Nach dem Kidnapping von Maduro durch den Entführer der Freien Welt
Zuletzt aktualisiert am 5. Januar 2026
Ilulissat, Grönland
Foto von Thomas Gottweis, von hier
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Als die Nachricht über die Entführung von Maduro und seiner Ehefrau mich überraschte, war ich dabei, diese Passage von Lacan zu übersetzen:
„Ist es möglich, dass wir uns mit so lächerlichen Beispielen wie dem von Kant zufrieden geben, wenn er, um uns die irreduzible Dimension der praktischen Vernunft zu verdeutlichen, als Beispiel anführt, dass der ehrliche Mann selbst auf dem Höhepunkt seines Glücks zumindest einen Moment abwägen wird, ob er dieses Glück aufgibt, um nicht, zum Vorteil des Tyrannen, gegen die Unschuld ein falsches Zeugnis abzulegen?
Absurdes Beispiel, denn in der Epoche, in der wir leben, aber auch in der von Kant, stellt sich da die Frage nicht ganz woanders? Denn der Gerechte wird schwanken, ja, ob er, um seine Familie zu erhalten, ein falsches Zeugnis ablegen soll oder nicht. Aber was bedeutet das? Bedeutet es, dass er – wenn er damit dem Hass des Tyrannen auf den Unschuldigen Vorschub leistet – ein wahres Zeugnis ablegen und seinen Freund als Jude anzeigen könnte, wenn er tatsächlich einer ist?
Beginnt nicht hier die moralische Dimension? Bei der es nicht darum geht zu wissen, welche Pflicht wir gegenüber der Wahrheit zu erfüllen haben oder nicht, und auch nicht darum, ob unser Verhalten unter die allgemeine Regel fällt, sondern ob wir das Begehren des Tyrannen befriedigen sollen oder nicht. Hier ist die Waage der Ethik im strengen Sinne.“1
Schlagartig wurde mir klar, worum es Lacan im Seminar Die Ethik der Psychoanalyse geht. Für die Zwecke der Psychoanalyse ist die Ethik nicht auf das Lustprinzip zu gründen (wie seit der Antike üblich) und nicht auf die Verallgemeinerbarkeit der Handlungsmaxime (Kant) und nicht auf den wechselseitigen Nutzen (Bentham), sondern auf das Begehren.
Und das Begehren existiert ausschließlich in der Konfrontation mit dem Begehren das Anderen.
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Anmerkung
