Lacans Topologie

Von Tabellen und anderen Räumen

Vermeer_Johannes_Die Spitzenklöpplerien_(ca.1669-1671)Jo­han­nes Ver­meer, De kant­werks­ter (Die Spit­zen­klöpp­le­rin) (Aus­schnitt), Öl auf Lein­wand, 24 x 21 cm, ca. 1669–1670, Lou­vre

War­um steckt La­can so viel Ar­beit in die Ent­wick­lung ei­ner To­po­lo­gie der Psy­cho­ana­ly­se?

Die These von der Räumlichkeit des Sprechens

Vor­fra­ge: Wie be­zieht Freud sich auf den Raum? Des­car­tes be­greift die See­le als punkt­för­mig; sie steht bei ihm im Ge­gen­satz zur res ex­ten­sa, zur aus­ge­dehn­ten Sub­stanz, zur Kör­per­welt. Für Freud hin­ge­gen ist die See­le ex­ten­sa. Bei der Er­kun­dung des Fel­des der Psy­cho­ana­ly­se stützt er sich nicht nur auf das, was die Pa­ti­en­ten sa­gen und nicht nur auf die von ihm ent­wi­ckel­ten Be­grif­fe, er ver­wen­det auch „Gleich­nis­se“, wie er sagt, Me­ta­phern, Ana­lo­gi­en, bild­haf­te Vor­stel­lun­gen; un­ter die­sen neh­men räum­li­che Ana­lo­gi­en ei­nen pro­mi­nen­ten Platz ein. Vor­ges­tern hielt Su­san­ne Lü­de­mann im Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lon Ber­lin hier­zu ei­nen Vor­trag, „Ar­chi­tek­tu­ren der See­le“.

Der Ti­tel weist dar­auf hin, dass Freud ger­ne mit ar­chi­tek­to­ni­schen Ver­glei­chen ar­bei­tet. Etwa an die­ser Stel­le:

Wir set­zen also das Sys­tem des Un­be­wuß­ten ei­nem gro­ßen Vor­raum gleich, in dem sich die see­li­schen Re­gun­gen wie Ein­zel­we­sen tum­meln. An die­sen Vor­raum schließt sich ein zwei­ter, en­ge­rer, eine Art Sa­lon, in wel­chem auch das Be­wußt­sein ver­weilt. Aber an der Schwel­le zwi­schen bei­den Räum­lich­kei­ten wal­te ein Wäch­ter sei­nes Am­tes, der die ein­zel­nen See­len­re­gun­gen mus­tert, zen­su­riert und sie nicht in den Sa­lon ein­läßt, wenn sie sein Miß­fal­len er­re­gen.“1

Oder hier:

Das Ich fühlt sich un­be­hag­lich, es stößt auf Gren­zen sei­ner Macht, in sei­nem ei­ge­nen Haus, der See­le.“2 Die drit­te Krän­kung der Ei­gen­lie­be be­steht in der Be­haup­tung, „dass das Ich nicht Herr sei im ei­ge­nen Haus“3.

An­de­re Raum-Gleich­nis­se von Freud stüt­zen sich auf die Geo­lo­gie (die See­le be­steht aus Schich­ten mit Ver­wer­fun­gen) und auf die Bio­lo­gie:

Die Traum­ge­dan­ken, auf die man bei der Deu­tung ge­rät, müs­sen ja ganz all­ge­mein ohne Ab­schluß blei­ben und nach al­len Sei­ten hin in die netz­ar­ti­ge Ver­stri­ckung un­se­rer Ge­dan­ken­welt aus­lau­fen. Aus ei­ner dich­te­ren Stel­le die­ses Ge­flechts er­hebt sich dann der Traum­wunsch wie der Pilz aus sei­nem My­ce­li­um.“4

Lüdemanns Tabelle zu Kombination und SubstitutionWar­um be­greift Freud die See­le als Raum? Lü­de­manns The­se lau­tet: Freuds Raum­gleich­nis­se re­flek­tie­ren die räum­li­che Struk­tur des Ge­gen­stan­des der Psy­cho­ana­ly­se, die räum­li­che Struk­tur des Spre­chens. Sie be­ruft sich hier­für auf Ja­kobsons Auf­fas­sung vom Dop­pel­cha­rak­ter der Spra­che, als Ver­bin­dung von Kom­bi­na­ti­on und Sub­sti­tu­ti­on5, die wie­der­um an Saus­su­res Un­ter­schei­dung zwi­schen syn­tag­ma­ti­schen und as­so­zia­ti­ven Be­zie­hun­gen an­knüpft6. Die räum­li­che Struk­tur der Be­zie­hung von Kom­bi­na­ti­on und Sub­sti­tu­ti­on wur­de von ihr durch die ne­ben­ste­hen­de Ta­bel­le aus Pa­gels La­can-Ein­füh­rung ver­an­schau­licht (zum Ver­grö­ßern an­kli­cken).7

Das Spre­chen des Pa­ti­en­ten ist dem­nach in­so­fern räum­lich, als es auf der Ver­bin­dung von Kom­bi­na­ti­on und Sub­sti­tu­ti­on be­ruht und die­ses Ver­hält­nis sich durch eine Ta­bel­le dar­stel­len lässt, durch Schrift­zei­chen, die zu­gleich in ho­ri­zon­ta­len und in ver­ti­ka­len Ord­nungs­be­zie­hun­gen ste­hen. Eine sol­che Ta­bel­le ist auch die Grund­la­ge des kar­te­si­schen Ko­or­di­na­ten­sys­tems. In der Spra­che der Sta­tis­ti­ker kann man sa­gen: Eine Ta­bel­le vom Typ Substitution/Kombination hat in der ver­ti­ka­len Ach­se ein no­mi­na­les Ska­len­ni­veau, in der ho­ri­zon­ta­len Ach­se ein or­di­na­les Ska­len­ni­veau (wenn man größer/kleiner durch davor/danach er­setzt); eine Ta­bel­le vom Typ des kar­te­si­schen Ko­or­di­na­ten­sys­tems be­ruht auf Kar­di­nal­ska­len.

Fünf Thesen zu Lacans Topologie

Nach dem Vor­trag ging mir die zu Be­ginn die­ses Ar­ti­kels for­mu­lier­te Fra­ge durch den Kopf: War­um schenkt La­can der To­pik bzw. der To­po­lo­gie so gro­ße Auf­merk­sam­keit? Geht es ihm da­bei um die Räum­lich­keit des Spre­chens im Sin­ne von Jakobson/Lüdemann? Hier­zu fünf The­sen.

(1) Der Ab­stand zwi­schen La­can und Freud ist nir­gend­wo grö­ßer als in der Fra­ge der Räum­lich­keit des Psy­chi­schen.

(2) Auf die ta­bel­la­ri­sche Struk­tur des Raums stützt sich La­can bei sei­nen „Al­go­rith­men“, nicht je­doch bei sei­ner To­pik oder „To­po­lo­gie“.

(3) In sei­ner To­po­lo­gie geht es La­can nicht um die räum­li­che Struk­tur des Spre­chens, son­dern um die räum­li­che Dar­stel­lung der Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Spre­chen (dem Sym­bo­li­schen), dem Ima­gi­nä­ren und dem Rea­len.

(4) Bei der räum­li­chen Dar­stel­lung des Psy­chi­schen kommt es, La­can zu­fol­ge, dar­auf an, Wi­der­stand leis­ten: ge­gen die ima­gi­nä­re Auf­fas­sung des Raums.

(5) Die ima­gi­nä­re Auf­fas­sung des Raums kann ehes­ten zu­rück­ge­drängt wer­den durch die To­pik oder To­po­lo­gie des Lochs.

(1) Der Ab­stand zwi­schen La­can und Freud ist nir­gend­wo grö­ßer als in der Fra­ge der Räum­lich­keit des Psy­chi­schen.

Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, 1923Freud, Zeichnerische Darstellung der zweiten Topik, 1933Kein Ele­ment von Freuds Theo­rie wird von La­can so scharf kri­ti­siert wie Freuds räum­li­che Dar­stel­lung des psy­chi­schen Ap­pa­rats in Das Ich und das Es (1923) (links) so­wie in den Neu­en Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933) (rechts).8 Er über­gießt Freuds zeich­ne­ri­sche Dar­stel­lung der zwei­ten To­pik mit Hohn und Spott.9 La­cans ei­ge­ne to­po­lo­gi­sche Be­mü­hun­gen zie­len dar­auf ab, die­se Art der To­pik zu über­win­den, die To­po­lo­gie des Sacks, wie er sich aus­drückt.10 Zwi­schen Freuds Raum­auf­fas­sung und der von La­can liegt eine Kluft, und La­can ar­bei­tet be­stän­dig dar­an, sie zu ver­grö­ßern.

(2) Auf die ta­bel­la­ri­sche Struk­tur des Raums stützt sich La­can bei sei­nen „Al­go­rith­men“, nicht je­doch bei sei­ner To­pik oder „To­po­lo­gie“.

Wel­che von La­cans Sche­ma­ta er­in­nern am ehes­ten an die ta­bel­la­ri­sche Dar­stel­lung von Kom­bi­na­ti­on und Sub­sti­tu­ti­on? Dazu ge­hö­ren die Ta­bel­len, mit de­nen La­can ge­le­gent­lich ar­bei­tet, etwa das Sche­ma der Be­zie­hun­gen zwi­schen Frus­tra­ti­on, Kas­tra­ti­on und Pri­va­ti­on, das er in Se­mi­nar 4 von 1956/57 schritt­wei­se auf­baut.11

Dazu ge­hö­ren au­ßer­dem die for­mel­ar­ti­gen Ge­bil­de, wie er sie zu­erst in Das Drän­gen des Buch­sta­bens (1957) vor­stellt. Auch sie be­ru­hen auf der Struk­tur der Ta­bel­le, auf dem zwei­di­men­sio­na­len Raum, in dem Schrift­zei­chen zu­gleich ho­ri­zon­tal und ver­ti­kal an­ge­ord­net sind. Man den­ke etwa die For­mel der Me­ta­pher, für die La­can sich aus­drück­lich auf Ja­kobsons Un­ter­schei­dung von Kom­bi­na­ti­on und Sub­sti­tu­ti­on stützt:

{f} \left( \frac {\text S'}{\text S} \right){\text S} \cong {\text S (+) s}

Die lin­ke Sei­te des Aus­drucks (links von ≅) zeigt in ver­ti­ka­ler Ori­en­tie­rung die Sub­sti­tu­ti­on von Si­gni­fi­kan­ten: Sꞌ er­setzt S.12

Vier Diskurse - die vier FormelnAuf ei­ner Ta­bel­len­struk­tur be­ru­hen auch die so­ge­nann­ten Dis­kurs­ma­the­me, die von La­can zu­erst in Se­mi­nar 17 (1969/70) vor­ge­stellt wer­den. Ihre Grund­la­ge ist eine 2x2-Fel­der-Ma­trix, in der vier Ein­trä­ge eine Ro­ta­ti­ons­be­we­gung voll­zie­hen (Ab­bil­dung rechts).

Formeln der SexuierungTa­bel­la­ri­schen Cha­rak­ter ha­ben auch die so­ge­nann­ten For­meln der Se­xu­ie­rung, die La­can zu­erst in Se­mi­nar 19 vor­stellt (Ab­bil­dung links).13

Al­ler­dings rech­net La­can Aus­drü­cke die­ses Typs nicht zu sei­ner „To­po­lo­gie“. Er be­zeich­net sie als „Al­go­rith­men“ und meint da­mit for­mel­ar­ti­ge Ge­bil­de, für die er sich von der Al­ge­bra in­spi­rie­ren lässt; ab Se­mi­nar 19 hei­ßen sie auch „Ma­the­me“. Die To­pik, mit der man es hier zu tun hat, re­du­ziert sich letzt­lich auf die der Schrift. In La­cans Au­gen stellt die qua­si-al­ge­brai­sche Dar­stel­lung zwar ei­nen Fort­schritt in der Er­fas­sung von Struk­tu­ren dar.14 Er ent­wi­ckelt sei­ne To­po­lo­gie je­doch des­halb, weil er die räum­li­che Struk­tur, auf der die Schrift be­ruht, die Zwei­di­men­sio­na­li­tät ohne Lö­cher, für un­zu­rei­chend hält.

(3) In sei­ner To­po­lo­gie geht es La­can nicht um die räum­li­che Struk­tur des Spre­chens, son­dern um die räum­li­che Dar­stel­lung der Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Spre­chen (dem Sym­bo­li­schen), dem Ima­gi­nä­ren und dem Rea­len.

Wor­auf be­zie­hen sich La­cans to­pi­sche Sche­ma­ta? Fast im­mer ha­ben sie die Funk­ti­on, die Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren, dem Sym­bo­li­schen und dem Rea­len dar­zu­stel­len, wo­bei das Rea­le das ist, was we­der ima­gi­niert noch sym­bo­li­siert wer­den kann (vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel).

Optisches Modell - Seminar 1Dar­auf zielt be­reits das ers­te to­pi­sche Sche­ma, das op­ti­sche Mo­dell mit dem um­ge­kehr­ten Blu­men­strauß (sie­he Ab­bil­dung rechts).15 Der Flach­spie­gel seht für das Sym­bo­li­sche, die im Flach­spie­gel zu se­hen­den Blu­men Blu­men in der auf­recht­ste­hen­den Vase für das Imagnä­re und die Po­si­ti­on der Vase un­ter dem Kas­ten, mit der Öff­nung nach un­ten, für das Rea­le.

Schema L - Seminar 2, S. 310, dort eingeführtDas zwei­te to­pi­sche Sche­ma ist das spä­ter als L-Sche­ma be­zeich­ne­te Sche­ma der psy­cho­ana­ly­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on (Ab­bil­dung links).16 Die Be­zie­hung zwi­schen a und aꞌ steht für das Ima­gi­nä­re, die Be­zie­hung zwi­schen (Es) S und A für für die sym­bo­li­sche Be­zie­hung zwi­schen dem Sub­jekt und dem An­de­ren. Der An­de­re steht zu­gleich für das Rea­le: er ist „der rea­le Pol der sub­jek­ti­ven Be­zie­hung“17. In Se­mi­nar 1 war das Rea­le als das de­fi­niert wor­den, was der Sym­bo­li­sie­rung ab­so­lut wi­der­steht18, der An­de­re ist das Rea­le, in­so­fern das Sub­jekt zu sei­nem Ge­setz nicht Ich sa­gen kann, wes­halb das Ge­setz nur in der Wie­der­ho­lung er­scheint, in der Über­tra­gung.

Graf des Begehrens - unteres Stockwerk Signifikanten und Bedürfnis gefärbtIm Gra­phen des Be­geh­rens (Ab­bil­dung rechts), den La­can ab Se­mi­nar 5 (1957/58) ent­wi­ckelt, re­prä­sen­tiert im un­te­ren Stock­werk die hu­fen­ei­sen­för­mig ge­bo­ge­ne (grü­ne) Li­nie das Be­dürf­nis, die von links nach rechts ver­lau­fen­de (rote) Li­nie die Si­gni­fi­kan­ten­ket­te, also das Spre­chen, und die Quer­ver­bin­dung zwi­schen i(a) und m das Ima­gi­nä­re.19 Durch die Ein­wir­kung des Sym­bo­li­schen auf das Be­dürf­nis wird ein Ver­lust er­zeugt, der we­der ima­gi­niert noch sym­bo­li­siert wer­den kann, das Rea­le.

TorusZwei verkettete ToriIm To­rus (Se­mi­nar 9 von 1961/62) ent­spricht der Kreis auf der Ober­flä­che (in der lin­ken Ab­bil­dung mit 1 ge­kenn­zeich­net) dem An­spruch, also dem Si­gni­fi­kan­ten, dem Sym­bo­li­schen. Die zen­tra­le Lee­re (um die in der lin­ken Ab­bil­dung der Kreis 2 her­um­führt) ent­spricht dem Ob­jekt a als Er­schei­nungs­form des Rea­len.20 Die Ver­ket­tung zwei­er Tori (Ab­bil­dung rechts) stellt die Iden­ti­fi­zie­rung dar zwi­schen dem Kreis auf der Ober­flä­che des ei­nen To­rus und der zen­tra­len Lee­re des an­de­ren To­rus. Dies steht  für die Neu­ro­se als Iden­ti­fi­zie­rung des An­spruchs des Sub­jekts mit dem Ob­jekt des Be­geh­rens des An­de­ren bzw. des An­spruchs des An­de­ren mit dem Ob­jekt des Be­geh­rens des Sub­jekts. Die­se Iden­ti­fi­zie­rung zielt auf die Zer­stö­rung des Be­geh­rens des An­de­ren, auf die Re­duk­ti­on des An­de­ren auf das Bild des an­de­ren und ent­spricht da­mit dem Ima­gi­nä­ren.21

Borromäischer Dreierknoten -Version Miller SIm bor­ro­mäi­schen Kno­ten aus drei Rin­gen (Se­mi­nar 22 von 1974/75) steht ei­ner der Rin­ge für das Rea­le, ei­ner für das Sym­bo­li­sche und ei­ner für das Ima­gi­nä­re (Ab­bil­dung rechts).22

In der To­po­lo­gie geht es La­can also nicht um die Räum­lich­keit des Spre­chens. Be­müht er sich um die räum­li­che Dar­stel­lung der Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Spre­chen und dem Kör­per des Sub­jekts? Das setzt vor­aus, dass es für La­can „den“ Kör­per gibt. Tat­säch­lich aber wird der Kör­per von ihm auf­ge­spal­ten, in den ima­gi­nä­ren Kör­per, ei­nen Sack mit Öff­nun­gen23, in den zer­stü­cke­ten Kör­per als Si­gni­fi­kan­ten­lie­fe­rant und in den Kör­per als Ort des Rea­len, von Er­re­gun­gen, die we­der von Bil­dern noch von Si­gni­fi­kan­ten er­fasst wer­den kön­nen. Die­se Kör­per sind nicht di­rekt mit­ein­an­der ver­bun­den, ihre räum­li­che Be­zie­hung ist die der „Ex-sis­tenz“, wie La­can in Se­mi­nar 22 sagt.

(4) Bei der räum­li­chen Dar­stel­lung des Psy­chi­schen kommt es, La­can zu­fol­ge, dar­auf an, Wi­der­stand leis­ten: ge­gen die ima­gi­nä­re Auf­fas­sung des Raums.

Dass Freud die Psy­che räum­lich auf­fasst, ist für La­can nicht ver­wun­der­lich – wir Men­schen den­ken nun ein­mal räum­lich, das ist un­se­re Schwä­che; zur räum­li­chen Dar­stel­lung gibt es kei­ne Al­ter­na­ti­ve, selbst der al­ge­brai­sche Zu­gang be­ruht auf ei­ner Raum­ord­nung, näm­lich der der Schrift.

Die räum­li­che Dar­stel­lung des Psy­chi­schen ist für La­can un­ver­meid­lich, aber zu­gleich pro­ble­ma­tisch. Un­ser psy­chi­scher Ap­pa­rat ist so aus­ge­stat­tet, dass er die Ten­denz hat, ei­nen ganz be­stimm­ten Raum zu kon­stru­ie­ren. Der Raum wird hier mit Fest­kör­pern be­völ­kert, die­se wer­den auf den zwei­di­men­sio­na­len Raum re­du­ziert und durch den Ge­gen­satz von in­nen und au­ßen zu struk­tu­riert. Dar­in zeigt sich die Bin­dung un­se­rer Raum­kon­zep­te an das Ima­gi­nä­re, die sich nur schwer ab­schüt­teln lässt.24

(5) Die ima­gi­nä­re Auf­fas­sung des Raums kann ehes­ten zu­rück­ge­drängt wer­den durch die To­pik oder To­po­lo­gie des Lochs.

Eine der Haupt­auf­ga­ben der psy­cho­ana­ly­ti­schen For­schung be­steht für La­can dar­in, eine To­pik (oder To­po­lo­gie) zu ent­wi­ckeln, die der ima­gi­nä­ren Raum­auf­fas­sung Wi­der­stand bie­tet. Dies leis­ten für ihn die Ge­bil­de der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie: To­rus, Kreuz­hau­be, Klein­sche Fla­sche, Kno­ten.
– Sie sind in den drei- oder vier­di­men­sio­na­len Raum ein­ge­bet­tet, nicht in den zwei­di­men­sio­na­len Raum.
– Sie sind ge­locht oder durch­drin­gen sich selbst und ent­zie­hen sich da­mit der In­nen-Au­ßen-Op­po­si­ti­on.25
– Wenn man sie dehnt oder zer­knautscht oder schrump­fen lässt, bleibt ihre Struk­tur er­hal­ten, an­ders als im car­te­si­schen Ko­or­di­na­ten­sys­tem; nur im Aus­nah­me­fall bie­tet sich die Struk­tur ei­ner to­po­lo­gi­schen Fi­gur auf an­schau­li­che Wei­se dem Auge dar.

ReifenOhrläppchen PiercingDas Wort „Loch“ hat ei­nen ob­szö­nen Bei­klang; das hilft, zu ver­deut­li­chen, was ge­meint ist. Die Va­gi­na ist, to­po­lo­gisch ge­se­hen, kein Loch, son­dern ein Sack mit ei­ner Öff­nung; ihre To­pik be­ruht auf dem In­nen-Au­ßen-Ge­gen­satz und ge­hört da­mit zum Ima­gi­nä­ren. Das­sel­be gilt für die an­de­ren Leer­räu­me, für die die Psy­cho­ana­ly­se sich in­ter­es­siert, Mund, Anus, Ohr, Auge: sie sind Öff­nun­gen. Die zen­tra­le Lee­re ei­nes To­rus funk­tio­niert an­ders, sie ist ein Loch im Sin­ne von La­can; auf dem Bild links geht der senk­re­che Stab durch die Lö­cher der Rei­fen. Wie kann man die ima­gi­nä­re, d.h. an der Ku­gel ori­en­tier­te Auf­fas­sung des mensch­li­chen Kör­pers duch­bre­chen? Der Kör­per ent­hält ei­nen Ver­dau­ungs­ka­nal, der von der Mund­öff­nung bis zum Anus führt; man kann sich vor­stel­len, dass die­ser Schlauch un­un­ter­bro­chen durch­geht; der Kör­per ver­wan­delt sich dann in ei­nen To­rus, in dem der Ver­dau­ungs­schlauch die zen­tra­le Lee­re bil­det.26 Man kann den Kör­per auch durch­boh­ren, wie auf dem Bild rechts. Ein sol­cher An­blick stellt in Fra­ge, was für uns die Haupt­leis­tung des Kör­per­bil­des ist: die Er­zeu­gung ei­ner ge­schlos­se­nen Ge­stalt; des­we­gen be­un­ru­higt er.

Henry Moore, Recumbent figure, 1938lucio_fontana_006_concetto_spaziale_attesa_1965Der dur­chloch­te Kör­per ist ein The­ma der bil­den­den Kunst des 20. Jahr­hun­derts, man den­ke an Skulp­tu­ren von Hen­ry Moo­re (links: Re­cum­bant fi­gu­re von 1938) oder von Alex­an­der Ar­chip­en­ko. Die Dur­chlo­chung der Lein­wand fin­det man in den Ta­g­li von Lu­cio Fon­ta­na (rechts: Con­cet­to spa­zia­le – at­tesa, 1965).

Ist der bor­ro­mäi­sche Kno­ten ein (räum­li­ches) Mo­dell? La­can be­strei­tet das. Ein Mo­dell hat die Auf­ga­be, ei­nen Zu­sam­men­hang zu ver­an­schau­li­chen, d.h. eine Struk­tur dem Ima­gi­nä­ren zu­gäng­lich zu ma­chen. Der löch­ri­ge Kno­ten hat die ent­ge­gen­ge­setz­te Funk­ti­on. Er wi­der­setzt sich der ima­gi­nä­ren Auf­fas­sung des Raums. Er hat kei­ne Af­fi­ni­tät zum Kör­per, und das ist für La­can das Ent­schei­den­de.27

Ist der bor­ro­mäi­sche Kno­ten eine Ar­chi­tek­tur der See­le? Eine Ar­chi­tex­tur? Die Be­zie­hung zwi­schen den Rin­gen ist nicht-hier­ar­chisch. Der bor­ro­mäi­sche Kno­ten ist eine Tex­tur ohne ar­chê.

Zum Bild zu Beginn des Artikels

In Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, sagt La­can:

Es scheint mir nicht ganz da­ne­ben zu sein, Sie dar­an zu er­in­nern, dass ein ge­wis­ser Des­car­tes in der zehn­ten sei­ner Re­geln zur Aus­rich­tung des Geis­tes28 es nicht für über­flüs­sig hielt an­zu­mer­ken, dass ‚da nicht alle Geis­ter glei­cher­ma­ßen fä­hig sind, die Din­ge spon­tan durch ei­ge­ne Kraft zu ent­de­cken (…), man sich nicht so­fort mit den schwie­ri­ge­ren und ver­zwick­te­ren Din­gen be­schäf­ti­gen darf, son­dern daß man zu­nächst die am we­nigs­ten wich­ti­gen und die ein­fachs­ten Küns­te ver­tie­fen muß, vor al­lem die­je­ni­gen, in de­nen am meis­ten Ord­nung herrscht, wie die der Hand­wer­ker, die Tuch und Tep­pi­che her­stel­len, oder die der Frau­en, die sti­cken oder Spit­zen klöp­peln, so­wie alle Prak­ti­ken mit Zah­len und alle Ope­ra­tio­nen, die sich auf die Arith­me­tik und auf ver­gleich­ba­re Din­ge be­zie­hen.‘
Es be­steht nicht der ge­rings­te Zwei­fel, daß Des­car­tes, als er dies sag­te, das Ge­fühl hat­te, daß eine Be­zie­hung be­steht zwi­schen der Arith­me­tik und der Tat­sa­che, daß die Frau­en Spit­zen klöp­peln und die Tep­pich­knüp­fer Kno­ten knüp­fen. An­de­rers ist si­cher, dass er sich nie auch nur im Ge­rings­ten um Kno­ten ge­küm­mert hat. Viel­mehr muss­te man im 20. Jahr­hun­dert schon ziem­lich weit vor­an­ge­schrit­ten sein, da­mit sich et­was ab­zeich­ne­te, das sich Kno­ten­theo­rie nen­nen konn­te.“29

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Anmerkungen

  1. S. Freud: Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1913). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 293.
  2. S. Freud: Eine Schwie­rig­keit der Psy­cho­ana­ly­se. In: Ima­go, 5. Jg. (1917), S. 1–7, hier: S. 5.
  3. A.a.O., S. 7.
  4. S. Freud: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 503.
  5. In Two as­pects of lan­guage and two ty­pes of apha­sic dis­tur­ban­ces (1956) schreibt Ja­kobson:

    A com­pe­ti­ti­on bet­ween both de­vices, me­to­ny­mic and me­ta­pho­ric, is ma­ni­fest in any sym­bo­lic pro­cess, eit­her in­tra­per­so­nal or so­ci­al. Thus in an in­qui­ry into the struc­tu­re of dreams, the de­cisi­ve ques­ti­on is, whe­ther the sym­bols and the tem­po­ral se­quen­ces used are ba­sed on con­ti­gui­ty (Freud’s me­to­ny­mic ‚dis­pla­ce­ment‘ and syn­ec­dochic ‚con­den­sa­ti­on‘) or on si­mi­la­ri­ty (Freud’s ‚iden­ti­fi­ca­ti­on and sym­bo­lism‘).” (In: Ders. und Mor­ris Hal­le: Fun­da­men­tals of lan­guage. Mou­ton & Co, ’s-Gra­ven­ha­ge (Den Haag) 1956, dar­in Teil II, S. 53–82, hier: S. 80 f.)

    Die ver­öf­fent­lich­te deut­sche Über­set­zung die­ser Pas­sa­ge ent­hält ei­nen Feh­ler: „dis­pla­ce­ment“ wird hier mit „Ver­drän­gung“ ins Deut­sche ge­bracht, statt, wie es rich­tig wäre, mit „Ver­schie­bung“ („Ver­drän­gung“ heißt re­pres­si­on). Man liest hier:

    Eine ge­wis­se Ri­va­li­tät zwi­schen den me­to­ny­mi­schen und me­ta­pho­ri­schen Dar­stel­lungs­wei­sen kommt bei je­dem sym­bo­li­schen Pro­zeß, gleich­gül­tig ob es sich um ei­nen in­tra­per­so­nel­len oder um ei­nen so­zia­len han­delt, zum Vor­schein.

    So ist es auch bei der Un­ter­su­chung von Traum­struk­tu­ren eine ent­schei­den­de Fra­ge, ob die Sym­bo­le und die zeit­li­che Rei­hen­fol­ge auf Kon­ti­gui­tät (Freuds me­to­ny­mi­sche ‚Ver­drän­gung‘ und syn­ek­doch­ei­sche ‚Ver­dich­tung‘) oder auf Si­mi­la­ri­tät (Freuds ‚Iden­ti­fi­zie­rung‘ und ‚Sym­bo­lis­mus‘) be­ru­hen.“ (R. Ja­kobson: Zwei Sei­ten der Spra­che und zwei Ty­pen apha­ti­scher Stö­run­gen (1956). Über­setzt von Ge­org Fried­rich Mei­er, Über­ar­bei­tung der Über­set­zung durch Wolf­gang Raible. In: R. Ja­kobson: Auf­sät­ze zur Lin­gu­is­tik und Poe­tik. Hg. v. Wolf­gang Raible. Ull­stein, Frank­furt am Main u.a. 1979, S.117–141, im In­ter­net hier; der zi­tier­te Satz fin­det sich auf S. 137 f. Die­se Über­set­zung be­ruht auf der Über­set­zung von Fun­da­men­tals of lan­guage durch Ge­org Fried­rich Mei­er, die, un­ter dem Ti­tel Grund­la­gen der Spra­che, 1960 im Aka­de­mie-Ver­lag er­schien.)

    Mei­ne Über­set­zung:

    Eine Ri­va­li­tät zwi­schen den bei­den Me­cha­nis­men, me­to­ny­mi­schen und me­ta­pho­ri­schen, ma­ni­fes­tiert sich in je­dem sym­bo­li­schen Pro­zess, sei er in­tra­per­so­nal oder so­zi­al. So lau­tet bei der Er­for­schung der Struk­tur der Träu­me die ent­schei­den­de Fra­ge, ob die Sym­bo­le und die ver­wen­de­ten zeit­li­chen Se­quen­zen auf Kon­ti­gui­tät be­ru­hen (Freuds me­to­ny­mi­sche ‚Ver­schie­bung‘ und syn­ek­doch­ei­sche ‚Ver­dich­tung‘) oder auf Ähn­lich­keit (Freuds ‚Iden­ti­fi­zie­rung und Sym­bo­lik‘).“

  6. Vgl. Fer­di­nand de Saus­su­re: Grund­fra­gen der all­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft. Hg. v. Charles Bal­ly und Al­bert Seche­haye. 2. Auf­la­ge. De Gruy­ter, Ber­lin 1967, Teil 2, Ka­pi­tel 5.
  7. Ger­da Pa­gel: La­can zur Ein­füh­rung. Ju­ni­us, Ham­burg 1989 S. 48.
  8. Ab­bil­dun­gen aus: Das Ich und das Es. Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 3. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 293; Ders.: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se. In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 515.
  9. Etwa in Re­mar­que sur le rap­port de Da­ni­el Lag­a­che: „Psy­chana­ly­se et struc­tu­re de la per­son­na­lité“ (1960). In: Écrits, S. 669, Über­set­zung in die­sem Blog.
  10. Vgl. etwa Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1974.
  11. Vgl. Se­mi­nar 4, Ver­si­on Miller/Gondek, S. 67, 235, 317.
  12. Vgl. J. La­can: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957). In: Schrif­ten II, S. 41.
  13. Sit­zung vom 12. Ja­nu­ar 1972. Ab­bil­dung links aus Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 85.
  14. Vgl. etwa: „Das Sub­jekt wird von ei­nem Ob­jekt ver­ur­sacht, das nur mit ei­ner Schrift fest­stell­bar ist, wo­durch ein Schritt in der Theo­rie ge­tan ist.“ Se­mi­nar 22, RSI, Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 22.
  15. Ab­bil­dung aus F, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 162.
  16. Ab­bil­dung aus Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 310.
  17. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 407.
  18. Se­mi­nar 1, Ver­si­on Miller/Hamacher, S. 80.
  19. Ab­bil­dung aus La­cans Auf­satz Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, Schrif­ten II, S. 193
  20. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 7. März 1962.
  21. Vgl. Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 30. Mai 1962.
  22. Ab­bil­dung aus Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 20.
  23. Vgl. Se­mi­nar 22, RSI, Sit­zung vom 10. De­zem­ber 1974, Klei­ner-Über­set­zung S. 10; Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 21.
  24. Vgl. etwa: „Das ist sehr wich­tig, die Mo­del­le. Nicht, daß das et­was hei­ßen wür­de – das heißt nichts. Aber so sind wir nun mal – das ist un­se­re ani­ma­li­sche Schwä­che –, wir brau­chen Bil­der. Und wenn’s an Bil­dern fehlt, dann kommt es vor, daß die Sym­bo­le nicht zu­ta­ge tre­ten.“ (Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 116 f.) 
  25. La­can in Se­mi­nar 22: „Wie kann es ge­sche­hen, daß eine Kon­struk­ti­on ex-sis­tiert, de­ren Kon­sis­tenz not­wen­di­ger­wei­se nicht ima­gi­när ist? Dazu ist not­wen­dig, daß sie ein Loch hat. Und das führt uns zu der so­ge­nann­ten To­po­lo­gie des To­rus.“ Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 31.
  26. Vgl. La­can, Se­mi­nar 22 von 1974/75, RSI, Sit­zung vom 18. März 1975; Klei­ner-Über­set­zung S. 51–53.
  27. Vgl. Se­mi­nar 22, RSI, Sit­zung vom 15. April 1975.
  28. Re­gu­lae ad di­rec­tionem in­ge­nii, ca. 1628–29.
  29. Sit­zung vom 14. Ja­nu­ar 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 17, Über­set­zung ge­än­dert nach Ver­si­on Sta­fer­la.

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