Das Sinthom entziffern

Vom borromäischen Dreierknoten zum borromäischen Viererknoten

Adam benennt die Tiere - Venedig - Basilika San Marco - zu: "Das Sinthom" entziffernAdam benennt die Tiere, Markusdom in Venedig. Die Inschrift lautet (in abkürzender Schreibweise): appellavitque Adam nominibus suis cuncta animantia (und Adam gab jedem Tier seinen Namen)

In Seminar 22 von 1974/75, RSI, behandelt Lacan den borromäischen Knoten aus drei Ringen; einer der Ringe steht für das Reale, ein anderer für das Symbolische, der dritte für das Imaginäre.1 Dass der Knoten „borromäisch“ ist, meint, dass die drei Ringe so verknüpft sind, dass sie auseinanderfallen, wenn man einen beliebigen von ihnen öffnet. Im Folgeseminar von 1975/76, Das Sinthom, spricht er vor allem über den borromäischen Knoten aus vier Ringen; der vierte Ring steht hier für das Symptom bzw. für das Sinthom. Worum geht es beim Wechsel vom Dreier- zum Viererknoten, also beim Übergang von Seminar 22 zu Seminar 23?

Die Frage nach der Stellung des Ödipuskomplexes

Im RSI-Seminar erklärt Lacan, Freud habe über die drei Funktionen des Realen, des Symbolischen und des Imaginären eine Vermutung gehabt und sich damit dem borromäischen Dreierknoten angenähert. Allerdings würden bei Freud die drei Ringe nicht von sich aus zusammenhalten; sie bilden bei Freud also keinen borromäischen Knoten.  Stattdessen habe Freud einen vierten Ring hinzugefügt, der den Zusammenhalt bewirke, und dies auf borromäische Weise, also derart, dass die vier Ringe sich voneinander lösen, wenn einer von ihnen aufgetrennt wird.2 Die Freudsche Theorie hat demnach die Struktur eines borromäischen Viererknotens.

Der vierte Ring, so erklärt Lacan, besteht bei Freud in der psychischen Realität.3 „Psychische Realität“ ist Freuds früher Name für das, was er später als Ödipuskomplex bezeichnet.4

Lacan betont, dass der Ödipuskomplex keineswegs zu verwerfen sei. Freud habe jedoch nicht begriffen, dass er im Dreierknoten bereits enthalten sei, und zwar dort, wo die Ringe des Symbolischen und des Realen sich überkreuzen.5

Lacan problematisiert hier also nicht den Ödipuskomplex, sondern dessen Position: Ist er dem Realen, dem Imaginären und dem Symbolischen untergeordnet oder hat er, wie Freud annimmt, eine Funktion, die sich auf nichts anderes zurückführen lässt? Ist der Subjekt trizentrisch oder quatrozentrisch verfasst?

In der Sitzung vom 11. Februar 1975 wiederholt Lacan sein Argument: Bei Freud findet man nicht – wie im borromäischen Dreierknoten – die Reduktion auf die drei Funktionen des Imaginären, des Symbolischen und des Realen; bei Freud halten die drei Register erst dadurch zusammen, dass sie durch eine vierte Funktion verbunden werden, durch die psychische Realität. Lacan fügt jetzt hinzu: Die psychische Realität ist Freuds Name-des-Vaters.6 Die vom Patienten für wirklich gehaltenen Phantasien haben als wesentlichen Inhalt den Vater als denjenigen, der dem Kind die Mutter verbietet; eben diese Funktion des Vaters bezeichnet Lacan als „Name-des-Vaters“.

Der Name-des-Vaters, sagt Lacan, ist für Freud wiederum mit der religiösen Realität identisch; Gott ist für ihn letztlich Gott-Vater.7 Anders gesagt: Der vierte, alles zusammenhaltende Ring steht für das, was Freud zunächst als psychische Realität bezeichnet, dann als Ödipuskomplex. Im Zentrum des Ödipuskomplexes steht der Vater als Repräsentant des Inzestverbots, in Lacans Terminologie: der Name-des-Vaters; insofern repräsentiert der vierte Ring den Namen-des-Vaters. Der Name-des-Vaters ist wiederum ist die Basis des religiösen Glaubens.

Der vierte Ring steht zugleich für das Symptom; Lacan bezeichnet ihn sogar als Ring des Symptoms, demnach ist das Symptom die Hauptfunktion des vierten Rings. Ich nehme an, dass der Begriff „Symptom“ hier mehr oder weniger synonym mit dem der Neurose verwendet wird.8 Die Gleichsetzung zwischen dem Namen-des-Vaters und dem Symptom findet man bereits in Seminar 4.

„Es gibt beim Menschen einen Signifikanten, der seine Beziehung zum Signifikanten verzeichnet, und dieser heißt Über-Ich. Es gibt deren sogar vielmehr als einen, und diese heißen Symptome.“9

Die Errichtung des Über-Ichs – der Einbau des Namens-des-Vaters in das Unbewusste – ist eine Instanz der Verdrängung; die Verdrängung geht, Freud zufolge, unvermeidlich einher mit der Wiederkehr des Verdrängten. Die Gestalt, in der das Verdrängte wiederkehrt, ist das Symptom. Der Zusammenhang von Verdrängung und Symptombildung liegt der Neurose zugrunde.10 Das Über-Ich und das Symptom sind beide Signifikanten: rätselhafte Zeichen, die das Subjekt nicht entziffern kann.

Das Symptom beruht, wie Freud annimmt, auf Regression; die Regression stützt sich auf eine Fixierung; die Fixierung wiederum beruht auf frühkindlichen Erlebnissen, wie der Patient meint, genauer: auf der psychischen Realität.11

Lacan stellt in dieser Sitzung die Frage, ob diese vierte Funktion – die des Ödipuskomplexes mit dem verdrängenden Namen-des-Vaters und dem Symptom als Wiederkehr des Verdrängten – notwendig ist, um die drei anderen Funktionen zusammenzuhalten. Anders gesagt: ist die Neurose unvermeidlich? Lacans Antwort lautet: Nein, sie ist überflüssig. Der Ödipuskomplex kann ohne Neurosenbildung durchlaufen werden, die Funktionen des Imaginären, des Symbolischen und des Realen fliegen dann nicht auseinander. Genau dies soll der borromäische Dreierknoten zeigen. Der Ödipuskomplex und die Neurose sind in ihrer Schlüsselrolle ersetzbar. Lacan betont, dass dieser Gedanke ihn seit langem beschäftigt:

„Es ist sicher, dass, als ich angefangen habe, das Seminar über Die Namen-des-Vaters abzuhalten, das ich, wie einige wissen – zumindest diejenigen, die da waren –, das ich abgebrochen habe; ich hatte sicherlich ––. Es ist nicht ohne Bedeutung, dass ich es Die Namen-des-Vaters genannt hatte und nicht Der Name-des-Vaters. Ich hatte eine bestimmte Anzahl von Ideen zur Ersetzung (suppléance), die der analytische Bereich, der analytische Diskurs erfasst, aufgrund dessen, was Freud zu den Namen-des-Vaters vorgebracht hatte.“12

In dem abgebrochenen Seminar Die Namen-des-Vaters von 1963 sollte demnach gezeigt werden, dass es möglich ist, auf den Namen-des-Vaters in seiner alles zusammenhaltenden Funktion zu verzichten; der Plural Die Namen-des-Vaters stand für bestimmte Hinweise von Freud, die in diese Richtung weisen. Demnach ist der Plural Die Namen-des-Vaters ein Vorläufer des borromäischen Dreierknotens. In diesem Sinne kann Lacan in einer späteren Sitzung sagen: „Die Namen-des-Vaters, das ist dies: das Symbolische, das Imaginäre und das Reale.“13

Die drei Funktionen können zusammenhalten, ohne dass dieser Zusammenhalt durch den Ödipuskomplex bzw. den Namen-des-Vaters (also durch die Verdrängung / das Symptom / die Neurose) hervorgebracht wird. Lacan korrigiert hier eine Position, die er früher vertreten hatte. In Seminar 4 hatte er erklärt:

„Der Name des Vaters ist wesentlich für jede Artikulation der menschlichen Sprache, und dies ist der Grund, warum der Ekklesiastes sagt – Die Torheit hat in seinem Herzen gesprochen: Es gibt keinen Gott.14

Und in Seminar 11 hatte er formuliert:

 „die einzig zutreffende Formel für den Atheismus wäre: dass Gott unbewusst ist15.

Der Name des Vaters bzw. der Glaube an einen Gott ist demnach an die Artikulation der Sprache schlechthin gebunden und demnach eine transhistorische Universalie. Deshalb irrt sich der Atheist, wenn er behauptet, es gebe keinen Gott: unbewusst ist auch er genötigt, an einen Gott zu glauben.

Jetzt aber heißt es, der Name des Vaters ist keineswegs unverzichtbar, die drei Knoten halten auch ohne ihn zusammen, anders gesagt: Gott ist nicht zwangsläufig unbewusst.

Das bedeutet für Lacan aber nicht, dass ein Zusammenhalt des Psychischen ohne die zusammenhaltende Funktion des Ödipuskomplexes (des Namens des Vaters, des unbewussten Glaubens an einen Gott, der Verdrängung / des Symptoms) auch faktisch anzutreffen wäre. Im Gegenteil. Der Name-des-Vaters ist nicht notwendig, aber wirklich.

„Unser Imaginäres, unser Symbolisches und unser Reales sind vielleicht für jeden von uns noch in einem Zustand der Dissoziation, die dafür hinreichend ist, dass nur der Name-des-Vaters einen borromäischen Knoten bildet, all das zusammenzuhalten, einen Knoten des Symbolischen, des Imaginären und des Realen bildet. (…) Beim gegenwärtigen Stand der Dinge sind Sie alle und jeder von Ihnen ebenso inkonsistent wie Ihre Väter, und gerade deshalb, weil Sie gänzlich von diesen abhängen, befinden Sie sich in diesem gegenwärtigen Zustand.“16

Die Freudsche Konzeption von der zusammenhaltenden Funktion des Ödipuskomplexes (bzw. des Namens-des-Vaters / des Symptoms als Wiederkehr des durch den Namen-des-Vaters Verdrängten) beschreibt korrekt den gegenwärtigen Stand der Dinge. Analytiker haben es in ihrer Arbeit mit psychischen Strukturen zu tun, in denen dieser Komplex bzw. dieser Name eine entscheidende Rolle spielt, und auch sie selbst können sich der Vatersehnsucht, wie Freud es nennt, nicht entziehen.

Alle befinden sich „noch“ in diesem Zustand: für die Zukunft ist eine andere Verfassung denkbar, eine Form der Subjektivität also, in der der Ödipuskomplex bzw. der Name-des-Vaters eine sekundäre Rolle spielt.17

Mit der Behauptung, dass es möglich sei, auf die alles verklammernde Funktion des Namens-des-Vaters zu verzichten, will Lacan auf keinen Fall voraussagen, dass dieser Zustand auch eintreffen wird.

„Aber stellen Sie sich nicht vor – das wäre nicht mein gewohnter Ton –, ich wäre dabei zu prophezeien, daß wir in der Analyse wie auch anderswo auf den Namen-des-Vaters verzichten könnten, ohne dass unser Symbolisches, unser Imaginäres und unser Reales, wie es Ihrer aller Schicksal ist, sich sehr wohl jedes in sich zurückziehen würde.“18

Die Möglichkeit, auf die Schlüsselfunktion des Namens-des-Vaters zu verzichten, wird vielleicht niemals Wirklichkeit werden.

Angenommen, es käme doch dazu – wie hätte man das zu bewerten, als Fortschritt? Nur in einem eingeschränkten Sinn.

„Es ist sicher, dass – ohne dass man sagen könnte, dass dies einen Fortschritt darstellt, denn es ist nicht zu sehen, inwiefern ein zusätzlicher Knoten, auf dem Rücken, um den Hals und anderswo ––. Es ist nicht zu sehen, inwiefern ein Knoten, ein Knoten, der auf seine größte Strenge reduziert ist, einzig deshalb, weil das ein Minimum wäre, einen Fortschritt darstellen würde. Sicherlich stellt das einen Fortschritt im Imaginären dar, d.h. das ist ein Fortschritt in der Konsistenz.“19

Die Reduktion eines borromäischen Viererknotens auf einen borromäischen Dreierknoten – auf eine Subjektivität, in der der Ödipuskomplex eine Nebenrolle spielte – wäre ein Fortschritt. Dieser Fortschritt bezöge sich allerdings nur auf die imaginäre Dimension, nämlich auf die Konsistenz. (Unter Konsistenz versteht Lacan in diesem Seminar das Zusammenhalten der einzelnen Ringe in sich selbst sowie das Verknüpftsein der Ringe untereinander, ihr Nicht-Auseinanderfallen.)

Die Argumentation erinnert an Freuds Schrift Die Zukunft einer Illusion (1927). Freud fragt hier, ob die Menschheit auf die Religion verzichten kann, d.h. auf den illusionären Glauben an einem schützenden Vater. Kann der Mensch die Kulturverbote akzeptieren, ohne sie auf einen religiösen Ursprung zurückzuführen? Seine Antwort ist zweideutig. Er nimmt an, dass die Entwicklung der Wissenschaft unvermeidlich zum Niedergang der Religion führen wird. Er räumt aber ein, seine Hoffnung, Verdrängung könne durch Geistesarbeit ersetzt werden, sei möglicherweise selbst eine Illusion.

Die Benennung

In der Sitzung vom 11. März 1975 verbindet Lacan den Namen-des-Vaters mit dem Benennen (vgl. hierzu ausführlich diesen Blogartikel).

„Das sind die Namen-des-Vaters, die ersten Namen, insofern sie etwas benennen, was, wie es, ja, wie es die Bibel anzeigt, bezogen (ist) auf dieses außergewöhnliche Dingsda, das Vater genannt wird. Der erste Schritt dieser menschlichen Imagination, nämlich von Gott, ist dem gewidmet, einen Namen zu geben, mein Gott, einem etwas, was nicht gleichgültig ist, nämlich einen Namen jedem der Tiere.“20

Etwas später in derselben Sitzung:

„Und gleichzeitig reduziere ich den Namen-des-Vaters auf seine radikale Funktion, die darin besteht, den Dingen einen Namen zu geben. Mit allen Folgen, die das mit sich bringt, denn das ist keineswegs folgenlos, bis hin zum Genießen, worauf ich eben hingewiesen habe.“21

Der vierte Ring repräsentiert den Vater als Benennenden, als Sinngeber: als denjenigen, der durch Benennung die Dinge entstehen lässt.

In der letzten Vorlesung des Seminars, der vom 13. Mai 1975, skizziert Lacan sehr knapp eine Theorie der Benennungsarten. Sie lässt sich in folgenden Thesen zusammenfassen22:

  • Die Benennung kann durch einen borromäischen Viererknoten dargestellt werden. Der vierte Ring steht hier für die Benennung, die anderen drei für das Imaginäre, das Symbolische und das Reale. Der Viererknoten zeigt, dass bei der Benennung die drei anderen Funktionen immer mit ins Spiel kommen.
  • Es gibt drei Arten von Benennungen: die Benennung des Imaginären, die des Symbolischen und die des Realen.
  • Bei der Benennung des Imaginären werden das Reale und das Symbolische durch das Imaginäre miteinander verbunden. Graphisch lässt sich das so darstellen, wie in der untenstehenden Abbildung; Ni steht hier für „Benennung des Imaginären“23:

Benennung imaginärDie Benennung des Symbolischen kann so veranschaulicht werden24:Benennung symbolisch

  • Die Benennung des Imaginären ist die Hemmung.
  • Die Benennung des Symbolischen vollzieht sich in Gestalt des Symptoms.
  • Die Benennung des Realen zeigt sich als Angst.25
  • Die imaginäre Benennung wird im borromäischen Knoten dadurch gestützt, dass einer der Ringe (der der Benennung?) als unendliche Gerade dargestellt wird. (Die unendliche Grade ist für Lacan einem Kreis äquivalent, das ist eines der Themen von Seminar 22.)
  • Die symbolische Benennung wird durch die Geschichte von Gott (korrekt wäre: von Adam) illustriert, der den Tieren ihre Gattungsnamen gibt.

In Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung, beschreibt Lacan den Zusammenhang von Symptom, Hemmung und Angst so:

– Die psychoanalytische Behandlung zielt auf die Symptome.
– Die Symptome manifestieren sich in Hemmungen.
– Die Symptome werden vor allem durch die Angst determiniert, dies aber nur insofern, als bestimmte Aktivitäten erotisiert sind,  d.h. vom Mechanismus des Begehrens ergriffen sind.26

In Seminar 10 von 1962/63, Die Angst, unternimmt Lacan eine ausführliche Rekonstruktion der Triade von Symptom, Hemmung und Angst. Findet man hier Hinweise zur Frage, was er unter „Benennung“ versteht?

In Seminar 22 lautet Lacans abschließende Frage: Auf welche Art von Benennung ist der Name-des-Vaters zu beziehen, wenn der Vater der benennende Vater ist? Geht es dabei um die symbolische Benennung, ist der Vater also derjenige, der den Dingen ihre Namen gegeben hat? Oder geht es beim benennenden Vater um die reale Benennung? (Die imaginäre Benennung kommt für die Namensgebungsfunktion des Vaters offenbar gar nicht erst in Betracht.)

Mit dieser Frage endet das Seminar. Die Antwort hatte Lacan jedoch bereits in der Sitzung vom 11. März gegeben. Die Benennung, mit der man es beim Namen-des-Vaters zu tun hat, ist die Benennung des Symbolischen;  das mythische Modell für die Benennung des Symbolischen ist die Benennung der Tiere.

Beim Übergang vom borromäischen Dreierknoten (Seminar 22) zum borromäischen Viererknoten (Seminar 23) geht es um die Stellung des Ödipuskomplexes bzw. des Namen-des-Vaters, also um den Glauben an den Vater. Der Glaube an den schützenden Vater ist für das Funktionieren der Subjektivität durchaus verzichtbar, darauf hatte bereits Freud hingewiesen. Der borromäische Dreierknoten zeigt, dass die Funktionen des Imaginären, des Symbolischen und des Realen auch ohne diesen Glauben zusammenhalten können. Faktisch jedoch beruht die Subjektivität auf der zusammenhaltenden Funktion der Vaterbindung; hierfür steht der borromäische Viererknoten. Der Name-des-Vaters ist zugleich der benennende Vater; die Benennung, die er vornimmt, ist eine Benennung des Symbolischen; das Modell hierfür ist die Benennung der Tiere – die symbolische Beziehung zum Realen, durch die die Dinge entstehen; die Benennung des Symbolischen hat als Kehrseite das Symptom.

Zu Geneviève Morel

Morel deutet die in Seminar 22 entwickelte Argumentation anders (Vgl. Morel, a.a.O., S. 87 f., vgl. die Übersetzung in diesem Blog hier.) Für sie stellt es sich so dar: Lacan optiert zunächst für eine Dreierlösung, gegen Freuds Viererlösung, vermutlich aus atheistischen Gründen. Dabei nimmt Lacan jedoch an, dass die Benennung eine rein symbolische Funktion ist. Später wird ihm klar, dass die Benennung eine zusätzliche Funktion ist, die einen vierten Ring erfordert. Aus diesem Grunde lässt er die Dreierlösung fallen und optiert jetzt doch für eine Viererlösung, allerdings für eine andere als die von Freud; bei Lacan steht der vierte Ring für die Benennung. Dies führt am Schluss des Seminars zu der Frage, wie sich der vierte Ring im Sinne von Lacan, nämlich als Benennung, zum vierten Ring im Sinne von Freud verhält, also als Ödipuskomplex, mit Lacan gesprochen: als Name-des-Vaters.

Gegen diese Deutung spricht, dass Lacan die Funktion der Benennung von Anfang an auf den Vater bezieht, beides also nicht isoliert entwickelt und erst in der letzten Vorlesung zusammenbringt (vgl. Sitzung vom 11.3.1975, Version Staferla S. 131; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 42).

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Anmerkungen

  1. Im Folgenden übersetze ich aus Seminar 22 nach der Staferla-Version, die man hier im Internet findet; die Seitenhinweise beziehen sich auf die PDF-Datei. Außerdem verweise ich auf die von Max Kleiner erstellte Übersetzung des Seminars, die sich auf eine von Jacques-Alain Miller überarbeitete Version dieses Seminars bezieht; Kleiners Übersetzung bekommt man über das Lacan-Archiv in Bregenz.
  2. Seminar 22, Sitzung vom 14. Januar 1975, Version Staferla S. 56; Kleiner-Übersetzung S. 20.
  3. Seminar 22, Sitzung vom 14. Januar 1975, Version Staferla S. 56; Kleiner-Übersetzung S. 20.
  4. Unter „psychischer Realität“ versteht Freud Phantasien, die der Patient als Wirklichkeit behandelt; er empfiehlt dem Psychoanalytiker, beide gleichzustellen. „Auch sie (die Phantasien) besitzen eine Art von Realität; es bleibt eine Tatsache, daß der Kranke sich solche Phantasien geschaffen hat, und diese Tatsache hat kaum geringere Bedeutung für seine Neurose, als wenn er den Inhalt dieser Phantasien wirklich erlebt hätte. Diese Phantasien besitzen psychische Realität im Gegensatz zu materiellen, und wir lernen allmählich verstehen, daß in der Welt der Neurosen die psychische Realität die maßgebende ist.“ (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1915-17). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 359.)
  5. Sitzung vom 14.1.1975, Version Staferla S. 57–60; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 20.
  6. Seminar 22, Version Staferla, S. 98; Kleiner-Übersetzung S. 31.–
    Ein wesentlicher Inhalt der „psychischen Realität“, also der vom Patienten für wirklich gehaltenen Phantasien, ist, Freud zufolge, der Vater als sexueller Gegner und als derjenige, von dem die Kastrationsdrohung ausgeht. In der Studie über den Rattenmann schreibt er: „Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in der autoerotischen Betätigung der vorherrschenden Sexualkomponenten, in Spuren von Objektliebe und in der Bildung jenes Komplexes, den man den Kernkomplex der Neurosen nennen könnte, der die ersten zärtlichen wie feindseligen Regungen gegen Eltern und Geschwister umfaßt, nachdem die Wißbegierde des Kleinen, meist durch die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, geweckt worden ist. Aus der Uniformität dieses Inhaltes und aus der Konstanz der späteren modifizierenden Einwirkungen erklärt es sich leicht, daß im allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit gebildet werden, gleichgültig, wieviel oder wie wenig Beiträge das wirkliche Erleben dazu gestellt hat.“ (S. Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (1909). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 7. Fischer Taschenbuch Verlag, S. 74 Fn. 2.) Und einige Sätze später: „Ich zähle Ihnen als Muster dieser Gattung (der psychischen Realität) auf: die Beobachtung des elterlichen Verkehres, die Verfühung druch eine erwachsene Person und die Kastrationsdrohung.“ (A.a.O., S. 360)
  7. Freud über das Über-Ich bzw Ichideal: „Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält es den Keim, aus dem sich alle Religionen gebildet haben. Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal ergibt das demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehnsüchtig Gläubige beruft.“ (Das Ich und das Es (1923). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S. 304. Zum Verhältnis von Vatersehnsucht und Religion vgl. auch Freud: Die Zukunft einer Illusion (1927).
  8. Lacan in Seminar 2: „Nun, worum geht’s beim Symptom, anders gesagt bei einer Neurose?“ Version Miller/Metzger,  S. 410.
  9. Seminar 4, Version Miller, S. 250.
  10. Lacan in Seminar 2: „Sagen, daß es eine Neurose gibt, sagen, daß es ein Verdrängtes gibt, das nie ohne Wiederkehr abgeht, heißt sagen, daß etwas von dem Diskurs, der von A nach S geht, läuft und zugleich nicht läuft.“ Version Miller/Metzger, S. 411.
  11. Vgl. S. Freud: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1917), darin Kapitel 23, „Die Wege der Symptombildung“.
  12. 11.2.1975, Version Staferla S. 101; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 32.
  13. 11.3.1975, Version Staferla S. 122; vgl.  Kleiner-Übersetzung S. 39.– Vgl. hierzu Erik Porge: Jacques Lacan, un psychanalyste. Parcours d’un enseignement. Érès, Toulouse 2000, „La solution borroméen“, S. 163–165; die Übersetzung dieses Abschnitts findet man in diesem Blog hier.
  14. Seminar 4, Version Miller/Gondek, S. 428.
  15. Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 65.
  16. 11.2.1975, Version Staferla 101 f.; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 31 f.
  17. Die Unterscheidung zwischen dem möglichen Dreierknoten und dem wirklichen Viererknoten fehlt in Porges Darstellung von Seminar 22.
  18. 11.2.1975, Version Staferla S. 102; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 32.
  19. 11.2.1975, Version Staferla S. 102; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 34.
  20. 11.3.1975, Version Staferla S. 122; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 39.
  21. 11.3.1975, Version Staferla S. 131; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 42.
  22. Vgl. Version Staferla S. 220–223; vgl. Kleiner-Übersetzung S. 77 f.
  23. Abbildung aus Version Staferla, S. 221.
  24. Version Staferla hat hier einen Fehler, den ich entsprechend Version rue CB und der Kleiner-Übersetzung ausgebessert habe.
  25. Lacan spielt hier auf Freuds Arbeit Hemmung, Symptom und Angst (1926) an, in: Freud: Studienausgabe, Bd. 6. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 227–310. In Seminar 10 von 1962/63, Die Angst, hatte Lacan diesen Text ausführlich kommentiert.
  26. Seminar 6, Version Miller 2013, S. 11 f.

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