Phallus

Die Brille meiner Tante

365, Day 87, Have you seen my glas­ses?
von Mr­Com­pEng aus Win­ni­peg (Ka­nada), ver­öf­fent­licht am 8. Juni 2012 auf You­Tube

Die­sen Satz habe ich von mei­ner Tan­te tau­send Mal ge­hört: „Ich su­chʼ grad noch mei­ne Bril­le.“ Sie war stän­dig da­mit be­schäf­tigt, vor al­lem, wenn sie aus dem Haus ge­hen woll­te. Und re­gel­mä­ßig tauch­te das Ge­rät dort auf, wo sie es am we­nigs­ten er­war­te­te, nicht sel­ten auf ih­rer Nase.

Su­chen ist ein be­lieb­tes Kin­der­spiel, und ei­nes der Ob­jek­te, die von Kin­dern ge­sucht wer­den, ist der Pe­nis. Eine gute Be­schrei­bung fin­det man in Freuds Fall­stu­die über den klei­nen Hans von 1909. Mit drei Jah­ren in­ter­es­siert sich Hans leb­haft für ei­nen Kör­per­teil, den er, auf Wie­ne­risch, „Wi­wi­ma­cher“ nennt. Er sucht ihn bei Tie­ren und so­gar bei Lo­ko­mo­ti­ven. Und er sucht ihn nicht nur für sich al­lein, er fragt auch da­nach. Sein Va­ter pro­to­kol­liert fol­gen­den Dia­log:

Hans: ‚Mama hast du auch ei­nen Wi­wi­ma­cher?‘
Mama: ‚Selbst­ver­ständ­lich. Wes­halb?‘
Hans: ‚Ich hab‘ nur ge­dacht.‘“1

In die­ser Such­be­we­gung ist der Pe­nis nicht ein Kör­per­teil, den das Kind ver­wen­det, spürt und be­rüht, wie beim Uri­nie­ren oder beim Mas­tur­bie­ren; in La­cans Ter­mi­no­lo­gie: nicht der rea­le Phal­lus. Er hat ei­nen an­de­ren on­to­lo­gi­schen Sta­tus. Er ist et­was, das an ei­ner be­stimm­ten Stel­le er­war­tet wird oder nicht er­war­tet wird und das dort ab­we­send ist, wo man sei­ne An­we­sen­heit ver­mu­tet und dort an­we­send, wo man sei­ne Ab­we­sen­heit er­war­tet. In La­cans Ter­mi­no­lo­gie: Der Pe­nis fun­giert hier als ima­gi­nä­rer Phal­lus, als et­was, was da ist, wo es nicht da ist und nicht da ist, wo es da ist.

Im Fal­le der Mut­ter ist das Ge­such­te für Hans nicht mit blo­ßem Auge zu­gäng­lich.  Es ver­steckt sich hin­ter der Klei­dung, „hin­ter ei­nem Schlei­er“, wie La­can es nennt. Der ima­gi­nä­re Phal­lus wird auf die Klei­dung pro­ji­ziert.

Die Mut­ter be­haup­tet, sie habe auch ei­nen Wi­wi­ma­cher. Sie stützt die von Freud auf­ge­spür­te Kin­der­theo­rie, dass alle Men­schen ei­nen Pe­nis ha­ben. Sie ver­wehrt Hans den Zu­gang zur Pri­va­ti­on, zur Ein­sicht, dass die Mut­ter kei­nes­wegs ei­nen Pe­nis hat. Die Ver­wand­lung des ima­gi­nä­ren Phal­lus in den sym­bo­li­schen Phal­lus stößt hier auf Wi­der­stand. Im Such­sym­ptom mei­ner Tan­te ma­ni­fes­tiert sich die Pri­va­ti­on, das Ak­zep­tie­ren der Pe­nis­lo­sig­keit, also der sym­bo­li­sche Phal­lus. Sie er­scheint als ima­gi­nä­rer Phal­lus, als in­sta­bi­le Os­zil­la­ti­on zwi­schen An­we­sen­heit und Ab­we­sen­heit.

Über den ima­gi­nä­ren Phal­lus sagt La­can:

Es geht dar­um zu er­ken­nen, wo er ist und wo er nicht ist. Er ist wahr­lich nie­mals da, wo er ist, und er ist nie­mals ganz ab­we­send da, wo er nicht ist.“2

Wie die Bril­le mei­ner Tan­te.

***

Text des Vi­de­os „365, Day 87, Have you seen my glas­ses?“
von Mr­Com­pEng aus Win­ni­peg in Ka­na­da ver­öf­fent­licht am 8. Juni 2012 auf You­Tube

Every day it’s the same thing.
„Have you seen my glas­ses? – “ „They are right here, in front of you.“
„Have you seen my glas­ses?“ – „They are right the­re.“
„Can you bring them to me?“ – „Can’t you see them?“ – „No.“
Every sin­gle day.
I’ve even as­ked her, time af­ter time, time af­ter time, to just put them in, I don’t know, a spot, and that’s the spot for glas­ses.(Na­he­zu un­ver­ständ­lich:) But that does ne­ver work.
That’s all, every sin­gle day. I’m not even kid­ding.
It will be eight in the morning and we’ll be try­ing to rush out the door and she’s just like: „Have you seen my glas­ses?“ And I al­ways go and I just look around and, and I find them like that (schnappt mit dem Fin­ger), like that.
Every day.

(Mit Dank an Fran­zis­ka für die Hil­fe beim Tran­skri­bie­ren!)

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Anmerkungen

  1. S. Freud: Ana­ly­se der Pho­bie ei­nes fünf­jäh­ri­gen Kna­ben (1909). In: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 2000, S. 14.
  2. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 228.

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