Lacans Topologie

Der Schnitt, das Reale und die Innenacht

Vla­di­mir Kush: Scis­sors, von hier

In Se­mi­nar 6, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung (1958/59), führt La­can den Be­griff des Schnitts ein. Dar­un­ter ver­steht er dort die Un­ter­bre­chung ei­ner Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, etwa das Ende ei­ner psy­cho­ana­ly­ti­schen Sit­zung (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Sei­ne Haupt­the­se zum Schnitt lau­tet in Se­mi­nar 6: Der Schnitt ist die Ma­ni­fes­ta­ti­on des Rea­len im Sym­bo­li­schen (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel). Das Sym­bol der Rau­te in der For­mel des Phan­tas­mas, $◊a, wird von da an als Zei­chen für den Schnitt ge­deu­tet (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

In Se­mi­nar 9, Die Iden­ti­fi­zie­rung (1961/62), greift La­can das Kon­zept des Schnitts auf und deu­tet es um. Er be­zieht es jetzt auf die Flä­chen der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie, vor al­lem den To­rus, die Kreuz­hau­be und das Mö­bi­us­band. Der Schnitt ist da­mit der Schnitt in eine Flä­che bzw. der eine Flä­che er­zeu­gen­de Schnitt (bei­spiels­wei­se ent­steht das Mö­bi­us­band durch ei­nen be­stimm­ten Schnitt in die Kreuz­hau­be). Als ent­schei­den­de Form des Schnitts be­greift er nun den Schnitt in Form ei­ner so­ge­nann­te In­ne­n­acht, auf die er von da an im­mer wie­der zu­rück­kom­men wird.1 Von hier aus be­stimmt er neu, wie sich im Schnitt das Rea­le ma­ni­fes­tiert: als das Sel­be.

Im Fol­gen­den über­set­ze ich aus dem Iden­ti­fi­zie­rungs­se­mi­nar die wich­tigs­te Pas­sa­ge zum Ver­hält­nis von Schnitt, In­ne­n­acht und Rea­lem. Da­nach folgt mei­ne Pa­ra­phra­se mit ei­ni­gen er­läu­tern­den Hin­wei­sen.

Seminar 9, aus der Sitzung vom 30. Mai 1962

Der Si­gni­fi­kant de­ter­mi­niert das Sub­jekt, sage ich Ih­nen, in­so­fern dies not­wen­di­ger­wei­se das ist, was die psy­cho­ana­ly­ti­sche Er­fah­rung be­sagt. Aber ver­fol­gen wir die Kon­se­quen­zen die­ser not­wen­di­gen Prä­mis­sen.

Der Si­gni­fi­kant de­ter­mi­niert das Sub­jekt. Hier­durch be­kommt das Sub­jekt eine Struk­tur, die­je­ni­ge, die ich Ih­nen in die­sem Jahr mit­hil­fe des Gra­phen zu de­mons­trie­ren ver­sucht habe, zu zei­gen ver­sucht habe, be­zo­gen auf die Iden­ti­fi­zie­rung, das heißt auf et­was, was sich tat­säch­lich auf die Struk­tur des Sub­jekts un­se­rer Er­fah­rung kon­zen­triert.2 Ich ver­su­che, Sie dazu zu brin­gen, die Ver­bin­dung des Si­gni­fi­kan­ten mit der Sub­jekt­struk­tur nä­her zu ver­fol­gen.

Wo­hin ich Sie mit die­sen to­po­lo­gi­schen For­meln füh­re – bei de­nen Sie be­reits ge­spürt ha­ben, dass es hier nicht ein­fach um den in­tui­ti­ven Be­zug geht, an den uns der Um­gang mit der Geo­me­trie ge­wöhnt hat –, das ist dies, zu be­rück­sich­ti­gen, dass die­se Flä­chen Struk­tu­ren sind.3 Und ich habe Ih­nen sa­gen müs­sen, dass sie alle in je­dem ih­rer Punk­te struk­tu­rell ge­gen­wär­tig sind, falls wir die­ses Wort ‚Punkt‘ über­haupt so ver­wen­den sol­len, ohne das aus­zu­spa­ren, was ich heu­te hier­zu vor­brin­gen wer­de.

Durch mei­ne vor­an­ge­hen­den Äu­ße­run­gen habe ich Sie so­weit ge­bracht, dass es jetzt dar­um geht, in sei­ner Ein­heit dar­zu­le­gen, dass der Si­gni­fi­kant Schnitt ist; es han­delt sich dar­um, das Sub­jekt und sei­ne Struk­tur da­von ab­hän­gig zu ma­chen.

Das ist durch et­was mög­lich, was ich Sie bit­te, zu ak­zep­tie­ren und mir dar­in zu­min­dest eine Zeit­lang zu fol­gen, näm­lich dass das Sub­jekt die Struk­tur ei­ner Flä­che hat, zu­min­dest so­weit sie to­po­lo­gisch de­fi­niert ist.

Es geht also dar­um zu be­grei­fen – und das ist nicht schwie­rig –, wie der Schnitt die Flä­che er­zeugt.

Das ist das, was ich an­ge­fan­gen habe, Ih­nen an Bei­spie­len zu er­läu­tern, an dem Tag, an dem ich Ih­nen mei­ne Mö­bi­us­flä­chen ge­schickt habe, wie klei­ne Pa­pier­flie­ger für ir­gend­ein Spiel.4 Ich habe Ih­nen au­ßer­dem ge­zeigt, dass die­se Flä­chen, wenn Sie sie auf be­stimm­te Wei­se zer­schnei­den, zu an­de­ren Flä­chen wer­den, ich mei­ne zu sol­chen, die als ver­än­der­te Flä­chen to­po­lo­gisch de­fi­niert und ma­te­ri­ell fass­bar sind. Denn das sind kei­ne Mö­bi­us­flä­chen mehr, eben auf­grund des Schnitts, den Sie ent­lang der Mit­tel­li­nie vor­ge­nom­men ha­ben, son­dern das ist ein Band, das zwar in sich ein we­nig ver­dreht ist, das aber tat­säch­lich ein Band ist, das, was man Band nennt, so wie die­ser Gür­tel, den ich hier um die Hüf­ten tra­ge.

Dies, um Ih­nen eine Idee da­von zu ge­ben, dass es mög­lich ist, sich die­sen Er­zeu­gungs­vor­gang vor­zu­stel­len, der sich ge­wis­ser­ma­ßen um­ge­kehrt zu ei­ner ers­ten Evi­denz ver­hält. Sie wer­den den­ken, es ist die Flä­che, die den Schnitt er­mög­licht, und ich sage Ih­nen: Es ist der Schnitt, den wir als das auf­fas­sen kön­nen – wenn wir die to­po­lo­gi­sche Per­spek­ti­ve ein­neh­men –, wo­durch die Flä­che er­zeugt wird.

Und das ist sehr wich­tig. Denn letzt­lich wer­den wir hier viel­leicht den Punkt er­fas­sen kön­nen, an dem der Si­gni­fi­kant in das Rea­le ein­tritt, in es ein­ge­fügt wird, und an dem wir in der mensch­li­chen Pra­xis fest­stel­len kön­nen, dass der Si­gni­fi­kant des­halb in das Rea­le ein­tre­ten kann, weil das Rea­le uns, wenn ich so sa­gen kann, na­tür­li­che Flä­chen an­bie­tet.

Na­tür­lich kann man sich da­mit amü­sie­ren, die­se Ge­ne­se mit ‚kon­kre­ten Hand­lun­gen‘, wie man sagt, nach­zu­voll­zie­hen, um dar­an zu er­in­nern, dass der Mensch schnei­det, und dass un­se­re Er­fah­rung weiß Gott eine sol­che ist, in der her­aus­ge­stellt wor­den ist, wie wich­tig es ist, dass man mit ei­ner Sche­re schnei­den kann. Ei­nes der grund­le­gen­den Bil­der der ers­ten ana­ly­ti­schen Me­ta­phern, näm­lich die bei­den Dau­men, die un­ter dem Klap­pern der Sche­re ab­sprin­gen, ist si­cher­lich so, dass es uns dazu an­sta­chelt, nicht das zu ver­nach­läs­si­gen, was es an Kon­kre­tem gibt, an Prak­ti­schem: die Tat­sa­che, dass der Mensch ein Tier ist, das sich mit Werk­zeu­gen ver­län­gert, an ers­ter Stel­le mit ei­ner Sche­re.

Das ist aber nicht das, wo­hin ich Sie brin­ge, und mit Grund. Uns führt der Satz ‚Der Mensch schnei­det (cou­pe)‘ eher zu den se­man­ti­schen Echos die­ser For­mu­lie­rung: dass er sich ver­plap­pert (qu’il se cou­pe), wie man sagt, dass er ver­sucht, et­was ab­zu­kür­zen (d’y cou­per).

Be­zo­gen auf die grund­le­gen­de For­mel der Kas­tra­ti­on, ‚Man wird ihn dir ab­schnei­den‘, ist all dies auf an­de­re Wei­se zu­sam­men­zu­tra­gen.

Als Si­gni­fi­kan­ten­ef­fekt war der Schnitt für uns zu­nächst in der pho­n­ema­ti­schen Ana­ly­se der Spra­che die­se zeit­li­che, ge­nau­er suk­zes­si­ve Li­nie der Si­gni­fi­kan­ten, bei der ich Sie bis­her dar­an ge­wöhnt habe, sie als Si­gni­fi­kan­ten­ket­te zu be­zeich­nen.

Aber was ge­schieht, wenn ich Sie jetzt auf­for­de­re, die Li­nie selbst als ur­sprüng­li­chen Schnitt an­zu­se­hen?

Die­se Un­ter­bre­chun­gen, die­se In­di­vi­dua­li­sie­run­gen, die­se Li­ni­en­ab­schnit­te, die, wenn Sie wol­len, bei pas­sen­der Ge­le­gen­heit als ‚Pho­neme‘ be­zeich­net wur­den, bei de­nen also un­ter­stellt wur­de, dass sie von dem, was vor­aus­geht, und von dem, was folgt, ge­trennt sind, wo­durch sie eine Ket­te bil­den, die zu­min­dest punk­tu­ell un­ter­bro­chen ist, die­se ‚Geo­me­trie der sen­si­blen Welt‘, auf die sich zu be­zie­hen ich Sie beim letz­ten Mal an­ge­stif­tet habe, mit der Lek­tü­re von Jean Ni­cod und des Wer­kes mit die­sem Ti­tels –.5 In ei­nem zen­tra­len Ka­pi­tel wer­den Sie se­hen, wie wich­tig die Ana­ly­se der Li­nie ist, in­so­fern sie, möch­te ich sa­gen, durch ihre in­trin­si­schen Ei­gen­schaf­ten de­fi­niert wer­den kann, und wie viel leich­ter es für ihn ge­we­sen wäre, wenn er die Funk­ti­on des Schnitts als grund­le­gend in den Vor­der­grund ge­stellt hät­te, bei der theo­re­ti­schen Kon­struk­ti­on, die er mit den größ­ten Schwie­rig­kei­ten aus­ar­bei­ten muss, mit Wi­der­sprü­chen, die kei­ne an­de­ren sind als eben die, die grund­le­gen­de Funk­ti­on zu ver­nach­läs­si­gen.

Wenn die Li­nie selbst Schnitt ist, wird dem­nach je­des ih­rer Ele­men­te der Ab­schnitt ei­nes Schnitts sein.

Und das ist ins­ge­samt das, wo­durch die­ses le­ben­di­ge Ele­ment, wenn ich so sa­gen kann, des Si­gni­fi­kan­ten ein­ge­führt wird, wel­ches ich als ‚In­ne­n­acht‘ (huit in­té­ri­eur) be­zeich­net habe,

In­ne­n­acht

näm­lich ge­nau die Schlin­ge (bou­cle):

Schlin­ge

Die Li­nie über­schnei­det sich selbst. War­um ist das re­le­vant?

Der Schnitt, der im Rea­len an­ge­bracht wird, ma­ni­fes­tiert hier, im Rea­len, was sein Cha­rak­te­ris­ti­kum und sei­ne Funk­ti­on ist, und das, was es in un­se­re Dia­lek­tik ein­führt, im Ge­gen­satz zu ei­ner Ver­wen­dung, die be­sagt, dass das Rea­le das Ver­schie­de­ne ist.

Das Rea­le, im­mer schon habe ich mich hier­bei die­ser ur­sprüng­li­chen Funk­ti­on be­dient, um Ih­nen zu sa­gen, dass das Rea­le das ist, wo­durch das Sel­be ein­ge­führt wird, oder ge­nau­er, das Rea­le ist das, was am sel­ben Platz im­mer wie­der­kehrt.6 Was heißt das an­de­res als dies, dass der Ab­schnitt des Schnitts, an­ders ge­sagt der Si­gni­fi­kant – da er, wie wir ge­sagt ha­ben, im­mer von sich selbst un­ter­schie­den ist, A ist nicht mit A iden­tisch –, dass er kein an­de­res Mit­tel hat, das Sel­be er­schei­nen zu las­sen, als auf­sei­ten des Rea­len.

An­ders ge­sagt, wenn ich mich so aus­drü­cken kann, auf der Ebe­ne ei­nes rei­nen Sub­jekts des Schnitts kann der Schnitt nur des­halb wis­sen, dass er sich ge­schlos­sen hat, dass er sich selbst über­quert, weil das Rea­le, in­so­fern es sich vom Si­gni­fi­kan­ten un­ter­schei­det, das Sel­be ist. An­ders aus­ge­drückt: Ein­zig das Rea­le schließt den Schnitt. Eine ge­schlos­se­ne Kur­ve ist das ent­hüll­te Rea­le, aber, wie Sie ganz grund­le­gend se­hen, der Schnitt muss sich selbst über­schnei­den, falls ihn nicht be­reits et­was un­ter­bro­chen hat.

Un­mit­tel­bar nach dem Zug / dem Strich (le trait) nimmt der Si­gni­fi­kant die­se Ge­stalt an:

Schnitt (Selbst­über­schnei­dung)

und das ist der Schnitt im stren­gen Sin­ne des Wor­tes.

Der Schnitt ist ein Zug / ein Strich, der sich über­schnei­det, er ist es erst, nach­dem er sich schließt, auf der Grund­la­ge, dass er, in­dem er sich über­schnei­det, dem Rea­len be­geg­net ist, das ein­zig als das Sel­be kon­no­tiert wer­den kann be­zie­hungs­wei­se als das, was sich un­ter der ers­ten und dann un­ter der zwei­ten Schlin­ge be­fin­det.

In­ne­n­acht

Wir fin­den hier den Kno­ten, der uns eine Stüt­ze ge­gen­über dem gibt, was die Un­ge­wiss­heit, das Schwan­ken der ge­sam­ten iden­ti­fi­ka­to­ri­schen Kon­struk­ti­on aus­mach­te.

In der Ar­ti­ku­la­ti­on von Jean Ni­cod wer­den Sie das sehr gut er­fas­sen. Sie be­steht dar­in: Muss man das Sel­be er­war­ten, da­mit der Si­gni­fi­kant Be­stand hat?  Wie man es im­mer ge­glaubt hat, ohne sich hin­rei­chend bei der grund­le­gen­den Tat­sa­che auf­zu­hal­ten, dass der Si­gni­fi­kant, um die Dif­fe­renz zu dem her­vor­zu­brin­gen, was er ur­sprüng­lich be­deu­tet, näm­lich das ‚Mal‘ (fois), die­ses eine Mal, das, ich ver­sich­re es Ih­nen, sich nicht wie­der­ho­len kann, durch das je­doch das Sub­jekt im­mer dazu ge­nö­tigt ist, es wie­der­zu­fin­den, die­ses eine Mal for­dert also, um sei­ne Si­gni­fi­kan­ten­form zu er­lan­gen, dass der Si­gni­fi­kant sich zu­min­dest ein­mal wie­der­holt, und die­se Wie­der­ho­lung ist nichts an­de­res als die ra­di­kals­te Form der Er­fah­rung des An­spruchs (de­man­de).

Was der Si­gni­fi­kant – in­kar­niert – ist, das sind all die Male, die der An­spruch sich wie­der­holt. Und wäre es nicht ver­geb­lich, dass der An­spruch sich wie­der­holt, gäbe es kei­nen Si­gni­fi­kan­ten, da kei­nen An­spruch. Wenn Sie das hät­ten, was der An­spruch in sei­ne Schlin­ge ein­schließt, gäbe es kein Be­dürf­nis nach ei­nem An­spruch.  Kein Be­dürf­nis nach ei­nem An­spruch, wenn das Be­dürf­nis be­frie­digt ist.“7

Paraphrase mit Erläuterungen

[Text in ecki­gen Klam­mern und grü­ner Schrift: mei­ne Er­läu­te­run­gen.]
[? Grün un­ter­leg­te Pas­sa­gen in ecki­gen Klam­mern, die mit ei­nem Fra­ge­zei­chen be­gin­nen, be­zie­hen sich auf das, was ich nicht ver­stan­den habe.]

Si­gni­fi­kant, Sub­jekt, Iden­ti­fi­zie­rung

Der Si­gni­fi­kant de­ter­mi­niert das Sub­jekt und hier­durch be­kommt das Sub­jekt eine Struk­tur.

Eine Form, wie der Si­gni­fi­kant das Sub­jekt de­ter­mi­niert, ist die Iden­ti­fi­zie­rung; die Struk­tur des Sub­jekts kon­zen­triert sich ge­wis­ser­ma­ßen in der Iden­ti­fi­zie­rung.

Der Schnitt und die Flä­che

Der Si­gni­fi­kant ist Schnitt; wenn das Sub­jekt durch den Si­gni­fi­kan­ten be­stimmt wird,  muss des­halb er­läu­tert wer­den, in­wie­fern die Struk­tur des Sub­jekts durch den Schnitt de­ter­mi­niert wird. [„Schnitt“ ist ein Grund­be­griff der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie, Flä­chen wer­den hier da­durch klas­si­fi­ziert, wel­che Ar­ten von Schnit­ten bei ih­nen mög­lich sind.]

Hier­zu wird die Struk­tur des Sub­jekts als Flä­che auf­ge­fasst, als Flä­che im Sin­ne der To­po­lo­gie.  Man muss also das Ver­hält­nis von Sub­jekt­struk­tur und Si­gni­fi­kant als Ver­hält­nis von Flä­che und Schnitt re­kon­stru­ie­ren. [D.h. ohne das Kon­zept des Schnitts hat der to­po­lo­gi­sche Zu­gang zur Struk­tur des Sub­jekts we­nig Sinn. Wer in der Psy­cho­ana­ly­se vom Schnitt nicht re­den will, soll­te von to­po­lo­gi­schen Flä­chen schwei­gen – und um­ge­kehrt.]

Mö­bi­us­band

Die­se Be­zie­hung ver­läuft um­ge­kehrt, als man es sich vor­stellt. Spon­tan denkt man, die Flä­che er­mög­li­che den Schnitt. Tat­säch­lich aber – d.h. to­po­lo­gisch ge­se­hen – er­zeugt der Schnitt die Flä­che. La­can er­läu­tert das am Bei­spiel ei­nes Mö­bi­us­ban­des. Wenn man es ent­lang der Mit­tel­li­nie zer­schnei­det, ver­wan­delt es sich in ein Band, das zwar in sich ge­wun­den ist, das aber kein Mö­bi­us­band mehr ist. Kurz: Der Schnitt er­zeugt die Flä­che, hier die des in sich ge­wun­de­nen Ban­des.

Der Schnitt als Ein­tritt des Si­gni­fi­kan­ten in das Rea­le

Da­mit lässt sich viel­leicht er­fas­sen, wie der Si­gni­fi­kant in das Rea­le ein­tritt.

In der mensch­li­chen Pra­xis stellt es sich so dar, dass der Si­gni­fi­kant des­halb in das Rea­le ein­tre­ten kann, weil das Rea­le uns ge­wis­ser­ma­ßen na­tür­li­che Flä­chen an­bie­tet. [Dies ist eine spon­tan sich auf­drän­gen­de, aber ir­re­füh­ren­de Vor­stel­lung.]

Auf das Ver­hält­nis von Schnitt und Rea­lem kann man sich auf der Ebe­ne von „kon­kre­ten Hand­lun­gen“ be­zie­hen: Der Mensch ist ein Werk­zeu­ge ge­brau­chen­des Tier, wo­bei er mit den Werk­zeu­gen sei­ne Or­ga­ne ver­län­gert [Werk­zeu­ge sind „Or­gan­pro­jek­tio­nen“ oder „Or­gan­ver­län­ge­run­gen“, wie Ernst Kapp in den Grund­li­ni­en ei­ner Phi­lo­so­phie der Tech­nik (1877) sag­te]. Ei­nes die­ser Werk­zeu­ge ist die Sche­re, sie ist ein grund­le­gen­des Ele­ment der psy­cho­ana­ly­ti­schen Er­fah­rung [die Kas­tra­ti­on als Dro­hung, dass et­was ab­ge­schnit­ten wird oder die Vor­stel­lung, dass et­was ab­ge­schnit­ten wor­den ist, vgl. die­sen Blog­bei­trag]. Das ist je­doch nicht die Rich­tung, die La­can ver­folgt.

Eher kommt man vor­an, sagt er, wenn man sich auf die Ver­wen­dung von cou­per (schnei­den) in be­stimm­ten For­mu­lie­run­gen be­zieht, wie qu’il se cou­pe, dass er sich ver­plap­pert, oder, dass er ver­sucht d’y cou­per, eine Ab­kür­zung zu neh­men. [Das ist je­doch nur eine An­spie­lung, noch kei­ne theo­re­ti­sche Re­kon­struk­ti­on. Ich neh­me an, dass die An­spie­lung auf die Selbst­über­schnei­dung ei­ner Li­nie vor­aus­weist.]

Der Schnitt und der Si­gni­fi­kant

La­can hat­te das Kon­zept des Schnitts ur­sprüng­lich [in Se­mi­nar 6] als Si­gni­fi­kan­ten­ef­fekt be­stimmt und auf die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te be­zo­gen, auf die suk­zes­si­ve Li­nie von Si­gni­fi­kan­ten. Die­se Li­nie be­steht aus ein­zel­nen Ab­schnit­ten, die bei­spiels­wei­se als Pho­neme ge­deu­tet wer­den kön­nen, und die von dem, was ih­nen vor­aus­geht, und dem, was ih­nen folgt, ge­trennt sind, wo­durch die Ket­te zu­min­dest punk­tu­ell un­ter­bro­chen ist. [Die­se Un­ter­bre­chun­gen sind Schnit­te; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.]

La­can nimmt jetzt eine Um­deu­tung vor. Un­ter „Schnitt“ soll nicht mehr die Un­ter­bre­chung zwi­schen den Li­ni­en­ab­schnit­ten ver­stan­den wer­den, son­dern die Li­nie der Si­gni­fi­kan­ten ins­ge­samt, also die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te. Nun gilt also die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te ins­ge­samt als der ur­sprüng­li­che Schnitt. Oder ein­fa­cher: „Die Li­nie selbst“ ist der Schnitt. [Ach­tung, das „selbst“ ist wich­tig – wann ist eine Li­nie „sie selbst“? Die­se Fra­ge­stel­lung bil­det den Hin­ter­grund der fol­gen­den Be­mer­kun­gen, und die Ant­wort lau­tet: „Selbst“ ist ein Ver­hält­nis, ein „Selbst­ver­hält­nis“, wie man auch sagt. Man muss also fra­gen, wo die Li­nie sich auf sich selbst be­zieht.]

Die Seg­men­te der Li­nie [also die ein­zel­nen Si­gni­fi­kan­ten, etwa ein­zel­ne Pho­neme oder ein­zel­ne An­sprü­che] sind dann Ab­schnit­te des Schnitts.

Schnitt und In­ne­n­acht

Eine Form der Li­nie ist die sich selbst über­schnei­den­de Li­nie, eine Schlin­ge (bou­cle).

Schlin­ge

[In der obe­ren Zeich­nung ist die ge­schlos­se­ne Li­nie – ge­wis­ser­ma­ßen der Rand der Trop­fens – der Ab­schnitt ei­nes Schnitts; der Ab­schnitt des Schnitts bil­det hier eine Schlin­ge.]

La­can nennt die sich selbst über­schnei­den­de Li­nie [wenn sie au­ßer­dem ge­schlos­sen ist, also kei­ne lo­sen En­den hat] In­ne­n­acht (huit in­té­ri­eur). [Vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.]

In­ne­n­acht

[La­can be­schreibt die In­ne­n­acht so, dass sie aus zwei Schlin­gen be­steht, ei­ner in­ne­ren und ei­ner äu­ße­ren; die in­ne­re wird durch den Trop­fen ge­bil­det, die äu­ße­re durch das Herz. In der Zeich­nung un­ten habe ich die in­ne­re Schlin­ge grün ge­färbt und die äu­ße­re blau.]

Die bei­den Schlin­gen der In­ne­n­acht

Die In­ne­n­acht ist ein „le­ben­di­ges Ele­ment des Si­gni­fi­kan­ten“ [in­so­fern viel­leicht, als sie, qua Dop­pel­schlei­fe, auf die Wie­der­ho­lung ver­weist, und da­mit auf die Ak­ti­vi­tät des Si­gni­fi­kan­ten].

Der Schnitt im Rea­len

Was bringt uns das Kon­zept der In­ne­n­acht, also der sich selbst über­schnei­den­den ge­schlos­se­nen Li­nie?

Die­ses Kon­zept hilft, die Be­zie­hung zwi­schen dem Si­gni­fi­kan­ten [also dem Sym­bo­li­schen] und dem Rea­len zu be­grei­fen.

Un­ter dem Rea­len ver­steht La­can nicht etwa das Ver­schie­de­ne, son­dern das Sel­be. [Man muss sich hier dar­an er­in­nern, dass es in die­sem Se­mi­nar um die Iden­ti­fi­zie­rung geht und in­so­fern um das Sel­be.] Hier­auf hat­te La­can sich im­mer schon [seit Se­mi­nar 2] mit der For­mel be­zo­gen, dass das Rea­le das ist, was an der­sel­ben Stel­le im­mer wie­der­kehrt. [Der psy­cho­ana­ly­ti­sche Be­zugs­punkt der For­mel ist also die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis von Iden­ti­fi­zie­rung und Wie­der­ho­lung.]

Der Si­gni­fi­kant hin­ge­gen ist im­mer von sich selbst un­ter­schie­den, A ist nicht A. [Dies war ei­nes der The­men von Se­mi­nar 9; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel].

Die In­ne­n­acht ist eine Li­nie, die sich selbst über­schnei­det.

Also geht es beim Selbst der Selbst­über­schnei­dung um das Rea­le. Ein­zig das Rea­le schließt den Schnitt, ver­wan­delt die of­fe­ne Kur­ve in eine ge­schlos­se­ne Kur­ve; in der Ge­schlos­sen­heit der Kur­ve [in ih­rem Selbst-Be­zug] ent­hüllt sich das Rea­le. [Nicht die In­ne­n­acht ins­ge­samt ist das Rea­le – die In­ne­n­acht steht für den Si­gni­fi­kan­ten, in­so­fern er sich wie­der­holt; das Rea­le ist of­fen­bar der Punkt, am dem die In­ne­n­acht sich selbst über­schnei­det, sich auf sich selbst be­zieht, ein Selbst kon­sti­tu­iert.]

Man kann den Si­gni­fi­kan­ten dem­nach schritt­wei­se so ent­wi­ckeln.
– Die ers­te Form ist der Zug / der Strich (le trait) [also eine of­fe­ne Kur­ve ohne Selbst­über­schnei­dung, z.B. der Strich ei­ner Strich­lis­te].
– Die nächs­te Form ist der Schnitt, das heißt eine Kur­ve, die sich selbst über­schnei­det.

Das kann man so dar­stel­len:

Schlin­ge

oder auch so:

Schnitt (Selbst­be­zug)

– Die sich selbst über­schnei­den­de Li­nie ist wie­der­um die Grund­la­ge für die In­ne­n­acht. [Der Über­gang zur In­ne­n­acht wird an der über­setz­ten Stel­le nicht nä­her aus­ge­führt, im­mer­hin ist klar: Ein ent­schei­den­des Cha­rak­te­ris­ti­kum der In­ne­n­acht ist die Selbst­über­schnei­dung, da­mit das Selbst­ver­hält­nis und da­mit der Be­zug auf das Rea­le.]

In­ne­n­acht

[? Bei der In­ne­n­acht sind zwei For­men der Ge­schlos­sen­heit im Spiel, zum ei­nen als Selbst­über­schnei­dung der Li­nie, zum an­de­ren als Ver­bin­dung der bei­den En­den der Li­nie. Mir ist nicht klar, wie La­can den Zu­sam­men­hang sieht.]

[In der In­ne­n­acht gibt es, wenn man die Li­nie wie eine Amei­se ver­folgt, zwei Über­kreu­zungs­er­eig­nis­se. Die Li­nie ver­läuft zu­nächst über sich selbst, dann un­ter sich selbst (oder um­ge­kehrt). Sie be­zieht sich also dop­pelt auf das Rea­le.]

Un­ter den bei­den Schlei­fen liegt das Rea­le. [? Ist ge­meint „un­ter­halb“ der bei­den Über­kreu­zungs­er­eig­nis­se?] 

Die Wie­der­ho­lung

Die­ser Kno­ten [näm­lich die In­ne­n­acht] lie­fert eine Stüt­ze ge­gen­über dem Schwan­ken der Iden­ti­täts­kon­struk­ti­on. Das Pro­blem ent­steht da­durch, dass der Si­gni­fi­kant nicht mit sich iden­tisch ist. Wie kann er dann mit dem Sel­ben zu­sam­men­ge­bracht wer­den? [Wie kann in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se, die sich auf den Si­gni­fi­kan­ten be­zieht, also auf die Dif­fe­renz, das mit dem Be­griff der Iden­ti­fi­zie­rung ver­bun­de­ne Kon­zept des Sel­ben theo­re­tisch re­kon­stru­iert wer­den?]

Der Si­gni­fi­kant kann das ers­te Mal, das er ur­sprüng­lich be­deu­tet hat­te, nicht wie­der­ho­len. Das Sub­jekt ist je­doch ge­wis­ser­ma­ßen ver­pflich­tet, es wie­der­zu­fin­den. Dies hat zur Fol­ge, dass der Si­gni­fi­kant sich wie­der­holt, und erst durch die Wie­der­ho­lung, die zu­min­dest ein­mal er­fol­gen muss, wird er über­haupt erst Si­gni­fi­kant [hier dürf­te Der­ri­da sein Kon­zept der ur­sprüng­li­chen Wie­der­ho­lung ent­lie­hen ha­ben]. Der An­spruch (de­man­de) [die For­de­rung als Form des Si­gni­fi­kan­ten] wird ra­di­kal in der Wie­der­ho­lung er­fah­ren. Al­ler­dings ist die Wie­der­ho­lung ver­geb­lich [wes­halb die Wie­der­ho­lung wie­der­holt wird]. Wenn der An­spruch er­füllt wer­den wür­de, wenn das Be­dürf­nis be­frie­digt wer­den wür­de, gäbe es kein Be­dürf­nis nach An­spruch.

[In der Sit­zung vom 6. Juni 1962 mo­di­fi­ziert La­can das Kon­zept der Selbst­über­schnei­dung der In­ne­n­acht; die Selbst­über­schnei­dung, heißt es hier, sei eine of­fe­ne Mög­lich­keit. In sei­nen bei­den Haupt­bei­spie­len für die In­ne­n­acht, In­ne­n­acht auf dem To­rus und In­ne­n­acht auf der Kreuz­hau­be, gibt es kei­ne Selbst­über­schnei­dung, sie er­gibt sich erst bei Pro­jek­ti­on die­ser drei- oder vier­di­men­sio­na­len Kur­ve in die Flä­che. Dass die­ser Über­schnei­dungs­punkt nor­ma­ler­wei­se, d.h. auf den to­po­lo­gi­schen Flä­chen, nicht exis­tiert, ist si­cher­lich eine ge­plan­te Poin­te, schließ­lich ist das Rea­le ja das nicht Sym­bo­li­sier­ba­re. Das Rea­le ist das Sel­be, ist die Selbst­über­schnei­dung der Li­nie, und zwar ge­nau in­so­fern, als die­se Selbst­über­schnei­dung un­mög­lich ist.]

[Die In­ne­n­acht steht also für den Si­gni­fi­kan­ten. Sie stellt dar­an her­aus, dass ein Si­gni­fi­kant nur dann Si­gni­fi­kant ist, wenn er sich min­des­tens ein­mal wie­der­holt; dies wird durch die Kreis­ver­dopp­lung il­lus­triert. Die In­ne­n­acht be­zieht die Si­gni­fi­kan­ten­wie­der­ho­lung auf die Kas­tra­ti­on – die In­ne­n­acht ist der Schnitt in eine Flä­che (bes­ser ge­sagt: der eine Flä­che ge­ne­rie­ren­de Schnitt), und der Be­griff des Schnitts ver­weist auf die Kas­tra­ti­on, d.h. auf die Trans­for­ma­ti­on der Se­xua­li­tät durch die Spra­che. Pro­ji­ziert man die In­ne­n­acht in den zwei­di­men­sio­na­len Raum, zeigt sie eine Selbst­über­schnei­dung. Das Selbst der Über­schnei­dung, also der Über­schnei­dungs­punkt, ver­weist auf das Rea­le – die Wie­der­ho­lung be­ruht auf et­was Rea­lem, sie ist der Ver­such, et­was Un­sym­bo­li­sier­ba­res zur Spra­che zur brin­gen. Und eben hier­auf be­zieht sich der Schnitt im Sin­ne der Kas­tra­ti­on: das Un­sym­bo­li­sier­ba­re be­ruht auf dem Ein­griff des Sym­bo­li­schen in die Se­xua­li­tät.]  

[Oder so: Das Rea­le ist das Un­mög­li­che, also das, was zu sym­bo­li­sie­ren un­mög­lich ist. Das Rea­le ist das Sel­be (Freuds Wie­der­ho­lung des ur­sprüng­li­chen Be­frie­di­gungs­er­leb­nis­ses), und auf­grund der Dif­fe­ren­tia­li­tät der Si­gni­fi­kan­ten ist das Sel­be un­mög­lich. To­po­lo­gisch dar­ge­stellt ist das Sel­be das Zu­rück­kom­men ei­ner Li­nie auf sich selbst, die Selbst­über­schnei­dung. In der Ord­nung der To­po­lo­gie re­prä­sen­tiert die In­ne­n­acht die Si­gni­fi­kan­ten­li­nie. Auf den to­po­lo­gi­schen Flä­chen ist die Selbst­über­schnei­dung der In­ne­n­acht un­mög­lich, also real. Dass die Selbst­über­schnei­dung das von der In­ne­n­acht An­ge­ziel­te, aber Ver­fehl­te ist – also das Rea­le –, sieht man bei der Pro­jek­ti­on in die zwei­di­men­sio­na­le  Ebe­ne; die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te – also das Sym­bo­li­sche – wird hier durch die ge­schlos­se­ne Li­nie re­prä­sen­tiert und das Rea­le durch den Schnitt­punkt.]

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Anmerkungen

  1. Auf die In­ne­n­acht stößt man in den Se­mi­na­ren 9 bis 13, 15 und 20. In den Écrits fin­det man sie im Auf­satz Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit, ei­ner Vor­le­sung von 1965, die 1966 ver­öf­fent­licht wur­de. In den Au­tres écrits be­zieht La­can sich auf die In­ne­n­acht in der Pro­po­si­ti­on du 9 oc­tob­re 1965 sur les psy­chana­lys­te de l’École, die 1968 im Druck er­schien.
  2. Mit dem „Gra­phen“ ist hier nicht, wie sonst meist, der so­ge­nann­te Graph des Be­geh­rens ge­meint; La­can be­zieht sich hier viel­mehr auf die Dar­stel­lung der to­po­lo­gi­schen Flä­chen.
  3. Ge­meint sind die Flä­chen der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie, vor al­lem To­rus, Kreuz­hau­be und Mö­bi­us­band.
  4. Auf das Mö­bi­us­band be­zieht La­can sich zu­erst in der Sit­zung vom 28. März 1962 die­ses Se­mi­nars.
  5. Jean Ni­cod (1893–1924) war ein fran­zö­si­scher Lo­gi­ker und Phi­lo­soph. Sei­ne Thè­se La géo­mé­trie du mon­de sen­si­ble (1923) war 1962 von Pres­ses uni­ver­si­taire de Fran­ce neu her­aus­ge­bracht wor­den. La­can hat­te sich in der vor­an­ge­gan­ge­nen Sit­zung (23. Mai 1962) auf die­se Ar­beit be­zo­gen.
  6. Zu­erst in Se­mi­nar 2 von 1954/55, Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se, wo es heißt, die Ster­ne sei­en real, da man sie im­mer am sel­ben Platz wie­der­fin­det (Sit­zung vom 25. Mai 1955; Ver­si­on Miller/Metzger, S. 303). Als For­mel zu­erst in Se­mi­nar 6 von 1958/59, Das Be­geh­ren und sei­ne Deu­tung, in der Sit­zung vom 1. Juli 1959; Ver­si­on Mil­ler, S. 565.
  7. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 30. Mai 1962, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la.

Kommentare

Der Schnitt, das Reale und die Innenacht — 3 Kommentare

  1. Hal­lo Herr Nemitz,

    wie im­mer su­per – ich mar­kie­re hier mal mei­ne Stol­per­stei­ne:
    „Der Si­gni­fi­kant de­ter­mi­niert das Sub­jekt und hier­durch be­kommt das Sub­jekt eine Struk­tur.“ – so­weit klar.

    Eine Form, wie der Si­gni­fi­kant das Sub­jekt de­ter­mi­niert, ist die Iden­ti­fi­zie­rung; die Struk­tur des Sub­jekts kon­zen­triert sich ge­wis­ser­ma­ßen in der Iden­ti­fi­zie­rung.“

    Den Über­gang zu ei­ner Form ver­ste­he ich nicht, fin­de sie nicht im Text (aber ggf. bin ich auch zu müde, da 5.30 Uhr auf­ge­stan­den) – wel­che an­de­ren For­men stün­den denn noch of­fen, also sol­che die de­ter­mi­nie­ren, aber nicht iden­ti­fi­zie­ren?

    In der mensch­li­chen Pra­xis stellt es sich so dar, dass der Si­gni­fi­kant des­halb in das Rea­le ein­tre­ten kann, weil das Rea­le uns ge­wis­ser­ma­ßen na­tür­li­che Flä­chen an­bie­tet. [Dies ist eine spon­tan sich auf­drän­gen­de, aber ir­re­füh­ren­de Vor­stel­lung.]“

    Rich­tig, La­can ist zu nah bei Hei­deg­ger, als dass er be­haup­ten wür­de, dass das Sein sich kreu­zen könn­te!

    Eine Form der Li­nie ist die sich selbst über­schnei­den­de Li­nie, eine Schlin­ge (bou­cle).“

    Ich glau­be an ge­nau die­sem Punkt macht La­can den Ta­schen­spie­ler – und nicht be­zo­gen auf „cou­per“, wie sie an­merk­ten!
    Je nach Ein­satz fin­det sich zu bou­cle vie­les, was ho­mo­nym ist, etwa: http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/franz%C3%B6sisch-deutsch/boucle

    Be­son­ders in­ter­es­sant fin­de ich la bou­cler – den Mund hal­ten, aber auch: bou­cle de rap­pel – Ab­seil­sch­lin­ge, wo­bei rap­pe­ler ei­nen ganz an­de­ren Kon­text hat und nahe dem Ap­pell steht. 

    Dies hat zur Fol­ge, dass der Si­gni­fi­kant sich wie­der­holt, und erst durch die Wie­der­ho­lung, die zu­min­dest ein­mal er­fol­gen muss, wird er über­haupt erst Si­gni­fi­kant [hier dürf­te Der­ri­da sein Kon­zept der ur­sprüng­li­chen Wie­der­ho­lung ent­lie­hen ha­ben].“

    Sehe ich auch so, nur „Schi­zo­phre­ne“ glau­ben, dass eine ein­ma­li­ge Än­de­rung der Regeln/Ausnahmen von den Re­geln, neue Re­geln dar­stel­len!
    Bzgl. Der­ri­da will ich mich fest­le­gen, da mir da der Back­ground fehlt – aber bei J.L. Nan­cy fin­de ich so­vie­le Über­schnei­dungs­punk­te (Schlei­fen), dass es fast schon weh tut.…

    • Hal­lo Herr Gün­ter,

      gibt es an­de­re For­men, in de­nen der Si­gni­fi­kant das Sub­jekt de­ter­mi­niert, als die Iden­ti­fi­zie­rung? Dan­ke für die Fra­ge!

      Muss man nicht sa­gen, eine sol­che an­de­re Form ist der An­spruch? Und eine wei­te­re Form ist das Vo­ka­bu­lar, der „Si­gni­fi­kan­ten­schatz“? So wird es im „Gra­phen des Be­geh­rens“ dar­ge­stellt, im un­te­ren Stock­werk: die Be­dürf­nis­be­frie­di­gung ver­läuft über An­sprü­che (un­te­re Quer­li­nie) mit­hil­fe des Vo­ka­bu­lars (Schnitt­punkt rechts); dies hat die Iden­ti­fi­zie­rung zur Fol­ge (End­punkt un­ten links), und die Iden­ti­fi­zie­rung führt zur Spal­tung des Sub­jekts (An­fangs­punkt un­ten rechts) -?

      Und wenn man ins obe­re Stock­werk des Gra­phen hin­auf­klet­tert, gibt es dann nicht wei­te­re sub­jekt-de­ter­mi­nie­ren­de Si­gni­fi­kan­ten­for­men? Die Fra­ge des Sub­jekts bzw. das Sub­jekt als Fra­ge? Das Phan­tas­ma – das be­steht ja nicht nur aus dem Ob­jekt a (das kein Si­gni­fi­kant ist), son­dern auch aus den Si­gni­fi­kan­ten, die die­ses Ob­jekt ge­wis­ser­ma­ßen ein­krei­sen? Und schließ­lich das Feh­len ei­nes Si­gni­fi­kan­ten (S(Ⱥ) am Schnitt­punkt oben links) – de­ter­mi­niert der Si­gni­fi­kant das Sub­jekt nicht auch in­so­fern, als be­stimmm­te Si­gni­fi­kan­ten feh­len?

      Was ist mit dem Phal­lus? Wenn die­ser Si­gni­fi­kant als Ant­wort auf die Fra­ge nach dem Ob­jekt des Be­geh­rens der Mut­ter ge­bil­det wird (For­mel der Va­ter-Me­ta­pher im Psy­cho­se-Auf­satz), er­mög­licht das doch ge­ra­de das Auf­ge­ben der Iden­ti­fi­zie­rung mit dem (ima­gi­nä­ren) Phal­lus. Oder?

      Und die Wie­der­ho­lung? Ist das nicht eine wei­te­re Form des Si­gni­fi­kan­ten? Und de­ter­mi­niert sie nicht das Sub­jekt?

      • Hal­lo Herr Nemitz,

        dan­ke für die aus­führ­li­che Antwort/Suchhilfe!
        Die ge­nann­ten Text­stel­len muss ich mir erst­mal an­schau­en, vllt. sehe ich dann kla­rer…
        Ne­ben­bei muss ich ge­ste­hen, dass ich La­can fast 20 Jah­re links lie­gen liess – trotz des wirk­lich tol­len In­puts ih­rer­seits, den ich da­mals an der Frank­fur­ter Uni von ih­nen er­hielt!
        In Er­man­ge­lung tie­fer­ge­hen­der Kennt­nis­se, stellt sich für mich je­doch noch die Fra­ge, ob die Wie­der­ho­lung (fast hät­te ich hin­ter dem i ein e ver­ges­sen…), wirk­lich eine wei­te­re Form des Si­gni­fi­kan­ten ist oder die aus­schlies­li­che, die ihn erst als sol­chen kon­sti­tu­tiert (was nicht si­gni­fi­zier­bar ist – also ohne eine Schlei­fe im Re­gis­ter des Sym­bo­li­schen ge­dreht zu ha­ben pas­siert, wäre doch der Ein­bruch des Rea­len – eben als je­nes „We­ni­ger-als-Nichts“, auf das Szi­zek in sei­nem 1400-Sei­ten He­gel­buch ab­zu­he­ben scheint – das ich noch nicht fer­tig ge­le­sen habe…).
        Wie ge­sagt, ich bin lek­tü­re­mä­ßig Licht­jah­re weit von ih­nen ent­fernt, den­noch deucht mich, dass das er­wähn­te „Vo­ka­bu­lar“ in Sum­me we­nig mit der er­wähn­ten Spal­tung zu tun hat – wo soll­te man die Spal­tung an­set­zen, bei ei­nem, zwei oder mehr Si­gni­fi­kan­ten – der Hin­weis auf den Phal­lus ist gut, set­ze ich ihn als 1:2 kom­me ich ma­the­ma­tisch zwar nicht auf we­ni­ger als Nichts – rea­li­ter ist ein Hal­bes aber auch kein Ding!

        VG
        M. Gün­ter

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