Mit Lacan im Kino

Die Spaltung von Auge und Blick, am Beispiel des Films Standard Operating Procedure

SOP1 - Taxifahrer mit Unterhose über dem Kopf (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)Der „Ta­xi­fah­rer“, Foto von Sa­bri­na Har­man, Abu Ghraib 2003

Er­rol Mor­ris un­ter­sucht in sei­nem Do­ku­men­tar­film Stan­dard Ope­ra­ting Pro­ce­du­re (2008) die Funk­ti­on der Fo­to­gra­fi­en im Abu-Ghraib-Fol­ter­skan­dal.

La­can hat in Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, eine psy­cho­ana­ly­ti­sche Kon­zep­ti­on des Se­hens vor­ge­stellt und durch Dia­gram­me il­lus­triert: das Sche­ma des Au­ges, das Sche­ma des Blicks und das Sche­ma der Ver­schrän­kung von Auge und Blick (vgl. die­sen Blog­bei­trag).

Was sieht man, wenn man den Film und die Fo­tos durch die La­can-Bril­le be­trach­tet, wenn man sie mit­hil­fe sei­ner Sche­ma­ta be­ob­ach­tet?1

Hintergrund

Der Skandal

Der Abu-Ghraib-Fol­ter­skan­dal be­gann im April 2004 in den USA mit ei­ner CBS-Nach­rich­ten­sen­dung und mit ei­nem Ar­ti­kel von Sey­mour Hersh in der Zeit­schrift The New Yor­ker. Die Bei­trä­ge stütz­ten sich auf den Ta­gu­ba Re­port, ei­nen in­ter­nen Be­richt der US-Ar­mee, er­stellt un­ter der Lei­tung von Ge­ne­ral­ma­jor An­to­nio Ta­gu­ba. Im Mit­tel­punkt stan­den Fo­tos, die die Miss­hand­lung und die Fol­ter von Ge­fan­ge­nen zei­gen und die au­ßer­dem den Tod ei­nes Häft­lings do­ku­men­tie­ren. Die Fo­tos wa­ren Ende 2003 im Ge­fäng­nis­kom­plex von Abu Ghraib im Irak auf­ge­nom­men wor­den, von Mi­li­tär­po­li­zis­ten, die dort be­schäf­tigt wa­ren.

Abu Ghraib war 2003 das Ver­neh­mungs­zen­trum der USA im Irak. Die Ver­neh­mun­gen wur­den vom Mi­li­tä­ri­schen Ge­heim­dienst (MI), vom CIA und von wei­te­ren nicht-mi­li­tä­ri­schen Re­gie­rungs­stel­len durch­ge­führt, au­ßer­dem von Pri­vat­fir­men im Re­gie­rungs­auf­trag. Bei die­sen Ver­hö­ren wur­de ge­fol­tert. Von den Ver­neh­mun­gen sind kei­ne Fo­tos oder Fil­me be­kannt­ge­wor­den; das Zen­trum der Fol­ter­pra­xis im Irak wur­de nie zum Skan­dal.

Die Fo­to­gra­fi­en, die den Skan­dal aus­lös­ten, be­schrän­ken sich auf die Ak­ti­vi­tä­ten von Mi­li­tär­po­li­zis­ten. Im Irak stell­te die Mi­li­tär­po­li­zei die Voll­zugs­be­am­ten für die Ge­fäng­nis­se der USA. In Abu Ghraib be­stand die Auf­ga­be der Mi­li­tär­po­li­zis­ten auch dar­in, die Häft­lin­ge dazu zu brin­gen, bei den Ver­neh­mun­gen „zu ko­ope­rie­ren“, wie es ge­nannt wur­de. Die Vor­be­rei­tung auf die Ver­neh­mun­gen wur­de von den Sol­da­ten als sof­ten­ing up be­zeich­net, als „Auf­wei­chen“ oder „Weich­klop­fen“. Da­bei war ih­nen al­les er­laubt, mit Aus­nah­me des Tö­tens.

Der Film

Stan­dard Ope­ra­ting Pro­ce­du­re zeigt vor al­lem In­ter­views mit Mi­li­tär­po­li­zis­ten, die an den Vor­gän­gen in Abu Ghraib be­tei­ligt wa­ren, dazu wei­te­re In­ter­views: mit ei­nem mi­li­tä­ri­schen und mit ei­nem zi­vi­len Ver­neh­mer, mit ei­nem Po­li­zis­ten der Mi­li­tä­ri­schen Kri­mi­nal­po­li­zei, der die Fo­tos un­ter­sucht hat­te, und mit der da­ma­li­gen Lei­te­rin der Ge­fäng­nis­se im Irak.

Im Film sieht man zahl­rei­che Fo­tos, die von Mi­li­tär­po­li­zis­ten in Abu Ghraib auf­ge­nom­men wur­den, au­ßer­dem Aus­schnit­te aus Brie­fen, die eine Mi­li­tär­po­li­zis­tin zum Zeit­punkt der Auf­nah­men an ihre Ehe­frau schrieb, dazu ei­ni­ge Schnip­sel aus den Wach­bü­chern des Ge­fäng­nis­ses. Ne­ben die­sen do­ku­men­ta­ri­schen Ele­men­ten ent­hält der Film nach­ge­stell­te Spiel­sze­nen. Der Ti­tel, Stan­dard Ope­ra­ting Pro­ce­du­re, be­zieht sich auf den bi­nä­ren Code des Rechts, auf den Ge­gen­satz recht/unrecht; er meint „das üb­li­che Ver­fah­ren“ im Ge­gen­satz zur „kri­mi­nel­len Hand­lung“.2

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Die im Fol­gen­den wie­der­ge­ge­be­nen Fo­tos wur­den zwi­schen Ok­to­ber und De­zem­ber 2003 von Mi­li­tär­po­li­zis­ten in Abu Ghraib mit Di­gi­tal­ka­me­ras auf­ge­nom­men, vor al­lem von Ivan Fre­de­rick, Charles Gra­ner und Sa­bri­na Har­man. Ich habe sie als Screen­shots aus dem Film über­nom­men.

Die ein­ge­rück­ten Zi­ta­te stam­men, wenn nicht an­ders ver­merkt, aus den In­ter­views und Brief­stel­len im Film. Die Über­set­zung ist von mir.

Das Auge

Das Schema der Struktur des Auges

Un­ter der Funk­ti­on des Au­ges ver­steht La­can das nor­ma­le be­wuss­te Se­hen.

Er ver­an­schau­licht die Struk­tur die­ses Se­hens durch das fol­gen­de Dia­gramm:

Schema der Struktur des Auges (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

La­cans Sche­ma der Struk­tur des Auges[note]Aus: Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 97.[/note]

Man liest die Zeich­nung am bes­ten von rechts nach links. Die rech­te Sei­te steht für das se­hen­de Sub­jekt, die lin­ke für das, was von ihm ge­se­hen wird.

Der Geo­me­tral­punkt ist der Stand­ort des Se­hen­den. Der Aus­druck „geo­me­tral“ deu­tet an, dass die­se Form des Se­hens sich auf Ab­stän­de im Raum be­zieht; La­can be­zeich­net die Funk­ti­on des Au­ges des­halb auch als „geo­me­tra­les Se­hen“. Der Geo­me­tral­punkt heißt bei ihm auch „Sub­jekt der Vor­stel­lung“ (su­jet de la re­pré­sen­ta­ti­on), im Sin­ne von: das Sub­jekt, das die Vor­stel­lun­gen hat, die Re­prä­sen­ta­tio­nen, die Bil­der.

Das Bild (image) ist ein per­spek­ti­vi­sches Bild, das auf den Geo­me­tral­punkt hin ori­en­tiert ist. Das kann das Bild auf der Netz­haut sein, aber auch ein ge­mal­tes oder fo­to­gra­fier­tes Bild, das per­spek­ti­vi­schen Cha­rak­ter hat. Der Zu­satz image hält fest, dass mit „Bild“ nicht das Wort ta­bleau über­setzt wird, das man im zwei­ten Sche­ma fin­det, dem des Blicks.

Das Ob­jekt ist der drei­di­men­sio­na­le Ge­gen­stand, der vom zwei­di­men­sio­na­len Bild (image) re­prä­sen­tiert wird.

Sehen im Gefängnis

In ei­nem Ge­fäng­nis hat das Wach­per­so­nal un­ter an­de­rem die Auf­ga­be, die Ge­fan­ge­nen zu be­ob­ach­ten, sie zu be­auf­sich­ti­gen, sie im Auge zu be­hal­ten; der Frei­heits­ent­zug voll­zieht sich auch in der Di­men­si­on des Se­hens. Die Mög­lich­keit, un­be­ob­ach­tet zu sein, wird für die In­sas­sen stark ein­ge­schränkt. Die Macht­ver­hält­nis­se im Ge­fäng­nis ha­ben nicht zu­letzt die Funk­ti­on, die Be­ob­acht­bar­keit der Häft­lin­ge zu er­hö­hen.

Die Mög­lich­keit, die Ge­fan­ge­nen zu be­ob­ach­ten, wird durch die Ar­chi­tek­tur un­ter­stützt. Die Zel­len sind meist so ge­baut, dass die Häft­lin­ge von au­ßen je­der­zeit be­trach­tet wer­den kön­nen, durch Guck­lö­cher („Spio­ne“), durch Tür­fens­ter oder durch Git­ter. Die Be­leuch­tung wird vom Wach­per­so­nal kon­trol­liert. In der Re­gel sind die Zel­len um ein Sys­tem von Sicht­ach­sen her­um an­ge­ord­net. Die Gän­ge vor den Zel­len kön­nen häu­fig von Ba­lus­tra­den aus ein­ge­se­hen wer­den oder von ei­nem zen­tra­len Trep­pen­haus. Man könn­te von ei­ner geo­me­tra­len Ar­chi­tek­tur spre­chen, ei­ner Bau­wei­se, die Auf­ga­be hat, die Be­ob­acht­bar­keit der Ge­fan­ge­nen, ih­rer Be­we­gun­gen im Raum, zu ma­xi­mie­ren, etwa durch lan­ge Flu­re; vgl. das fol­gen­de Foto aus Abu Ghraib (Bil­der zum Ver­grö­ßern an­kli­cken).

SOP2 - Gefängnisarchitektur (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Flur im Ge­fäng­nis von Abu Ghraib

Auf der Grund­la­ge ih­rer Macht­po­si­ti­on und des ar­chi­tek­to­ni­schen Set­tings sieht der Wäch­ter die Ge­fan­ge­nen. Er be­ob­ach­tet sie in ih­rer räum­li­chen Um­ge­bung, in den Zel­len, Flu­ren und Werk­stät­ten, in den Dusch­räu­men und auf dem Hof. Der Wäch­ter sieht nicht nur die Ge­fan­ge­nen, son­dern auch das üb­ri­ge Wach­per­so­nal, wie es mit den Häft­lin­gen um­geht. Das, was er sieht, ist, in der Ter­mi­no­lo­gie von La­cans Sche­ma, das Bild (image); auch das Foto, das er auf­nimmt, ist ein Bild.

Das wahr­ge­nom­me­ne oder fo­to­gra­fier­te Bild soll dem Wach­per­so­nal ei­nen Zu­gang zur Rea­li­tät er­mög­li­chen, zum wirk­li­chen Ge­fan­ge­nen in sei­nem räum­li­chen Um­feld, in der Ter­mi­no­lo­gie des Sche­mas: zum „Ob­jekt“. Zwi­schen dem Ob­jekt und dem Bild gibt es Ent­spre­chun­gen: das Bild re­prä­sen­tiert das Ob­jekt. Zwi­schen dem Ob­jekt und dem Bild liegt zu­gleich eine Kluft. Das Bild zeigt nur die Ober­flä­che des Ob­jekts und die­se nur vom Geo­me­tral­punkt aus. Der­je­ni­ge As­pekt des Ob­jekts, der im Bild er­fasst wird, kann trü­ge­risch sein. Ein Wäch­ter kann nicht se­hen, was die Häft­lin­ge ak­tu­ell un­ter ih­rer Klei­dung ver­ber­gen, er kann nicht wahr­neh­men, was sie tun, wenn er ih­nen den Rü­cken zu­kehrt. Die Zwei­deu­tig­keit des fo­to­gra­fi­schen Bil­des – dass es zu­gleich zeigt und ver­birgt – steht im Mit­tel­punkt des Films von Er­rol Mor­ris.

Die ge­se­he­nen oder fo­to­gra­fier­ten Bil­der sind per­spek­ti­visch auf den Be­ob­ach­ter aus­ge­rich­tet, auf das Auge des Wäch­ters oder auf sei­ne Ka­me­ra, in La­cans Be­griff­lich­keit: auf den Geo­me­tral­punkt. Die Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Ob­jekt, dem Bild und Stand­punkt des Se­hen­den – dem Geo­me­tral­punkt – ha­ben räum­li­chen Cha­rak­ter. Wenn der Be­ob­ach­ter sei­ne Po­si­ti­on wech­selt, ver­än­dert sich sei­ne Be­zie­hung zum Ob­jekt und da­durch be­kommt er ein an­de­res Bild. Der Geo­me­tral­punkt ist in Abu Ghraib kein fes­ter Ort, von dem aus al­les ge­se­hen wer­den könn­te; Ben­t­hams Pro­jekt ei­nes Pan­op­ti­con ist nur sel­ten rea­li­siert wor­den. In Abu Ghraib kön­nen die Ge­fan­ge­nen, wie in den meis­ten Ge­fäng­nis­sen, von vie­len Po­si­tio­nen aus be­trach­tet wer­den, und die Be­wa­cher be­we­gen sich im Raum. Die Be­ob­ach­tung er­folgt auf der Grund­la­ge ei­nes Sys­tems von ver­streu­ten und be­weg­li­chen Geo­me­tral­punk­ten.

Die Fotos

Sa­bri­na Har­man ist eine der Mi­li­tär­po­li­zis­tin­nen, die in Abu Ghraib ar­bei­te­ten; ihr Dienst­grad ist Spe­cia­list, das ist, von un­ten ge­rech­net, die vier­te Rang­stu­fe. Sie schaut in eine Zel­le und er­blickt ei­nen Ge­fan­ge­nen. Das, was sie sieht, ist in der Ter­mi­no­lo­gie des Sche­mas ein image, ein Bild; um­gangs­sprach­lich: „das Bild, das sich ihr bie­tet“. Der An­blick über­rascht sie. Sie holt ihre Ka­me­ra und macht die fol­gen­de Auf­nah­me:

SOP3 - Blick auf den Taxifahrer (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Der „Ta­xi­fah­rer“, Foto von Sa­bri­na Har­man

Das Foto zeigt an­nä­he­rungs­wei­se das Bild, das sich zu die­sem Zeit­punkt ih­rem Auge bie­tet. Es zeigt ei­nen räum­li­chen und zeit­li­chen Aus­schnitt da­von, mit ge­rin­ge­rem Kon­trast­um­fang und mit we­ni­ger Far­ben; ver­ti­ka­le Par­al­le­len sind im Foto stär­ker per­spek­ti­visch ver­zerrt als sie dem Auge er­schei­nen, wie der Ver­lauf der Git­ter­stä­be zeigt.

Das Ge­sicht des Ge­fan­ge­nen ist für die Mi­li­tär­po­li­zis­tin nicht zu er­ken­nen; durch die Un­ter­ho­se wird es ver­deckt. Auf­grund die­ser Ab­de­ckung ge­hört das Ge­sicht des Häft­lings, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie, zum Ob­jekt, aber nicht zum Bild.

Im ge­wöhn­li­chen Spre­chen wer­den Bild und Ob­jekt meist nicht un­ter­schie­den. Wenn ich sage: „Ich sah den Ge­fan­ge­nen“, mei­ne ich zu­gleich den rea­len Ge­fan­ge­nen, das „Ob­jekt“, und das, was ich von ihm sehe, das „Bild“. Bis­wei­len wird im Spre­chen je­doch der Ak­zent auf den Seh­vor­gang ge­legt und da­mit die Sei­te her­vor­ge­ho­ben, die La­can als Bild be­zeich­net.

Am Tag die­ser Auf­nah­me schreibt Har­man an ihre Ehe­frau:

20. Ok­to­ber 2003. Ich kann es nicht aus mei­nem Kopf krie­gen. Ich geh run­ter und seh den ‚Ta­xi­fah­rer‘ mit an­ge­leg­ten Hand­schel­len auf dem Rü­cken, nackt, mit sei­ner Un­ter­ho­se über dem Kopf und über dem Ge­sicht. Er sah aus wie Je­sus Chris­tus. Zu­erst muss­te ich la­chen, also ging ich los, schnapp­te mir die Ka­me­ra und mach­te ein Foto. Ei­ner der Ty­pen nahm mei­nen Schlag­stock und fing an, sei­nen Schwanz zu ‚pie­ken‘. Okay, das war lus­tig. Dann traf mich der Schlag. Das ist eine Form von se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung. Ich mach­te mehr Fo­tos, jetzt um das ‚auf­zu­zeich­nen‘, was hier vor sich geht. Nicht vie­le Leu­te wis­sen, dass die­ser Scheiß hier los ist.“

Sie „fand“ den Ta­xi­fah­rer. Da­mit ak­zen­tu­iert sie die Sei­te des Ob­jekts. „Er sah aus wie x“: er bot ei­nen be­stimm­ten An­blick. Das, was sie sieht, er­in­nert sie an den ge­kreu­zig­ten Je­sus, also an Bil­der. Zwar wird auch da­mit das Bild nicht vom Ob­jekt un­ter­schie­den, der Bild­as­pekt wird je­doch her­vor­ge­ho­ben.

Har­man schreibt in ih­rem Brief, dass sich das Ziel ih­res Fo­to­gra­fie­rens noch am sel­ben Tag ver­än­der­te. Ihr ers­tes Foto hat­te die Auf­ga­be, eine Merk­wür­dig­keit fest­zu­hal­ten, die sie ko­misch fand. Dann ver­än­der­te sich ihre Ein­stel­lung. Der Wen­de­punkt ist die se­xu­el­le Be­läs­ti­gung des Ge­fan­ge­nen. Sie wird kri­tisch und nimmt Fo­tos mit do­ku­men­ta­ri­schem Cha­rak­ter auf. Sie sol­len be­le­gen, dass die Be­hand­lung der Ge­fan­ge­nen falsch ist und dass mit den Ge­fan­ge­nen an­ders um­ge­gan­gen wird, als of­fi­zi­ell be­haup­tet wird. Mit La­cans Sche­ma kann man das so for­mu­lie­ren: beim ers­ten Foto geht es ihr vor al­lem um die Be­zie­hung zwi­schen ihr selbst (als Geo­me­tral­punkt) und dem Bild; bei den spä­te­ren Fo­tos ver­schiebt sich der Ak­zent auf die Be­zie­hung zwi­schen den Bil­dern und dem Ob­jekt: die Bil­der sol­len so be­schaf­fen sein, dass be­stimm­te recht­lich und me­di­zi­nisch re­le­van­te Merk­ma­le des Ob­jekts mög­lichst prä­zi­se re­prä­sen­tiert wer­den. Die Bil­der die­ses Typs ha­ben fo­ren­si­schen Cha­rak­ter.

Ja­val Da­vis war eben­falls Mi­li­tär­po­li­zist in Abu Ghraib; er ist Ser­geant, das ist, von un­ten ge­rech­net, die fünf­te Rang­stu­fe, ein Rang hö­her als „Spe­cia­list“. Im In­ter­view sagt er:

Als man vom Haupt­teil des Ge­fäng­nis­ses kam und zu Block 1A, 1B kam, hat­ten sie da un­ten schon Ge­heim­dienst-Häft­lin­ge. Dann sah ich die Nackt­heit. Und ich, ‚Hey, Ser­geant, war­um sind alle nackt?‘ ‚Hey, das ist der MI [Mi­li­ta­ry In­tel­li­gence, Mi­li­tä­ri­scher Ge­heim­dienst], das macht der MI, das ist eine MI-Sa­che. Kei­ne Ah­nung.‘“

Da­vis sagt nicht „Da wa­ren die nack­ten Ge­fan­ge­nen“, son­dern „Dann sah ich die Nackt­heit“. Er be­tont, dass sich ihm ein über­ra­schen­der An­blick bot, er ak­zen­tu­iert den Bild­as­pekt.

Eine wei­te­re Mi­li­tär­po­li­zis­tin aus Abu Ghraib ist Lynn­die Eng­land; ihr Dienst­grad ist Pri­va­te First Class, die drit­te Rang­stu­fe. Sie sagt:

Manch­mal ging ich abends rü­ber, und da und da wa­ren dann ver­schie­de­ne Leu­te in Stress­po­si­tio­nen, die muss­ten auf Ver­pfle­gungs­kis­ten Knie­beu­gen ma­chen oder den Flur hin- und her­lau­fen oder so was. Wir fan­den das un­ge­wöhn­lich und ei­gen­ar­tig und falsch, aber als wir hin­ka­men, ge­hör­te das schon dazu. Das sa­hen wir ja.“

Eng­land be­zieht sich zu­nächst auf das „Ob­jekt“ („da wa­ren dann ver­schie­de­ne Leu­te“), zum Schluss ak­zen­tu­iert sie die Be­zie­hung zwi­schen dem Be­ob­ach­ter­stand­punkt und dem „Bild“: „Das sa­hen wir ja.“

In der fol­gen­den Be­mer­kung wird die Dif­fe­renz zwi­schen dem Bild und dem Ob­jekt be­son­ders stark her­vor­ge­ho­ben. Tim Du­gan, zi­vi­ler Ver­neh­mer der CACI Cor­po­ra­ti­on, der in Abu Ghraib ar­bei­te­te, sagt:

Das gro­ße Wort, das mir im­mer in den Sinn kommt, ist ‚sur­re­al‘. Al­les was man sah, al­les, was da vor sich ging. Ein Hau­fen un­pro­fes­sio­nel­ler Idio­ten, die ih­ren ver­damm­ten Job nicht be­herrsch­ten, wird zu­sam­men­ge­wor­fen, mit ei­nem Rie­sen­stock durch­ge­rührt, und was da­bei raus­kommt, ist der Scheiß, den man in den Nach­rich­ten über Abu Ghraib sieht.“

Al­les was man sah, wirk­te sur­re­al. In La­cans Ter­mi­no­lo­gie: Man frag­te sich: ist das ein blo­ßes Bild, ein Bild, das zu kei­nem Ob­jekt in Be­zie­hung steht?

Der narzisstische Charakter des geometralen Sehens

Das geo­me­tra­le Se­hen ist, La­can zu­fol­ge, nar­ziss­tisch. Es hat zur Grund­la­ge, dass ich das Sub­jekt der Vor­stel­lun­gen bin, das Sub­jekt der Re­prä­sen­ta­tio­nen, der Bil­der (images), es be­ruht dar­auf, dass die Vor­stel­lun­gen, die Bil­der mir ge­hö­ren und ich über sie ver­fü­gen kann.

Auf ei­ni­gen Bil­dern sieht man, wie nack­te Ge­fan­ge­ne über­ein­an­der­ge­sta­pelt wer­den. Je­re­my Si­vits (Spe­cia­list bei der Mi­li­tär­po­li­zei) sagt:

In die­sem Mo­ment fin­gen Gra­ner und Fred­dy mit die­ser Men­schen­py­ra­mi­de an. Gra­ner sag­te mir, er wür­de tun, was man ihm ge­sagt hat. Des­halb wür­de er es tun. Als ich abends die Eta­ge ver­ließ, sag­te man mir, ich hät­te ab­so­lut nichts ge­se­hen. Und da ich so bin, wie ich bin, ich ver­such mit al­len gut aus­zu­kom­men, sag­te ich: ‚Was denn ge­se­hen? Gar nichts hab ich ge­se­hen.‘“

So wie das car­te­si­sche Sub­jekt al­les be­zwei­feln kann, glaubt das am Geo­me­tral­punkt ver­or­te­te Sub­jekt der Vor­stel­lung, al­les ne­gie­ren zu kön­nen, was es ge­se­hen hat. Es be­greift sich als Herrn der Bil­der. Eine ge­gen­sätz­li­che Po­si­ti­on deu­tet Har­man in ih­rem be­reits zi­tier­ten Brief an:

Ich kann es nicht aus dem Kopf krie­gen.”

Die Bil­der ge­hö­ren nicht ihr, eher ge­hört sie den Bil­dern.

Das per­spek­ti­visch or­ga­ni­sier­te geo­me­tra­le Se­hen ist noch in ei­nem wei­te­ren Sinn nar­ziss­tisch: es be­zieht sich auf sich selbst. Das Se­hen wird ge­se­hen. Har­man er­blickt den ge­fes­sel­ten Ta­xi­fah­rer und greift zur Ka­me­ra. Sie möch­te den Ge­fan­ge­nen in der Hal­tung des ge­kreu­zig­ten Je­sus nicht nur se­hen, sie möch­te auch se­hen, dass sie ihn ge­se­hen hat. Das wird ihr da­durch mög­lich, dass sie ein Foto von ihm macht. Sie hat das Bild selbst auf­ge­nom­men; wenn sie es be­trach­tet, sieht sie nicht nur, was sie ge­se­hen hat, son­dern auch, dass sie es war, die das ge­se­hen hat.

Die be­rühm­tes­te Abu-Ghraib-Fo­to­gra­fie ist die des so­ge­nann­ten Ka­pu­zen­manns. Der Ge­fan­ge­ne, den man auf die­sem Bild sieht, heißt Ab­dou Hus­sain Saad Fa­leh; die Mi­li­tär­po­li­zis­ten nann­ten ihn Gil­ligan. Mit aus­ge­brei­te­ten Ar­men steht er auf ei­ner Kis­te, der Kopf ist mit ei­nem Sack ver­hüllt, über dem Kör­per hängt eine De­cke. An Falehs Hän­den und Ze­hen ha­ben Mi­li­tär­po­li­zis­ten Dräh­te be­fes­tigt, au­ßer­dem, was im Foto nicht zu se­hen ist, an sei­nem Pe­nis. Die Mi­li­tär­po­li­zis­ten ha­ben ihm ge­sagt, dass er von ei­nem elek­tri­schen Schlag ge­tö­tet wer­den wird, falls sei­ne Bei­ne nach­ge­ben und er von der Kis­te fällt. Der Ge­fan­ge­ne wur­de ge­täuscht, die Dräh­te wa­ren nicht mit ei­ner Strom­lei­tung ver­bun­den.

Der "Kapuzenmann" (Abdou Faleh) und Ivan Frederick, Foto von Sabrina Herman (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Der „Ka­pu­zen­mann“ (Ab­dou Fa­leh) und Ivan Fre­de­rick, Foto von Sa­bri­na Her­man

Die DVD von Stan­dard Ope­ra­ting Pro­ce­du­re ent­hält ei­nen Au­dio­kom­men­tar von Er­rol Mor­ris; zu dem oben wie­der­ge­ge­be­nen Foto sagt er hier:

Un­ter den Bil­dern, die Sa­bri­na von Gil­ligan in die­ser Nacht auf­nahm, gibt es ein au­ßer­ge­wöhn­li­ches. Es ist eine Auf­nah­me von Sa­bri­na, und sie zeigt Gil­ligan, der auf ei­ner Kis­te steht, mit ei­ner Ka­pu­ze über dem Kopf, mit Dräh­ten, und Ivan Fre­de­rick steht im Bild rechts von Gil­ligan, und er schaut auf sei­ne Ka­me­ra. Er sieht sich das Bild an, das er ge­ra­de auf­ge­nom­men hat, das in der Ge­schich­te der Fo­to­gra­fie wahr­schein­lich das ver­ru­fens­te Foto ist, und er sieht es sich zum ers­ten Mal an. Was für ein ab­so­lut selt­sa­mes Bild von ei­nem Mann, der sich das Bild an­schaut, das dann von wahr­schein­lich ei­ner Mil­li­ar­de Men­schen auf der gan­zen Welt be­trach­tet wer­den wird.“

Wenn wir das Foto be­trach­ten, se­hen wir, wie Ivan Fre­de­rick sieht, was sei­ne Ka­me­ra ge­se­hen hat.

Der nar­ziss­ti­sche Cha­rak­ter des Se­hens kann auch dar­in be­stehen, dass es den­je­ni­gen, der ge­se­hen oder fo­to­gra­fiert wird, in ei­ner Tri­umph­ges­te zeigt. Der Nar­ziss­mus liegt dann pri­mär auf der Sei­te des Bil­des und des Ob­jekts, und Be­trach­ter oder der Fo­to­graf par­ti­zi­piert an die­ser Form des Nar­ziss­mus, in­dem er den Ort ab­gibt, auf den die nar­ziss­ti­sche Selbst­dar­stel­lung aus­ge­rich­tet ist, den Zu­schau­er, des­sen Be­wun­de­rung ge­sucht wird.

SOP5 - England mit Gus an der Leine und Ambuhl (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Me­gan Am­buhl (links) und Lynn­die Eng­land mit „Gus“, Foto von Charles Gra­ner

Das Foto zeigt ei­nen Ge­fan­ge­nen, der von den Mi­li­tär­po­li­zis­ten Gus ge­nannt wur­de. Er liegt auf dem Bo­den, um sei­nen Hals ist eine Lei­ne be­fes­tigt. Eine Mi­li­tär­po­li­zis­tin, Lynn­die Eng­land, hält die Lei­ne. Am lin­ken Bild­rand sieht man eine wei­te­re Mi­li­tär­po­li­zis­tin, Me­gan Am­buhl. Auf­ge­nom­men wur­de das Foto von Charles Gra­ner, auch er Mi­li­tär­po­li­zist.

Lynn­die Eng­land sagt im In­ter­view:

Gra­ner hat­te den Fo­to­ap­pa­rat in der Ho­sen­ta­sche, und er bat mich und Am­buhl, mit nach un­ten zu kom­men. Als er die Tür öff­ne­te, war Gus da drin. Er war nackt. Er woll­te nicht auf­ste­hen. Des­halb hol­te er den Bin­de­rie­men. Er bin­det ihn um sei­nen Hals, er will ihn dazu brin­gen raus­zu­krie­chen. Ich glau­be, er war halb aus der Tür, als Gra­ner mir sag­te, ich soll den Rie­men fest­hal­ten. Ich mach­te es. Ich hab ihn nur an­ge­fasst. Man sieht, dass er durch­hängt. Es hieß, ich hät­te ihn ge­zo­gen, aber das habe ich nie ge­tan.“

Die Un­ter­wer­fungs­hand­lung ist, falls Eng­lands Be­richt stimmt, für ei­nen Mo­ment un­ter­bro­chen wor­den und in eine Tri­umph­ges­te für die Ka­me­ra ver­wan­delt wor­den. Da­bei ist der Ak­teur aus­ge­tauscht wor­den; das Foto soll­te nicht ein­fach die Macht ei­nes Sol­da­ten über ei­nen Ge­fan­ge­nen zei­gen, son­dern eine ge­schlecht­lich ko­dier­te Be­zie­hung, die Macht ei­nes weib­li­chen Sol­da­ten über ei­nen männ­li­chen Ge­fan­ge­nen.

Auch in Abu Ghraib er­zeug­te die Stei­ge­rung der Be­ob­ach­tungs­mög­lich­kei­ten kei­nes­wegs ein all­se­hen­des Auge.

Ja­val Da­vis:

Wir hat­ten ira­ki­sche Ge­fäng­nis­wär­ter, die schmug­gel­ten eine Pis­to­le rein, eine 9-Mil­li­me­ter, und ein brand­neu­es Ba­jo­nett. Der Wär­ter wi­ckel­te es in ein La­ken und bug­sier­te es in sei­ne Zel­le. Der Häft­ling griff un­ter sein Kis­sen, zog eine 9-Mil­li­me­ter raus, trifft Ser­geant Ca­th­cart in die Wes­te.“

Die ex­zes­si­ve Kon­trol­le des sicht­ba­ren Raums führt nicht zu ei­ner to­ta­len Über­ein­stim­mung zwi­schen dem Bild und dem Ob­jekt und nicht zur to­ta­len Kon­trol­le. Der Irak-Krieg setzt sich im Ge­fäng­nis fort.

Die Funktion des Auges im Voyeurismus

Der Voy­eu­ris­mus ope­riert in der Ord­nung des Au­ges und in der Ord­nung des Blicks. Im Feld des Au­ges ver­sucht er, et­was zu se­hen, was sich nicht se­hen lässt: die Kas­tra­ti­on – den Pe­nis, in­so­fern er fehlt.3

Die Ge­fan­ge­nen sind häu­fig nackt, ihr Pe­nis ist sicht­bar, er ist deut­lich an­we­send. Das Set­ting dient dazu, den an­we­sen­den Pe­nis in ein Sym­bol der Ab­we­sen­heit zu ver­wan­deln. Die­se Auf­ga­be ha­ben ver­schie­de­ne Merk­ma­le der Si­tua­ti­on: die er­zwun­ge­ne Pas­si­vi­tät der Ge­fan­ge­nen, ihre er­zwun­ge­ne Nackt­heit, die Ver­hül­lung der Köp­fe, das Aus­la­chen, die Be­tei­li­gung weib­li­cher Sol­da­ten.

England mit Kastrationsgeste und Gefangenen (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Lynn­die Eng­land mit Häft­lin­gen

Of­fen­bar ge­nügt das nicht. Auf dem Foto oben si­mu­liert Lynn­die Eng­land mit der rech­ten Hand eine Schuss­waf­fe und zeigt da­mit auf das Ge­schlecht des Ge­fan­ge­nen. Die­se Ges­te sieht man auch auf an­de­ren Abu-Ghraib-Fo­tos. Sie wen­det sich nicht an den Ge­fan­ge­nen, er kann ja nichts se­hen. Mit die­ser Pose de­fi­nie­ren die Sol­da­ten für­ein­an­der die Si­tua­ti­on, sie tei­len sich mit: Das, was wir hier in Sze­ne set­zen, ist eine ima­gi­nä­re Kas­tra­ti­on. Der Blick ist ein Sym­bol der ima­gi­nä­ren Kas­tra­ti­on.

Ei­ner der Sol­da­ten zwang die Ge­fan­ge­nen, zu mas­tur­bie­ren.

Lynn­die Eng­land:

Fred­dy ist der­je­ni­ge, der da­mit an­fing, sie mas­tur­bie­ren zu las­sen. Kei­ne Ah­nung war­um, aber er mach­te es. Er fing mit ei­nem an, und dann woll­te er wis­sen, ob die an­dern es auch ma­chen, schätz ich mal. Kei­ne Ah­nung. Aber er ließ es sie alle zur sel­ben Zeit ma­chen. Ir­gend­wann hör­ten sechs Ty­pen auf, und der eine mach­te wei­ter, un­ge­fähr 45 Mi­nu­ten lang. Kein Witz. Der eine Typ, der im­mer noch mas­tur­bier­te, das war das eine Bild mit mir drauf. Er woll­te, dass ich mit drauf bin, ich woll­te nicht drauf sein.“

Mor­ris:

Wer woll­te, dass Sie mit drauf sind?“

Eng­land:

Fred­dy. Und dann auch Gra­ner. Gra­ner mein­te: ‚Komm schon.‘ Ich dar­auf: ‚Nein, ich will nicht da rü­ber­ge­hen.‘ Und er so: ‚Komm, machʼs ein­fach für mich.‘ Und so­was al­les. Ich dar­auf: ‚Okay.‘ “

 

SOP7 - England mit masturbierendem Gefangenen (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Lynn­die Eng­land mit Häft­lin­gen

Der Mas­tur­ba­ti­ons­be­fehl zwingt die Ge­fan­ge­nen mit Ge­walt, ihr se­xu­el­les Be­geh­ren zu ma­ni­fes­tie­ren, und das in ei­ner Form, die kul­tu­rell als Kas­tra­ti­ons­sym­bol ko­diert ist. „Du Wich­ser“, da­für wird es im Ara­bi­schen eine Ent­spre­chung ge­ben. Bei der im Foto fest­ge­hal­te­nen Form der se­xu­el­len Fol­ter wird die Re­de­wen­dung in Sze­ne ge­setzt. Du mas­tur­bierst = Dein Pe­nis ver­sagt bei ei­ner Frau = Du bist kas­triert.

Wie lässt sich der Pe­nis als et­was sicht­bar ma­chen, was fehlt? Durch Grau­sam­kei­ten, aber auch durch Her­um­al­bern. Wenn er bei­spiels­wei­se durch eine Ba­na­ne sym­bo­li­siert wird, wie auf dem fol­gen­den Foto. Die Kas­tra­ti­ons­phan­ta­sie be­zieht sich hier nicht mehr auf den rea­len Pe­nis des an­de­ren, son­dern auf den ei­ge­nen Pe­nis, der von vorn­her­ein er­setzt wor­den ist.

Ivan Frederick (?) und Charles Graner (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Ivan Fre­de­rick (links) und Charles Gra­ner

Die Ko­mö­die ist aus dem Dio­ny­sos-Kult ent­stan­den, bei dem eine Phal­lus­skulp­tur in ei­ner Pro­zes­si­on um­her­ge­tra­gen wur­de. Bis heu­te ist der Phal­lus eine der Haupt­quel­len des Ko­mi­schen.4

Der Blick

Die Vor­gän­ge in ei­nem Ge­fäng­nis spie­len sich nicht nur in der Ord­nung des Au­ges ab, son­dern auch in der des Blicks. Die Be­wa­cher und die Ver­neh­mer se­hen nicht nur, sie wer­den auch ge­se­hen. Sie sind Bli­cken aus­ge­setzt, Bli­cken, die für sie ge­fähr­lich sind: dem Blick der Ge­fäng­nis­ver­wal­tung, dem Blick der Ar­beits­kol­le­gen, dem Blick von Or­ga­ni­sa­tio­nen der hu­ma­ni­tä­ren Hil­fe und nicht zu­letzt dem Blick der Ge­fan­ge­nen.

Un­ter dem Blick ver­steht La­can nicht den Blick des Sub­jekts; der Blick im Sin­ne von La­can ist nie­mals mein ei­ge­nes Se­hen. Mit „Blick“ ist im­mer der Blick ge­meint, von dem das Sub­jekt er­fasst wird, der Blick, der mich von au­ßen trifft. Der Blick im La­can­schen Sin­ne ist auch nicht der gü­ti­ge, flir­ten­de, ver­lieb­te Blick ei­nes an­de­ren, der sich auf mich rich­tet, son­dern im­mer der von au­ßen kom­men­de ag­gres­si­ve Blick, der ver­nich­ten­de Blick, der böse Blick. Der Blick be­steht nicht in den Au­gen, die sich auf mich rich­ten, oder nur sel­ten; im ty­pi­schen Fall ist der Blick ein er­war­te­ter, ein ver­mu­te­ter, ein vor­ge­stell­ter Blick.

Das Schema der Struktur des Blicks

Die fol­gen­de Ab­bil­dung zeigt La­cans Dia­gramm der Blick­struk­tur.

Jacques Lacan, Auge und Blick 4 - nur Blick - Version Miller Haas

La­cans Sche­ma der Struk­tur des Blicks[note]Aus: Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 97.[/note]

Die lin­ke Sei­te des Dia­gramms be­zieht sich auf den An­de­ren, d.h. auf die Sei­te, von der das Sub­jekt er­blickt wird. Die rech­te Sei­te steht für das vom Blick er­fass­te Sub­jekt.

Die lin­ke Ecke des Drei­ecks wird im Sche­ma als Licht­punkt be­zeich­net; da­mit ist der Blick ge­meint, von dem das Sub­jekt, wie es glaubt, ge­trof­fen wird.

Der Blick hat hier die Funk­ti­on des Ob­jekts a, d.h. er ist ein Sym­bol für die Kas­tra­ti­on.

Die rech­te senk­rech­te Li­nie mit der Be­zeich­nung „Ta­bleau“ steht für das Sub­jekt, in­so­fern es vom Blick er­fasst wird, ge­nau­er: für das Sub­jekt in sei­nem Man­gel, in sei­nem Be­geh­ren. Das Ta­bleau ist der pein­li­che und be­schä­men­de An­blick, den ich, als be­geh­ren­des Sub­jekt, bie­te, wenn ich, ohne es zu wol­len, schutz­los dem Blick aus­ge­setzt bin. Der Aus­druck „Ta­bleau“ soll mög­li­cher­wei­se dar­auf hin­wei­sen, dass das Sub­jekt un­ter dem Blick er­starrt.

Der Schirm (die mitt­le­re senk­rech­te Li­nie) ist die Mas­kie­rung, mit der das Sub­jekt auf den ag­gres­si­ven Blick ant­wor­tet, um sich vor ihm zu schüt­zen. Ein Schirm ist bei­spiels­wei­se die Be­klei­dung, die ich dem Blick der an­de­ren zu se­hen gebe, oder die Pose, in der ich mich prä­sen­tie­re.

Das Spiel mit der Maske

Bri­ga­de­ge­ne­ra­lin Ja­nis Kar­pin­ski war 2003 für die Ge­fäng­nis­se im Irak zu­stän­dig. Im Film sagt sie:

Mei­ne Ge­fäng­nis­se la­gen weit ver­streut, des­halb war ich viel un­ter­wegs. Ein­mal kam ich nach Abu Ghraib, da sag­te mir Leut­nant Woods: ‚Ach Ma­dam, da läuft ge­ra­de eine Ver­neh­mung. Möch­ten Sie rü­ber­kom­men und sich das an­se­hen?‘ Sie brach­te mich rü­ber, und wir stan­den im Flur, und ich sah mir das an, und es sah voll­kom­men nor­mal aus. Ich habe mich oft ge­fragt, ob sie mich spe­zi­ell des­we­gen da mit­rein­ge­nom­men ha­ben, da­mit ich sa­gen könn­te: ‚Ja, ich habe bei ei­ner Ver­neh­mung zu­ge­se­hen, und ja, es sah völ­lig nor­mal aus.‘“

Kar­pin­ski soll­te, wie sie ver­mu­tet, ge­täuscht wer­den. Jef­frey Frost, Spe­cia­list, ei­ner der Mi­li­tär­po­li­zis­ten, die in Abu Ghraib ar­bei­te­ten, stützt ih­ren Ver­dacht:

Es ist schon ko­misch. Wenn Ge­ne­ral Kar­pin­ski oder ein an­de­res ho­hes Tier das Ge­fäng­nis be­such­te, führ­ten wir eine Show auf. Alle be­ka­men ihre Ma­trat­zen wie­der, alle be­kam ihre Klei­dung zu­rück, und so­bald die­se Leu­te wie­der weg wa­ren, krieg­te je­der, dem man be­stimm­te Sa­chen ab­ge­nom­men hat­te, sie wie­der weg­ge­nom­men.“

Der Blick, um den es hier geht, ist der Blick der höchs­ten Stel­le der Ge­fäng­nis­ver­wal­tung im Irak, ver­kör­pert durch die Ge­ne­ra­lin. Das Sub­jekt, das sich von die­sem Blick be­droht fühlt, sind die staat­li­chen und zi­vi­len Diens­te, die die Ver­hö­re vor­be­rei­ten und durch­füh­ren. Der Man­gel die­ses Sub­jekt, der vom Blick er­fasst wer­den könn­te – also das Ta­bleau –, be­steht dar­in, dass die Ver­neh­mer den Be­fehl ha­ben, die Ge­fan­ge­nen sys­te­ma­tisch zu miss­han­deln und zu fol­tern und dass sie das tat­säch­lich tun. Um sich vor dem Blick von der Spit­ze der Ge­fäng­nis­ver­wal­tung zu schüt­zen, zie­hen die­se Diens­te, wie Frost sich aus­drückt, eine Show ab. Das kor­rekt durch­ge­führ­te Ver­hör, das der Ge­ne­ra­lin zu se­hen ge­ge­ben wird, ist, in La­cans Ter­mi­no­lo­gie, der Schirm. Er hat in die­sem Fall den Cha­rak­ter ei­ner be­wuss­ten Täu­schung. Das mensch­li­che Sub­jekt ver­mag, an­ders als das Tier, mit der Mas­ke zu spie­len, sagt La­can.5

Ei­ni­ge Ge­fan­ge­ne wer­den nicht in den Bü­chern ge­führt; von den Mi­li­tär­po­li­zis­ten wer­den sie als „Geis­ter“ be­zeich­net. Zu den Geis­ter-Ge­fan­ge­nen ge­hört Ma­na­del Al-Ja­ma­di. Er stirbt bei ei­nem Ver­hör; wahr­schein­lich durch Mord. Der Name des mut­maß­li­chen Mör­ders und die Or­ga­ni­sa­ti­on, für die er ar­bei­te­te, sind be­kannt: Mark Swan­ner vom CIA.6

Die Mi­li­tär­po­li­zis­ten wer­den von Swan­ner ge­ru­fen. Sie ent­de­cken, dass Al-Ja­ma­di tot ist. Ei­ner der Mi­li­tär­po­li­zis­ten, Ja­val Da­vis, sagt im In­ter­view:

Er war ein Geis­ter-Ge­fan­ge­ner, er soll­te also nicht da sein. Wenn das Rote Kreuz kam, woll­ten sie ihn nicht da ha­ben, also muss­ten sie was tun. Da kam je­mand auf die Idee, ihn aus dem Lei­chen­sack zu neh­men, ihm den oran­ge­nen Over­all an­zu­zie­hen, sei­ne Lei­che auf eine Fahr­tra­ge zu le­gen, ei­nen Ka­the­ter in sei­nen to­ten Arm zu ste­cken und ihn aus dem Ge­bäu­de zu brin­gen.“

Der Blick, dem hier et­was zu se­hen ge­ge­ben wird, ist nicht nur der des Ro­ten Kreu­zes und da­mit der Welt­öf­fent­lich­keit. Es geht auch um den Blick der an­de­ren Ge­fan­ge­nen. Die­ser Blick ist mit ei­ner töd­li­chen Dro­hung ver­bun­den, mit der Ge­fahr des Auf­stands.

Jef­frey Frost sagt über Al-Ja­ma­di:

Wir un­ter­such­ten ihn, und er war tat­säch­lich ge­stor­ben. Und ich ging aus dem Raum, ge­wis­ser­ma­ßen so, duh-duh-duh-duh, als wär nichts pas­siert. Und dann frag­te ich ei­nen der CIA-Agen­ten, so was wie: ‚Was macht Ihr Jungs in so ei­ner Si­tua­ti­on denn nor­ma­ler­wei­se?‘ Sie wa­ren, naja, nicht ge­ra­de in Pa­nik, aber sie te­le­fo­nier­ten über­all rum, um zu se­hen, was sie tun soll­ten und was nicht. Was ma­chen wir mit ihm? Wir kön­nen ihn nicht in ei­nem Lei­chen­sack raus­tra­gen, das könn­te ei­nen Auf­stand ge­ben. Also muss­ten wir ihn über Nacht da­be­hal­ten.“

Das Sub­jekt, das vom Blick des Ro­ten Kreu­zes und vom Blick der Ge­fan­ge­nen er­fasst zu wer­den droht, ist in die­sem Fall vor al­lem der CIA und der Mi­li­tä­ri­sche Ge­heim­dienst. Auch hier hat der Schirm den Cha­rak­ter ei­ner plan­mä­ßi­gen Täu­schung: die Lei­che wird als Kran­ker mas­kiert, der Tote als Le­ben­der.

Ro­man Krol, Ver­neh­mer des Mi­li­tä­ri­schen Ge­heim­diens­tes im Rang ei­nes Spe­cia­list, be­trach­tet in Mor­risʼ Film ein Foto. Es zeigt ei­nen Gang im Ge­fäng­nis von Abu Ghraib, sie­ben Män­ner ste­hen, zwei Män­ner, schwer zu er­ken­nen, lie­gen auf dem Bo­den

Cruz, Krol und Graner mit auf dem Boden liegenden Gefangenen (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Cruz, Krol und Gra­ner mit auf dem Bo­den lie­gen­den Ge­fan­ge­nen

Ro­man Krol:

Rechts, in schwar­zen Ho­sen, ist Cruz. Di­rekt ne­ben ihm ich selbst. Links an der Wand Gra­ner, und wir gu­cken auf die zwei Häft­lin­ge, die mit Hand­schel­len ge­fes­selt auf dem Bo­den lie­gen. Sonst kann ich wirk­lich nichts er­ken­nen. Es war nie als Ver­neh­mung ge­plant. Das An­schrei­en war nur Show, glau­be ich, um den Zu­schau­ern zu zei­gen, dass dies mit je­dem ge­macht wer­den wür­de, der die Re­geln bricht.“

Das Bild zeigt dem­nach, wie die Sol­da­ten die auf dem Bo­den lie­gen­den Ge­fan­ge­nen an­schrei­en. Krol zu­fol­ge han­delt es sich nicht um ein Ver­hör, son­dern um eine Show. Im Au­dio­kom­men­tar sagt Mor­ris hier­zu:

Ro­man Krol sagt, er habe all das ge­tan, weil er wuss­te, dass Häft­lin­ge in den Zel­len zu­schau­ten. Da wur­de mir zum ers­ten Mal be­wusst, dass das eine ver­rück­te Art von Thea­ter sein könn­te. Das zen­tra­le Trep­pen­haus im Ge­fäng­nis­block war wie eine Vor­büh­ne, mit den Häft­lin­gen als Zu­schau­ern.“

In der Spra­che von La­cans Sche­ma: die Sze­ne dient als Schirm. Sie hat­te die Funk­ti­on, dem ge­fähr­li­chen Blick der Ge­fan­ge­nen et­was zu se­hen zu ge­ben. Was wird von ih­nen be­fürch­tet? Dass sie „nicht ko­ope­rie­ren“, wie es im Jar­gon der Sol­da­ten heißt, dass sie kei­ne In­for­ma­tio­nen preis­ge­ben. Die Be­fürch­tung geht aber dar­über hin­aus. Die Ge­fan­ge­nen könn­ten ei­nen Auf­stand in Gang set­zen; der Blick der Ge­fan­ge­nen ist po­ten­ti­ell töd­lich. Die­se Ge­fahr ist kei­nes­wegs fik­tiv, in Abu Ghraib hat es tat­säch­lich ei­nen Auf­stand ge­ge­ben.

Wel­cher Man­gel im Sub­jekt soll durch die „Show“ des An­schrei­ens ab­ge­schirmt wer­den? Un­ter an­de­rem die Ohn­macht der Ver­neh­mer.

Ja­nis Kar­pin­ski, die Lei­te­rin der Ge­fäng­nis­ver­wal­tung, sagt:

Ge­ne­ral San­chez setz­te Co­lo­nel Pap­pas rou­ti­ne­mä­ßig den Fin­ger auf die Brust, bohr­te ihm den Fin­ger in die Brust und sag­te: ‚Ich will Sad­dam! Fin­den Sie Sad­dam! Fin­den Sie Sad­dam! Ver­ste­hen sie mich? Fin­den Sie Sad­dam! Fin­den Sie Sad­dam, ganz gleich, was das kos­tet.‘ Wenn man je­man­dem lan­ge ge­nug den Fin­ger in die Brust bohrt, tut der­je­ni­ge al­les, was nö­tig ist, um ei­nen dazu zu brin­gen, da­mit auf­zu­hö­ren. Es ist eine Ab­wärts­spi­ra­le. „Das funk­tio­niert nicht, ver­such das. Das hat in Gu­an­ta­na­mo funk­tio­niert. Das hat in Ba­gram funk­tio­niert. Ver­such das. Es ist okay.‘ Es stoppt nicht die Ra­ke­ten­an­grif­fe, es bringt nicht die In­for­ma­ti­on, die sie wol­len, und da­mit wird Sad­dam nicht ge­fun­den. Es war kei­ne In­for­ma­ti­on aus ir­gend­ei­ner Ver­neh­mung oder Be­fra­gung in Abu Ghraib, es wa­ren Sol­da­ten vor Ort, die Sad­dam ge­fun­den ha­ben.“

Abu Ghraib war das Ver­neh­mungs­zen­trum der USA im Irak. 2003 dien­ten die Ver­hö­re vor al­lem dazu, den Auf­ent­halts­ort von Sad­dam Hus­sein zu er­mit­teln. Be­zo­gen auf die­se Auf­ga­be wa­ren die Ver­neh­men­den im­po­tent.

Sabrinas Lächeln

Am Mor­gen, nach­dem Al-Ja­ma­di um­ge­bracht wor­den war, rief der Vor­ge­setz­te von Sa­bri­na Har­man sie und an­de­re zu sich und teil­te ih­nen mit, ein Ge­fan­ge­ner sei an Herz­in­farkt ge­stor­ben.7 16 Stun­den, nach­dem der Tod von Al-Ja­ma­di fest­ge­stellt wor­den war, sah Har­man die Lei­che zum ers­ten Mal. Bei die­ser Ge­le­gen­heit nahm Ivan Fre­de­rick, ihr Kol­le­ge, das fol­gen­de Foto auf.

 

SOP9 - Harman mit Leiche von Al-Jamadi (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Sa­bri­na Har­man mit der Lei­che von Al-Ja­ma­di, Foto von Ivan Fre­de­rick

An­dert­halb Stun­den spä­ter kehr­te Har­man zur Lei­che zu­rück und mach­te meh­re­re Auf­nah­men mit fo­ren­si­schem Cha­rak­ter, Bil­der, die Al-Ja­ma­dis Ver­let­zun­gen do­ku­men­tie­ren. Ei­ni­ge Tage spä­ter schrieb sie ih­rer Ehe­frau ei­nen Brief, in dem sie be­rich­tet, dass sie Al-Ja­ma­di fo­to­gra­fiert hat. Sie be­grün­det das im Brief da­mit, dass sie be­wei­sen wol­le, dass er nicht an ei­nem Herz­in­farkt ge­stor­ben war.

War­um hält sie auf dem Foto den Dau­men hoch?

Im In­ter­view sagt Mor­ris zu Har­man:

Sie be­ka­men Är­ger we­gen des Dau­mens.“

Har­man:

Kann ich ver­ste­hen, sieht wirk­lich schlimm aus. Aber wann im­mer ich fo­to­gra­fiert wer­de, ich weiß nie, wo­hin mit den Hän­den. Auf je­der Art von Foto hab ich wahr­schein­lich den Dau­men hoch, weil das ein­fach et­was ist, was au­to­ma­tisch pas­siert. So wie man lä­cheln will, wenn man fo­to­gra­fiert wird. Das ist, glau­be ich, ein­fach et­was, was ich ma­che.“

An an­de­rer Stel­le sagt sie, dass sie die Ges­te von den Kin­dern in al Hil­la über­nom­men hat, wo sie vor­her sta­tio­niert war. Ist es glaub­haft, dass die Ges­te eine Art Fo­to­gra­fier-Re­flex dar­stellt? Mor­ris hat das über­prüft.8 Er hat etwa 20 Fo­tos ge­se­hen, die Har­man zei­gen, in al Hil­la und in Abu Ghraib, auf de­nen sie den Dau­men hoch­reckt.

War­um lä­chelt sie? Weil sie die Si­tua­ti­on ge­nießt? Mor­ris hat hier­zu ei­nen Mi­mik-Spe­zia­lis­ten be­fragt, den Psy­cho­lo­gen Paul Ek­man.9

Ek­man nennt das Lä­cheln, das Har­man auf dem Foto zeigt, „so­zia­les Lä­cheln“ oder „ge­zwun­ge­nes Lä­cheln“. Er un­ter­schei­det es vom „ac­tu­al en­joy­ment smi­le“, vom Lä­cheln, in dem eine wirk­li­che Lust zum Aus­druck kommt. Beim Lust-Lä­cheln tritt zwi­schen der Au­gen­braue und dem Lid ein be­stimm­ter Mus­kel her­vor. Die­se Be­we­gung, die nicht wil­lent­lich ge­steu­ert wer­den kann, fehlt auf dem Foto. Der frag­li­che Mus­kel ist win­zig und kann nur von Ex­per­ten er­kannt wer­den. (Ek­man zu­fol­ge tritt das so­zia­le Lä­cheln in zwei For­men auf, als höf­li­ches Lä­cheln und als Lä­cheln für die Ka­me­ra. Das Lä­cheln für die Ka­me­ra ist brei­ter als das höf­li­che Lä­cheln – so breit wie das Lust­lä­cheln, je­doch ohne den Mus­kel über dem Lid.) Har­man lä­chelt, weil sie in die Ka­me­ra schaut, nicht, weil sie die Si­tua­ti­on ge­nießt.

Der hoch­ge­reck­te Dau­men und das Lä­cheln sind Har­mans Schirm, den sie dem Blick der Ka­me­ra zu se­hen gibt. Wel­ches Be­geh­ren soll durch die­sen Schirm mas­kiert wer­den?

Fünf Tage nach der Auf­nah­me schreibt Har­man aus Abu Ghraib:

… wenn ich von die­sen Vor­gän­gen wei­ter­hin Bil­der ma­chen will – ich habe so­gar kur­ze Fil­me –, muss ich je­des­mal ein fal­sches Lä­cheln auf­set­zen. Ich hof­fe, ich krie­ge kei­nen Är­ger we­gen et­was, was ich nicht ge­tan habe. Ich has­se das hier. Ich has­se es, von zu Hau­se weg zu sein, und ich has­se die Hälf­te der Leu­te, die um mich rum sind. Das sind Idio­ten. Ich kann nicht hier sein. Ich will kein Teil der Ar­mee sein, weil sie mich zu ei­ner von ih­nen macht. Es ge­fällt mir hier nicht. Es ge­fällt mir nicht, was wir tun.“10

Das Ta­bleau, das sie mit ih­rem Lä­cheln ver­deckt, wür­de ih­ren Hass zei­gen.

Der Tarnkappen-Schirm

In den bis­her er­wähn­ten Fäl­len hat der Schirm den Cha­rak­ter ei­ner be­wuss­ten In­sze­nie­rung: das nor­ma­le In­ter­view, mit dem Kar­pin­ski ge­täuscht wer­den soll, die Lei­che, die als Kran­ker auf­ge­putzt wird, Har­mans Lä­cheln, halb an­ge­lern­ter Re­flex, halb be­wuss­te Täu­schung. Es gibt an­de­re Ar­ten des Schirms. Der Schirm kann ei­nen rein ne­ga­ti­ven Cha­rak­ter ha­ben. Das Ta­bleau wird un­sicht­bar ge­macht, ohne dass an sei­ner Stel­le et­was an­de­res zu se­hen ge­ge­ben wird.

Ja­val Da­vis, ei­ner der Mi­li­tär­po­li­zis­ten, spricht über die Tä­tig­keit der nicht-mi­li­tä­ri­schen Re­gie­rungs­ein­rich­tun­gen in Abu Ghraib.

CIA, Iraqui Sur­vey Group, DIA [De­fen­se In­tel­li­gence Agen­cy], FBI, Task Force 121. Die An­de­ren Re­gie­rungs-Diens­te [Other Go­vernment Agen­ci­es]. So nann­ten wir sie, OGA. Sie hat­ten kei­ne Re­geln. Wir nann­ten sie ‚die Geis­ter‘, denn sie kom­men rein und man weiß nicht, wer sie sind. Wer im­mer ihre Ge­fan­ge­nen wa­ren, nie trug man sie ein. ‚Wie läuft’s denn, Sol­dat? Weißt du, hier ist der Typ, trag ihn nicht ins Buch ein. Er ist nicht hier, er war nie hier, steck ihn hier ein­fach in eine Zel­le und mach kei­nen Ver­merk, klar? Wenn das Rote Kreuz kommt, dann bring ihn wo­an­ders hin. Wenn das Rote Kreuz auch da­hin geht, dann bring ihn dort­hin zu­rück, wo er war. Weil sie hier ja gar nicht exis­tie­ren.‘“

Die Geis­ter-Ge­fan­ge­nen sind Ge­fan­ge­ne, die für den Blick des Ro­ten Kreu­zes und da­mit für den der Welt­öf­fent­lich­keit un­sicht­bar ge­macht wer­den. Der Schirm be­steht hier dar­in, dass die Häft­lin­ge hin und her trans­por­tiert wer­den und auf die­se Wei­se im­mer au­ßer­halb der Reich­wei­te des sich be­we­gen­den Blicks sind. Der Blick hat in die­sem Fall eine geo­me­tra­le Di­men­si­on und der Schirm be­steht dar­in, dass et­was aus dem Blick­feld ge­bracht wird; die­se Va­ri­an­te des Schirms wird von La­can nicht er­wähnt.

Eine der wich­tigs­ten Ab­schir­mun­gen ist das Fo­to­gra­fier­ver­bot.

Je­re­my Si­vits (Mi­li­tär­po­li­zist):

Uns wur­de ge­sagt: ‚Kei­ne Bil­der von Ge­fan­ge­nen.‘“

Das Fo­to­gra­fier­ver­bot be­zieht sich vor al­lem auf den Blick der Mas­sen­me­di­en. Das Feld des Se­hens wird in den Mas­sen­me­di­en durch Fo­tos und Fil­me er­zeugt.

Ja­val Da­vis:

Man kann Leu­te um­brin­gen, so­lan­ge kei­ne Ka­me­ras in der Nähe sind. Man kann Leu­te er­schie­ßen. Man kann ih­nen den Kopf weg­pus­ten. So­lan­ge das nicht fo­to­gra­fiert wird, pas­siert ei­nem nichts. Aber wenn die Ka­me­ra es fest­hält, bist du dran. Wis­sen Sie, auf die­sen Fo­tos wird nicht ge­fol­tert. Das war De­mü­ti­gung. Das war Weich­klop­fen. Ge­fol­tert wur­de wäh­rend der Ver­neh­mun­gen. Die Ty­pen ge­hen zur Ver­neh­mung und sie sind tot, und sie wur­den ge­tö­tet, und sie star­ben. Da gab es die Fol­ter. Da­von ha­ben wir kei­ne Fo­tos.“

Was Da­vis sagt, ist falsch. Laut UN-An­ti­fol­ter­kon­ven­ti­on ist jede Hand­lung als Fol­ter zu wer­ten, bei der Trä­ger staat­li­cher Ge­walt ei­ner Per­son „vor­sätz­lich star­ke kör­per­li­che oder geis­tig-see­li­sche Schmer­zen oder Lei­den zu­fü­gen, zu­fü­gen las­sen oder dul­den, um bei­spiels­wei­se eine Aus­sa­ge zu er­pres­sen, um ein­zu­schüch­tern oder zu be­stra­fen“. Also zei­gen die Fo­tos Fol­ter.

Aber in ei­nem Punkt hat Da­vis recht: Ge­fol­tert wur­de vor al­lem bei den Ver­neh­mun­gen, und da­von gibt es kei­ne Fo­tos. Das Fo­to­gra­fier­ver­bot, wenn es ein­ge­hal­ten wird, sorgt da­für, dass die Fol­ter für den Blick der Öf­fent­lich­keit un­sicht­bar ist, ohne dass da­für et­was an­de­res zu se­hen ge­ge­ben wird. Der Schirm funk­tio­niert dann wie eine Tarn­kap­pe.

Die Rea­li­tät des Be­geh­rens zeigt sich am Ran­de des Schirms, sagt La­can.11 Das gilt auch hier. Das, was die Fo­tos im Abu-Ghraib-Skan­dal von der Fol­ter zu se­hen ge­ben, ist ihr Rand: die grau­sa­me Vor­be­rei­tung auf die Fol­ter-Ver­hö­re.

Die Zerstörung des Schirms

Die Fol­ter kann auch die Form ei­ner De­mü­ti­gung ha­ben; die De­mü­ti­gung er­folgt nicht zu­letzt im Feld des Se­hens.

In Abu Ghraib wur­de den Ge­fan­ge­nen häu­fig ein Sack über den Kopf ge­stülpt, eine Form der sen­so­ri­schen De­pri­va­ti­on, die als hoo­ding be­zeich­net wird.12

Sa­bri­na Har­man in ei­nem ih­rer Brie­fe aus Abu Ghraib:

Ein Sand­sack wur­de ih­nen über den Kopf ge­stülpt, der mit schar­fer Sau­ce voll­ge­so­gen war.“

Ja­val Da­vis im In­ter­view:

Ein Ju­te­sack über ih­rem Kopf, die Feuch­tig­keit klebt ei­nem an der Nase, am Mund. Das gibt ih­nen ein Ge­fühl, als ob sie er­trin­ken.“

Eine be­stimm­te Form des Hoo­ding konn­te man zu Be­ginn die­ses Ar­ti­kels se­hen: das Über­stül­pen ei­ner Un­ter­ho­se.

Das Hoo­ding nimmt dem Ge­fan­ge­nen die Mög­lich­keit, sich vi­su­ell zu ori­en­tie­ren. Es ver­hin­dert, dass er die Sol­da­ten se­hen und sie spä­ter iden­ti­fi­zie­ren kann. Wenn er wäh­rend des Hoo­ding ge­schla­gen wird, weiß er nicht, wann der nächs­te Schlag kommt und wo er ihn tref­fen wird; das stei­gert sei­ne Angst.

Be­schränkt man sich auf die vi­su­el­le Sei­te des Hoo­ding, lässt es sich mit La­can so be­schrei­ben: Der Ge­fan­ge­ne sieht nichts und ver­liert die Ori­en­tie­rung, an­ders ge­sagt: das Hoo­ding zer­stört den geo­me­tra­len Raum. Der Platz, den der Ge­fan­ge­ne ein­nimmt, ist kein Geo­me­tral­punkt mehr, kein Ort, auf den die Bil­der aus­ge­rich­tet sind. Die Sol­da­ten, de­nen der Häft­ling aus­ge­lie­fert ist, die Hand­lun­gen, die sie an ihm voll­zie­hen, wer­den für ihn nicht zum Bild (image). Der Ge­fan­ge­ne er­fährt sich als je­mand, der Bli­cken aus­ge­setzt ist, ohne selbst se­hen zu kön­nen. Die Ver­schrän­kung von Auge und Blick wird auf­ge­ho­ben.

Im Film wird nur von männ­li­chen Ge­fan­ge­nen be­rich­tet. Die­se Ge­fan­ge­nen sind häu­fig nackt. Sie wer­den ge­zwun­gen, sich selbst aus­zu­zie­hen, oder sie wer­den ent­klei­det; hier­zu wer­den vor­zugs­wei­se weib­li­che Ver­neh­mer oder Be­wa­cher ab­kom­man­diert. Ge­le­gent­lich wer­den die Klei­der der Ge­fan­ge­nen mit ei­nem Mes­ser auf­ge­schnit­ten.

Tim Du­gan (zi­vi­ler Ver­neh­mer, CACI Cor­po­ra­ti­on)

Abu G wur­de von ei­ner Mör­ser­gra­na­te ge­trof­fen, die zwei Ame­ri­ka­ner tö­te­te und un­ge­fähr 16 ver­letz­te. Wir gin­gen zu ei­ner Ver­neh­mung vom Wolf, dem An­füh­rer der Grup­pe von Leu­ten, die das Ge­fäng­nis be­schos­sen hat­te. Zwei weib­li­che Spe­cia­lists wa­ren da. Eine war eine Ver­neh­me­rin, eine war Ana­ly­ti­ke­rin. Sie zo­gen ihm alle Sa­chen aus, bis er völ­lig nackt war, was wir nicht durf­ten. Als wir mit der Ver­neh­mung fer­tig wa­ren, frag ich: ‚Was ist denn das fürn Ding, dass der Typ nackt war? Ich mein, was soll das?‘ Ich ver­su­che mich zu er­in­nern, wie sie sich aus­ge­drückt ha­ben. Ihre Hal­tung ge­gen­über Frau­en, ihre un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le in der Kul­tur und dass sie ver­su­chen, das zu zer­stö­ren – da­mit sie mit weib­li­chen Ver­neh­mern ko­ope­rie­ren, ver­neh­men sie ihn nackt! Ich ging zu­rück und frag­te mei­nen Ab­tei­lungs-Ser­geant, dar­auf der: ‚Ja, wir sol­len das wirk­lich nicht tun, aber wir las­sen die Frau­en ein paar Sa­chen die­ser Art tun, weißt du, um die Sa­che mit der ara­bi­schen Kul­tur zu über­win­den.‘“

Die nack­ten Ge­fan­ge­nen wer­den ver­spot­tet.

Me­gan Am­buhl, eine der Mi­li­tär­po­li­zis­tin­nen, Spe­cia­list, sagt im In­ter­view:

Wir zeig­ten auf ihn und lach­ten, wäh­rend er nackt dusch­te.“

Sa­bri­na Har­man schreibt in ei­nem ih­rer Brie­fe aus Abu Ghraib:

Und dann wer­den die Ge­fan­ge­nen, die ‚am Arsch sind‘, aus­ge­zo­gen und mit Hand­schel­len an die Stan­gen ge­fes­selt. Ich darf sie dann aus­la­chen und Mais auf sie wer­fen.“

Der Rah­men für die De­mü­ti­gun­gen be­steht dar­in, dass die Häft­lin­ge in eine Po­si­ti­on der Hilf­lo­sig­keit ge­bracht wer­den. In die­ser Lage wer­den sie ih­res Schirms be­raubt, ih­rer Klei­dung. Das zielt dar­auf ab, ihre Scham her­vor­zu­ru­fen, eine Scham, die so stark sein soll, dass es sie in ih­rem We­sen er­schüt­tert.

Aber nicht nur der Schirm der Ge­fan­ge­nen wur­de zer­stört. Auch der Schirm der Re­gie­rung be­kam durch den Fol­ter­skan­dal ein Loch. Der Tarn­kap­pen­schirm, der die Fol­ter un­sicht­bar mach­te – das Fo­to­gra­fier­ver­bot –, ver­sag­te am Ran­de, bei den Mi­li­tär­po­li­zis­ten, und die US-Re­gie­rung war dem Blick der Öf­fent­lich­keit aus­ge­setzt.

Brent Pack ist Army Spe­cial Agent bei der Cri­mi­nal In­ves­ti­ga­ti­on Di­vi­si­on, also Kri­mi­nal­po­li­zist bei der Ar­mee. Er hat die Fo­tos von Abu Ghraib un­ter­sucht. Im In­ter­view sagt er:

Wenn wir zu­rück­schau­en, se­hen wir im­mer gut, und ich bin si­cher, wenn sie zu­rück­bli­cken, ist ih­nen klar, dass das, was pas­siert ist, falsch war, dass sie bei et­was mit­ge­macht ha­ben, das für das Land sehr pein­lich war. Aber da­mals wa­ren sie in ei­nem Kriegs­ge­biet, wo die Re­geln manch­mal ver­schwim­men.“

Die Fo­tos wa­ren „für das Land sehr pein­lich“; un­ter dem Blick der Öf­fent­lich­keit ge­riet der Staat der USA in eine be­schä­men­de Lage. Die Scham ist die an­de­re Sei­te des Blicks.

Ja­val Da­vis (Mi­li­tär­po­li­zist):

Je­mand hat un­se­re Re­gie­rung mit run­ter­ge­las­se­nen Ho­sen er­wischt. Dar­um geht’s. Und des­we­gen sind sie an­ge­pisst.“

Das un­frei­wil­lig dem Blick aus­ge­setz­te Ge­schlecht ist auch hier eine Me­ta­pher für die Kas­tra­ti­on. Der Blick der Welt­öf­fent­lich­keit, der sich auf den Staat der USA rich­te­te, war ein kas­trie­ren­der Blick.

Die Verschränkung von Auge und Blick

Die Funk­ti­on des Au­ges über­la­gert sich mit der Funk­ti­on des Blicks. Der Blick be­steht nicht dar­in, dass sich die Au­gen ei­nes an­de­ren auf ei­nen rich­ten. Den­noch kann der Blick, La­can zu­fol­ge, vi­su­ell dar­ge­stellt wer­den: durch eine Mas­ke.13

SOP9b - Graner mit Maske (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Charles Gra­ner mit Mas­ke und ?

Auf ei­ni­gen Abu-Ghraib-Fo­tos prä­sen­tie­ren sich die Mi­li­tär­po­li­zis­ten mit Mas­ken.

Lynndie England mit Maske (zu Jacques Lacan, Spaltung von Auge und Blick)

Lynn­die Eng­land mit Mas­ke

Der Blick der Mas­ke starrt in das Auge der Ka­me­ra.

Das Schema der Verschränkung von Auge und Blick

Die Be­zie­hung zwi­schen Auge und Blick stellt La­can in sei­nem drit­ten Sche­ma dar:

Jacques Lacan, Auge und Blick 1 - Schema der übereinandergelegten Dreiecke - Sem 11 Miller Haas Seite 112

La­cans Sche­ma der Ver­schrän­kung von Auge und Blick[note]Aus: Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 112.[/note]

Der Geo­me­tral­punkt heißt hier „Sub­jekt der Vor­stel­lung“, der „Licht­punkt“ wird jetzt als „Blick“ be­zeich­net.

Der Blick (der Licht­punkt) ist ein Punkt auf der Li­nie des Ob­jekts. Vom Sub­jekt der Vor­stel­lung aus ge­se­hen (vom Geo­me­tral­punkt aus be­trach­tet) ge­hört der Blick zur Ebe­ne des Ob­jekts; er wird nicht im Bild (image) re­prä­sen­tiert. Für das am geo­me­tra­len Se­hen ori­en­tier­te Sub­jekt ist der Blick un­sicht­bar.

Das Sub­jekt der Vor­stel­lung (der Geo­me­tral­punkt) ist ein Punkt auf der Li­nie des Ta­bleaus. Auf der Ebe­ne des Un­be­wuss­ten ist das Sub­jekt der Vor­stel­lung ein Sko­tom, eine Blind­stel­le, ein Prin­zip der Ver­ken­nung.

Die Li­nie des Bil­des (image) und die Li­nie des Schirms fal­len zu­sam­men. Das Bild dient als Schirm. Wenn das Bild als Schirm fun­giert, er­mög­licht es ei­nen Zu­gang zum Blick.

Das geometrale Sehen als Prinzip des Verkennens

Jacques Lacan, Auge und Blick 1b - Schema der übereinandergelegten Dreiecke - Sub d Vorst gelb - Sem 11 Miller Haas Seite 112Wenn man das Foto sieht, auf dem Sa­bri­na Har­man dicht ne­ben der Lei­che von Al-Ja­ma­di den Dau­men hoch­reckt und breit in die Ka­me­ra lä­chelt, glaubt man et­was zu wis­sen. Man glaubt, dass sie die Si­tua­ti­on ge­nießt, und spon­tan hält man sie für schul­dig. Das geo­me­tra­le Se­hen der Ka­me­ra und des­je­ni­gen, der das Foto be­trach­tet, ist ein Prin­zip des Ver­ken­nens. Man ver­gisst, die ent­schei­den­de Fra­ge zu stel­len: Wer hat die­sen Mann um­ge­bracht?

Die Blindheit des geometralen Sehens für den Blick

Jacques Lacan, Auge und Blick 1a - Schema der übereinandergelegten Dreiecke - Blick gelb - Sem 11 Miller Haas Seite 112Der Film zeigt, dass die Ak­teu­re der Ge­fahr des Ge­se­hen­wer­dens eine be­trächt­li­che Auf­merk­sam­keit schen­ken. Dass sie selbst se­hen, macht sie kei­nes­wegs blind da­für, dass sie ge­se­hen wer­den, dass sie also ei­nem Blick aus­ge­setzt sind. An­ders las­sen sich die Täu­schungs­ma­nö­ver und die Fo­to­gra­fier­ver­bo­te nicht er­klä­ren. Kann man den­noch be­haup­ten, dass für das Sub­jekt der Vor­stel­lung der Blick un­sicht­bar ist?

Brent Pack (Kri­mi­nal­po­li­zist bei der Ar­mee):

In all den Jah­ren als Po­li­zist wur­de über die Hälf­te mei­ner Fäl­le ge­löst, würd ich sa­gen, weil der Kri­mi­nel­le eine Dumm­heit ge­macht hat. Von sol­chen Sa­chen Fo­tos zu ma­chen ist eine sol­che Dumm­heit.“

Ro­man Krol (Ver­neh­mer beim Mi­li­tä­ri­schen Ge­heim­dienst):

Vor al­lem gibt es ein gro­ßes Schild ‚Kei­ne Fo­tos‘, und au­ßer­dem ist so was zu fo­to­gra­fie­ren ein­fach dumm.“

Die­se Din­ge zu fo­to­gra­fie­ren ist „dumm“. An­ders ge­sagt: Die Mi­li­tär­po­li­zis­ten wis­sen, dass sie nicht fo­to­gra­fie­ren dür­fen; ih­nen ist auch be­kannt, dass die Über­tre­tung des Ver­bots un­an­ge­neh­me Fol­gen ha­ben kann. Trotz­dem fo­to­gra­fie­ren sie. Wie will man das an­ders er­klä­ren, als dass sie blind sind, blind für die Ge­fahr, der ih­nen durch den Blick der Vor­ge­setz­ten und der Öf­fent­lich­keit droht? Muss man nicht an­neh­men, dass das Wort „dumm“ hier, wie so häu­fig, an­zeigt, dass das Un­be­wuss­te im Spiel ist?

Die Mi­li­tär­po­li­zis­ten sind blind für die Ge­fahr des Er­blickt­wer­dens, und sie sind es des­halb, weil sie ein ganz be­stimm­tes Bild (image) ha­ben wol­len: ein Tro­phä­en­fo­to. Sie wol­len die Beu­te se­hen, das Op­fer, und sich selbst in ei­ner Ges­te des Tri­umphs über das Op­fer. Für den nar­ziss­ti­schen, selbst­be­züg­li­chen Akt des Se­hens ist der dro­hen­de Blick un­sicht­bar.

Zusammenfallen von Bild und Schirm: Die Blickzähmung

Jacques Lacan, Auge und Blick 1c - Schema der übereinandergelegten Dreiecke - Schirm gelb - Sem 11 Miller Haas Seite 112Die US-Re­gie­rung hat den Abu-Ghraib-Fol­ter­skan­dal mit ei­ner klas­si­schen Pro­pa­gan­da­tech­nik ab­zu­weh­ren ver­sucht. Die Mi­li­tär­po­li­zis­ten wur­den als a few bad app­les dar­ge­stellt, ein paar schwar­ze Scha­fe. Ei­ni­ge Mi­li­tär­po­li­zis­ten wur­den ver­ur­teilt, Ja­nis Kar­pin­ski wur­de de­gra­diert. Das Zen­trum der Fol­ter blieb un­an­ge­tas­tet, die Ver­hö­re durch den Mi­li­tä­ri­schen Ge­heim­dienst so­wie durch die CIA und an­de­re nicht-mi­li­tä­ri­sche Diens­te wa­ren kein The­ma. Der mut­maß­li­che Mör­der von Al-Ja­ma­di wur­de, ob­wohl sein Name be­kannt ist und die Zeu­gen­aus­sa­gen er­drü­ckend sind, nie vor ein Ge­richt ge­stellt.

Ja­val Da­vis (Mi­li­tär­po­li­zist):

Fin­de et­was, was da­für sorgt, dass es ver­schwin­det. Und das ha­ben sie ge­tan. Die Klei­nen op­fern. So wird das von ih­nen ver­tuscht. Ich bin ein 28jäh­ri­ger jun­ger Ame­ri­ka­ner. Ein frei­wil­li­ger Sol­dat. Und mir wird al­les in die Schu­he ge­scho­ben.“

Tim Du­gan (zi­vi­ler Ver­neh­mer, CACI Cor­po­ra­ti­on):

Ich dach­te ein­fach, das wär ein Hau­fen spin­ner­ter Mi­li­tär­po­li­zis­ten, die sich wie Idio­ten auf­füh­ren. So den­ke ich nicht mehr. Über­haupt nicht. Ich den­ke, wir ha­ben ei­nen Hau­fen Kids, die rein­ge­legt wur­den. Ein­fach ein Ver­tu­schungs­ma­nö­ver. Die Leu­te ha­ben Angst vor der Straf­bar­keit und den Fol­gen ih­rer Hand­lun­gen, also hat kei­ner was ge­sagt. Statt­des­sen ha­ben sie ei­nen Hau­fen Leu­te zu Sün­den­bö­cken ge­macht.“

Die Mi­li­tär­po­li­zis­ten wur­den von der US-Re­gie­rung zum Sün­den­bock ge­macht. Da­bei spiel­ten die Tro­phä­en­fo­tos eine ent­schei­den­de Rol­le. Die Bil­der (images), näm­lich die Fo­tos, dien­ten der US-Re­gie­rung als Schirm ge­gen­über dem Blick der Welt­öf­fent­lich­keit. Um die­sen Zu­sam­men­hang geht es Mor­ris in sei­nem Film.

Die Funktion des Blicks im Voyeurismus

War­um ha­ben die Mi­li­tär­po­li­zis­ten fo­to­gra­fiert? Sa­bri­na Har­man hat­te ihre ei­ge­nen Grün­de, aber war­um ha­ben die an­de­ren fo­to­gra­fiert?

Eine ers­te Ant­wort habe ich be­reits ge­ge­ben: weil sie ih­ren Tri­umph über die Ge­fan­ge­nen im Bild fest­hal­ten woll­ten, also auf­grund der nar­ziss­ti­schen Di­men­si­on des be­wuss­ten in­ten­tio­na­len Se­hens, auf­grund des Funk­tio­nie­rens des „Au­ges“, in La­cans Be­griff­lich­keit.

Die Mi­li­tär­po­li­zis­ten ha­ben nicht nur das Ver­bot über­tre­ten und fo­to­gra­fiert. Die Bil­der wur­den auch frei­ge­big ver­teilt.

Lynn­die Eng­land (Mi­li­tär­po­li­zis­tin):

Alle wuss­ten Be­scheid. Je­der, der in die­sem Ge­fäng­nis war, der sich dort auf­hielt, der dort leb­te, der dort ar­bei­te­te – sie alle hat­ten die Bil­der. Sie ka­men rü­ber und be­ka­men Ko­pi­en von Gra­ner. Er hat­te jede Men­ge Dis­ket­ten und mach­te also Ko­pi­en. ‚Aber klar doch, wel­che willst du ha­ben?‘ Je­der hat­te eine Ko­pie von ei­nem Bild. Je­der wuss­te Be­scheid.“

War­um war Charles Gra­ner so un­vor­sich­tig? War­um war er „dumm“?

Der Voy­eu­ris­mus als Per­ver­si­on ist um den Schau­t­rieb her­um or­ga­ni­siert ist. Der Schau­t­rieb be­ruht auf der Spal­tung zwi­schen dem Auge und dem Blick. Die eine Sei­te des Voy­eu­ris­mus stützt sich auf das Auge, der Voy­eur ver­sucht zu se­hen, was sich nicht se­hen lässt, die Kas­tra­ti­on. Die an­de­re, die ver­deck­te Sei­te des Voy­eu­ris­mus be­zieht sich auf den Blick. Der Blick als Ob­jekt a ist nicht das Se­hen des voy­eu­ris­ti­schen Sub­jekts, son­dern der ag­gres­si­ve Blick, von dem der Voy­eur, wie er an­nimmt, er­fasst wer­den könn­te.14

Gra­ner hat al­les da­für ge­tan, dass der ag­gres­si­ve Blick ihn tref­fen könn­te. Of­fen­bar war er auf der Su­che nach dem Blick. Der Blick wird auf dem Feld des An­de­ren ima­gi­niert, auf dem Feld der Spra­che und des Spre­chens und der sym­bo­li­schen Ord­nung. Der An­de­re trat auf, zu­erst in Ge­stalt von Ge­ne­ral­ma­jor Ta­gu­ba, der die ers­te, ar­mee-in­ter­ne Un­ter­su­chung durch­führ­te, dann in Ge­stalt der in­ter­na­tio­na­len Mas­sen­me­di­en, dann des Mi­li­tär­ge­richts, das ihn ver­ur­teil­te. Das muss für Gra­ner be­schä­mend ge­we­sen sein. Un­be­wusst ging es ihm, so kann man ver­mu­ten, um die­se Scham. Im Auf­fla­ckern der Scham hat er den ver­nich­ten­den Blick wie­der­ge­fun­den, von dem er sich, zu sei­ner Kon­sti­tu­ie­rung als spre­chen­des Sub­jekt, tren­nen muss­te.15 Über das Auge tri­um­phier­te der Blick.16

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Anmerkungen

  1. Zu den Abu-Ghraib-Fo­tos vgl. auch Sla­voj Žižek: Ra­di­cal Evil as a Freu­di­an Ca­te­go­ry. In: lacan.com, 2008.
  2. Screen­play des Films hier. Screen­play mit Screen­shots hier.
    Vgl. zum Film auch:
    – Au­dio­kom­men­tar von Er­rol Mor­ris auf der DVD (Sony Pic­tures Clas­sics 2008).
    – Phi­lip Gou­revitch und Er­rol Mor­ris: Die Ge­schich­te von Abu Ghraib. Han­ser, Mün­chen 2009.
    – Er­rol Mor­ris: Will the real hoo­ded man plea­se stand up. In: The New York Times, 15. Au­gust 2007 (zur Fra­ge der Iden­ti­tät des Ka­pu­zen­manns), im In­ter­net hier.
    – Phi­lip Gou­revitch: Ex­po­sure. The wo­man be­hind the ca­me­ra at Abu Ghraib. In: The New Yor­ker, 24. März 2008, im In­ter­net hier.
    – Er­rol Mor­ris: The most cu­rious thing. In: The New York Times, 19. Mai 2008 (über Har­mans Lä­cheln), im In­ter­net hier.
    – W.J.T. Mit­chell: Der Schlei­er um Abu Ghraib. Er­rol Mor­ris und die ‚bad app­les‘. In: In­ge­borg Reich­le, Stef­fen Sie­gel (Hg.): Maß­lo­se Bil­der. Vi­su­el­le Äs­the­tik der Trans­gres­si­on. Wil­helm Fink Ver­lag, Mün­chen 2009, S. 51–65, im In­ter­net hier.
  3. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 191.
  4. Vgl. Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 275.
  5. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 114.
  6. Eine gute Zu­sam­men­stel­lung der be­kann­ten Tat­sa­chen und eine Be­grün­dung für die­se Ver­mu­tung gibt Mor­ris in: The most cu­rious thing, a.a.O.
  7. Zu Sa­bri­na Har­man vgl.: Phi­lip Gou­revitch, Ex­po­sure, a.a.O.
  8. Vgl. Mor­ris, The most cu­rious thing, a.a.O.
  9. Vgl. u.a. Paul Ek­man: Ge­füh­le le­sen. Wie Sie Emo­tio­nen er­ken­nen und rich­tig in­ter­pre­tie­ren. Spek­trum Ver­lag, Hei­del­berg 2004, zu­erst USA 2003.
  10. Zi­tiert in Mor­ris, The most cu­rious thing, a.a.O.
  11. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 114 f.
  12. Vgl. Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel „Hoo­ding“.
  13. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 90.
  14. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas S. 191.
  15. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 191.
  16. Vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 109.

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