Zum Schein

Im Wahlkampf: so tun als ob

Gesten Merkel und Steinbrück, gezeichnet - zu: ScheinZeich­nung aus die­sem Ar­ti­kel von Bodo Mro­zek

Die Kan­di­da­tin der größ­ten Re­gie­rungs­par­tei wirbt mit ei­ner Ges­te, die das weib­li­che Ge­schlecht sym­bo­li­siert. Der Kan­di­dat der größ­ten Op­po­si­ti­ons­par­tei wirbt mit ei­ner Ges­te, die das männ­li­che Ge­schlecht sym­bo­li­siert und die au­ßer­dem „fuck you“ be­deu­tet. Zu­sam­men pro­pa­gie­ren sie also die co­h­a­bi­ta­ti­on, wie das im Fran­zö­si­schen heißt. Das kann man mit „Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Re­gie­rung und Op­po­si­ti­on“ über­set­zen, aber auch mit „Bei­schlaf“.

Was sieht man, wenn man das Ges­ten­spiel von La­can aus be­trach­tet? Qu’ils font sem­blant, dass sie so tun als ob.1 Mit ih­ren Ges­ten er­zeu­gen sie den An­schein, als wäre die Be­zie­hung zwi­schen den Ge­schlech­tern ver­gleich­bar mit der Be­zie­hung zwi­schen ei­ner Steck­do­se und ei­nem Ste­cker, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: als gäbe es ein se­xu­el­les Ver­hält­nis. Das So-tun-als-ob be­dient sich meist der Klei­dung und des Ha­bi­tus; hier ei­nes iko­ni­schen Zei­chens.

Das ist viel­leicht eine der Funk­tio­nen des po­li­ti­schen Dis­kur­ses mit sei­ner Dua­li­tät von Re­gie­rung und Op­po­si­ti­on: er die muss die Ga­ran­tie lie­fern, dass das Ge­schlechts­ver­hält­nis et­was Na­tür­li­ches ist, dass sich Frau­en zu Män­nern so ver­hal­ten wie Weib­chen zu Männ­chen. Das se­xu­el­le Ver­hält­nis wird ge­wis­ser­ma­ßen ver­staat­licht. Bis­lang hat­te die CDU die männ­li­che Rol­le über­nom­men (Ge­setz) und die SPD die weib­li­che (Für­sor­ge). Jetzt ist das Spiel: Bäum­chen ver­wech­sel dich.

Alle wis­sen, dass der Wahl­kampf von der Lüge be­herrscht ist. Das Ges­ten­spiel, mit der uns die Wahr­heit ver­si­chert wird, die wir glau­ben wol­len – dass es ein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt –, ge­hört zur Ord­nung der Fik­ti­on.2

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Anmerkung

  1. Vgl. La­can, Se­mi­nar 18 von 1971, D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant.
  2. In La­cans fol­gen­der Be­mer­kung tau­sche man „Let­ter“ durch „Ges­te“ aus: „Also, da­durch, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis, wenn ich so sa­gen kann, ver­staat­licht ist, das heißt in dem des Kö­nigs und der Kö­ni­gin ver­kör­pert ist, wo­mit von der Wahr­heit die Struk­tur der Fik­ti­on zur Gel­tung ge­bracht wird, da­durch also er­hält die Let­ter ihre Funk­ti­on, die ge­wiss als et­was er­scheint, was in Be­zie­hung zu dem Man­gel steht, der da­durch ge­kenn­zeich­net wird, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis auf eine Wei­se pro­pa­giert wird, die in ge­wis­sem Sin­ne ar­bi­trär und fik­tiv ist. Hier ist es, dass die Let­ter ihre Fra­ge stellt und da­mit ih­ren Wert er­hält.“ (La­can, Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 19. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 133, mei­ne Über­set­zung)

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