Blick als Objekt a

Das Auge von Elle Driver

Das-Auge-von-Ellen-Driver-2 - zu: Blick als Objekt a
Bea­trix Kid­do (Uma Thur­man) zer­tritt das Auge von Elle Dri­ver (Dar­yl Han­nah)
Stand­bild aus: Kill Bill: Vo­lu­me 2, Re­gie und Dreh­buch: Quen­tin Ta­ran­ti­no, USA 2004
Co­py­right: Mi­ra­max u.a. 2004

Durch die In­te­gra­ti­on des klei­nen Men­schen­we­sens in die sprach­lich ver­fass­te Welt kommt es zu ei­nem Ver­lust auf der Ebe­ne des Ge­nie­ßens, der Lust. In den un­be­wuss­ten Phan­ta­si­en wird er durch Kör­per­tei­le re­prä­sen­tiert, die ver­lo­ren ge­gan­gen sind, durch die Ob­jek­te a, wie La­can sie nennt. Ei­nes die­ser phan­tas­ma­ti­schen Kör­per­tei­le ist der „Blick“, nicht un­ser ei­ge­ner, son­dern ein an­ony­mer Blick, der uns ag­gres­siv an­starrt, etwa der Blick, von dem der Pa­ra­noi­ker sich ver­folgt fühlt, der Blick, von dem der Voy­eur über­rascht wird, oder der Blick, mit dem un­ser Über-Ich uns be­ob­ach­tet. La­can stützt sich hier­bei auf Sar­tres Kon­zep­ti­on des Blicks in Das Sein und das Nichts.1

Wo­durch wird das Auge zum Blick? Durch eine Ab­tren­nung, ei­nen Schnitt. Im Se­mi­nar über die Angst il­lus­triert La­can die­sen Ge­dan­ken durch den My­thos von Ödi­pus, der sich, nach­dem er die grau­si­ge Wahr­heit er­fah­ren hat, mit den Ge­wand­span­gen von Io­kaste die Au­gen aus­sticht:

Der­je­ni­ge, der das Ob­jekt des Be­geh­rens und des Ge­set­zes be­ses­sen hat, der­je­ni­ge, der sei­ne Mut­ter ge­nos­sen hat, Ödi­pus, um ihn zu nen­nen, tut die­sen Schritt mehr, er sieht das, was er tut. Sie wis­sen, was dann pas­siert. Wie das sa­gen, was in den Be­reich des Un­sag­ba­ren ge­hört und wo­von ich den­noch das Bild ent­ste­hen las­sen will? Er sieht das, was er tut, das, was zur Kon­se­quenz hat, dass er sieht – das ist das Wort, vor dem ich sto­cke –, dass er den Au­gen­blick da­nach sei­ne ei­ge­nen Au­gen sieht, auf­ge­schwemmt als ihre gla­si­ge Ge­schwulst auf dem Bo­den, als ver­streu­ter Hau­fen von Ab­fäl­len, denn eben weil er sie aus ih­ren Höh­len riss, sei­ne Au­gen, hat er selbst­ver­ständ­lich das Se­hen ver­lo­ren. Und doch ist er nicht, ohne sie zu se­hen, sie zu se­hen als sol­che, als das Ur­sa­che-Ob­jekt, das end­lich ent­hüll­te der letz­ten, al­ler­letz­ten, nicht schul­di­gen, aber gren­zen­lo­sen Be­gehr­lich­keit, der­je­ni­gen, zu wis­sen ge­wollt zu ha­ben.“2

Die Sze­ne mit den vor Ödi­pus auf dem Bo­den lie­gen­den Au­gen ist eine Er­fin­dung La­cans. Bei So­pho­kles wird die Ge­schich­te so er­zählt:

Die­ner: Zwei gold­ne Na­deln, wel­che ihr Ge­wand
Ver­schlos­sen, riss er aus und hob sie hoch
Und stieß sie in der Au­gen wei­ten Kreis
Und rief: „Nun könnt ihr nie die Übel sehn,
Die ich er­fuhr und die ich selbst ge­tan!
So lernt im Dun­keln, was ihr nicht ge­durft,
Ver­gesst im Dun­keln, was ihr je be­gehrt!“
Mit sol­chen Flü­chen traf er im­mer­zu
Die auf­ge­riss­nen Bäl­le, de­ren Blut
Ihm auf die Wan­gen lief und nicht al­lein
In ro­ten Trop­fen, nein, ein schwar­zer Strom
Fiel nie­der wie ein Ha­gel­guss von Blut
.3

Der So­pho­klei­sche Ödi­pus zer­stört sei­ne Au­gen, und da­bei löst sich et­was von ihm ab. Das, was sich von ihm ab­trennt, sind nicht sei­ne Au­gen, es ist sein Blut – nicht nur sein ro­tes Blut, son­dern, dar­auf legt So­pho­kles Wert, vor al­lem sein schwar­zes Blut.

Eine gute Il­lus­tra­ti­on für La­cans Blick-Kon­zep­ti­on lie­fert Quen­tin Ta­ran­ti­no in Kill Bill: Vol. 2. Die Hel­din, Bea­trix Kid­do, führt ei­nen Schwert­kampf mit der ein­äu­gi­gen Elle Dri­ver. Wäh­rend des Du­ells reißt Kid­do ih­rer Ri­va­lin mit der frei­en Hand das Auge aus. In ei­ner De­tail­auf­nah­me sieht man das ab­ge­trenn­te Or­gan auf dem Bo­den lie­gen, wo es von Kid­do zer­tre­ten wird. An­ge­nom­men, ich iden­ti­fi­zie­re mich in die­sem Mo­ment mit der Ge­blen­de­ten, dann bin ich mit dem Blick als Ob­jekt a kon­fron­tiert: von mei­nem ei­ge­nem Auge – ei­nem gla­si­gen Ge­schwulst, das als Ab­fall auf dem Bo­den liegt – wer­de ich an­ge­starrt.

Die Sze­ne er­in­nert an ei­nen be­rühm­ten Dop­pel­mord, der sich im Jah­re 1933 in Le Mans er­eig­ne­te. Die Haus­ge­hil­fin­nen Chris­ti­ne und Léa Pa­pin er­schlu­gen ihre Ar­beit­ge­be­rin Ma­rie Lan­ce­lin und de­ren Toch­ter Ge­ne­viè­ve und zer­schnit­ten sie; vor­her aber ris­sen sie ih­nen bei le­ben­di­gem Leib die Au­gen aus.4 Der Po­li­zei bot sich ein grau­en­haf­ter An­blick: die Lei­chen in ih­rem Blut, Kno­chen­split­ter, aus­ge­schla­ge­ne Zäh­ne, am schreck­lichs­ten aber die Aug­äp­fel, die über den Bo­den ge­rollt wa­ren, un­heim­li­che Ob­jek­te, zer­streut zwi­schen Hand­schu­hen, Schlüs­seln und zer­knüll­tem Pa­pier.5 Die am häu­figs­ten ge­brauch­te Me­ta­pher des Has­ses, Ich wer­de ihr die Au­gen aus­rei­ßen, war hier in die Tat um­ge­setzt wor­den, schreibt La­can we­ni­ge Mo­na­te nach dem Pro­zess.6

Durch das Un­ge­schick der Schwes­tern war kurz vor dem Mord das Bü­gel­eisen ka­putt­ge­gan­gen und der Strom aus­ge­fal­len. Ver­mut­lich fürch­te­ten sie den miss­bil­li­gen­den Blick der Dienst­her­rin und ih­rer Toch­ter und woll­ten ihn ein für al­le­mal aus­lö­schen.

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Anmerkungen

  1. Vgl. Se­mi­nar 11, Sit­zun­gen vom 19. Fe­bru­ar bis zum 11. März 1964.–
    Vgl. zu La­cans Blick­theo­rie: Clau­dia Blüm­le, Anne von der Hei­den (Hg.): Blick­zäh­mung und Au­gen­täu­schung. Zu Jac­ques La­cans Bild­theo­rie. Dia­pha­nes, Zü­rich u.a. 2005.
  2. Se­mi­nar 10, Sit­zung vom 6. März 1963; Ver­si­on Miller/Gondek S. 203.
  3. So­pho­kles: Kö­nig Oidi­pus. Über­setzt von Ernst Buschor (1954). Re­clam jun., Stutt­gart 1986, S. 59, Ver­se 1268–79.
  4. Vgl. Fran­cis Du­pré (Jean All­ouch): La so­lu­ti­on du pas­sa­ge à l’acte. Érès, Tou­lou­se 1984, PDF-Da­tei hier.
  5. Vgl. G. Vi­al­et-Bine, A. Co­ri­at: Die Schwes­tern Pa­pin – Fo­lie à deux. Ein­zel­über­set­zung aus: J.-D. Na­sio (Hg.): Les grands cas de psy­cho­se. Payot & Ri­va­ge, Pa­ris 2000; PDF-Da­tei hier.
  6. Vgl. La­can: Mo­ti­ve des pa­ra­noi­schen Ver­bre­chens: das Ver­bre­chen der Schwes­tern Pa­pin. (1933) In: Ders.: Über die pa­ra­noi­sche Psy­cho­se in ih­ren Be­zie­hun­gen zur Per­sön­lich­keit und Frü­he Schrif­ten über die Pa­ra­noia. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Pas­sa­gen, Wien 2002, S. 285–294. Eine Word-Da­tei des fran­zö­si­schen Texts fin­det man hier.

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