Lacans Schemata

Das sadistische Begehren

Kant mit Sade - Schema 1 - Sadesches Phantasma

Welche Struktur hat das sadistische Begehren? In Kant mit Sade antwortet Lacan auf diese Frage mit dem oben reproduzierten Schema.1
In Schriften II gibt es zum Schema folgende Legende:
„V: Wille (zum Genuß) [volonté (de jouissance)]
d: Begehren (désir)“2 Hier ein Versuch, es zu entziffern.3

Zitierweise
– Einfache Zahlen in Klammern, z.B. „(152)“, sind im Folgenden Seitenangaben für die Übersetzung von Kant mit Sade in Schriften II.
10:123″ meint „Seminar 10, S. 123″, bezogen auf die Versionen von Miller/Gondek (Seminar 10) bzw. Miller/Haas (Seminare 7 und 11).
– Die Übersetzungen wurden von mir in manchen Fällen geändert.
– Hinweise auf die Sekundärliteratur werden unten im Literaturverzeichnis aufgeschlüsselt.

Das sadistische Phantasma

Der Gegenstand des Schemas

Das Schema stellt die Struktur von Sades Phantasma dar. In Kant mit Sade wird es so angekündigt:

„In der Konstruktion einer subjektiven Anordnung ist, ausgehend von Unbewussten, stets eine vierteilige Struktur erforderlich. Dies wird von unseren didaktischen Schemata erfüllt.

Modulieren wir das sadesche Phantasma [fantasme sadien] mit einem neuen Schema dieser Art.“ (145)

Demnach geht es um das fantasme sadien, nicht um das fantasme sadique, Thema ist das Sadesche Phantasma, nicht das sadistische Phantasma.

(Le sadique ist der Sadist, le sadien der Sade-Anhänger, der Sadianer. Das Adjektiv sadique meint „sadistisch“, beispielsweise heißt oral-sadistisch im Französischen sadique-oral. Das Adjektiv sadien meint „auf Sade bezogen“, „sadescher“, „sadesche“, „sadesches“. )

Das sadesche Phantasma interessiert insofern, als es Auskünfte über den Sadismus gibt. Wenn Kant mit Sade befragt wird, so spielt Sade

„in seinem Sadismus [dans son sadisme]“ (146)

die Rolle eines Instruments.

Über das sadesche Phantasma heißt es auch: in ihm versteinert das Genießen und wird zum schwarzen Fetisch, und weiter:

„Eben dies widerfährt dem Henker in der sadistischen Erfahrung [expéricence sadique], wenn seine Präsenz letztlich nur noch darin besteht, das Instrument zu sein.“(143)

Die Struktur des sadeschen Phantasmas bezieht sich also nicht nur speziell auf die Erfahrung des Marquis, sondern allgemein auf die sadistische Erfahrung.

Geschrieben hat Lacan den Aufsatz Kant mit Sade im Jahr 1962, im September 1962 hatte er ihn abgeschlossen, wie er in der letzten Zeile des Textes ausweist. Veröffentlicht wurde der Text im April 1963, aber bereits vorher, am 16. Januar 1963, hatte Lacan den Zuhörern seines Seminars das Schema vorgestellt (10:133). Bei der Erläuterung des Diagramms bezieht er sich auf das „sadistische [sadique] Begehren“ allgemein, auf die „sadistische Intention“, auf den „Agenten des sadistischen Begehrens“ (alles 11:134), auf den „Sadisten [sadique]“ (11:135). Sade wird hier als ein Beispiel angeführt (vgl. 11: 134 f.).

Für Lacan ist stellt Schema 1 die Struktur eines Phantasmas dar, bei dem es sich nicht nur das sadesche Phantasma handelt, sondern allgemein um das sadistische Phantasma.

Die linke und die rechte Seite des Schemas

Kant mit Sade - Schema 1 - mit Subjekt und Anderer KopieLacan bezeichnet die linke Seite des Diagramms als Seite des Subjekts, die rechte als die des Anderen (10:133); auf dem Schema rechts habe ich deshalb „Subjekt“ und „Anderer“ hinzugefügt.

Die linke Seite des Schemas bezieht sich auf das Subjekt, also auf den auf den Libertin-Folterer-Vergewaltiger-Mörder, die rechte Seite auf den anderen, auf sein Opfer, aber möglicherweise auch auf seine Gehilfen.

a: Objekt a

Die Position unten links ist mit einem kursiv ge­schriebenen kleinen a bezeichnet, für „Objekt a“. Der Folterer identifiziert sich mit dem Objekt a, mit demjenigen Objekt, das – Lacan zufolge – als Ursache des Begehrens fungiert.

Im Falle des Sadismus ist das Objekt a die Stimme. Der „sadomasochistische Trieb“ ist der Invokations- oder Anrufungstrieb (vgl. 11:166).4

Freud unterscheidet vier Komponenten des Triebs: den Drang, die Quelle, das Objekt und das Ziel5; beim Sadisten ist, Lacan zufolge, die Stimme die „Quelle der Strebung“ (10:133). Der Punkt unten links im Schema steht demnach für die Triebquelle; der von hier ausgehende Pfeil zeigt den Weg, den die invokatorische Strebung nimmt.

Die Stimme wird dadurch zum Objekt a, dass sie vom Subjekt abgetrennt ist.

„Dieses Objekt nämlich [die Stimme] ist vom Subjekt auf merkwürdige Art getrennt. Braucht doch der Herold der Maxime nichts weiter zu sein als der Punkt, von wo aus diese ergeht. Wie etwa eine Stimme im Radio, die an den Durchhalteappell erinnert, dem auf Sades Aufruf hin die Franzosen zugestimmt hätten, sowie an die Maxime, die mit der Wiedererstehung ihrer Republik für diese zum organischen Gesetz geworden wäre. Phänomene der Stimme wie diese, zumal die der Psychose, haben in der Tat diesen Objektcharakter, und die Psychoanalyse war in ihren Anfängen nahe daran, die Stimme des Gewissens darauf zu beziehen.“ (142)

In Bezug auf Sades Maxime (in der Version von 1966) muss man zwei Sprecher unterscheiden: denjenigen Sprecher, der die Maxime verkündet (Sprecher 1), und denjenigen Sprecher, von dem in der Maxime die Rede ist: „kann jeder zu mir sagen“ (Sprecher 2). Sprecher 1 stellt sich in den Dienst des Sprechens von Sprecher 2; das „ich“, mit dem die Maxime beginnt, ist ein zitiertes „ich“, es bezieht sich nicht auf Sprecher 1, sondern auf Sprecher 2. Sprecher 1 hat die Funktion eines Herolds, er gibt eine Botschaft weiter, die ein anderer verkündet, genauer: die jeder beliebige andere verkündet.

Der Herold der Maxime fungiert wie eine Art Radio. Die Stimme, die von ihm ausgeht, geht durch ihn hindurch, sie ist ein von ihm getrenntes Objekt.

Lacan bezieht den objekthaften Charakter der Stimme auf die akustischen Halluzinationen mancher Psychotiker und auf die Stimme des Gewissens.

Lacans Behauptung, in ihren Anfängen sei die Psychoanalyse nahe daran gewesen, die Stimme des Gewissens als Objekt zu deuten, bezieht sich vermutlich auf eine Bemerkung von Freud in Das Ich und das Es. Dort heißt es,

„daß das Über-Ich auch seine Herkunft aus Gehörtem unmöglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs und bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen, Abstraktionen) her dem Bewußtsein zugänglich, aber die Besetzungsenergie wird diesen Inhalten des Über-Ichs nicht von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht, der Lektüre, sondern von den Quellen im Es zugeführt.“6

Für Lacan ist das Über-Ich primär eine Stimme. Im Lagache-Aufsatz von 1961 hatte er geschrieben,

„dass das Über-Ich in seinem intimen Imperativ durchaus die ‚Stimme des Gewissens‘ ist, d.h. zunächst eine Stimme mit vokalem Charakter und mit nicht mehr Autorität als der, dass es die dröhnende Stimme ist“7.

Die Stimme, mit der der Sadist sich identifiziert, ist die Stimme des sadistischen Über-Ichs. 8

Dem Masochisten ist bewusst, dass er von der Stimme des Anderen fasziniert ist; vom Sadisten wird die Identifizierung mit der Stimme jedoch verleugnet. Insofern ist der Sadismus die Verleugnung des Masochismus (vgl. 11:194).

Die Stimme bildet ein Gelenkstück zwischen Sade und Kant. Denn Kant begreift das Sittengesetz nach dem Muster der Stimme des Gewissens; für das Ich stellt sich — Kant zufolge — der kategorische Imperativ als Stimme dar, als himmlische Stimme der Vernunft.9

Die Identifizierung mit dem Objekt a ist unerträglich.

,An eben dem Ort, an dem Ihre mentale Gewohnheit Ihnen das Subjekt zu suchen anzeigt, da, wo sich trotz Ihnen das Subjekt abzeichnet, wenn beispielsweise Freud die Quelle der Strebung anzeigt, da, wo es im Diskurs das gibt, was Sie als das artikulieren, was Sie sind – kurz, da, wo Sie ich [je] sagen, da ist im eigentlichen Sinne auf der Stufe des Unbewussten das a anzusiedeln.

Auf dieser Stufe sind Sie a das Objekt, und jeder weiß, dass das unerträglich ist, und nicht nur für den Diskurs, der das schließlich verrät.“ (10:133)

Die Identifizierung mit der Stimme wird von Sadisten verleugnet (11:194). Sie wird vom ihm auch nicht vollständig erreicht; sie erscheint nur auf einem Schauplatz (vgl. 10:135), in einer Phantasie oder einer Inszenierung, die vom Alltagsleben getrennt ist.10

Schwarzer Fetisch

Man Ray,Sade, 1938Der sadistische Libertin fungiert (wie im Folgenden noch ausgeführt wird) als bloßes Instrument. Hierdurch „versteinert sich das Genießen“ (143). Insofern ist das imaginäre Porträt, das Man Ray von Sade angefertigt hat, passend: es zeigt eine versteinerte Gestalt (10:134 f.).

Mit der Versteinerung meint Lacan vermutlich die Apathie – die Gefühllosigkeit –, zu der ein Peiniger fähig sein muss, nach Ansicht von Dolmancé in Sades Philosophie im Boudoir.11

Durch die Versteinerung des Genießens verwandelt sich der sadistische Akteur in einen „schwarzen Fetisch“ (143). Das Objekt in der Funktion des Fetischs liegt, Lacan zufolge, sämtlichen Perversionen zugrunde.12 Der Fetisch ist die paradigmatische Form des Objekts a.13

Der Sadismus hat demnach eine fetischistische Dimension, derart, dass der Sadist selbst, in der Versteinerung des Genießens, als Fetisch fungiert. Damit wird angedeutet, dass der Sadist die Kastration verleugnet – Freud zufolge dient der Fetisch der Verleugnung der Kastration14; in Lacans Terminologie: der Fetischist verleugnet die „Privation“, die Penislosigkeit der Frau.

Auf welche phänomenologischen oder klinischen Aspekte des Sadismus bezieht sich die These, dass der Sadist zum „schwarzen Fetisch“ wird? Das ist mir nicht klar, leider.

Fukuda nimmt eine andere Zuordnung vor, ihm zufolge bezieht sich die Rede vom „schwarzen Fetisch“ auf den Punkt S des Diagramms.15 Dagegen spricht, dass für Lacan der Fetisch eine der Formen des Objekts a ist.

V: Wille zum Genießen

Der Buchstabe V in der oberen linken Ecke steht für volonté, Wille, gemeint ist der Wille zur jouissance, zum Genießen, zur Lust unabhängig vom Lustprinzips, der Wile zu einer Befriedigung also, die häufig als Unlust, z.B. als Schmerz, empfunden wird und die deshalb nur in bescheidenem Maße erreicht werden kann.16

Um wessen Willen handelt es sich? Nicht um den des Subjekts, sondern um den des Anderen, nicht um den Anderen im Sinne des Opfers, sondern um den Anderen, in dessen Dienst sich der Sadist stellt.

„Selbst in der Perversion, in der das Begehren sich als das ausgibt, was Gesetz macht, das heißt als eine Subversion des Gesetzes, ist es in Wirklichkeit geradezu die Stütze eines Gesetzes. Wenn es etwas gibt, das wir jetzt über den Perversen wissen, so dies, dass das, was von außen als unbegrenzte Befriedigung erscheint, Abwehr und Aus­übung eines Gesetzes ist, insofern es das Subjekt auf dem Weg des Genießens bremst, unterbricht und aufhält. Der Wille zum Genießen beim Perversen ist wie bei jedem anderen ein Wille, der scheitert, der auf seine eigene Grenze, seine eigene Bremse selbst in der Ausübung des Begehrens stößt. Wie das eine der Personen, die heute auf meine Bitte hin gesprochen haben, sehr schön unterstrichen hat, weiß der Perverse nicht, im Dienste welchen Genießens er seine Aktivität ausübt. Es ist jedenfalls nicht im Dienste seines eigenen.“ (10:189)

Der Andere wird hier also nicht primär durch das Gesetz charakterisiert, sondern durch das Genießen.

In Sades Roman Juliette heißt dieser Andere „das Höchste Wesen an Bösartigkeit“17. Dieses „Höchste Wesen in der Ordnung des Bösen“ (145) ist niemand anders als Gott (vgl. 10:207). Der Wille zum Genießen bezieht sich auf das „Genießen auf Seiten Gottes“ (145).

Der Wille zum Genießen wird von Sade nicht nur in pornographischen Erzählungen inszeniert, sondern zugleich in theoretischen Abhandlungen gerechtfertigt Eines dieser Traktate heißt Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt.18 Der in dieser Schrift artikulierte Wille zum Genießen wird von Lacan in folgender Maxime zusammengefasst:

„Ich habe das Recht, deinen Körper zu genießen, kann jeder zu mir sagen, und ich werde von diesem Recht Gebrauch machen, ohne daß irgendeine Grenze mich aufhält in der Launenhaftigkeit der Einforderungen, wenn deren Befriedigung nach meinem Geschmack ist.“ (138 f.)19

Die Maxime ist unabhängig vom „pathologischen Subjekt“:sie bezieht sich nicht auf das Genießen des Subjekts, sondern auf das des Anderen („kann ein jeder zu mir sagen“); sie ist dabei generalisiert, jeder kann es mir sagen; sie unterliegt keiner Bedingung. Das ist, neben der Stimme, eine weitere Verbindung zwischen Sade und Kant: der Wille zum Genießen hat die Form des kategorischen Imperativs, des Sittengesetzes, das Primat des Genießens des Anderen erhält die Form desGesetzes. Das heißt aber, dass Sade bei der von ihm beabsichtigten Infragestellung des Anderen nicht sehr weit kommt; er sieht sich genötigt, „die Forderungen des Sittengesetzes zu simulieren“ (10:206). Sade ist heimlicher Kantianer.20

Der Andere, in dessen Dienst sich der Sadist stellt, unterscheidet sich deutlich vom Anderen des Neurotikers. Der Neurotiker wünscht sich einen idealen Vater, und dessen Idealität zeigt sich darin, dass er in der Ausübung des Gesetzes gerade nicht genießt, dass er beispielweise nicht rachsüchtig ist; er wünscht sich einen „toten Vater“, wie Lacan es nennt. Der Sadist bezieht sich auf einen sehr lebendigen Vater, einen, der seine Grausamkeit genießt.21

Für die These, dass Sades manifester Atheismus eine Täuschung darstellt, dass Sade in Wirklichkeit einem göttlichen Anderen dient, stützt Lacan sich auf die Studie Sade — mein Nächster von Pierre Klossowski aus dem Jahr 1947.22 Klossowskis „außerordentlicher Scharfblick“ (161) wird von ihm gerühmt.

a → V: Instrument

Der Sadist quält, er ist „Agens der Qual“ (142), aber er quält nicht auf eigene Rechnung. Er fungiert als „Marterwerkzeug“ (146). Die Pfeilverbindung von a zu V zeigt diese instrumentelle Beziehung an. Nicht der Sadist genießt, er ist das „Instrument des Genießens“ (146) des Anderen.

„Der sadomasochistische Trieb schließt sich nicht nur, er konstituiert sich förmlich dadurch, daß das Subjekt sich zum Objekt eines andern Willens macht.“ (11:194)

Da der Sadist als Instrument fungiert, ist ihm die Absicht seines Handelns entzogen (10:207). Sowenig er weiß, dass er sich mit der Stimme identifiziert, sowenig ist ihm klar, dass er sich in den Dienst des Genießens des Anderen gestellt hat (vgl. 10:191).23

Der Aufsatz Kant mit Sade zeigt, so erläutert Lacan in einer Selbstinterpretation,

„wie der Sadist selbst die Stelle des Objekts einnimmt, aber ohne es zu wissen, zum Vorteil eines andern, für dessen Genuß er als sadistisch Perverser arbeitet und handelt.“ (11:194)

Für Lacan ist die Einsicht in die instrumentelle Funktion des sadistischen Agenten das wichtigste Ergebnis der bisherigen Sade-Forschung (10:207).

Der Sadist tritt seinen Anderen (im Sinne von: seinen Opfern, seinen Genossen) so gegenüber: gestützt auf die unbewusste Introjektion des Objekts a als Stimme und auf die unbewusste Identifizierung mit dem Willen des Anderen zum Genießen.

$: Gespaltenes Subjekt

Die untere rechte Ecke des Schemas steht für das Opfer, für den Adressaten der sadistischen Grausamkeiten. Dieser Punkt ist mit einem durchgestrichenen S (S barré) bezeichnet, $, für das sujet barré, das ausgesperrte Subjekt, das Subjekt, das von einem konstituierenden Teil von sich ausgeperrt ist, Unbewusstes genannt, und das deshalb ein sujet divisé ist, ein gespaltenes Subjekt. Die Praktiken des Peinigers zielen darauf ab, den Anderen — womit jetzt der Mitmensch gemeint ist, der Nächste — in ein gespaltenes Subjekt zu verwandeln.24

„Das sadistische Begehren, mitsamt allem, was es an Rätsel beinhaltet, ist nur von der Schize, der Spaltung her artikulierbar, die er, der andere [gemeint ist hier der Folterer], beim Subjekt [beim Opfer] einzuführen als Ziel verfolgt, indem er ihm bis zu einer gewissen Grenze das auferlegt, was nicht ausgehalten werden kann – zu der Grenze genau, an der bei diesem Subjekt eine Teilung, eine Kluft zwischen seiner Existenz als Subjekt und dem, was es erleidet, dem, worunter es, in seinem Körper leiden kann, erscheint.“ (10:134)

Der Schmerz „zerreißt“ das Subjekt, wie man sagt. Auch die Demütigung zielt auf die Subjektspaltung: sie reizt das Schamgefühl auf (142), und die Scham beruht auf einem Riss zwischen der Instanz, die sich schämt, und dem Gegenstand der Beschämung.

Wichtiger noch als Schmerz und Scham des anderen ist jedoch für den Sadisten dessen Angst.

„Nicht so sehr das Leiden des anderen wird in der sadistischen Intention gesucht, sondern seine Angst.“ (10:131)

Dass er die Angst des anderen sucht, ist dem Sadisten bewusst (10:221), aber nicht nur ihm. Was jedermann über Sadismus weiß, wenn er auch sonst nichts weiß, ist eben dies, dass der Sadist auf die Angst des anderen aus ist.

Das gespaltene Subjekt ist ein weiterer Verbindungspunkt zwischen Kant und Sade. Kant zufolge lässt sich apriorisch begründen, dass die Bestimmung des Willens durch das moralische Gesetz Schmerz hervorruft.25  Das dem kategorischen Imperativ folgende Subjekt ist ein zwischen Vernunft und Neigung zerrissene Subjekt.

a → V → $: Der Sadist in Beziehung zu zwei Anderen

Der Sadist, der sich mit der Stimme identifiziert (a), bezieht sich auf zwei Andere: auf einen Gott, um dessen Genusswillen (V) zu befriedigen, und auf das Opfer, das er in die Position des gespaltenen Subjekts ($) bringt. Den Anderen des Genusswillens hat er gewissermaßen im Rücken, der Andere in der Position des Opfers ist sein Gegenüber.

Dass er im Dienst eines Anderen steht, ist dem Sadisten verborgen, und dies eben dadurch, dass sich für ihn die Angst eines anderen Anderen – die des Opfers – in den Vordergrund schiebt.

„Es ist offenbar, dass der Sadist die Angst des Anderen sucht. Verborgen wird dadurch das Genießen des Anderen.“ (10:221)

Der Sadist kann seinen eigenen Mangel, die Kastration, nicht annehmen; er verortet den Mangel auf der Seite seines weiblichen Opfers (10:249 f.). Dieser Mangel verkörpert sich im Objekt a; das Objekt a ist eben das, was dem Subjekt fehlt, der „Rest des Subjekts“ (10:207). Der Folterer sucht das mangelnde Objekt also beim anderen (vgl. 10:222); für ihn erscheint es nicht dort, wo es im Schema dargestellt wird, auf der Seite des Subjekts, sondern auf der Seite des anderen. Zur Veranschaulichung zitiert Lacan eine Passage aus einer der Vergewaltigungszenen in Juliette. „Ich habe die Haut der Fotze“, sagt Herzog Stern und präsentiert einen Hautfetzen, den er aus der Vaginalwand seines Opfers herausgekratzt hat (zit. 10:206).26

Der Sadist negiert also keineswegs, wie „Doktrinäre“ (149) behaupten, die Existenz des Anderen, er verweist vielmehr die Qual des Daseins, die Subjektspaltung, den Mangel, auf den Andern, auf das Opfer (149).

Die unteren beiden Terme des Schemas, a und $, stehen dafür, dass der „sichtbare Agent, in der Starre des Objekts versteinert“, damit sich seine Subjektspaltung ganz und gar auf der Seite des Anderen zeigt (145).

Lacan folgt auch in diesem Punkt Klossowski, der zu zeigen versucht, dass bei Sade nicht nur der Bezug auf Gott entscheidend ist, sondern auch der auf den Nächsten. Zu den „Doktrinären“ gehört für Lacan möglicherweise Maurice Blanchot, der Klossowskis Deutung in Frage gestellt hatte. Blanchot charakterisiert Sade vor allem durch die „Souveränität“ und damit durch die Negation des Anderen, sei es Gott oder der Nächste.27

S: Rohes Subjekt der Lust (plaisir)

Die obere rechte Ecke des Schemas ist mit einem großen S bezeichnet; der Buchstabe steht für sujet, also Subjekt. Gemeint ist damit das „rohe Subjekt der Lust [plaisir] (das ‚pathologische‘ Subjekt)“ (146).28

Wenn Lacan das „rohe Subjekt der Lust“ als „das ‚pathologische‘ Subjekt“ bezeichnet, bezieht er sich ein weiteres Mal auf Kant. In der Kritik der praktischen Vernunft spricht Kant vom „pathologisch affizierten Willen“ und vom „pathologisch bestimmbaren Selbst“. „Pathologisch“ meint bei Kant nicht „krankhaft“, sondern „gefühlsmäßig“, „sinnlich“. Die Sinnlichkeit als das Vermögen, Sinnesempfindungen und Gefühle zu haben, ist insofern dem „Pathos“, dem Leiden zuzurechnen, als sie — in Kants Perspektive — das Vermögen ist, etwas zu erleiden, nämlich Reize zu empfangen, die von außen kommen. Das „pathologische“ Subjekt ist also (von Kant aus gesehen) das Subjekt, das nach Lusterfüllung strebt, nach Glück und das sich damit letztlich von außen bestimmen lässt, statt sich durch die Vernunft selbst zu bestimmen. „Die pathologischen“ Interessen sind ganz einfach, sagt Lacan in Seminar 7, die „menschlichen, sinnlichen vitalen Interessen“ (7:376). Das Feld der Ethik liegt für Kant jenseits dieses Bereichs, jenseits des „Pathologischen“, und Lacan schließt sich ihm an, wobei das Feld der Ethik jenseits des „Pathologischen“ in Lacans Perspektive nicht, wie für Kant, vom Gesetz eingenommen wird, sondern von der Beziehung zwischen Gesetz und Begehren (vgl. 7:376).

Der Buchstabe S steht für das Subjekt der Lust im Sinne von plaisir, für das Subjekt, das vom Lustprinzip beherrscht wird. Er steht nicht für das Subjekt der jouissance, nicht für das Subjekt, das sein Leiden genießt.

Dieses Subjekt ist insofern „roh“, als es nicht der Sprache unterworfen ist, nicht gespalten ist. Sein Begehren ist kein Begehren im Sinne von Lacan; sein Begehren reduziert sich (in Sades Sicht) auf sexuelle und aggressive Bedürfnisse.

Das S steht am Ende der Pfeillinie; das „rohe Subjekt“ ist demnach das Ziel der gesamten Bewegung. In Freuds Terminologie wird man vielleicht sagen dürfen: S ist das Triebziel. Das rohe Subjekt der Lust ist das Ideal des Sadisten. Er möchte sich an keinen Anderen binden, keinen Gott und keinen Nächsten, er zielt darauf ab, einfach nur seinen Antrieben nachzugehen. Klossowski nennt dies die „Renaturalisierung der Grausamkeit“29.

Wer besetzt in Sades Phantasma den Platz des ungespaltenen Lustsubjekts? Das Schema zeigt: der Andere, aber welcher Andere?

Ich sehe drei Möglichkeiten.

Zum einen könnten die Gefährten des Sadisten gemeint sein. Das hieße: der Sadist ist für die Realisierung seines Phantasmas nicht nur auf Opfer angewiesen, sondern auch auf Unterstützer; er braucht sie, weil er in ihnen seinen Traum vom reinen Lustsubjekt verwirklicht sieht.

Aber vielleicht spielt für den Sadisten das Opfer eine Doppelrolle: als Ort der Angst ($) und als Ort der Lust (S).

Möglich ist aber auch, dass beide die Rolle des reinen Lustsubjekts spielen, sowohl die Kumpane als auch die Opfer.

V → $ → S: Vel

Über das V heißt es, dass es zwar für volonté steht, für den Willen, dass

„dessen Form aber auch die Vereinigungsmenge dessen evoziert, was es spaltet, indem es dies in einem vel zusammenhält, d.h. indem es das zu wählen gibt, was aus dem rohen Subjekt S der Lust (dem ‚pathologischen‘ Subjekt) das $ (durchgestrichenes S) der praktischen Vernunft machen wird.“ (146, Einführungen in Klammern im Original)

Lacan beschreibt hier die Beziehung zwischen V, $ und S mit einem Begriff der Aussagenlogik: die Beziehung hat die Struktur eines „Vel“, sie ist ein nicht-ausschließendes Oder, eine inklusive Disjunktion. A vel B (A oder B) meint: die zusammengesetzte Aussage ist unter drei Bedingungen wahr:
– wenn A wahr ist und B falsch ist,
– wenn B wahr ist und A falsch ist,
– wenn sowohl A als auch B wahr sind.

Anspielend bezieht Lacan sich auf die mengentheoretische Darstellung logischer Aussageverknüpfungen durch Venn-Diagramme. Das nicht-ausschließende Oder wird durch die Vereinigungsmenge dargestellt.

Der Wille zum Genießen eröffnet demnach eine Wahl zwischen drei Optionen: entweder A wird gewählt oder B wird gewählt oder beides wird gewählt.

Worauf bezieht sich die Wahl, auf die beiden Seiten des gespaltenen Subjekts ($) oder auf $ und S? Ich vermute, dass letzteres gemeint ist. Das würde heißen: Der Wille zum Genießen eröffnet drei Optionen: entweder $ wird gewählt oder S wird gewählt oder beides wird gewählt. Entweder das Subjekt ist das der praktischen Vernunft ($) oder es ist das der Lust (S) oder es ist zugleich das Subjekt der praktischen Vernunft und das der Lust. Mir ist nicht klar, was damit gemeint sein könnte.

Die Bemerkung über das Vel ist ein Zusatz von 1966; Lacan stützt sich hier auf seine Ausführungen über das Vel der Entfremdung in Seminar 11 von 1964, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse.

a → V → $ → S: Kalkül des Subjekts

Die gesamte N-förmige Pfeilverbindung zeigt das „Kalkül des Subjekts“:

„In der geschlängelten Linie ist die Kette verzeichnet, durch die ein Sub­jektkalkül möglich wird.“ (145)

Das „Kalkül“ des Subjekts besteht darin, dass es versucht, seinen Invokationstrieb zu verwirklichen, der auf der unbewussten Identifizierung mit dem Stimmobjekt (a) beruht. Sein Ziel ist die Verwirklichung als rohes Lustsubjekt (S), die Renaturalisierung der grausamen Antriebe. Dieses Ziel wird auf paradoxe Weise zu realisieren versucht, dadurch, dass der Sadist sich in den Dienst eines göttlichen Anderen stellt, dessen Genießen er zu verwirklichen sucht (V), sowie dadurch, dass er sich an einen weiteren Anderen bindet, an das Opfer, das er benötigt, um seine eigene Zerrissenheit zu externalisieren ($). In den Kumpanen, mit denen er sich in seiner Phantasie umgibt (S), sieht der Libertin dieses Ziel verwirklicht.

d → a ◊ $: Begehren und Phantasma

Die beiden unteren Terme des Schemas sind durch eine Raute verbunden, zusammen ergeben die drei Ausdrücke die Zeichenfolge a ◊ $. Das ist Lacans Formel für das Phantasma (die er meist umgekehrt schreibt, also $ ◊ a). Die Raute steht für „Begehren nach“ (145), in Satzform gebracht meint die Formel „das Objekt a begehrt das ausgesperrte und deshalb gespaltene Subjekt“. Das Phantasma des Sadisten besteht darin, dass er, als Objekt a, das ausgesperrte und gespaltene Subjekt begehrt.30

Das Phantasma ist eine bewusste oder unbewusste Szene der „Wunscherfüllung“, wie Freud sagt. Mit Lacan: das Phantasma ist die „Utopie des Begehrens“ (145). Das, was man in der Umgangssprache als „Objekt des Begehrens“ bezeichnet, ist in Wirklichkeit meist ein Phantasma (vgl. 11:194).

Der von d (für „Begehren“) ausgehende Pfeil zeigt auf das a. Damit wird angedeutet, dass der Sadist in seinem Phantasma die Position des Objekts a einnimmt, und das heißt: nicht die des durchgestrichenen Subjekts. Das macht den Unterschied zwischen Perversion und Neurose aus. Das perverse Subjekt identifiziert sich mit dem Objekt a, das neurotische mit dem ausgesperrten Subjekt. Die Perversion

„stellt eigentlich einen Umkehreffekt des Phantasmas dar, wobei das Subjekt sich selber als Objekt bestimmt in seiner Begegnung mit der Teilung der Subjektivität.“ (11:194)

Die Formel für das Phantasma, also a ◊ $, zeigt, dass der Sadismus

„die Qual des Daseins auf den Anderen abweist, nur daß ihm darüber entgeht, daß er sich auf diese Weise seinerseits in ein ,ewiges Objekt‘ verwandelt, sofern uns denn Mr. Whitehead den Gebrauch dieses Terminus gestattet“ (149).

Das gespaltene Subjekt – das malträtierte Opfer — erscheint im sadistischen Phantasma unter dem Gesichtspunkt des Verschwindens, der Aphanisis (146).31 Für den Folterer besteht darin eines der Hauptprobleme: er hat es mit einem Opfer zu tun, das durch Tod oder Ohnmacht zu verschwinden droht (die Ohnmacht heißt im Französischen évanouissement, Verschwinden). Die Sadesche Lösung besteht darin, in der Phantasie das Verschwinden des Opfers endlos hinauszuschieben. Nachdem Juliette den grausamsten Quälereien unterworfen worden ist, erscheint sie am nächsten Tag immer wieder in strahlender Schönheit.

Das kleine d steht für désir, Begehren. Das Begehren erscheint in der Formel (d → a ◊ $) also doppelt, in Gestalt von d und von ◊; das Begehren hat eine verschachtelte Struktur. Die Zeichenfolge (d → a ◊ $) besagt: Das sadistische Begehren stützt sich auf eine Phantasieszene, in der dargestellt wird, wie das Subjekt, das sich mit der Stimme als Objekt a identifiziert (das also beispielsweise Befehle brüllt), die Zerrissenheit des Anderen begehrt, seine Angst.32

Durch das Phantasma wird das Begehren mit der Lust (plaisir) verbunden. Die Lust ist, wie Lacan schreibt, ein unzuverlässiger Komplize; das Phantasma greift ein, um die Lust aufrechtzuerhalten (144). Das Phantasma stabilisiert die Lust: die Lust im Unterschied zum Genießen (jouissance) jenseits des Lustprinzips. Das Schema des sadistischen Begehrens illustriert damit auch die Spannung zwischen der Lust und dem Genießen. Die untere waagerechte Linie, d → a ◊ $, steht für die Lust. Der von V ausgehende Pfeil repräsentiert das Genießen. Das Phantasma sorgt dafür, dass das Genießen nicht ganz ohne Lust ist (144); das Phantasma ermöglicht die Schmerzlust.

Die vier Bezüge zu Kant

Das Schema des sadistischen Begehrens dient letztlich dazu, Kant zu lesen, „Kant mit Sade“.33 Hier noch einmal die vier Gelenkstücke:

a: Objekt a als Stimme — verweist auf Kants „Stimme der Vernunft“.

V: Wille zum Genießen, in einer generalisierten und bedingungslos geltenden Maxime artikuliert — tritt in Sades Phantasma an die Stelle des kategorischen Imperativs.

$: gespaltenes Subjekt — bezieht sich darauf, dass die Selbstbestimmung des Willens durch die Vernunft, Kant zufolge, Schmerz hervorruft.

S: das rohe Subjekt der Lust— korrespondiert Kants Begriff des pathologisch affizierten Selbsts.

Literatur

Allouch, Jean: Ça de Kant, cas de Sade. Érotologie analytique III. Sur „Kant avec Sade“ de Jacques Lacan. Cahiers de L’unebevue, Paris 2001.

Baas, Bernard: Das reine Begehren. Zu Lacans „Kant mit Sade“. In: Ders.: Das reine Begehren. Übersetzt von Gerhard Schmitz. Turia + Kant Wien 1995, S. 23-72.

Fink, Bruce: Eine klinische Einführung in die Lacansche Psychoanalyse. Theorie und Technik. Turia + Kant, Wien 2005, darin Kapitel 9, „Perversion“.

Fukuda, Daisuke: L’envers de l’ethique sadienne. Essai sur la lecture lacanienne du marquis de Sade. Thèse, Université Paris VIII, 2011, im Internet hier.

Marty, Eric: Pourquoi le XXe siècle a-t-il pris Sade au sérieux? Seuil, Paris 2011.

Miller, Jacques-Alain: A discussion of „Kant with Sade“. In: Richard Feldstein, Bruce Fink, Maire Jaanus (Hg.): Reading seminars I and II. Lacan’s return to Freud. State University of New York Press, Albany 1996, S. 212-237.

Žižek, Slavoj: Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002 (Erläuterung des Schemas auf S. 200-202)

—: Kant and Sade: The ideal couple. In: lacanian ink 13,1998.

—: Ra­di­cal Evil as a Freu­dian Ca­te­gory. In: Lacan.com, 2008.

—: Das perverse Subjekt der Politik: Lacan als Leser von Mohammad Bouyeri. In: Ders.: Lacan. Eine Einführung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2008, S. 139-157.

Zupančič, Alenka: Die Ethik des Realen. Kant, Lacan. Turia + Kant, Wien 1995.

—: Das Reale einer Illusion. Kant und Lacan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001.

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Anmerkungen

  1. Écrits, S. 774. In Schriften II findet sich das Diagramm auf S. 145.
  2. Die Legende ist eine Hinzufügung des Übersetzers, sie findet sich nicht in den Écrits.
  3. Lacan erläutert das Schema auch in Seminar 10 von 1962/63, Die Angst, dort auf den Seiten 133-135, 189, 205-207, 221 f., 245 und 249 (Version Miller/Gondek). Weitere Hinweise, die Licht auf das Schema werfen, findet man in Seminar 11 von 1964, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse.
  4. Das Objekt a wird in Seminar 10 eingeführt; die Stimme als Objekt a in der Sitzung vom 22. Mai 1963.
  5. S. Freud: Triebe und Triebschicksale (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 75-102, hier: S. 85-87.
  6. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 319.
  7. Remarque sur le rapport de Daniel Lagache: ‚Psychanalyse et structure de la personnalite‘. In: Écrits 1966, S. 684, meine Übersetzung.
  8. Vgl. Miller 1996, S. 222.
  9. Baas schreibt, Lacan nehme eine Unterschiebung vor, wenn er behaup­tet, Kant spräche von der Stimme, tatsächlich aber finde die Metapher sich nicht bei Kant (Baas 1995, S. 40). Baas irrt sich, bei Kant heißt es: „Dieser Widerstreit ist aber nicht bloß logisch, wie der zwischen empirisch-bedingten Regeln, die man doch zu notwendigen Erkenntnisprinzipien erheben wollte, sondern praktisch, und würde, wäre nicht die Stimme der Vernunft in Beziehung auf den Willen so deutlich, so unüberschreibar, selbst für den gemeinsten Menschen so vernehmlich, die Sittlichkeit gänzlich zu Grunde richten; so aber kann sie sich nur noch in den kopfverwirrenden Spekulationen der Schulen erhalten, die dreist genug sein, sich gegen jene himmlische Stimme taub zu machen, um eine Theorie, die kein Kopfbrechen kostet, aufrecht zu erhalten.“ (Kritik der praktischen Vernunft, 1. Buch, 1. Hauptstück, § 8. Lehrsatz IV, Anmerkung II, Weischedel-Ausgabe Bd. 7, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974, S. 146 f.) Von der Stimme der Vernunft spricht Kant in der Kritik der praktischen Vernunft ein weiteres Mal in: 1. Buch, 3. Hauptstück, Von den Triebfedern der reinen praktischen Vernunft, Weischedel-Ausgabe S. 201.
  10. Umfassend zur Funktion der Stimme bei Lacan: Mladen Dolar: His masterʼs voice. Eine Theorie der Stimme. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
  11. Im fünften Dialog, nach dem Einschub Franzosen, noch eine Anstrengung …  sagt Dolmancé zu Eugénie: „Verwerfen Sie also die abgefeimten Ratschläge des Chevalier; wenn er Ihnen rät, Ihr Herz allem vorstellbaren Leid des Unglücks zu öffnen, sucht er Ihnen eine Menge von Qualen zu verschaffen, die Sie, da sie nicht die Ihren sind, bald völlig sinnlos peinigen werden. Ach! Glauben Sie mir, Eugenie, glauben Sie mir, die Freuden, die Ihnen die Gefühllosigkeit (apathie) verschafft, wiegen die, die die Empfindsamkeit (sensibilité) Ihnen bereitet, reichlich auf; diese kann das Herz nur in einem Punkte treffen, während jene es überall kitzelt und erschüttert.“ (Die Philosophie im Boudoir. Übersetzt von Rolf Busch. Merlin Verlag, Gifkendorf 3. Auflage 1989, S. 280)
  12. Lacan: Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht. In: Schriften I, S. 200.
  13. In Seminar 10 wird das Objekt a ausgehend vom Fetisch eingeführt (vgl. 10: 132).
  14. S. Freud: Fetischismus (1927). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Ta­schenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 379-388.
  15. Vgl. Fukuda 2011, S. 19 f.
  16. Der Begriff jouissance in dieser Bedeutung wird von Lacan in Seminar 7 von 1959/60, Die Ethik der Psychoanalyse, eingeführt.
  17. „l‘Être suprême en méchanceté“; die Formulierung findet sich in Die Geschichte von Juliette, erste Ausgabe von 1801, zweiter Teil; Monsieur de Saint-Fond verwendet sie in einem seiner Vorträge. Im Internet hier.
  18. In Die Philosophie im Boudoir, Einschub im fünften Dialog.
  19. Übersetzung geändert. Zur Genealogie dieser Maxime siehe den Artikel „Genussrecht“ in diesem Blog.
  20. Vgl. Žižek 1998.
  21. Vgl. Fink 2005, S. 252 f.
  22. Eine deutsche Übersetzung von Klossowskis Arbeit erschien 1996 im Wiener Passagen-Verlag.
  23. Žižek ist der Auffassung, dass die Position des Instrument vom Sadisten auch bewusst eingenommen werden kann; vgl. Žižek 2008.
  24. Den Begriff sujet barré verwendet Lacan zuerst in Seminar 5 von 1957/58, Die Bildungen des Unbewussten, Version Miller/Gondek S. 559 f.; in den Schriften erscheint der Ausdruck zuerst in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten von 1960, veröffentlicht 1966 (Schriften II, S. 198).
  25. „Folglich können wir a priori einsehen, daß das moralische Gesetz als Be­stimmungsgrund des Willens dadurch, daß es allen unseren Neigungen Eintrag tut, ein Gefühl bewirken müsse, welches Schmerz genannt werden kann, und hier haben wir nun den ersten, vielleicht auch einzigen Fall, da wir aus Begriffen a priori das Verhältnis eines Erkenntnisses (hier ist es einer reinen praktischen Vernunft) zum Gefühl der Lust oder Unlust bestimmen konnten.“ Kritik der praktischen Vernunft, darin: Von den Triebfedern der reinen praktischen Vernunft, a.a.O., Weischedel-Ausgabe S. 192 f.
  26. Histoire de Juliette, Erste Ausgabe von 1801, Erster Teil:
    „Et je sentis alors ses ongles crochus simprimer vivement dans mes fesses et m’arracher la peau en deux ou trois endroits. De nouveaux cris que je poussai ne firent qu’animer ce scélérat qui, portant alors deux de ses doigts dans l’intérieur du vagin, ne les retire qu’avec la peau qu’il déchire dans ce lieu sensible.
    — Lubin, disait-il alors, en montrant ses doigts pleins de sang au valet, chèr Lubin, je triomphe ! j’ai de la peau du con.“ Im Internet hier.
  27. Blanchot schreibt: „Der Mensch des Marquis de Sade negiert die Menschen, und diese Negation erfüllt sich über den Gottesbegriff.“ In: Ders.: Sade (1947). Übersetzt von Johannes Hübner. Henssel, Berlin 1986. Zuerst unter dem Titel À la rencontre de Sade. In: Les temps modernes, Heft 25, 3. Jg. (1947), S. 577-612; dann mit dem neuen Titel La raison de Sade in: Ders.: Lautréamont et Sade. Minuit, Paris 1949.
  28. Den Buchstaben S für das Subjekt und zugleich für das Es verwendet Lacan zuerst in Seminar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theorie Freuds und in der Technik der Psychoanalyse, Version Miller/Metzger S. 310.
  29. A.a.O., S. 129.
  30. Die Formel für das Phantasma, $ ◊ a, wird von Lacan zuerst in Seminar 5 verwendet; vgl. Version Miller/Gondek S. 393 und 402.
  31. Das Verschwinden des Subjekts (von Lacan als „Aphanisis“ oder „Fading“ bezeichnet) als Merkmal des Phantasmas wird zuerst in Seminar 6 von 1958/59 dargestellt, Das Begehren und seine Deutung, in der Sitzung vom 4. Februar 1959. Das Verschwinden des Subjekts ist ein strukturelles Merkmal des Phantasmas; in Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht von 1958 (veröffentlicht 1961) wird die Formel des Phantasmas, $◊a, so gelesen: „S im fading vor dem Objekt des Begehrens“ (Schriften I, S. 227 Fn. 31).
  32. Die Beziehung zwischen d (für Begehren) und der Formel für das Phantasma, $ ◊ a, erscheint bei Lacan zuerst im Graphen des Begehrens in Seminar 5; vgl. Version Miller/Gondek, S. 393 und 302.
  33. Zu Lacans Kant-Lektüre vgl., außer der Arbeit von Baas, Zupančič 1995 und 2001.

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