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Die drei Plätze

Tahrir_Square_on_February_8_2011 Imaginäres-Symbolisches-RealesTahrir-Platz am 8. Februar 2011, von hier

In einem Artikel der Online-Ausgabe von Al Jazeera English heißt es:

Tens of thousands of people are continuing to demonstrate in Cairo’s Tahrir square after hundreds remained camped out overnight, defying a curfew that has been extended by the army. There is a heavy army presence around the area, with tanks positioned near the square and officers checking identity papers. One of Al Jazeera’s correspondents said military attempts to block access to the square on Monday by closing roads was not working as more people were arriving in a steady stream. „Protesters say they’ll stay in this square for as long as Mubarak stays in power,“ she said.

In Lacans Begrifflichkeit: Die Aufständischen verwandeln den imaginären in einen symbolischen Platz.

Der imaginäre Platz ist der Platz als Teil des Stadt-Bildes. Mit seinem Lärm und seinem Verkehr und seiner schieren Größe repräsentiert er das Leben in seiner Fülle, das „pulsierende Leben der Stadt“, wie man sagt.

Der imaginäre Platz verwandelt sich in einen symbolischen Platz, wenn das Begehren sich, wie jetzt in Kairo, auf die Alternative von Abwesenheit und Anwesenheit konzentriert, auf die Frage, ob der Platz besetzt ist oder leer. Der Platz wird dann zum Signifikanten. Die Platzbesetzung hat ein Gegenstück in der Forderung, dass der Präsident das Land verlassen soll, dass er seinen Platz räumen soll, nicht nur in einem übertragenen Sinne, sondern bezogen auf den realen, geografischen Raum. Es ist, als hätte Ägypten, wie eine Ellipse, zwei zentrale Orte, den Platz des Präsidenten und den des Volkes, und als ob der eine Platz nur dann besetzt sein kann, wenn der andere leer ist und umgekehrt. Der symbolische Platz repräsentiert die Macht des Präsidenten oder seine Ohnmacht, den „Mangel im Anderen“. Ein Übergangsphänomen sind die ausgebrannten Regierungsgebäude (das Hauptquartier der Regierungspartei, einige Polizeistationen). In ihnen erscheint die Anwesenheit auf dem Grunde einer Abwesenheit; die Abwesenheit wird anwesend gemacht.

Und der reale Platz? Über einen anderen Platz, den des himmlischen Friedens in Peking im Jahr 1989, heißt es in einem Wikipedia-Artikel:

Am 17. Mai befanden sich schätzungsweise eine Million Menschen auf dem Platz, womit die Bereitstellung von Wasser und die Entsorgung von Fäkalien zu deutlichen Problemen wurden.

Der reale Platz ist der Platz der Abfälle und der Ausscheidungen, der Pflastersteine und der gewalttätigen Zusammenstöße und der Vergewaltigungen und, falls das Schlimmste eintritt, der Platz der Leichen.

NACHTRÄGE vom 4. Februar 2011:

Eine Dimension des symbolischen Platzes: auch Berlin hat einen Tahrir-Platz = einen Platz der Befreiung. Word Wide Tahrir.

Poetische Beschreibung des realen Platzes in der Los Angeles Times vom 3. Februar 2011 (die Zeilenumbrüche habe ich hinzugefügt):

The morning after in Tahrir Square
resembled the aftermath of a hurricane:
a desolate landscape of walking wounded,
husks of wrecked vehicles and
a scatter of random debris.
Here, a rubber sandal,
there a bloodied scarf,
and on the periphery,
a very small, very dirty
kitten.

NACHTRAG vom 5. Januar 2011:

Zur Verbindung der beiden Plätze, dem des Präsidenten und dem des Volkes, finde ich folgendes Detail in der heutigen Online-Ausgabe von Al Jazeera English:

At one point, General Hassan El-Rawani, the head of the army’s central command, entered the square and appealed to protesters to leave. They responded with chants of „We are not leaving, he [Mubarak] is leaving!“

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