Jacques Lacan: Über Rassismus (Übersetzung)


Jac­ques La­can: Té­lé­vi­si­on
Über Ras­sis­mus: 34:55 bis 40:38

Von La­can gibt es eine kur­ze Be­mer­kung von 1973 über den zu er­war­ten­den Auf­stieg des Ras­sis­mus. Die po­li­ti­sche Ent­wick­lung hat ihm recht ge­ge­ben; vor drei Ta­gen ist Trump zum Prä­si­den­ten der USA ge­wählt wor­den – die neu­es­te Wen­dung ei­ner Be­we­gung, die in der EU Ende der 1980er Jah­re mit dem Auf­stieg des Front Na­tio­nal be­gon­nen hat und 2010 in Un­garn mit der Or­bán-Re­gie­rung an die Macht ge­kom­men ist. Am un­te­ren Ende der neu­en Ras­sen­hier­ar­chie ste­hen nicht mehr die Ju­den und die Schwar­zen, son­dern die Mus­li­me (de­ren Hei­rats­be­zie­hun­gen so dicht sind, dass man sie nicht nur als re­li­giö­se, son­dern auch als eth­ni­sche Grup­pe auf­fas­sen kann).  Der ak­tu­el­le Ras­sis­mus ist nicht mehr pri­mär an­ti­se­mi­tisch, auch wenn der An­ti­se­mi­tis­mus wei­ter­hin wirk­sam ist, auch in Trumps Um­feld, er ist vor al­lem an­ti­mus­li­misch (und pro­is­rae­lisch). Das Mas­sa­ker von Sre­bre­ni­ca im Bos­ni­en­krieg im Jahr 1995 war viel­leicht nur der An­fang.

NACHTRAG vom 10. Ja­nu­ar 2017: Da­ten zum zum Ras­sis­mus (und Se­xis­mus) der Trump-Wäh­ler­schaft fin­det man in die­ser em­pi­ri­schen Er­he­bung von Schaffner/MacWilliams/Nteta. NACHTRAG vom 6. April 2017: Vgl. auch die­sen Über­blicks­ar­ti­kel von Meh­di Ha­san.

NACHTRAG vom 29. Ja­nu­ar 2017 zum An­ti­se­mi­tis­mus der neu­en US-Re­gie­rung: In der Er­klä­rung des Wei­ßen Hau­ses zum Hol­caust-Ge­denk­tag (dem 27. Ja­nu­ar) wur­de die Ju­den­ver­nich­tung mit Ab­sicht nicht er­wähnt.  Trumps Stabs­chef, Rein­ce Prie­bus, be­grün­de­te das so: „I mean, everyone’s suf­fe­ring in the Ho­lo­caust in­clu­ding ob­vious­ly, all of the Je­wish peop­le af­fec­ted“. Bei ei­ner Be­fra­gung US-ame­ri­ka­ni­scher Ju­den, was für sie „ein we­sent­li­cher Teil des­sen ist, was es für sie be­deu­tet, Jü­disch zu sein“, wur­de am häu­figs­ten die Ant­wort ge­ge­ben: „die Er­in­ne­rung an den Ho­lo­caust“.1 

Ich über­set­ze La­cans An­mer­kun­gen nach der ge­spro­che­nen Fas­sung von Té­lé­vi­si­on, die bis­lang nicht ins Deut­sche ge­bracht wur­de. 

Vorbemerkung

In Se­mi­nar 19, „ …. oder schlim­mer“ (1971/72), hat­te La­can sich von sei­nen Zu­hö­rern mit die­sem Satz ver­ab­schie­det:

Da man Ih­nen die Zu­kunft ja nicht nur ro­sig aus­ma­len soll­te, soll­ten Sie wis­sen, dass das, was da auf­steigt, was man bis­her noch nicht in sei­nen letz­ten Kon­se­quen­zen ge­se­hen hat und was im Kör­per ver­wur­zelt ist, in der Bru­der­schaft der Kör­per, das ist der Ras­sis­mus, von dem Sie das letz­te Wort noch nicht ge­hört ha­ben.“2

Im Fern­seh­in­ter­view Te­le­vi­si­on er­läu­tert La­can, was er da­mit ge­meint hat.

Das In­ter­view wur­de 1973 auf­ge­nom­men und im März 1974 vom ORTF ge­sen­det; der Fra­ge­stel­ler ist Jac­ques-Alain Mil­ler. Die­ses In­ter­view gibt es in zwei Fas­sun­gen, in ei­ner münd­li­chen Ver­si­on und in ei­ner für den Druck be­ar­bei­te­ten Aus­ga­be. Die Druck­fas­sung wur­de 1974 mit dem Ti­tel Té­lé­vi­si­on ver­öf­fent­licht, 1988 er­schien die deut­sche Über­set­zung.3 Die ge­spro­che­ne Fas­sung kann man sich voll­stän­dig als Vi­deo auf auf YouTube an­schau­en und an­hö­ren, ich habe sie an den Be­ginn die­ses Ar­ti­kels ge­stellt (über Ras­sis­mus: 34:55 bis 40:38). (Die Ton­qua­li­tät ist schlecht, sie ver­bes­sert sich deut­lich, wenn man ei­nen Kopf­hö­rer ver­wen­det. Auf YouTube gibt es au­ßer­dem Vi­de­os, die nur die Pas­sa­ge über Ras­sis­mus ent­hal­ten, etwa hier, dar­in ist der letz­te Satz je­doch un­voll­stän­dig.) Eine Tran­skrip­ti­on des ge­spro­che­nen Tex­tes fin­det man dan­kens­wer­ter­wei­se auf der Web­site Sta­fer­la, eine deut­sche Über­set­zung gibt es nicht.

Die münd­li­che Fas­sung der Be­mer­kun­gen über Ras­sis­mus ist rei­cher und ver­ständ­li­cher als die Druck­fas­sung, vor al­len wird hier ex­pli­zit die Be­zie­hung zu La­cans Theo­rem „Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ her­ge­stellt so­wie zum Marx’schen Be­griff des Mehr­werts, Ver­bin­dun­gen, die in der Druck­fas­sung feh­len.

Im Fol­gen­den fin­det man die münd­li­che Ver­si­on zu­nächst nur deutsch und da­nach Satz für Satz französisch/deutsch, mit ei­ni­gen An­mer­kun­gen und Links. Zum Ver­gleich zi­tie­re ich au­ßer­dem die Über­set­zung der Druck­fas­sung.

La­can macht wei­te­re Be­mer­kun­gen über Ras­sis­mus in der letz­ten Sit­zung von Se­mi­nar 114, im Vor­schlag vom 9. Ok­to­ber 1966 zu den Psy­cho­ana­ly­ti­kern der Schu­le5, in der zwei­ten Sit­zung von Se­mi­nar 186 und in L’étourdit7. Die Äu­ße­run­gen in Se­mi­nar 11 kann man un­ten in den An­mer­kun­gen aus­zugs­wei­se nach­le­sen, die Hin­wei­se zum Ras­sis­mus in Se­mi­nar 18 habe ich hier in die­sem Blog über­setzt.

Jacques Lacan: Über Rassismus (1973)

Mündliche Fassung, deutsch

FRAGE

Ich fra­ge mich, wo­her Ih­nen die Si­cher­heit kommt, vor­aus­zu­sa­gen – wie Sie es kürz­lich ge­tan ha­ben –, dass der Ras­sis­mus durch­aus eine Zu­kunft hat. War­um zum Teu­fel sa­gen Sie das? 

LACAN

Ja. Ich sage das, weil mir das kei­nes­wegs lus­tig vor­kommt und weil den­noch – nun ja, ich habe das nicht groß her­aus­ge­stellt, ich habe da­mit ein Jahr, ein Se­mi­nar be­en­det –, weil es den­noch bes­ser ist, zu wis­sen, was man zu er­war­ten hat. Das habe ich am Ende ei­nes mei­ner Se­mi­na­re so als Adieu ge­sagt, und zwar, um die Leu­te zu war­nen.

Die ein­zi­ge Sa­che, die in­ter­es­sant wäre, und die ich eben in die­sem Au­gen­blick über­haupt nicht zu kom­men­tie­ren hat­te, ist die, in­wie­fern mir das nicht nur vor­her­seh­bar zu sein scheint – denn da­für gibt es alle Ar­ten von Sym­pto­men –, son­dern not­wen­dig.

Das ist we­gen et­was not­wen­dig, was ich die Ver­ir­rung un­se­rer Lust / un­se­res Ge­nie­ßens (jouis­sance) nen­ne oder ver­su­che, als sol­ches spü­ren zu las­sen.

Was ich sa­gen will, ist, dass ich be­to­ne, dass es nur den An­de­ren gibt – den ab­so­lu­ten An­de­ren, den ra­di­ka­len An­de­ren –, der es ver­or­tet, die­ses Ge­nie­ßen, und der es ver­or­tet, in­so­fern er es als das ak­zen­tu­iert, was das An­de­re ist, was hei­ßen soll, dass wir vom An­de­ren, von der an­de­ren Sei­te des Ge­schlechts, ge­trennt sind.

Nun, von dem Mo­ment an, wo man sich so ver­mischt, gibt es Phan­tas­men, völ­lig neu­ar­ti­ge Phan­tas­men, die frü­her nicht er­schie­nen wä­ren. Das ist eine Art und Wei­se, die­sen An­de­ren, wenn man so sa­gen kann, zu dra­ma­ti­sie­ren, die­sen An­de­ren, der oh­ne­hin da ist. Wenn es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, dann des­halb, weil der An­de­re ei­ner an­de­ren Ras­se an­ge­hört.

Also wenn man die­sem An­de­ren sei­ne Art des Ge­nie­ßens lie­ße, nun ja – die Sa­che ist be­reits ent­schie­den, das  könn­te man nur dann tun, wenn man ihm nicht seit lan­gem die un­se­re auf­ge­zwun­gen hät­te, man könn­te es tun, wenn die Din­ge da­mit nicht so stün­den, dass es nur noch dar­um geht, ihn für ei­nen Un­ter­ent­wi­ckel­ten zu hal­ten. Was man na­tür­lich kei­nes­wegs un­ter­lässt.

Zu all­dem kommt hin­zu der pre­kä­re Cha­rak­ter un­se­res ei­ge­nen Mo­dus des Ge­nie­ßens. Das ist das, was ich von der Po­si­ti­on  her ak­zen­tu­iert habe, die ich als die der Mehr­lust be­nen­ne, be­zeich­ne. Die­se Mehr­lust, die so­gar üb­li­cher­wei­se als Mehr­wert ar­ti­ku­liert wird, das ist das.

Also auf die­ser Grund­la­ge, auf der Grund­la­ge von et­was, was ja für uns im Ver­hält­nis zum Ge­nie­ßen spe­zi­fisch ist, in dem spe­zi­fisch ist, was ich „un­se­ren Mo­dus“ nen­ne – wie soll man da hof­fen, wie soll man da hof­fen, dass sich die­se Hu­ma­ni­tä­re­rei, möch­te ich sa­gen, fort­setzt, die­se ge­zwun­ge­ne Hu­ma­ni­tä­re­rei, die uns letzt­lich, man muss das so sa­gen, nur dazu ge­dient hat, un­se­re Aus­plün­de­run­gen ein­zu­klei­den? So also.

Wenn selbst Gott aus all dem wie­der Stär­ke ge­wön­ne und er letzt­lich doch ex-sis­tier­te, weil das schließ­lich nicht un­denk­bar ist, das ist nicht un­denk­bar, dann wür­de das nichts Bes­se­res ver­hei­ßen als eine Wie­der­kehr sei­ner Ver­gan­gen­heit, ei­ner Ver­gan­gen­heit, die letzt­lich eher ver­häng­nis­voll ist.

Mündliche Fassung, französisch/deutsch

FRAGE

Je me de­man­de d’où vous vi­ent l’assurance de pro­phé­ti­ser – com­me vous l’avez fait na­guè­re – que « le ra­cis­me a bien de l’avenir » ? Pour­quoi dia­ble di­tes-vous ça ?

Ich fra­ge mich, wo­her Ih­nen die Si­cher­heit kommt, vor­aus­zu­sa­gen – wie Sie es kürz­lich ge­tan ha­ben –, dass der Ras­sis­mus durch­aus eine Zu­kunft hat. War­um zum Teu­fel sa­gen Sie das? 

 

LACAN

Oui… Je le dis par­ce que ça me pa­raît pas drô­le et que pour­tant – en­fin, je n’en ai pas fait un grand état : j’ai ter­mi­né une an­née, un sé­mi­nai­re là-des­sus – c’est mieux de savoir ce à quoi on peut s’attendre.

Ja. Ich sage das, weil mir das kei­nes­wegs lus­tig vor­kommt und weil den­noch – nun ja, ich habe das nicht groß her­aus­ge­stellt, ich habe da­mit ein Jahr, ein Se­mi­nar be­en­det –, weil es den­noch bes­ser ist, zu wis­sen, was man zu er­war­ten hat.

 

C’était com­me ça en gui­se d’adieu que je l’ai dit à la fin d’un de mes sé­mi­nai­res, his­toire que les gens so­i­ent aver­tis.

Das habe ich am Ende ei­nes mei­ner Se­mi­na­re als Adieu ge­sagt, und zwar, um die Leu­te zu war­nen.

 

La seu­le cho­se qui se­rait in­téres­san­te, et jus­te­ment que je n’ai pas du tout eu à ce mo­ment à com­men­ter, c’est en quoi ça me pa­raît non seu­le­ment pré­vi­si­ble, par­ce qu’il y en a tou­tes sor­tes de sym­ptô­mes, mais né­ces­sai­re.

Die ein­zi­ge Sa­che, die in­ter­es­sant wäre, und die ich eben in die­sem Au­gen­blick über­haupt nicht zu kom­men­tie­ren hat­te, ist die, in­wie­fern mir das nicht nur vor­her­seh­bar zu sein scheint – denn da­für gibt es alle Ar­ten von Sym­pto­men –, son­dern not­wen­dig.

 

C’est né­ces­sai­re du fait de ce que j’appelle ou ce que j’essaie de fai­re sen­tir, de l’égarement de not­re jouis­sance.

Das ist we­gen et­was not­wen­dig, was ich die Ver­ir­rung un­se­rer Lust / un­se­res Ge­nie­ßens (jouis­sance) nen­ne oder ver­su­che, als sol­ches spü­ren zu las­sen.

 

Ce que je veux dire c’est que je sou­li­gne qu’il n’y a que l’Autre – l’Autre ab­so­lu, l’Autre ra­di­cal – qui la si­tue cet­te jouis­sance, et qui la si­tue en tant que jus­te­ment de l’accentuer com­me étant l’Autre, ça veut dire que l’Autre, l’Autre côté du sexe, nous en som­mes sé­pa­rés.

Was ich sa­gen will, ist, dass ich be­to­ne, dass es nur den An­de­ren gibt – den ab­so­lu­ten An­de­ren, den ra­di­ka­len An­de­ren –, der es ver­or­tet, die­ses Ge­nie­ßen, und der es ver­or­tet, in­so­fern er es als das ak­zen­tu­iert, was das An­de­re ist, was hei­ßen soll, dass wir vom An­de­ren, von der an­de­ren Sei­te des Ge­schlechts, ge­trennt sind.

 

Alors à par­tir du mo­ment où on se mêle com­me ça, y’a des fan­tas­mes, des fan­tas­mes tout à fait in­é­dits, qui se­rai­ent pas ap­pa­rus au­tre­ment.

Nun, von dem Mo­ment an, wo man sich so ver­mischt, gibt es Phan­tas­men, völ­lig neu­ar­ti­ge Phan­tas­men, die frü­her nicht er­schie­nen wä­ren.

 

C’est une fa­çon de dra­ma­ti­ser si on peut dire, cet Aut­re, cet Aut­re qui est là de tou­te fa­çon.

Das ist eine Art und Wei­se, die­sen An­de­ren, wenn man so sa­gen kann, zu dra­ma­ti­sie­ren, die­sen An­de­ren, der oh­ne­hin da ist.

 

Si y’a pas de rap­port se­xu­el, c’est que l’Autre est d’une aut­re race.

Wenn es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, dann des­halb, weil der An­de­re ei­ner an­de­ren Ras­se an­ge­hört.

 

Alors si cet Aut­re on le lais­sait à son mode de jouis­sance, ben – la cho­se est déjà dé­ci­dée – on ne pour­rait le fai­re que si de­pu­is long­temps on ne lui avait pas im­po­sé le nôt­re, on pour­rait le fai­re si les cho­ses n’en étai­ent pas au point qu’il n’y a plus qu’à le tenir pour un sous-dé­ve­lop­pé.

Also wenn man die­sem An­de­ren sei­ne Art des Ge­nie­ßens lie­ße, nun ja – die Sa­che ist be­reits ent­schie­den, das könn­te man nur dann tun, wenn man ihm nicht seit lan­gem die un­se­re auf­ge­zwun­gen hät­te, man könn­te es tun, wenn die Din­ge da­mit nicht so stün­den, dass es nur noch dar­um geht, ihn für ei­nen Un­ter­ent­wi­ckel­ten zu hal­ten.

 

Ce à quoi on ne man­que pas, na­tu­rel­le­ment.

Was man na­tür­lich kei­nes­wegs un­ter­lässt.

 

Il s’ajoute à tout ça la pré­ca­rité de not­re mode à nous de jouis­sance.

Zu all­dem kommt hin­zu der pre­kä­re Cha­rak­ter un­se­res ei­ge­nen Mo­dus des Ge­nie­ßens.

 

C’est ce que j’ai ac­cen­tué de la po­si­ti­on que j’appelle, que je dé­si­gne, de cel­le du plus-de-jouir.

Das ist das, was ich von der Po­si­ti­on her ak­zen­tu­iert habe, die ich als die der Mehr­lust be­nen­ne, be­zeich­ne.

 

Ce plus-de-jouir qui même s’énonce cour­am­ment : la plus-va­lue c’est ça.

Die­se Mehr­lust, die so­gar üb­li­cher­wei­se als Mehr­wert ar­ti­ku­liert wird, das ist das.8

 

Alors sur cet­te base, sur la base de quel­que cho­se qui quand même nous spé­ci­fie dans le rap­port à la jouis­sance, spé­ci­fie de ce que j’appelle « not­re mode », com­ment es­pé­rer, com­ment es­pé­rer que se pour­sui­ve cet­te « hu­ma­ni­taire­rie » je di­rai, cet­te « hu­ma­ni­taire­rie » de com­man­de qui, après tout il faut bien le dire, ne nous a ser­vi qu’à ha­bil­ler nos ex­ac­tions ?

Also auf die­ser Grund­la­ge, auf der Grund­la­ge von et­was, was ja für uns im Ver­hält­nis zum Ge­nie­ßen spe­zi­fisch ist, in dem spe­zi­fisch ist, was ich „un­se­ren Mo­dus“ nen­ne – wie soll man da hof­fen, wie soll man da hof­fen, dass sich die­se Hu­ma­ni­tä­re­rei, möch­te ich sa­gen, fort­setzt, die­se ge­zwun­ge­ne Hu­ma­ni­tä­re­rei, die uns letzt­lich, man muss das so sa­gen, nur dazu ge­dient hat, un­se­re Aus­plün­de­run­gen ein­zu­klei­den?

 

Voi­là. Si même Dieu, à re­prend­re de tout ça de la force, s’il fi­nis­sait par ex-sis­ter, par­ce qu’après tout c’est pas im­pensa­ble, c’est pas im­pensa­ble mais ça ne pré­sa­ge­rait rien de meilleur qu’un re­tour de son pas­sé, d’un pas­sé en fin de comp­te plu­tôt fu­nes­te.

So also. Wenn selbst Gott aus all dem wie­der Stär­ke ge­wön­ne und er letzt­lich doch ex-sis­tier­te, weil das schließ­lich nicht un­denk­bar ist, das ist nicht un­denk­bar, dann wür­de das nichts Bes­se­res ver­hei­ßen als eine Wie­der­kehr sei­ner Ver­gan­gen­heit, ei­ner Ver­gan­gen­heit, die letzt­lich eher ver­häng­nis­voll ist.9

Druckfassung, deutsch

– Wie kom­men Sie üb­ri­gens dazu, mit sol­cher Si­cher­heit ein Zu­neh­men des Ras­sis­mus vor­aus­zu­se­hen? Und war­um, zum Teu­fel, es sa­gen?

.

– Weil ich es über­haupt nicht ko­misch fin­de, aber weil es wahr ist.

In der Ver­wir­rung un­se­rer Lust (jouis­sance) gibt es nur den An­de­ren, der sie si­tu­iert, doch so, dass wir da­von ge­trennt sind. Da­her Phan­tas­men, die un­be­kannt wa­ren, als man sich nicht misch­te.

Die­sen An­de­ren bei sei­ner Art von Lust zu be­las­sen, wäre nur mög­lich, wenn man ihm nicht die un­se­re auf­zwän­ge, ihn nicht für ei­nen Un­ter­ent­wi­ckel­ten hiel­te.

Da nun dazu das Pre­kä­re un­se­rer Art und Wei­se hin­zu­kommt, die sich nun­mehr al­lein von der Mehr­lust her si­tu­iert, ja, die sich gar nicht mehr an­ders äu­ßert, war­um da hof­fen, dass sich die er­küns­tel­te Hu­ma­ni­sie­re­rei fort­setzt, in die sich un­se­re Aus­beu­tung klei­det?

Wür­de Gott, in­dem er dar­aus wie­der Stär­ke zöge, schließ­lich ex-sis­tie­ren, so ver­heißt dies nichts Bes­se­res als eine Wie­der­kehr sei­ner fins­te­ren Ver­gan­gen­heit.“10

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Anmerkungen

  1. Vgl. Pew Re­se­arch Cen­ter 2013, Sur­vey of U.S. Jews, 20. Fe­bru­ar bis 13. Juni 2013, zi­tiert nach dem Tweet von Con­rad Ha­cket (@conradhackett) am 27. Ja­nu­ar 2015 , 15:53.
  2. Se­mi­nar 19, Sit­zung vom 21. Juni 1972; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Mil­ler, S. 236)
  3. Vgl. J. La­can: Te­le­vi­si­on. Über­setzt von Jut­ta Pras­se und Hin­rich Lüh­mann. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim 1988, S. 55–98.
  4. Vgl. Se­mi­nar 11 von 1964, Die vier Grund­be­grif­fe der Psy­cho­ana­ly­se, Sit­zung vom 24. Juni 1964; Ver­si­on Miller/Haas, S. 289.
  5. In: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 258.
  6. Vgl. Se­mi­nar 18 von 1971, Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971, Ver­si­on Mil­ler, S. 30.
  7. Vgl. Au­tres écrits, a.a.O., S. 462.
  8. “Mehr­wert“ ist der Be­griff von Marx für den Pro­fit, über­stark ver­ein­facht ge­sagt (rich­ti­ger­wei­se müss­te man sa­gen, dass für Marx der Pro­fit eine Form und ein Teil des Mehr­werts ist). Die Be­zie­hung von „Mehr­wert“ und „Mehr­lust“ wird von La­can in Se­mi­nar 16 von 1968/69 ent­wi­ckelt, Von ei­nem An­de­ren zum an­de­ren. Eine Über­set­zung der Sit­zung von Se­mi­nar 16, in der die­ser Zu­sam­men­hang zum ers­ten Mal her­ge­stellt wird, fin­det man in die­sem Blog hier.
  9. In die­se Rich­tung geht eine Be­mer­kung am Ende von Se­mi­nar 11:
    „In der Ge­schichts­schrei­bung der Zeit, die wir durch­lebt ha­ben, ist et­was, das tief un­ter ei­ner Mas­ke ver­steckt ge­blie­ben ist. Ich mei­ne jene über­aus mons­trö­sen, an­geb­lich längst über­wun­de­nen For­men des Op­fers, die im Dra­ma des Na­zis­mus wie­der Ge­gen­wart wur­den.
    Ich be­haup­te, daß kei­ne Ge­schichts­auf­fas­sung, die sich auf he­ge­lo-mar­xis­ti­sche Prä­mis­sen stützt, von die­sem Wie­der­auf­tre­ten Re­chen­schaft zu ge­ben im­stan­de ist, bei dem es sich zeigt, daß den dunk­len Göt­tern zu op­fern et­was ist, dem, in ei­ner Art mons­trö­ser Be­fan­gen­heit, nur we­ni­ge nicht er­lie­gen.
    Im Nicht­wis­sen, in der Gleich­gül­tig­keit, in der Ab­wen­dung des Blicks zeigt sich, wel­cher Schlei­er noch über die­sem Mys­te­ri­um liegt. Wer aber ei­nen mu­ti­gen Blick auf die­se Er­schei­nung wer­fen will – und noch ein­mal, nur we­ni­ge er­lie­gen nicht der Fas­zi­na­ti­on des Op­fers an sich – dem zeigt das Op­fer, daß wir im Ob­jekt un­se­rer Be­gier­den die Be­stä­ti­gung da­für su­chen, daß ein Be­geh­ren je­nes An­de­ren, den ich hier deus ob­scu­rus [dunk­ler Gott] nen­nen will, prä­sent ist.
    Dar­in liegt der ewi­ge Sinn des Op­fers, dem kei­ner zu wi­der­ste­hen ver­mag, es sei denn, er wer­de von je­nem schwer zu be­haup­ten­den Glau­ben be­wegt, den viel­leicht nur ein ein­zi­ger Mensch plau­si­bel zu for­mu­lie­ren ver­stand, Spi­no­za, im Amor in­tel­lec­tua­lis DeI [geis­ti­ge Lie­be zu Gott].“ (Se­mi­nar 11, Sit­zung vom 24. Juni 1964, Ver­si­on Miller/Haas S. 289)
    La­can stützt sich hier auf sei­ne Theo­rie des Sa­dis­mus, die er in Kant mit Sade (1963) ent­wi­ckelt hat­te vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.
  10. Te­le­vi­si­on, a.a.O., S. 85.

Kommentare

Jacques Lacan: Über Rassismus (Übersetzung) — 1 Kommentar

  1. Hal­lo Herr Nemitz,
    zu­nächst Dan­ke für die wahn­sin­ni­ge Ar­beit, die sie in die­se Sei­te ste­cken.
    Zum In­halt:
    Ich fin­de La­can hat vor dem In­ter­view schon­mal prä-zi­ser formuliert(wenn mir das Wort­spiel er­laubt ist)und zwar im Se­mi­nar Buch VII (Die Ethik der Psy­cho­ana­ly­se).
    Dort führt er den Be­griff Le­bens­neid ein – auf deutsch, ohne dass ich mir be­wusst wäre, ei­nen sol­chen Be­griff ge­kannt zu ha­ben. Was er im obi­gen Text zum Ras­sis­mus sagt, kommt mir vor wie eine ab­ge­lei­te­te Aus­sa­ge zu der gen­n­an­ten Stel­le, nur selt­sam ver­wäs­sert.
    Der An­de­re wird grund­sätz­lich be­nei­det, sagt La­can – aber er stellt dies nur an­satz­wei­se in den Rah­men des Nei­des um Gü­ter, son­dern eher in den Rah­men, dass man ihm sein „ver­meint­li­ches“ Mehr an der Er­fül­lung sei­nes Be­geh­rens un­ter­stellt. Da­mit sind wir, qua­si un­ter der Hand wie­der bei Freund, der vom Pe­nis­neid sprach – wenn das an­de­re „Ge­schlecht“ per se un­er­reich­bar ist (und da hilft die Hilfs­kon­struk­ti­on der Ras­se we­nig), dann kom­men wir vul­gär ge­spro­chen ge­nau dort wie­der an, so mein Ver­dacht. Was ist denn das ers­te Kli­schee (Phan­tas­ma), was ei­nem zum „Ne­ger“ ein­fällt (al­ter­na­tiv kann man den „Ara­ber“ neh­men, der alle blon­den Mä­dels ab­greift – was sonst steht denn hin­ter dem Ge­schwätz über Syl­ves­ter in Köln 2015)? Der hat ei­nen un­glaub­lich lan­gen Pim­mel… (über die Be­gü­ter­ten macht man sich kei­ne sol­chen Kopf – ob Acker­mann und Mid­del­hoff jetzt 10, 15 oder 30cm nach­wei­sen könn­ten, wird nicht ge­spro­chen!)
    Die Kon­struk­tio­nen des Ras­sis­mus lau­fen aber so: Was stört jun­ge ost­deut­sche Män­ner? Die „Ka­na­ken“ neh­men uns un­se­re Mä­dels weg! – da­bei sind die mehr­heit­lich schon seit 20 Jah­ren auf dem Weg nach West­deutsch­land oder Ber­lin. Wo Ras­sis­mus ver­fängt, geht es im­mer nur ums „vö­geln“ – ob bei der Rein­hal­tung deut­schen Blu­tes ge­gen­über den Ju­den bei den Na­zis, dem KKK oder bei un­se­ren neu­en Rech­ten (die gar nicht so neu sind).

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