Franz Kaltenbeck: Geschlecht und Symptom

Portrait of henrietta moraes, 1963. Francis Bacon - Oil (zu Franz Kaltenbeck, Sexuierung bei Jacques Lacan)Fran­cis Ba­con, Por­trait of Hen­ri­et­ta Mo­ra­es, 1963, Öl auf Lein­wand, 165 x 142 cm, Pri­vat­be­sitz

In Frank­reich brach vo­ri­ges Jahr ein Krieg aus. Er wur­de von re­ak­tio­nä­ren Krei­sen an­ge­zet­telt, nach­dem auf Vor­schlag der Re­gie­rung das Ge­setz zur Zu­las­sung der Ehe zwi­schen Ho­mo­se­xu­el­len (ma­ria­ge pour tous) von der Na­tio­nal­ver­samm­lung ver­ab­schie­det wor­den war. Auf die Hei­rat für Alle ant­wor­te­te eine Ko­ali­ti­on aus Rechts-Ka­tho­li­ken, Na­tio­na­lis­ten, Mon­ar­chis­ten und Fa­schis­ten mit der „De­mons­tra­ti­on für alle“, die ein­mal fast eine Mil­li­on Men­schen zu Pro­test­kund­ge­bun­gen auf die Stra­ßen von Pa­ris brach­te. Im Zuge die­ser Pro­tes­te wur­de die „Gen­der­theo­rie“ als ein Fak­tor ge­brand­markt, der die Ehe und die Fa­mi­lie zer­stö­re und in den Schu­len ob­szö­ne Auf­klä­rung zur Be­zie­hung zwi­schen den Ge­schlech­tern ver­an­stal­te. Wie so oft in Frank­reich leg­te sich der Sturm nach ei­ni­ger Zeit und man kehr­te zu den All­tags­pro­ble­men ei­ner er­lah­men­den Wirt­schaft zu­rück. Das Un­ter­richts­mi­nis­te­ri­um tat sein Bes­tes, um die Lü­gen über den Miss­brauch der Gen­der­theo­rie durch per­ver­se Leh­rer an den Schu­len zu wi­der­le­gen, und meh­re­re Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren, vor al­lem So­zio­lo­gen, stell­ten fest, dass es eine Gen­der-Theo­rie über­haupt nicht gebe, son­dern nur das Stu­di­um des Gen­ders, die Gen­der Stu­dies.

Der Gen­der-Be­griff wur­de be­kannt­lich vom Psy­cho­lo­gen John Mo­ney im Jah­re 1955 ein­ge­führt; er be­zeich­ne­te da­mit den Un­ter­schied zwi­schen dem bio­lo­gi­schen und dem so­zia­len Ge­schlecht. Der Psych­ia­ter und Psy­cho­ana­ly­ti­ker Ro­bert Stol­ler ver­wen­de­te ihn seit 1968 für die Pro­ble­ma­tik von Trans­se­xu­el­len, die eine Ope­ra­ti­on zur Än­de­rung ih­res ana­to­mi­schen Ge­schlechts ver­lan­gen.1 Für Stol­ler gibt es ne­ben dem bio­lo­gi­schen Ge­schlecht das so­zi­al in­du­zier­te Gen­der. An­dré Green be­haup­te­te, Stol­lers Ar­bei­ten müss­ten dazu füh­ren, die Säu­len von Freuds Theo­rie (z. B. den Ödi­pus-Kom­plex) neu zu über­den­ken, sei­en sie doch seit Freud die wich­tigs­te Er­run­gen­schaft sei­ner Dis­zi­plin. (Greens Hass auf La­can ver­bot ihm, all des­sen Neue­run­gen in der Psy­cho­ana­ly­se an­zu­er­ken­nen. Ich den­ke da z. B. an La­cans Theo­rie der Psy­cho­sen, sei­ne Er­fin­dung des Ob­jekts a, und sei­ne ers­te Schrift über weib­li­che Se­xua­li­tät, die doch alle vor den Ar­bei­ten Stol­lers er­schie­nen wa­ren.) So hält heu­te eine Rei­he von Ana­ly­ti­kern das Gen­der für ein wert­vol­les Werk­zeug der Ana­ly­se. Ist es das aber wirk­lich?

Die „Ehe/Hochzeit für alle“ hat nicht nur für den Wir­bel der Rechts­ex­tre­men ge­sorgt, son­dern auch das Gen­der auf­ge­wer­tet, das in den letz­ten Jah­ren an den Uni­ver­si­tä­ten zur ein­schlä­fern­den Rou­ti­ne ge­wor­den war. Die Aus­schrei­tun­gen ge­gen die „Ehe für Alle“ er­laub­ten es den Ana­ly­ti­kern, die das Gen­der zu ih­rem Streitross er­ko­ren hat­ten, sich ge­gen alte Re­ak­tio­nä­re für de­ren Ver­teu­fe­lung der vor vie­len Jah­ren ge­setz­lich an­er­kann­ten zi­vi­len Part­ner­schafts­ver­trä­ge zwi­schen Men­schen glei­chen oder ver­schie­de­nen Ge­schlechts zu rä­chen. Un­ter den al­ten La­ca­nia­nern wa­ren da­mals schon Jean-Pierre Win­ter und Charles Mel­man als re­ak­tio­nä­re Wort­füh­rer auf­ge­fal­len. Aber auch die Ver­tre­ter des Gen­ders konn­ten mit re­tro­gra­den In­tel­lek­tu­el­len auf­war­ten, z. B. mit der so­ge­nann­ten His­to­ri­ke­rin Eli­sa­beth Rou­di­nes­co. Eine Ge­set­zes­in­itia­ti­ve, die in in den meis­ten eu­ro­päi­schen Staa­ten längst ohne gro­ße Lei­den­schaft über die Büh­ne ge­gan­gen war, er­laub­te es ei­ner­seits der Rech­ten, aus ei­nem von ihr völ­lig miss­ver­stan­de­nen Be­griff, dem Gen­der, po­li­ti­sches Ka­pi­tal zu schla­gen, und an­de­rer­seits den Fans des Gen­ders, mit der Po­le­mik ge­gen die Re­ak­tio­nä­re auf ei­nen neu­en po­li­ti­schen Früh­ling zu hof­fen. Gute Ge­füh­le und kor­rek­te Ab­sich­ten kön­nen aber die Er­for­schung des Rea­len nicht er­set­zen.

Sollen die Gender Studies die Sexualtheorie verdrängen?

Ganz zu Recht lehnt sich die Pa­ri­ser Ana­ly­ti­ke­rin Lau­rie Lau­fer in ih­rem Ar­ti­kel Ce que le gen­re fait à la psy­chana­ly­se („Was das Gen­der für die Psy­cho­ana­ly­se tut, ihr an­tut“) ge­gen die Eng­stir­nig­keit der nor­ma­ti­vis­ti­schen Psy­cho­ana­ly­ti­ker auf, die­se Mo­ral­pre­di­ger der „Or­tho­psychie“ und Fe­ti­schis­ten der sym­bo­li­schen Ord­nung.2 Ihre Er­in­ne­rung an Freuds wie­der­hol­te Ver­tei­di­gung der zu sei­ner Zeit ge­setz­lich ver­folg­ten Ho­mo­se­xu­el­len und sei­ne War­nung vor je­dem se­xu­al­theo­re­ti­schen Dog­ma­tis­mus wirft ein grau­sa­mes Licht auf de­ren Rück­stän­dig­keit. Dass Freud eine star­re se­xu­el­le Iden­ti­tät ab­lehnt, konn­te ihr nicht ent­ge­hen. Sie hät­te aber in sei­nem Fest­hal­ten an der Bi­se­xua­li­tät als Ba­sis der Ge­schlech­ter­dif­fe­renz er­ken­nen müs­sen, dass Freud in ihr kei­ne Er­leich­te­rung der Se­xu­ie­rung sah, son­dern sie eher zur Deu­tung von der Un­voll­end­bar­keit der Se­xu­ie­rung her­an­zog. Freuds Ab­leh­nung ei­ner me­di­zi­ni­schen Psy­cho­ana­ly­se kommt Lau­fer ge­le­gen, weil sie wie meh­re­re ih­rer Kol­le­gen die Kli­nik in die Me­di­zin ein­schließt. Bei Freud und bei La­can trifft das Sub­jekt die Wahl sei­ner kli­ni­schen Struk­tur (Neu­ro­se, Psy­cho­se, Per­ver­si­on), zu­min­dest ist es an die­ser Wahl be­tei­ligt. Und das gilt auch für die Wahl sei­nes Ge­schlechts. Dass Psych­ia­ter die Kli­nik manch­mal igno­rie­ren oder so­gar miss­brau­chen, darf nicht zu ih­rer Ver­wechs­lung der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kli­nik mit me­di­zi­ni­scher Macht­aus­übung füh­ren.

Lau­fer ver­gleicht die Ab­leh­nung des Gen­ders durch die re­ak­tio­nä­ren Ana­ly­ti­ker mit dem Skan­dal, den Freuds Se­xu­al­theo­rie, vor al­lem sei­ne Ent­de­ckung der kind­li­chen Se­xua­li­tät, im Wien der frü­hen Jah­re des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts aus­ge­löst hat­ten. Das ist wish­full thin­king. Sie träumt von ei­ner Er­neue­rung der Freud­schen Sub­ver­si­on durch das Gen­der. Aber es ist schwer ein­zu­se­hen, war­um die Gen­der Stu­dies, die doch ganz ge­müt­lich an den Uni­ver­si­tä­ten der west­li­chen Welt ge­pflegt wer­den, die gu­ten Bür­ger scho­ckie­ren soll­ten. In Nan­tes führ­ten pro­gres­sis­ti­sche Leh­rer an ih­rem Gym­na­si­um eine jour­née de la jupe ein, an der so­wohl die Mäd­chen als auch die Kna­ben Rö­cke tra­gen soll­ten, um auf die Dis­kri­mi­nie­rung der Frau auf­merk­sam zu ma­chen. Die gut­ge­mein­te Ak­ti­on reg­te vor al­lem den im­mer wei­ter nach rechts rü­cken­den Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Sar­ko­zy auf, der in je­der sei­ner Wahl­ver­samm­lun­gen das klei­ne Hap­pe­ning als gro­ßen Skan­dal an­pran­ger­te.

Lau­fer ver­wech­selt das Stu­di­um des Gen­ders mit be­stimm­ten Ob­jek­ten die­ses Stu­di­ums. Ein ob­dach­lo­ser Trans­se­xu­el­ler kann die gute Ge­sell­schaft stö­ren, nicht aber ein Pro­fes­sor, der über Trans­se­xua­lis­mus spricht. Freuds Stu­di­en über Hys­te­rie ha­ben aber die Wie­ner me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät sehr wohl her­aus­ge­for­dert und sei­ne Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie auch. Spä­ter fürch­te­te er zu Recht, dass Dollfuß sein Mo­ses­buch zum An­lass neh­men könn­te, die Wie­ner Psy­cho­ana­ly­ti­sche Ver­ei­ni­gung zu schlie­ßen. Lau­fer streicht die po­li­ti­sche Di­men­si­on des Gen­der-Be­griffs her­aus. Man darf aber fra­gen, ob das Gen­der dem po­li­ti­schen Pro­blem ge­recht wird, mit dem die se­xu­el­len Min­der­hei­ten zu kämp­fen ha­ben. Psy­cho­ana­ly­ti­ker, die ihre Funk­ti­on er­fül­len, be­an­spru­chen sel­ten, po­li­ti­sche Ar­beit zu leis­ten. La­can hob so­gar Freuds un­po­li­ti­sche Hal­tung her­vor.3 Aber be­wahr­te ihn nicht ge­ra­de die­se Hal­tung vor dem, was man das Ali­bi der Po­li­tik nen­nen könn­te? Da das Un­be­wuss­te selbst po­li­tisch ist, kann ein Ana­ly­ti­ker, der es ent­zif­fert, auch in die Po­li­tik ein­grei­fen, ohne sich in ei­ner po­li­ti­schen Be­we­gung oder Par­tei zu en­ga­gie­ren.

In sei­nem Ab­riss der Psy­cho­ana­ly­se schreibt er:

In gro­ßer Rät­sel­haf­tig­keit er­hebt sich vor uns die bio­lo­gi­sche Tat­sa­che der Zwei­heit der Ge­schlech­ter, ein Letz­tes für un­se­re Kennt­nis, je­der Zu­rück­füh­rung auf An­de­res trot­zend. Die Psy­cho­ana­ly­se hat nichts zur Klä­rung die­ses Pro­blems bei­ge­tra­gen, es ge­hört of­fen­bar ganz der Bio­lo­gie an. Im See­len­le­ben fin­den wir nur Re­fle­xe je­nes gro­ßen Ge­gen­sat­zes, de­ren Deu­tung durch die längst ge­ahn­te Tat­sa­che er­schwert wird, dass kein Ein­zel­we­sen sich auf die Re­ak­ti­ons­wei­sen ei­nes ein­zi­gen Ge­schlechts ein­schränkt, son­dern stets de­nen des ent­ge­gen­ge­setz­ten ei­nen ge­wis­sen Raum lässt (…). Zur Un­ter­schei­dung des Männ­li­chen vom Weib­li­chen im See­len­le­ben dient uns eine of­fen­bar un­ge­nü­gen­de em­pi­ri­sche und kon­ven­tio­nel­le Gleich­stel­lung. Wir hei­ßen al­les, was stark und ak­tiv ist, männ­lich, was schwach und pas­siv ist, weib­lich. Die­se Tat­sa­che auch der psy­cho­lo­gi­schen Bi­se­xua­li­tät be­las­tet alle un­se­re Er­mitt­lun­gen, er­schwert ihre Be­schrei­bung“.4

Wel­che Kon­se­quen­zen zieht Lau­fer aus die­sen Ge­dan­ken Freuds zur Zwei­ge­schlecht­lich­keit und zur Bi­se­xua­li­tät? Dass der Un­ter­schied zwi­schen den Ge­schlech­tern und die psy­cho­lo­gi­sche Bi­se­xua­li­tät kei­ne An­halts­punk­te sind, de­nen man trau­en kann. Dazu sei­en der „Kör­per, das Ge­schlecht und die Se­xua­li­tät zu un­dis­zi­pli­niert“. Ge­nau das sagt Freud aber nicht. Er stellt nicht in Fra­ge, dass es zwei Ge­schlech­ter gibt, sagt hin­ge­gen, dass man nicht wis­se, war­um – das sei ein Pro­blem der Bio­lo­gie. Auch die Bi­se­xua­li­tät stellt er nicht als et­was Un­si­che­res hin, im Ge­gen­teil, er schreibt, dass nie­mand sich „auf die Re­ak­ti­ons­wei­sen ei­nes ein­zi­gen Ge­schlechts ein­schränkt“. Und er fügt dem hin­zu, dass die Bi­se­xua­li­tät die Deu­tung des Ge­gen­sat­zes der Ge­schlech­ter noch er­schwert.

Mit La­can könn­te man sa­gen, dass schon die Bi­se­xua­li­tät die Il­lu­si­on, man kön­ne an­ge­ben, wel­ches Ver­hält­nis zwi­schen den bei­den Ge­schlech­tern be­stehe, in Fra­ge stellt. Lau­fer zieht nun aus der zi­tier­ten Stel­le des Ab­ris­ses den Schluss, dass man eben­so gut von ei­ner be­lie­bi­gen An­zahl von Ge­schlech­tern spre­chen kön­ne wie von zwei­en, da ja schon die Un­ter­schei­dung die­ser bei­den schwie­rig ist. Und tat­säch­lich hat eine fe­mi­nis­ti­sche Bio­lo­gin, Anne Faus­to Ster­ling, fünf Ge­schlech­ter ge­fun­den. Wenn die Zwän­ge vom Gen­der ge­nom­men wer­den, be­geg­ne man auf der Ebe­ne des se­xu­el­len Ver­hal­tens mul­ti­plen For­men des queer: fe­mi­ni­ne Les­ben, ag­gres­si­ve Les­ben, Fan­tas­meu­re, Drag Queens, Drag Kings, Män­ner, die sich als Les­ben de­fi­nie­ren, Mas­tur­ba­teu­re, un­ter­wür­fi­ge Männ­li­che, etc. Da die­se Ver­hal­tens­for­men aber nicht sta­bil blei­ben, manch­mal nach Be­lie­ben an- und ab­ge­legt wer­den kön­nen, fragt man sich, ob es sich bei ih­nen nicht um of­fen­ge­leg­te Fan­tas­men, um per­for­man­ces oder Iden­ti­fi­zie­run­gen mit dem Ob­jekt des Be­geh­rens ei­nes An­de­ren han­delt, so dass sie in Wirk­lich­keit nicht für ein be­son­de­res Gen­der ste­hen.

Die Be­grif­fe Freuds und sei­ner Schü­ler zur weib­li­chen Se­xua­li­tät, wie Pe­nis­neid, weib­li­che Mas­ke­ra­de, Phal­lus, so­wie auch La­cans Dik­tum „Die Frau exis­tiert nicht“ lehnt Lau­fer ab, was ja schon die Mai­län­der Fe­mi­nis­tin­nen im Jahr 1973 ta­ten.5 Ge­ra­de die Miss­ach­tung von La­cans Satz zur Nicht-Exis­tenz (in­exis­tence) der Frau zeigt, wie we­nig die Au­to­rin über sei­ne Lo­gik der Se­xu­ie­rung nach­den­ken woll­te. Sie hät­te Am­bi­guïtés se­xu­el­les le­sen kön­nen, wo Ge­ne­viè­ve Mo­rel La­cans Theo­rem von der In­exis­tenz der Frau an La­cans Axi­om vom se­xu­el­len Nicht­ver­hält­nis bin­det.6 Auch He­le­ne Deutsch fin­det in ih­ren Au­gen kei­ne Gna­de. Da ge­fal­len ihr die Pa­ri­ser Fe­mi­nis­tin­nen der sieb­zi­ger Jah­re schon bes­ser: An­toi­net­te Fou­que, Luce Iri­ga­ray, Mi­chè­le Mont­re­lay, Ju­lia Kris­te­va und Hé­lè­ne Ci­xous, da sie doch den Mo­nis­mus der männ­li­chen Li­bi­do und den Phal­lo­zen­tris­mus be­kämpft hat­ten. Im­mer­hin las Lau­fer La­cans Se­mi­nar XI, in dem er klar­ge­macht hat­te, dass es im Psy­chis­mus nichts gibt, auf Grund des­sen das Sub­jekt sich als männ­li­ches oder weib­li­ches We­sen si­tu­ie­ren kann.

Für die Au­to­ren, die zu den Gen­der Stu­dies bei­tra­gen, schei­nen die Ge­sell­schaft und der Staat ein un­über­schreit­ba­rer Ho­ri­zont zu sein. Sie un­ter­stel­len die­sen In­stan­zen da­mit eine maß­lo­se Macht, ma­chen sie zum gro­ßen An­de­ren. Die Ge­sell­schaft ist für sie zu­gleich die In­stanz, die das Gen­der mo­delt und die Se­xua­li­tät be­schränkt. Aus der Ge­schich­te die­ser ge­sell­schaft­li­chen Ein­wir­kun­gen auf das Ge­schlecht hoff­ten sie das we­sent­li­che Wis­sen über das Gen­der zie­hen zu kön­nen. Freud dach­te, dass die Trie­bein­schrän­kun­gen eher von der Kul­tur aus­ge­übt wer­den. Die fe­mi­nis­ti­sche An­thro­po­lo­gin Gayle Ru­bin be­haup­tet z. B. in ih­rem Es­say Thin­king Sex, die Ge­sell­schaft habe die ihr ge­neh­me Se­xua­li­tät in ei­nen char­med cir­cle ein­ge­schlos­sen, und jede an­de­re Se­xua­li­tät von ihm aus­ge­schlos­sen.7

Man darf aber fra­gen, ob das die Ge­sell­schaft über­haupt kann, ob sich die Se­xua­li­tät ein­krei­sen lässt, ob ihr charm, in je­dem Sinn, nicht dar­in be­steht, dass sie un­se­rem Den­ken und Wol­len so we­nig ge­horcht und man ihr nur sehr schwer Gren­zen set­zen kann. Sprach der von La­can zi­tier­te Sil­be­rer nicht ge­ra­de ih­ret­we­gen von den „Ko­bold­strei­chen des Un­be­wuss­ten“8, ei­nem Un­be­wuss­ten, des­sen Rea­li­tät se­xu­ell ist? Be­ob­ach­tet man nicht, dass die west­li­che Ge­sell­schaft in den letz­ten Jahr­zehn­ten fast alle For­men von Se­xua­li­tät dul­de­te und oft so­gar vor se­xu­el­ler Ge­walt die Au­gen schloss?

Kürz­lich sag­te der So­zio­lo­ge Eric Fas­sin in ei­ner Dis­kus­si­on, das Ge­schlecht wer­de ei­nem vom Staat zu­ge­teilt. Das ist nicht ganz rich­tig. Ab­ge­se­hen da­von, dass man die staat­li­che Ok­troy­ie­rung in den De­mo­kra­ti­en heu­te meist rück­gän­gig ma­chen kann, schreibt sich das Sub­jekt in der Se­xu­ie­rung sein Ge­schlecht meist sel­ber zu. Na­tür­lich darf man we­der den ge­sell­schaft­li­chen noch den staat­li­chen Druck da­bei ge­ring­schät­zen. Die Spe­zia­lis­ten des Gen­ders, wel­che die­ses auf sei­ne so­zia­le Di­men­si­on re­du­zie­ren, ver­ges­sen aber oft, wie al­lein das Kind ist, vor al­lem am Be­ginn der Se­xu­ie­rung.9

So er­zähl­te mir die Mut­ter ei­nes 26 Mo­na­te al­ten Mäd­chens, dass sie ein­mal zu­fäl­lig ein Selbst­ge­spräch die­ses Kin­des be­lauscht hat­te. Das Mäd­chen saß mit ge­spreiz­ten Bei­nen da und sag­te meh­re­re Male: „Ja wo ist er denn.“ Dann steck­te sie ei­nen Gras­halm in ihre Schei­de. Ihre Mut­ter hat­te ein paar Wo­chen vor­her ei­nen Jun­gen zur Welt ge­bracht, auf den sei­ne Schwes­ter sehr ei­fer­süch­tig war und den sie ge­nau be­ob­ach­tet hat­te. So gab sie also ih­rem Pe­nis­man­gel in ei­nem Selbst­ge­spräch Aus­druck, und als sie die An­we­sen­heit ih­rer Mut­ter be­merk­te, sag­te sie: „Mama, komm nicht her!“

Die Gen­der Stu­dies ha­ben ohne Zwei­fel gro­ße Ver­diens­te: die Er­for­schung der Dis­kri­mi­nie­run­gen und Un­ter­drü­ckun­gen der weib­li­chen Se­xua­li­tät, der Se­xua­li­tät der se­xu­el­len Min­der­hei­ten so­wie der ver­hee­ren­den Wir­kun­gen des Ras­sis­mus für das Lie­bes­le­ben der Un­ter­drück­ten. Zu­gleich muss man aber sa­gen, dass sie auch zu ei­nem Ver­zicht auf die Er­for­schung der Se­xua­li­tät und der Se­xu­ie­rung führ­ten und de­ren Er­geb­nis­se ver­drängt habe. Was wird ver­drängt? Das theo­re­ti­sche Wis­sen, z. B. die Lo­gik der Se­xu­ie­rung, zu­guns­ten ei­ner Re­gres­si­on auf un­be­wie­se­ne bio­lo­gi­sche Spe­ku­la­tio­nen. Freuds Ein­sicht, dass es we­der rei­ne Weib­lich­keit noch rei­ne Männ­lich­keit gibt, wur­de als Li­zenz zur Be­lie­big­keit ge­deu­tet. So ver­wech­selt man z. B. Gen­der und Fan­ta­sie und schuf die Fik­ti­on ei­ner oft aus Pro­test vom Ich ge­steu­er­ten Gen­der-Iden­ti­tät.

Der Ka­pi­ta­lis­mus habe da­mit be­gon­nen, be­haup­tet La­can, den Sex zum al­ten Ei­sen zu wer­fen.10 Man kennt ei­ni­ge Fol­gen die­ser Ver­drän­gung, die Freud auf­zu­he­ben ver­such­te.11 Die Gen­der Stu­dies schei­nen sich eher dem tri­um­phie­ren­den Ka­pi­ta­lis­mus an­zu­schlie­ßen oder des­sen tri­um­phie­ren­de Ges­te auf der Ebe­ne des Ge­schlechts zu imi­tie­ren.

Da­bei wird aber die zwei­te gro­ße Un­rein­heit in der Se­xu­al­theo­rie ver­ges­sen. Man kann nicht nur nicht rein­lich zwi­schen Mann und Frau un­ter­schei­den. Die Ge­schlechts­wahl geht zu­dem auch sel­ten ohne Sym­ptom­bil­dung ein­her.

Da die Fan­ta­sie fast al­les mög­lich macht, konn­te man in den Gen­der Stu­dies das Sym­ptom ver­drän­gen. Nur bei Ju­dith But­ler fin­det man ein Be­kennt­nis zu ih­rer Un­ei­nig­keit mit ih­rem ei­ge­nen Kör­per.12 Nun gibt es aber kaum Se­xua­li­tät ohne Sym­pto­me. sie bil­den sich dann, wenn ein Sub­jekt mit sei­ner Se­xua­li­tät in Kon­flikt ge­rät oder de­ren Rät­sel nicht lö­sen kann.

Delirierende Namensgebung

Eine 34jäh­ri­ge Frau er­tränk­te in die­sem Som­mer ihre drei­jäh­ri­ge Toch­ter in ei­nem Fluss, der Lil­le durch­quert. Weil ein Nach­bar sie we­gen Kin­des­miss­hand­lung an­ge­zeigt hat­te, glaub­te sie, dass die Be­hör­den ihr die­ses Kind weg­neh­men wür­den. Die Psych­ia­te­rin, von der sie im Ge­fäng­nis be­han­delt wur­de, konn­te nicht her­aus­be­kom­men, ob die Kla­ge zu Recht er­ho­ben wor­den war, ob die Mut­ter ihre Toch­ter also wirk­lich miss­han­delt hat­te. Je­den­falls fürch­te­te ihre Pa­ti­en­tin das Ein­schrei­ten der Be­hör­den, fühl­te sich von ih­nen ver­folgt. Von ih­rer Toch­ter sprach die in­haf­tier­te Pa­ti­en­tin je­doch, als sei sie ihr fremd ge­we­sen. Der grau­sa­me an dem Mäd­chen be­gan­ge­ne Mord hat­te die Di­stanz zu ihm nicht auf­ge­ho­ben. War­um also konn­te sie den Ge­dan­ken nicht er­tra­gen, dass die Be­hör­den ihr das Kind weg­neh­men könn­ten? Ein De­tail half uns wei­ter. Ich frag­te die Psych­ia­te­rin, wie das Mäd­chen denn ge­hei­ßen habe. Die Mut­ter hat­te ihr ei­nen selt­sa­men Na­men ge­ge­ben: „Man­do­li­ne“. Viel­leicht hat­te ihr Stu­di­um der Mu­sik­wis­sen­schaft sie zu die­ser Na­mens­ge­bung in­spi­riert. Sie be­grün­de­te die Na­mens­wahl mit dem Ar­gu­ment, Man­do­li­ne sei ein Misch­wort. Wäre ihr Kind ein Jun­ge ge­we­sen, hät­te sie ihn „Man­do­lin“ ge­nannt. „Prak­tisch, nicht?“ Was sie sa­gen woll­te, war, dass der Über­gang vom weib­li­chen zum männ­li­chen Vor­na­men ein­fach durch das Weg­las­sen der Nach­sil­be „ine“ (des Selbst­lau­tes „e“, der das weib­li­che Ge­schlecht an­zeigt) hät­te er­fol­gen kön­nen. Das war na­tür­lich eine wahn­haf­te Nach­be­ar­bei­tung ih­rer Na­mens­ge­bung. We­der der ei­gent­li­che Name ih­rer Toch­ter (Man­do­li­ne) noch der ei­nes hy­po­the­ti­schen Sohns (Man­do­lin) sind Misch­for­men. Wich­tig am Na­men war ihr eben das abs­trak­te Neu­trum in ei­ner von ihr wahn­haft an­ge­nom­me­nen ‚Tie­fen­struk­tur‘ des Na­mens. Dass das Ge­schlecht neu­tra­li­siert wer­den muss­te, be­vor es ih­rem Kind zu­er­kannt wer­den konn­te, weist dar­auf hin, dass ihre Toch­ter für sie kei­ne ei­ge­ne Exis­tenz hat­te, nur eine Sa­che war, mit der sie nach Be­lie­ben schal­ten und wal­ten konn­te, die man wie eine Buch­sta­ben­ket­te be­han­deln konn­te, de­ren un­ver­äu­ßer­ba­ren Be­sitz sie je­doch be­an­spruch­te und de­ren Ver­lust sie auf kei­nen Fall dul­den konn­te. Ihre Toch­ter ge­hör­te ihr und nie­mand an­de­rem. Der Va­ter des Kin­des war aus­ge­schal­tet, ver­wor­fen wor­den. Die Ver­wer­fung des Phal­lus hin­ter­ließ hier eine Spur im Wahn vom ge­schlechts­lo­sen Na­men, der vor dem Tauf­na­men käme. Aber man ver­leiht sei­nem Kind nicht ein Ge­schlecht, in­dem man es tauft, ihm ei­nen Na­men gibt! Die Iden­ti­tät von Name und Ge­schlecht könn­te nur aus der Zau­be­rei her­vor­ge­hen. Vom Wahn der aus der Na­mens­ge­bung stam­men­den Macht über das Ge­schlecht des Kin­des führt ein Weg zu ei­nem an­de­ren, wel­cher der Mut­ter ein Recht über Le­ben und Tod ih­rer Toch­ter ein­räum­te.

Ich bin ein UFO“

Eine Ana­ly­san­tin sag­te in ih­rer ers­ten Sit­zung, sie habe eine glück­li­che Kind­heit durch­lebt. Be­son­ders zwi­schen ih­rem fünf­ten und ih­rem elf­ten Le­bens­jahr war sie fröh­lich und aus­ge­las­sen; mit ih­ren Clow­ne­ri­en ge­wann sie die Her­zen der Freun­de ih­rer El­tern. Spä­ter kor­ri­giert sie die­se Er­in­ne­rung: sie habe da­mals gar nicht be­merkt, dass ihre El­tern sie schlecht be­han­del­ten, sie be­lei­dig­ten und schlu­gen. Ihr Elend be­gann, als sie ihr zwölf­tes Le­bens­jahr er­reicht hat­te; sie brach zu­sam­men. Ihr Kör­per zeig­te ers­te An­sät­ze weib­li­cher For­men, ihr Va­ter hat­te je­doch an ih­rer Stel­le im­mer ei­nen Jun­gen ge­wollt. Als Kind, bis in ihre Vor­pu­ber­tät, konn­te sie den dem Va­ter feh­len­den Kna­ben spie­len; nun, da sie in die Pu­ber­tät ge­ra­ten war, ging das nicht mehr: sie war „nur mehr“ ein gar­çon man­qué. Ihre Mut­ter woll­te von ihr nie et­was wis­sen, weil sie ja nicht dem Wunsch ih­res Va­ters ent­sprach. Für ihre Mut­ter war sie ein­fach häss­lich, eine Miss­ge­burt, für bei­de El­tern war sie nicht mehr als ein „Aus­wurf“ (déjec­tion). Ihre Mut­ter sag­te, der Tag ih­rer Ge­burt sei ihr letz­ter Tag ge­we­sen.

Ihre Pu­ber­tät konn­te sie nur da­durch über­le­ben, dass sie sich aus­lösch­te (ef­fa­cer), ver­schwand. Die glei­che Stra­te­gie hat mir auch ein Mann über sei­ne kri­ti­schen Ju­gend­jah­re er­zählt. Er muss­te von sich selbst ab­we­send sein, er war ein­fach nicht mehr da. Bei ihm konn­te die Ana­ly­se die Ver­wer­fung des Na­mens-des-Va­ters klar her­aus­ar­bei­ten.

Be­vor sie ihr Stu­di­um be­gann, be­ging sie ei­nen erns­ten Selbst­mord­ver­such mit Me­di­ka­men­ten. Da­nach war sie zwölf Jah­re lang (sic) bu­li­misch und konn­te ihre Fress­sucht nur ein­stel­len, weil ein Arzt ihr ein bei Schi­zo­phre­nen an­ge­wand­tes Me­di­ka­ment ver­schrie­ben hat­te (So­li­an), das als Ne­ben­wir­kung ih­ren Ap­pe­tit zü­gel­te. Wie Ju­dith But­ler kann­te sie nie ei­nen an­de­ren Zu­stand, als sich in ih­rer Haut un­wohl zu füh­len. Sie konn­te aber kei­ne ihre Exis­tenz er­leich­tern­de Gen­der-Iden­ti­tät er­fin­den und blieb dazu ver­ur­teilt, ge­gen den Wil­len ih­rer El­tern eine Frau zu sein. Nur eine Be­zeich­nung für sich selbst fiel ihr in der Ana­ly­se ein: „Ich bin ein UFO (OVNI)“, er­klär­te sie mir.

Ihre El­tern hal­fen ihr nicht, ihr Stu­di­um zu be­zah­len, ob­gleich sie die Mit­tel dazu hat­ten. Ob­wohl sie bei Mc­Do­nal­dʼs ar­bei­ten muss­te, schaff­te sie ei­nen Mas­ter in Phy­sik und woll­te da­nach in Geo­phy­sik pro­mo­vie­ren. Ihr Pro­fes­sor ver­wei­ger­te ihr den Platz, weil er ihr ei­nen Stu­den­ten vor­zog, mit dem Ar­gu­ment, die­ser kön­ne Feld­ar­beit leis­ten, sie, als Mäd­chen, nicht. Zum zwei­ten Mal wur­de sie aus Se­xis­mus zu­rück­ge­wie­sen, aus­ge­schlos­sen, weil sie kein Mann war.

So trat sie in ein Un­ter­neh­men ein, „um dort ih­ren Mann zu ste­hen“, führ­te es zu be­trächt­li­chem wirt­schaft­li­chen Er­folg und wur­de stell­ver­tre­ten­de Di­rek­to­rin. Ihr Chef woll­te mit ihr schla­fen, sie gab ihm nicht nach und wur­de kalt­ge­stellt. Sie ver­ließ den Be­trieb – nach zwölf Jah­ren.

Vor­her hat­te sie ge­hei­ra­tet und zwei Söh­ne zur Welt ge­bracht. So hat­te sie ih­rem Va­ter we­nigs­tens En­kel­söh­ne ge­schenkt. Den aber ließ das kalt. Auch in ih­rer Ehe hat­te sie die Ho­sen an, denn ihr Mann war Al­ko­ho­li­ker und sie muss­te Un­sum­men auf­brin­gen, ihr Haus ver­kau­fen, um sei­ne Schul­den zu be­zah­len.

Heu­te lei­det sie un­ter star­ken De­pres­sio­nen. Sie wirft sich vor, ihr gan­zes Le­ben ver­sucht zu ha­ben, dem An­spruch des An­de­ren, ih­res Va­ters, ih­rer El­tern, ih­res Man­nes, ih­res Pro­fes­sors, ih­res Chefs, ge­recht zu wer­den und nicht ih­rem Be­geh­ren. Sie glaubt auch, ih­ren Söh­nen das Le­ben schwer zu ma­chen, weil sie ih­nen, de­pri­miert wie sie ist, stän­dig Vor­wür­fe ma­che.

Geschlecht, Genießen, Symptom

Die Psy­cho­ana­ly­se kann an das Ge­schlecht nur her­an­ge­hen, wenn sie un­ter­sucht, wie es an den An­de­ren, die Spra­che, die Wahr­heit, das Wis­sen und das Ge­nie­ßen ge­knüpft ist. Die­ser Kno­ten wird nicht bei je­dem Sub­jekt der­sel­be sein. Nicht die Se­xua­li­tät ist die Ur­sa­che der Sym­pto­me, son­dern ihre fal­sche Ver­knüp­fung mit den ge­nann­ten Grö­ßen.

Der Ver­knüp­fung von Ge­schlecht und Ge­nie­ßen ist La­can nach­ge­gan­gen, als er die ver­schie­de­nen Ar­ten des Ge­nie­ßens un­ter­schied (se­xu­el­les, phal­li­sches, an­de­res Ge­nie­ßen).

Aber auch der Ver­knüp­fung von Ge­schlecht und Wahr­heit! Die Wahr­heit ist ihm zu­fol­ge „zu­min­dest für den Mann“ – Frau13: Mit­tels der Mas­ke­ra­de be­rei­tet die Frau sich dar­auf vor, dass das (per­ver­se) Fan­tas­ma „des Man­nes in ihr sei­ne Stun­de (heu­re) der Wahr­heit fin­de. Das ist nicht zu viel ge­sagt, denn die Wahr­heit ist Frau, schon des­halb, weil sie nicht ganz ist, sich auf kei­nen Fall ganz sa­gen lässt“14.

In man­chen gro­ßen Wer­ken der Li­te­ra­tur fin­det man je­doch auch eine an­de­re Wir­kung der Wahr­heit als Frau, z. B. bei Gide, des­sen Werk von La­can und spä­ter von Ge­ne­viè­ve Mo­rel er­hellt wur­de, aber auch in Kaf­kas Brie­fen an Mi­le­na. Bei­de Schrift­stel­ler hat­ten es ge­lieb­ten Frau­en zu ver­dan­ken, dass sie sich zu ih­rem mys­ti­schen Ge­nie­ßen äu­ßern konn­ten.

Sei­nen ers­ten Brief schick­te Kaf­ka im April 1920 an die mit ih­rem Mann Ernst Pollack in Wien le­ben­de Mi­le­na Je­sen­s­ká. Erst am 9. Au­gust des­sel­ben Jah­res, also nach fast zwei Drit­tel des Bu­ches, fin­det der Le­ser Kaf­kas ex­pli­zi­te Lie­bes­er­klä­rung15:

Da ich Dich lie­be (…) lie­be ich die gan­ze Welt…“

Die­sem Satz füg­te der Pra­ger Dich­ter ei­nen lan­gen in Klam­mern ste­hen­den Satz hin­zu:

(und ich lie­be Dich also, Du Be­griffs­stut­zi­ge, so wie das Meer ei­nen win­zi­gen Kie­sel­stein16 auf sei­nem Grun­de lieb hat, ge­nau­so über­schwemmt Dich mein Lieb­ha­ben – und bei Dir sei ich wie­der der Kie­sel­stein, wenn es die Him­mel zu­las­sen)“.

Die­se das un­end­li­che Meer mit dem Kie­sel­stein und „die gan­ze Welt“ ein­an­der ge­gen­über­stel­len­de Lie­bes­er­klä­rung kon­tras­tiert mit dem, was ihr vor­aus­geht, und zwar ab dem Vor­mit­tags­brief vom 9. Au­gust 1920. Zu­nächst er­wähnt Kaf­ka sei­nen Brief an den Va­ter, dann er­zählt er sei­ner Ge­lieb­ten von ei­nem ero­ti­schen Aben­teu­er.

Als er 20 Jah­re alt war und noch bei sei­nen El­tern wohn­te, sah er, wäh­rend er „die wi­der­li­che rö­mi­sche Rechts­ge­schich­te“ lern­te, das La­den­mäd­chen ei­nes Kon­fek­ti­ons­ge­schäf­tes auf der an­de­ren Sei­te der Stra­ße, ging ihr nach, ob­wohl ein Mann bei ihr war. Das Mäd­chen be­deu­te­te ihm mit Zei­chen, ihr und dem Mann zu fol­gen. Dann trenn­ten sich die bei­den und Kaf­ka konn­te mit ihr ins Ho­tel ge­hen. Als er am nächs­ten Mor­gen mit dem Mäd­chen über die Karls­brü­cke ging, war er glück­lich, „dass (er) end­lich Ruhe hat­te vor dem ewig jam­mern­den Kör­per, vor al­lem be­stand das Glück dar­in, dass das Gan­ze nicht noch ab­scheu­li­cher, nicht noch schmut­zi­ger ge­we­sen war“17. Was war so ab­scheu­lich? Das gut­mü­ti­ge, freund­li­che Mäd­chen hat „im Ho­tel in al­ler Un­schuld eine win­zi­ge Ab­scheu­lich­keit ge­macht (nicht der Rede wert), eine klei­ne Schmut­zig­keit ge­sagt (nicht der Rede wert)…“. Die­se Er­in­ne­rung blieb ihm, er wuss­te, dass er sie nie ver­ges­sen wer­de.18

Was ist die­ses Ab­scheu­li­che und Schmut­zi­ge, das der Rede nicht wert ist, von dem er aber ziem­lich viel re­det? Er nennt es „ein klei­nes Zei­chen“ und die­ses war ihre „klei­ne Hand­lung, ihr klei­nes Wort“. Es, die­ses klei­ne Zei­chen, hat­te ihn „mit wahn­sin­ni­ger Ge­walt in die­ses Ho­tel ge­zo­gen“ (S. 198). Sein Kör­per, der oft jah­re­lang still hielt, wur­de „bis zum Nicht-er­tra­gen-kön­nen von die­ser Sehn­sucht nach ei­ner klei­nen, nach ei­ner ganz be­stimm­ten Ab­scheu­lich­keit, (…) nach et­was Höl­le“ ge­schüt­telt. Was könn­te die­se „klei­ne Ab­scheu­lich­keit“, die­ses „et­was Höl­le“, die sei­nen Kör­per schüt­telt, an­de­res sein das Ob­jekt, um wel­ches der Trieb kreist. Und tat­säch­lich spricht Kaf­ka da vom Trieb. Aber wie spricht er vom Trieb? Auf sub­li­me Art:

Die­ser Trieb hat­te et­was vom ewi­gen Ju­den, sinn­los ge­zo­gen sinn­los wan­dernd durch eine sinn­los schmut­zi­ge Welt“.

In La­cans Gra­phen des Be­geh­rens fin­det man ei­nen Vek­tor, den des Aus­sa­gens, der vom Si­gni­fi­kan­ten des Man­gels im An­de­ren, S(Ⱥ), zum Trieb als Schatz­kam­mer der Si­gni­fi­kan­ten ver­läuft (wo das Sub­jekt im fa­ding vor dem An­spruch ver­schwin­det, $◊D), hier, die Sehn­sucht, aus der her­aus Kaf­kas Kör­per ge­schüt­telt wird.

Kaf­kas Schrei­ben ist die Spur ei­nes mys­ti­schen Aus­sa­gens. In den zi­tier­ten Stel­len des Brie­fes an Mi­le­na fin­den wir die­se Spur. Er be­gnügt sich nicht da­mit, ihr sein Fan­tas­ma mit­zu­tei­len, er schreibt ihr et­was mehr, näm­lich von et­was Un­end­li­chem, dem „sinn­los ge­zo­ge­nen, sinn­los wan­dern­den“ Trieb, den er mit dem „ewi­gen Ju­den“, also mit sich selbst iden­ti­fi­ziert. Sein Aus­sa­gen sub­li­miert den Trieb.

Am Nach­mit­tag des 9. Au­gust 1920 schickt er ihr dann die be­reits zi­tier­te Lie­bes­er­klä­rung. Die­se hat eine Ein­lei­tung: er kön­ne Mi­le­na ge­gen­über so frei spre­chen wie vor nie­man­dem (S. 201). Die­se Frei­heit kommt da­her, „dass noch nie­mand so auf mei­ner Sei­te ge­stan­den ist wie Du, trotz al­lem“. Er be­steht dar­auf, dass Mi­le­na zwi­schen die­sem gro­ßen Trotz­al­lem und dem gro­ßen Trotz­dem un­ter­schei­den müs­se. Mit die­ser Un­ter­schei­dung, die er von ihr er­bat, hat Mi­le­na ihn aber ver­weib­licht, un­ter das Re­gime des Trotz­al­lem (pas tout) ge­stellt, sei­ne mys­ti­sche Sei­te er­kannt und an­ge­spro­chen. Ihm zu­fol­ge macht sie ihn gleich­zei­tig auch zum Ob­jekt: sie gebe sei­ner Angst recht, er be­stehe nur aus ihr, der Angst, sei­ne Angst sei das Bes­te von ihm und we­gen die­ser Angst lie­be sie ihn.

Ohne La­cans Theo­rie der Se­xu­ie­rung könn­te man Kaf­kas Über­schrei­tung des Fan­tas­mas zur Schrift des ewi­gen Trie­bes kaum deu­ten.

Soll man also in der Psy­cho­ana­ly­se zu­las­sen, dass das Re­den vom Gen­der die Lo­gik der Se­xu­ie­rung und ihre Ab­grün­de ver­drängt?

Er­wei­ter­te Fas­sung ei­nes Vor­trags, den der Au­tor am 13. De­zem­ber 2014 in Ber­lin ge­hal­ten hat, bei ei­nem Tref­fen, zu dem die „La­can-Grup­pe in Ber­lin (La­GiB)“ ein­ge­la­den hat­te.
Das Ur­he­ber­recht (Co­py­right) für die­sen Text liegt bei Franz Kal­ten­beck.
Ver­öf­fent­licht mit freund­li­cher Ge­neh­mi­gung des Au­tors.

Über Franz Kaltenbeck

Franz-Kaltenbeck (zu seinem Aufsatz über Sexuierung bei Jacques Lacan)Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pais und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (As­so­cia­ti­on pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire) und Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hö­ren: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Le­sen mit La­can. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Mi­cha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013).

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Ro­bert Stol­ler: Sex and Gen­der. On the De­ve­lop­ment of Mas­cu­lin­i­ty and Fe­mi­n­in­i­ty. Sci­ence Hou­se, New York 1968.
  2. In: Lau­rie Lau­fer, Flo­rence Ro­che­fort (Hg.): Qu’est-ce que le gen­re? Payot, Pa­ris 2014, S. 191–212.
  3. Freud spricht in sei­nem Brief vom 30.7.1915 an Lou An­dre­as-Sa­lo­mé von den Mit­glie­dern sei­ner Mitt­wochs­ge­sell­schaft als „ei­ner un­po­li­ti­schen Ge­mein­schaft“ (in: Sig­mund Freud, Lou An­dre­as-Sa­lo­mé: Brief­wech­sel. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1966, S. 36).
  4. Ge­sam­mel­te Wer­ke XVI, S. 114–115.
  5. Sie­he dazu La­cans Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core.
  6. Ge­ne­viè­ve Mo­rel: Am­bi­guïtés se­xu­el­les. Se­xua­ti­on et psy­cho­se. Pa­ris 2000, 2004, S. 242.
    Wie Mo­rel aus­führt, schreibt La­can die In­exis­tenz der Frau mit der For­mel „Es exis­tiert kein x, das nicht in die phal­li­sche Funk­ti­on ein­ge­schrie­ben ist“. Da die Frau nicht ganz in die phal­li­sche Funk­ti­on ein­ge­schrie­ben ist, exis­tiert die Frau nicht. Die For­mel der In­exis­tenz steht in La­cans For­meln der Se­xu­ie­rung auf der rech­ten Sei­te oben. Mo­rel zeigt, dass ge­ra­de die­se For­mel es er­laubt, die von La­can in L’Etourdit (1973) theo­re­tisch neu ge­fass­te „Ver­weib­li­chung“ (pous­se à la femme) in der Psy­cho­se lo­gisch zu er­klä­ren.
  7. Gayle Ru­bin: Thin­king Sex: No­tes for a Ra­di­cal Theo­ry of the Po­li­tics of Se­xua­li­ty. In: Ca­ro­le Van­ce (Hg.): Plea­su­re and Dan­ger. Ex­plo­ring Fe­ma­le Se­xua­li­ty. Rout­ledge & Ke­gan Paul, Bos­ton 1984. Dt.: Sex den­ken. An­mer­kun­gen zu ei­ner ra­di­ka­len Theo­rie der se­xu­el­len Po­li­tik. In: An­dre­as Kraß (Hg.): Queer den­ken. Ge­gen die Ord­nung der Se­xua­li­tät. Queer Stu­dies. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 2003, S. 31–79.
  8. In: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 523.
  9. Lou An­dre­as-Sa­lo­mé spricht an­läss­lich des Fal­les ei­nes sie­ben­jäh­ri­gen, an Pa­vor Noc­turnus lei­den­den Mäd­chens in ih­rem Brief vom 24.1.1918 (op. cit., S. 82) von der „be­son­de­ren Kin­des-Ein­sam­keit“, in wel­che der Ana­ly­ti­ker oder die Ana­ly­ti­ke­rin ein­tre­ten müs­se. Freud führt die­se oft un­durch­dring­li­che Ein­sam­keit auf den kind­li­chen Nar­ziss­mus zu­rück (S. 83).
  10. Vgl. J. La­can: Te­le­vi­si­on. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim 1988, S. 55–98, hier: S. 83.
  11. Die Ko­lo­ni­sie­rung In­di­ens durch die pu­ri­ta­ni­schen Vik­to­ria­ner scheint in dem Lan­de, des­sen Kul­tur man das Ka­ma­su­tra ver­dankt, viel Wis­sen um die Se­xua­li­tät ver­drängt zu ha­ben. Die eng­li­schen Ko­lo­ni­al­her­ren wa­ren von den ero­ti­schen Zeich­nun­gen in den Tem­peln des Lan­des scho­ckiert und ver­lang­ten de­ren Aus­lö­schung. Tat­sa­che ist, dass vie­le In­der sich heu­te an Sexo­lo­gen und Gu­rus wen­den, weil sie z. B. nicht wis­sen, wie der Bei­schlaf funk­tio­niert und wie eine Schwan­ger­schaft zu­stan­de kommt. Auch weist der Jour­na­list, der die­ser Mi­se­re vor kur­zem ei­nen Ar­ti­kel in der Süd­deut­schen Zei­tung ge­wid­met hat, auf die ex­tre­me Häu­fig­keit von Ver­ge­wal­ti­gun­gen in In­di­en hin.
  12. Sie­he das Mot­to zu Ge­ne­viè­ve Mo­rels Vor­trag „Das Gen­der zwi­schen An­ru­fung und Klas­si­fi­zie­rung“, in: La­can ent­zif­fern – LACANIANA. Ar­ti­kel vom 29. De­zem­ber 2014.
  13. J. La­can: En­core. Se­mi­nar XX (1972–73). Über­setzt von Nor­bert Haas u.a. Qua­dri­ga, Wein­heim 1986, S. 129.
  14. J. La­can, Te­le­vi­si­on, a.a.O., S. 91; Über­set­zung: F.K.
  15. Vgl. Franz Kaf­ka: Brie­fe an Mi­le­na. Er­wei­ter­te Neu­aus­ga­be. Fi­scher Ta­schen­buch­ver­lag, Frank­furt am Main 1991, S. 202.
  16. Man denkt bei die­ser Stel­le an La­cans Me­ta­phern­bei­spiel: L’amour est un caill­ou ri­ant dans le soleil (Die Lie­be ist ein Kie­sel, der in der Son­ne lacht). In: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud. In: Schrif­ten II, S. 33.
  17. Brie­fe an Mi­le­na, a.a.O., S. 197.
  18. Der Re­de­wen­dung ver­ba vo­lent scrip­ta ma­nent (Ge­spro­che­ne Wor­te ver­ge­hen, Ge­schrie­be­nes bleibt) wi­der­spricht La­can: Die Wor­te blei­ben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.