Lacans Begriffe

Wissen, S2: das Unbewusste

Zeichnung von Jacques Lacan im Brief an Pierre Soury vom 15. 12. 1977Brief von La­can an Pierre Sou­ry vom 15. De­zem­ber 1977, Rück­sei­te, von hier
Der Text lau­tet: „Ap­pel­lez . moi de­main ma­tin à 11 h. si vous le pou­vez“
„Ru­fen Sie . mich mor­gen Vor­mit­tag um 11 Uhr an, falls Sie kön­nen“

Un­ter „Wis­sen“ (sa­voir) ver­steht La­can das Un­be­wuss­te – nicht nur, aber vor al­lem. Da­bei wird das Un­be­wuss­te als Ver­knüp­fung von Si­gni­fi­kan­ten auf­ge­fasst. Die­se Ver­knüp­fung kann die Form der Me­ta­pher (syn­chron) oder der Me­to­ny­mie (dia­chron) an­neh­men und da­mit zwei Ar­ten von Si­gni­fi­kats­ef­fek­ten her­vor­brin­gen – Er­zeu­gung von neu­em Sinn: Me­ta­pher, be­stän­di­ge Ver­schie­bung des Sinns: Me­to­ny­mie.

In den Se­mi­na­ren 21 und 22 gibt La­can zum Wis­sens­be­griff aus­führ­li­che Er­läu­te­run­gen. Ich über­set­ze die wich­tigs­ten Pas­sa­gen – chro­no­lo­gisch ge­ord­net, nach der Sta­fer­la-Edi­ti­on – und er­läu­te­re sie eng am Text. Den Schluss bil­det eine sys­te­ma­ti­sie­ren­de Zu­sam­men­stel­lung.

In­halt

Hintergrund

Ein­ge­führt wird der Be­griff des Un­be­wuss­ten als Wis­sen in Se­mi­nar 12 von 1964/65, Schlüs­sel­pro­ble­me für die Psy­cho­ana­ly­se.

Das Un­be­wuss­te ist ein Wis­sen, von dem das Sub­jekt un­be­stimmt bleibt.“1

War­um spricht La­can statt vom Un­be­wuss­ten vom Wis­sen? Ne­ga­tiv for­mu­liert: weil der Be­griff des Un­be­wuss­ten der Be­wusstseins­phi­lo­so­phie ver­haf­tet ist, ver­mit­tels der Ne­ga­ti­on. Po­si­tiv: weil der Be­griff des Be­wusst­seins ety­mo­lo­gisch auf „wis­sen“ zu­rück­geht, nicht nur im Deut­schen. Das la­tei­ni­sche Wort con­sci­en­tia ist das „Mit-Wis­sen“, eine Über­set­zung des grie­chi­schen Wor­tes syn­ei­de­sis, mit der­sel­ben Be­deu­tung. Au­ßer­dem er­mög­licht der Be­griff des Wis­sens es La­can, das Un­be­wuss­te mit an­de­ren Wis­sens­for­men zu ver­glei­chen.

Für die Psy­cho­ana­ly­se ist das Un­be­wuss­te die ent­schei­den­de Form des Wis­sens; die Ent­de­ckung des Un­be­wuss­ten ver­än­dert ra­di­kal den Be­griff des Wis­sens. (Of­fe­ne Fra­ge: Re­du­ziert sich das Un­be­wuss­te auf das Wis­sen, d.h. auf das ver­dräng­te Un­be­wuss­te? Freud hat­te in Das Ich und das Es da­von ge­spro­chen, dass es ein Un­be­wuss­tes gibt, das nicht auf die Ver­drän­gung zu­rück­geht.)

Sinn

Die Si­gn­fiikan­ten­ver­bin­dung, das Wis­sen, er­zeugt den Sin­n­ef­fekt, auf den bei­den Ach­sen der Me­to­ny­mie (syn­chron) und der Me­ta­pher (dia­chron); in der Me­to­ny­mie ist der Sinn, das Si­gni­fi­kat, das, was be­stän­dig ver­scho­ben wird, in der Me­ta­pher wird neu­er Sinn er­zeugt.2

Im Vor­wort zur deut­schen Aus­ga­be mei­ner aus­ge­wäh­len Schrif­ten schreibt La­can 1973:

Rück­halt aber gibt das Un­be­wuss­te, die Ent­de­ckung Freuds, dass das Un­be­wuss­te ar­bei­tet, ohne hier zu den­ken oder zu rech­nen oder auch zu ur­tei­len, dass aber die Frucht gleich­wohl da ist: ein Wis­sen, bei dem es nur dar­um geht, es zu ent­zif­fern, da es in ei­ner Chif­frie­rung be­steht.“3

Das Un­be­wuss­te qua Wis­sen ist das Er­geb­nis ei­ner Ent­zif­fe­rung, ei­ner Ent­zif­fe­rung des Sinns, von Me­ta­pher und Me­to­ny­mie.

Wis­sen ohne Sub­jekt

Das Un­be­wuss­te ist eine Form des Wis­sens. Das Un­be­wuss­te ist nicht das Sub­jekt. Das Un­be­wuss­te als Wis­sen ist Ge­gen­be­griff zum su­jet sup­po­sé sa­voir, zum Sub­jekt, dem Wis­sen un­ter­stellt wird, zu der Il­lu­si­on, auf der die Über­tra­gung be­ruht.4

In La­cans Zu­sam­men­fas­sung von Se­mi­nar 15 von 1967/68, Der psy­cho­ana­ly­ti­sche Akt, heißt es:

Dass es Un­be­wuss­tes gibt, heißt, dass es Wis­sen ohne Sub­jekt gibt.“5

Das Un­be­wuss­te ist ein Wis­sen ohne Sub­jekt, ein sub­jekt­lo­ses Wis­sen.

In Se­mi­nar 16 von 1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren, sagt La­can, das Un­be­wuss­te ist

ein Wis­sen, von dem das Sub­jekt nichts weiß (un sa­voir à l’insu du su­jet)„6.

S2

Als Sym­bol für das Wis­sen in Se­mi­nar 16 die Zei­chen­fol­ge S2 ein, S In­dex zwei, ein­ge­führt (La­can hat­te die­ses Sym­bol be­reits frü­her ver­wen­det, je­doch nicht für das Un­be­wuss­te als Wis­sen). Der Buch­sta­be S steht für „Si­gni­fi­kant“, die Zif­fer zwei meint, dass es um (min­des­tens) zwei Si­gni­fi­kan­ten geht. S2 ist die Si­gni­fi­kan­ten­ver­knüp­fung.7

Im Sym­bol S2 wird die Si­gni­fi­kan­ten­ver­knüp­fung auf die kleinst­mög­li­che Grö­ße re­du­ziert, auf ein Si­gni­fi­kan­ten­paar. Das un­be­wuss­te Wis­sen be­ruht in­so­fern letzt­lich auf der Be­zie­hung von zwei Si­gni­fi­kan­ten, als bei den Me­cha­nis­men des Un­be­wuss­ten – Ver­dich­tung und Ver­schie­bung bzw. Me­ta­pher und Me­to­ny­mie – min­des­tens zwei Si­gni­fi­kan­ten im Spiel sind (in Freuds Ter­mi­no­lo­gie: zwei Vor­stel­lun­gen), die ent­we­der syn­chron (Me­ta­pher) oder dia­chron (Me­to­ny­mie) mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

Lalan­gue

In Se­mi­nar 20 von 1972/73, En­core, heißt es:

Die­ses Wis­sen, so­fern es im La­ger von lalan­gue ruht, heißt das Un­be­wuß­te.“8

Lalan­ge ist die Spra­che, so­fern sie durch Mehr­deu­tig­kei­ten be­stimmt ist, die auf dem Klang be­ru­hen, im Ge­gen­satz zu lan­ga­ge, der gram­ma­tisch ge­re­gel­ten Spra­che. Das Un­be­wuss­te qua Wis­sen be­ruht auf Lalan­gue. auf ei­nem ein Netz von Si­gni­fi­kan­ten, die durch Äqui­vo­ka­tio­nen und Laut­ähn­lich­kei­ten mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

Ein Wissen, das uns täuscht (13. November 1973)

In der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 21, Les non-du­pes er­rent (1973/74) heißt es:

Wor­auf weist Freud uns hin, durch das Auf­tau­chen des Un­be­wuss­ten?

Dass die Struk­tur – an wel­chem Punkt die­ser an­geb­li­chen Rei­se man auch sein mag [der Rei­se von der Ge­burt zum Tod] (…) –, dass die Struk­tur, d.h. die Be­zie­hung zu ei­nem be­stimm­ten Wis­sen, dass die Struk­tur sich nicht da­von ab­brin­gen lässt.

Und le dé­sir [das Be­geh­ren], wie man un­pas­send über­setzt, ist ganz streng, wäh­rend des ge­sam­ten Le­bens, im­mer das­sel­be.9

Ein­fach durch Be­zie­hun­gen ei­nes be­stimm­ten We­sens in sei­nem Auf­tau­chen, in sei­nem Auf­tau­chen in ei­ner Welt, wo die­ser Dis­kurs be­reits herrscht, hier­durch ist es, was sein Be­geh­ren an­geht, voll­kom­men de­ter­mi­niert, von An­fang bis Ende.

Nur des­halb, weil man nicht mehr der von der Struk­tur Her­ein­ge­leg­te sein will, stellt man sich auf die ver­rück­tes­te Wei­se vor, dass das Le­ben aus ir­gend­wel­chen Ge­gen­sät­zen von Le­bens­trie­ben und To­des­trie­ben ge­wo­ben ist. Das heißt aber im­mer­hin, be­reits ein ganz klein we­nig hö­her zu schwe­ben als der Be­griff, der All­tags­be­griff, der Rei­se.

Die­je­ni­gen, die nicht die vom Un­be­wuss­ten Her­ein­ge­leg­ten sind, d.h. die nicht all ihr Be­mü­hen dar­auf rich­ten, an ihm zu haf­ten, nicht wahr, se­hen das Le­ben nur vom Stand­punkt des via­tor10 aus.“11

Un­ter „Wis­sen“ ver­steht La­can das Un­be­wuss­te – das Un­be­wuss­te als un­ver­än­der­li­che de­ter­mi­nie­ren­de Struk­tur. Das Un­be­wuss­te ist eine be­stimm­te Art des Wis­sens, nicht die ein­zi­ge, aber die­je­ni­ge, die für die Psy­cho­ana­ly­se im Mit­tel­punkt steht.

Es ist un­ver­meid­lich, ein dupe zu sein, ein von ei­nem Dis­kurs „Her­ein­ge­leg­ter“, „Ge­täusch­ter“, „Be­tro­ge­ner“. La­can be­zieht sich da­mit auf den Ti­tel von Se­mi­nar 21, Les non-du­pes er­rent, „Die Nicht-Her­ein­ge­leg­ten ir­ren“ (laut­gleich mit Les noms du père, „Die Na­men des Va­ters“). Je­der Dis­kurs be­ruht auf be­stimm­ten Re­geln, die ei­nen zum „Her­ein­ge­leg­ten“ die­ses Dis­kur­ses ma­chen. Wer nicht das Spiel ei­nes be­stimm­ten Dis­kur­ses spielt, wer kein vom Dis­kurs Her­ein­ge­leg­ter sein will, wer sich nicht strikt an das hält, was ein be­stimm­ter Dis­kurs ihm lie­fert, wer die Wahr­heit mehr als nur halb­sa­gen will, wer also ein Welt­bild kon­stru­iert, eine Welt­an­schau­ung, der geht in die Irre.12

Auch im Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se ist man un­ver­meid­lich ein von die­ser Struk­tur Her­ein­ge­leg­ter. In die­sem Dis­kurs klebt man am un­be­wuss­ten Wis­sen.13

Wir sind die von die­sem Wis­sen Ge­täusch­ten – wir sind uns des­sen nicht be­wusst, dass es die­ses Wis­sen ist, das un­se­re Hand­lun­gen be­stimmt.

Aus dem Un-be­wuss­ten oder Unbe-Wuss­ten wird bei La­can das Täusch-Wis­sen, das Wis­sen, das uns dar­über täuscht, dass es uns be­stimmt.

Ein Wissen, das kein Pardon kennt (11. Dezember 1973)

Der Be­griff des Wis­sens steht im Ge­gen­satz zu dem des Nicht­wis­sens.

Was der ana­ly­ti­sche Dis­kurs also ant­wor­tet, ist Fol­gen­des: Das, was Sie tun, ist kei­nes­wegs das Er­geb­nis ei­nes Nicht­wis­sens. Es ist im­mer de­ter­mi­niert, be­reits de­ter­mi­niert durch et­was, das ein Wis­sen ist und das wir als das Un­be­wuss­te be­zeich­nen. Das, was Sie tun, weiß, was Sie sind, es kennt Sie.

Was Sie nicht hin­rei­chend spü­ren – bei ei­ner so zahl­rei­chen Ver­samm­lung kann ich es ja nicht glau­ben –, ist, in­wie­fern die­se Aus­sa­ge et­was Neu­es dar­stellt. Nie­mals hat ein Gro­ßer Kas­per, der sich mit der Fra­ge des Wis­sens be­fasst hat – und Gott weiß, dass ich nicht ohne Un­be­ha­gen auch Pas­cal hier ein­rei­he, der der größ­te Gro­ße Kas­per ist –, nie hat je­mand die­ses Ur­teil ge­wagt, bei dem ich Sie auf Fol­gen­des hin­wei­se: Die Ant­wort des Un­be­wuss­ten ist, dass sie, dass sie das Kein Par­don im­pli­ziert, und zwar ohne mil­dern­de Um­stän­de.

Was Sie tun, ist Wis­sen, völ­lig de­ter­mi­niert. Wo­bei die Tat­sa­che, dass dies durch eine Ar­ti­ku­la­ti­on de­ter­mi­niert ist, die von der vor­an­ge­gan­ge­nen Ge­ne­ra­ti­on ge­tra­gen wird, Sie auf kei­ne Wei­se ent­schul­digt, weil das Sa­gen, das Sa­gen die­ses Wis­sens, es nur zu ei­nem Wis­sen macht, das noch ver­här­te­ter ist, wenn ich so sa­gen kann, an der Gren­ze zu ei­nem zeit­lo­sen Wis­sen.

Die­sen Sinn habe ich aus Freud her­aus­ge­löst, da er es sagt. Er sagt es mit sei­nem ge­sam­ten Werk.

Wenn ich Sie bit­te, mich nicht zu ver­ste­hen, dann se­hen Sie, dass es et­was gibt. Aber ich kann nichts tun, als dies im Sa­gen von Freud zu ver­ste­hen, weil es nichts gibt, nichts zu tun gibt, als die Fol­gen ge­wäh­ren zu las­sen.“14

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist ein Wis­sen-über-et­was, ein Wis­sen über das Sub­jekt, über sein Be­geh­ren.

Wenn Pas­cal von der „na­tür­li­chen Un­wis­sen­heit“ spricht, irrt er sich. Das Han­deln wird nie durch ein Nicht­wis­sen be­stimmt, son­dern im­mer durch ein Wis­sen.

Die­ses Wis­sen ist von der vor­her­ge­hen­den Ge­ne­ra­ti­on über­lie­fert wor­den. La­cans For­mel hier­für ist „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren“ (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Das un­be­wuss­te Wis­sen kennt kein Par­don. Zwar ist es uns von un­se­ren El­tern und Groß­el­tern wei­ter­ge­ge­ben wor­den und es hat de­ter­mi­nie­ren­den Cha­rak­ter, aber das ver­min­dert kei­nes­wegs un­ser Schuld­ge­fühl. La­can stützt sich hier auf Freuds Theo­rem des „un­be­wuss­ten Schuld­ge­fühls“ bzw. des „mo­ra­li­schen Ma­so­chis­mus“.15

Ein Wissen im Realen (12. Februar 1974)

Das un­be­wuss­te Wis­sen äh­nelt der Lo­gik.

Es wird S2 ge­ben, S In­dex 2, zwei S, zwei Si­gni­fi­kan­ten groß S, die sich ein­prä­gen wer­den und die ge­ben wer­den, auf dem Weg des rei­nen Zu­falls, näm­lich des­sen, was in den Be­zie­hun­gen zu den­je­ni­gen, die da wa­ren, um das zu be­auf­sich­ti­gen, was man sei­ne Er­zie­hung nennt, sei­ne Bil­dung, was in die­sen Be­zie­hun­gen vor al­lem nicht ge­stimmt hat. Dar­in wird sich die­ses Wis­sen bil­den, die­ses un­zer­stör­ba­re und zu­gleich ab­so­lut nicht sub­jek­ti­vier­te Wis­sen. Es wird sich die­ses rea­le Wis­sen bil­den, ir­gend­wo da ein­ge­prägt, ein­ge­prägt ganz wie bei Aris­to­te­les das Al­pha, das Beta und das Gam­ma. Und dies ist das, was das Un­be­wuss­te sein wird. Und et­was an­de­res wird es nicht ge­ben, wie das die Per­son sag­te, die durch den Zoll ging und sag­te: ‚Das ist Fut­ter für mei­ne Zie­ge‘, wor­auf­hin der Zöll­ner ihr sag­te: ‚Hö­ren Sie, das ist aber er­staun­lich, das sind doch Ho­sen­trä­ger!‘ und die­se Per­son er­wi­der­te: ‚Naja, so ist das halt. Wenn sie das nicht kriegt, hat sie gar nichts.‘ Für das un­be­wuss­te Wis­sen gilt aber das­sel­be: Als Wahr­heit wird es nichts an­de­res ha­ben als die­se Ho­sen­trä­ger.

Das un­be­wuss­te Wis­sen, dar­um geht es, um die Ver­bin­dung her­zu­stel­len, da­mit dem Wahr-Sa­gen et­was ge­lingt, d.h. dass es ihm ge­lingt, sich ir­gend­wo Ge­hör zu ver­schaf­fen, um für die Ab­we­sen­heit je­den Ver­hält­nis­ses zwi­schen dem Mann und ei­ner Frau – Frau­en, nicht al­len Frau­en – ei­nen Er­satz zu schaf­fen.

Da ist der Ab­stand, der Un­ter­schied zwi­schen dem Wahr-Sa­gen und der Wis­sen­schaft des Rea­len. Des­halb sind wir, was die Be­hand­lung des Un­be­wuss­ten an­geht, sehr viel nä­her bei den Ma­ni­pu­la­tio­nen der Lo­gik als bei ir­gend­et­was an­de­rem, denn das ge­hört zur sel­ben Ord­nung. Es ge­hört zur Ord­nung des Ge­schrie­be­nen, wor­auf ich Sie an an­de­rer Stel­le hin­ge­wie­sen habe.

Der gro­ße Weg­be­rei­ter des ana­ly­ti­schen Dis­kur­ses, Freud selbst, hat das nicht eli­mi­nie­ren kön­nen. Denn wenn er sei­ne klei­nen Sche­ma­ta lie­fert, nicht wahr, in sei­nem Ent­wurf, die­je­ni­gen, mit de­nen er zu be­grei­fen ver­such­te, was das wohl sein moch­te, das Wis­sen der Hys­te­ri­ke­rin, nun, was macht er? Er macht ge­nau nichts an­de­res als dies, näm­lich die­se klei­nen Punk­te und die­se klei­nen Pfei­le, die­se For­men von Ge­schrie­be­nem, mit de­nen er Re­chen­schaft ab­legt, Re­chen­schaft ab­zu­le­gen glaubt über et­was, was so alt war wie die Welt, näm­lich die Ana­mne­se. Es ist of­fen­kun­dig, dass man die Ana­mne­se seit lan­gem als eine Mar­kie­rung auf­fasst, als eine Ein­prä­gung, man muss aber auch sa­gen, dass das ab­so­lut ver­schwom­men ist, un­ge­nü­gend. Da be­kräf­tigt der lie­be Freud in ge­wis­ser Wei­se, dass es das ist, wor­um es geht, wenn es um das Rea­le geht, dass es sich um et­was han­delt, was ge­schrie­ben wird, et­was, was ge­schrie­ben wird, und dass es dar­um geht, es zu le­sen, es zu le­sen, in­dem man es ent­zif­fert.“16

Das un­be­wuss­te Wis­sen, S2, ist eine Si­gni­fi­kan­ten­ver­bin­dung, es wird dar­ge­stellt durch S2, die Ver­bin­dung zwei­er Si­gni­fi­kan­ten.

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist nicht sub­jek­ti­viert und es ist un­zer­stör­bar. Es prägt sich auf dem Weg des rei­nen Zu­falls ein, aus­ge­hend von Un­stim­mig­kei­ten in den Be­zie­hun­gen zu den El­tern, den Er­zie­hern.

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist ein „rea­les Wis­sen“, das heißt wohl: ein Wis­sen im Rea­len. Als Wis­sen im Rea­len hat es ei­nen ähn­li­chen Cha­rak­ter wie die Buch­sta­ben­be­zie­hun­gen in der Lo­gik des Aris­to­te­les. (Ge­meint ist bei­spiels­wei­se: Wenn gilt: alle A sind B, und wenn gilt: C ist ein A, dann gilt auch: C ist B.) Letzt­lich – aber nur letzt­lich – geht es beim Un­be­wuss­ten um Be­zie­hun­gen jen­seits des Sinns.

Es gibt hier eine Dis­kre­panz zwi­schen der Be­zie­hung zum Wah­ren und der zum Rea­len. Das Sub­jekt sucht das Wah­re, es zielt auf das „Wahr-Sa­gen“, auf das Auf­de­cken ei­nes ver­bor­ge­nen Sinns, und zwar des­halb, um für die Ab­we­sen­heit des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses ei­nen Er­satz zu schaf­fen.

Das, was es in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se letzt­lich be­kommt, ist et­was an­de­res, näm­lich die „Wis­sen­schaft des Rea­len“, Be­zie­hun­gen zwi­schen „Buch­sta­ben“. Dies ist ein Wis­sen, das nicht auf der Ebe­ne des Sinns und der Wahr­heit sub­jek­ti­viert wer­den kann, son­dern das nur ge­schrie­ben wer­den kann.

Freud - Diagramm aus Entwurf (zu Jacques Lacan, Begriff des Wissens)

Freud, „Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie“ (1895), Ana­mne­se ei­ner Hys­te­rie

Das zeigt sich be­reits bei Freud im Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895) – die Ana­mne­se ei­ner Hys­te­rie wird hier durch Punk­te und Pfei­le dar­ge­stellt, also ge­schrie­ben.17 Das Sche­ma stellt üb­ri­gens, Freud zu­fol­ge, un­ter an­de­rem ei­nen Schluss dar, eine lo­gi­sche Schluss­fol­ge­rung. „Der Schluß, nicht al­lein im La­den zu blei­ben we­gen At­ten­tats­ge­fahr, ist ganz kor­rekt ge­bil­det, mit Rück­sicht auf alle Stü­cke des As­so­zia­ti­ons­vor­gan­ges.“ 18

Ein Be­zug zum Rea­len ist mög­lich, aber nicht auf der Ebe­ne des Sinns (des Wah­ren), son­dern nur durch das Ge­schrie­be­ne, duch das Ge­schrie­be­ne, das man ent­zif­fert, durch eine Lo­gik.

Ein Wissen ohne ein ordnendes Subjekt (21. Mai 1974)

Es geht dar­um zu wis­sen, was sind zwei Per­so­nen, wie man sagt, d.h. zwei Tie­re, die von ei­ner po­li­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on aus ver­or­tet sind, die sehr ge­nau durch das be­zeich­net wird, was ich ei­nen Dis­kurs ge­nannt habe, es geht dar­um zu wis­sen, was das Sa­gen (dire) ei­nes ri­tua­li­sier­ten Aus­tauschs von Wor­ten (pa­ro­les) ist und das, was man nennt, das, wo­von an­ge­nom­men wird, dass es bei die­ser Übung im Spiel ist, näm­lich das Un­be­wuss­te.

Hier ver­su­che ich Ih­nen zu sa­gen: es gibt Wis­sen im Rea­len, wel­ches funk­tio­niert, ohne das wir wis­sen könn­ten, wie die Ar­ti­ku­la­ti­on in dem her­ge­stellt wird, was wir ge­wöhnt sind, sich rea­li­sie­ren zu se­hen.

Ist es das, wor­um es geht, und dass wir die­se An­nah­me zu­las­sen soll­ten, nicht wahr, dass es von ei­nem ord­nen­den Den­ken ab­hän­gig ist? Das ist die Po­si­ti­on, die von Re­li­gi­on und Me­ta­phy­sik be­zo­gen wird, die in die­ser Hin­sicht auf der­sel­ben Sei­te ste­hen – bei den Un­ter­stel­lun­gen, die sie dem Sein zu­ord­nen, rei­chen sie sich die Hand.

Ich möch­te Fol­gen­des sa­gen: Das un­be­wuss­te Wis­sen, das­je­ni­ge, das Freud an­nimmt, un­ter­schei­det sich von die­sem Wis­sen im Rea­len, das so ist, dass, wie auch im­mer es sein mag, so­gar die Wis­sen­schaft dazu ge­langt, es, die­ses Wis­sen, vor­se­hend (pro­vi­den­tiel) zu ma­chen, d.h. dass et­was, ein Sub­jekt, sei­ne Har­mo­nie si­chert. Was Freud vor­bringt – aber das ist, ne­ben­bei be­merkt, nicht al­les –, das ist dies, dass es nicht vor­se­hend ist, dass es dra­ma­tisch ist, aus et­was ge­macht, was von ei­nem Feh­ler im Sein aus­geht, von ei­ner Dy­s­har­mo­nie zwi­schen Den­ken und Welt. Und dass die­ses Wis­sen den Kern des­sen aus­macht, was wir als Ex-sis­tenz be­zeich­nen, da es von au­ßen in­sis­tiert, und da es stö­rend ist.

In die­sem Sin­ne zeigt sich das se­xu­el­le Ver­hält­nis – bei dem We­sen, das ich nicht als ein­zi­ger als Sprech­we­sen be­zeich­ne, nicht wahr –, zeigt es sich als ge­stört. Dies im Ge­gen­satz zu all dem, was sich bei den an­de­ren Le­be­we­sen ab­zu­spie­len scheint. Von da­her kommt so­gar die Un­ter­schei­dung zwi­schen Na­tur und Kul­tur. Und die­se Na­tur müs­sen wir hier sehr ge­nau, wenn ich so sa­gen kann, als gar nicht so na­tür­lich cha­rak­te­ri­sie­ren.

Denn von da, wo wir le­ben, nö­tigt die Na­tur sich nicht auf; das, was sich uns auf­nö­tigt, ist ein an­de­rer Mo­dus, ein an­de­rer Mo­dus des Wis­sens, ein Wis­sen, das auf kei­ne Wei­se ei­nem Sub­jekt zu­ge­schrie­ben wer­den kann, das die Ord­nung über­wa­chen wür­de, das die Har­mo­nie über­wa­chen wür­de. Und des­halb gab es an­fangs, in mei­nen ers­ten Aus­sa­gen zur Cha­rak­te­ri­sie­rung des Freud­schen Un­be­wuss­ten, eine For­mel, die ich vor­ge­bracht habe, auf die ich mehr­mals zu­rück­ge­kom­men bin, die ich in Sain­te-Anne vor­ge­bracht habe, näm­lich fol­gen­de: ‚Gott glaubt nicht an Gott‘. Zu sa­gen ‚Gott glaubt nicht an Gott‘ heißt, ex­akt das­sel­be zu sa­gen, wie wenn man sagt ‚ʼs gibt Un­be­wuss­tes‘. Na­tür­lich, an­ge­sichts der Ord­nung der Zu­hö­rer­schaft, nicht wahr, die ich da­mals hat­te, näm­lich der Psy­cho­ana­ly­ti­ker, wie sie sich da­mals dar­stel­len konn­ten, hat­te das kei­ner­lei Wir­kung. Das hat­te kei­ner­lei Wir­kung au­ßer der, dass sie mir die Fra­ge stell­ten, ob ich denn dar­an glaub­te. Seit­her gibt es je­man­den, der mich da­durch de­fi­niert hat, dass er sag­te, ich sei je­mand, der glaub­te, er wäre La­can, nicht wahr, das war die Art, wie ich selbst Na­po­le­on de­fi­niert hat­te, aber be­zo­gen auf das Ende sei­nes Le­bens, in dem Au­gen­blick, in dem er letzt­lich, mein Gott, ver­rückt war, nicht wahr. Denn an sei­nen ei­ge­nen Na­men zu glau­ben, naja, das ist eben die De­fi­ni­ti­on da­von. Gut. Im Ge­gen­satz zu dem, was be­sag­ter Ga­bri­el Mar­cel sich vor­stell­te, glau­be ich nicht an La­can. Aber ich stel­le die Fra­ge, ob es nicht eine stren­ge Kon­sis­tenz gibt zwi­schen dem, was Freud vor­bringt, dar­über, was das Un­be­wuss­te ist, und der Tat­sa­che, dass es, was Gott an­geht, nie­man­den gibt, um dar­an zu glau­ben, vor al­lem nicht er selbst, denn eben dar­in be­steht das Wis­sen des Un­be­wuss­ten.

Das Wis­sen des Un­be­wuss­ten ist das ge­naue Ge­gen­teil des In­stinkts, d.h. des­sen, wo­von nicht nur die Idee der Na­tur, son­dern jede Idee ei­ner Har­mo­nie ge­lenkt wird. In­so­fern gibt es ir­gend­wo die­se Kluft, die zur Fol­ge hat, dass uns die na­tür­lichs­te Sa­che, wenn man so sa­gen kann, die­je­ni­ge, die uns von un­se­ren Ge­sichts­punkt aus er­scheint, wenn wir was be­trach­ten? wenn wir Tie­re be­trach­ten, also völ­lig an­de­re, Ge­gen­stän­de in der Welt, dass wir dar­über all die Ex­tra­po­la­tio­nen vor­neh­men, die uns mög­lich sind. Was wir kon­sta­tie­ren, ist et­was, was zwi­schen zwei Kör­pern et­was zu ma­chen scheint, was un­be­streit­bar bei den meis­ten Ar­ten üb­ri­gens völ­lig an­ders ist, dass die Be­zie­hung des männ­lich ge­nann­ten Kör­pers zu dem, der als weib­lich auf­ge­fasst wird, näm­lich dass es ins­ge­samt zwi­schen die­sen bei­den Kör­pern, möch­te ich sa­gen, sehr we­nig Ähn­lich­keit gibt, wäh­rend es bei den Tie­ren er­staun­lich ist, bis zu wel­chem Punkt das Männ­chen und das Weib­chen – sa­gen wir das Wort, um schnell vor­an­zu­kom­men und um mei­nen Ge­dan­ken an­zu­zei­gen – nar­ziss­tisch sind.“19

Wor­te wer­den im Rah­men von Dis­kur­sen aus­ge­tauscht, wo­bei un­ter ei­nem Dis­kurs hier das so­zia­le Band zu ver­ste­hen ist, wie La­can es in Se­mi­nar 17 de­fi­niert hat­te (Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, 1969/70). Beim Aus­tausch der Wor­te im Rah­men von Dis­kur­sen ist das Un­be­wuss­te im Spiel.

Das Un­be­wuss­te ist ein Wis­sen im Rea­len, d.h. ein Wis­sen, das funk­tio­niert, ohne dass wir mit un­se­rem ge­wöhn­li­chen (sinn­ori­en­tier­ten) Wis­sen er­fas­sen kön­nen, wie es funk­tio­niert.

Re­li­gi­on und Me­ta­phy­sik neh­men an, dass das Wis­sen im Rea­len auf ei­nem ord­nen­den, ei­nem har­mo­ni­sie­ren­den, ei­nem für­sorg­li­chen, „pro­vi­den­ti­el­len“ Den­ken be­ruht. Dies setzt vor­aus, dass es ein Sub­jekt gibt, das die Har­mo­nie die­ses Wis­sens si­chert.

Das Wis­sen im Rea­len, mit dem die Psy­cho­ana­ly­se es zu tun hat, also das Un­be­wuss­te, ist von an­de­rer Art. Es ist nicht har­mo­nisch und se­gens­reich, son­dern dra­ma­tisch und stö­rend. Es be­ruht auf ei­nem „Feh­ler im Sein“, auf ei­ner Dy­s­har­mo­nie zwi­schen Den­ken und Welt. Es in­sis­tiert stö­rend von au­ßen und bil­det in­so­fern den Kern der „Ex-sis­tenz“ – die Exis­tenz ist Ex-sis­tenz, eine Be­zie­hung, die be­stimmt ist durch die In­ter­ven­ti­on von et­was, was von au­ßen kommt.

Das un­be­wuss­te Wis­sen im Rea­len geht da­mit ein­her, dass beim Sprech­we­sen – also beim Men­schen – das se­xu­el­le Ver­hält­nis grund­le­gend ge­stört ist. Das Na­tür­li­che – das se­xu­el­le An­ge­zo­gen­sein von Män­nern durch Frau­en und von Frau­en durch Män­ner – ist beim Sprech­we­sen nicht na­tür­lich; dar­auf be­ruht die Un­ter­schei­dung von Na­tur und Kul­tur, wie La­can hier, auf Lévi-Strauss an­spie­lend, sagt.20

Das Un­be­wuss­te ist ein Wis­sen im Rea­len, das auf kei­ne Wei­se ei­nem har­mo­nie­si­chern­den Sub­jekt zu­ge­schrie­ben wer­den kann. Das habe La­can ge­meint, sagt er, als er frü­her ein­mal ver­kün­det hat­te: „Gott glaubt nicht an Gott.“21 Das un­be­wuss­te Wis­sen zeich­net sich da­durch aus, dass es nie­man­den gibt, der dar­an glaubt.

Die Vor­stel­lung von der har­mo­ni­schen Ord­nung des Wis­sens im Rea­len liegt dem In­stinkt­be­griff zu­grun­de. Das un­be­wuss­te Wis­sen ist kein In­stinkt, son­dern das Ge­gen­teil ei­nes In­stinkts. Des­we­gen ist die Se­xua­li­tät bei den an­de­ren Tie­ren völ­lig an­ders als beim Men­schen. Bei den nicht-mensch­li­chen Tie­ren ba­siert das se­xu­el­le Ver­hält­nis zwi­schen Männ­chen und Weib­chen auf Nar­ziss­mus – das In­stinkt­ver­hal­ten ist bild­ge­steu­ert. Beim Sprech­we­sen hin­ge­gen be­ruht die Be­zie­hung des männ­li­chen Kör­pers zum weib­li­chen Kör­per kei­nes­wegs auf Ähn­lich­keit.

Ein Wissen, zu dem die Schrift einen Zugang bahnt (11. Juni 1974)

In der der letz­ten Sit­zung von Se­mi­nar 21 er­klärt La­can:

Also an­de­rer­seits, ra­ten Sie mal, Sie kön­nen sich nicht vor­stel­len, wo­mit ich mei­ne Zeit ver­lo­ren habe, letzt­lich ver­lo­ren, ja ver­lo­ren, wo­mit ich teil­wei­se mei­ne Zeit ver­lo­ren habe, seit ich Sie hier ver­sam­melt ge­se­hen habe, ra­ten Sie mal: Ich war in Mai­land auf ei­nem Se­mio­tik-Kon­gress.

Das ist au­ßer­ge­wöhn­lich, das ist au­ßer­ge­wöhn­lich, und si­cher­lich hat mir das ein we­nig die Spra­che ver­schla­gen. Das hat mir in­so­fern ein we­nig die Spra­che ver­schla­gen, als es sehr schwie­rig ist, die Se­mio­tik spe­zi­ell in uni­ver­si­tä­rer Per­spek­ti­ve an­zu­ge­hen. Aber schließ­lich hat mich eben die­ses Feh­len, das ich dort, wenn ich so sa­gen darf, ver­wirk­licht habe, auf mich selbst zu­rück­ge­wor­fen, wenn ich so sa­gen darf, ich mei­ne, es hat da­für ge­sorgt, dass mir klar­ge­wor­den ist, dass es sehr schwie­rig ist, die Se­mio­tik an­zu­ge­hen. Na­tür­lich habe ich nicht pro­tes­tiert, denn ich bin, eben­so wie hier, sehr freund­lich auf­ge­nom­men wor­den, und ich sehe nicht, war­um ich die­sen Kon­gress da­durch hät­te stö­ren sol­len, dass ich ge­sagt hät­te, das Sem kann nicht ein­fach so an­ge­gan­gen wer­den, aus­ge­hend von ei­ner be­stimm­ten Idee des Wis­sens, ei­ner be­stimm­ten Idee des Wis­sens, die al­les in al­lem an der Uni­ver­si­tät nicht sehr gut ver­or­tet ist.

Aber ich habe dar­über nach­ge­dacht, und es gibt da­für Grün­de, die viel­leicht ge­ra­de der Tat­sa­che ge­schul­det sind, dass das Wis­sen ‚Der Frau‘ – denn so habe ich die Uni­ver­si­tät ver­or­tet –, dass das Wis­sen ‚Der Frau‘ viel­leicht nicht ganz das­sel­be ist wie das Wis­sen, mit dem wir uns hier be­schäf­ti­gen.

Das Wis­sen, mit dem wir uns hier be­schäf­ti­gen, ich glau­be, ich habe es Sie spü­ren las­sen, das ist das Wis­sen, aus dem das Un­be­wuss­te be­steht, und ins­ge­samt möch­te ich da­mit die­ses Jahr schlie­ßen. Ich habe ins­ge­samt nie­mals, ich habe mich nie­mals mit et­was an­de­rem be­fasst als da­mit, was es mit die­sem Wis­sen auf sich hat, das als un­be­wusst be­zeich­net wird.

Wenn ich bei­spiels­wei­se den Ak­zent auf das Wis­sen in­so­fern ge­setzt habe, als der Dis­kurs der Wis­sen­schaft es im Rea­len ver­or­ten kann, dann ist Fol­gen­des ein­zig­ar­tig und et­was, wo­von ich glau­be, hier in ge­wis­ser Wei­se die Sack­gas­se ar­ti­ku­liert zu ha­ben, fol­gen­de Sack­gas­se –; wo­bei man über New­ton her­ge­fal­len ist, weil er – in­dem er kei­ne Hy­po­the­se auf­stell­te, kei­ne Hy­po­the­se –, weil er die Sa­che wis­sen­schaft­lich ar­ti­ku­liert hat, nun, er war ja un­fä­hig, au­ßer na­tür­lich dazu, dass man es ihm vor­wirft, er war ja un­fä­hig zu sa­gen, wo die­ses Wis­sen zu ver­or­ten ist, die­ses Wis­sen, dem es zu ver­dan­ken ist, dass der Him­mel sich in eben der Ord­nung be­wegt, die be­kannt ist, d.h. auf der Grund­la­ge der Schwer­kraft.

Wenn ich die­ses Merk­mal ei­nes be­stimm­ten Wis­sens her­vor­ge­ho­ben habe: im Rea­len, dann kann das als et­was er­schei­nen, was die Fra­ge ver­fehlt, in dem Sin­ne, dass das un­be­wuss­te Wis­sen ein Wis­sen ist, mit dem wir es zu tun ha­ben. Und in die­sem Sin­ne kann man von ihm sa­gen, dass es im Rea­len ist.

Das ist das, wo­mit ich Sie die­ses Jahr zu un­ter­stüt­zen ver­su­che, mit die­ser Stüt­ze ei­ner Schrift, ei­ner Schrift, die nicht leicht ist, da es ja die ist, mit der Sie mich mehr oder we­ni­ger ge­schickt an der Ta­fel ha­ben um­ge­hen se­hen, in Form des bor­ro­mäi­schen Kno­tens, und da­mit möch­te ich die­ses Jahr schlie­ßen. Dies, um auf die­ses Wis­sen zu­rück­zu­kom­men und um zu sa­gen, wie es sich dar­stellt, ich möch­te nicht sa­gen: ganz im Rea­len, son­dern: auf dem Weg, der uns zum Rea­len führt.“22

Das Sem – das Be­deu­tungs­ele­ment der Se­mio­tik – kann nicht ohne wei­te­res von ei­nem Wis­sens­be­griff aus an­ge­gan­gen wer­den, der an die Uni­ver­si­tät ge­bun­den ist. Das Wis­sen, um das es im Dis­kurs der Uni­ver­si­tät geht, ist das Wis­sen „Der Frau“, wie La­can sagt. „Gott“ ist ein an­de­rer Name für „Die Frau“, sagt La­can, das Wis­sen „Der Frau“ ist ein gött­li­ches Wis­sen, ein Wis­sen, das für eine um­fas­sen­de Ord­nung sorgt.

Das uni­ver­si­tä­re Wis­sens ist nicht das­sel­be wie das Wis­sen, auf das sich der Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se be­zieht, es ist an­ders ver­fasst als das Wis­sen, aus dem das Un­be­wuss­te be­steht.

Jacques Lacan, die vier Diskurse, kreisförmig angeordnet

Sche­ma der vier Dis­kur­se aus „Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se“ (1969/70)

La­can spielt hier auf sein Kon­zept der vier Dis­kur­se an, das er in Se­mi­nar 17 von 1969/70 ent­wi­ckelt hat­te, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se. Im Dis­kurs der Uni­ver­si­tät ist das Wis­sen, S2, links oben ver­or­tet, am Platz des Agen­ten bzw. des Scheins; im Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se fin­det man es links un­ten, am Platz der Wahr­heit.

Die­ses un­be­wuss­te Wis­sen, sagt La­can, sei im­mer sein ein­zi­ges The­ma ge­we­sen.

Er cha­rak­te­ri­siert die­ses Wis­sen da­durch, dass es ein Wis­sen im Rea­len ist. Da­bei be­zieht er sich auf die neu­zeit­li­che Wis­sen­schaft. Wo­her wis­sen denn die Teil­chen, so hat­te man New­ton ge­fragt, in wel­cher Ent­fer­nung sie sich von den an­de­ren be­fin­den?23 Die For­meln der Phy­sik be­zie­hen sich auf ein Wis­sen im Rea­len, auf eine Art Un­be­wuss­tes – ein Wis­sen, das die Be­we­gung der Teil­chen de­ter­mi­niert, von dem sie aber nichts wis­sen. New­ton hat­te die­se Fra­ge nicht be­ant­wor­tet – „Hy­po­the­ses non fin­go“, lau­tet sein be­rühm­ter Satz, „Ich fin­gie­re kei­ne Hy­po­the­sen“.

La­can folgt der Wis­sen­schaft in­so­fern, als auch er an­nimmt, dass es ein Wis­sen im Rea­len gibt: Das Un­be­wuss­te ist ein Wis­sen im Rea­len, in et­was, was nicht sym­bo­li­siert wer­den kann.

Auf wel­che Wei­se ist eine Be­zie­hung zum Wis­sen im Rea­len mög­lich? Durch die Schrift, jen­seits des Sinns. Eben dazu die­nen ihm die Zeich­nun­gen des bor­ro­mäi­sche Kno­tens, bes­ser ge­sagt, der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung. Die­se Ver­schlin­gung ist im drei­di­men­sio­na­len Raum an­ge­sie­delt, sie kann aber auf theo­re­ti­sche Wei­se nur mit­hil­fe von zwei­di­men­sio­na­len Dia­gram­men an­ge­gan­gen wer­den, das heißt ver­mit­tels der Schrift. Die Schrift ist der Weg, der zum Rea­len führt.

Et­was spä­ter heißt es:

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, Das Ich und das Es, 1923 (zu Jacques Lacan, Wissen)

Freuds zeich­ne­ri­sche Dar­stel­lung der zwei­ten To­pik in „Das Ich und das Es“ (1923)

Es gibt ei­nen Mo­ment, da über­ar­bei­tet Freud sei­ne ge­sam­te To­pik, wie man sagt, nicht wahr. Es gibt die be­rühm­te zwei­te To­pik, die ein­fach eine Schrift ist, die nichts an­de­res ist als et­was, was die Ge­stalt von ei­nem Ei hat, die Ge­stalt ei­nes Eis, die nun wirk­lich um so er­staun­li­cher an­zu­se­hen ist, die­se Ge­stalt des Eis, als das, was hier als das Ich ver­or­tet wird, an den Platz ge­langt, an dem auf ei­nem Ei oder ge­nau­er auf sei­nem Dot­ter, auf dem, was man den Vitel­lus nennt, der Ort des Em­bryo­nal­punkts ist. Das ist of­fen­kun­dig merk­wür­dig, das ist of­fen­kun­dig sehr merk­wür­dig, und da­mit wird die Funk­ti­on des Ichs an die­je­ni­ge an­ge­nä­hert, in der sich ins­ge­samt ein Kör­per ent­wi­ckelt, ein Kör­per, bei dem ein­zig die Ent­wick­lung der Bio­lo­gie uns ge­stat­tet, in den ers­ten For­men der Mo­ru­la, in den ers­ten Gastru­la­tio­nen usw. die Art und Wei­se zu ver­or­ten, in der er sich formt.

Aber da die­ser Kör­per, und dar­in be­steht sie, die­se zwei­te To­pik von Freud, da die­ser Kör­per in ei­ner Be­zie­hung zum Es ver­or­tet ist, zum Es, das eine au­ßer­ge­wöhn­lich kon­fu­se Idee ist –; wie Freud das ar­ti­ku­liert, ist das Es ein Ort, ein Ort der Stil­le, das ist das, was er haupt­säch­lich dar­über sagt.

Aber wenn er es so ar­ti­ku­liert, be­zeich­net er da­mit nur, dass das, wo­von an­ge­nom­men wird, dass es das Es ist, dass dies das Un­be­wuss­te ist, wenn es schweigt. Die­se Stil­le ist ein Schwei­gen. Und das ist hier kei­nes­wegs nichts, das ist si­cher­lich eine Be­mü­hung, eine Be­mü­hung in dem Sinn, in ei­nem Sinn, der im Ver­hält­nis zu sei­ner ers­ten Ent­de­ckung viel­leicht ein we­nig re­gres­siv ist, in dem Sinn, sa­gen wir, den Platz des Un­be­wuss­ten zu mar­kie­ren. Er sagt üb­ri­gens nicht, was das ist, die­ses Un­be­wuss­te, an­ders ge­sagt, wozu es dient. Dort schweigt es, es ist der Platz der Stil­le.

Es steht au­ßer Zwei­fel, dass hier­durch der Kör­per ver­kom­pli­ziert wird, der Kör­per, in­so­fern er in die­sem Sche­ma vom Ich re­prä­sen­tiert wird, vom Ich, das in die­ser Schrift als ein Ei dar­ge­stellt wird. Ist das Ich der Kör­per? Was es schwie­rig macht, das Ich auf das Funk­tio­nie­ren des Kör­pers zu re­du­zie­ren, ist ge­nau Fol­gen­des, näm­lich dass in die­sem Sche­ma in Be­zug auf das Ich an­ge­nom­men wird, dass es sich nur auf der Grund­la­ge die­ses Wis­sens ent­wi­ckelt – des Wis­sens, in­so­fern es schweigt – und dass es von dort das be­zieht, was man wohl sei­ne Nah­rung nen­nen muss.

Ich wie­der­ho­le es für Sie. Es ist schwie­rig, mit die­ser zwei­ten To­pik ganz zu­frie­den zu sein, weil das, was ge­schieht, wo­mit wir es in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Pra­xis zu tun ha­ben, weil das et­was ist, was sich auf eine völ­lig an­de­re Wei­se dar­zu­stel­len scheint. Das heißt, dass die­ses Un­be­wuss­te, im Ver­hält­nis zu dem, was das Ich mit der Welt so gut ver­kop­peln wür­de – den Kör­per mit dem, was ihn um­gibt, das, was ihn in die­se Art Ver­hält­nis ein­ord­nen wür­de, das man hart­nä­ckig als na­tür­lich be­trach­ten will –, im Ver­hält­nis hier­zu stellt sich die­ses Un­be­wuss­te als et­was dar, was von die­ser Har­mo­nie we­sent­lich ver­schie­den ist, dis­har­mo­nisch, um es klar zu sa­gen; ich plat­ze so­fort da­mit her­aus, und war­um nicht, dar­auf muss man den Ak­zent set­zen.

Das Ver­hält­nis zur Welt ist si­cher­lich – wenn wir ihm den Sinn ge­ben, die­sen ef­fek­ti­ven Sinn, den es in der Pra­xis hat –, ist et­was, bei dem man nicht an­ders kann als so­fort zu spü­ren, dass – im Ver­hält­nis zu die­ser in ge­wis­ser Wei­se ganz ein­fa­chen Vor­stel­lung vom Aus­tausch mit der Um­welt –, dass die­ses Un­be­wuss­te pa­ra­si­tär ist. Es ist ein Pa­ra­sit, bei dem es scheint, dass eine ganz be­stimm­te Art sich da­mit sehr gut ar­ran­giert, al­ler­dings nur in dem Maße, wie sie da­von nicht die­je­ni­gen Wir­kun­gen ver­spürt, die man wohl als das be­nen­nen muss, be­zeich­nen muss, was sie sind, näm­lich als pa­tho­gen. Ich will sa­gen, dass die­ses glück­li­che Ver­hält­nis, die­ses vor­geb­lich har­mo­ni­sche Ver­hält­nis zwi­schen dem, was lebt, und dem, wo­von es um­ge­ben ist, dass es ge­stört ist durch das In­sis­tie­ren die­ses Wis­sens, die­ses zwei­fel­los ver­erb­ten Wis­sens, es ist kein Zu­fall, dass es da ist, es ist kein Zu­fall, dass es da ist. Und die­ses Sprech­we­sen, um es so zu nen­nen, wie ich es nen­ne, die­ses Sprech­we­sen be­wohnt das Wis­sen, aber es be­wohnt es nicht ohne al­ler­lei Be­schwer­lich­kei­ten.“24

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (zu Jacques Lacan, Wissn)

Freuds zeich­ne­ri­sche Dar­stel­lung der zwei­ten To­pik in „Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se“ (1933)

In Das Ich und das Es (1923) stellt Freud sei­ne so­ge­nann­te zwei­te To­pik vor. Die­se To­pik ist eine Zeich­nung mit Buch­sta­ben­fol­gen und in­so­fern eine Schrift – der Ter­mi­nus „Schrift“ um­fasst hier nicht nur die Buch­sta­ben, son­dern auch die Zeich­nung. Dar­in äh­nelt die zwei­te To­pik La­cans bor­ro­mäi­schem Kno­ten, bei dem es sich eben­falls um eine Kom­bi­na­ti­on von Zeich­nung und Buch­sta­ben han­delt.

In der Neu­en Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933) fin­det man eine zwei­te Ver­si­on die­ses Dia­gramms, in dem auch das Über-Ich sei­nen Platz ge­fun­den hat.

In der zwei­ten To­pik er­scheint das Ich als eine Art Ei, d.h. als eine Art Kör­per.

Die ers­te To­pik be­ruh­te auf dem Un­ter­schied von Be­wuss­tem, Vor­be­wuss­tem und Un­be­wuss­ten; An­lass für den Wech­sel von der ers­ten zur zwei­ten To­pik war die Ent­de­ckung, dass das Ich teil­wei­se un­be­wusst ist. In der ers­ten zeich­ne­ri­schen Dar­stel­lung der zwei­ten To­pik fehlt der Be­griff des Un­be­wuss­ten, in der zwei­ten Ver­si­on ist er ein­ge­tra­gen, zwi­schen dem Ich und dem Es. La­can fragt sich, wie der Be­griff des Un­be­wuss­ten auf das Es zu be­zie­hen ist – wo­mit ver­mut­lich ge­meint ist: auf das Es im Un­ter­schied zum Ich. Sei­ne Ant­wort lau­tet so: das Es ist das Un­be­wuss­te, in­so­fern es stumm ist. Das Un­be­wuss­te ist dem­nach teils spre­chend, teils stumm, und die stum­me Sei­te des Un­be­wuss­ten ist das Es.

In Das Ich und das Es ord­net Freud dem Es zwei Trieb­grup­pen zu, die Le­bens­trie­be, auch Eros ge­nannt, und die To­des­trie­be. Von den Le­bens­trie­be geht der „Lärm des Le­bens“ aus, sagt Freud, wäh­rend man den Ein­druck ge­win­nen müs­se, „dass die To­des­trie­be im we­sent­li­chen stumm sind“.25 La­can re­du­ziert hier also das Es auf den To­des­trieb. Er be­tont, dass die Rede von der „Stumm­heit“ der To­des­trie­be nicht als blo­ße Me­ta­pher zu­rück­zu­wei­sen sei; Freud sei hier auf ei­nem Weg, er er­kun­det das Un­be­wuss­te. Al­ler­dings sei die­ser Weg et­was re­gres­siv, im Ver­hält­nis zur ers­ten Ent­de­ckung des Un­be­wuss­ten – mir ist nicht klar, was hier mit „re­gres­siv“ ge­meint ist.

Ins­ge­samt stellt Freuds Sche­ma dar, dass der Ich-Kör­per sich auf der Grund­la­ge des Es ent­wi­ckelt, d.h. des Un­be­wuss­ten-so­fern-es-schweigt. Das Ich er­nährt sich ge­wis­ser­ma­ßen vom Un­be­wuss­ten-so­fern-es-schweigt. Das heißt aber, dass das Ich nicht auf den Kör­per re­du­ziert wer­den kann.

Das Sche­ma sug­ge­riert, dass der Ich-Kör­per und das Un­be­wuss­te-so­fern-es-schweigt har­mo­nisch mit­ein­an­der ver­bun­den sind. In der psy­cho­ana­ly­ti­schen Pra­xis stellt sich das an­ders dar. Das Un­be­wuss­te er­scheint hier als we­sent­lich dis­har­mo­nisch, als das, was die vor­geb­li­che Har­mo­nie zwi­schen dem Kör­per (dem Ich?) und sei­ner Um­welt stört.

In der Be­zie­hung zwi­schen dem Kör­per und der Welt ist das Un­be­wuss­te ein Pa­ra­sit. Mit die­sem Pa­ra­si­ten kann sich eine be­stimm­te Tier­art – die der Men­schen – ei­ni­ger­ma­ßen ar­ran­gie­ren, al­ler­dings nur, so­lan­ge er nicht pa­tho­gen wird.

Auch hier be­tont La­can, dass das un­be­wuss­te Wis­sen ver­erbt ist, d.h. es wird durch die Ge­ne­ra­tio­nen über­lie­fert, „das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren“.

Und schließ­lich heißt es in der letz­ten Sit­zung von Se­mi­nar 21 über das Wis­sen:

Gut, also das, wo­von man aus­ge­hen muss – Sie se­hen, das zieht sich, es ist spät, gut –, das ist fol­gen­de star­ke Be­haup­tung: dass das Un­be­wuss­te kei­ne Er­kennt­nis (con­nais­sance) ist. Es ist ein Wis­sen, und zwar in­so­fern ein Wis­sen, als ich es durch die Si­gni­fi­kan­ten­ver­bin­dung de­fi­nie­re. Ers­ter Punkt.

Zwei­ter Punkt: es ist ein dis­har­mo­ni­sches Wis­sen, das auf kei­ner­lei Wei­se für eine glück­li­che Ehe sorgt, für eine Ehe, die glück­lich wäre.“26

Es muss [in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Pra­xis] dar­um ge­hen, durch­zu­ar­bei­ten, es dem­je­ni­gen, den ich den Ana­ly­sie­ren­den (l‘analysant) nen­ne, zu er­mög­li­chen, die­ses Wis­sen durch­zu­ar­bei­ten, die­ses un­be­wuss­te Wis­sen, das in ihm ist wie ein Ge­schwür – nicht wie eine Tie­fe, son­dern wie ein Ge­schwür.

Das ist et­was an­de­res, si­cher­lich, das ist et­was an­de­res als die Er­kennt­nis.“27

Das Un­be­wuss­te ist kei­ne Er­kennt­nis (con­nais­sance), son­dern ein Wis­sen (sa­voir). Es ist kei­ne Er­kennt­nis: Es er­mög­licht kei­ne An­pas­sung des Sub­jekts an die Welt.

Ein Wis­sen ist es in­so­fern, als es aus Si­gni­fi­kan­ten­ver­bin­dun­gen be­steht; hier­auf ver­weist das Sym­bol S2, es sym­bo­li­siert die Ver­kopp­lung von zwei Si­gni­fi­kan­ten.

Es ist ein dis­har­mo­ni­sches Wis­sen, ei­nes, das kei­nes­wegs für die glück­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Män­nern und Frau­en sorgt. Das Un­be­wuss­te funk­tio­niert nicht wie ein In­stinkt.

Eine Psy­cho­ana­ly­se er­mög­licht es dem „Ana­ly­sie­ren­den“, wie La­can sagt, also dem Pa­ti­en­ten, das un­be­wuss­te Wis­sen durch­zu­ar­bei­ten.

Die­ses un­be­wuss­te Wis­sen ist kei­ne Tie­fe – die Psy­cho­ana­ly­se ist kei­ne „Tie­fen­psy­cho­lo­gie“ –, son­dern eine Art Ge­schwür.

Das unbewusste Wissen der Materie (14. Januar 1975)

In Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, wird der Wis­sens­be­griff wei­ter er­läu­tert.

Die Wis­sen­schaft ist sich viel­leicht noch nicht ganz dar­über im Kla­ren, dass es, wenn sie die Ma­te­rie be­han­delt, dass es dann so ist, als ob be­sag­te Ma­te­rie ein Un­be­wuss­tes hät­te, als ob sie ir­gend­wo wüss­te, was sie tut.

Na­tür­lich ist das eine Wahr­heit, die sehr schnell ver­lo­schen ist. Man hat das je­doch wahr­ge­nom­men, es gab ei­nen ei­nen Au­gen­blick des Er­wa­chens, im Au­gen­blick von New­ton. Man hat zu ihm ge­sagt: ‚Aber die­se Ge­schich­te mit die­ser ver­fluch­ten Gra­vi­ta­ti­on, die Sie uns da er­zäh­len, also bit­te‘ – wie üb­ri­gens konn­te man sie sich vor­her vor­stel­len, ab­ge­se­hen vom to­pos des Aris­to­te­les –, ‚also bit­te, das ist für uns un­denk­bar!‘ Un­denk­bar, weil – war­um? Weil wir die klei­nen For­meln von New­ton ha­ben, und wir hier nichts ver­ste­hen – das ist das, was ih­ren Wert aus­macht.

Denn als die­se For­meln auf­ge­tre­ten sind, hat man da­ge­gen so­fort den fol­gen­den Ein­wand er­ho­ben: ‚Aber wie kann denn je­des die­ser Teil­chen wis­sen, in wel­chem Ab­stand es sich von al­len an­de­ren be­fin­det?‘ Das heißt, was man evo­zier­te, das ist, das war das Un­be­wuss­te, hier na­tür­lich das des Teil­chens. All dies, all dies ist er­lo­schen.

Weil – war­um? Weil man schlicht auf­ge­hört hat, hier nichts zu ver­ste­hen. Und im Üb­ri­gen hat man in dem Maße, in dem man dar­auf zu­rück­ge­kom­men ist, zu kom­ple­xe­ren For­meln kom­men kön­nen, in­dem man da­bei ein paar Di­men­sio­nen mehr ver­kno­tet. Eben das ist das Pro­blem.“28

Die mo­der­ne Phy­sik un­ter­stellt, ohne dass dies ar­ti­ku­liert wird, dass die Ma­te­rie ein Wis­sen hat, von dem sie nichts weiß, ein Wis­sen im Rea­len, ein un­be­wuss­tes Wis­sen, ein Un­be­wuss­tes.

Zur Er­klä­rung der Kör­per­be­we­gun­gen gab es vor New­ton nur die aris­to­te­li­sche Leh­re von den na­tür­li­chen Or­ten – die nicht-le­ben­di­gen Kör­per stre­ben zu ih­rem na­tür­li­chen Ort und kom­men dort zum Still­stand. Das new­ton­sche Gra­vi­ta­ti­ons­ge­setz er­klärt die An­zie­hung zwi­schen zwei Kör­pern durch die Gra­vi­ta­ti­ons­kraft; sie ist pro­por­tio­nal zu den Mas­sen und um­ge­kehrt pro­por­tio­nal zum Qua­drat des Ab­stands.

Für ei­nen Mo­ment hat­te man ge­se­hen, dass da­mit ein Wis­sen im Rea­len un­ter­stellt wird. Näm­lich in dem Mo­ment, als man, be­zo­gen auf das Gra­vi­ta­ti­ons­ge­setz, frag­te, wo­her die Teil­chen denn wis­sen, in wel­chem Ab­stand sie sich zu den an­de­ren Teil­chen be­fin­den. Da­mit brach­te man die Gra­vi­ta­ti­ons­for­mel in Be­zie­hung zu ei­nem Un­be­wuss­ten.

Man hat­te die For­mel nicht ver­stan­den, man sah kei­nen Sinn in ihr, und des­halb war es mög­lich, dar­in den Be­zug auf ein Un­be­wuss­tes zu er­ken­nen. In­zwi­schen hat man die Fä­hig­keit ver­lo­ren, hier nichts zu ver­ste­hen.

Ein Wissen, von dem her das Symptom mit einem Genießen verbunden ist (18. Februar 1975)

In der Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975 be­schreibt La­can die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung mit den Be­grif­fen der Kon­sis­tenz, der Ex-sis­tenz und des Lochs. Mit Kon­sis­tenz meint er die Ge­schlos­sen­heit und Un­zer­reiß­bar­keit der Kno­ten; er ord­net sie dem Ima­gi­nä­ren zu. Die Ex-sis­tenz, ihr Ein­an­der-Äu­ßer­lich-Sein, ent­spricht dem Rea­len. Das Loch kor­re­spon­diert dem Sym­bo­li­schen. Nach ei­ner Be­mer­kung über den Un­ter­schied zwi­schen Kier­ke­gaar­ds Exis­tenz­be­griff und sei­nem ei­ge­nem Be­griff der Ex-sis­tenz fährt La­can fort:

Ich glau­be nicht, dass das et­was ist, was mich, wenn ich so sa­gen darf, in Kon­ti­nui­tät mit ei­ner phi­lo­so­phi­schen Be­fra­gung bringt, son­dern viel­mehr in ei­nen Mo­dus des Bruchs, der auch das ist, was sich auf­nö­tigt, wenn das Auf­tau­chen des Un­be­wuss­ten als ei­nes Wis­sens – ei­nes Wis­sens, das je­dem zu ei­gen ist, je­dem ein­zel­nen –, wenn die­ses Auf­tau­chen so ist, dass es die Be­din­gun­gen voll­stän­dig ver­än­dert, un­ter de­nen der Be­griff des Wis­sen do­mi­niert hat, seit, sa­gen wir, seit äl­te­ren Zei­ten, sa­gen wir so­gar seit der An­ti­ke.

Er – die­ser Cha­rak­ter des Wis­sens – ist auf We­gen zu uns ge­kom­men, die wir be­fra­gen müs­sen, die wir auf eine Wei­se be­fra­gen, durch die sei­ne Sub­stanz auf je­den Fall in Fra­ge ge­stellt wird. Wenn das Wis­sen et­was ist, was so ab­hän­gig ist von den Be­zie­hun­gen der Fol­ge der Ge­ne­ra­tio­nen zum Sym­bo­li­schen, zu dem Loch, von dem ich eben ge­spro­chen habe, um es deut­lich zu sa­gen, wenn es von dem, was die Fol­ge der Ge­ne­ra­tio­nen als Wis­sen er­son­nen hat, so ab­hän­gig ist, war­um könn­te man dann um­hin kom­men, sei­nen Sta­tus neu be­fra­gen?

Gibt es Wis­sen im Rea­len? Es ist wohl klar, dass die be­stän­di­ge Un­ter­stel­lung – aber eine Un­ter­stel­lung, die nicht aus­drück­lich vor­ge­nom­men wur­de, die nicht ein­ge­stan­den wur­de –, dass sie dar­in be­steht, dass es al­lem An­schein nach so et­was gab, denn das Rea­le, es funk­tio­nier­te, es lief rund.

Und eben dies zeigt, dass es für uns eine Ver­än­de­rung gibt, denn was die­ses ‚im Rea­len‘ an­geht, so rüh­ren wir hier an ein Wis­sen von ganz an­de­rer Ge­stalt.

Das ist ins­be­son­de­re – um hier mei­ne Kon­struk­ti­on wie­der auf­zu­neh­men –, das ist ins­be­son­de­re dies: wenn wir dar­an fest­hal­ten, dass ein Wis­sen als Stüt­ze nicht, ich sage nicht: das Loch hät­te, son­dern die Kon­sis­tenz des Sym­bo­li­schen.

Jacques Lacan, borromäischer Dreierknoten, Seminar 23, Version MillerDas, was im Rea­len er­scheint, ist recht ei­gent­lich dies, denn viel­leicht er­in­nern Sie sich, dass das Rea­le, das Sym­bo­li­sche und das Ima­gi­nä­re so ver­or­tet sind. Das ist das, was ge­plät­tet – ge­plät­tet, weil wir den­ken –, was ge­plät­tet im Rea­len er­scheint, d.h. im In­ne­ren des Be­reichs, den ein­zig die Kon­sis­tenz des Fa­den­rings zu de­fi­nie­ren er­laubt, und was sich nicht als das dem Rea­len in­ne­woh­nen­de Wis­sen dar­stellt, son­dern als ein Wis­sen, das auf kei­ne an­de­re Wei­se zu be­wäl­ti­gen ist als so, das es hier be­reits in die Ge­stalt des Nous ge­bracht wird, in die Ge­stalt des­sen, dass das Rea­le wüss­te, was es zu tun hat, und wenn es nicht der Nous ist, nun, dann ist es die All­macht und die Weis­heit Got­tes.

Ich muss nicht auf die Tat­sa­che zu­rück­kom­men, die Ih­nen be­kannt ist, die Ih­nen des­halb be­kannt ist, weil ich sie Ih­nen ein­ge­häm­mert habe, näm­lich dass die Welt ohne Gott nicht denk­bar ist, ich spre­che von der New­ton­schen Welt29, denn ‚wie soll jede der Mas­sen wis­sen, in wel­chem Ab­stand sie sich von al­len an­de­ren be­fin­det?‘

Es gibt kein Ent­rin­nen. Vol­taire glaub­te an das Höchs­te We­sen. Er hat mich nicht ins Ver­trau­en ge­zo­gen, ich weiß nicht, wel­che Vor­stel­lung er sich da­von ge­macht hat, aber das konn­te von der Vor­stel­lung des All­wis­sens wohl kaum weit ent­fernt sein, also da­von, dass die­ses We­sen die Ma­schi­ne am Lau­fen hält.

Die alte Ge­schich­te vom Wis­sen im Rea­len, man weiß, dass sie es ist, die – mein Gott – schließ­lich all die­se al­ten Me­ta­phern ge­stützt hat. Die­se al­ten Me­ta­phern – letzt­lich, das muss man so sa­gen, war Aris­to­te­les Po­pu­list. Es ist der Hand­wer­ker, der ihm für all sei­ne Ur­sa­chen das Mo­dell lie­fert, für sei­ne Fi­nal­ur­sa­che, wenn ich mich so aus­drü­cken darf, für sei­ne For­mal­ur­sa­che, für sei­ne Ur­sa­che, sei­ne Ur­sa­che des Wirk­arms, so­gar für sei­ne Ma­te­ri­al­ur­sa­che, was nur noch hoff­nungs­lo­ser ist.

Es ist si­cher, dass sich, auf der Ebe­ne der Ur­sa­che, der phy­si­schen Ur­sa­che – bei dem, was er in sei­ner Phy­sik schreibt –, die gan­ze Pracht, nicht wahr, des Nous, des in der Welt ge­gen­wär­ti­gen Nous auf das re­du­ziert, was ich als das Hand­werk­li­che qua­li­fi­ziert habe, als das Hand­werk­li­che, was zur Fol­ge hat, dass es mit of­fe­nen Ar­men auf­ge­nom­men wor­den ist, über­all dort, wo die Me­ta­pher des Töp­fers vor­herr­schend ist und wo der Topf von ei­ner gött­li­chen Hand her­ge­stellt wur­de.

Aber wie kommt es, dass er sich ganz von al­lein wei­ter­dreht? Ge­nau das ist die Fra­ge, und die Fra­ge, bei der die Raf­fi­nes­se, ob der Töp­fer sich wei­ter­hin dar­um küm­mert, näm­lich da­für zu sor­gen, dass der Topf sich dreht, oder ob er, nach­dem er ihn aus­ge­wor­fen hat, ihn sich ganz von al­lein dre­hen lässt, wirk­lich se­kun­där ist.

Aber die gan­ze Fra­ge des Wis­sens ist ein­zig da­von aus­ge­hend auf­zu­grei­fen, dass ein Wis­sen nur von ei­ner Be­zie­hung zum Sym­bo­li­schen her an­ge­nom­men wird, d.h. in Be­zug auf et­was, was sich von ei­nem Ma­te­ri­al her als Si­gni­fi­kant ver­kör­pert, was nicht als Ein­zi­ges eine klei­ne Fra­ge auf­wirft. Denn was ist ein Si­gni­fi­kan­ten­ma­te­ri­al?

Bei Aris­to­te­les ha­ben wir da­von nur die Schnau­zen­spit­ze, auf der Ebe­ne, auf der er vom stoich­ei­on spricht, aber es ist si­cher, dass ge­ra­de die Idee der Ma­te­rie streng nur denk­bar ist, wenn man vom Si­gni­fi­kan­ten­ma­te­ri­al aus­geht, wo sie ihre ers­ten Bei­spie­le fin­det.

Also, um ein­fach zu ver­su­chen et­was zu no­tie­ren, näm­lich das, wor­über mei­ne No­ta­ti­on sich ent­wi­ckelt: Es ist si­cher, dass das von ei­ner Er­fah­rung aus­geht, von ei­ner Er­fah­rung mit der Fi­gu­ra­ti­on des Sym­ptoms, als et­was, was im Rea­len die Tat­sa­che re­flek­tiert, dass es et­was gibt, was nicht läuft.

Und wo? Na­tür­lich nicht im Rea­len, im Feld des Rea­len.

Die­ses et­was, das nicht läuft, wor­an, wor­an hängt es? Es hängt nur an dem, was ich in mei­ner Spra­che durch das par­lêt­re stüt­ze, das Sprech­we­sen, durch et­was, was nur Sprech­we­sen ist, denn wenn es nicht sprä­che, gäbe es nicht das Wort être, Sein oder (Lebe-)Wesen, und dass es für die­ses Sprech­we­sen ein Feld gibt, ein Feld, ein mit dem Loch zu­sam­men­hän­gen­des Feld, das ich hier dar­stel­len möch­te; ich bit­te Sie um Ent­schul­di­gung, es kommt mir nicht dar­auf an, dass mei­ne Fi­gu­ren be­son­der ele­gant wä­ren oder sym­me­trisch.30

Borromäische Ringe mit Ubw und Symptom, aus: Jacques Lacan, Seminar 22

Bor­ro­mäi­sche Rin­ge mit Un­be­wuss­tem und Sym­ptom

In dem Maße, in dem es eine mög­li­che Öff­nung gibt, ei­nen Bruch, eine Kon­sis­tenz, die von die­sem Loch aus­geht, dem Ort der Ex-sis­tenz, dem Rea­len, ist das Un­be­wuss­te da, und ist das, was hier, was hier be­wirkt, dass nichts, was hin­ter dem Loch des Rea­len durch­geht – in die­ser Fi­gur hin­ter ihm, denn wenn Sie sie um­dre­hen, ist es da­vor –, und gibt es Ko­hä­renz, gibt es Kon­sis­tenz zwi­schen dem Sym­ptom und dem Un­be­wuss­ten.

Bis auf dies, dass das Sym­ptom nur de­fi­niert wer­den kann durch die Art, wie je­der vom Un­be­wuss­ten her ge­nießt, in­so­fern das Un­be­wuss­te es de­ter­mi­niert.“31

Un­ter „Ex-sis­tenz“ ver­steht La­can, dass die Rin­ge der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung ein­an­der äu­ßer­lich sind, dass sie ge­gen­ein­an­der­sto­ßen, nicht mit­ein­an­der ver­schmel­zen und sich nicht durch­drin­gen. Er ord­net die Ex-sis­tenz dem Rea­len zu.

La­cans Be­griff der Ex-sis­tenz liegt nicht auf der Li­nie des phi­lo­so­phi­schen Exis­tenz­be­griffs, wie er von Kier­ke­gaard ent­wi­ckelt wor­den ist, er voll­zieht da­mit viel­mehr ei­nen Bruch.

Die­ser Bruch wird durch das Auf­tau­chen des Un­be­wuss­ten nö­tig, des Un­be­wuss­ten als ei­nes Wis­sens. Die­ses Wis­sen ist kein so­zi­al ge­teil­tes Wis­sen, son­dern ein Wis­sen, das je­dem ein­zel­nen zu­ge­hört; es gibt kein kol­lek­ti­ves Un­be­wuss­tes.

Die­se Form des Wis­sens macht es nö­tig, neu zu fas­sen, was un­ter „Wis­sen“ zu ver­ste­hen ist.

Das un­be­wuss­te Wis­sen – das Un­be­wuss­te als Wis­sen – ist ein Wis­sen, dass durch die Ge­ne­ra­tio­nen hin­durch über­lie­fert wor­den ist; es ist ge­wis­ser­ma­ßen ver­erbt. Die­se Über­lie­fe­rung be­ruht auf dem Ver­hält­nis der Ge­ne­ra­tio­nen­fol­ge zum Sym­bo­li­schen.

La­can hat­te das Sym­bo­li­sche, be­zo­gen auf die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung, dem Loch zu­ge­ord­net. Das Loch im Sym­bo­li­schen, so er­läu­tert er in ei­ner Sit­zung des Sin­t­hom-Se­mi­nars, ist die Ur­ver­drän­gung32, und das, was ur­ver­drängt ist, ist das In­zest­ver­bot.33 Das un­be­wuss­te Wis­sen ist also um ein Loch her­um or­ga­ni­siert, um das In­zest­ver­bot als dem Ur­ver­dräng­ten, und die­se Struk­tur nö­tigt dazu, den Sta­tus des Wis­sens neu zu be­fra­gen.

Die Fra­ge war, ob es Wis­sen im Rea­len gibt. Die über­lie­fer­te Ant­wort lau­tet Ja. Al­le­dings wur­de die­se Ant­wort nicht ex­pli­zit ge­ge­ben, sie wur­de still­schwei­gend vor­aus­ge­setzt. Das Rea­le wird hier als et­was auf­ge­fasst, was gut funk­tio­niert, und die­ses Gut-Funk­tio­nie­ren wird im­pli­zit dar­auf zu­rück­ge­führt, dass es im Rea­len ein Wis­sen gibt. Die über­lie­fer­te Kon­zep­ti­on des Wis­sens be­greift das Sym­bo­li­sche also nicht vom Loch her, nicht von ei­ner Stö­rung her, son­dern aus­ge­hend vom Funk­tio­nie­ren.

Das Wis­sen im Rea­len, mit dem die Psy­cho­ana­ly­se es zu tun hat, ist von an­de­rer Ge­stalt.

Wenn man sich auf die bor­ro­mäi­schen Rin­ge be­zieht, kann man sa­gen, die über­lie­fer­te Kon­zep­ti­on des Wis­sens im Rea­len be­greift das Wis­sen von der Kon­sis­tenz des Sym­bo­li­schen her. Der Wech­sel in der Auf­fas­sung des Wis­sens im Rea­len be­steht dar­in, dass die Psy­cho­ana­ly­se das Wis­sen nicht mehr von der Kon­sis­tenz her an­geht, son­dern vom Loch.

Borromäischer Dreierknoten - Jacques Lacan, Seminar 23, Version MillerDie mit dem un­be­wuss­ten Wis­sen ver­bun­de­ne Be­zie­hung des Sym­bo­li­schen zum Ima­gi­nä­ren und zum Rea­len wird von La­can durch die bor­ro­mäi­schen Rin­ge dar­ge­stellt, wo­bei ei­ner der Rin­ge das Sym­bo­li­sche re­prä­sen­tiert, ei­ner das Ima­gi­nä­re und ei­ner das Rea­le. Ge­nau ge­sagt: die Be­zie­hung zwi­schen den drei Re­gis­tern wird nicht durch die Rin­ge dar­ge­stellt, son­dern durch die Zeich­nung der Rin­ge. Die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung exis­tiert nur im drei­di­men­sio­na­len Raum, theo­re­tisch be­ar­beit­bar ist sie aber nur, wenn man eine „Plät­tung“ vor­nimmt, eine Pro­jek­ti­on in den zwei­di­men­sio­na­len Raum. Dies ist des­halb not­wen­dig, weil wir „den­ken“, weil wir ge­zwun­gen sind, das Sym­bo­li­sche vom Ima­gi­nä­ren aus an­zu­ge­hen.

Der tra­di­tio­nel­len Auf­fas­sung vom Wis­sen im Rea­len ent­spricht das In­ne­re im Be­reich des Fa­den­rings des Rea­len, nicht als Loch auf­ge­fasst, son­dern als Be­reich, der durch die Kon­sis­tenz des Rings de­fi­niert ist.

In der an­ti­ken grie­chi­schen Phi­lo­so­phie wird das im Rea­len ent­hal­te­ne Wis­sen nicht als „Wis­sen im Rea­len“ be­zeich­net, son­dern als Nous – als Geist, Ver­stand, Ver­nunft –, in der christ­li­chen Theo­lo­gie als All­macht und Weis­heit Got­tes.

Von Gott her wird an­fangs auch die mo­der­ne Phy­sik auf­ge­fasst. Da­mit die Mas­se­punk­te dem new­ton­schen Gra­vi­ta­ti­ons­ge­setz fol­gen kön­nen, be­nö­ti­gen sie ein Wis­sen dar­über – so hieß es da­mals –, in wel­chem Ab­stand sie sich zu den an­de­ren Mas­se­punk­ten be­fin­den; Gott galt als die­je­ni­ge In­stanz, die da­für sorgt, dass sie über die­ses Wis­sen ver­fü­gen. Die­ser Kon­zep­ti­on konn­te man sich nicht ent­zie­hen – noch Vol­taire, der ein­fluss­reichs­te Au­tor der eu­ro­päi­schen Auf­klä­rung, glaub­te an ein Höchs­tes We­sen, und er scheint dar­un­ter eine Art All­wis­sen ver­stan­den zu ha­ben, dass die Welt­ma­schi­ne am Lau­fen hält.

Die über­lie­fer­te Kon­zep­ti­on vom Wis­sen im Rea­len be­ruht letzt­lich auf der Me­ta­pher des Hand­wer­kers. Aris­to­te­les’ Un­ter­schei­dung der vier Ur­sa­chen­ar­ten be­ruht auf der Töp­fer-Me­ta­pher: die Ziel-Ur­sa­che ist das Be­nut­zen des Top­fes, die Form-Ur­sa­che sei­ne Ge­stalt, die Be­weg-Ur­sa­che der ein­grei­fen­de Arm des Hand­wer­kers, die Ma­te­ri­al-Ur­sa­che der Ton. Dass der aris­to­te­li­sche Nous-Be­griff auf der Hand­wer­ker­me­tapher be­ruht, er­klärt sei­nen Er­folg. Des­halb konn­te er von ei­ner Re­li­gi­on ad­ap­tiert wer­den, in der Gott als eine Art Töp­fer er­scheint, als Schöp­fer­gott, näm­lich von der christ­li­chen Re­li­gi­on – Tho­mas von Aquin ent­wi­ckelt eine christ­li­che Theo­lo­gie auf der Ba­sis der aris­to­te­li­schen Me­ta­phy­sik.

Wie kommt es, dass die Welt­ma­schi­ne sich von al­lein wei­ter­dreht? Das war da­mals die Fra­ge. Die Streit­fra­ge, ob dies dar­an liegt, dass der Schöp­fer von Zeit zu Zeit ein­greift (Wun­der, Deus ex ma­chi­na, Ok­ka­sio­na­lis­mus) oder er sich nach dem Schöp­fungs­akt ein für al­le­mal her­aus­hält, ist dem­ge­gen­über se­kun­där.

Auf­grund der Ent­de­ckung des Un­be­wuss­ten ist die Fra­ge des Wis­sens neu auf­zu­rol­len. Aus­gangs­punkt ist hier­bei, dass das Wis­sen in ei­ner Be­zie­hung zum Sym­bo­li­schen steht, d.h. zu et­was, was sich in ei­nem Si­gni­fi­kan­ten­ma­te­ri­al ver­kör­pert. Wie also hat man das Si­gni­fi­kan­ten­ma­te­ri­al auf­zu­fas­sen? Bei Aris­to­te­les gibt es hier­zu ei­nen frü­hen Hin­weis, näm­lich den Be­griff stoich­ei­on, der „Ele­ment“ im Sin­ne der Phy­sik be­deu­tet, aber auch „Buch­sta­be“ – die Ma­te­rie be­steht aus Buch­sta­ben, der Buch­sta­be ist ein Ele­ment des Rea­len.

Die Psy­cho­ana­ly­se setzt bei et­was an­de­rem an als beim Hand­wer­ker. Ihr Aus­gangs­punkt ist das Sym­ptom. Beim Sym­ptom geht es dar­um, dass et­was nicht läuft. Ge­nau­er: das Sym­ptom re­flek­tiert im Rea­len, dass et­was auf ei­ner be­stimm­ten Ebe­ne nicht läuft. Wo ist die­ses Nicht-Funk­tio­nie­ren zu ver­or­ten? Nicht im Feld des Rea­len. Ich ver­mu­te, dass po­si­tiv ge­meint ist: Das Nicht-Funk­tio­nie­ren ist im Feld des Sym­bo­li­schen zu ver­or­ten. Das hie­ße: das Sym­ptom re­flek­tiert im Rea­len, das et­was auf der Ebe­ne des Sym­bo­li­schen nicht läuft. Was meint also, dass das Sym­ptom dies „im Rea­len re­flek­tiert“? Und was, dass et­was im Sym­bo­li­schen nicht läuft?

Das et­was nicht läuft – also das Sym­ptom – be­ruht dar­auf, dass das Men­schen­we­sen ein Sprech­we­sen ist.

Für die­ses We­sen gibt es ein mit dem Loch zu­sam­men­hän­gen­des Feld. La­can ver­weist an die­ser Stel­le auf das fol­gen­de Sche­ma.

Borromäische Ringe mit Ubw und Symptom, aus: Jacques Lacan, Seminar 22Das Un­be­wuss­te ist mit dem Sym­ptom ver­bun­den, dies soll vom Dia­gramm dar­ge­stellt wer­den. Das Un­be­wuss­te er­scheint hier als eine Art Schat­ten, den der Ring des Sym­bo­li­schen wirft (die graue Flä­che rechts), als eine Rand­zo­ne, die sich mit dem Ima­gi­nä­ren und dem Rea­len nicht über­schnei­det. Man muss sich dar­an er­in­nern, dass im drei­di­men­sio­na­len Raum das Loch des Sym­bo­li­schen so­wohl in­ner­halb als auch au­ßer­halb der „Kon­sis­tenz“ des Sym­bo­li­schen ver­or­tet ist, so­wohl in­ner­halb wie au­ßer­halb des Fa­den­rings, der Kreis­li­nie. Das Sym­ptom (die keil­för­mi­ge graue Flä­che un­ten in der Mit­te) bil­det ein wei­te­res Rand­ge­biet des Sym­bo­li­schen, es ragt in das Rea­le hin­ein und ein we­nig auch in das Ima­gi­nä­re, d.h. bei der Sym­ptom­bil­dung kom­men alle drei Re­gis­ter ins Spiel.

La­can be­zieht sich so auf das Dia­gramm: Von ei­nem Loch, näm­lich vom Rea­len als dem Ort der Ex-sis­tenz, geht eine mög­li­che Öff­nung aus, ein Bruch, eine Kon­sis­tenz. Das Loch im Rea­len be­steht für ihn in dem Trau­ma, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt.34 Was ist da­mit ge­meint, dass von die­sem Loch eine mög­li­che Öff­nung aus­geht, und das dies zu­gleich ein Bruch ist und eine Kon­sis­tenz? Das ist mir nicht klar. 

In dem Maße, in dem es die­se Öff­nung gibt, ist das Un­be­wuss­te da. Das Un­be­wuss­te steht also in Ver­bin­dung zum Loch im Rea­len, zum In­zest­ver­bot als dem Ur­ver­dräng­ten.

Hin­ter dem Loch des Rea­len geht et­was durch (was?).

Das, was hier durch­geht, sorgt da­für, dass es zwi­schen dem Sym­ptom und dem Un­be­wuss­ten Kon­sis­tenz gibt. Die Pas­sa­ge ins­ge­samt ist un­klar, aber die­se The­se ist deut­lich: Das Sym­ptom und das Un­be­wuss­te sind nicht von­ein­an­der ab­ge­kop­pelt; zwi­schen dem Sym­ptom und dem Un­be­wuss­ten gibt es eine durch­ge­hen­de Ver­bin­dung.

Exkurs: Wissen jenseits des Unbewussten

Das Un­be­wuss­te ist eine be­stimmm­te Form des Wis­sens, das un­be­wuss­te Wis­sen über das Sym­ptom. Der Be­griff des Wis­sens hat die Funk­ti­on, das Un­be­wuss­te mit an­de­ren Wis­sens­for­men und an­de­ren Dis­kurs­ar­ten ver­glei­chen zu kön­nen.

Jacques Lacan, die vier Diskurse, Seminar 17, kreisförmig angeordnet, deutsch In Se­mi­nar 17, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se, La­can ver­wen­det den Be­griff des Wis­sens, um die Struk­tur von vier Dis­kur­sen dar­zu­stel­len: Dis­kurs des Herrn, Dis­kurs der Uni­ver­si­tät, Dis­kurs des Ana­ly­ti­kers und Dis­kurs der Hys­te­ri­ke­rin.

Die Dis­kurs­for­meln be­stehen aus vier Plät­zen, auf de­nen vier Sym­bo­le ver­or­tet sind. Die Sym­bo­le ha­ben eine fes­te An­ord­nung und dre­hen sich, was vier Per­mu­ta­tio­nen er­gibt. Die vier Plät­ze hei­ßen:
– oben links: Agent (in Se­mi­nar 18 wird die­ser Platz als der des Scheins be­zeich­net)
– oben rechts: Ar­beit
– un­ten rechts: Pro­duk­ti­on
– un­ten links: Wahr­heit.35

Im Dis­kurs des Herrn fin­det man das Wis­sen, S2, am Platz der Ar­beit (oben rechts). Das Wis­sen ist hier das Sa­voir-fai­re des Knechts, das er auf den Be­fehl des Herrn hin ans Werk setzt.

Im Dis­kurs der Uni­ver­si­tät be­setzt das Wis­sen den Platz des Agen­ten bzw des Scheins (oben links). An der Uni­ver­si­tät geht es auf der ma­ni­fes­ten Ebe­ne dar­um, ei­nen be­stimm­ten Typ des Wis­sens zu ver­mit­teln.

Im Dis­kurs des Ana­ly­ti­kers ist das Wis­sen am Platz der Wahr­heit (un­ten links). Am Platz der Wahr­heit ist in der Ana­ly­se nichts als ein Wis­sen, d.h. kei­ne ver­steh­ba­re Deu­tung, kein Sinn (der Sinn wird durch S1 er­mög­licht), son­dern eine Struk­tur, die nicht sub­jek­ti­viert wer­den kann. „Buch­sta­ben“ wird La­can das in den spä­te­ren Se­mi­na­ren nen­nen, be­gin­nend mit der Un­ter­schei­dung von „Buch­sta­be“ und „Si­gni­fi­kant“ im Vor­trag Litu­ra­terre von 1971 (Über­set­zung und Er­läu­te­run­gen von Litu­ra­terre fin­det man hier). Die Sym­bo­li­sie­rung durch S2, in­so­fern sie sich auf Si­gni­fi­kan­ten be­zieht, wird da­mit un­pas­send.

Der Dis­kurs des Herrn kann statt in­ter­sub­jek­tiv auch in­tra­sub­jek­tiv ge­deu­tet wer­den, statt als Be­zie­hung zwi­schen Herr und Knecht auch als Ver­hält­nis zwi­schen Be­wuss­tem (bes­ser: von Iden­ti­fi­zie­rung) und Un­be­wuss­tem. Das Ich ope­riert von Her­ren­si­gni­fi­kan­ten aus, von Leit­be­grif­fen, die eine Sinn­sta­bi­li­sie­rung er­mög­li­chen. Von hier aus be­zieht es sich auf den An­de­ren im Sin­ne des Un­be­wuss­ten, und da­mit auf S2, auf das un­be­wuss­te Wis­sen. Das Un­be­wuss­te hat die Funk­ti­on, ein Ge­nie­ßen zu pro­du­zie­ren, als Kom­pen­sa­ti­on für das ver­lo­re­ne Ge­nie­ßen, für die „Mehr­lust“, wie La­can es nennt.

In drei­en der vier Dis­kur­se kann man S2 als das Un­be­wuss­te deu­ten. So ge­se­hen, kon­fron­tie­ren die Dis­kurs­for­meln nicht nur das un­be­wuss­te Wis­sen mit an­de­ren Wis­sens­for­men, sie un­ter­schei­den auch drei ver­schie­de­ne Funk­ti­ons­wei­sen des un­be­wuss­ten Wis­sens. Im Dis­kurs des Herrn funk­tio­niert das Un­be­wuss­te ge­wis­ser­ma­ßen auf all­täg­li­che Wei­se, als das An­de­re des Ichi­de­als (S1). Im Dis­kurs des Hys­te­ri­kers ist es das zu ent­zif­fern­de Wis­sen, der auf­zu­de­cken­de Sinn. Und im Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se be­steht es, in der spä­te­ren Deu­tung, aus Buch­sta­ben jen­seits des Sinns.

Systematisierende Zusammenstellung

Und jetzt das Gan­ze noch ein­mal, ge­rafft und sys­te­ma­ti­siert.

Das unbewusste Wissen ist eine determinierende, nicht subjektivierte Struktur aus Signifikantenbeziehungen

Das Un­be­wuss­te ist für La­can eine be­stimm­te Form des Wis­sens. Es gibt für ihn auch an­de­re For­men des Wis­sens, in vie­len Kon­tex­ten mein­te  La­can mit Wis­sen aber ein­fach das Un­be­wuss­te.36

Ein Wis­sen ist das Un­be­wuss­te in­so­fern, als es aus Si­gni­fi­kan­ten­ver­bin­dun­gen be­steht. Hier­auf ver­weist das Sym­bol S2, es stellt die Ver­kop­pe­lung von zwei Si­gni­fi­kan­ten dar.37

Das un­be­wuss­te Wis­sen – oder das Wis­sen vom Typ des Un­be­wuss­ten – ist eine de­ter­mi­nie­ren­de Struk­tur.38 Wenn Pas­cal von der „na­tür­li­chen Un­wis­sen­heit“ spricht, irrt er sich – das Han­deln wird nie durch ein Nicht­wis­sen be­stimmt, son­dern im­mer durch ein Wis­sen.39

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist nicht sub­jek­ti­viert.40

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist un­zer­stör­bar.41

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist ein Wis­sen über das Be­geh­ren des Sub­jekts.42

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist ver­erbt, es wur­de von der vor­an­ge­hen­den Ge­ne­ra­ti­on über­lie­fert.43 La­cans For­mel hier­für lau­tet: „Das Un­be­wuss­te ist der Dis­kurs des An­de­ren.“

Das un­be­wuss­te Wis­sen prägt sich auf dem Weg des rei­nen Zu­falls ein, aus­ge­hend von Un­stim­mig­kei­ten im Ver­hält­nis zu den Er­zie­hern.44

Das Wis­sen, um das es im Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se geht – das un­be­wuss­te Wis­sen –, ist an­ders als das Wis­sen, auf das sich der Dis­kurs der Uni­ver­si­tät be­zieht.45

Eine Psy­cho­ana­ly­se er­mög­licht es dem „Ana­ly­sie­ren­den“, wie La­can sagt (l’analysant), also dem Pa­ti­en­ten, das un­be­wuss­te Wis­sen durch­zu­ar­bei­ten.46

Wir sind im­mer die von ei­nem Dis­kurs Ge­täusch­ten (du­pes). Im Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se klebt man am un­be­wuss­ten Wis­sen.47

Das un­be­wuss­te Wis­sen, sagt La­can, sei im­mer sein ein­zi­ges The­ma ge­we­sen.48

Das unbewusste Wissen kennt kein Pardon

Das un­be­wuss­te Wis­sen kennt kein Par­don.49 Zwar ist es uns von un­se­ren El­tern und Groß­el­tern wei­ter­ge­ge­ben wor­den und es hat de­ter­mi­nie­ren­den Cha­rak­ter, aber das ver­min­dert kei­nes­wegs un­ser Schuld­ge­fühl.

Das unbewusste Wissen ist ein Wissen im Realen

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist ein „rea­les Wis­sen“, ein Wis­sen im Rea­len.50

Es ist in­so­fern ein Wis­sen im Rea­len, als es funk­tio­niert, ohne dass wir mit un­se­rem ge­wöhn­li­chen (sinn­ori­en­tier­ten) Wis­sen er­fas­sen könn­ten, wie es funk­tio­niert.51

Zu Be­ginn der neu­zeit­li­chen Wis­sen­schaft däm­mer­te die Ein­sicht auf, dass es ein un­be­wuss­tes Wis­sen im Rea­len gibt. Wo­her wis­sen denn die Teil­chen, so hat­te man New­ton ge­fragt, in wel­cher Ent­fer­nung sie sich von den an­de­ren Teil­chen be­fin­den? Dem­nach be­zie­hen sich die For­meln der Phy­sik auf ein Wis­sen im Rea­len, auf eine Art Un­be­wuss­tes – ein Wis­sen der Teil­chen, das ihre Be­we­gung de­ter­mi­niert, von dem sie aber nichts wis­sen.52

Die traditionelle Konzeption des Wissen im Realen: das, was ein Funktionieren sichert

Die Vor­stel­lung, dass es ein Wis­sen im Rea­len gibt, ist alt. Tra­di­tio­nell wird das Rea­le als et­was auf­ge­fasst, was gut funk­tio­niert, und die­ses Funk­tio­nie­ren wird dar­auf zu­rück­ge­führt, dass es im Rea­len ein Wis­sen gibt.53

Von Re­li­gi­on und Me­ta­phy­sik wird an­ge­nom­men, dass das Wis­sen im Rea­len auf ei­nem ord­nen­den, ei­nem har­mo­ni­sie­ren­den, ei­nem für­sorg­li­chen, „pro­vi­den­ti­el­len“ Den­ken be­ruht. Dies setzt vor­aus, dass es ein Sub­jekt gibt, das die Har­mo­nie die­ses Wis­sens si­chert.54

Von der an­ti­ken grie­chi­schen Phi­lo­so­phie wird das im Rea­len ent­hal­te­ne Wis­sen als Nous auf­ge­fasst – als Geist, Ver­stand, Ver­nunft.55

Der aris­to­te­li­sche Nous-Be­griff be­ruht letzt­lich auf der Hand­wer­ker­me­tapher. Aris­to­te­les’ Un­ter­schei­dung der vier Ur­sa­chen ori­en­tiert sich am Mo­dell des Töp­fers: Zweck-Ur­sa­che ist das Be­nut­zen des Top­fes, Form-Ur­sa­che sei­ne Ge­stalt, Be­weg-Ur­sa­che der ein­grei­fen­de Arm des Hand­wer­kers, Ma­te­ri­al-Ur­sa­che der Ton. Dies er­klärt den Er­folg der Nous-Kon­zep­ti­on, und dar­um konn­te sie von ei­ner Re­li­gi­on ad­ap­tiert wer­den, in der Gott als eine Art Töp­fer er­scheint, als Schöp­fer­gott.56

Die christ­li­che Theo­lo­gie be­greift das Wis­sen im Rea­len als All­macht und Weis­heit Got­tes.57

Von Gott her wird an­fangs auch die klas­si­sche mo­der­ne Phy­sik auf­ge­fasst. Da­mit die Mas­se­punk­te dem new­ton­schen Gra­vi­ta­ti­ons­ge­setz fol­gen kön­nen, be­nö­ti­gen sie ein Wis­sen dar­über (so wur­de ge­sagt), in wel­chem Ab­stand sie sich zu den an­de­ren Mas­se­punk­ten be­fin­den, und Gott galt als die­je­ni­ge In­stanz, die da­für sorgt, dass sie über die­ses Wis­sen ver­fü­gen. Noch Vol­taire glaub­te an ein Höchs­tes We­sen, und er scheint dar­un­ter eine Art All­wis­sen ver­stan­den zu ha­ben, dass die Welt­ma­schi­ne am Lau­fen hält.58

Auch der In­stinkt­be­griff be­ruht auf der Vor­stel­lung von der har­mo­ni­schen Ord­nung des Wis­sens im Rea­len.59

Die über­lie­fer­te Kon­zep­ti­on des Wis­sens be­greift das Sym­bo­li­sche also von der Kon­sis­tenz her, als Ganz­heit.60

Das Unbewusste als Wissen im Realen ist dysfunktional

Durch das Auf­tau­chen des Un­be­wuss­ten wird es nö­tig, den Be­griff des Wis­sens neu zu fas­sen.61

Das Wis­sen im Rea­len, mit dem die Psy­cho­ana­ly­se es zu tun hat, also das Un­be­wuss­te, ist von an­de­rer Art als das Wis­sen in der tra­di­tio­nel­len Kon­zep­ti­on. Es ist nicht har­mo­nisch und nicht se­gens­reich, son­dern dra­ma­tisch und stö­rend. Es be­ruht auf ei­nem „Feh­ler im Sein“, auf ei­ner Dy­s­har­mo­nie zwi­schen Den­ken und Welt. Es in­sis­tiert von au­ßen und bil­det in­so­fern den Kern der „Ex-sis­tenz“.62

Das Un­be­wuss­te ist kei­ne Er­kennt­nis (con­nais­sance), son­dern ein Wis­sen (sa­voir).63 Es ist kei­ne Er­kennt­nis: es er­mög­licht kei­ne An­pas­sung des Sub­jekts an die Welt.

Das un­be­wuss­te Wis­sen kann kei­nem har­mo­nie­si­chern­den Sub­jekt zu­ge­schrie­ben wer­den. Dies hat­te La­can ge­meint (so sagt er), als er frü­her ein­mal ver­kün­det habe: „Gott glaubt nicht an Gott.“64

Metaphern für den störenden Charakter des unbewussten Wissen: Parasit, Geschwür

In der psy­cho­ana­ly­ti­schen Pra­xis er­scheint das Un­be­wuss­te we­sent­lich als dis­har­mo­nisch, als das, was die vor­geb­li­che Har­mo­nie zwi­schen dem Kör­per und sei­ner Um­welt stört. In der Be­zie­hung zwi­schen Kör­per und Welt ist das Un­be­wuss­te ein Pa­ra­sit. Mit die­sem Pa­ra­si­ten kann sich eine be­stimm­te Tier­art – die der Men­schen – ei­ni­ger­ma­ßen ar­ran­gie­ren, al­ler­dings nur, so­lan­ge er nicht pa­tho­gen wird.65

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist kei­ne Tie­fe – die Psy­cho­ana­ly­se ist kei­ne „Tie­fen­psy­cho­lo­gie“ –, son­dern eine Art Ge­schwür.66

Einen Zugang zum Wissen im Realen ermöglicht die Schrift

Beim Wis­sen im Rea­len geht es um Be­zie­hun­gen jen­seits des Sinns.67

Auf­grund der Ent­de­ckung des Un­be­wuss­ten ist die Fra­ge des Wis­sens neu auf­zu­rol­len. Aus­gangs­punkt ist hier­bei, dass das Wis­sen in ei­ner Be­zie­hung zum Sym­bo­li­schen steht, d.h. zu et­was, was sich in ei­nem Si­gni­fi­kan­ten­ma­te­ri­al ver­kör­pert. Wie also hat man das Si­gni­fi­kan­ten­ma­te­ri­al auf­zu­fas­sen? Bei Aris­to­te­les gibt es hier­zu ei­nen frü­hen Hin­weis, näm­lich den Be­griff stoich­ei­on, der „Ele­ment“ be­deu­tet, aber auch „Buch­sta­be“ – das Wis­sen im Rea­len be­steht aus „Buch­sta­ben“.68

Als Wis­sen im Rea­len hat das Un­be­wuss­te ei­nen ähn­li­chen Cha­rak­ter wie die Buch­sta­ben­be­zie­hun­gen in der Lo­gik des Aris­to­te­les. Es han­delt sich um ein Wis­sen, das nicht auf der Ebe­ne des Sinns sub­jek­ti­viert wer­den kann, viel­mehr kann es nur ge­schrie­ben wer­den.69 Vom Sym­bo­li­schen aus ist ein Be­zug zum Rea­len mög­lich, aber nicht auf der Ebe­ne des Sinns (des Wah­ren), son­dern nur auf der des Ge­schrie­be­nen, ei­nes Ge­schrie­be­nen, das man ent­zif­fert.70

Das zeigt sich be­reits bei Freud im Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895) – die Ana­mne­se ei­ner Hys­te­rie wird hier durch Punk­te und Pfei­le dar­ge­stellt, also durch Ge­schrie­be­nes jen­seits des Sinns.71

Zwi­schen der Be­zie­hung zum Wah­ren und der zum Rea­len gibt es eine Dis­kre­panz: Das Sub­jekt sucht das Wah­re, es zielt auf das „Wahr-Sa­gen“, auf das Auf­de­cken ei­nes ver­bor­ge­nen Sinns. In ei­ner Psy­cho­ana­ly­se be­kommt es letzt­lich et­was an­de­res, näm­lich die „Wis­sen­schaft des Rea­len“, das Wis­sen im Rea­len, Be­zie­hun­gen zwi­schen „Buch­sta­ben“.72

Position des unbewussten Wissen in der borromäischen Verschlingung: das Loch des Symbolischen

Wo in den bor­ro­mäi­schen Rin­gen ist das Nicht-Funk­tio­nie­ren zu ver­or­ten? Nicht im Feld des Rea­len, son­dern in dem des Sym­bo­li­schen.73

Der Wis­sens­be­griff der Psy­cho­ana­ly­se be­ruht auf der Be­zie­hung zum Loch74, an­ders ge­sagt: das un­be­wuss­te Wis­sen ist we­sent­lich durch ein Feh­len cha­rak­te­ri­siert, durch das In­zest­ver­bot, in­so­fern es ur­ver­drängt ist.

Das Un­be­wuss­te ge­hört zum Sym­bo­li­schen, zu ei­nem Sym­bo­li­schen, dem im bor­ro­mäi­schen Kno­ten nicht, wie beim über­lie­fer­ten Wis­sens­be­griff, die Kon­sis­tenz ent­spricht, son­dern das Loch75 – das Un­be­wuss­te ist ein Wis­sen, das durch et­was be­stimmt wird, was fehlt.

La­can folgt, so sagt er, dem Weg der Wis­sen­schaft: Mit­hil­fe der Schrift jen­seits des Sinns soll ein Weg zum Wis­sen im Rea­len ge­fun­den wer­den. Eben dazu dient ihm der bor­ro­mäi­sche Kno­ten oder bes­ser die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung. Die­se Ver­schlin­gung ist im drei­di­men­sio­na­len Raum an­ge­sie­delt, sie kann aber auf theo­re­ti­sche Wei­se nur mit­hil­fe von Dia­gram­men an­ge­gan­gen wer­den, im zwei­di­men­sio­na­len Raum, also ver­mit­tels der Schrift.76 Un­ter „Schrift“ wird hier die Zeich­nung ver­stan­den.

Vom Loch des Rea­len aus (dem Trau­ma der Nicht-Exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses) gibt es eine Öff­nung, ei­nen Bruch, eine Kon­sis­tenz, und in­so­fern es die­se Öff­nung gibt, gibt es das Un­be­wuss­te. Da­durch gibt es zwi­schen dem Sym­ptom und dem Un­be­wuss­ten Kon­sis­tenz.77 Der Sinn die­ser For­mu­lie­run­gen ist mir nicht klar.

Das unbewusste Wissen determiniert das mit dem Symptom verbundene Genießen

Aus­gangs­punkt der Psy­cho­ana­ly­se ist nicht der Hand­wer­ker und nicht das Funk­tio­nie­ren, son­dern das Sym­ptom und da­mit das Nicht-Funk­tio­nie­ren – beim Sym­ptom geht es dar­um, dass et­was nicht läuft.78

Borromäische Ringe mit Ubw und Symptom, aus: Jacques Lacan, Seminar 22, Version StaferlaDas Sym­ptom ist mit dem Un­be­wuss­ten ver­bun­den, dies soll von dem oben wie­der­ge­ge­be­nen Dia­gramm dar­ge­stellt wer­den. Das Un­be­wuss­te er­scheint hier als eine Art Schat­ten, den der Ring des Sym­bo­li­schen wirft (die graue Flä­che rechts), als eine Rand­zo­ne, die sich mit den Re­gis­tern des Ima­gi­nä­ren und des Rea­len nicht über­schnei­det. Das Sym­ptom (die keil­för­mi­ge graue Flä­che un­ten in der Mit­te) bil­det ein wei­te­res Rand­ge­biet des Sym­bo­li­schen, es ragt in das Rea­le hin­ein und ein we­nig auch in das Ima­gi­nä­re. Die Be­zie­hung zwi­schen dem Sym­ptom und dem Un­be­wuss­ten be­steht dar­in, dass das Un­be­wuss­te de­ter­mi­niert, auf wel­che Wei­se das mit dem Sym­ptom ver­bun­de­ne Ge­nie­ßen zu­stan­de kommt.79

Das un­be­wuss­te Wis­sen im Rea­len de­ter­mi­niert das Sym­ptom, es sorgt also nicht da­für, dass et­was glatt läuft.80

Das unbewusste Wissen liefert einen Ersatz für die Inexistenz des sexuellen Verhältnisses

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist kein In­stinkt, es ist das Ge­gen­teil ei­nes In­stinkts. Des­we­gen hat bei den nicht-mensch­li­chen Tie­ren die Se­xua­li­tät ei­nen völ­lig an­de­ren Cha­rak­ter als beim Men­schen. Bei den an­de­ren Tie­ren ba­siert das se­xu­el­le Ver­hält­nis zwi­schen Männ­chen und Weib­chen auf Nar­ziss­mus [auf Bil­dern]. Beim Sprech­we­sen hin­ge­gen be­ruht die Be­zie­hung des männ­li­chen Kör­pers zum weib­li­chen Kör­per nicht auf Ähn­lich­keit.81

Das un­be­wuss­te Wis­sen ist ein dis­har­mo­ni­sches Wis­sen, ei­nes, das kei­nes­wegs für die glück­li­che Ver­bin­dung zwi­schen Män­nern und Frau­en sorgt.82

Das un­be­wuss­te Wis­sen im Rea­len geht da­mit ein­her, dass beim Sprech­we­sen – also beim Men­schen – das se­xu­el­le Ver­hält­nis grund­le­gend ge­stört ist. Das Na­tür­li­che – das se­xu­el­le An­ge­zo­gen­sein von Män­nern durch Frau­en und von Frau­en durch Män­ner – ist beim Sprech­we­sen nicht na­tür­lich; dar­auf be­ruht die Un­ter­schei­dung von Na­tur und Kul­tur.83

Das un­be­wuss­te Wis­sen lie­fert ei­nen Er­satz für die In­exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses.84

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Anmerkungen

  1. Sit­zung vom 19. Mai 1965, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  2. Vgl. J. La­can: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wusst­ne oder die Ver­nunft seit Freud. Über­setzt von Nor­bert Haas. In: J.L.: Schrif­ten II. Hg. v. Nor­bert Haas. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 15–55.
  3. J. La­can: Vor­wort zur deut­schen Aus­ga­be mei­ner aus­ge­wähl­ten Schrif­ten (ge­schrie­ben 7. 10. 1973). In: Ders.: Schrif­ten II, S. 7–14, hier: S. 10, Über­set­zung ge­än­dert.
  4. Den Be­griff su­jet sup­po­sé sa­voir führt La­can in Se­mi­nar 9 von 1961/62, Die Iden­ti­fi­zie­rung, ein, in der Sit­zung vom 15. No­vem­ber 1961.
  5. J. La­can.: L’acte psy­chana­ly­tique. Comp­te ren­du du sé­min­aire 1967–1968 (ver­öf­fent­licht 1969). In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 375–383, hier: S. 376, mei­ne Über­set­zung.
  6. Sit­zung vom 25. Juni 1969, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.
  7. Die Zei­chen­fol­ge S2 als Sym­bol für das Wis­sen wird von La­can erst­mals in der Sit­zung vom 27. No­vem­ber 1968 ver­wen­det; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 55.
  8. Se­mi­nar 20, Sit­zung vom 26. Juni 1973, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 154.
  9. Mit dé­sir wird Freuds „Wunsch“ über­setzt. La­can be­zieht sich auf den letz­ten Satz der Traum­deu­tung. „In­dem uns der Traum ei­nen Wunsch als er­füllt vor­stellt, führt er uns al­ler­dings in die Zu­kunft; aber die­se vom Träu­mer für ge­gen­wär­tig ge­nom­me­ne Zu­kunft ist durch den un­zer­stör­ba­ren Wunsch zum Eben­bild je­ner Ver­gan­gen­heit ge­stal­tet.“ S. Freud: Die Traum­deu­tung. In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 588.
  10. Das la­tei­ni­sche Wort via­tor meint „Wan­dern­der“, „Rei­sen­der“.
  11. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1973.
  12. Vgl. Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, Sit­zun­gen vom 19. No­vem­ber 1974 und vom 10. De­zem­ber 1974.
  13. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 15. Ja­nu­ar 1974.
  14. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. De­zem­ber 1974.
  15. Vgl. etwa S. Freud: Das öko­no­mi­sche Pro­blem des Ma­so­chis­mus (1924). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 339 bis 354, v.a. S. 349 ff.
  16. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  17. Ab­bil­dung aus: S. Freud: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). In: Ders.: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se. Brie­fe an Wil­helm Fließ, Ab­hand­lun­gen und No­ti­zen aus den Jah­ren 1887–1902. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1975, S. 297–384, hier: S. 355.
  18. Freud, Ent­wurf, a.a.O., S. 355)
  19. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  20. Clau­de Lévi-Strauss zu­fol­ge be­ruht die Un­ter­schei­dung von Na­tur und Kul­tur auf dem In­zest­ta­bu; so zu­erst in: Ders.: Die ele­men­ta­ren Struk­tu­ren der Ver­wandt­schaft (1949). Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1981.
  21. Die For­mel „Gott glaubt nicht an Gott“ habe ich in frü­he­ren Se­mi­na­ren und Auf­sät­zen nicht ge­fun­den. Viel­leicht ist die For­mel „Gott ist un­be­wusst“ ge­meint, die La­can al­ler­dings erst in Se­mi­nar 11 vor­ge­bracht hat, also nicht im Sain­te-Anne-Kran­ken­haus, son­dern in der Éco­le nor­ma­le su­pé­ri­eur (vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 58).
  22. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  23. Ähn­lich in: J. La­can: Ra­dio­pho­nie (1970). Über­setzt von Hans-Joa­chim Metz­ger. In: J. La­can: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim u.a. 1988, S. 5–54, hier: S. 25. Au­ßer­dem in J. La­can: Te­le­vi­si­on (1973). Über­setzt von Jut­ta Pras­se und Hin­rich Lüh­mann. A.a.O., S. 55–95, hier: S. 87.
  24. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  25. S. Freud: Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 273–330, hier: S. 313. In Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur wie­der­holt er die­sen Ge­dan­ken: „Die Äu­ße­run­gen des Eros wa­ren auf­fäl­lig und ge­räusch­voll ge­nug; man konn­te an­neh­men, dass der To­des­trieb stumm im In­ne­ren des Le­be­we­sens an des­sen Auf­lö­sung ar­bei­te, aber das war na­tür­lich kein Nach­weis.“ (Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270, hier: S. 246.
  26. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  27. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  28. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975.
  29. Das drit­te Buch von New­tons Phi­lo­so­phiae na­tu­ra­lis princi­pia ma­the­ma­ti­ca (1686) trägt den Ti­tel „Über das Welt­sys­tem“.
  30. Ab­bil­dung aus: Se­mi­anr 22, Ver­si­on Sta­fer­la, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975, von mir über­ar­bei­tet.
  31. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  32. Vgl. Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975, Ver­si­on Mil­ler, S. 41.
  33. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 15. April 1975.
  34. In Se­mi­nar 21 heißt es: Aber wir wis­sen al­les, weil al­les – wir er­fin­den ein Dings­da, ei­nen Trick, um das Loch im Rea­len zu stop­fen. Da, wo es kei­ne se­xu­elle Be­zie­hung gibt, ruft das ein Trau­ma her­vor. Man er­fin­det. Man er­fin­det na­tür­lich, was man kann.“ (Se­mi­nar 21 von 1973/74, Les non-du­pes er­rent, Sit­zung vom 19. Fe­bruar 1974, mei­ne Über­set­zung nach Ver­sion Sta­fer­la.)
  35. Vgl. Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 196
  36. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1973.
  37. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  38. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1973 und 12. Fe­bru­ar 1974.
  39. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. De­zem­ber 1973.
  40. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  41. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  42. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. De­zem­ber 1974.
  43. Vgl. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. De­zem­ber 1973 und vom 11. Juni 1974.
  44. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  45. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  46. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  47. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 15. Ja­nu­ar 1974.
  48. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  49. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. De­zem­ber 1973.
  50. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  51. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  52. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974, Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975.
  53. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  54. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  55. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  56. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  57. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar.
  58. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar.
  59. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  60. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  61. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  62. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  63. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  64. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  65. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  66. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  67. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  68. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  69. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  70. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  71. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  72. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.
  73. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  74. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  75. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  76. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  77. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  78. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  79. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  80. Vgl. Se­mi­nar 22, Sit­zung vom 18. Fe­bru­ar 1975.
  81. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  82. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974.
  83. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 21. Mai 1974.
  84. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974.

Kommentare

Wissen, S2: das Unbewusste — 6 Kommentare

  1. Lie­ber Rolf,
    Dan­ke! Ja, ich weiß, dass La­can auch von Pa­ti­ent spricht, wir ha­ben an­läss­lich der Über­set­zung von Ana­ly­sant dar­über dis­ku­tiert. In­so­fern möch­te ich dich fra­gen, ob es dir im Sin­ne die­ses Aus­tauschs mög­lich wäre, La­cans Hin­weis dar­auf, „dass der Aus­druck „pa­ti­ent“ un­an­ge­mes­sen ist“, zu Kennt­nis und Wei­ter­den­ken zu brin­gen?
    Mit herz­li­chem Gruß
    Eck­hard

      • Lie­ber Rolf,
        Dan­ke für die Ver­knüp­fung von Kom­men­tar und Ar­ti­kel. Mein zwei­ter Kom­men­tar hat­te aber noch ei­nen wei­te­ren As­pekt.
        Du ant­wor­te­test mir: „…In Se­mi­nar 19 heißt es bei­spiels­wei­se: … „Wir sind Brü­der un­se­res Pa­ti­en­ten, in­so­fern wir, wie er, die Söh­ne des Dis­kur­ses sind.“ (… S. 235)
        Ein paar Sät­ze spä­ter weist La­can dar­auf hin, dass der Aus­druck „pa­ti­ent“ un­an­ge­mes­sen ist, das hin­dert ihn je­doch nicht dar­an, ihn zu ver­wen­den.“
        Des­halb frag­te ich Dich, ob du das, was La­can im Se­mi­nar 19 zur Un­an­ge­mes­sen­heit des Aus­druck Pa­ti­ent ein paar Sät­ze spä­ter sagt, nicht auch noch über­set­zen und in den Kom­men­tar oder Ar­ti­kel ein­fü­gen oder an­hän­gen könn­test?
        Mich wür­de dies eben­so sehr in­ter­es­sie­ren, wie ich „Brü­der un­se­res Pa­ti­en­ten…, wie er, die Söh­ne des Dis­kur­ses“ er­staun­lich und be­den­kens­wert fin­de.
        Mit herz­li­chem Gruß
        Eck­hard

      • Ce qui naît d’une ana­ly­se naît au ni­veau du su­jet, du su­jet qui par­le, de l’analysant au mo­y­en – l’homme pen­se, di­sait Aris­to­te, avec son âme – de cet­te mer­de qui lui pro­po­se l’objet a en la fi­gu­re de son ana­lys­te. C’est avec cela que cet­te cho­se fen­due doit naît­re, qui n’est rien d’autre en fin de comp­te – pour re­prend­re quel­que cho­se qui vous a été avan­cé l’autre jour à pro­pos de Peirce – que le fléau dont une ba­lan­ce peut s’établir, et qui s’apelle jus­ti­ce. Not­re frè­re trans­fi­gu­ré, ce cela qui naît de la con­ju­ra­ti­on ana­ly­tique, et c’est ce qui nous lie à ce­lui qu’on ap­pel­le im­pro­pre­ment not­re pe­ti­ent.“

        Was durch eine Ana­ly­se ent­steht, das ent­steht auf der Ebe­ne des Sub­jekts, des Sub­jekts, das spricht, des Ana­ly­san­ten, ver­mit­tels – der Mensch denkt mit sei­ner See­le, sag­te Aris­to­te­les – ver­mit­tels die­ser Schei­ße, durch die ihm das Ob­jekt a in Ge­stalt sei­nes Ana­ly­ti­kers an­ge­bo­ten wird. Da­mit muss die­se ge­spal­te­ne Sa­che ent­ste­hen, die letzt­lich nichts an­de­res ist – um et­was auf­zu­neh­men, was Ih­nen neu­lich in Be­zug auf Peirce vor­ge­tra­gen wur­de –, als die Gei­ßel, von der her sich ein Gleich­ge­wicht her­stel­len kann, das Ge­rech­tig­keit heißt. Un­ser ver­klär­ter Bru­der, das ist das, was aus der ana­ly­ti­schen Ver­schwö­rung her­vor­geht, und das ist das, was uns mit dem ver­bin­det, den man un­an­ge­mes­sen un­se­ren Pa­ti­en­ten nennt.“ (Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 235)

  2. Lie­ber Rolf,
    ei­nen gro­ßen Dank für die­se au­ßer­or­dent­lich klä­ren­de und hilf­rei­che Ar­beit!
    Zu dem fol­gen­den Pas­sus zwei An­mer­kun­gen:
    „Es muss [in der psy­cho­ana­ly­ti­schen Pra­xis] dar­um ge­hen, durch­zu­ar­bei­ten, es dem­je­ni­gen, den ich den Ana­ly­sie­ren­den (l‘analysant) nen­ne, zu er­mög­li­chen, die­ses Wis­sen durch­zu­ar­bei­ten, die­ses un­be­wuss­te Wis­sen, das in ihm wie ein Ge­schwür ist – nicht wie eine Tie­fe, son­dern wie ein Ge­schwür.
    .…“26

    Eine Psy­cho­ana­ly­se er­mög­licht es dem „Ana­ly­sie­ren­den“, wie La­can sagt, also dem Pa­ti­en­ten, das un­be­wuss­te Wis­sen durch­zu­ar­bei­ten.

    Die­ses un­be­wuss­te Wis­sen ist kei­ne Tie­fe – die Psy­cho­ana­ly­se ist kei­ne „Tie­fen­psy­cho­lo­gie“ –, son­dern eine Art Ge­schwür.

    Eine Psy­cho­ana­ly­se er­mög­licht es dem „Ana­ly­sie­ren­den“, wie La­can sagt (l’analysant), also dem Pa­ti­en­ten, das un­be­wuss­te Wis­sen durchzuarbeiten.43
    -
    Was ver­an­lasst dich „also dem Pa­ti­en­ten“, im Text nicht be­nannt, hin­zu­zu­fü­gen und in die­sen hin­ein­zu­tra­gen? Der Ana­ly­sie­ren­de – die­se For­mu­lie­rung wählt La­can nicht zu­fäl­lig – ist doch hin­rei­chend klar. Sind das nicht – hier und heu­te – zwei eher un­ter­schied­li­che Wei­sen dem „un­be­wuss­ten Wis­sen“, dem „Ge­schwür“ ge­gen­über? Pa­ti­en­ten be­ge­ben sich in ärzt­li­che Be­hand­lung, in Psy­cho­the­ra­pie und Tie­fen­psy­cho­lo­gie. Die Pas­sa­ge zu Ana­ly­sie­ren­den und die Chan­ce zur Lö­sung des Wie­der­ho­lungs­zwang wäre Ih­nen zu wün­schen.

    Wäre fol­gen­der Satz nicht prä­zi­ser und prä­gnan­ter so? „Die­ses un­be­wuss­te Wis­sen (, das in dem Ana­ly­sie­ren­den wie ein Ge­schwür ist) ist kei­ne Tie­fe – die Psy­cho­ana­ly­se ist kei­ne „Tie­fen­psy­cho­lo­gie“ –, son­dern eine Art Ge­schwür.“

    Mit ei­nem herz­li­chen Gruß
    Eck­hard Bär
    (…)

    • Lie­ber Eck­hard,

      dan­ke für dei­nen Ein­wand!

      War­um er­läu­te­re ich La­cans „l’analysant“ in die­sem Ar­ti­kel durch „Pa­ti­ent“? Weil ich La­can ver­ständ­lich ma­chen möch­te, und dazu muss ich zwi­schen ver­schie­de­nen Ter­mi­no­lo­gi­en hin und her wech­seln – was oft schrammt. Die Stel­le, auf die du dich be­ziehst, fin­de ich nicht so ein­deu­tig wie du. 

      Dein Kom­men­tar hat mich dazu an­ge­regt, La­can auf die­ses Pro­blem hin durch­zu­se­hen. Den Aus­druck „ana­ly­sant“ statt „pa­ti­ent“ führt er ja 1967 ein (im „Vor­schlag vom 9. Ok­to­ber 1967 über die Psy­cho­ana­ly­ti­ker der Schu­le“). Da­vor fin­det man „pa­ti­ent“ bei ihm häu­fig. Und da­nach?

      Da­nach ver­zich­tet er kei­nes­wegs auf „pa­ti­ent“, er ver­wen­det den Aus­druck ne­ben „ana­ly­sant“ wei­ter. In Se­mi­nar 19 (… oder schlim­mer, 1971/72) sagt er etwa: „wie sich eine mei­ner Pa­ti­en­tin­nen aus­drück­te“ (15. De­zem­ber 1971, Ver­si­on Mil­ler S. 36). 

      Für ei­ni­ge der Se­mi­na­re nach 1967 habe ich die Ver­wen­dung aus­ge­zählt:
      10 Mal fin­det man „pa­ti­ent“ in Se­mi­nar 16 (1968/69, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren),
      5 Mal in Se­mi­nar 17 (1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se),
      2 Mal in Se­mi­nar 18 (1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre),
      6 Mal in Se­mi­nar 19. 

      In Se­mi­nar 19 heißt es bei­spiels­wei­se: „Nous som­mes frè­res de not­re pa­ti­ent en tant que com­me lui, nous som­mes les fils du dis­cours.“ „Wir sind Brü­der un­se­res Pa­ti­en­ten, in­so­fern wir, wie er, die Söh­ne des Dis­kur­ses sind.“ (21. Juni 1972, Ver­si­on Mil­ler, S. 235)
      Ein paar Sät­ze spä­ter weist La­can dar­auf hin, dass der Aus­druck „pa­ti­ent“ un­an­ge­mes­sen ist, das hin­dert ihn je­doch nicht dar­an, ihn zu ver­wen­den.

      Herz­lich grüßt dich:
      Rolf

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