Geneviève Morel: Das Gender zwischen Anrufung und Klassifizierung

Les garcons et Guillaume - Szenenbild Na Schwuchtel (zu Geneviéve Morel über Sexuierung)Stand­bild mit Un­ter­ti­teln aus Les gar­çons et Guil­lau­me, à ta­ble! (Ma­man und Ich), Frank­reich, Bel­gi­en 2013
Dreh­buch und Re­gie: Guil­lau­me Gal­li­en­ne, Co­py­right: Gau­mond, Con­cor­de

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Gender

“Ich habe nie ei­nen Platz ge­fun­den. Ich glau­be nicht, dass ich je ei­nen Platz ge­fun­den habe. Wis­sen Sie, es gibt vie­le, die be­haup­ten, dass wir alle ei­nen Platz ha­ben soll­ten, ei­nen durch das Gen­der be­stimm­ten Platz, dass wir uns in un­se­ren Kör­pern zu Hau­se füh­len soll­ten oder dass wir mit uns selbst eins sein soll­ten. Für an­de­re ist das viel­leicht eine Mög­lich­keit, ich selbst den­ke nicht so. Ich den­ke: Falls mein Den­ken hier­zu über­haupt pro­duk­tiv ist – das müs­sen an­de­re be­ur­tei­len –, dann des­halb, weil ich mich mit vie­len ge­ge­be­nen Po­si­tio­nen im­mer leicht de­si­den­ti­fi­zie­re. Ich pas­se nicht gut in ir­gend­wel­che vor­ge­ge­be­nen Ka­te­go­ri­en, ich bin aber auch nicht je­mand, der sie mun­ter über­schrei­tet. Mun­te­res Über­schrei­ten, das ge­fällt mir nicht. Gen­der ist für mich ein Feld der Am­bi­va­lenz.“ . Ju­dith But­ler1

Mit dem Be­griff Gen­der, ob­wohl er en vogue ist, ver­bin­det sich ein zu­neh­men­des Un­be­ha­gen, zahl­rei­che Er­eig­nis­se der jüngs­ten Zeit wei­sen dar­auf hin. Das Ge­nus, wie es im La­tei­ni­schen heißt, be­zog sich zu­nächst auf die gram­ma­ti­sche Klas­si­fi­ka­ti­on (männlich/weiblich/sächlich) so­wie auf die Klas­si­fi­ka­ti­on der Scho­las­tik in Gat­tun­gen und Ar­ten, in ge­nus und spe­ci­es; seit den 70er Jah­ren wur­de es durch die Bei­trä­ge der Gen­der Theo­ry zur Wür­de ei­nes wei­ten Be­griffs­fel­des er­ho­ben, mit po­li­ti­schen und so­zia­len Re­so­nan­zen, die als pro­gres­siv gel­ten. In dem Mo­ment, in dem sub­stan­ti­el­le Re­for­men ver­wirk­licht wur­den – Ehe und Ad­op­ti­on für alle –, war ein „re­ak­tio­nä­rer“ Wi­der­stand lo­gi­scher­wei­se zu er­war­ten, ein Wi­der­stand, der von den An­hän­gern der tra­di­tio­nel­len Fa­mi­lie ge­leis­tet wird, der von re­li­giö­sen Grup­pen, die durch die Um­stän­de wie­der­be­lebt wur­den, in­fil­triert wird, und der sich vor al­lem auf eine na­tu­ra­lis­ti­sche Theo­rie der se­xu­el­len Dif­fe­renz, der Ehe und der Ab­stam­mung stützt.

Eine an­de­re Art des Pro­tes­tes je­doch, weit­aus über­ra­schen­der, kommt von Leu­ten, die von den jüngs­ten Re­for­men, die se­xu­el­le Neu­zu­ord­nun­gen er­leich­tern, zu­nächst pro­fi­tiert ha­ben. Der Fall von Nor­rie ist in die­ser Hin­sicht in­struk­tiv. Nor­rie, 52 Jah­re alt, der Na­tio­na­li­tät nach Aus­tra­li­er oder Aus­tra­lie­rin, hat in ei­nem drei­jäh­ri­gen Rechts­streit durch­ge­setzt, dass das höchs­te Ge­richt ent­schie­den hat, dass ein nicht spe­zi­fi­zier­tes Ge­schlecht X, we­der Mann noch Frau, ge­setz­lich an­er­kannt und auf dem Per­so­nal­aus­weis ver­merkt wird. Nor­rie, der als Jun­ge ge­bo­ren wur­de, hat­te ent­schie­den, dem weib­li­chen Gen­der an­zu­ge­hö­ren. Um zu je­man­dem zu wer­den, der auch im bio­lo­gi­schen Sin­ne weib­li­chen Ge­schlechts ist, ent­spre­chend dem von ihm an­er­kann­ten Gen­der, hat­te er ei­nen se­xu­al­chir­ur­gi­schen Ein­griff vor­neh­men las­sen. Nach­dem die Ope­ra­ti­on voll­zo­gen wor­den war, fühl­te Nor­rie sich je­doch kei­nem exis­tie­ren­den Gen­der zu­ge­hö­rig, höchs­tens ei­nem „neu­tra­len“ Gen­der, und ver­lang­te, of­fi­zi­ell mit dem Ge­schlecht X ein­ge­tra­gen zu wer­den: we­der – noch. „Man dürf­te nie­man­dem eine be­stimm­te Ge­schlechts­iden­ti­tät auf­zwin­gen“, sag­te Nor­rie. Kom­men­ta­to­ren ha­ben dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­se Ent­schei­dung, die dar­auf ab­ziel­te, mit den Bi­na­ris­men von Sex und Gen­der Schluss zu ma­chen, den Weg nicht nur für ein drit­tes Gen­der öff­ne, son­dern dar­über hin­aus für eine Viel­zahl mög­li­cher Gen­der.2 Of­fen­kun­dig kann man hier­aus den Schluss zie­hen, dass es, um sol­che Di­lem­ma­ta zu ver­mei­den, hin­rei­chen wür­de, die Ge­set­ze zu re­for­mie­ren, die sich auf die Un­ver­füg­bar­keit des Kör­pers be­zie­hen, und auf dem Per­so­nal­aus­weis je­den Hin­weis auf das bio­lo­gi­sche Ge­schlecht und auf das Gen­der ab­zu­schaf­fen.

Die Ent­schei­dung des höchs­ten aus­tra­li­schen Ge­richts in­ter­es­siert uns hier je­doch nicht nur auf der Ebe­ne des Rechts. Muss ei­nen das Un­be­ha­gen von Nor­rie nicht auf den Ge­dan­ken brin­gen, dass kei­ne Klas­si­fi­ka­ti­on je­mals fein ge­nug sein wird, um sämt­li­che Fäl­le mög­li­cher Ge­schlech­ter ab­zu­de­cken, um also die Ein­zig­ar­tig­keit des Ver­hält­nis­ses ei­nes In­di­vi­du­ums zur „Se­xu­ie­rung“ zu er­fas­sen?3 Und ist nicht ge­nau dies der ent­schei­den­de Grund da­für, dass die Psy­cho­ana­ly­se mit dem Be­griff Gen­der von An­fang an Schwie­rig­kei­ten hat­te?4

Das Gen­der kann als ein Be­griff er­schei­nen, der zu ver­schwom­men ist und für eine Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin des­halb nutz­los ist, denn sie ver­fügt über weit­aus prä­zi­se­re Werk­zeu­ge, um nicht nur das in­ners­te Ver­hält­nis des In­di­vi­du­ums zum bio­lo­gi­schen Ge­schlecht zu er­fas­sen, son­dern auch die so­zia­len und kör­per­li­chen Im­pli­ka­tio­nen die­ses Ver­hält­nis­ses, die von den Gen­der-Theo­re­ti­kern der Psy­cho­ana­ly­se oft all­zu schnell vor­ge­hal­ten wer­den. Von da­her sieht man im Feld der Psy­cho­ana­ly­se eine un­be­frie­di­gen­de Auf­tei­lung zwi­schen den „Re­ak­tio­nä­ren“, die die po­li­ti­schen und so­zia­len Im­pli­ka­tio­nen der Gen­der-Theo­ri­en zu­rück­wei­sen, und den „Mo­der­nen“, die die­se Im­pli­ka­tio­nen ak­zep­tie­ren, im sel­ben Zuge aber ihre ei­ge­nen Be­grif­fe be­er­di­gen und so das Kind mit dem Ba­de­was­ser aus­schüt­ten. Es geht nicht etwa dar­um, der Freud­schen Theo­rie nach­träg­lich den Gen­der-Be­griff auf­zu­zwin­gen – das hät­te den epis­te­mo­lo­gi­schen Nach­teil, durch ei­nen Ana­chro­nis­mus al­les zu ver­ne­beln. Wäre es nicht sinn­vol­ler, sich zu fra­gen, war­um un­se­ren Zeit­ge­nos­sen das Gen­der so wert­voll ist und auf wel­cher Ebe­ne der psy­cho­ana­ly­ti­schen Theo­rie es sich be­griff­lich ver­or­ten lässt? Was wäre un­ter die­sem Ge­sichts­punkt der psy­cho­ana­ly­ti­sche Wert des Gen­ders?

Ich gehe von der An­nah­me aus, dass es um das Gen­der dann geht, wenn die Ana­ly­san­ten in ei­ner Sit­zung dar­über spre­chen, wie sie in Be­zug auf ihre Ge­schlecht­lich­keit be­han­delt wur­den, und wenn sie die (meist un­er­freu­li­chen) Epi­the­ta und Na­men an­füh­ren, die sie da­bei er­hal­ten ha­ben. Wer fühlt sich nicht töd­lich ge­trof­fen, wenn er oder sie so an­ge­spro­chen wird: „Mann­weib“, „Schwuch­tel“, „Tun­te“, „Scheiß­les­be“, „Schlam­pe“, „Kampf­les­be“, „Weich­ei“, „Mem­me“, „Zi­cke“, „Tram­pel“, „Flitt­chen“, „fet­te Kuh“, „Sof­tie“, „Schwu­li“. Und ist das nicht, in grö­ße­rem oder klei­ne­rem Aus­maß, eine uni­ver­sa­le Er­fah­rung?

Ju­dith But­ler be­haup­tet in Hass spricht, ei­nem er­hel­len­den Werk, dass ein In­di­vi­du­um die­se oft­mals ver­let­zen­den Be­nen­nun­gen über­win­den kann.5 Es kann sich wei­gern, sich mit ih­nen zu iden­ti­fi­zie­ren, und zwar da­durch, dass es sie – selbst wenn es sie an­er­kannt und ak­zep­tiert hat – um­lenkt und ge­gen die Macht rich­tet, von der sie aus­ge­sen­det wer­den. Auf die­se Wei­se sind bei­spiels­wei­se Be­lei­di­gun­gen wie „queer“ und „nig­ger“ um­ge­wen­det wor­den und da­für in An­spruch ge­nom­men wor­den, wie sich die Mit­glie­der ei­ner be­stimm­ten Ge­mein­schaft ge­gen­sei­tig an­er­ken­nen. Sla­voj Žižek hin­ge­gen ist der Auf­fas­sung, dass für eine wirk­li­che Über­win­dung der Be­lei­di­gung eine wahr­haf­te sub­jek­ti­ve De­sti­tu­ti­on not­wen­dig ist, ein Akt, durch den das In­di­vi­du­um sich aus der Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, in der es vor­gän­gig ent­frem­det ist, aus­kop­pelt, durch eine Ope­ra­ti­on der Tren­nung, der Se­pa­ra­ti­on im Sin­ne von La­can.6 Von Raoul Moa­ti ist der Un­ter­schied zwi­schen den An­sät­zen der bei­den Phi­lo­so­phen prä­gnant er­läu­tert wor­den.7 Wenn man die­se Dis­kus­sio­nen liest, ge­langt man auf je­den Fall zu der Über­zeu­gung, dass die Be­deu­tung der Theo­rie der An­ru­fung, die ein Haupt­bei­trag von Al­thus­ser zur mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie­theo­rie ist von kei­nem die­ser Phi­lo­so­phen ge­leug­net wird.

Und eben hier­auf möch­te ich zu­rück­kom­men, um zu zei­gen, dass das Gen­der sich sei­ner Sub­stanz nach auf die An­ru­fung im Sin­ne von Al­thus­ser be­zieht. Dass hier­bei die Ideo­lo­gie den Aus­gangs­punkt bil­det, muss uns bei un­se­ren Po­si­tio­nen zum Gen­der si­cher­lich zur Vor­sicht nö­ti­gen.

Theorie der Ideologie: die Althussersche Anrufung

Im Jah­re 1970 ver­öf­fent­lich­te der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Lou­is Al­thus­ser ei­nen Auf­satz mit dem Ti­tel Ideo­lo­gie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­ra­te (ISA)8, dem meh­re­re Tex­te zur Fra­ge der Ideo­lo­gie vor­aus­ge­gan­gen wa­ren.

Um die Ideo­lo­gie zu den­ken, stütz­te Al­thus­ser sich auf schla­gen­de Wei­se auf La­cans Theo­rie der In­ter­sub­jek­ti­vi­tät, auf eine Wei­se, die Marx ge­gen­über neu war; da­bei be­griff er die Ideo­lo­gie als eine „An­ru­fung“ im Rah­men der ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­te (ISA).

Die fol­gen­de Stel­le, in der eine „theo­re­ti­sche Sze­ne“ be­schrie­ben wird, ist die be­kann­tes­te Pas­sa­ge sei­nes Tex­tes:

Wir be­haup­ten au­ßer­dem, dass die Ideo­lo­gie in ei­ner Wei­se ‚han­delt‘ oder ‚funk­tio­niert‘, dass sie durch ei­nen ganz be­stimm­ten Vor­gang, den wir An­ru­fung (in­ter­pel­la­ti­on) nen­nen, aus der Mas­se der In­di­vi­du­en Sub­jek­te ‚re­kru­tiert‘ (sie re­kru­tiert sie alle) oder die­se In­di­vi­du­en in Sub­jek­te ‚trans­for­miert‘ (sie trans­for­miert sie alle). Man kann sich die­se An­ru­fung nach dem Mus­ter der ein­fa­chen und all­täg­li­chen An­ru­fung durch ei­nen Po­li­zis­ten vor­stel­len: ‚He, Sie da!‘9

Wenn wir ein­mal an­neh­men, dass die vor­ge­stell­te theo­re­ti­sche Sze­ne sich auf der Stra­ße ab­spielt, so wen­det sich das an­ge­ru­fe­ne In­di­vi­du­um um. Durch die­se ein­fa­che phy­si­sche Wen­dung um 180 Grad wird es zum Sub­jekt. War­um? Weil es da­mit an­er­kennt, dass der An­ruf ‚ge­nau‘ ihm galt und dass es ‚ge­ra­de es war, das an­ge­ru­fen wur­de‘ (und nie­mand an­de­res). Wie die Er­fah­rung zeigt, ver­feh­len die prak­ti­schen Te­le­kom­mu­ni­ka­tio­nen der An­ru­fung prak­tisch nie­mals ih­ren Mann: Ob durch münd­li­che Zu­ru­fe oder durch ein Pfei­fen, der An­ge­ru­fe­ne er­kennt im­mer ge­nau, dass ge­ra­de er es war, der ge­ru­fen wur­de. Dies ist je­den­falls ein merk­wür­di­ges Phä­no­men, das nicht al­lein durch ein ‚Schuld­ge­fühl‘ er­klärt wer­den kann, trotz der Viel­zahl der Leu­te, die ‚sich et­was vor­zu­wer­fen ha­ben‘.“10

Al­thus­ser, so scheint es, hat kein Bei­spiel ge­ge­ben, dass sich auf die Pro­ble­ma­tik von Sex und Gen­der be­zieht. Die Gen­der-Be­zeich­nun­gen, die von den Ana­ly­san­ten als stig­ma­ti­sie­rend er­in­nert wer­den, tre­ten je­doch durch­aus in den Rah­men der ISA ein, der Ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­ra­te wie Schu­le, Fa­mi­lie, Ar­mee, Ju­gend­grup­pen, Pfad­fin­der oder an­de­re päd­ago­gi­sche Ver­ei­ne für die Ju­gend, für den Sport usw., und da­mit ge­hö­ren sie in den Be­reich der Al­thusserschen Theo­rie der An­ru­fung.

Die Jungs und Guillaume zu Tisch!“

Les gar­çons et Guil­lau­me, à ta­ble!“ („Die Jungs und Guil­lau­me zu Tisch!“) ist der ers­te Film von Guil­lau­me Gal­li­en­ne, ei­nem Schau­spie­ler der Co­mé­die Françai­se; die deut­sche Syn­chron­fas­sung hat den Ti­tel Ma­man und Ich.11 Ob­wohl die Ge­schich­te, die sich hier er­eig­net, eher tra­gisch ist, lacht man in die­sem Film fast die gan­ze Zeit. Liegt dies viel­leicht an dem ge­glück­ten Hu­mor, bei dem wir uns völ­lig mit un­se­rem Über-Ich iden­ti­fi­ziert ha­ben, so dass es uns ge­lingt, über uns selbst zu la­chen, über un­se­re ei­ge­ne Bos­haf­tig­keit in den Be­zie­hun­gen zu un­se­ren Mit­men­schen?

Die Ge­schich­te von Guil­lau­me, der hier un­ter sei­nem wirk­li­chen Na­men auf­tritt, ist ein sub­ti­les Plä­doy­er ge­gen Gen­der-Kli­schees. Das Hand­lungs­ge­rüst ist ein­fach. Ein Jun­ge, der mit sei­nen äl­te­ren Brü­dern in ei­ner Fa­mi­lie der fran­zö­si­schen Groß­bour­geoi­sie auf­ge­zo­gen wor­den ist, mit Idea­len, die sich auf Sport und Männ­lich­keit be­zie­hen, wird von sei­nem Va­ter als zu „effemi­niert“ an­ge­se­hen, als zu mäd­chen­haft. Von da­her gilt er „lo­gi­scher­wei­se“ als Homo, ins­be­son­de­re bei sei­ner Mut­ter, ei­ner ex­zen­tri­schen rus­si­schen Aris­to­kra­tin mit li­be­ra­len Ide­en. Die Hand­lung ent­wi­ckelt sich in Rich­tung auf ein ve­ri­ta­bles he­te­ro­se­xu­el­les Co­m­ing-out, bei dem Guil­lau­me sei­ner ent­setz­ten Mut­ter sei­ne Hei­rat mit ei­ner jun­gen Frau an­kün­digt.

Der mehr­deu­ti­ge Ti­tel des Films be­zieht sich auf ei­nen Ruf, den Me­lit­ta, sei­ne Mut­ter, täg­lich an ihre Söh­ne rich­tet und des­sen Reich­wei­te von Guil­lau­me erst in ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Sit­zung er­fasst wird, in der sich die Se­rie der An­ru­fun­gen kris­tal­li­siert, die er im Lau­fe sei­nes Le­bens emp­fan­gen hat.12 (Im Vor­trag wur­den an die­ser Stel­le zwei Se­quen­zen gezeigt:00:12:10 bis 00:13 und 01:09 bis 01:12.) Dies bil­de­te den Fa­den für sein Thea­ter­stück, das spä­ter in ei­nen Film um­ge­wan­delt wur­de. Hier ver­schiebt Guil­lau­me die plötz­li­che Ein­sicht auf den Mo­ment, in dem er sich Hals über Kopf in Aman­di­ne ver­liebt, sei­ne zu­künf­ti­ge Frau.13 „Sät­ze, die (ihm) in die­sem Mo­ment durch den Kopf schie­ßen“: „Es ist sehr mäd­chen­haft, die­ses Kind!“ „He du Schwuch­tel!“ „Hal­lo Mä­del!“ „Und du bis der­ma­ßen homo, dass du les­bisch ge­wor­den bist!“ „Hör mit dei­nem Kino auf!“ „He du Tun­te!“ „Dir fehlt es an Scham­ge­fühl, mei­ne Lie­be.“ „Die Jungs und Guil­lau­me zu Tisch!“ „Hau ab, hier sind Män­ner un­ter sich.“ usw. Im Film hört er da­nach, wie die Gast­ge­be­rin ihn ruft (er ist bei ei­nem Es­sen von Frau­en): „Die Mä­dels und Guil­lau­me zu Tisch!“ Man be­ach­te die Mehr­deu­tig­keit des Aus­drucks à ta­ble!, der auch be­deu­ten kann, dass man sich vor­nimmt, „al­les“ zu sa­gen, rei­nen Tisch zu ma­chen – was Guil­lau­me in die­sem Stück ja auch tut, in wel­chem er zu­gleich der Au­tor ist und der Dar­stel­ler, und das nicht nur von sich selbst in je­dem Al­ter, son­dern auch der sei­ner Mut­ter.

Die Sze­ne bringt also in eine Rei­he, ei­ner­seits, den me­to­ny­mi­schen Fa­den der ver­let­zen­den An­ru­fun­gen des Gen­ders und, an­de­rer­seits, die bei­den Sät­ze, die sich der­art auf die­sen Fa­den be­zie­hen, dass sie ihn zer­schnei­den, zu Be­ginn und am Schluss, als Me­ta­phern für sei­ne se­xu­ier­te Po­si­ti­on: „kein Jun­ge“, und dann: „kein Mäd­chen“. Der ers­te Satz, der Ti­tel des Films, be­zeich­ne­te ihn als je­mand, der kein Jun­ge ist, und er lei­te­te dar­aus ab, was er statt­des­sen sein woll­te: ein Mäd­chen. In die­sem fe­mi­ni­sie­ren­den Ap­pell, durch den er von sei­nen Brü­dern als Aus­nah­me un­ter­schie­den wur­de, las er auch das Be­geh­ren sei­ner Mut­ter, ja ih­ren Wil­len.

Der zwei­te Ruf, der von der Gast­ge­be­rin kommt, „Die Mä­dels und Guil­lau­me zu Tisch!“ – die sym­me­tri­sche Um­keh­rung des ers­ten –, bringt ihn zu den Mäd­chen in ei­nen Ge­gen­satz, und da die­ser Ruf ihn im Mo­ment ei­ner Lie­bes­be­geg­nung mit ei­ner Frau er­reicht, wird er durch ihn als He­te­ro be­stä­tigt – wor­aus er fol­gert, dass er männ­lich ist.

Am Ran­de kann man fest­hal­ten, dass eine sol­che Schluss­fol­ge­rung kei­nes­wegs evi­dent ist und dass es sich bei ihr so­gar um ei­nen Wi­der­sinn han­deln könn­te. Als „he­te­ro“ be­zeich­ne­te La­can die­je­ni­gen, die die Frau­en lie­ben, wel­ches bio­lo­gi­sche Ge­schlecht auch im­mer sie ha­ben mö­gen, weil die Frau­en das An­de­re ver­kör­pern, grie­chisch: he­te­ros, und zwar für bei­de bio­lo­gi­schen Ge­schlech­ter. In­so­fern ist eine Les­bie­rin he­te­ro, und ein mi­so­gy­ner Mann ist es nicht, ge­nau­so­we­nig wie eine Frau, die Män­ner in der Wei­se liebt, dass sie ihr ei­ge­nes bio­lo­gi­sches Ge­schlecht ver­ach­tet. Guil­lau­me aber liebt die Frau­en, mit ei­ner Lei­den­schaft, die ihn ver­wüs­tet, bis da­hin, dass er sie nach­äfft, zu­nächst sei­ne Mut­ter, de­ren Stim­me er sich ein­ver­leibt hat – wäh­rend sei­ner Lei­dens­jah­re hat er, um sei­ne ei­ge­ne Stim­me zu fin­den, ei­nen Fach­arzt für Pho­nia­trie auf­su­chen müs­sen, denn er hat­te die Stim­me sei­ner Mut­ter an­ge­nom­men.14 Er in­ter­es­siert sich je­doch nicht nur für sei­ne Mut­ter, denn er hat voll­kom­men be­grif­fen, dass die Frau­en ganz un­ter­schied­lich sind. „Durch­läs­sig für die Weib­lich­keit“15, müht er sich ab, sie zu stu­die­ren, eine nach der an­de­ren, um sie zu ko­pie­ren, bis hin zu ih­rem Atem.16 Da­bei nimmt er eine ge­wis­ser­ma­ßen don-jua­nes­ke Po­si­ti­on ein17, die dar­in be­steht, die Frau­en eine nach der an­de­ren „zu neh­men“, nicht, um mit ih­nen zu schla­fen, son­dern, um sie sich ein­zu­ver­lei­ben, durch ei­nen be­stän­di­gen Trans­ves­tis­mus, der spä­ter sub­li­miert wird, in sei­nem Me­tier als Schau­spie­ler. Bei der Ein­ver­lei­bung je­der die­ser Frau­en „eine nach der an­de­ren“, zeigt er, dass das We­sen des Weib­li­chen be­grif­fen hat, das „nicht-alle“, was im Üb­ri­gen mit dem Ein­neh­men ei­ner weib­li­chen Po­si­ti­on durch­aus ver­ein­bar wäre. Er­klärt er sich viel­leicht des­halb für „bi“18? Er denkt, dass sei­ne Männ­lich­keit da­durch be­stimmt wur­de, dass er sich schließ­lich in eine Frau ver­liebt hat. Da­bei ver­mengt er die He­te­ro­se­xua­li­tät (im Sin­ne von La­can) mit der Männ­lich­keit, was kei­nes­wegs auf das­sel­be hin­aus­läuft. Aber sei­ne Psy­cho­ana­ly­se, von der er sagt, dass sie ihm das Le­ben ge­ret­tet hat, füh­re bei ihm zu ei­ner an­de­ren Ver­wand­lung, die sich auf den Phal­lus be­zog und die viel­leicht den wahr­haf­ten Grund für sei­ne Schluss­fol­ge­rung lie­fert. Als er klein war, hat­te man ihn für „effemi­niert“ ge­hal­ten, wäh­rend er hoff­te, ein Mäd­chen zu sein; „fe­mi­nin“ und „effemi­niert“ ist, wie er be­merkt, nicht das­sel­be, denn von ei­nem Mäd­chen sagt man nicht, es sei „effemi­niert“. Er war sich je­doch nicht si­cher, ei­nes zu sein, vor al­lem we­gen des hart­nä­cki­gen Wi­der­stands sei­nes Va­ters. Von da­her die Fra­ge, die ihn auf hys­te­ri­sche Wei­se quäl­te: „Bin ich wirk­lich ein Mäd­chen?“ Er moch­te es also nicht, dass man ihn mäd­chen­haft fand, und die De­mü­ti­gun­gen, die sich für ihn dar­aus er­ga­ben, kom­men ihm in Er­in­ne­rung wie ein Ro­sen­kranz von stig­ma­ti­sie­ren­den An­ru­fun­gen. Spä­ter, als er dar­über weint, dass sei­ne Lie­be zu ei­nem Jun­gen sei­nes Col­le­ges ent­täuscht wor­den ist, be­haup­tet sei­ne Mut­ter ihm ge­gen­über, er sei homo, was ihn ab­stößt, da er sich für ein Mäd­chen hält und sie es auf die­se Wei­se be­strei­tet. Auf den Rat sei­ner Tan­te hin wird er es da­nach mit Jun­gen „aus­pro­bie­ren“, ohne je­doch da­von über­zeugt zu sein, dass dies sein Weg ist.

Den Grund für die Mög­lich­keit sei­ner Me­ta­mor­pho­se zu ei­nem He­te­ro-Mann sieht er dar­in, dass er dank sei­ner Ana­ly­se auf­hö­ren konn­te, Angst vor dem Phal­lus zu ha­ben. Die­se Angst hemm­te tat­säch­lich jede Se­xua­li­tät und hin­der­te ihn so­wohl dar­an, die Män­ner zu lie­ben, wie auch dar­an, sich ei­ner Frau ge­gen­über als He­te­ro-Mann auf­zu­fas­sen. Da­durch, dass er sei­ne auf die Kind­heit zu­rück­ge­hen­de Pfer­de­pho­bie auf­lös­te, bei der das Pferd mit dem männ­li­chen Ge­schlechts­or­gan iden­ti­fi­ziert wur­de, konn­te er sich als Phal­lus­trä­ger ak­zep­tie­ren, im Ver­hält­nis zu bei­den Ge­schlech­tern. Und in die­sem Mo­ment, in dem die Ho­mo­se­xua­li­tät mög­lich wur­de, konn­te er fest­stel­len, dass sie nicht sein Weg war. Der sub­li­mier­te weib­li­che Trans­ves­tis­mus ist dann zu sei­nem Be­ruf ge­wor­fen, eine künst­le­ri­sche Be­ga­bung19, wie man an sei­ner be­ein­dru­cken­den schau­spie­le­ri­schen Leis­tung fest­stel­len kann. Eine an­de­re Form der Be­zie­hung je­doch, se­xu­iert und se­xu­ell, ist ihm seit­her mög­lich: mit ei­ner Frau – mit ei­ner ein­zi­gen –, die sich durch die Lie­be aus­zeich­net.

Zum Lachen? .

Fas­sen wir zu­sam­men. Die Gen­der-Pro­ble­ma­tik wird hier als eine An­samm­lung von ver­let­zen­den An­ru­fun­gen be­grif­fen, die sich um eine zen­tra­le An­ru­fung her­um kris­tal­li­sie­ren, durch die Guil­lau­me zu­ge­schrie­ben wird, kein Mann zu sein. Dies ist der Ap­pell „Die Jungs und Guil­lau­me zu Tisch!“ Hal­ten wir fest, auch wenn das Sub­jekt da­nach strebt, ein Mäd­chen zu sein, be­trach­tet es die Tat­sa­che, als „effemi­niert“ an­ge­se­hen und be­han­delt zu wer­den, gleich­wohl als Krän­kung (denn „effemi­niert“ ist ein Mäd­chen ge­ra­de nicht). Kein Jun­ge zu sein, heißt also nicht, ein Mäd­chen zu sein, und wirft für ihn da­mit eine Fra­ge auf, die vom Be­geh­ren sei­ner Mut­ter ab­zweigt und die er auf hys­te­ri­sche Wei­se an­geht.

Das Ver­hält­nis zur Kunst ist für ihn spä­ter eine Lö­sung durch Sub­li­ma­ti­on, nach der „fe­mi­ni­sier­ten“ Sei­te hin: das Thea­ter als Kunst der Tra­ves­tie er­mög­licht es Guil­lau­me, sich in ei­ner re­nom­mier­ten Sze­ne ei­nen Na­men zu ma­chen.

Und schließ­lich, wenn man die An­ru­fun­gen des Gen­ders über­win­den will, so im­pli­ziert das mehr als die Be­mü­hung um Re­plik und um Neu­ad­jus­tie­rung der Iden­ti­fi­zie­run­gen, wie sie von Ju­dith But­ler emp­foh­len wer­den. Si­cher­lich ist die Wie­der­an­eig­nung der per­for­ma­ti­ven An­ru­fun­gen in spie­le­ri­scher Form Guil­lau­me mög­lich ge­we­sen, denn er lacht nach­träg­lich über eine Ho­mo­pho­bie, die ihn al­ler­dings de­pres­siv ge­macht hat­te, und mit der In­sze­nie­rung sei­ner Ge­schich­te bringt er so­gar alle zum La­chen.20 Wir ha­ben je­doch ge­se­hen, dass die ge­glück­te Wie­der­an­eig­nung der An­ru­fun­gen nur se­kun­där mög­lich ge­we­sen ist, nach ei­ner grund­le­gen­den Neu­ge­stal­tung des Sub­jekts, die mit ei­nem ir­rever­si­blen Akt ver­bun­den war: mit Guil­lau­mes Ent­schei­dung, zu sei­ner Mut­ter nein zu sa­gen. Im üb­ri­gen ist die „mäd­chen­haf­te“ Ver­gan­gen­heit nicht ganz ver­schwun­den; in eine ge­sell­schaft­lich ak­zep­tier­te Form trans­for­miert und sub­li­miert, geht sie in die Kunst über, die für ihn, um zu le­ben, ab­so­lut not­wen­dig ist und die es ihm dar­über hin­aus er­mög­licht, von dem, was sich ver­än­dert hat, auf glän­zen­de Wei­se Zeug­nis ab­zu­le­gen. Die­se Um­wand­lun­gen ge­hen über Iden­ti­fi­zie­run­gen hin­aus, in dem Maße, in dem sie den Trieb, das Phan­tas­ma und die Sym­pto­me ins Spiel brin­gen: in ih­rer Sin­gu­la­ri­tät.

Über­set­zung ei­nes Vor­trags, den Ge­ne­viè­ve Mo­rel am 13. De­zem­ber 2014 in Ber­lin auf Fran­zö­sisch ge­hal­ten hat, bei ei­nem Tref­fen, zu dem die „La­can-Grup­pe in Ber­lin (La­GiB)“ ein­ge­la­den hat­te.
Ori­gi­nal­ti­tel: „Le gen­re, ent­re in­ter­pel­la­ti­on et clas­si­fi­ca­ti­on“.
Die Über­set­zung ist von Rolf Nemitz; er be­dankt sich bei Ger­hard Herr­gott für zahl­rei­che Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge.
Das Ur­he­ber­recht (Co­py­right) für die­sen Text liegt bei Ge­ne­viè­ve Mo­rel.

Ver­öf­fent­licht mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung der Au­to­rin.

Über Geneviève Morel

Geneviève Morel 149 x 149 pxGe­ne­viè­ve Mo­rel ist Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin in Pa­ris und Lil­le und Mit­grün­de­rin von ALEPH (As­so­cia­ti­on pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire).

Zu ih­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hö­ren: Am­bi­guïtés se­xu­el­les. Se­xua­ti­on et psy­cho­se (Eco­no­mi­ca, Pa­ris 2000), La Loi de la mère. Es­sai sur le sin­t­home se­xu­el (Eco­no­mi­ca, Pa­ris 2008, eng­lisch 2011), Cli­ni­que du sui­ci­de (als Her­aus­ge­be­rin, Eres, Tou­lou­se 2010), Pant­al­las y su­e­nos. En­say­os psi­co­ana­li­ti­cos sob­re la imagen en mov­imi­en­to (edi­cio­nes S&P, Bar­ce­lo­na 2011).

Kon­takt: genevieve.morel.gm [at] gmail.com

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Anmerkungen

  1. Ju­dith But­ler in ei­nem In­ter­view in ei­nem Do­ku­men­tar­film von Pau­le Za­j­der­mann, Ju­dith But­ler, Phi­lo­so­phin der Gen­der, Arte Fran­ce 2006, Fran­zö­si­sche Ver­si­on hier, deut­sche Ver­si­on hier.
  2. The Syd­ney Morning He­rald, 6. Juni 2013, Eli­sa­beth Fa­rel­ly.–  2. April 2014, Paul Bib­by und Dan Har­r­i­son: „Neit­her man nor wo­man. Nor­rie wins gen­der ap­peal“.
  3. Die „Se­xu­ie­rung“, um die­sen Aus­druck La­cans mit schein­ba­ren bio­lo­gi­schen Re­so­nan­zen auf­zu­grei­fen, be­zeich­net die Art und Wei­se, wie man zu ei­nem Mann oder zu ei­ner Frau wird (oder auch nicht wird). Es han­delt sich um eine Kon­zep­ti­on, die ganz ent­schie­den nicht ana­to­misch ist, son­dern sich im Ge­gen­teil auf eine kom­ple­xe Lo­gik des se­xu­el­len Ge­nie­ßens stützt, die in „For­meln der Se­xu­ie­rung“ auf­ge­teilt wird. Sie sperrt sich von da­her ge­gen jede Klas­si­fi­zie­rung und auch ge­gen den Bi­na­ris­mus, selbst wenn sie sich schein­bar als ein sol­cher dar­stellt. Vgl. La­can, Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, Sit­zung vom 9. April 1974.
  4. Ich spre­che hier wohl­ge­merkt nicht von den tra­di­tio­na­lis­ti­schen Pro­tes­ten der na­tu­ra­lis­ti­schen Psy­cho­ana­ly­ti­ker, die sich in die­ser Fra­ge ver­zwei­felt als ein­zi­gen Kom­pass an die ana­to­mi­sche Dif­fe­renz hal­ten, denn für eine auf­merk­sa­me Freud­lek­tü­re schei­nen sie blind zu sein. Schließ­lich ist klar, dass Freud die­sen Punkt von An­fang an her­vor­ge­ho­ben hat. Si­cher­lich kann man sein wohl­be­kann­tes Na­po­le­on-Zi­tat be­stän­dig wie­der­ho­len, „die Ana­to­mie ist das Schick­sal“, je­doch ver­gisst man da­bei, dass er auch er­klärt hat, „den Cha­rak­ter des Männ­li­chen und Weib­li­chen kann zwar die Ana­to­mie, aber nicht die Psy­cho­lo­gie auf­zei­gen.“ (Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur. In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 235 Fn. 2.) Die Lo­gik der Se­xu­ie­rung ent­hüllt die Un­an­ge­mes­sen­heit der Gen­der-Theo­ri­en, wenn es dar­um geht, die Sin­gu­la­ri­tät des Ge­nie­ßens und sei­ner psy­cho­ana­ly­tisch zu­gäng­li­chen Modi zu re­prä­sen­tie­ren: Sym­pto­me und Phan­tas­men, so­wie die Un­an­ge­mes­sen­heit ge­gen­über dem, was be­wirkt, dass ein In­di­vi­du­um sich als Mann oder als Frau be­zeich­nen kann, als we­der das eine noch das an­de­re oder auch als et­was ganz an­de­res.
  5. Ju­dith But­ler: Hass spricht. Zur Po­li­tik des Per­for­ma­ti­ven. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 2006, S. 157–160.
  6. Sla­voj Žižek, Die Tü­cke des Sub­jekts. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 2010, S. 362.
  7. Raoul Moa­ti: Struc­tu­re et li­ber­té. In: Guy-Fé­lix Du­por­tail (Hg.): Pen­ser avec La­can. Nou­vel­les lec­tures. Edi­ti­ons Her­mann, Pa­ris, im Er­schei­nen, S. 26 f.
  8. Lou­is Al­thus­ser: Ideo­lo­gie und Ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­ra­te (An­mer­kun­gen für eine Un­ter­su­chung), in: Ders.: Ideo­lo­gie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­ra­te. Auf­sät­ze zur mar­xis­ti­schen Theo­rie. Über­setzt von Pe­ter Schött­ler. VSA, Ham­burg 1977, S. 108–153.
  9. An­mer­kung von Al­thus­ser im obi­gen Zi­tat: „Die An­ru­fung als all­täg­li­che Pra­xis mit ei­nem ge­nau­en Ri­tu­al nimmt eine ganz ‚be­son­de­re‘ Form an in der po­li­zei­li­chen Pra­xis der ‚An­ru­fung‘ (in­ter­pel­la­ti­on = vor­über­ge­hen­de Fest­nah­me; d. Übers.), bei der es um die Über­prü­fung von ‚Ver­däch­ti­gen‘ geht.“ (A.a.O., S. 153)
  10. A.a.O., S. 142 f.
  11. Frank­reich, Bel­gi­en 2013. Re­gie und Dreh­buch: Guil­lau­me Gal­li­en­ne.
  12. In­ter­view mit Guil­lau­me Gal­li­en­ne im Bo­nus­ma­te­ri­al der DVD, Gau­mont.
  13. 01:09. (Anm. d. Übers.: Hier­mit wer­den hier und im Fol­gen­den Stel­len im Film be­zeich­net, in die­sem Fall: eine Stun­de und neun Mi­nu­ten.)
  14. Vgl. Jo­sya­ne Sa­vi­gne­au: Guil­lau­me Gal­li­en­ne, le mé­lan­ge des gen­res. In: Le Mon­de, 11.10.2013.
  15. Eben­da.
  16. 00:36.
  17. Jac­ques La­can: Se­mi­nar XX. En­core. Ber­lin, Qua­dri­ga 1986, S. 15.
  18. Ich weiß nicht, was das ist, die Nor­ma­li­tät, das ist eine Fra­ge, die mich nie be­wegt hat. Ich hal­te auf nichts eine Lob­re­de, ich er­klä­re, was ich den­ke, näm­lich, dass es kei­ne Ver­bin­dung gibt zwi­schen der Iden­ti­tät und dem bio­lo­gi­schen Ge­schlecht. Es ist so, dass durch die Lie­be zu ei­ner Frau mein Le­ben he­te­ro ist. Wenn die­se Leu­te et­was brau­chen, was sie be­ru­higt, wenn sie mir ab­so­lut ein Eti­kett an­hef­ten wol­len, dann sage ih­nen, dass ich bi bin.“ In­ter­view mit Guil­lau­me Gal­li­en­ne in Ter­ra­femi­na vom 13.1.2014.
  19. Mit La­can könn­te man von ei­nem Sin­t­hom spre­chen.
  20. Die Ho­mo­pho­bie habe ich er­lit­ten, seit ich zehn Jah­re alt war. Man hat mich ‚Schwuch­tel‘ ge­nannt, ‚Schwu­li‘, ‚Tun­te‘. Ich habe mich um­ge­dreht, ich wuss­te, dass ich es war, um den es ging“, fährt Guil­lau­me fort, be­vor er in of­fe­nes La­chen aus­bricht. Und dem Jour­na­lis­ten, der sich über sei­ne gute Lau­ne wun­dert, er­klärt Guil­lau­me, dass er mit zwölf Jah­ren eine De­pres­si­on er­lit­ten hat und sich dann jah­re­lang auf die Couch leg­te. „Das hat mir das Le­ben ge­ret­tet. Ohne das wür­de ich heu­te nicht le­ben, das ist si­cher.“ Zi­tiert in Bert­rand Ro­cher: „Mais pour qui se prend Guil­lau­me Gal­li­en­ne?“ In: Gra­zia, 20. No­vem­ber 2013.

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