?

Wes­halb also das Ge­drän­ge? Weil das Be­geh­ren das Be­geh­ren des An­de­ren ist. Das Be­geh­ren ist kei­ne dem ein­zel­nen In­di­vi­du­um in­ne­woh­nen­de Trieb­kraft, es ist viel­mehr ein ge­sell­schaft­li­ches Ver­hält­nis, es exis­tiert aus­schließ­lich in der Be­zie­hung zu dem Be­geh­ren, das der An­de­re hat. Der An­de­re – auf dem Floh­markt ist das die an­ony­me Men­ge der Be­su­cher. Das Be­geh­ren des ein­zel­nen Be­su­chers wird in Gang ge­setzt durch das Be­geh­ren die­ses An­de­ren, da­durch, dass der ein­zel­ne in die Be­we­gung ver­wi­ckelt wird, in der sich eine Men­schen­mas­se von ei­nem Stand zum nächs­ten schiebt, von An­spruch zu An­spruch, da­durch also, dass er von der Be­we­gung er­fasst wird, in der der An­de­re das Drän­gen des Be­geh­rens in Sze­ne setzt.

Und war­um müs­sen es vor al­lem ge­brauch­te Din­ge sein? Weil je­der be­lie­bi­ge Ge­gen­stand, wenn er von Ver­nich­tung be­droht ist, schön wird, und das heißt: zum An­zie­hungs­punkt für das Be­geh­ren. Das ist so­gar die Grund­struk­tur des Schö­nen. Das Ide­al-Schö­ne –  etwa in Ge­stalt je­ner gla­mou­rö­sen Ob­jek­te, die, eine Vier­tel­stun­de ent­fernt, in der Koll­witz­stra­ße vom Fens­ter ei­nes De­sign­la­dens aus die Pas­san­ten an­lä­cheln –, das Ide­al-Schö­ne ist nur eine Son­der­form des Schö­nen.1 Man den­ke an den Schluss­ver­kauf. Die Wa­ren lo­cken die Käu­fer nicht nur mit dem nied­ri­gen Preis, son­dern auch da­mit, dass sie vom Ver­schwin­den be­droht sind. „Al­les muss weg.“

Üb­ri­gens: Das grü­ne Per­len­arm­band, das S. sich schließ­lich er­trö­delt hat, ge­fällt mir.

NACHTRAG vom 2. Sep­tem­ber 2013

Ni­co­le B. schreibt mir zu die­sem Ar­ti­kel:

Der Reiz des Floh­markts be­steht auch dar­in, dass man vor­her nie wis­sen kann, was man ‚ha­ben will‘, weil man ja nicht weiß, was es gibt.“

Das Be­geh­ren ist das Be­geh­ren des An­de­ren.

Für mich setzt ein gu­ter Floh­markt lau­ter klei­ne Ge­schich­ten frei: Wo könn­te die­ser oder je­ner Ge­gen­stand in ei­nem mei­ner ima­gi­nier­ten Häu­ser – z.B. an der Côte d’Azur – ste­hen? Wür­de die­se Ket­te an mei­nem Hals gut aus­se­hen? Wie könn­te der Couch­tisch aus­se­hen, auf dem die­se Glas­scha­le steht? Und schließ­lich: Wäre es nicht to­tal prak­tisch, end­lich mal Glas­un­ter­set­zer zu ha­ben? Woll­te ich die nicht schon im­mer ha­ben?“

Das ist in La­cans Be­griff­lich­keit der An­spruch, hier nicht als Ein­lei­tung ei­nes Kauf­ge­sprächs, son­dern als Vor­stel­lung im Kopf: das und das möch­te ich ha­ben.

 „Und eben­falls toll: die Ge­schwin­dig­keit mit der man von Wün­schen wie­der los­kommt.
Was kos­ten denn die­se Un­ter­set­zer?‘
Die sind aus Kris­tall­glas.‘
Ja, und was kos­ten sie?‘
Ich woll­te 14 Euro da­für ha­ben.‘
Man kann nun han­deln. Oder sich den­ken: ‚Uff, mir sind sie bloß 5 wert und so weit wird sie nicht run­ter­ge­hen, also wei­ter­ge­hen, ei­gent­lich brauch­te ich doch kei­ne Glas­un­ter­set­zer und viel­leicht gibt’s an ei­nem an­de­ren Stand noch güns­ti­ge­re.‘“

Die „Wün­sche“, das sind in der La­can-Spra­che die An­sprü­che. Dass man von ih­nen wie­der los­kommt, ge­hört zur Me­to­ny­mie des Be­geh­rens.

Floh­markt ist für mich ein Ein­tau­chen in die schö­nen Spiel­si­tua­tio­nen mei­ner Kind­heit. Im Grun­de geht’s – um Nichts. Das ist ent­span­nend.“

Das Be­geh­ren ist, mit La­can, eine Be­zie­hung zum man­que-à-être, zum Man­gel-zu-sein, eine Be­zie­hung zum Nichts.

Das ist ent­span­nend“. Stimmt, das fehlt in mei­ner Trö­del­re­fle­xi­on. Die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Be­geh­ren ist meist be­ängs­ti­gend oder nie­der­drü­ckend oder zu­min­dest auf­re­gend. Auf dem Floh­markt ist das an­ders. Der Floh­markt er­mög­licht eine ent­spann­te Be­zie­hung zum Be­geh­ren. Das Be­geh­ren wird hier nur ge­spielt, nur „mar­kiert“, wie Schau­spie­ler sa­gen.

Ob ich Floh­markt so scheuß­lich fin­de, weil er mich zu sehr mit mei­nem Be­geh­ren kon­fron­tiert? Die Fra­ge ruft eine Er­in­ne­rung wacht. Ich bin An­fang zwan­zig und mit R. in Ve­ne­dig. Es ist dun­kel, die Gas­sen sind be­leuch­tet und der Strom der Tou­ris­ten wälzt sich wie Lava zwi­schen den en­gen Häu­sern hin­durch. Ein Ge­dan­ke von da­mals kommt hoch: „Das ist Dan­tes Höl­le. Scha­ren von un­er­lös­ten See­len, die sich trä­ge da­hin­schlep­pen.“

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 Anmerkung

  1. Vgl. La­can, Se­mi­nar 7, Ver­si­on Miller/Haas, S. 354 f.

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