Lacans Aphorismen

„Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen.“

Pythia - KopiePythia von Delphi, auf Dreifuß sitzend, mit Schale und Lorbeerzweig in den Händen, bei der Beantwortung eine Anfrage von König Aegeas von Athen. Attische Trinkschale, etwa 440/430 v. Chr., Antikensammlung Berlin, Kopie

Zu den von Lacan erfundenen Neologismen gehört der Ausdruck mi-dire, als Substantiv und als Verb, zu deutsch: Halbsagen oder halbsagen. Die Wahrheit kann nur in einem Halbsagen geäußert werden bzw. die Wahrheit lässt sich nur halbsagen – diese These wird von ihm ab Seminar 17 von 1969/70, Die Kehrseite der Psychoanalyse, immer wieder vorgebracht.

In Seminar 17 verwendet er das Substantiv: „Die Wahrheit könnte nur in einem Halbsagen geäußert werden“1. In Seminar 18 benutzt er  mi-dire zum ersten Mal als Verb: „la vérité n’est qu’à mi-dire“, die Wahrheit ist nur halbzusagen.2 Die von mir als Überschrift verwendete Formulierung „die Wahrheit lässt sich nur halbsagen“ findet man zuerst in Seminar 19.3

Die Sentenz rekonstruiert die Erfahrung mit der Deutung in einer psychoanalytischen Behandlung und ist zugleich eine technische Empfehlung. Letztlich geht es um das Verhältnis zwischen der Wahrheit und dem Realen.

Der Grundgedanke

Die Wahrheit des Subjekts  ist die Antwort auf die Frage „Was bin ich?“. Die Antwort erfolgt durch die Deutung der Symptome, durch die Aufdeckung eines verborgenen Sinns.

Die Grundlage hierfür ist das Sprechen in einer Psychoanalyse. die Deutung „entfesselt“ die Wahrheit.4

Die Entfesselung der Wahrheit im Sprechen stößt auf eine Grenze, darauf, dass es unmöglich ist, die ganze Wahrheit zu sagen. Das Reale ist das Unmögliche, wie Lacan ab Seminar 9 von 1961/62, Die Identifzierung, immer wieder sagt, das Reale, so könnte man sagen, ist die dunkle Hälfte des Halbsagens, die abgewandte Seite der Wahrheit.

In Seminar 17 heißt es:

„Wenn etwas, was das Unbewusste heißt, als Sprachstruktur halbgesagt werden kann, dann deshalb, damit uns schließlich das Profil dieses Diskurseffekts erscheint, der uns bis dahin als unmöglich erschien, nämlich die Mehrlust.5

Die Wahrheit kann nur halbgesagt werden, weil die Signifikanten, deren Verknüpfung den Sinn ergibt, auf Elementen beruhen, die letztlich der Erzeugung von Mehrlust dienen (zur Mehrlust vgl. diesen Blogartikel). Diese Elemente bezeichnet Lacan ab der Lituraterre-Vorlesung in Seminar 18 als „Buchstaben“.

Das, was im Halbsagen der Wahrheit nicht gesagt werden kann, ist der Zusammenhang zwischen den sinnlosen Grundlagen des Sinns und dem Genießen bzw. Genussverlust.

Den konstitutiven Entzug der Wahrheit hat der Analytiker in seinen Deutungen zu berücksichtigen; die Deutung ist deshalb Andeutung.

Der Akt

Deutung als Andeutung

In den von Lacan veröffentlichten Texten erscheint der Begriff des Halbsagens zuerst 1970 in seinem Vorwort zu Anika Rifflet-Lemaires Buch Jacques Lacan. Der psychoanalytische Diskurs, so heißt es hier, ist

„lehrbar, jedoch ausgehend von einem Halbsagen, nämlich der Technik, die berücksichtigt, dass die Wahrheit immer nur zur Hälfte gesagt wird. Dies setzt voraus, dass der Psychoanalytiker sich immer nur in einem asymptomatischen Diskurs manifestiert, was ja auch das mindeste ist, was man davon erwartet.“6

„Asymptomatisch“ ist Mediziner-Sprache und meint „symptomfrei“. Das könnte heißen: Das Symptom entsteht dadurch, dass man die Wahrheit ganz sagen will, und das heißt: durch Identifizierung. Daneben ist vermutlich auch „asymptotisch“ gemeint – der Diskurs ist asymptotisch, er nähert sich der Wahrheit nur an.

Die An-Deutung wird von Lacan bereits in Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse empfohlen, einem Vortrag von 1953, der 1956 veröffentlicht wurde.7 Nach einer zustimmenden Bemerkung zur Theorie der Symbolik von Ernest Jones heißt es hier über das Symbol:

„Damit es im Subjekt seine Wirkungen hervorruft, genügt es also, dass es etwas zu verstehen gibt, denn diese Wirkungen entfalten sich ohne Wissen des Subjekts. (…)

Demnach ist es sicherlich so, dass der Analytiker mit der Macht des Symbols spielen könnte, indem er diese Macht durch die semantischen Resonanzen seiner Bemerkungen auf kalkulierte Weise zum Tragen bringt.

Das wäre die Rückkehr zum Gebrauch symbolischer Wirkungen, in einer erneuerten Technik der Interpretation.

Indian Aethetics

Pandey, Indian Aethetics, 1995

Wir könnten uns hier auf das beziehen, was die hinduistische Tradition über das dhvani lehrt, womit sie die Eigenschaft des Sprechens kennzeichnet, etwas zu verstehen zu geben, was es nicht sagt.“8

In einer Fußnote erläutert Lacan, dass er sich mit dem Begriff dhvani auf die Lehre des Abhinavagupta aus dem 10. Jahrhundert bezieht; er verweist hierfür auf eine Arbeit von K. Ch. Pandey über indische Ästhetik.9

Noch in Seminar 23 von 1975/76, Das Sinthom, heißt es:

„Denn letztlich haben wir als Waffe gegen das Symptom nur dies: die Äquivokation.“10

Analytikerinnen sollten ihre Deutung in Form eines Rätsels oder eines Zitats vorbringen – mit „Zitat“ ist  die Wiederholung einer Formulierung des Patienten gemeint.11 Deutung ist für Lacan Andeutung. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe meiner ausgewählten Schriften formuliert er es so: „Die Spitze an Sinn, man spürt es, ist das Rätsel.“12

Ein Seitenblick auf Baltasar Gracián

In Graciáns Klugem Weltmann gibt es einen Dialog zwischen dem Doktor Juan Francisco Andrés und dem Autor über den guten Zuhörer. Darin heißt es

„Doktor: »Die Wahrheiten, die am meisten Bedeutung für uns haben, werden immer nur halb ausgesprochen.«13

Das anzustrebende Verhältnis des Patienten zur Wahrheit

In den Vorlesungen und Gesprächen an nordamerikanischen Universitäten sagt Lacan:

« Ich habe eine bestimmte Anzahl von Punkten geäußert über das, was es mit der Wahrheit auf sich hat. Es ist haltbar, zu sagen, dass die Wahrheit die Struktur einer Fiktion hat. Das ist das, was man normalerweise als Mythos bezeichnet – viele Wahrheiten haben eine mythische Existenz –, eben daran liegt es, dass man sie nicht erschöpfen kann, sie nicht ganz sagen kann. Ich habe das in dieser Form geäußert: von der Wahrheit gibt es nur Halbsagen. Die Wahrheit, man sagt sie wie man kann, das heißt zum Teil. Nur, wie sich das darstellt, stellt sich das als ein Ganzes dar.

Und eben da liegt die Schwierigkeit, dass man nämlich denjenigen, der in Analyse ist, spüren lassen muss, dass diese Wahrheit nicht ganz ist, dass sie nicht für jedermann wahr ist, dass sie nicht – das ist eine alte Idee –, dass sie nicht allgemein ist, dass sie nicht für alle gilt.“14

Derjenige, der in einer Analyse ist, muss spüren, dass die Wahrheit nicht ganz ist, und das heißt hier: dass sie sich auf einen singulären Fall bezieht.

Die Wahrheit in der Folge der Deutung

Zu Beginn von Seminar 18 von 1971 erläutert Lacan seinen Wahrheitsbegriff. Der Titel dieses Seminars ist D’un discours qui ne serait du semblant, „Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre“.

Schein, was bedeutet das in der Aussage des Titels meines Seminars?

Wenn das beispielsweise bedeutet ‚Schein des Diskurses‘, dann ist das, wie Sie wissen, die Position des sogenannten logischen Positivismus. Es geht darum, ein Signifikat durch etwas zu überprüfen, was sich durch Ja oder Nein entscheiden lässt. Was einer solchen Prüfung nicht unterzogen werden kann, davon wird gesagt, dass es nichts bedeutet.

Und damit glaubt man, eine bestimmte Zahl von Fragen losgeworden zu sein, die als metaphysisch qualifiziert werden. Es geht sicherlich nicht darum, dass ich an diesen Fragen festhalte, aber ich halte daran fest, darauf hinzuweisen, dass die Position des logischen Positivismus unhaltbar ist, zumindest ausgehend von der analytischen Erfahrung.

Wenn die analytische Erfahrung damit verbunden ist, ihre Adelstitel vom Ödipusmythos zu nehmen, dann deshalb, weil sie das Schneidende der Äußerung des Orakels bewahrt und, so möchte ich hinzufügen, weil die Deutung hier immer auf derselben Ebene bleibt. Wahr ist sie nur durch das, was auf sie folgt, ganz wie das Orakel. Die Deutung wird nicht einer Wahrheitsprüfung unterzogen, die sich durch Ja oder Nein entscheiden ließe, vielmehr entfesselt sie die Wahrheit als solche. Sie ist nur insofern wahr, als ihr wahrhaft etwas folgt.

(…) Der Moment, in dem die Wahrheit, die einzig etwas ist, was entfesselt ist, zu einer Logik übergeht, die versuchen wird, dieser Wahrheit einen Körper zu geben, ist genau der Moment, wo der Diskurs als Vorstellungsrepräsentanz verabschiedet wird, disqualifiziert wird. Aber wenn dies möglich ist, so liegt das daran, dass er es teilweise immer schon ist. Das ist das, was man Verdrängung nennt. Es ist nicht mehr eine Vorstellung, die er repräsentiert, es ist diese Folge des Diskurses, die als Wahrheitseffekt charakterisiert wird.“15

Lacan spielt auf den Begriff des Scheinproblems an, der auf Wittgenstein zurückgeht; das klassische Werk ist Rudolf Carnaps Schrift Scheinprobleme in der Philosophie (1928).

In seiner Kritik knüpft Lacan an die Wahrheitskonzeption an, die Freud in Konstruktionen in der Analyse (1937) skizziert hatte. Welche Garantie gibt es dafür, fragt Freud, dass die Konstruktionen des Analytikers wahr sind? Das Ja oder Nein des Patienten ermöglicht keine Entscheidung. Der einzige Anhaltspunkt ist das, was auf die Mitteilung der Konstruktion folgt: Erinnerungen, die zur Konstruktion passen, sie ergänzen und erweitern, Bemerkungen wie „Daran hätte ich nie gedacht“, Fehlleistungen, die in die Richtung der Konstruktion gehen, aber auch, etwa bei starkem Schuldbewusstsein, die Verschlimmerung der Symptome und des Allgemeinbefindens. Freud schreibt:

„Zusammenfassend werden wir feststellen, wir verdienen nicht den Vorwurf, daß wir die Stellungnahme des Analysierten zu unseren Konstruktionen geringschätzig zur Seite drängen. wir achten auf sie und entnehmen ihr oft wertvolle Anhaltspunkte. Aber diese Reaktionen des Patienten sind zumeist vieldeutig und gestatten keine endgültige Entscheidung. Nur die Fortsetzung der Analyse kann die Entscheidung über Richtigkeit oder Unbrauchbarkeit unserer Konstruktion bringen. wir geben die einzelne Konstruktion für nichts anderes aus als für eine Vermutung, die auf Prüfung, Bestätigung oder Verwerfung wartet. Wir beanspruchen keine Autorität für sie, fordern vom Patienten keine unmittelbare Zustimmung, diskutieren nicht mit ihm, wenn er ihr zunächst widerspricht. Kurz, wir benehmen uns nach dem Vorbild einer bekannten Nestroyschen Figur, des Hausknechts16, der für alle Fragen und Einwendungen die einzige Antwort bereit hat: ‚im Laufe der Begebenheiten wird alles klar werden.‘“17

Die Struktur

Signifikant des Mangels im Anderen

Dafür, dass die Wahrheit sich nur halbsagen lässt, gibt es bei Lacan seit Seminar 6 ein Symbol (Das Begehren und seine Deutung, 1968/69), die Zeichenfolge S(Ⱥ). In Seminar 20 von 1972/73, Encore, wird dieser Zusammenhang ausdrücklich hergetellt:

„Auf der anderen Seite, S(Ⱥ), was ist das anderes als die Unmöglichkeit,
das ganze Wahre zu sagen, wovon ich vorhin sprach?“18

Der Ausdruck S(Ⱥ) wurde bei seiner Einführung in Seminar 6  von Lacan so erklärt: der Andere im Sinne des Sprachsystems hat einen Mangel; hierfür steht das Symbol Ⱥ. Der Mangel im Anderen besteht darin, dass ihm ein bestimmter Signifikant fehlt; das S vor der Klammer repräsentiert den Signifikanten, der dem Anderen fehlt. Der Signifikant, der dem Anderen fehlt, ist derjenige Signifikant, der die Wahrheit garantieren würde (vgl. diesen Blogartikel).

Sinnlose (axiomatische, mythische) Grundlage von Sinn und Wahrheit

Das Diktum „Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen“ knüpft an eine These an, die Lacan zum ersten Mal im Jahr 1957 vorgetragen hatte: Die Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion, anders gesagt: sie hat die Struktur eines Mythos, so wie Freud sich auf den Ödipusmythos bezog und den Mythos vom Urvatermord erdichtete. Vgl. hierzu diesen Blogartikel.

In Seminar 21 formuliert er diesen Gedanken so:

„Ich sage, und damit liege ich Ihnen in den Ohren: die Wahrheit lässt sich nur halbsagen. Das soll heißen, ich bekräftige damit, dass es Wahrheit nur als mathematisierte gibt, das heißt als geschriebene. Das heißt, dass sie als Wahrheit nur von Axiomen abhängig gemacht werden kann. Das heißt, dass es Wahrheit nur von dem her gibt, was keinen Sinn (sens) hat, das heißt von dem her, woraus die weiteren Konsequenzen nur in dessen Register zu ziehen sind, in diesem Fall im Register der mathematischen Deduktion.

Und wie kann die Psychoanalyse sich demnach vorstellen, von der Wahrheit auszugehen? Das ist hier nur eine Wirkung, sicherlich eine notwendige Wirkung, auch wenn diese Notwendigkeit sich natürlich außerhalb meines Amtes nirgendwo manifestiert, des Amtes, dem ich gerade diene, nicht wahr. Das ist hier nur eine Wirkung, diese Art von Wahrheitsgeruch in der Analyse, nur eine Wirkung dessen, dass sie kein anderes Mittel verwendet als das Sprechen. Strikt nichts anderes.“19

Was für die Mathematik gilt, trifft auch auf die Psychoanalyse zu: die Aufdeckung des Sinns, die Wahrheit, beruht auf Axiomen, auf Fiktionen, die keinen Sinn haben. Bezogen auf diese Axiome, diese Fiktionen lässt sich nicht sagen, dass sie wahr sind – es sind Mythen. Die Wahrheit ist nicht der Ausgangspunkt der Psychoanalyse, sondern ihre Wirkung: ein Effekt dessen, dass sie sich im Sprechen vollzieht.

Heideggers Wahrheitsbegriff

Der Analytiker soll berücksichtigen, dass die Wahrheit, wenn er sie äußert, sich zugleich entzieht. Da jede Wahrheit mit einem Wahrheitsentzug verbunden ist, muss er eine Wahl treffen.20

Im Hintergrund steht Heideggers Verständnis von Wahrheit als Einheit von Entbergen und Verbergen: die Offenbarung eines Seienden (das immer begrenzt ist) ist zugleich die Verbergung des Seienden im Ganzen, des Seins.21 In Seminar 12 von 1965/66 (Schlüsselprobleme für die Psychoanalye) heißt es:

„Ich verstehe das Wort ‚Wahrheit‘ hier ganz im Heideggerschen Sinne: die Mehrdeutigkeit dessen, was sich enthüllt, da es noch halb verborgen bleibt.“22

Genießen als Grenze

In Seminar 18 heißt es:

„Wer nicht sieht, dass die Ökonomie – selbst die sogenannte Ökonomie der Natur – immer eine Diskurstatsache ist, der kann nicht begreifen, dass dies darauf verweist, dass es sich hier um das Genießen nur insofern handeln kann, als es selbst nicht nur ein Fakt (fait), sondern auch ein Effekt (effet) des Diskurses ist.

Wenn etwas, was als das Unbewusste bezeichnet wird, als sprachliche Struktur halbgesagt werden kann, dann deshalb, damit uns schließlich das Profil dieser Diskurswirkung erscheint, die uns bis dahin unmöglich zu sein schien, nämlich die Mehrlust.“23

Jenseits dessen, was im Halbsagen gesagt werden kann, liegt der Genussverlust als Diskurseffekt, die Mehrlust. Dieser Genussverlust kann nur vom Schein aus aufgerufen werden, durch die Objekte a.

In Seminar 20 heißt es über das Halbsagen der Wahrheit:

„Die Wahrheit, sagen wir, um im Lebendigen zu schneiden, ist von Ursprung aletheia, Ausdruck, über den Heidegger so viel spekuliert hat. Emet, der hebräische Ausdruck, hat, wie jede Benutzung des Ausdrucks Wahrheit, juristischen Ursprung. In unseren Tagen noch ist der Zeuge gebeten, die Wahrheit zu sagen, nichts als die Wahrheit, und was mehr ist, die ganze, wenn er kann – aber könnte er? Man verlangt von ihm die ganze Wahrheit über das, was er weiß. Aber, tatsächlich, was gesucht ist, und mehr als in jedem anderen im juridischen Zeugnis, das ist, womit beurteilt werden kann, was ist mit seinem Genießen. Das Ziel, das ist, daß das Genießen sich eingesteht und zwar just darin, daß es uneingestehbar sein kann. Die gesuchte Wahrheit ist eben die, in Anbetracht des Gesetzes, das den Genuß regelt.“24

Die Wahrheit nicht halb zu sagen, sondern ganz zu sagen, diese Forderung ist juristischen Ursprungs. Die Forderung, die ganze Wahrheit zu sagen, zielt letztlich darauf, dass das Genießen eingestanden wird. Das Genießen jedoch ist uneingestehbar. Das Uneingestehbare soll eingestanden werden, und das ist eine Unmöglichkeit – das Reale ist das Unmögliche, hier: das unmöglich Einzugestehende.

Ich überspringe einige Sätze.

„Anderes noch bindet uns hinsichtlich dessen, was ist mit der Wahrheit, das ist, daß das Genießen eine Grenze ist. Das hängt an der Struktur selbst, die zu der Zeit, als ich sie für Sie konstruierte, meine Quadrupeden aufriefen — das Genießen läßt sich interpellieren, aufrufen, heraustreiben, erarbeiten nur ausgehend von einem Schein.“25

Das Genießen bildet für die Wahrheit eine Grenze. Die Wahrheit über das Genießen kann nicht gesagt werden. Mit Freud: „Der Kranke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles erinnern, vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und erwirbt so keine Überzeugung von der Richtigkeit der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er ist vielmehr genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu wiederholen, anstatt es, wie der Arzt es lieber sähe, als ein Stück der Vergangenheit zu erinnern. Die mit unerwünschter Treue auftretende Reproduktion hat immer ein Stück des infantilen Sexuallebens, also des Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer, zum Inhalt und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiete der Übertragung, das heißt der Beziehung zum Arzt ab.“26 Das, was nicht gesagt werden kann, zeigt sich in der Wiederholung, und die Wiederholung bezieht sich auf das Genießen, auf den verdrängten Trieb.

Dies beruht auf der Struktur des Diskurses, die Lacan in Seminar 17 durch  „Quadrupeden“ dargestellte hatte, Vierfüßler, viergliedrige Schemata. In diesen Formeln ist der Platz oben links der des Scheins, wie Lacan zu Beginn von Seminar 18 erläutert hatte.27 Im Diskurs des Analytikers ist am Platz des Scheins die Mehrlust, eine bestimmte Form des Genießens.

Wenige Sätze später sagt Lacan über seine quasi-algebraische Notation mit den Symbolen $, A, Φ usw.:

„Ihre Schrift selbst bildet eine Stütze, die über das Sprechen hinausgeht, ohne herauszutreten selbst aus den Effekten selbst der Sprache. Dies hat den Wert, das Symbolische zu zentrieren, unter der Bedingung, sich seiner zu bedienen zu wissen, für was? – dafür, eine gemäße Wahrheit zu erhalten, nicht die Wahrheit, die von sich vorgibt, die ganze zu sein, sondern die des Halb-Sagens, die, die sich bewahrheitet, indem sie sich davor hütet, bis zum Geständnis zu gehen, was das Schlimmste wäre, die Wahrheit, die sich hütet ab der Ursache des Begehrens.“28

Die Wahrheit der Psychoanalyse muss sich vom juristischen Wahrheitsbegriff lösen. Die Wahrheit der Psychoanalyse darf nicht die des Geständnisses sein. Die Wahrheit der Psychoanalyse hat ihre Grenze und der Analytiker muss sich davor hüten, den Patienten zu einem Geständnis bringen zu wollen. Die Grenze der Wahrheit wird gebildet durch die Ursache des Begehrens, durch das Objekt a.

Das Reale ist das Unmögliche

Eine Version von „Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen“ ist das Diktum „Das Reale ist das Unmögliche“. Das Reale ist das, was we­der sym­bo­lisch noch ima­gi­när re­prä­sen­tier­bar ist (vgl. die­sen Blo­g­ar­ti­kel), es ist das Un­mög­li­che, d.h. das, was nicht auf­hört nicht ge­schrie­ben zu wer­den.29 Zum Rea­len gibt es je­doch auf dem Weg über das Sym­bo­li­sche ei­nen Zu­gang, im Geschriebenen als das lo­gisch Un­mög­li­che, als Wi­der­spruch: zugleich p und non-p, also im Rahmen einer Logik der Unentscheidbarkeit.

Wahrheit im Diskurs und der Pfeil der Unmöglichkeit

Dass die Wahrheit sich nur halbsagen lässt, wird in Seminar 17 in der Formel für den Diskurs des Analytikers so dargestellt, dass hier am Platz der Wahrheit (unten links) das Symbol für das Wissen verortet ist: S2.

\frac {a}{\text S_2} \:^\rightarrow \, \frac {\$}{\text S_1}

Das Wissen am Platz der Wahrheit hat die Form des Zitats und des Rätsels – der  Analytiker wiederholt eine Äußerung des Patienten oder er macht eine orakelhafte Bemerkung.30

Der in der oberen Zeile von a nach $ führende Pfeil steht für die Unmöglichkeit, d.h. für das Reale. In Radiophonie wird die Formel für den Diskurs des Analytikers so geschrieben31:

Diskurs des Analytikers in Radiophonie - mit UnmöglichkeitDie Unmöglichkeit geht vom Punkt a aus, also davon, dass der Analytiker für den Patienten die Mehrlust bzw. das Objekt a verkörpert. Es gibt hier etwas, was nicht gesagt werden kann, was nicht als Wahrheit erscheint, als enthüllter Sinn, und as bezieht sich auf die Mehrlust.

In der Formel für den Diskurs des Analytikers wird das Diktum „Die Wahrheit lässt sich nur halbsagen“ also repräsentiert durch das Zusammenspiel zwischen dem Wissen am Platz der Wahrheit (S2 unten links) und dem Pfeil der Unmöglichkeit in Bezug auf das Phantasma ($ ◊ a), also den Pfeil zwischen Mehrlust und Subjekt (a und $) in der oberen Zeile.

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Anmerkungen

  1. „La vérité (…) ne saurait s’énoncer que d’un mi-dire“, Seminar 17, Sitzung vom 11. März 1970, Version Miller, S. 118; das Substantiv „mi-dire“ findet man hier auch auf den Seiten 40, 58 f., 119, 121, 125-127, 132 und 140
  2. Seminar 18 von 1971, D’un discours qui ne serait pas du semblant, Version Miller, S. 12.
  3. „la vérité ne peut que se mi-dire“, Seminar 19 von 1971/72, … ou pire, Sitzung vom 10. Mai 1972, Version Miller, S. 186.
  4. Vgl. Seminar 18, Sitzung vom 13. Januar 1971, Übersetzung in diesem Blog hier.
  5. Seminar 18, Sitzung vo 20. Januar, Version Miller, S. 21.“
  6. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 394.
  7. Beispiele für die therapeutische Verwendung von Metaphern außerhalb der Psychoanalyse findet man in: Eliezer Wirtztum, Onno van der Hart, Barbara Friedman: The use of metaphors in psychotherapy. In: Journal of Contemporary Psychotherapy, 1988, im Internet hier.
  8. Schriften I, S. 137 f., Übersetzung geändert.
  9. Kanti Chandra Pandey: Comparative Aesthetics. Volume I: Indian Aesthetics. Chowkhamba Sanskrit Series Office, Varanasi (=Bernares) 1950 (= Chowkhamba Sanskrit Studies Volume II); eine zweite Auflage erschien 1959, eine weitere Auflage (siehe Abbildung) 1995.
  10. Seminar 23, Version Miller 2005, S. 6.
  11. Vgl. Seminar 17, Version Miller, S. 40.
  12. J. Lacan: Vorwort zur deutschen Ausgabe meiner ausgewählten Schriften (geschrieben 7.10.1973). In: Ders.: Schriften II, S. 7-14, hier: S. 7.
  13. Baltasar Gracián: Der kluge Weltmann (Il Discreto, 1646). Übersetzt von Sebastian Neumeister. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1996, S. 49.
  14. Jacques Lacan: Le sym­ptome. Vortrag an der Co­lum­bia Uni­ver­sity, Au­di­to­rium School of In­ter­na­tio­nal Af­fairs, 1. De­zem­ber 1975: In: Conférances et entretiens dans des universités nord-américaines, Scilicet 6/7, Paris 1976, S. 42-45, hier: S. 43 f., meine Übersetzung.
  15. Seminar 18, Sitzung vom 13. Januar 1971; Version Miller, S. 13 f., meine Übersetzung, RN.
  16. In Der Zerrissene.
  17. S. Freud: Konstruktionen in der Analyse (1937). In: Ders.: Studienausgabe, Ergänzungsband. Schriften zur Behandlungstechnik. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 402.
  18. Seminar 20, Version Miller/Haas, S. 102.
  19. Seminar 21, Sitzung vom 11. Dezember 1973, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  20. Vgl. Seminar 17, Version Miller, S. 125.
  21. Vgl. Martin Heidegger: Vom Wesen der Wahrheit (1943).  Klostermann, Frankfurt am Main 1986, v.a. S. 25.
  22. Seminar 12, 12. Mai 1965, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  23. Seminar 18 von 1971, Sitzung vom 13. Januar 1971; Version Miller, S. 21.
  24. Seminar 20 von 1973/74, Encore; Version Miller/Haas u.a., S. 99.
  25. Seminar 20, Version Miller/Haas u.a., S. 100.
  26. S. Freud: Jenseits des Lustprinzips (1920). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 228.
  27. Vgl. Seminar 18, Sitzung vom 13. Januar 1971; Übersetzung in diesem Blog hier.
  28. Seminar 20, Version Miller/Haas u.a., S. 101.
  29. Die These, dass das Reale das Un­mög­li­che ist wird von La­can zu­erst in Se­mi­nar 9 vor­ge­stellt, in den Sit­zun­gen vom 14. März und vom 21. März 1962; er kommt in je­dem der fol­gen­den Se­mi­nare dar­auf zu­rück, bis ein­schließ­lich Se­mi­nar 24. Die ge­naue For­mu­lie­rung „le réel c’est l’impossible“ ver­wen­det er erst­mals in Se­mi­nar 12, in der Sit­zung vom 16. Juni 1965. Die De­fi­ni­tion „Das Reale ist das, was nicht auf­hört, nicht ge­schrie­ben zu wer­den“, trägt La­can erst­mals in Se­mi­nar 20 vor, in der Sit­zung vom 13. Fe­bruar 1973, Ver­sion Miller/Haas u. a., S. 65.
  30. Vgl. Seminar 17, Sitzung vom 17. Dezember 1969; Version Miller, S. 38 f.
  31. J. L.: Radiophonie (1970). Übersetzt von Jutta Prasse und Hinrich Lühmann. In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Berlin 1988 S. S.5–54, hier: 49.

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