Darian Leader: Strikt bipolar

Time 19 August 2002 Young and Bipolar (zu Darian Leader, Bipolarität)Time vom 19. August 2002 mit dem Foto des neunjährigen als bipolar diagnostizierten Ian Palmer

Im Folgenden findet man eine Übersetzung der ersten 20 Seiten von Darian Leaders Buch Strictly Bipolar (Penguin Books, London 2013). Die Zahlen in eckigen Klammern in grau sind die Seitenzahlen der Originalausgabe.

Strikt bipolar

[1] Nachdem die Nachkriegsperiode als „Zeitalter der Angst“ bezeichnet wurde und die 80er und 90er Jahre die „Ära der Antidepressiva“ waren, leben wir jetzt in bipolaren Zeiten. Eine Diagnose, die sich früher auf weniger als ein Prozent der Bevölkerung bezog, hat dramatisch zugenommen – von nahezu 25 Prozent der Amerikaner wird angenommen, dass sie an einer Form von Bipolarität leiden. Stimmungsstabilisierende Medikamente werden routinemäßig Erwachsenen und auch Kindern verschrieben, wobei seit Mitte der 90er Jahre die Verschreibungen für Kinder um 400 Prozent gestiegen sind, die Diagnose insgesamt nahm um 4.000 Prozent zu. Heute lautet die Frage nicht „Bist du bipolar?“, sondern „Wie bipolar bist du?“

Prominente wie Catherine Zeta-Jones, Stephen Fry, Jean-Claude Van Damme, Demi Lovato, Adam Ant, Tom Fletcher und Linda Hamilton sprechen über ihren bipolaren Zustand, Memoiren und Selbsthilfebücher überfluten den Markt. In der Fernsehserie Homeland wird die CIA-Agentin Carrie Mathison als bipolar porträtiert, in dem Film Silver Linings der frühere Lehrer Pat Solitano; sogar in Scooby-Doo, einer Zeichentrickserie für Kinder, wird die Bipolarität erwähnt.

Business-Handbücher propagieren inzwischen, für die Börsenspekulation ein gewisses Maß an Manie zu kultivieren, und Führungskräfte werden tatsächlich darin unterrichtet, wie sie, um Verkauf und Produktivität zu steigern, auf einem manischen Hoch surfen können. In den Medien wird ein Bild des Moguls Ted Turner verbreitet, das ihn als wildentschlossenen Kapitän darstellt, mit der Warnung, er habe das Lithium abgesetzt, sodass seine Konkurrenten sich in Acht nehmen sollten. In Hollywood gehen Stars | [2] mit ihrem Agenten im Schlepptau zum Psychiater, und der Agent sorgt dafür, dass die Arzneimittel so verschrieben werden, dass die Manie unten gehalten wird, jedoch nicht zu sehr – mehr als irgendwo sonst lässt sich hier beobachten, wie die Medikamentierung maßgeschneidert wird, um den Anforderungen von Karriere und Lebensstil zu genügen.

Das Selbstvertrauen, die gehobene Stimmung und die Energie, die für die frühen Phasen einer Manie charakteristisch sind, scheinen gut zu passen zu den Ermahnungen zu Leistung, Produktivität und intensivem Engagement, die das heutige Geschäftsleben verlangt. In einer heftig konkurrierenden Welt, in der Stabilität und Sicherheit des Arbeitsplatzes zunehmend untergraben werden, müssen Angestellte ihren Wert dadurch beweisen, dass sie immer länger arbeiten und einen immer ekstatischeren Glauben an ihre Projekte und Produkte zur Schau stellen. Das wegen Erschöpfung und Auszehrung unvermeidliche Fernbleiben gilt weniger als Beweis dafür, dass etwas nicht stimmt, sondern fast als Bestandteil der Arbeitsplatzbeschreibung.

Zur selben Zeit tauchen diejenigen Merkmale, die von der klassischen Psychiatrie dem manischen Anfall zugeschrieben wurden, als Ziele der persönlichen Entwicklung auf. Selbsthilfebücher und Therapien propagieren die Ideen des Selbstwerts, des gesteigerten Selbstvertrauens und des Wohlbefindens. Nichts ist unmöglich, wird uns gesagt, unseren Träumen müssen wir folgen. Und wenn das Hauptsymptom der Manie früher definiert wurde als das zwanghafte Bestreben, sich mit Mitmenschen zu verbinden, so ist dies heute nahezu eine Verpflichtung: wenn man nicht auf Facebook oder auf Twitter ist, kann mit einem etwas nicht stimmen. Was früher die klinischen Anzeichen der manisch-depressiven Psychose waren, ist zum Ziel von Therapien und Lifestyle-Coachings geworden.

Jedoch, jenseits der neuen Anreize zu „manischem“ Verhalten beschreiben Menschen mit manischer Depression die schrecklichen Tiefpunkte und alptraumhaften Erregungszustände, die mit ihren Episoden | [3] verbunden snd. Die Gefühle der Macht, des Selbstvertrauens und der Verbundenheit, wie sie für die Manie charakteristisch sind, sorgen dafür, dass die Person sich höchst lebendig fühlt und bringt sie zugleich dichter denn je in die Nähe des Todes. Die Paradoxie der Bipolarität ist immer wieder beobachtet worden: man frage manisch-depressive Subjekte, ob sie in der Lage wären, einen Knopf zu drücken, der ihre Bipolarität zum Verschwinden brächte, und viele werden Nein sagen. Es ist jedoch möglich, dass dieselben Menschen regelmäßig im Krankenhaus enden, dass sie ihre Ersparnisse durch eine Einkaufsorgie verschleudert haben, dass sie ihre Familienmitglieder durch Verlassen oder Vernachlässigung verletzt haben oder dass sie in einem unglücklich ausgehenden heroischen oder hedonistischen Akt ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Wie lässt sich erklären, dass das bipolare Selbst neuerdings allgegenwärtig ist? Sind die Höhen und Tiefen der Bipolarität eine Folge der sich wandelnden ökonomischen Bedingungen, die dafür sorgen, dass das traditionellere Bild von stabiler Berufsausübung durch fortwährende Energieausbrüche ersetzt wird? Gibt es jenseits des oftmals flachen Geredes über die Arbeitsplatz-„Manie“ eine wirkliche Bipolarität, eben jene, die von Psychiatern als „manische Depression“ bezeichnet wurde? Die Bipolarität scheint zu den eigenartig krampfhaften Rhythmen des Lebens im frühen 21. Jahrhundert zu passen, sie ist jedoch, wie einem jeder sagen wird, der eine manische Depression erlebt hat, eine ernste Sache.

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Vor hundert Jahren war der Terminus „bipolar“ äußerst selten. Erstmals wurde er in der Psychiatrie Ende des 19. Jahrhunderts verwendet, doch erst seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde er zunehmend bekannt, bis er dann in den 90er Jahren zu einem gängigen Ausdruck wurde. Wie kam diese neugewonnene Popularität zustande? Verschiedene Psychiatriehistoriker | [4] haben hierzu dieselbe Beobachtung gemacht. Genau in dem Moment, in dem Mitte der 90er Jahre die Patente für die meistverkauften Standard-Antidepressiva auszulaufen begannen, wurde der Bipolare plötzlich zum Adressaten der riesigen Marketingbudgets der Pharmaindustrie.

Webseiten halfen Leuten dabei, sich selbst zu diagnostizieren, Zeitungsartikel und Zeitungsbeilagen erschienen, die sich allesamt in der Weise auf Bipolarität bezogen, als wäre sie ein Faktum, und fast alle waren ganz oder teilweise von der Pharmaindustrie finanziert worden. Internetfragebögen ermöglichten in wenigen Minuten Selbstdiagnosen, und viele Menschen gewannen den Eindruck, als hätten ihre Schwierigkeiten endlich einen Namen. So wie in den 80er Jahren viele schließlich begriffen, dass sie sie an „Depression“ litten, wurde „bipolar“ jetzt zu dem Etikett, mit dem das Leiden bezeichnet wurde, das eine neue Generation verspürte.

Die Ironie bestand hier darin, dass über diejenigen Fälle, in denen Antidepressiva ganz eindeutig nicht funktionierten, nun behauptet wurde, deren Versagen sei der Tatsache geschuldet, dass sie falsch verschrieben worden seien. Tatsächlich seien die Patienten bipolar gewesen, die feinen Stimmungsschwankungen seien vom verschreibenden Arzt jedoch übersehen worden. 20 bis 35 Prozent derjenigen, bei denen in der medizinischen Grundversorgung eine Depression diagnostiziert worden war, wurden nun als solche angesehen, die an einer bipolaren Störung litten. Statt sich zu bemühen, effizientere Antipressiva herzustellen, optierte die Industrie dafür, wie der Psychiater David Healy gezeigt hat, eine neue Marke zu vermarkten: eine neue Reihe von als „bipolar“ bezeichneten Störungen statt einer neuen Medikation.

Diese Kolonisation machte das Wuchern bipolarer Kategorien erforderlich. Bipolar 1 wurde oft mit der klassischen manischen Depression gleichgesetzt, Bipolar 2 jedoch senkte die Schwelle dramatisch, erforderte nur eine depressive Episode und | [5] eine Episode mit gesteigerter Produktivität, überhöhtem Selbstwertgefühl und verringertem Schlafbedürfnis. Bald folgten Bipolar 2.5, 3, 3.5, 4, 5 und 6. Die zunehmende Betonung von Stimmungsschwankungen statt der zugrundliegenden Prozesse bedeutete, dass immer mehr Menschen vom Kompass der Bipolarität erfasst werden konnten. Heute gibt es sogar eine „weiche“ Bipolarität, die bedeutet, dass der Patient „auf Verlusterfahrungen stark reagiert“. Die Lockerung der diagnostischen Abgrenzungen führte zu einer enormen Ausweitung des pharmazeutischen Marktes und war eine offene Einladung an die Konsumenten, sich als bipolar zu begreifen.

Es wurde sogar eine eigene Kategorie – Bipolar 3 – speziell zu dem Zweck erfunden, diejenigen zu bezeichnen, deren Bipolarität durch Antidepressiva aufgedeckt worden war. Das Einnehmen antidepressiv wirkender Arzneimittel wie Prozac intensivierte die manischen Zustände; dies zeige die wahre Diagnose und verweise darauf, dass eine neue stimmungsstabilisierende Medikation vorgenommen werden müsse. Nun ist es zwar eine Tatsache, dass Tausende, nachdem sie einige der antidepressiv wirkenden Medikamente eingenommen hatten, Zustände von quälender Agitiertheit und von Gedankenflucht erlebten; es ist jedoch ein großer Unterschied, ob man diese Zustände als isolierte Wirkungen des Arzneimittels ansieht oder als einen Grundzustand, der von den Medikamenten nur aufgedeckt wurde.

Das Kaninchen im Hut bestand darin, dass das Antikonvulsivum Valproinsäure (Depakote) ein Patent für die Verwendung bei der Manie-Behandlung zu eben dem Zeitpunkt erhielt, als die älteren Patente für Antidepressiva ausliefen. Genau wie die Depression als Störung von denjenigen aktiv vermarktet worden war, die für sie eine chemische Behandlung geliefert hatten, wurde auch Bipolar zusammen mit dem Gegenmittel verpackt und verkauft. Lithium hatte bei einigen funktioniert und bei anderen nicht; als natürlich vorkommendes Element konnte es jedoch nicht patentiert werden. Valproat wurde anfänglich als das raffiniertere und zuverlässigere Medikament angepriesen, das die | [6] Höhen und Tiefen des bipolaren Subjekts endgültig stabilisieren würde. Ihm folgten schnell antipsychotische Medikamente der neuen Generation wie Olanzapin, die nun für die Behandlung von Bipolaren freigegeben worden waren.

Valproat wurde von vielen als hilfreich erlebt, genauso wie viele den Eindruck haben, dass sie ihr Leben der richtigen Dosis Lithium verdanken. Das Problem besteht jedoch darin, dass die neue Kartographie der psychischen Gesundheit ihren Preis gefordert hat. Je mehr die Bipolaritätsdiagnosen zunahmen, desto mehr ging die alte Kategorie der manischen Despression verloren oder wurde bestenfalls verworren. Eine Diagnose, die einmal spezifisch war, wurde auf ein zunehmend vageres Spektrum von Störungen angewendet, und es gab hierbei einen ganz bestimmten entscheidenden Fehler, den die frühe Psychiatrie vor dem 20. Jahrhundert genau bestimmt hatte, bei der Prägung der Termini, die später mit dem Etikett „bipolar“ gleichgesetzt wurden.

In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts hatten die französischen Psychiater Jean-Pierre Falret und Jules Baillarger die Termini „folie circulaire“ („zirkuläres Irresein“) und „folie à double forme“ eingeführt. Die Standardgeschichtsschreibung stellt es für gewöhnlich so dar, dass aus diesen Begriffen das von Emil Kraepelin konzeptualisierte „manisch-depressive Irresein“ wurde, das dann von der westlichen Psychiatrie als „bipolare Störung“ angeeignet wurde. Die entscheidenden Argumente, die Falret und Baillarger vorbrachten, waren jedoch ganz das Gegenteil der Argumente von Kraepelin und auch der späteren Psychiater. Die diagnostischen Kategorien von Falret und Baillarger sollten zeigen, dass Höhen und Tiefen für die neue Entität, die sie zu beschreiben versuchten, nicht selbst bereits konstitutiv waren. Ihre sorgfältige Arbeit zielte darauf ab, eine bestimmte Form des „Wahnsinns“ von dem zu trennen, was Manie und Depression bei anderen Störungen zu sein schienen.

Das reflektiert ziemlich genau das, womit wir klinisch | [7] konfrontiert sind. Unter den richtigen – oder falschen – Bedingungen kann jeder laut, agitiert, ruhelos, hyperaktiv und sogar gefährlich werden. Wenn beispielsweise eine paranoische Person den Eindruck hat, dass sie der Menschheit eine wichtige Botschaft zu übermitteln hat und wenn ihre Versuche, sie zu übermitteln, blockiert werden, kann sie in Verzweiflung geraten. Wenn das Bemühen gehemmt oder aufgehalten wird, eine Wahrheit von globalem oder lokalem Gewicht zu übermitteln, kann dies eine Unruhe hervorrufen, die oft mit einer Manie verwechselt wird. Man denke etwa an die Wirkung, die es hat, wenn man von einem Callcenter beständig in der Warteschleife gehalten und anschließend vom Personal systematisch missverstanden wird. Die Mischung aus Wut und scheinbarer Inkohärenz, die das hervorruft, ist genau eine der klassischen Bedeutungen des Ausdrucks „Manie“.

Ähnlich kann eine schizophrene Person aufs äußerste freudig erregt sein und dann in einen schrecklichen Zustand von Niedergeschlagenheit und Verzweiflung geraten. Sie kann heftig und redselig werden und mit offenbarer Hemmungslosigkeit von einem Thema zum nächsten springen. Schlafen und Essen können zunehmend vernachlässigt werden, und sie kann beispielsweise die Vorstellung haben, mit ihren Gedanken andere beeinflussen zu können. Heute können solche Phänomene routinemäßig in Beschreibungen des Bipolaren gefunden werden, wobei die Unterscheidungen und Differenzierungen, die von den frühen Psychiatern getroffen worden waren, vernachlässigt oder einfach vergessen werden.

Jean-Étienne Esquirol, ein Vorläufer von Falret und Baillarger, hatte sein Bestes getan, um dem Ausdruck „Manie“ das zu nehmen, was er als dessen lockere und saloppe Bedeutung ansah, und im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Manie von Zuständen der Hochstimmung, der Aufregung und der agitierten geistigen Verwirrung unterschieden. Man hat tatsächlich festgestellt, dass das zunehmende Aufgeben der physischen Arretierung in psychiatrischen Anstalten damit zusammenfällt, dass die Verwendung dieses Wortes abnahm. | [8] Je weniger der Patient daran gehindert wurde, sich zu bewegen, desto weniger wurde er als „manisch“ beschrieben, was die Vermutung nahelegt, dass der Ausdruck sehr oft einen reaktiven Sinn hatte: man wurde eben deshalb manisch, weil man auf irgendeine Weise blockiert oder eingeschränkt wurde.

Dasselbe gilt für die Depression. Wie Falret und Baillarger wussten, kann jeder in den Zustand geraten, niedergeschlagen und bedrückt zu sein. War dies nicht gerade eine der Folgen dessen, dass die eigene „manische“ Aktivität lange genug unter Kontrolle gehalten worden war? Aber die Tiefzustände der von ihnen beschriebenen neuen klinischen Entität waren anders. Es gab hier weniger das Beharren auf einem bestimmten Thema oder auf einer bestimmten Beschwerde, weniger die Fixierung auf ein einzelnes Objekt – etwa auf einen Angehörigen, den man verloren hatte –, wie sie für die Melancholie charakteristisch sind. Letzterer Terminus bezieht sich nicht auf die Stimmung einer in sich selbst versunkenen Traurigkeit, sondern auf eine bestimmte Form der Psychose, bei der die Person in unerbittlichen Attacken von Selbstvorwürfen und Bezichtigungen gefangen bleibt, die sie ihrer Umgebung oft mitteilt.

Die kontinentaleuropäischen Psychiater zeigten, dass Stimmungshochs und Stimmungstiefs nicht selbst bereits für die manisch-depressive Struktur konstitutiv sind, die sie abzugrenzen versuchten. Es ist weniger eine Frage von Hochstimmung und Gedrücktheit als vielmehr eine Frage der Qualität solcher Zustände, der Beziehung zwischen ihnen und, was am wichtigsten war, der Denkvorgänge, die ihnen zugrunde liegen. Es gab hier das Bemühen, die Launen der Stimmungsschwankungen und des Oberflächenverhaltens hinter sich zu lassen, um die latenten Motive der manischen Depression herauszufinden und um zu erkunden, worin sie sich von der Melancholie und von anderen diagnostischen Kategorien unterscheiden könnte.

Bedauerlicherweise wurden diese klassifikatorischen Bemühungen von Kraepelin untergraben, der argumentierte, Manie und Melancholie, | [9] ob zusammen oder einzeln betrachtet, seien Teile derselben „Krankheit“. Die Höhen und Tiefen, die von den französischen Psychiatern sorgfältig entflochten worden waren, wurden jetzt zusammengeworfen, in der zu weiten neuen Kategorie, die zu Beginn von Kraepelin avanciert wurde und die von den Standardtexten der westlichen Mainstreampsychiatrie als „bipolare Störung“ noch immer stark verbreitet wird. Wenn wir jedoch hoffen, die wahre manische Depression von den vielen Formen des Bipolaren abzugrenzen, die den diagnostischen Marktplatz überschwemmen, müssen wir zum ursprünglichen Projekt zurückkehren und ihre Hochstimmungen und Depressionen von denjenigen unterscheiden, die bei anderen Arten der mentalen Struktur anzutreffen sind.

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Wenn man anerkennt, dass es mit der Diagnose des Bipolaren Probleme gibt, beleuchtet dies auch den peinlichen Vorgang, dass für ein und dieselbe Person die Diagnosen und die Medikationen vervielfältigt werden. Kürzlich erklärte mir eine Patientin, dass sie für ihre Manie Lithium nehme, für ihre Psychose Olanzapin, für ihre Aufmerksamkeitsdefizitstörung Dexmethylphenidat und für ihre Tiefs Sertralin, so als wäre ihr Sein auf dem Tisch eines Anatomen zerlegt worden. Die alte Psychiatrie hätte sich über eine solche Aufteilung lustig gemacht, da sie begriffen hatte, dass es so etwas wie eine manisch-depressive Psychose gibt, zu der die Manie gehört und oft auch Depressionen, und dass man die Person nicht auf diese Weise aufteilen kann und für jedes der Symptome etwas anderes verschreiben kann, als stünden sie zueinander in keiner Verbindung.

Heute jedoch ist diese Atomisierung mit ihrem zusammengestückelten Medikamentenregime nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Der New Yorker Kunsthändler Andy Behrman führt in Electroboy, seinen Memoiren, die zweiunddreißig Pillen und Kapseln auf, die | [10] er im Alter von vierunddreißig Jahren jeden Tag einnahm: Risperdal, ein Antipsychotikum; Depakote, ein Stimmungsstabilisierer; Neurontin, ein Antikonvulsivum; Klonopin gegen Angst; BuSpar, ebenfalls gegen Angst; Ambien, um den Schlaf zu unterstützen, und dann drei weitere Medikamtente, um den Nebeneffekten der anderen entgegenzuwirken: Symmetrel gegen das Parkinson-Syndrom, Propranolol gegen Tremor und Benadryl gegen Muskelsteifheit. All dies war das Ergebnis von jahrelangem „trial and error“, als ginge es um die Teile der Person und nicht um das Ganze.

Sowohl der Körper als auch die Seele werden heute als Aggregate angesehen, wobei die psychiatrische Intervention auf isolierte Symptome abzielt und das Lifestyle-Coaching darauf, gewünschte oder unerwünschte Aspekte des Selbst hinzuzufügen oder wegzunehmen. Die amerikanische Autorin Lizzie Simon, die in ihrer Jugend als bipolar diagnostiziert worden war, hat später das Land bereist und dabei mit anderen gesprochen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Einer der von ihr Befragten sagte: „Ich bin strikt bipolar. Etwas anderes habe ich nicht.“ Wenn er so spricht, erfolgt dies im Kontext eines medizinischen und kulturellen Rahmens, der unablässig aufteilt, der nach immer mehr Symptomen sucht, um sie auszusondern und dann herauszuschneiden, ohne die Verbindung zwischen ihnen zu erkennen.

Das bedeutet, dass das ärztliche Personal fast vollständig mit der Feineinstellung der Medikamentierung befasst ist, damit, das richtige Gleichgewicht der Arzneimittel zu finden, die bei einem Patienten funktionieren und bei ihm das beste emotionale Gleichgewicht herstellen. Die Wirkungen von Arzneimitteln, ihre Nebenwirkungen und Inkompatibilitäten können bis ins kleinste Detail diskutiert werden. Patienten können das Gefühl haben, dass man sie in diese Interaktionen einbezieht und sich um sie kümmert, dabei ist jedoch ein Elefant im Raum. Das gesamte Gespräch dreht sich darum, welche Gefühle die Medikamente bei ihnen hervorrufen, statt darum, welche Gefühle sie ursprünglich hatten, bevor sie die Medikamente genommen hatten. | [11]

Sobald man den pharmazeutischen Marktplatz einmal betreten hat, gibt es oft wenig Hoffnung, ihn wieder zu verlassen, da die Prioritäten der Behandlung sich darauf konzentrieren, den Cocktail zu finden, der am besten funktionieren wird. Diejenigen jedoch, die als bipolar diagnostiziert werden, haben unter allen Patientengruppen die höchste Quote von Non-Compliance, also von Nicht-Befolgung der ärztlichen Empfehlungen, was dazu geführt hat, dass Ärztegruppen und Patienten-Unterstützungsgruppen in endloser Rhetorik versichern, wie wichtig es sei, die Pillen zu nehmen. Woher kommt die Non-Compliance? Ist sie den unerfreulichen Nebeneffekten der Medikamente geschuldet?

Es stimmt, dass Lithium und andere Arzneimittel schwerlich Wunderwaffen sind: die Person kann sich von ihrem Selbst getrennt fühlen, schwerfällig oder seltsam abwesend. Es kann Gewichtszunahme geben und alle Arten von anderen Problemen, die dann durch weitere Medikamente reguliert werden sollen. Auf der anderen Seite gibt es einige, die nur wenige solcher Nebeneffekte spüren und gegen ihr Medikamentenregime keine Einwände erheben. Die Berichterstattung über Nebenwirkungen oder auch über die ausbleibenden Wirkungen einiger Medikamente ist jedoch notorisch unzuverlässig. Wir wissen, dass die Ärmeren sich mit geringerer Wahrscheinlichkeit über Nebenwirkungen beschweren als die Reicheren und dass Ärzte den Behörden negative Auswirkungen nur in einem von hundert Fällen berichten. Wie David Healy einmal bemerkt hat, ist die Verfolgung eines Pakets, das wir mit der Post verschickt haben, heute präziser als die Überwachung der Wirkungen eines Medikaments, dass wir möglicherweise an jedem Tag unseres Lebens einnehmen.

Es ist auch möglich, dass die Non-Compliance sowohl dem Reiz geschuldet ist, den es hat, in den frühen Phasen einer Manie zu sein, als auch der Verleugnung ihrer verheerenden Wirkungen. Eine manische Episode kann jemandem das Gefühl geben, wahrhaft lebendig und mit der Welt verbunden zu sein und die eigene wahre Identität zum ersten Mal gefunden zu haben. Es kann schwierig sein, das aufzugeben, und in den Intervallen zwischen den Manien sowie zwischen Manien | [12] und Depressionen können die Qual des manischen Ausbrennens und der zersplitternde Schmerz eines depressiven Tiefs der Amnesie unterliegen.

Das sind Fragen, die zu ignorieren unklug wäre, da sie uns dazu zwingen, über die Beziehung der Person zum Phänomen der manischen Depression nachzudenken, statt einfach darüber, wie gut oder schlecht die Medikamente sind. Statt zu fragen, ob einige Medikamente die Wirkung haben, Gedankenflucht oder verzweifelte Agitiertheit zu mäßigen, müssen wir fragen, worin diese Gedanken denn bestanden und wie es dazu kam, dass sie die Person überwältigt haben. Wenn jemand bei einer Kauforgie tausende von Pfund ausgibt, müssen wir fragen, was er gekauft hat und warum. Wenn er behauptet, einen todsicheren Plan für eine neue weltweite Geschäftstätigkeit zu haben, müssen wir fragen, worin er besteht und wie ihm die Idee gekommen ist. Eine solche zeitraubende und detaillierte Arbeit ist der einzige Weg, auf dem wir über manische Depression mehr erfahren werden. Während Arzneimittel darauf abzielen, das Verhalten zu kontrollieren und zu managen, hat ein analytischer Ansatz das Ziel, es zu verstehen und dieses Verstehen, hoffentlich, dazu zu nutzen, neue Wege zu finden, der Person zu helfen, die auf der Messerschneide von Erfahrungen ist, die so entsetzlich und so erhebend sein können, so lebensbejahend und zugleich so tödlich.

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Beginnen wir mit der Manie. Wenn wir diesen Ausdruck von den Zuständen der Ruhelosigkeit, Verzweiflung und Aufgewühltheit ablösen, für deren Beschreibung er in der Vergangenheit oft verwendet wurde, was finden wir dann? Für Andy Behrman, der die Spiralen der manischen Depression reich dokumentiert hat, heißt Manie, dass sein Geist „von Vorstellungen und Bedürfnissen wimmelt, die sich rasch verändern; mein Kopf ist vollgestopft mit pulsierenden Farben, wilden Bildern, bizarren Gedanken, scharfen Einzelheiten, geheimen Codes, Symbolen | [13] und fremden Sprachen. Ich möchte alles verschlingen – Partys, Leute, Zeitschriften, Bücher, Musik, Kunstwerke, Filme und Fernsehen.“

In einer manischen Episode zu sein, das ist für Behrman, „als hätte ich die vollkommensten Brillengläser, die ein Arzt verschreiben kann, um damit die Welt zu sehen. Alles ist genau umrissen (…), meine Sinne sind so geschärft, ich bin so wach und aufmerksam, dass meine Augenlider, die auf dem Kopfkissen flattern, sich wie Donner anhören.“ Für Terri Cheney, die manisch-depressive Anwältin aus Beverly Hills, die ihre hochbezahlte Arbeit aufgab, um sich für Psychiatriereformen einzusetzen, bringt die Manie „jede Nervenendung zum Leuchten. Die schwächste Empfindung fühlt sich an wie ein Vulkanausbruch.“ Die Person fragt sich, ob sie je zuvor gehört, gefühlt oder gesehen hat, so unterschiedlich ist ihre neue Weltwahrnehmung. Es fühlt sich an, als sei sie wiedergeboren worden, als sei dies der allererste Tag ihres Lebens.

Für Stephen Fry, der von „der Freiheit, der Expansionskraft, der Energie und dem Optimismus“ der Manie schreibt, „sind wir Könige der Welt; nichts ist für uns unerreichbar, für unseren rasenden Geist ist die Gesellschaft zu langsam, alles ist miteinander verbunden, in einem Netz von prächtiger Farbe, Kreativität und Bedeutung.“ Das manische Subjekt wird von einem neuen Selbstvertrauen getragen. „Man kann wirklich schneller laufen“, sagt ein manisch-depressiver Mann. „Welche Art Krankheit bewirkt das sonst? Sie zeigt, was in uns steckt, wozu wir in der Lage sind. Unsere Sinne sind alle so abgetötet. Was immer eine manische Person sonst sein mag, sie ist lebendig.“ Und diese absolute Vitalität lässt die Rede auf Hochtouren laufen. Das Sprechen wird leicht, die Worte fließen mit neugefundener Flüssigkeit, es gibt kein Schweigen mehr. Wie Terri Cheney es formulierte: „Ich wollte reden, ich musste reden, Worte drängten sich hoch und drückten so fest gegen das Dach meines Mundes, dass es sich anfühlte, als müsse ich spucken, um zu atmen.“ | [14]

Ideen und Projekte gibt es im Überfluss, nichts scheint unmöglich, und die manische Person kann jede beliebige Menge von kreativen oder unternehmerischen Plänen in Angriff nehmen und große Summen Geld ausgeben, die meist von Verwandten, Freunden und Banken geliehen werden. Die Zukunft scheint so viele Versprechungen zu enthalten, so viele Gewissheiten des Erfolgs, des Wohlstands und der Leistung. Die Erregung bezieht sich hier auf den Willen, sie ist durchtränkt von brennender Zielstrebigkeit.

Die üblichen Barrieren, durch die Leute davon abgehalten werden, Risiken einzugehen, sind verschwunden. Kein Gegner scheint unschlagbar zu sein, kein Hindernis unüberwindbar. Die Dinge laufen so gut, in manchen Fällen kann sich fast über Nacht ein neuer Lebensstil herausbilden, oft zur Fassungslosigkeit und Verwirrung von Familienangehörigen und Freunden. Von einem bescheidenen möblierten Zimmer kann das manische Subjekt in ein großzügiges West-End-Apartment umziehen und speisen und sich einkleiden wie ein Millionär. Rechnungen werden bar bezahlt, in Cafés und Restaurants werden riesige Trinkgelder gegeben, fast überall werden Gespräche in Gang gesetzt, so als sei jeder potentiell ein bester Freund oder ein Liebhaber.

Sexuelle Begegnungen und Angebote können sich vervielfachen, für gewöhnlich jedoch mit geringem Wunsch nach Dauer. Wenn die radikalen Veränderungen des vor-manischen Lebens zunehmen, kann es vorkommen, dass andere Menschen allzu präsent werden: es gibt Reibungen mit Sexualpartnern oder mit Geschäftspartnern oder mit Banken, die ihr Geld zurückhaben wollen; Freunde, die ein Verhalten satt haben, das narzisstisch und selbstgefällig zu sein scheint; Gesprächspartner, die es leid sind, für großartige Pläne und Projekte den Resonanzboden abzugeben. Das manische Hoch wird mit Angst eingefärbt. Kleine Hindernisse werden vergrößert und lösen Wutanfälle und Gewaltausbrüche aus. Paranoide Gedanken nehmen zu. Und jetzt sind die Dinge zu weit gegangen. | [15]

Wie einer der von Lizzie Simon Befragten erklärte: „Ich hatte das Gefühl, ich bin auf einem Güterzug. Ich konnte ihn nicht steuern. Ich konnte ihn nicht stoppen.“ Der schottische Autor Brian Adams fängt in seinen bissigen Memoiren The Pits and the Pendulum diese Kurve der Manie in einem erschreckenden Bild ein. Nach einem Abend mit Trinken und Singen in seiner Kneipe kehrt er nach Hause zurück. Er macht sich Tee, fühlt sich gut, singt weiter, jedoch: „Plötzlich klatsche ich in weiten Schwüngen meine Hände zusammen, schmettere die Handflächen gegeneinander so fest ich nur kann: langsam, fest und unkontrollierbar.“ Bald darauf zerschneidet er sich mit einem Teppichmesser Arme und Gesicht. Das vorübergehende Hoch war in etwas unaussprechlich Entsetzliches umgeschlagen. Wie einer meiner Patienten es formulierte: Die Manie ist wie eine Rakete, prachtvoll und unaufhaltsam braust sie in den Raum, dann löst sie sich auf, in Feuerstößen, Rauch und Abfall, wie die unglückselige Raumfähre, die er als Kind im Fernsehen gesehen hatte.

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Um die Manie-Erfahrung zu erkunden, müssen wir diesen Berichten sorgfältig zuhören und dabei vage Gleichsetzungen von Manie mit lärmendem oder euphorischem Verhalten vermeiden. Mehrere Motive scheinen bei ihr allgegenwärtig zu sein: das Gefühl, mit anderen Menschen und mit der Welt verbunden zu sein; das Ausgeben von Geld, das die Person gewöhnlich nicht hat; der große Appetit, auf Essen, auf Sex oder auf Worte; die Neuerfindung von sich selbst, das Erschaffen einer neuen Persona, als sei man jemand anders; das verbale Geschick und die plötzliche Neigung zu Witzen und Wortspielen; die Bewegung in Richtung auf paranoische Gedanken, die zu Beginn der manischen Kurve ganz offenkundig abwesend sind.

Vielleicht das Verblüffendste darunter ist die Vorstellung von der Verbindung zwischen den Dingen. Die Farben, Bilder, Symbole | [16] und Codes, die Behrman heraufbeschwört, gewinnen ihre Relevanz weniger durch das, was sie sind, als vielmehr dadurch, dass sie miteinander verknüpft sind. In einer Manie scheint alles irgendwie zweckmäßig miteinander verbunden zu sein, als wären in einem riesigen Bilderrätsel die Punkte plötzlich vollständig verbunden worden und als würden sie jetzt eine Gestalt enthüllen, die bis dahin niemand bemerkt hatte. Calvin Dunn, ein amerikanischer Psychiatrie-Reformer, beschreibt es in seiner Autobiographie Losing My Mind so: „Es schien, als hätte alles etwas zu bedeuten, jeder Laut, den ich hörte, und alles, was ich sah, und es schien, als hätte alles einen Sinn und wäre auf irgendeine Weise miteinander verbunden.“

Kay Redfield Jamison, Forscherin im Bereich der Psychiatrie sowie Autorin, beobachtete einen Bach im Park der University of California in Los Angeles, und der Anblick erinnerte sie an eine Szene in Tennysons Gedichten. Von einem „unmittelbaren und aufpeitschenden Gefühl der Dringlichkeit“ überwältigt, stürzte sie in einen Buchladen, um sich ein Exemplar zu besorgen, und bald darauf hatte sie mehr als zwanzig Bücher unter den Armen. Das Anfangsbild der Dame vom See hatte sich in Bewegung gesetzt und sich mit anderen Themen und Titeln verbunden, von Malorys Le Morte d’Arthur bis hin zu Frazers Goldenem Bogen und zu Büchern von C. G. Jung und Robert Graves. Alles schien miteinander in Beziehung zu stehen, und als sie ihr manisches Netz von Assoziationen „webte und webte“, schien es insgesamt „einen wesentlichen Schlüssel“ zum Universum zu enthalten.

Die manische Person fühlt sich als Teil davon, mit der Welt ist sie wunderbar verbunden statt ihr Sklave oder ihr Diener zu sein. Die freudige Erregung, hervorgerufen durch das Gefühl der Verbundenheit, muss kommuniziert werden, ein Detail, das es ermöglicht, die wahre Manie von anderen Zuständen der Hochstimmung zu unterscheiden. Ein schizophrenes Subjekt kann einen Zustand der Glückseligkeit still in seinem Zimmer genießen, der Manisch-Depressive jedoch wird ihn nicht nur erleben, sondern außerdem die Notwendigkeit spüren, ihn mit der Welt zu teilen. Genauso kann jeder in einen Zustand der | [17] Ausgelassenheit oder sogar der Hyperaktivität geraten, vor allem nach einer Verlusterfahrung, und dies kann als Manie diagnostiziert werden oder als Hypomanie, ihre mildere Verwandte; entscheidend ist jedoch, ob die Person das Gefühl hat, dass die Dinge miteinander verbunden sind oder nicht. Gefällt ihnen einfach nur der Klang des Vogelgesangs oder haben sie darüber hinaus den Eindruck, dass dieser Klang mit dem Auto in Verbindung steht, das vorbeigefahren ist, oder mit dem Artikel, den sie am Morgen in der Zeitung gelesen haben?

Wie könnte man das mächtige Gefühl erklären, dass die Dinge miteinander in Verbindung stehen, wie es von manischen Subjekten so genau und so konsistent beschrieben wird? Was ist in unserer Welt letztlich das Medium der Verbindung? Die Antwort auf diese Frage ist in ihrer Schlichtheit vielleicht enttäuschend: es ist die Sprache. Es sind Wörter, Vorstellungen und die Assoziationen zwischen ihnen, durch die unsere Wirklichkeiten erzeugt und geformt werden, und um denken zu können, stützen wir uns auf die Verbindungen wie auch auf die Hemmung von  Verbindungen zwischen ihnen. Das wird am klarsten, wenn sich die Verbindungen zwischen den Vorstellungen in einem solchen Tempo herstellen, dass sie auf keine Weise verlangsamt oder zu einem Halt gebracht werden können. In dem, was die Psychiatrie „Gedankenflucht“ nennt, führt ein Gedanke zum nächsten, mit ununterdrückbarer, brutaler Beharrlichkeit.

Man denke an das Internetspiel, bei dem man sehen kann, wie jeder beliebige Schauspieler auf irgendeine Weise mit Kevin Bacon in Beziehung steht, dem Star aus Footloose. Jede Gestalt der Filmindustrie, so wird sich herausstellen, steht zu ihm in einer Verbindung, entweder unmittelbar, etwa durch Mitarbeit bei einem seiner Filme, oder indirekt durch den Umgang mit jemandem, der mit Bacon in Kontakt stand. Der spektakuläre Erfolg dieses Spiels hat dazu geführt, dass es bei Google zu einer eingebauten Funktion wurde, und es gibt sogar ein Brettspiel, das dieser eigenartigen Beschäftigung gewidmet ist. In Werbespots für Handys wird gezeigt, wie das ganze Universum durch verbale Assoziationen mit Bacon verbunden werden kann. Man | [18] stelle sich aber vor, wie es wäre, wenn diese assoziative Suche nicht eine Ablenkung oder Unterhaltung wäre, sondern eine konstante Funktion der eigenen Existenz, die man nicht abschalten kann. Wie die Googlefunktion und die Handywerbung zeigen, wird das soziolinguistische Netz von Sprache und Kultur immer Verbindungen liefern. Es gibt kein Innehalten.

Das Leben, könnten wir sagen, beruht darauf, dass wir nicht zu oft fragen, wie wir mit Kevin Bacon verbunden sind. Wenn wir gezwungen wären, jeder Assoziation zu folgen, würden wir von dem ausgedehnten Netz der Verbindungen, das unvermeidlich um uns herum existiert, überwältigt werden. In der Manie jedoch übernimmt das Netz die Kontrolle. Psychiater des neunzehnten Jahrhunderts hatten beobachtetet, wie sich die Rede des manischen Subjekts mit wenig Rücksicht auf den Inhalt von einem Wort zum anderen zu bewegen schien, als kämen die Brücken zwischen den Vorstellungen durch die Sprache selbst zustande statt durch bewusste Entscheidung. „Was für ein schöner Binder“, sagt ein Patient, „ich wünschte, ich wäre mit jemandem verbunden, der rein wäre und der Inder wäre. Ich mag Inder. Und Kinder.“ Die Rede bewegt sich vom Selbstbinder zur Bindung, zum Inder und von da zu den Kindern. „Kinderkriegen ist ganz in Ordnung, wenn man keine Presswehen hat. Durch die Fenster wehen die Winde.“ Obwohl Winde und Entbindungen wenig gemeinsam zu haben scheinen, geht es von den „Wehen“ der Niederkunft direkt zum „Wehen“ der Winde.

Im Gegensatz zu diesen Beispielen des manischen Sprechens habe die Person, wenn sie deprimiert sei, wenig zu sagen, sie wiederhole Wörter mit derselben Grundbedeutung: aufgrund eine schrecklichen und untilgbaren Sünde sei sie wertlos, geistig leer, schuldig. Es schien also einen Gegensatz zu geben zwischen der Art, wie die Person in manischen Zuständen  | [19] akustischen und formalen Wortverbindungen ausgeliefert sei, während sie in den depressiven Zuständen vom Sinn oder von der Bedeutung beherrscht werde. In der frühen Forschung wurde beobachtet, dass die Resonanz zwischen den Wörtern – zwischen „Inder“ und „Kinder“, zwischen „Wehen“ und „Wehen“ – im deprimierten Zustand kaum jemals in Erscheinung trat, als sei das akustische Mitschwingen der Sprache verloren gegangen.

Eigenartig, dass bei manischer Depression die beiden Achsen der Sprache – Wörter und Bedeutungen –in alternierenden Stärken aufzutauchen schienen, als müsse jede warten, bis sie an der Reihe wäre und zu ihrem Thema kommen könne. In der Manie schien es, als hätten die Wörter sich von ihren Bedeutungen entfernt, sodass den akustischen Verbindungen gefolgt werden könne, während es in den Depressionen nur wenige Wörter gebe und diese mit einer einzigen, monolithischen Bedeutung beladen wären. „Ich bin eine Fotze“, „ich bin eine Fotze“, „ich bin eine Fotze“, wie einer meiner Patienten in den Tiefphasen seiner manischen Depression sich selbst gegenüber endlos wiederholte.

Klinisch sind die Dinge etwas komplizierter als diese Gegenüberstellung es nahelegen könnte. Manische Subjekte folgen nicht einfach frei den Wörtern, sie haben die Tendenz, bei immer denselben Wörtern oder Gedanken oder Bedeutungen zu enden, so als würden sie auf einer Karte zu immer denselben Punkten zurückgeführt. Das Spektrum der Gedanken kann tatsächlich ziemlich beschränkt sein, und es ist sogar vorgeschlagen worden, nicht von „Gedankenflucht“ zu sprechen, sondern von „Wortflucht“, da es das Sprechen sei, das unbeendbar fortzugehen scheine, wobei es eine relativ kleine Menge von interessierenden Punkten einkreise. Forscher der Anfangszeit wie Falret, Hugo Liepmann und Ludwig Binswanger haben gezeigt, dass diese Wortflucht einer verborgenen Logik folgt, die dem gelegentlichen Beobachter entgeht. Die Manie ist nie ein rein zufälliger Wortfluss, sondern hat eine wirkliche Kohärenz und | [20] Struktur, jedoch eine solche, die, solange man nicht sehr sorgfältig zuhört, für gewöhnlich nicht offenkundig ist.

Hier ein Beispiel. Als Norma Farnes zum ersten Mal den manisch-depressiven Komiker Spike Milligan aufsuchte, um sich auf eine Stelle als persönliche Assistentin zu bewerben, machte sie die Bemerkung, im Raum sei es eiskalt. „Ja“, antwortete er, „ich hasse die Amerikaner.“ Diese anscheinend bedeutungslose Antwort könnte als Zeichen für manische Zerstreutheit aufgefasst werden, für die Unfähigkeit, sich auf ein Gespräch einzulassen oder einen Gedanken zu durchdenken. Tatsächlich jedoch war die Antwort, wie sie erfahren sollte, absolut kohärent. Sie hatte die Zimmertemperatur kommentiert und Milligan glaubte, die Zentralheizung sei von den Amerikanern erfunden worden. Die implizite Kette war also: es ist eiskalt – die Zentralheizung ist unzureichend – Amerikaner haben die Zentralheizung erfunden – ich hasse die Amerikaner. Vielleicht war es klug von Farnes, dass sie seinen Syllogismus nicht in Frage stellte und ihm nicht sagte, dass für die Erfindung der Heizung letztlich die Römer verantwortlich sind, nicht die Amerikaner..

Übersetzt von Rolf Nemitz.
Das Urheberrecht (Copyright) für diesen Text liegt bei Darian Leader.
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Über Darian Leader

Darian Leader photo-credit-Angus-Muir-2011 BipolaritätDarian Leader ist Psychoanalytiker in London. Er ist Gründungsmitglied des Centre for Freudian Analysis and Research (CFAR).

Zu seinen Veröffentlichungen gehören: Warum Frauen mehr Briefe schreiben als sie abschicken (Goldmann, München 1998), Why Do People Get Ill? Exploring the Mind-Body-Connection, mit David Corfield (Hamish Hamilton, London 2007), The New Black. Mourning, Melancholia and Depression (Hamish Hamilton, London, 2008), What Is Madness? (Hamish Hamilton, London 2011). Photo: Angus Muir 2011

Kontakt: darian [at] cfar.demon.co.uk

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Anmerkungen

Die Anmerkungen verweisen auf die Seitenzahlen der englischen Originalausgabe. Im Text oben sind diese Seitenzahlen im laufenden Text in grauer Schrift angegeben, der Beginn von Seite 2 beispielsweise so: „| [2]“.

[S. 1-2] Statistik, vgl. C. Moreno u.a., „National trends in the outpatient diagnosis and treatment of bipolar disorder in youth“, Archives of General Psychiatry, 64 (2007), S. 1032-9; Kathryn Burrows, „What epidemics? The social construction of bipolar epidemics“, Advances in Medical Sociology, 11 (2010), S. 243-61; und David Healy: Mania: A Short History of Bipolar Disorder (Baltimore: Johns Hopkins, 2008). Die Frage heute, vgl. Kathryn Burrows, What epidemic?, a.a.O., S. 250. Über Bipolarität, die Medien und die Märkte vgl. Emily Martin, Bipolar Expeditions: Mania and Depresson in American Culture (New Jersey: Princeton University Press, 2007). Zu Turner vgl. Emily Martin, Biplar Expeditons, a.a.O., S. 208.

[S. 3-6] Geschichte, vgl. Antoine Ritti: Traité clinique de la folie à double forme: Folie circulaire, délire à formes alternes (Paris: Octave Doin, 1883); L. Linas, „Manie“, Dictionnaire encyclopédique des sciences médicales (Paris: Assselin, 1871), S. 507-60; P. L. Couchoud, „Histoire de la manie jusqu’à Kraepelin“, Revue des sciences psychologiques, 1 (1913), S. 149-73; German Berrios and Roy Porter (Hg.), A History of Clinical Psychiatry (London: Athlone Press, 1995), S. 384-408; Lisa Hermsen, Manic Minds: Mania’s Mad History and It’s Neuro-Future (New Brunswick: Rutgers University Press, 2011); und David Healy, Mania, a.a.O. Über das Vermarkten von diagnostischen Kategorien vgl. David Healy, The Antidepressant Era (Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1997). Eine Fallstudie zum Vermarkten der Bipolarität findet man in Andrew Lakoff, Pharmaceutical Reason: Knowledge and Value in Global Psychiatry (Cambridge: Cambridge University Press, 2005). Arzneimittel, vgl. Joanna Moncrief, The Myth of the Chemical Cure (London: Macmillan, 2009); und Des Spence, „Bad Medicine: Bipolar 2 Disorder“, British Medical Journal, 342 (2011), S. 2767. Neue Marke, vgl. Christopher Lane, „Bipolar disorder and it’s bio-mythology: An interview with David Healy“, Psychology Today (16. April 2009).

[S. 6-7] Jules Baillarger, „Note sur un genre de folie dont les accès sont caractérisé par deux périodes régulière, l’une de dépression, l’autre d’excitation“, Bulletin de l’Académie Nationale de Médicine, 19 (1853-54), S. 340-352; „Réponse à Falret“, a.a.O., S. 401-415; und Jean-Pierre Falret, „Mèmoire sur la folie circulaire“, a.a.O., S. 382-400. Zur Diskussion Falret – Baillarger vgl. P. Pichot, „The birth of bipolar disorder“, European Psychiatry, 10 (1995), S. 1-10. Zur Frage der Differentialdiagnose vgl. Eugen Bleuler, „Die Probleme der Schizoidie und der Syntonie“, Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 78 (1922), S. 373-99; G. Halberstadt, „Syndromes anormaux au cours de la psychose maniaco-dépressive“, Annales Médico-Psychologique, 88 (1930), S. 117-42; and Darian Leader, „On the Specificity of Manic-Depressive Psychosis“, in Patricia Gherovici and Manya Steinkoler (Hg.), Lacan on Madness: Madness, Yes You Can’t (im Erscheinen, London: Routledge 2015).

[S.7-9] Jean-Étienne Esquirol, Des maladies mentales considérées sous les rapports médical, hygiénique et médico-légal (Paris: Baillière, 1838), dt.: Die Geisteskrankheiten in ihrer Beziehung zur Medizin und Staatsarzneikunde (Berlin: Voss, 1838). Emil Kraepelin, Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte, 6. Auflage (Leipzig: Barth, 1899). Vgl. die Sammlung von Kritiken in A. Rémond und P. Voivenel, „Essai sur la valeur de la conception kraepelinienne de la manie et de la mélancholie“, Annales Médico-Psychologiques, 12 (1910), S. 353-79; und a.a.O. (1911), S. 19-51.

[S. 9-10] Andy Behrman, Electroboy: A Memoir of Mania (New York: Random House, 2002), S. 261; dt.: Electroboy. Ein manisches Leben (Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2003); Lizzie Simon, Detour: My Bipolar Road Trip in 4-D (New York: Simon & Schuster, 2002), S. 187.

[S. 11] Paket, vgl. David Healy, Mania, a.a.O., S. 239.

[S. 12-13] Andy Behrman, Electroboy, a.a.O., englische Ausgabe S. XIV und XXI; Terri Cheney, Manic: A Memoir, (New York: Harper, 2008), S. 2012 (dt.: Tanz in der Brandung. Mein Leben als Manisch-Depressive, Düsseldorf: Patmos, 2010); und Stephen Fry, Vorwort zu Jeremy Thomas und Tony Hughes, You Don’t Have to be Famous to Have Manic Depression, (London: Michael Joseph, 2006), S. 7. Terri Cheney, a.a.O., S. 146.

[S. 15] Lizzie Simon, Detour, a.a.O., S. 121; Brian Adams, The Pits and the Pendulum: A Lie with Bipolar Disorder, (London: Jessica Kingsley, 2003), S. 79.

[S. 16] Calvin Dunn, Losing My Mind: Chronicle of Bipolar Mania (Philadelphia: Infinity, 2012), S. 81. Kay Redfield Jamison, An Unquiet Mind: A Memoir of Moods and Madness (New York: Knopf, 1995), S. 42-3 (dt.: Meine ruhelose Seele. Die Geschichte einer Depression. München: Bertelsmann 1997).

[S. 18] Binder, vgl. Ernest Jones, „Psychoanalytic notes on a case of hypomania“, American Journal of Insanity, 2 (1909), S. 203-18. (Anmerkung des Übersetzers: Im englischen Original ist die erste Assoziationskette tie – tied – eye – lie, die zweite pains panes.)

[S. 19-20] Sprache und Gedankenflucht, vgl. Ludwig Binswanger, Über Ideenflucht (Zürich: Füssli, 1933); Hugo Liepmann, Über Ideenflucht (Halle: Marhold, 1904); Max Isserlin, „Psychologische Untersuchungen an Manisch-Depressiven“, Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, 22 (1907), S. 338-55, 419-42 und 509-22; Maria Lorenz und Stanley Cobb, „Language behaviour in manic patients“, Archives of Neurology and Psychiatry, 69 (1953), S. 763-70; und Stanley Newman und Vera Mather, „Analysis of spoken language of patients with affective disorders“, American Journal of Psychiatry, 94 (1938), S. 913-42. Norma Farnes, Spike: An Intimate Memoir (London: HarperCollins, 2004), S. 4.


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