Jacques Lacan: Über Rassismus (Übersetzung)


Jacques Lacan: Télévision
Über Rassismus: 34:55 bis 40:38

Von Lacan gibt es eine kurze Bemerkung von 1973 über den zu erwartenden Aufstieg des Rassismus. Die politische Entwicklung hat ihm recht gegeben; vor drei Tagen ist Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden – die neueste Wendung einer Bewegung, die in der EU Ende der 1980er Jahre mit dem Aufstieg des Front National begonnen hat und 2010 in Ungarn mit der Orbán-Regierung an die Macht gekommen ist. Am unteren Ende der neuen Rassenhierarchie stehen nicht mehr die Juden und die Schwarzen, sondern die Muslime (deren Heiratsbeziehungen so dicht sind, dass man sie nicht nur als religiöse, sondern auch als ethnische Gruppe auffassen kann).  Der aktuelle Rassismus ist nicht mehr primär antisemitisch, auch wenn der Antisemitismus weiterhin wirksam ist, auch in Trumps Umfeld, er ist vor allem antimuslimisch (und proisraelisch). Das Massaker von Srebrenica im Bosnienkrieg im Jahr 1995 war vielleicht nur der Anfang.

NACHTRAG vom 10. Januar 2017: Daten zum zum Rassismus (und Sexismus) der Trump-Wählerschaft findet man in dieser empirischen Erhebung von Schaffner/MacWilliams/Nteta.

NACHTRAG vom 29. Januar 2017 zum Antisemitismus der neuen US-Regierung: In der Erklärung des Weißen Hauses zum Holcaust-Gedenktag (dem 27. Januar) wurde die Judenvernichtung mit Absicht nicht erwähnt.  Trumps Stabschef, Reince Priebus, begründete das so: „I mean, everyone’s suffering in the Holocaust including obviously, all of the Jewish people affected“. Bei einer Befragung US-amerikanischer Juden, was für sie „ein wesentlicher Teil dessen ist, was es für sie bedeutet, Jüdisch zu sein“, wurde am häufigsten die Antwort gegeben: „die Erinnerung an den Holocaust“.1 

Ich übersetze Lacans Anmerkungen nach der gesprochenen Fassung von Télévision, die bislang nicht ins Deutsche gebracht wurde. 

Vorbemerkung

In Seminar 19, „ …. oder schlimmer“ (1971/72), hatte Lacan sich von seinen Zuhörern mit diesem Satz verabschiedet:

„Da man Ihnen die Zukunft ja nicht nur rosig ausmalen sollte, sollten Sie wissen, dass das, was da aufsteigt, was man bisher noch nicht in seinen letzten Konsequenzen gesehen hat und was im Körper verwurzelt ist, in der Bruderschaft der Körper, das ist der Rassismus, von dem Sie das letzte Wort noch nicht gehört haben.“2

Im Fernsehinterview Television erläutert Lacan, was er damit gemeint hat.

Das Interview wurde 1973 aufgenommen und im März 1974 vom ORTF gesendet; der Fragesteller ist Jacques-Alain Miller. Dieses Interview gibt es in zwei Fassungen, in einer mündlichen Version und in einer für den Druck bearbeiteten Ausgabe. Die Druckfassung wurde 1974 mit dem Titel Télévision veröffentlicht, 1988 erschien die deutsche Übersetzung.3 Die gesprochene Fassung kann man sich vollständig als Video auf auf YouTube anschauen und anhören, ich habe sie an den Beginn dieses Artikels gestellt (über Rassismus: 34:55 bis 40:38). (Die Tonqualität ist schlecht, sie verbessert sich deutlich, wenn man einen Kopfhörer verwendet. Auf YouTube gibt es außerdem Videos, die nur die Passage über Rassismus enthalten, etwa hier, darin ist der letzte Satz jedoch unvollständig.) Eine Transkription des gesprochenen Textes findet man dankenswerterweise auf der Website Staferla, eine deutsche Übersetzung gibt es nicht.

Die mündliche Fassung der Bemerkungen über Rassismus ist reicher und verständlicher als die Druckfassung, vor allen wird hier explizit die Beziehung zu Lacans Theorem „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ hergestellt sowie zum Marx’schen Begriff des Mehrwerts, Verbindungen, die in der Druckfassung fehlen.

Im Folgenden findet man die mündliche Version zunächst nur deutsch und danach Satz für Satz französisch/deutsch, mit einigen Anmerkungen und Links. Zum Vergleich zitiere ich außerdem die Übersetzung der Druckfassung.

Lacan macht weitere Bemerkungen über Rassismus in der letzten Sitzung von Seminar 114, im Vorschlag vom 9. Oktober 1966 zu den Psychoanalytikern der Schule5, in der zweiten Sitzung von Seminar 186 und in L’étourdit7. Die Äußerungen in Seminar 11 kann man unten in den Anmerkungen auszugsweise nachlesen, die Hinweise zum Rassismus in Seminar 18 habe ich hier in diesem Blog übersetzt.

Jacques Lacan: Über Rassismus (1973)

Mündliche Fassung, deutsch

FRAGE

Ich frage mich, woher Ihnen die Sicherheit kommt, vorauszusagen – wie Sie es kürzlich getan haben –, dass der Rassismus durchaus eine Zukunft hat. Warum zum Teufel sagen Sie das? 

LACAN

Ja. Ich sage das, weil mir das keineswegs lustig vorkommt und weil dennoch – nun ja, ich habe das nicht groß herausgestellt, ich habe damit ein Jahr, ein Seminar beendet –, weil es dennoch besser ist, zu wissen, was man zu erwarten hat. Das habe ich am Ende eines meiner Seminare so als Adieu gesagt, und zwar, um die Leute zu warnen.

Die einzige Sache, die interessant wäre, und die ich eben in diesem Augenblick überhaupt nicht zu kommentieren hatte, ist die, inwiefern mir das nicht nur vorhersehbar zu sein scheint – denn dafür gibt es alle Arten von Symptomen –, sondern notwendig.

Das ist wegen etwas notwendig, was ich die Verirrung unserer Lust / unseres Genießens (jouissance) nenne oder versuche, als solches spüren zu lassen.

Was ich sagen will, ist, dass ich betone, dass es nur den Anderen gibt – den absoluten Anderen, den radikalen Anderen –, der es verortet, dieses Genießen, und der es verortet, insofern er es als das akzentuiert, was das Andere ist, was heißen soll, dass wir vom Anderen, von der anderen Seite des Geschlechts, getrennt sind.

Nun, von dem Moment an, wo man sich so vermischt, gibt es Phantasmen, völlig neuartige Phantasmen, die früher nicht erschienen wären. Das ist eine Art und Weise, diesen Anderen, wenn man so sagen kann, zu dramatisieren, diesen Anderen, der ohnehin da ist. Wenn es kein sexuelles Verhältnis gibt, dann deshalb, weil der Andere einer anderen Rasse angehört.

Also wenn man diesem Anderen seine Art des Genießens ließe, nun ja – die Sache ist bereits entschieden, das  könnte man nur dann tun, wenn man ihm nicht seit langem die unsere aufgezwungen hätte, man könnte es tun, wenn die Dinge damit nicht so stünden, dass es nur noch darum geht, ihn für einen Unterentwickelten zu halten. Was man natürlich keineswegs unterlässt.

Zu alldem kommt hinzu der prekäre Charakter unseres eigenen Modus des Genießens. Das ist das, was ich von der Position  her akzentuiert habe, die ich als die der Mehrlust benenne, bezeichne. Diese Mehrlust, die sogar üblicherweise als Mehrwert artikuliert wird, das ist das.

Also auf dieser Grundlage, auf der Grundlage von etwas, was ja für uns im Verhältnis zum Genießen spezifisch ist, in dem spezifisch ist, was ich „unseren Modus“ nenne – wie soll man da hoffen, wie soll man da hoffen, dass sich diese Humanitärerei, möchte ich sagen, fortsetzt, diese gezwungene Humanitärerei, die uns letztlich, man muss das so sagen, nur dazu gedient hat, unsere Ausplünderungen einzukleiden? So also.

Wenn selbst Gott aus all dem wieder Stärke gewönne und er letztlich doch ex-sistierte, weil das schließlich nicht undenkbar ist, das ist nicht undenkbar, dann würde das nichts Besseres verheißen als eine Wiederkehr seiner Vergangenheit, einer Vergangenheit, die letztlich eher verhängnisvoll ist.

Mündliche Fassung, französisch/deutsch

FRAGE

Je me demande d’où vous vient l’assurance de prophétiser – comme vous l’avez fait naguère – que « le racisme a bien de l’avenir » ? Pourquoi diable dites-vous ça ?

Ich frage mich, woher Ihnen die Sicherheit kommt, vorauszusagen – wie Sie es kürzlich getan haben –, dass der Rassismus durchaus eine Zukunft hat. Warum zum Teufel sagen Sie das? 

 

LACAN

Oui… Je le dis parce que ça me paraît pas drôle et que pourtant – enfin, je n’en ai pas fait un grand état : j’ai terminé une année, un séminaire là-dessus – c’est mieux de savoir ce à quoi on peut s’attendre.

Ja. Ich sage das, weil mir das keineswegs lustig vorkommt und weil dennoch – nun ja, ich habe das nicht groß herausgestellt, ich habe damit ein Jahr, ein Seminar beendet –, weil es dennoch besser ist, zu wissen, was man zu erwarten hat.

 

C’était comme ça en guise d’adieu que je l’ai dit à la fin d’un de mes séminaires, histoire que les gens soient avertis.

Das habe ich am Ende eines meiner Seminare als Adieu gesagt, und zwar, um die Leute zu warnen.

 

La seule chose qui serait intéressante, et justement que je n’ai pas du tout eu à ce moment à commenter, c’est en quoi ça me paraît non seulement prévisible, parce qu’il y en a toutes sortes de symptômes, mais nécessaire.

Die einzige Sache, die interessant wäre, und die ich eben in diesem Augenblick überhaupt nicht zu kommentieren hatte, ist die, inwiefern mir das nicht nur vorhersehbar zu sein scheint – denn dafür gibt es alle Arten von Symptomen –, sondern notwendig.

 

C’est nécessaire du fait de ce que j’appelle ou ce que j’essaie de faire sentir, de l’égarement de notre jouissance.

Das ist wegen etwas notwendig, was ich die Verirrung unserer Lust / unseres Genießens (jouissance) nenne oder versuche, als solches spüren zu lassen.

 

Ce que je veux dire c’est que je souligne qu’il n’y a que l’Autre – l’Autre absolu, l’Autre radical – qui la situe cette jouissance, et qui la situe en tant que justement de l’accentuer comme étant l’Autre, ça veut dire que l’Autre, l’Autre côté du sexe, nous en sommes séparés.

Was ich sagen will, ist, dass ich betone, dass es nur den Anderen gibt – den absoluten Anderen, den radikalen Anderen –, der es verortet, dieses Genießen, und der es verortet, insofern er es als das akzentuiert, was das Andere ist, was heißen soll, dass wir vom Anderen, von der anderen Seite des Geschlechts, getrennt sind.

 

Alors à partir du moment où on se mêle comme ça, y’a des fantasmes, des fantasmes tout à fait inédits, qui seraient pas apparus autrement.

Nun, von dem Moment an, wo man sich so vermischt, gibt es Phantasmen, völlig neuartige Phantasmen, die früher nicht erschienen wären.

 

C’est une façon de dramatiser si on peut dire, cet Autre, cet Autre qui est là de toute façon.

Das ist eine Art und Weise, diesen Anderen, wenn man so sagen kann, zu dramatisieren, diesen Anderen, der ohnehin da ist.

 

Si y’a pas de rapport sexuel, c’est que l’Autre est d’une autre race.

Wenn es kein sexuelles Verhältnis gibt, dann deshalb, weil der Andere einer anderen Rasse angehört.

 

Alors si cet Autre on le laissait à son mode de jouissance, ben – la chose est déjà décidée – on ne pourrait le faire que si depuis longtemps on ne lui avait pas imposé le nôtre, on pourrait le faire si les choses n’en étaient pas au point qu’il n’y a plus qu’à le tenir pour un sous-développé.

Also wenn man diesem Anderen seine Art des Genießens ließe, nun ja – die Sache ist bereits entschieden, das könnte man nur dann tun, wenn man ihm nicht seit langem die unsere aufgezwungen hätte, man könnte es tun, wenn die Dinge damit nicht so stünden, dass es nur noch darum geht, ihn für einen Unterentwickelten zu halten.

 

Ce à quoi on ne manque pas, naturellement.

Was man natürlich keineswegs unterlässt.

 

Il s’ajoute à tout ça la précarité de notre mode à nous de jouissance.

Zu alldem kommt hinzu der prekäre Charakter unseres eigenen Modus des Genießens.

 

C’est ce que j’ai accentué de la position que j’appelle, que je désigne, de celle du plus-de-jouir.

Das ist das, was ich von der Position her akzentuiert habe, die ich als die der Mehrlust benenne, bezeichne.

 

Ce plus-de-jouir qui même s’énonce couramment : la plus-value c’est ça.

Diese Mehrlust, die sogar üblicherweise als Mehrwert artikuliert wird, das ist das.8

 

Alors sur cette base, sur la base de quelque chose qui quand même nous spécifie dans le rapport à la jouissance, spécifie de ce que j’appelle « notre mode », comment espérer, comment espérer que se poursuive cette « humanitairerie » je dirai, cette « humanitairerie » de commande qui, après tout il faut bien le dire, ne nous a servi qu’à habiller nos exactions ?

Also auf dieser Grundlage, auf der Grundlage von etwas, was ja für uns im Verhältnis zum Genießen spezifisch ist, in dem spezifisch ist, was ich „unseren Modus“ nenne – wie soll man da hoffen, wie soll man da hoffen, dass sich diese Humanitärerei, möchte ich sagen, fortsetzt, diese gezwungene Humanitärerei, die uns letztlich, man muss das so sagen, nur dazu gedient hat, unsere Ausplünderungen einzukleiden?

 

Voilà. Si même Dieu, à reprendre de tout ça de la force, s’il finissait par ex-sister, parce qu’après tout c’est pas impensable, c’est pas impensable mais ça ne présagerait rien de meilleur qu’un retour de son passé, d’un passé en fin de compte plutôt funeste.

So also. Wenn selbst Gott aus all dem wieder Stärke gewönne und er letztlich doch ex-sistierte, weil das schließlich nicht undenkbar ist, das ist nicht undenkbar, dann würde das nichts Besseres verheißen als eine Wiederkehr seiner Vergangenheit, einer Vergangenheit, die letztlich eher verhängnisvoll ist.9

Druckfassung, deutsch

– Wie kommen Sie übrigens dazu, mit solcher Sicherheit ein Zunehmen des Rassismus vorauszusehen? Und warum, zum Teufel, es sagen?

.

– Weil ich es überhaupt nicht komisch finde, aber weil es wahr ist.

In der Verwirrung unserer Lust (jouissance) gibt es nur den Anderen, der sie situiert, doch so, dass wir davon getrennt sind. Daher Phantasmen, die unbekannt waren, als man sich nicht mischte.

Diesen Anderen bei seiner Art von Lust zu belassen, wäre nur möglich, wenn man ihm nicht die unsere aufzwänge, ihn nicht für einen Unterentwickelten hielte.

Da nun dazu das Prekäre unserer Art und Weise hinzukommt, die sich nunmehr allein von der Mehrlust her situiert, ja, die sich gar nicht mehr anders äußert, warum da hoffen, dass sich die erkünstelte Humanisiererei fortsetzt, in die sich unsere Ausbeutung kleidet?

Würde Gott, indem er daraus wieder Stärke zöge, schließlich ex-sistieren, so verheißt dies nichts Besseres als eine Wiederkehr seiner finsteren Vergangenheit.“10

Kommentare

Siehe hier.

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Anmerkungen

  1. Vgl. Pew Research Center 2013, Survey of U.S. Jews, 20. Februar bis 13. Juni 2013, zitiert nach dem Tweet von Conrad Hacket (@conradhackett) am 27. Januar 2015 , 15:53.
  2. Seminar 19, Sitzung vom 21. Juni 1972; meine Übersetzung nach Version Miller, S. 236)
  3. Vgl. J. Lacan: Television. Übersetzt von Jutta Prasse und Hinrich Lühmann. In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim 1988, S. 55–98.
  4. Vgl. Seminar 11 von 1964, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, Sitzung vom 24. Juni 1964; Version Miller/Haas, S. 289.
  5. In: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 258.
  6. Vgl. Seminar 18 von 1971, Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, Sitzung vom 20. Januar 1971, Version Miller, S. 30.
  7. Vgl. Autres écrits, a.a.O., S. 462.
  8. “Mehrwert“ ist der Begriff von Marx für den Profit, überstark vereinfacht gesagt (richtigerweise müsste man sagen, dass für Marx der Profit eine Form und ein Teil des Mehrwerts ist). Die Beziehung von „Mehrwert“ und „Mehrlust“ wird von Lacan in Seminar 16 von 1968/69 entwickelt, Von einem Anderen zum anderen. Eine Übersetzung der Sitzung von Seminar 16, in der dieser Zusammenhang zum ersten Mal hergestellt wird, findet man in diesem Blog hier.
  9. In diese Richtung geht eine Bemerkung am Ende von Seminar 11:
    „In der Geschichtsschreibung der Zeit, die wir durchlebt haben, ist etwas, das tief unter einer Maske versteckt geblieben ist. Ich meine jene überaus monströsen, angeblich längst überwundenen Formen des Opfers, die im Drama des Nazismus wieder Gegenwart wurden.
    Ich behaupte, daß keine Geschichtsauffassung, die sich auf hegelo-marxistische Prämissen stützt, von diesem Wiederauftreten Rechenschaft zu geben imstande ist, bei dem es sich zeigt, daß den dunklen Göttern zu opfern etwas ist, dem, in einer Art monströser Befangenheit, nur wenige nicht erliegen.
    Im Nichtwissen, in der Gleichgültigkeit, in der Abwendung des Blicks zeigt sich, welcher Schleier noch über diesem Mysterium liegt. Wer aber einen mutigen Blick auf diese Erscheinung werfen will – und noch einmal, nur wenige erliegen nicht der Faszination des Opfers an sich – dem zeigt das Opfer, daß wir im Objekt unserer Begierden die Bestätigung dafür suchen, daß ein Begehren jenes Anderen, den ich hier deus obscurus [dunkler Gott] nennen will, präsent ist.
    Darin liegt der ewige Sinn des Opfers, dem keiner zu widerstehen vermag, es sei denn, er werde von jenem schwer zu behauptenden Glauben bewegt, den vielleicht nur ein einziger Mensch plausibel zu formulieren verstand, Spinoza, im Amor intellectualis DeI [geistige Liebe zu Gott].“ (Seminar 11, Sitzung vom 24. Juni 1964, Version Miller/Haas S. 289)
    Lacan stützt sich hier auf seine Theorie des Sadismus, die er in Kant mit Sade (1963) entwickelt hatte vgl. diesen Blogartikel.
  10. Television, a.a.O., S. 85.

Kommentare

Jacques Lacan: Über Rassismus (Übersetzung) — 1 Kommentar

  1. Hallo Herr Nemitz,
    zunächst Danke für die wahnsinnige Arbeit, die sie in diese Seite stecken.
    Zum Inhalt:
    Ich finde Lacan hat vor dem Interview schonmal prä-ziser formuliert(wenn mir das Wortspiel erlaubt ist)und zwar im Seminar Buch VII (Die Ethik der Psychoanalyse).
    Dort führt er den Begriff Lebensneid ein – auf deutsch, ohne dass ich mir bewusst wäre, einen solchen Begriff gekannt zu haben. Was er im obigen Text zum Rassismus sagt, kommt mir vor wie eine abgeleitete Aussage zu der gennanten Stelle, nur seltsam verwässert.
    Der Andere wird grundsätzlich beneidet, sagt Lacan – aber er stellt dies nur ansatzweise in den Rahmen des Neides um Güter, sondern eher in den Rahmen, dass man ihm sein „vermeintliches“ Mehr an der Erfüllung seines Begehrens unterstellt. Damit sind wir, quasi unter der Hand wieder bei Freund, der vom Penisneid sprach – wenn das andere „Geschlecht“ per se unerreichbar ist (und da hilft die Hilfskonstruktion der Rasse wenig), dann kommen wir vulgär gesprochen genau dort wieder an, so mein Verdacht. Was ist denn das erste Klischee (Phantasma), was einem zum „Neger“ einfällt (alternativ kann man den „Araber“ nehmen, der alle blonden Mädels abgreift – was sonst steht denn hinter dem Geschwätz über Sylvester in Köln 2015)? Der hat einen unglaublich langen Pimmel… (über die Begüterten macht man sich keine solchen Kopf – ob Ackermann und Middelhoff jetzt 10, 15 oder 30cm nachweisen könnten, wird nicht gesprochen!)
    Die Konstruktionen des Rassismus laufen aber so: Was stört junge ostdeutsche Männer? Die „Kanaken“ nehmen uns unsere Mädels weg! – dabei sind die mehrheitlich schon seit 20 Jahren auf dem Weg nach Westdeutschland oder Berlin. Wo Rassismus verfängt, geht es immer nur ums „vögeln“ – ob bei der Reinhaltung deutschen Blutes gegenüber den Juden bei den Nazis, dem KKK oder bei unseren neuen Rechten (die gar nicht so neu sind).

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