Herrensignifikant

Polsterstich, auch Stepppunkt genannt

point de matelassier, Faden grün gefärbtPoint de matelassier. Von alizarine.over-blog.fr, nur noch über Google sichtbar. Im Original schwarzweiß

Unter point de capiton, „Stepppunkt“, versteht Lacan eine spezielle  Signifikantenfunktion. Einige Signifikanten (bestimmte Worte, bestimmte Sätze) haben die Wirkung, dass sie eine Masse von verworrenen Bedeutungen rückwirkend ordnen, so dass sie im Nachhinein einen verständlichen Sinn erhalten. Diese Signifikanten „steppen“ die Bedeutung – sie bringen das Gleiten der Bedeutung, das Verrutschen des Signifikats, rückwirkend zu einem Halt.

Point de capiton im Graphen

Wo in Lacans Graphen des Begehrens ist der point de capiton zu verorten, der Steppunkt?1 (Das Wort wird jetzt mit drei p’s geschrieben, Stepppunkt, und das gefällt mir, die Folge der drei Unterstriche erinnert an das Auf und Ab der Nadel einer Nähmaschine, wenn sie einen Steppstich ausführt.)

Für Dylan Evans ist

der Steppunkt der linke Schnittpunkt der Vektoren S-S‘ und D-$“2

Evans deutet die rechts abgebildete Elementarzelle des Graphen3 so:
– Der Stepppunkt wird durch einen Punkt repräsentiert.
– Dieser Punkt ist der linke Schnittpunkt der beiden Pfeillinien.

Richard Feldstein beschreibt die Elementarzelle so:

„In Lacans erstem Graphen des Begehren schneidet eine mythische Intention die Signifkantenkette S.S‘ und bewirkt eine capitonnage (Absteppung] durch den Steppvorgang (quilting process] am Schnittpunkt oben rechts.“4

Demnach findet der Steppvorgang am Schnittpunkt oben rechts statt, und das heißt wohl auch, dass Feldstein an dieser Stelle den Stepppunkt lokalisiert.

Eine dritte Zuordnung findet man bei Joël Dor:

„Das konstituierende Grundelement des Graphen wird durch das folgende Schema (nämlich die Elementarzelle] geliefert, das den Stepppunkt graphisch darstellt.
Der Vektor ∆$ stellt die Operation des Steppens dar, die Fixierung der Signifikantenkette, die durch den Vektor SS‘ repräsentiert wird. Die Metapher des Steppens charakterisiert eine doppelte Überschneidung, die eine bestimmte Eigenschaft des Diskurses illustriert, nämlich dass in einer gesprochenen Sequenz der erste Ausdruck und die Ausdrücke, die ihm folgen, ihre Bedeutung durch den letzten Ausdruck erhalten.“5

Ich finde Dors Zuordnung plausibler als die Deutungen von Evans und Feldstein. Mit „Stepppunkt“ ist an dieser Stelle von Lacans Aufsatz die Fixierung der Bedeutung der Gesamtkette durch den letzten Signifikanten gemeint; also ist der Stepppunkt kein Punkt, sondern eine Beziehung, nämlich die zwischen dem Endpunkt und der gesamten Kette.

Lässt sich diese Deutung philologisch absichern?

Zur ersten Konstruktionsstufe des Graphen schreibt Lacan:

„Dies also ist die Elementarzelle des Vorgangs, wie man sagen könnte (vgl. Graph 1). Hier artikuliert sich der von uns so genannte Steppunkt, durch den der Signifikant das Gleiten der Bedeutung, das sonst unbegrenzt wäre, aufhält.“6

„Hier“ artikuliert sich der Stepppunkt. Das könnte sich, wie Evans annimmt, auf einen bestimmten Punkt beziehen. Es könnte aber auch die gesamte Figur gemeint sein, wie Dor vermutet. „Hier artikuliert sich der Stepppunkt“ würde dann heißen: das, was von der Elementarzelle dargestellt wird, ist die Gliederung (die Artikulation) des Stepppunkts. Beide Lesarten sind mit dem Text vereinbar: die Punkt-Deutung des Stepppunkts und die Beziehungsdeutung.

Für die Deutung, dass der Stepppunkt ein Punkt ist und nicht eine Verbindung zweier Linien, spricht vor allem der „Punkt“ in „Stepppunkt“, der point in point de capiton. Wenn Lacan von einem point spricht, muss dieser dann nicht im Graphen durch einen Punkt repräsentiert werden?

Keineswegs. Ein point ist nicht immer ein Punkt.

Point de capiton ist ein Begriff aus der Sprache der Polsterer. Capiton, so kann man im Littré nachlesen, meint erstens bourre de soie, „Seiden-Faserabfall“; gemeint ist die Faser, die übrig bleibt, wenn man aus einem Seidenkokon das entfernt hat, was man zur Seidenherstellung benötigt; im Langenscheidt-Großwörterbuch wird dieses Residuum als „Abfallseide“ bezeichnet. Dieser Seidenabfall diente zum Auspolstern von Sitzen, und so ist denn, in einem typischen Fall von Metonymie, die zweite Bedeutung von capiton entstanden: „der Teil eines Sitzes, der mit Abfallseide gepolstert ist“, wie es im Littré heißt. Als Beleg wird ein Bericht von 1874 angeführt, in dem von einem Individuum die Rede ist, das mit Messerstichen die capitons eines Wagens der ersten Klasse aufgeschlitzt hat. Drittens gab es, so vermute ich, eine Bedeutungsverallgemeinerung, und capiton bekam ganz allgemein die Bedeutung von Polster, denn capitonner meint heute polstern und le capitonnage ist heute die Polsterung.

Aber was heißt hier point? Wenn ein Polsterer von einem point spricht, meint er damit nicht unbedingt einen Punkt. Es ist wahrscheinlicher, dass es ihm um jenen Fadenverlauf geht, den man als „Stich“ bezeichnet. In Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit erzählt die Großmutter des Helden, dass sie einen Schneider aufgesucht hat, um ihn zu bitten, „qu’on fit un point à sa jupe qu’elle avait chéchirée dans l’escalier“7, „einen Stich an ihrem Rock zu nähen, von dem sie sich auf der Treppe den Saum aufgetreten hatte“8. Ein point de matelassier ist nicht ein „Punkt des Polsterers“, sondern ein „Stich des Polsterers“, wörtlich: ein Stich des Matratzenmachers. Eine schematische Darstellung des „Polstererstichs“ findet man in der Abbildung zu Beginn dieses Artikels, die ich, unter dem Dateinamen „point de matelassier“ auf einer französischen Website gefunden habe. Im vorigen Blogeintrag kann man sich ein Videoclip anschauen, in dem ein Chirurg am lebendigen Gewebe einen „point de matelassier“ vorführt – so lautet der Titel des Clips. Ein Stich ist, wie jeder weiß, der einen Handarbeitskurs besuchen musste, kein Punkt, sondern eine bestimmte Art und Weise, einen Faden mithilfe einer Nadel durch ein Gewebe zu führen. Vorsicht, „Polstererstich“ ist meine wörtliche Übersetzung von point de matelassier, im Deutschen heißt dieser Stich nicht „Polstererstich“, sondern „Polsterstich„.

Ein point des capiton ist also ein „Polsterstich“, zumindest ist das die wörtliche Bedeutung. Derselben Auffassung ist Bruce Fink, er schreibt zum point de capiton: „point here means ’stitch’“9. Ich habe nicht herausfinden könnten, ob für französische Polsterer ein point de capiton dasselbe ist wie der zu Anfang des Artikels abgebildete point de matelassier, ob der point de capiton für sie also das ist, was die deutschen Polsterer einen Polsterstich nennen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Den Äußerungen von Lacan zum point de capiton („Stepppunkt“) lässt sich nicht eindeutig entnehmen, ob sich der Ausdruck auf einen der Schnittpunkte der Elementarzelle des Graphen bezieht, und falls ja, auf welchen. Die Deutungalternative besteht darin, dass der Begriff die gesamte Elementarzelle meint. Dafür spricht, dass mit dem point de capiton nicht das letzte Element der Signifikantenkette gemeint ist, sondern dessen Funktion: die Rückwirkung des letzten Elements auf die gesamte Kette. Für diese Deutung spricht außerdem, dass im Ausdruck point nicht mit „Punkt“ zu übersetzen ist, sondern mit „Stich“; der point de capiton ist ein Polsterstich, ein Steppstich.

Nebenbei: Mich verblüfft die Ähnlichkeit zwischen dem zu Beginn dieses Eintrags dargestellten Schema des point de matelassier und Saussures Wellenschema, das man in der Zeichnung links findet.10 A steht hier für die vage Masse der Vorstellungen, B für die chaotische Masse der Laute, die senkrechten gestrichelten Linien repräsentieren die Sprache. Die Sprache zerteilt die Vorstellungsmasse in Einheiten (in Signifikate) und die Lautmasse in Einheiten (in Signifikanten), und zwar in solche Einheiten, die einander entsprechen (die Zeichen bilden). Saussures Graphische Darstellung war der Bezugspunkt, von dem aus Lacan sein Konzept des point de capiton entwickelte.

Saussure,Schema der zwei Wellen mit Querlinien für MatrazenstichWenn man in Saussures Schema die senkrechten Linien an ihren Enden so verbindet, wie ich das in der linken Abbildung getan habe, erhält man einen point de matelassier, einen Polsterstich. Und ein Polsterstich ist vermutlich ein point de capiton.

Ausblick

Beim Polsterstich oder Stepppunkt geht es um die Funktion bestimmter Signifikanten, die darin besteht, die beständige Verweisung von Bedeutung auf Bedeutung zu stoppen, also Sinn zu stabilisieren.

Hierauf bezieht Lacan sich ab 1957 auch mit der Sentenz „Die Wahrheit hat die Struktur einer Fiktion“; vgl. diesen Blogartikel.

Ab Seminar 17, Die Kehrseite der Psychoanalyse (1969/70) bezeichnet er Signifikanten, die die Funktion haben, Sinn zu arretieren, als „Herrensignifikanten“. Er weist hier darauf hin, dass eine frühere Version dieses Begriffs der point de capiton ist, des Polsterstich oder Stepppunkt.11

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Anmerkungen

  1. Ich beziehe mich auf den Graphen in Lacans Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten, ein Vortrag von 1960, der 1966 veröffentlicht wurde. Der Graph wird von Lacan in vier Konstruktionsschritten entwickelt, im Folgenden geht es um den ersten Schritt, im Aufsatz „Graph 1“ genannt.
  2. Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse (1996). Turia + Kant, Wien 2002, S. 287.- „D-$“ ist sicherlich ein Tippfehler; es dürfte gemeint sein: ∆-$.
  3. Subversion des Subjekts, Schriften II, S. 179.
  4. Richard Feldstein: The phallic gaze of Wonderland. In: Ders., Bruce Fink, Maire Jaanus (Hg.): Reading seminar XI. Lacan’s four fundamental concepts of psychoanalysis. State University of New York Press, Albany 1995, S. 149-174, hier: 154, meine Übersetzung.- Der Ausdruck „capitonnage“ wird von Lacan in Seminar 3 verwendet; in der deutschen Ausgabe steht hierfür „Absteppung“ (S. 332).
  5. Joël Dor: The unconscious structured like a language. Introduction to the reading of Lacan (1985). Other Press, New York 1998, S. 197 f., meine Übersetzung.
  6. Subversion des Subjekts, Schriften II, S. 179 f.
  7. Marcel Proust: À la recherche du temps perdu. Premier volume. Du côté de chez Swann. Première partie: Combray. Gallimard, Paris 1946, S. 33.
  8. M. Proust: In Swanns Welt. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Erster Teil. Übersetzt von Eva Rechel-Mertens. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, S. 31.
  9. Bruce Fink: Lacan to the letter. Reading Écrits closely. University of Minnesota Press, Minneapolis, London 2004, S. 113.
  10. Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (1916). Hg. v. Charles Bally u. Albert Sechehaye. De Gruyter, Berlin 1967, S. 133.
  11. Vgl. Seminar 17, Sit­zung vom 17. Juni 1970; Version Mil­ler, S. 219.

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