Geneviève Morel: Das Gender zwischen Anrufung und Klassifizierung

Les garcons et Guillaume - Szenenbild Na Schwuchtel (zu Geneviéve Morel über Sexuierung)Standbild mit Untertiteln aus Les garçons et Guillaume, à table! (Maman und Ich), Frankreich, Belgien 2013
Drehbuch und Regie: Guillaume Gallienne, Copyright: Gaumond, Concorde

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Gender

“Ich habe nie einen Platz gefunden. Ich glaube nicht, dass ich je einen Platz gefunden habe. Wissen Sie, es gibt viele, die behaupten, dass wir alle einen Platz haben sollten, einen durch das Gender bestimmten Platz, dass wir uns in unseren Körpern zu Hause fühlen sollten oder dass wir mit uns selbst eins sein sollten. Für andere ist das vielleicht eine Möglichkeit, ich selbst denke nicht so. Ich denke: Falls mein Denken hierzu überhaupt produktiv ist – das müssen andere beurteilen –, dann deshalb, weil ich mich mit vielen gegebenen Positionen immer leicht desidentifiziere. Ich passe nicht gut in irgendwelche vorgegebenen Kategorien, ich bin aber auch nicht jemand, der sie munter überschreitet. Munteres Überschreiten, das gefällt mir nicht. Gender ist für mich ein Feld der Ambivalenz.“ . Judith Butler1

Mit dem Begriff Gender, obwohl er en vogue ist, verbindet sich ein zunehmendes Unbehagen, zahlreiche Ereignisse der jüngsten Zeit weisen darauf hin. Das Genus, wie es im Lateinischen heißt, bezog sich zunächst auf die grammatische Klassifikation (männlich/weiblich/sächlich) sowie auf die Klassifikation der Scholastik in Gattungen und Arten, in genus und species; seit den 70er Jahren wurde es durch die Beiträge der Gender Theory zur Würde eines weiten Begriffsfeldes erhoben, mit politischen und sozialen Resonanzen, die als progressiv gelten. In dem Moment, in dem substantielle Reformen verwirklicht wurden – Ehe und Adoption für alle –, war ein „reaktionärer“ Widerstand logischerweise zu erwarten, ein Widerstand, der von den Anhängern der traditionellen Familie geleistet wird, der von religiösen Gruppen, die durch die Umstände wiederbelebt wurden, infiltriert wird, und der sich vor allem auf eine naturalistische Theorie der sexuellen Differenz, der Ehe und der Abstammung stützt.

Eine andere Art des Protestes jedoch, weitaus überraschender, kommt von Leuten, die von den jüngsten Reformen, die sexuelle Neuzuordnungen erleichtern, zunächst profitiert haben. Der Fall von Norrie ist in dieser Hinsicht instruktiv. Norrie, 52 Jahre alt, der Nationalität nach Australier oder Australierin, hat in einem dreijährigen Rechtsstreit durchgesetzt, dass das höchste Gericht entschieden hat, dass ein nicht spezifiziertes Geschlecht X, weder Mann noch Frau, gesetzlich anerkannt und auf dem Personalausweis vermerkt wird. Norrie, der als Junge geboren wurde, hatte entschieden, dem weiblichen Gender anzugehören. Um zu jemandem zu werden, der auch im biologischen Sinne weiblichen Geschlechts ist, entsprechend dem von ihm anerkannten Gender, hatte er einen sexualchirurgischen Eingriff vornehmen lassen. Nachdem die Operation vollzogen worden war, fühlte Norrie sich jedoch keinem existierenden Gender zugehörig, höchstens einem „neutralen“ Gender, und verlangte, offiziell mit dem Geschlecht X eingetragen zu werden: weder – noch. „Man dürfte niemandem eine bestimmte Geschlechtsidentität aufzwingen“, sagte Norrie. Kommentatoren haben darauf hingewiesen, dass diese Entscheidung, die darauf abzielte, mit den Binarismen von Sex und Gender Schluss zu machen, den Weg nicht nur für ein drittes Gender öffne, sondern darüber hinaus für eine Vielzahl möglicher Gender.2 Offenkundig kann man hieraus den Schluss ziehen, dass es, um solche Dilemmata zu vermeiden, hinreichen würde, die Gesetze zu reformieren, die sich auf die Unverfügbarkeit des Körpers beziehen, und auf dem Personalausweis jeden Hinweis auf das biologische Geschlecht und auf das Gender abzuschaffen.

Die Entscheidung des höchsten australischen Gerichts interessiert uns hier jedoch nicht nur auf der Ebene des Rechts. Muss einen das Unbehagen von Norrie nicht auf den Gedanken bringen, dass keine Klassifikation jemals fein genug sein wird, um sämtliche Fälle möglicher Geschlechter abzudecken, um also die Einzigartigkeit des Verhältnisses eines Individuums zur „Sexuierung“ zu erfassen?3 Und ist nicht genau dies der entscheidende Grund dafür, dass die Psychoanalyse mit dem Begriff Gender von Anfang an Schwierigkeiten hatte?4

Das Gender kann als ein Begriff erscheinen, der zu verschwommen ist und für eine Psychoanalytikerin deshalb nutzlos ist, denn sie verfügt über weitaus präzisere Werkzeuge, um nicht nur das innerste Verhältnis des Individuums zum biologischen Geschlecht zu erfassen, sondern auch die sozialen und körperlichen Implikationen dieses Verhältnisses, die von den Gender-Theoretikern der Psychoanalyse oft allzu schnell vorgehalten werden. Von daher sieht man im Feld der Psychoanalyse eine unbefriedigende Aufteilung zwischen den „Reaktionären“, die die politischen und sozialen Implikationen der Gender-Theorien zurückweisen, und den „Modernen“, die diese Implikationen akzeptieren, im selben Zuge aber ihre eigenen Begriffe beerdigen und so das Kind mit dem Badewasser ausschütten. Es geht nicht etwa darum, der Freudschen Theorie nachträglich den Gender-Begriff aufzuzwingen – das hätte den epistemologischen Nachteil, durch einen Anachronismus alles zu vernebeln. Wäre es nicht sinnvoller, sich zu fragen, warum unseren Zeitgenossen das Gender so wertvoll ist und auf welcher Ebene der psychoanalytischen Theorie es sich begrifflich verorten lässt? Was wäre unter diesem Gesichtspunkt der psychoanalytische Wert des Genders?

Ich gehe von der Annahme aus, dass es um das Gender dann geht, wenn die Analysanten in einer Sitzung darüber sprechen, wie sie in Bezug auf ihre Geschlechtlichkeit behandelt wurden, und wenn sie die (meist unerfreulichen) Epitheta und Namen anführen, die sie dabei erhalten haben. Wer fühlt sich nicht tödlich getroffen, wenn er oder sie so angesprochen wird: „Mannweib“, „Schwuchtel“, „Tunte“, „Scheißlesbe“, „Schlampe“, „Kampflesbe“, „Weichei“, „Memme“, „Zicke“, „Trampel“, „Flittchen“, „fette Kuh“, „Softie“, „Schwuli“. Und ist das nicht, in größerem oder kleinerem Ausmaß, eine universale Erfahrung?

Judith Butler behauptet in Hass spricht, einem erhellenden Werk, dass ein Individuum diese oftmals verletzenden Benennungen überwinden kann.5 Es kann sich weigern, sich mit ihnen zu identifizieren, und zwar dadurch, dass es sie – selbst wenn es sie anerkannt und akzeptiert hat – umlenkt und gegen die Macht richtet, von der sie ausgesendet werden. Auf diese Weise sind beispielsweise Beleidigungen wie „queer“ und „nigger“ umgewendet worden und dafür in Anspruch genommen worden, wie sich die Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft gegenseitig anerkennen. Slavoj Žižek hingegen ist der Auffassung, dass für eine wirkliche Überwindung der Beleidigung eine wahrhafte subjektive Destitution notwendig ist, ein Akt, durch den das Individuum sich aus der Signifikantenkette, in der es vorgängig entfremdet ist, auskoppelt, durch eine Operation der Trennung, der Separation im Sinne von Lacan.6 Von Raoul Moati ist der Unterschied zwischen den Ansätzen der beiden Philosophen prägnant erläutert worden.7 Wenn man diese Diskussionen liest, gelangt man auf jeden Fall zu der Überzeugung, dass die Bedeutung der Theorie der Anrufung, die ein Hauptbeitrag von Althusser zur marxistischen Ideologietheorie ist von keinem dieser Philosophen geleugnet wird.

Und eben hierauf möchte ich zurückkommen, um zu zeigen, dass das Gender sich seiner Substanz nach auf die Anrufung im Sinne von Althusser bezieht. Dass hierbei die Ideologie den Ausgangspunkt bildet, muss uns bei unseren Positionen zum Gender sicherlich zur Vorsicht nötigen.

Theorie der Ideologie: die Althussersche Anrufung

Im Jahre 1970 veröffentlichte der französische Philosoph Louis Althusser einen Aufsatz mit dem Titel Ideologie und ideologische Staatsapparate (ISA)8, dem mehrere Texte zur Frage der Ideologie vorausgegangen waren.

Um die Ideologie zu denken, stützte Althusser sich auf schlagende Weise auf Lacans Theorie der Intersubjektivität, auf eine Weise, die Marx gegenüber neu war; dabei begriff er die Ideologie als eine „Anrufung“ im Rahmen der ideologischen Staatsapparate (ISA).

Die folgende Stelle, in der eine „theoretische Szene“ beschrieben wird, ist die bekannteste Passage seines Textes:

„Wir behaupten außerdem, dass die Ideologie in einer Weise ‚handelt‘ oder ‚funktioniert‘, dass sie durch einen ganz bestimmten Vorgang, den wir Anrufung (interpellation) nennen, aus der Masse der Individuen Subjekte ‚rekrutiert‘ (sie rekrutiert sie alle) oder diese Individuen in Subjekte ‚transformiert‘ (sie transformiert sie alle). Man kann sich diese Anrufung nach dem Muster der einfachen und alltäglichen Anrufung durch einen Polizisten vorstellen: ‚He, Sie da!‘9

Wenn wir einmal annehmen, dass die vorgestellte theoretische Szene sich auf der Straße abspielt, so wendet sich das angerufene Individuum um. Durch diese einfache physische Wendung um 180 Grad wird es zum Subjekt. Warum? Weil es damit anerkennt, dass der Anruf ‚genau‘ ihm galt und dass es ‚gerade es war, das angerufen wurde‘ (und niemand anderes). Wie die Erfahrung zeigt, verfehlen die praktischen Telekommunikationen der Anrufung praktisch niemals ihren Mann: Ob durch mündliche Zurufe oder durch ein Pfeifen, der Angerufene erkennt immer genau, dass gerade er es war, der gerufen wurde. Dies ist jedenfalls ein merkwürdiges Phänomen, das nicht allein durch ein ‚Schuldgefühl‘ erklärt werden kann, trotz der Vielzahl der Leute, die ‚sich etwas vorzuwerfen haben‘.“10

Althusser, so scheint es, hat kein Beispiel gegeben, dass sich auf die Problematik von Sex und Gender bezieht. Die Gender-Bezeichnungen, die von den Analysanten als stigmatisierend erinnert werden, treten jedoch durchaus in den Rahmen der ISA ein, der Ideologischen Staatsapparate wie Schule, Familie, Armee, Jugendgruppen, Pfadfinder oder andere pädagogische Vereine für die Jugend, für den Sport usw., und damit gehören sie in den Bereich der Althusserschen Theorie der Anrufung.

„Die Jungs und Guillaume zu Tisch!“

„Les garçons et Guillaume, à table!“ („Die Jungs und Guillaume zu Tisch!“) ist der erste Film von Guillaume Gallienne, einem Schauspieler der Comédie Française; die deutsche Synchronfassung hat den Titel Maman und Ich.11 Obwohl die Geschichte, die sich hier ereignet, eher tragisch ist, lacht man in diesem Film fast die ganze Zeit. Liegt dies vielleicht an dem geglückten Humor, bei dem wir uns völlig mit unserem Über-Ich identifiziert haben, so dass es uns gelingt, über uns selbst zu lachen, über unsere eigene Boshaftigkeit in den Beziehungen zu unseren Mitmenschen?

Die Geschichte von Guillaume, der hier unter seinem wirklichen Namen auftritt, ist ein subtiles Plädoyer gegen Gender-Klischees. Das Handlungsgerüst ist einfach. Ein Junge, der mit seinen älteren Brüdern in einer Familie der französischen Großbourgeoisie aufgezogen worden ist, mit Idealen, die sich auf Sport und Männlichkeit beziehen, wird von seinem Vater als zu „effeminiert“ angesehen, als zu mädchenhaft. Von daher gilt er „logischerweise“ als Homo, insbesondere bei seiner Mutter, einer exzentrischen russischen Aristokratin mit liberalen Ideen. Die Handlung entwickelt sich in Richtung auf ein veritables heterosexuelles Coming-out, bei dem Guillaume seiner entsetzten Mutter seine Heirat mit einer jungen Frau ankündigt.

Der mehrdeutige Titel des Films bezieht sich auf einen Ruf, den Melitta, seine Mutter, täglich an ihre Söhne richtet und dessen Reichweite von Guillaume erst in einer psychoanalytischen Sitzung erfasst wird, in der sich die Serie der Anrufungen kristallisiert, die er im Laufe seines Lebens empfangen hat.12 (Im Vortrag wurden an dieser Stelle zwei Sequenzen gezeigt:00:12:10 bis 00:13 und 01:09 bis 01:12.) Dies bildete den Faden für sein Theaterstück, das später in einen Film umgewandelt wurde. Hier verschiebt Guillaume die plötzliche Einsicht auf den Moment, in dem er sich Hals über Kopf in Amandine verliebt, seine zukünftige Frau.13 „Sätze, die (ihm) in diesem Moment durch den Kopf schießen“: „Es ist sehr mädchenhaft, dieses Kind!“ „He du Schwuchtel!“ „Hallo Mädel!“ „Und du bis dermaßen homo, dass du lesbisch geworden bist!“ „Hör mit deinem Kino auf!“ „He du Tunte!“ „Dir fehlt es an Schamgefühl, meine Liebe.“ „Die Jungs und Guillaume zu Tisch!“ „Hau ab, hier sind Männer unter sich.“ usw. Im Film hört er danach, wie die Gastgeberin ihn ruft (er ist bei einem Essen von Frauen): „Die Mädels und Guillaume zu Tisch!“ Man beachte die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks à table!, der auch bedeuten kann, dass man sich vornimmt, „alles“ zu sagen, reinen Tisch zu machen – was Guillaume in diesem Stück ja auch tut, in welchem er zugleich der Autor ist und der Darsteller, und das nicht nur von sich selbst in jedem Alter, sondern auch der seiner Mutter.

Die Szene bringt also in eine Reihe, einerseits, den metonymischen Faden der verletzenden Anrufungen des Genders und, andererseits, die beiden Sätze, die sich derart auf diesen Faden beziehen, dass sie ihn zerschneiden, zu Beginn und am Schluss, als Metaphern für seine sexuierte Position: „kein Junge“, und dann: „kein Mädchen“. Der erste Satz, der Titel des Films, bezeichnete ihn als jemand, der kein Junge ist, und er leitete daraus ab, was er stattdessen sein wollte: ein Mädchen. In diesem feminisierenden Appell, durch den er von seinen Brüdern als Ausnahme unterschieden wurde, las er auch das Begehren seiner Mutter, ja ihren Willen.

Der zweite Ruf, der von der Gastgeberin kommt, „Die Mädels und Guillaume zu Tisch!“ – die symmetrische Umkehrung des ersten –, bringt ihn zu den Mädchen in einen Gegensatz, und da dieser Ruf ihn im Moment einer Liebesbegegnung mit einer Frau erreicht, wird er durch ihn als Hetero bestätigt – woraus er folgert, dass er männlich ist.

Am Rande kann man festhalten, dass eine solche Schlussfolgerung keineswegs evident ist und dass es sich bei ihr sogar um einen Widersinn handeln könnte. Als „hetero“ bezeichnete Lacan diejenigen, die die Frauen lieben, welches biologische Geschlecht auch immer sie haben mögen, weil die Frauen das Andere verkörpern, griechisch: heteros, und zwar für beide biologischen Geschlechter. Insofern ist eine Lesbierin hetero, und ein misogyner Mann ist es nicht, genausowenig wie eine Frau, die Männer in der Weise liebt, dass sie ihr eigenes biologisches Geschlecht verachtet. Guillaume aber liebt die Frauen, mit einer Leidenschaft, die ihn verwüstet, bis dahin, dass er sie nachäfft, zunächst seine Mutter, deren Stimme er sich einverleibt hat – während seiner Leidensjahre hat er, um seine eigene Stimme zu finden, einen Facharzt für Phoniatrie aufsuchen müssen, denn er hatte die Stimme seiner Mutter angenommen.14 Er interessiert sich jedoch nicht nur für seine Mutter, denn er hat vollkommen begriffen, dass die Frauen ganz unterschiedlich sind. „Durchlässig für die Weiblichkeit“15, müht er sich ab, sie zu studieren, eine nach der anderen, um sie zu kopieren, bis hin zu ihrem Atem.16 Dabei nimmt er eine gewissermaßen don-juaneske Position ein17, die darin besteht, die Frauen eine nach der anderen „zu nehmen“, nicht, um mit ihnen zu schlafen, sondern, um sie sich einzuverleiben, durch einen beständigen Transvestismus, der später sublimiert wird, in seinem Metier als Schauspieler. Bei der Einverleibung jeder dieser Frauen „eine nach der anderen“, zeigt er, dass das Wesen des Weiblichen begriffen hat, das „nicht-alle“, was im Übrigen mit dem Einnehmen einer weiblichen Position durchaus vereinbar wäre. Erklärt er sich vielleicht deshalb für „bi“18? Er denkt, dass seine Männlichkeit dadurch bestimmt wurde, dass er sich schließlich in eine Frau verliebt hat. Dabei vermengt er die Heterosexualität (im Sinne von Lacan) mit der Männlichkeit, was keineswegs auf dasselbe hinausläuft. Aber seine Psychoanalyse, von der er sagt, dass sie ihm das Leben gerettet hat, führe bei ihm zu einer anderen Verwandlung, die sich auf den Phallus bezog und die vielleicht den wahrhaften Grund für seine Schlussfolgerung liefert. Als er klein war, hatte man ihn für „effeminiert“ gehalten, während er hoffte, ein Mädchen zu sein; „feminin“ und „effeminiert“ ist, wie er bemerkt, nicht dasselbe, denn von einem Mädchen sagt man nicht, es sei „effeminiert“. Er war sich jedoch nicht sicher, eines zu sein, vor allem wegen des hartnäckigen Widerstands seines Vaters. Von daher die Frage, die ihn auf hysterische Weise quälte: „Bin ich wirklich ein Mädchen?“ Er mochte es also nicht, dass man ihn mädchenhaft fand, und die Demütigungen, die sich für ihn daraus ergaben, kommen ihm in Erinnerung wie ein Rosenkranz von stigmatisierenden Anrufungen. Später, als er darüber weint, dass seine Liebe zu einem Jungen seines Colleges enttäuscht worden ist, behauptet seine Mutter ihm gegenüber, er sei homo, was ihn abstößt, da er sich für ein Mädchen hält und sie es auf diese Weise bestreitet. Auf den Rat seiner Tante hin wird er es danach mit Jungen „ausprobieren“, ohne jedoch davon überzeugt zu sein, dass dies sein Weg ist.

Den Grund für die Möglichkeit seiner Metamorphose zu einem Hetero-Mann sieht er darin, dass er dank seiner Analyse aufhören konnte, Angst vor dem Phallus zu haben. Diese Angst hemmte tatsächlich jede Sexualität und hinderte ihn sowohl daran, die Männer zu lieben, wie auch daran, sich einer Frau gegenüber als Hetero-Mann aufzufassen. Dadurch, dass er seine auf die Kindheit zurückgehende Pferdephobie auflöste, bei der das Pferd mit dem männlichen Geschlechtsorgan identifiziert wurde, konnte er sich als Phallusträger akzeptieren, im Verhältnis zu beiden Geschlechtern. Und in diesem Moment, in dem die Homosexualität möglich wurde, konnte er feststellen, dass sie nicht sein Weg war. Der sublimierte weibliche Transvestismus ist dann zu seinem Beruf geworfen, eine künstlerische Begabung19, wie man an seiner beeindruckenden schauspielerischen Leistung feststellen kann. Eine andere Form der Beziehung jedoch, sexuiert und sexuell, ist ihm seither möglich: mit einer Frau – mit einer einzigen –, die sich durch die Liebe auszeichnet.

Zum Lachen? .

Fassen wir zusammen. Die Gender-Problematik wird hier als eine Ansammlung von verletzenden Anrufungen begriffen, die sich um eine zentrale Anrufung herum kristallisieren, durch die Guillaume zugeschrieben wird, kein Mann zu sein. Dies ist der Appell „Die Jungs und Guillaume zu Tisch!“ Halten wir fest, auch wenn das Subjekt danach strebt, ein Mädchen zu sein, betrachtet es die Tatsache, als „effeminiert“ angesehen und behandelt zu werden, gleichwohl als Kränkung (denn „effeminiert“ ist ein Mädchen gerade nicht). Kein Junge zu sein, heißt also nicht, ein Mädchen zu sein, und wirft für ihn damit eine Frage auf, die vom Begehren seiner Mutter abzweigt und die er auf hysterische Weise angeht.

Das Verhältnis zur Kunst ist für ihn später eine Lösung durch Sublimation, nach der „feminisierten“ Seite hin: das Theater als Kunst der Travestie ermöglicht es Guillaume, sich in einer renommierten Szene einen Namen zu machen.

Und schließlich, wenn man die Anrufungen des Genders überwinden will, so impliziert das mehr als die Bemühung um Replik und um Neuadjustierung der Identifizierungen, wie sie von Judith Butler empfohlen werden. Sicherlich ist die Wiederaneignung der performativen Anrufungen in spielerischer Form Guillaume möglich gewesen, denn er lacht nachträglich über eine Homophobie, die ihn allerdings depressiv gemacht hatte, und mit der Inszenierung seiner Geschichte bringt er sogar alle zum Lachen.20 Wir haben jedoch gesehen, dass die geglückte Wiederaneignung der Anrufungen nur sekundär möglich gewesen ist, nach einer grundlegenden Neugestaltung des Subjekts, die mit einem irreversiblen Akt verbunden war: mit Guillaumes Entscheidung, zu seiner Mutter nein zu sagen. Im übrigen ist die „mädchenhafte“ Vergangenheit nicht ganz verschwunden; in eine gesellschaftlich akzeptierte Form transformiert und sublimiert, geht sie in die Kunst über, die für ihn, um zu leben, absolut notwendig ist und die es ihm darüber hinaus ermöglicht, von dem, was sich verändert hat, auf glänzende Weise Zeugnis abzulegen. Diese Umwandlungen gehen über Identifizierungen hinaus, in dem Maße, in dem sie den Trieb, das Phantasma und die Symptome ins Spiel bringen: in ihrer Singularität.

Übersetzung eines Vortrags, den Geneviève Morel am 13. Dezember 2014 in Berlin auf Französisch gehalten hat, bei einem Treffen, zu dem die „Lacan-Gruppe in Berlin (LaGiB)“ eingeladen hatte.
Originaltitel: „Le genre, entre interpellation et classification“.
Die Übersetzung ist von Rolf Nemitz; er bedankt sich bei Gerhard Herrgott für zahlreiche Verbesserungsvorschläge.
Das Urheberrecht (Copyright) für diesen Text liegt bei Geneviève Morel.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Über Geneviève Morel

Geneviève Morel 149 x 149 pxGeneviève Morel ist Psychoanalytikerin in Paris und Lille und Mitgründerin von ALEPH (Association pour l’étude de la psychanalyse et de son histoire).

Zu ihren Veröffentlichungen gehören: Ambiguïtés sexuelles. Sexuation et psychose (Economica, Paris 2000), La Loi de la mère. Essai sur le sinthome sexuel (Economica, Paris 2008, englisch 2011), Clinique du suicide (als Herausgeberin, Eres, Toulouse 2010), Pantallas y suenos. Ensayos psicoanaliticos sobre la imagen en movimiento (ediciones S&P, Barcelona 2011).

Kontakt: genevieve.morel.gm [at] gmail.com

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Anmerkungen

  1. Judith Butler in einem Interview in einem Dokumentarfilm von Paule Zajdermann, Judith Butler, Philosophin der Gender, Arte France 2006, Französische Version hier, deutsche Version hier.
  2. The Sydney Morning Herald, 6. Juni 2013, Elisabeth Farelly.–  2. April 2014, Paul Bibby und Dan Harrison: „Neither man nor woman. Norrie wins gender appeal“.
  3. Die „Sexuierung“, um diesen Ausdruck Lacans mit scheinbaren biologischen Resonanzen aufzugreifen, bezeichnet die Art und Weise, wie man zu einem Mann oder zu einer Frau wird (oder auch nicht wird). Es handelt sich um eine Konzeption, die ganz entschieden nicht anatomisch ist, sondern sich im Gegenteil auf eine komplexe Logik des sexuellen Genießens stützt, die in „Formeln der Sexuierung“ aufgeteilt wird. Sie sperrt sich von daher gegen jede Klassifizierung und auch gegen den Binarismus, selbst wenn sie sich scheinbar als ein solcher darstellt. Vgl. Lacan, Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, Sitzung vom 9. April 1974.
  4. Ich spreche hier wohlgemerkt nicht von den traditionalistischen Protesten der naturalistischen Psychoanalytiker, die sich in dieser Frage verzweifelt als einzigen Kompass an die anatomische Differenz halten, denn für eine aufmerksame Freudlektüre scheinen sie blind zu sein. Schließlich ist klar, dass Freud diesen Punkt von Anfang an hervorgehoben hat. Sicherlich kann man sein wohlbekanntes Napoleon-Zitat beständig wiederholen, „die Anatomie ist das Schicksal“, jedoch vergisst man dabei, dass er auch erklärt hat, „den Charakter des Männlichen und Weiblichen kann zwar die Anatomie, aber nicht die Psychologie aufzeigen.“ (Das Unbehagen in der Kultur. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 235 Fn. 2.) Die Logik der Sexuierung enthüllt die Unangemessenheit der Gender-Theorien, wenn es darum geht, die Singularität des Genießens und seiner psychoanalytisch zugänglichen Modi zu repräsentieren: Symptome und Phantasmen, sowie die Unangemessenheit gegenüber dem, was bewirkt, dass ein Individuum sich als Mann oder als Frau bezeichnen kann, als weder das eine noch das andere oder auch als etwas ganz anderes.
  5. Judith Butler: Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 157-160.
  6. Slavoj Žižek, Die Tücke des Subjekts. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010, S. 362.
  7. Raoul Moati: Structure et liberté. In: Guy-Félix Duportail (Hg.): Penser avec Lacan. Nouvelles lectures. Editions Hermann, Paris, im Erscheinen, S. 26 f.
  8. Louis Althusser: Ideologie und Ideologische Staatsapparate (Anmerkungen für eine Untersuchung), in: Ders.: Ideologie und ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie. Übersetzt von Peter Schöttler. VSA, Hamburg 1977, S. 108-153.
  9. Anmerkung von Althusser im obigen Zitat: „Die Anrufung als alltägliche Praxis mit einem genauen Ritual nimmt eine ganz ‚besondere‘ Form an in der polizeilichen Praxis der ‚Anrufung‘ (interpellation = vorübergehende Festnahme; d. Übers.), bei der es um die Überprüfung von ‚Verdächtigen‘ geht.“ (A.a.O., S. 153)
  10. A.a.O., S. 142 f.
  11. Frankreich, Belgien 2013. Regie und Drehbuch: Guillaume Gallienne.
  12. Interview mit Guillaume Gallienne im Bonusmaterial der DVD, Gaumont.
  13. 01:09. (Anm. d. Übers.: Hiermit werden hier und im Folgenden Stellen im Film bezeichnet, in diesem Fall: eine Stunde und neun Minuten.)
  14. Vgl. Josyane Savigneau: Guillaume Gallienne, le mélange des genres. In: Le Monde, 11.10.2013.
  15. Ebenda.
  16. 00:36.
  17. Jacques Lacan: Seminar XX. Encore. Berlin, Quadriga 1986, S. 15.
  18. „Ich weiß nicht, was das ist, die Normalität, das ist eine Frage, die mich nie bewegt hat. Ich halte auf nichts eine Lobrede, ich erkläre, was ich denke, nämlich, dass es keine Verbindung gibt zwischen der Identität und dem biologischen Geschlecht. Es ist so, dass durch die Liebe zu einer Frau mein Leben hetero ist. Wenn diese Leute etwas brauchen, was sie beruhigt, wenn sie mir absolut ein Etikett anheften wollen, dann sage ihnen, dass ich bi bin.“ Interview mit Guillaume Gallienne in Terrafemina vom 13.1.2014.
  19. Mit Lacan könnte man von einem Sinthom sprechen.
  20. „Die Homophobie habe ich erlitten, seit ich zehn Jahre alt war. Man hat mich ‚Schwuchtel‘ genannt, ‚Schwuli‘, ‚Tunte‘. Ich habe mich umgedreht, ich wusste, dass ich es war, um den es ging“, fährt Guillaume fort, bevor er in offenes Lachen ausbricht. Und dem Journalisten, der sich über seine gute Laune wundert, erklärt Guillaume, dass er mit zwölf Jahren eine Depression erlitten hat und sich dann jahrelang auf die Couch legte. „Das hat mir das Leben gerettet. Ohne das würde ich heute nicht leben, das ist sicher.“ Zitiert in Bertrand Rocher: „Mais pour qui se prend Guillaume Gallienne?“ In: Grazia, 20. November 2013.

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