Subjekt

Das Verschwinden des Subjekts: Fading, Aphanisis, Urverdrängung

La règle du jeu - Marcel Dalio als Marquis de la CheyniestDie Spielregel (Frankreich 1939, Regie: Jean Renoir)
Marcel Dalio als Marquis de la Cheyniest bei der Vorstellung des Orchestrion (Ausschnitt)

Zweite Fassung vom 18. August 2016 (die erste Fassung wurde am 16. Juni 2014 veröffentlicht). Die Änderungen betreffen vor allem den Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Subjekts und der Urverdrängung.

Was versteht Lacan unter Fading, was unter Aphanisis, was unter dem Verschwinden des Subjekts?

Der Begriff Fading wird von ihm eingeführt in Seminar 6 von 1958/59, Le désir et son interprétation (Das Begehren und seine Deutung, nicht übersetzt). Im Folgenden übersetze und kommentiere ich die meisten Passagen, in denen Lacan in Seminar 6 vom Verschwinden des Subjekts, vom Fading des Subjekts und von der Aphanisis des Subjekts spricht.

Aufbau:
– Ich beginne mit der Verortung des verschwindenden Subjekts im Graphen des Begehrens.
– Es folgt eine knappe Darstellung von Lacans Kritik an Jones’ Begriff der Aphanisis.
– Danach erläutere ich Passagen, in denen Lacan vom Verschwinden des Subjekts spricht, ohne dass er dabei die Termini „Aphanisis“ oder „Fading“ verwendet.
– Es folgen die Stellen, in denen Lacan den Ausdruck „Aphanisis“ auf, wie er sagt, impressionistische Weise verwendet, nämlich im Sinne des Zum-Verschwinden-Bringens des Phallus.
– Anschließend zitiere und kommentiere ich sämtliche Passagen, in denen Lacan vom Fading des Subjekts und von der Aphanisis des Subjekts spricht.
– In der „Zusammenstellung der Zusammenstellungen“ versuche ich, den Aufbau der Argumentation nachzuzeichnen, eng am Text.
– Es folgen einige von Lacans späteren Erläuterungen des Begriffs.
– Den Abschluss bildet ein unvollständiger Überblick über die Sekundärliteratur zu Fading und Aphanisis.

Zahlen in Klammern sind Seitenangaben; sie beziehen sich auf die von Jacques-Alain Miller herausgegebene Version von Seminar 6. Gelegentlich übersetze ich nicht nach dieser Version, sondern nach Version Staferla; ich weise dann darauf hin. Drei Punkte vor einem Zitat zeigen an, dass es an das vorangehende Zitat lückenlos anschließt. Ein Sternchen nach einem Wort, etwa „Hilflosigkeit*“ signalisieren, dass das Wort im Original deutsch ist. Die Fettschreibung einzelner Wörter ist von mir.

Herzlichen Dank an Steffen Dietz fürs Korrekturlesen!

Inhalt

I. Das verschwindende Subjekt im Graphen des Begehrens

Graf des Begehrens - S6 - $ gelb - Miller S 337Im Graphen des Begehrens sieht man oben rechts den Schnittpunkt für den Code des Unbewussten bzw. für den Trieb; er ist mit $◊D bezeichnet. Oben links, etwas tiefer, findet man die Formel für das Phantasma: $◊a.1 Im Aufsatz Die Ausrichtung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht gibt Lacan die folgende Leseanleitung:

„Das Zeichen ◊ verweist auf die Beziehungen: Einschließung (envelopppement) – Ausschließung (développement) – Konjunktion – Disjunktion. Die Verbindungen, die es in diesen beiden Klammern bedeutet, ermöglichen es, das durchgestrichene S so zu lesen: S im Fading im Schnitt des Anspruchs, S im Fading vor dem Objekt des Begehrens. Namentlich: Trieb und Phantasma.“2

Das ausgestrichene S, also $, ist in beiden Formeln zu lesen als „S im Fading“. „S“ steht für „Subjekt“, der englische Ausdruck fading bedeutet „Verschwinden“, das Symbol $ meint also: „das Subjekt, das dabei ist, zu verschwinden“. In der ersten Formel steht das im Verschwinden begriffene Subjekt im Verhältnis zum Anspruch (D für demande, Anspruch, Forderung), in der zweiten Formel bezieht es sich auf ein imaginäres Objekt, a, das zu diesem Zeitpunkt der Theorieentwicklung, 1958/59, als „Objekt im Begehren“ bezeichnet wird.

II. Lacans Kritik an Jones’ Begriff der Aphanisis

Lacan entwickelt seinen Begriff des Verschwindens des Subjekts in Auseinandersetzung mit dem Begriff der Aphanisis, den Ernest Jones 1928 in die Psychoanalyse eingeführt hatte.

Ernest Jones stellt sich folgende Frage: Wenn das Mädchen glaubt, die Kastration schon erlitten zu haben, welches vorgestellte zukünftige Ereignis vermag dann eine Angst hervorzurufen, die der Kastrationsangst des Jungen an Intensität gleichkommt? Seine Antwortet lautet: „the total, and of course permanent, extinction of the capacity (including opportunity) of sexual enjoyment”3, „die völlige und damit dauernde Vernichtung der sexuellen Genussfähigkeit (einschließlich der Gelegenheit dazu)“4.

Am Rande möchte ich festhalten, dass Jones’ Formulierung sexual enjoyment möglicherweise der Ausgangspunkt für Lacans Verwendung des Ausdrucks  jouissance sexuelle ist, „sexuelles Genießen“. Man findet diesen Terminus bei Lacan erstmals im Folgeseminar5, und in Seminar 13 übersetzt er, vereinfacht gesagt, sexual enjoyment mit „jouissance sexuelle“6. Ausführliche Erläuterungen zum „sexuellen Genießen“ findet man vor allem in Seminar 13 (Das Objekt der Psychoanalyse, 1965/66), in Seminar 18 (Über einen Diskurs, nicht vom Schein wäre, 1971) sowie in Seminar 19 (… oder schlimmer, 1971/72).

Das griechische Wort für „Verschwinden“ ist aphanisis und Jones verwendet diesen Ausdruck; Männer wie Frauen, sagt er, haben Angst vor der Aphanisis ihrer sexuellen Genussfähigkeit; dies ist die Angst, die letztlich allen Neurosen zugrundeliegt. Die größte Annäherung an diese Angst, die klinisch zugänglich ist, sind, Jones zufolge, Kastrations- und Todesgedanken. Bei Männern äußert sich die Angst vor der Aphanisis der Genussfähigkeit in der Angst, kastriert zu werden, bei Frauen in der Angst, verlassen zu werden.

Bereits vor Seminar 6 hatte Lacan sich auf Jones’ Konzept der Aphanisis bezogen, fast immer kritisch. Dabei übersetzt er „capacity of sexual enjoyment“, sexuelle Genussfähigkeit, mit „désir“, Begehren; aus der Angst vor der Aphanisis der sexuellen Genussfähigkeit wird in Lacans Jones-Referat also die Angst vor der Aphanisis des Begehrens.7 Vor Seminar 6 von 1958/59, Das Begehren und seine Deutung, beschränkt Lacan sich auf knappe Hinweise, in Seminar 6 setzt er sich ausführlich mit Jones’ Begriff der Aphanisis auseinander.8 Lacans Gegenthese lautet: Das, worum es beim Kastrationskomplex geht, ist das Verschwinden des Subjekts und nicht, wie Jones meint, das Verschwinden des Begehrens.9

Lacan entwickelt also seine eigene Konzeption des Verschwindens, und dies zunächst so, dass er den von Jones in die Psychoanalyse eingeführten Terminus „Aphanisis“ Jones überlässt. Für die Darstellung seiner eigenen Auffassung bedient er sich der in der französischen Umgangssprache gebräuchlichen Ausdrücke für das Verschwinden, disparition bzw. disparaître. Daneben verwendet er auch évanouissement bzw. évanouir oder s’évanouir. Évanouissement meint auch „Ohnmacht“; Freudleser werden sich daran erinnern, dass der vorübergehende Bewusstseinsverlust zu den Symptomen der klassischen Hysterie gehört10; das Verschwinden des Subjekts qua évanouissement hat also die Nebenbedeutung, dass das Subjekt das Bewusstsein verliert. Im Verlauf des Seminars adoptiert Lacan den Terminus Aphanisis für seine Zwecke, zunächst „impressionistisch“, wie er sagt, dann führt er einen eigenen Terminus für das Verschwinden des Subjekts ein, den des Fading, schließlich setzt er das Fading des Subjekts mit der Aphanisis des Subjekts gleich.

Was also versteht Lacan unter dem Verschwinden des Subjekts, unter seinem Fading, unter seiner Aphanisis?

III. Das Verschwinden des Subjekts

In diesem Teil zitiere und erläutere ich Passagen, in denen Lacan in Seminar 6 vom Verschwinden des Subjekts spricht, ohne sich dabei der Ausdrücke „Aphanisis“ oder „Fading“ zu bedienen. Bis zur ersten, probeweise Übernahme des Terminus „Aphanisis“ durch Lacan  (Seminar 6, Version Miller, S. 234) sind die Zitate vollständig, danach selektiv.

1. Das Subjekt verschwindet, weil die Antwort auf die Frage „Was will ich?“ der Phallus ist

In der Sitzung vom 19. November 1958 erklärt Lacan:

„Die Situation des Subjekts auf der Ebene des Unbewussten, so wie sie von Freud artikuliert wird – das bin nicht ich, der das artikuliert, das ist Freud –, besteht darin, dass es nicht weiß, womit es spricht. Es ist also nötig, dass man ihm die im eigentlichen Sinne signifikanten Elemente seines Diskurses enthüllt. Und es kennt auch nicht die Botschaft, die es auf der Ebene des Diskurses des Seins realerweise (réellement) erreicht – sagen wir wahrhaft (véritablement) erreicht, wenn Sie wollen, aber dieses realerweise lehne ich keineswegs ab.

Anders ausgedrückt, das Subjekt kennt nicht die Botschaft, die bei ihm ankommt, die Botschaft der Antwort auf seine Frage (demande) im Felde dessen, was es will. Aber Sie, Sie kennen die Antwort bereits, die wahrhafte Antwort. Es kann nur eine sein. Das ist nämlich derjenige Signifikant und nichts anderes, der speziell dazu bestimmt ist, die Beziehungen des Subjekts zum Signifikanten zu bezeichnen. Dieser Signifikant ist der Phallus, ich habe Ihnen bereits gesagt, warum.“ (48 f.11)

Lacan resümiert seine Beschreibung des Graphen des Begehrens. Es geht um die Ebene des Unbewussten, um die obere Etage des Graphen.

Graph des Begehrens mit x

Graph in der Version vom 19. November 1958

Das Subjekt stellt sich eine Frage. Sie bezieht sich darauf, was es will; das Subjekt fragt sich: „Was will ich?“ Es stellt diese Frage in umgekehrter Form, als Frage nach dem Begehren des Anderen. Im Graphen des Begehrens wird die Frage des Subjekts durch die Linie Que vuoi? dargestellt, italienisch für „Was willst du?“; diese Linie führt vom Schnittpunkt unten rechts, A, über den Schnittpunkt oben rechts, ($◊D), zum Schnittpunkt oben links, X.12

Diese Frage wird bewusst gestellt. Die Antwort jedoch ist unbewusst. Sie beruht auf einem unbewussten Code und besteht in einer unbewussten Botschaft.

Damit das Subjekt die Antwort des Unbewussten verstehen kann, enthüllt der Analytiker dem Subjekt die Signifikanten, aus denen der unbewusste Diskurs des Subjekts besteht, das Vokabular seines Unbewussten, den unbewussten Code; im Graphen des Begehrens ist dies der obere rechte Schnittpunkt, $◊D.

Auf der Ebene des Unbewussten erreicht das Subjekt eine Botschaft als Antwort auf seine Frage, eine Botschaft über das, was der Andere begehrt (und damit, was das Subjekt begehrt, denn das Begehren des Subjekts ist das Begehren des Anderen). Die Botschaft des Unbewussten wird im Graphen des Begehrens durch den oberen linken Schnittpunkt bezeichnet. Zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung des Graphen ist dieser Punkt mit einem X bezeichnet13, später findet man hier die Zeichenfolge S(Ⱥ). Das Subjekt kennt diese Botschaft nicht.

Die Botschaft des Unbewussten ist der Phallus-Signifikant. Das Subjekt fragt „Was willst du?“ (und auf diesem Wege „Was will ich?“) und erhält als Antwort den Phallus-Signifikanten. Das, was der Andere will, ist: der Phallus.

Exkurs zum Phallus

Die Beziehung zwischen dem Anderen und dem Phallus hatte Lacan zu Beginn desselben Jahres in dem Aufsatz Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht durch die Formel der Vatermetapher dargestellt14:

\frac {\text {Name-des-Vaters}}{\text {Begehren der Mutter}} \cdot \frac {\text {Begehren der Mutter}}{\text {dem Subjekt signifiziert}} \rightarrow \text {\normalsize {Name-des-Vaters}} \left( \frac {\text {A}}{\text {Phallus}} \right)

Auf der rechten Seite findet man \left( \frac {\text {A}}{\text {Phallus}} \right), zu lesen als: das, was der oder die Andere (A) begehrt, ist der Phallus. Die Bildung der Vatermetapher (linke Seite der Formel: Ersetzung des Signifikanten „Begehren der Mutter“ durch den Signifikanten „Name-des-Vaters“) hat zum Ergebnis, dass der Phallus-Signifikant als Signifikant für das Begehren des Anderen installiert wird (womit es dem Subjekt möglich wird, die Position aufzugeben, „der Phallus zu sein“, das Objekt des Begehrens des Anderen).

Der Phallus ist also der Signifikant dessen, was der Andere begehrt. Er ist außerdem der Signifikant für die Auswirkungen des Signifikanten insgesamt, d.h. der Sprache, auf das Subjekt. Diese These hatte Lacan wenige Monate zuvor in dem Aufsatz Die Bedeutung des Phallus entwickelt. Dort heißt es:

„Was sich so in den Bedürfnissen entfremdet findet, bildet eine Urverdrängung*, von daher, dass es, der Hypothese nach, im Anspruch nicht artikuliert werden kann, was aber in einem Abkömmling erscheint, der das ist, was sich beim Menschen als das Begehren* darstellt.“15

Lacan fasst hier die Beziehungen zwischen Bedürfnis, Anspruch und Begehren zusammen, auf denen die Konstruktion des Graphen des Begehrens beruht:
– Ausgangspunkt sind die Bedürfnisse.
– Bedürfnise werden durch Ansprüche artikuliert, durch sprachliche oder sprachartige Forderungen.
– Einige Bestandteile der Bedürfnisse können durch Ansprüche nicht artikuliert werden. Diesen Vorgang nennt Lacan mit einem Ausdruck von Freud „Urverdrängung“16; urverdrängt sind in Lacans Sichtweise also bestimmte Bedürfnisse, und dies insofern, als sie symbolisch nicht artikuliert werden können.
– Die urverdrängten Bedürfnisse werden in einem Abkömmling artikuliert, im Begehren.
– Der Phallus symbolisiert die Auswirkungen des Signifikanten insgesamt auf das Subjekt, also das Begehren und, dahinter liegend, die Urverdrängung.

Etwas später heißt es im selben Aufsatz: Die Einsetzung des Subjekts durch den Signifikanten vollzieht sich in der Weise,

„dass das, was von diesem Sein [des Subjekts] im Urverdrängten* lebendig ist, seinen Signifikanten dadurch findet, dass es das Kennzeichen der Verdrängung* vom Phallus erhält (wodurch das Unbewusste Sprache ist)“17.

Das Urverdrängte ist halb tot, halb lebendig. Sofern es lebendig ist, sofern es Begehren ist, findet seinen Signifikanten im Phallus.

Kurz nach dieser Sitzung von Seminar 6 wird Lacan einen Aufsatz über die Theorie der Symbolik von Ernest Jones verfassen. Hier schreibt er:

„Von daher zeigt sich, dass die Analyse enthüllt, dass der Phallus die Funktion des Signifikanten des Seinsmangels (manque à être) hat, der im Subjekt durch seine Beziehung zum Signifikanten determiniert wird. Was der Tatsache, dass sämtliche Symbole, auf die die Studie von Jones sich bezieht, phallische Symbole sind, ihre Tragweite verleiht.“18

Etwas später heißt es im selben Aufsatz:

„Denn der Phallus ist, wie wir an anderer Stelle gezeigt haben, der Signifikant eben des Verlusts, den das Subjekt durch die Zerstückelung des Signifikanten erleidet (…).“[/note]A.a.O., S. 727, Übersetzung geändert.[/note]

Der Phallus ist der Signifikant des Seinsmngels, der durch die Einwirkung der Sprache auf das Subjekt hervorgerufen wird, dadurch, dass das Subjekt durch den Signifikanten „zerstückelt“ wird.

Zurück zu Seminar 6

Die Antwort auf die Frage des Subjekts nach dem Begehren des Anderen ist, auf der Ebene des Unbewussten, der Phallus – der Phallus ist das, was der Anderen begehrt. Der Phallus ist jedoch nicht der Gegenstand des Begehrens des Anderen im üblichen Sinne, sondern er ist der Signifikant, der einen Verlust symbolisiert, denjenigen Verlust, den der Andere als Effekt der Einwirkung der Sprache auf den Anderen als Subjekt erfahren hat, er symbolisiert das Begehren als Abkömmling der Urverdrängung.

… „Diejenigen aber, die das zum ersten Mal hören, bitte ich, das vorläufig zu akzeptieren. Da ist nicht das Wichtige. Das Wichtige ist, dass das Subjekt nicht die Antwort haben kann, und zwar deswegen nicht, weil die einzige Antwort der Signifikant ist, der seine Beziehungen zum Signifikanten bezeichnet. In dem Maße, in dem es diese Antwort artikuliert, wird das Subjekt vernichtet und es verschwindet (disparaît). Das führt dazu, dass das einzige, was es davon spüren kann, eine Drohung ist, die sich direkt auf den Phallus richtet, nämlich die Kastration oder dieser Begriff des Phallusmangels, der beim einen wie beim anderen Geschlecht das ist, womit die Analyse zu einem Ende gelangt, wie Freud – ich habe Sie darauf hingewiesen – es artikuliert hat.“ (49, zweiter Satz geändert nach Version Staferla)

Das Subjekt kann die Antwort des Unbewussten auf die Frage des Subjekts nach dem Begehren des Anderen bzw. des Subjekts nicht „haben“, es kann sie nicht empfangen. Warum nicht? Weil die Antwort der Phallus ist.

Der Phallus-Signifikant ist ein Spezialsignifikant, der sich auf das Verhältnis des Subjekts zum Signifikanten überhaupt bezieht, auf die Beziehung zur Sprache, und damit auf das Begehren und die Urverdrängung. In dem Maße, in dem das Unbewusste diese Antwort artikuliert, wird das Subjekt vernichtet, es verschwindet. Für die unannehmbare Antwort wird von beiden Geschlechtern ein Ersatz gebildet: die Vorstellung des Phallusmangels, sei es des drohenden Phallusmangels (Mann), sei es des bereits realisierten Phallusmangels (Frau).

An dieser Stelle spricht Lacan in Seminar 6 zum ersten Mal vom Verschwinden des Subjekts. Ein Synonym für „Verschwinden“ ist „Vernichten“: das Subjekt wird vernichtet.

Das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass es einen bestimmten Signifikanten nicht annehmen kann, nicht subjektivieren kann, den Phallus-Signifikanten. Das Verschwinden des Subjekts ist ein Verschwinden im Verhältnis zur Ebene der Signifikanten.

Warum ist die Phallus-Botschaft für das Subjekt unannehmbar? Offenbar ist es für das Subjekt inakzeptabel, nichts anderes zu sein als ein durch die Sprache hervorgerufenes Fehlen.

Das Konzept „Verschwinden des Subjekts“ besteht aus den folgenden Schritten:
– Das Subjekt stellt die Frage nach dem Begehren des Anderen („Que vuoi?“).
– Das Subjekt erhält auf der Ebene des Unbewussten eine Antwort auf die Frage nach dem Begehren des Anderen: der Andere begehrt den Phallus.
– Der Phallus ist der Signifikant des durch die Sprache hervorgerufenen Mangels: des Begehrens und, dahinter, der Urverdrängung.
– Das Subjekt kann die Phallus-Antwort nicht annehmen.
– In der Nicht-Annahme dieses Signifikanten besteht das Verschwinden des Subjekts, seine Vernichtung. Das Verschwinden des Subjekts ist ein Verschwinden auf der symbolischen Ebene.
– Das Subjekt ersetzt sein Verschwinden durch die Vorstellung vom Phallusmangel..

Lacan bringt das Verschwinden des Subjekts in einem Zusammenhang mit dem Phallus-Signifikanten; es ist offenkundig, dass es ihm darum geht, den Begriff der Kastration theoretisch zu rekonstruieren. Von Jones übernimmt er die Frage, welche Gemeinsamkeit Kastrationsangst und Penisneid zugrunde liegt; von Jones übernimmt er den Gedanken, dass es dabei um ein Verschwinden geht –allerdings nicht um das Verschwinden des Begehrens, sondern um das Verschwinden des Subjekts im Verhältnis zu dem Signifikanten, der das Begehren und die Urverdrängung symbolisiert. Das Verschwinden des Subjekts, so kann man erschließen, bezieht sich letztlich auf die Urverdrängung.

2. Das Subjekt verschwindet auf der Ebene des Äußerungsvorgangs

Graf dees Begehrens - Seminar 6 - X oben links - Signifikantenlinien grün - Miller SZwei Sitzungen später, am 3. Dezember 1958, erläutert Lacan ein weiteres Mal den Graphen des Begehrens und dort die beiden quer von links nach rechts verlaufenden Linien (hier grün gefärbt); die obere führt von Dꞌ nach Sꞌ, die untere von D nach S.19

„Die Beziehung dieser beiden Linien, die den Prozess der Äußerung beziehungsweise denjenigen der Aussage repräsentieren, das ist ganz einfach, das ist die gesamte Grammatik. Wenn die Sache Sie amüsiert, könnte ich Ihnen sagen wo und wie, mit welchen Termini und welchen Tabellen das im Rahmen einer rationalen Grammatik artikuliert worden ist. Aber im Augenblick ist das, womit wir es zu tun haben, folgendes: die Verdrängung ist, wenn sie eingeführt wird, wesentlich gebunden an die absolut notwendige Erscheinung dessen, dass das Subjekt auf der Ebene des Äußerungsvorgangs ausgelöscht wird und verschwindet.“ (96)

Im Graphen des Begehrens repräsentiert die untere Querlinie, D-S, den Prozess der Aussage (énoncé), die obere Querlinie, Dꞌ-Sꞌ, den Prozess der Äußerung, den Äußerungsvorgang (énonciation). Mit der Aussage ist der Satz gemeint, insofern er eine Gesamtbedeutung hat, die der Sprechende (so scheint es ihm) mit seinem Willen kontrolliert und die ihm spontan zugänglich ist. Der Äußerungsvorgang ist die Produktion einer Signifikantenkette, die den Mechanismen von Verdichtung und Verschiebung unterworfen ist, in Lacans Begrifflichkeit: von Metapher und Metonymie20, in der sich deshalb beispielsweise Versprecher ereignen können.

Auf der Unterscheidung zwischen dem Ausgesagten und dem Äußerungsvorgang beruhen die Kategorien der Grammatik. Beispielsweise besagt die grammatische Vergangenheit, dass der Inhalt der Aussage vor dem Vorgang der Äußerung zu datieren ist. Die rationale Grammatik, in der das gezeigt worden ist, ist die von Port Royal.21

Lacans Thema ist an dieser Stelle aber nicht die Grammatik, sondern die Verdrängung, genauer: die Entstehung der Verdrängung, die Errichtung des Unbewussten.

Freud zufolge entsteht die Verdrängung durch die Urverdrängung; offenbar versucht Lacan hier, den Begriff der Urverdrängung zu rekonstruieren.

Bei der Einführung der Verdrängung kommt es notwendigerweise dazu, dass das Subjekt ausgelöscht wird, dass es verschwindet, dass es zu einem Fehlen wird. Es verschwindet auf einer bestimmten Ebene, auf der des Äußerungsvorgangs, also auf der Ebene der unbewussten Signifikantenkette Dꞌ–Sꞌ, d.h. der Signifikanten, die im Verlauf der „freien Assoziation“ überraschend auftauchen. In diesen Äußerungen ist das Subjekt ausgelöscht. Es gibt einen unbewusste Signifikanten, der, wie Freud sagen würde, nicht erinnert werden kann, der urverdrängt ist (bzw. es gibt mehrere solche Signifikanten). Dieser Signifikant, so führt Lacan Freuds These fort, ist der Signifikant des Subjekts.

Das Verfahren der freien Assoziation stößt auf eine Grenze, und hinter dieser Grenze liegt der Signifikant des Subjekts. Hier kommt das Reale ins Spiel, denn das Reale ist eben dies, dass die Symbolisierung scheitert.

3. Das hinter dem Signifikanten verschwindende Subjekt stützt sich auf das Objekt des Begehrens

In der Woche darauf heißt es: Die Philosophie hat das Subjekt immer von der Erkenntnisbeziehung aus begriffen, als Korrelat des Objekts, als sein Schatten, sein Double. Der wesentliche Schritt, den die Psychoanalyse getan hat, besteht darin, dass für sie das Subjekt ein Subjekt ist, das spricht. Das aber, wodurch sich die Beziehungen des Subjekts zum Objekt vollständig verändern, ist das Begehren.

„Es ist dieses Feld des Begehrens, in dem wir die Beziehungen des Subjekts zum Objekt zu artikulieren versuchen. Diese Beziehungen sind Beziehungen des Begehrens, denn die analytische Erfahrung lehrt uns, dass es das Feld des Begehrens ist, in dem das Subjekt sich zu artikulieren hat. Die Beziehung des Subjekts zum Objekt ist keine Beziehung des Bedürfnisses, es ist eine komplexe Beziehung, und genau sie ist es, die ich vor Ihnen zu artikulieren versuche.

Ich werde damit anfangen, nur schnell darauf hinzuweisen, dass das Objekt nicht das Korrelat und die Entsprechung eines Bedürfnisses des Subjekts sein kann, wenn die Beziehung der Artikulation des Subjekts im Feld des Begehrens verortet ist. Das Objekt ist das, wodurch das Subjekt in genau in dem Moment gestützt wird, in dem es, wenn man so sagen kann, mit seiner Existenz konfrontiert ist. Es ist das, wodurch das Subjekt in seiner Existenz gestützt wird, in seiner Existenz im radikalsten Sinne, gerade insofern nämlich, als es in der Sprache existiert. Anders gesagt, das Objekt besteht aus etwas, was außerhalb von ihm ist, und was es in seiner eigentlichen Natur der Sprache nur in dem Moment erfassen kann, in dem es sich als Subjekt auslöschen muss, vergehen muss, hinter einem Signifikanten verschwinden muss, in dem, was, wenn man so sagen kann, genau der Punkt der Panik ist, um den herum das Subjekt sich an etwas klammern muss. Und woran es sich klammert, ist genau das Objekt als Objekt des Begehrens.“ (108, letzter Satz nach Version Staferla geändert)

Die Beziehungen des Subjekts zum Objekt müssen im Felde des Begehrens verortet werden. Dieser Bereich ist abzugrenzen vom Feld des Bedürfnisses. Das Objekt ist ein Objekt des Begehrens, es dient nicht der Bedürfnisbefriedigung. Es kann seine Funktion nur dadurch erfüllen, dass es dem Subjekt, das dabei ist, zu verschwinden, eine Art Repräsentanten gibt.

Wenn man die Beziehung zwischen dem begehrenden Subjekt und dem Objekt begreifen will, muss man Folgendes zum Ausgangspunkt nehmen: Das Subjekt „existiert“; seine Existenz (seine Ex-sistenz) besteht darin, dass es auf etwas bezogen ist, was ihm äußerlich ist, auf die Sprache.

Das Subjekt kann sich in seiner Existenz, in seinem konstitutiven Sprachbezug nur in dem Moment erfassen, wo es sich als Subjekt auslöschen und vergehen muss, wo es als Subjekt verschwindet. Das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass es hinter einem Signifikanten verschwindet, dass es dieser Signifikant nicht ist. Hinter welchem Signifikanten?

Der Signifikant, hinter dem das Subjekt verschwindet, kommt in dem Moment ins Spiel, in dem das Subjekt sich in seiner Existenz erfassen will, in seiner Sprachabhängigkeit.

Nach dem Vorangehenden (Version Miller, S. 49) ist zu vermuten, dass der Signifikant, hinter dem das Subjekt verschwindet, der Phallus-Signifikant ist, der das Begehren und dahinter die Urverdrängung symbolisiert.

Das Verschwinden des Subjekts hinter einem Signifikanten ist mit einer Panikattacke verbunden, also mit dem, was Freud als „automatische Angst“ bezeichnet.22 In den Studien über Hysterie beschreibt Freud, dass solche Angstattacken mit Ohnmachtsanfällen verbunden sein können23, man könnte auch sagen: mit dem évanouissement des Subjekts. Das Verschwinden des Subjekts hinter einem Signifikanten ist Lacans Rekonstruktion des Kastrationskomplexes; die Panik, von der das Subjekt erfasst wird, ist offenbar die Grundlage dessen, was als Kastrationsangst bezeichnet wird.

In diesem Moment, zur Abwehr der Panik, stützt sich das Subjekt auf ein Objekt. Dieses Objekt ist das Objekt des Begehrens. Das Subjekt bezieht sich auf ein Objekt, um sein Verschwinden auf der Ebene des Diskurses ertragen zu können.

Zu beachten ist, dass Lacan unter dem Objekt des Begehrens in diesem Seminar nicht das Objekt a versteht. Den Begriff „Objekt a“ gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erste Andeutungen findet man in den letzten Sitzungen dieses Seminars, ausgearbeitet wird das Konzept in den Seminaren 9 (1961/62, Die Identifizierung) und 10 (1962/63, Die Angst).

4. Das Subjekt, das dem Anderen sein Objekt des Begehrens zeigt, verschwindet in der Scham

Um das Verschwinden des Subjekts zu verdeutlichen, bezieht Lacan sich wenige Sätze nach der zuletzt zitierten Stelle auf eine Szene aus dem Film Die Spielregel (Regie: Jean Renoir, 1939.24

„Es gibt in diesem Film eine Figur, von Dalio gespielt, die Figur eines alten Mannes, wie man sie in einem bestimmten sozialen Bereich auch im Leben sieht, aber man darf nicht glauben, dass das etwa auf diesen sozialen Bereich beschränkt wäre, und diese Figur ist ein Sammler, sie sammelt Gegenstände, spezieller noch mechanische Musikinstrumente. Wenn Sie sich noch an diesen Film erinnern, rufen Sie sich den Moment ins Gedächtnis, in dem Dalio vor zahlreichem Publikum seine letzte Errungenschaft enthüllt, einen besonders schönen Musikautomaten. In diesem Moment ist die Figur wörtlich in einer Position, die wir als die der Scham (pudeur) bezeichnen könnten und die wir genau so bezeichnen müssen: er errötet, er vergeht (s’efface), er verschwindet (disparaît), er ist sehr verlegen. Was er gezeigt hat, hat er gezeigt – aber wie verstünden diejenigen, die da sind, um zuzuschauen, dass wir genau hier den Oszillationspunkt erfassen, der sich auf zugespitzte Weise manifestiert in der Leidenschaft des Subjekts für das Objekt, das er sammelt? Das ist eine der Formen des Objekts des Begehrens.“ (109, geändert nach Version Staferla)

Das Verschwinden des Subjekts ereignet sich in dem Moment, in dem die von Marcel Dalio gespielte Figur, der Marquis de la Cheyniest, vor seinen Gästen ein Objekt seines Begehrens enthüllt, ein Orchestrion.

Das Subjekt verschwindet, das meint hier: Es schämt sich. Der Marquis wird keineswegs überrascht, er hat die Szene arrangiert, er will dem Publikum zeigen, was er begehrt und er will sich selbst als Begehrenden vorführen. Dabei überkommt ihn die Scham.

Lacan bezieht sich hier auf das Verschwinden des Subjekts im Phantasma. Das Verschwinden des Subjekts besteht hier nicht darin, dass in den Äußerungen (énonciations), den „freien Assoziationen“ , kein Signifikant des Subjekts erscheint. Im Phantasma wird das Verschwinden in Szene gesetzt.

Die Szene, in der der Marquis seinem Publikum das Orchestrion präsentiert, entspricht der Struktur des Phantasmas: Ein Subjekt verschwindet: es versinkt vor Scham im Boden ($). Es ist ein sprechendes Subjekt, wobei das Sprechen vom Imaginären durchkreuzt wird (◊ als Repräsentant des L-Schemas). Dabei bezieht es sich auf ein bestimmtes Objekt, auf ein Sammlerstück, auf ein Objekt des Begehrens (a).

In Die Bedeutung des Phallus hatte Lacan geschrieben: in dem Moment, in dem in den antiken Mysterien der Phallus enthüllt wird, erscheint der Dämon der Scham.25 Die Enthüllung des Orchestrions ist eine Art Enthüllung des Phallus: in dieser Enthüllung wird das Subjekt als Verschwindendes inszeniert.

Später in Seminar 6 heißt es über die Assoziationen eines Patienten zu einem Traum:

„Das Subjekt verschwände wörtlich aus Scham vor diesem anderen, dem Zeugen dessen, was sich ereignet.“ (204)

Hier wird die Instanz benannt, die in der Szene aus der Spielregel die Szene beobachtet: der Andere als Zeuge, unter dessen Blick sich das Verschwinden ereignet. Das Subjekt in seiner Subjektivität (in seinem Begehren) verschwindet unter dem Blick des Anderen.

Und noch später in Seminar 6 sagt Lacan über die Scham:

„Es geht nicht mehr nur um die Funktion des Objekts, wie ich Sie für Sie vor zwei Jahren zu artikulieren versucht habe, auch nicht um die des Subjekts, von der ich Ihnen in diesem Jahr zu zeigen versuchte habe, dass sie sich am Schlüsselpunkt des Begehrens durch ein Verschwinden (évanouissement) des Subjekts auszeichnet, insofern dieses sich zu benennen hat. Was uns interessiert, ist die Korrelation, die beide miteinander verbindet.

Sie bewirkt, dass das Objekt genau die Funktion hat, den Punkt zu bezeichnen, an dem das Subjekt sich nicht benennen kann. Insofern ist das Schamgefühl (pudeur), so möchte ich sagen, die königliche Form dessen, was sich in den Symptomen als Scham (honte) und Ekel (dégoût) ausprägt.“ (487 f.)

Das Verschwinden des Subjekts ereignet sich in dem Moment, in dem es sich zu benennen hat und sich nicht benennen kann, in dem die unerwarteten Signifikanten der „freien Assoziation“ bzw. der énonciation, des Äußerungsvorgangs, auf etwas Reales stoßen. Das Objekt – in Die Spiegelregel das Orchestrion – bezeichnet den Punkt, an dem das Subjekt sich nicht benennen kann, an dem es also verschwindet.

Einen Hinweis auf das dieses Reale, auf das Subjekt als Unbenennbares, als Verschwindendes, gibt das Schamgefühl. Eine der Erscheinungsformen des Realen in der Kur ist demnach die Scham.

(Die Unterscheidung zwischen pudeur und honte, mit der Lacan hier arbeitet, ist mir nicht klar, auch nicht, was damit gemeint ist, dass pudeur die „königliche Form“ von honte und dégout darstellt. Spielt Lacan hier auf Freuds Formulierung vom Traum als der „Via regia“ zur Kenntnis des Unbewussten an26, als Königsweg? Will er andeuten, dass nicht nur das Sprechen, sondern bisweilen auch der Affekt einen Weg zum Unbewussten zeigt?)

5. Das Verschwinden des Subjekts ist der Nabel des Traums

In der Sitzung vom 7. Januar 1959 spricht Lacan über Subjekte, die zwar nicht impotent sind, die sich aber gleichwohl vor der Befriedigung ihres sexuellen Begehrens fürchten. Warum? Etwa deshalb, weil sie das in die Abhängigkeit von denjenigen bringen könnte, die ihnen die Befriedigung ermöglichen?

„Das, was das Subjekt fürchtet, wenn es sich den anderen vorstellt, ist wesentlich nicht, von dessen Laune abhängig zu sein, sondern dass der andere diese Laune mit einem Zeichen markiert. Das ist es, was verschleiert ist. Es gibt kein hinreichendes Zeichen für den guten Willen des Subjekts, außer der Gesamtheit der Zeichen, in denen es seinen Bestand hat. In Wahrheit gibt es kein anderes Zeichen des Subjekts als das Zeichen seiner Abschaffung als Subjekt (abolition de sujet), dieses Zeichen, das $ geschrieben wird.“ (129 f.)

Das Subjekt fürchtet sich nicht primär vor dem unberechenbaren Willen des anderen und vor der Abhängigkeit von dieser Willkür. Wenn man das Problem so formuliert, setzt man voraus, dass das Subjekt unmittelbar mit den Launen des anderen konfrontiert ist. Diese Unterstellung ist falsch.

Die Laune des anderen wird „mit einem Zeichen markiert“, anders gesagt: der andere bekundet sein Wollen durch sein Sprechen und durch sein Verhalten – durch einen Anspruch, eine Forderung, eine Bitte. Das, wovor das Subjekt sich fürchtet, bezieht sich nicht auf das Wollen des anderen, sondern auf die Verbalisierung dieses Wollens. Das, was der andere sagt, und zwar darüber, was er will, repräsentiert nicht umstandslos das, was er will. Die Befürchtungen des Subjekts beziehen sich auf diese Kluft. Es kann sich nie sicher sein, ob der andere tatsächlich will, was er sagt oder sonstwie signalisiert, kurz, ob der andere aufrichtig ist (vgl. diesen Blogbeitrag). Anders gesagt: das Problem besteht für das Subjekt darin, dass der Andere in dem, was der Andere sagt, nicht repräsentiert ist, dass er in dem, was er sagt, gewissermaßen verschwindet.

Für das Subjekt besteht das Problem letztlich darin, dass es kein Zeichen gibt, das es ermöglichen würde, definitiv zu entscheiden, ob der vom Anderen bekundeten Gutwilligkeit tatsächlich ein guter Wille zugrunde liegt. Lacan wird diesen fehlenden Signifikanten später in Seminar 6 als Signifikanten des Mangels im Anderen bezeichnen, symbolisiert durch die Zeichenfolge S(Ⱥ).

Um zu erkennen, ob der andere tatsächlich gutwillig ist, muss sich das Subjekt auf die Ge­samtheit der Zeichen beziehen, auf das gesamte Sprechen und Verhalten des anderen; diese Gesamtheit ist schwer überschaubar und nie abgeschlossen.

Dies also ist der Grund, warum sich, Lacan zufolge, das Subjekt vor der Befriedigung seines Begehrens fürchtet: weil es sich nie sicher sein kann, ob der andere meint, was er sagt, ob die andere begehrt, was sie beansprucht, worum sie bittet.

Zwischen dem, was der Andere will (was er begehrt) und dem, was er sagt, was er will (was er beansprucht, fordert, erbittet), gibt es eine Kluft, und damit ist der Andere ein Subjekt, ein von den Effekten des Sprechens geprägtes Wesen, das heißt: ein Wesen, das in diesem Sprechen fehlt.

Lacan geht dann von der Seite des Anderen zu der des Subjekts über. Das Zeichen des Subjekts ist das seiner Abschaffung als Subjekt. Das Symbol $ soll so gelesen werden: S steht für Subjekt, die Durchstreichung für die Abschaffung des Subjekts.

Der umstandslose Übergang vom Mangel im Anderen zur Abschaffung des Subjekts signalisiert, dass für Lacan beide Konzepte in engem Zusammenhang stehen. Durch die Beziehung zum Mangel im Anderen hat das Subjekt einen Zugang zu sich selbst, insofern es abgeschafft ist, insofern es auf der symbolischen Ebene verschwindet. Auf dieser Verbindung zwischen S(Ⱥ) und $ beruht die Konstruktion des Graphen des Begehrens.

… „Das zeigt Ihnen insgesamt, dass der Mensch, was sein Begehren betrifft, nicht wahr ist, weil die Situation ihm radikal entgeht, wie wenig oder viel Mut er auch aufbringt. In Gegenwart des Objekts a gibt es das Verschwinden (évanouissement) des Subjekts. Das, was ich Sie in meinem letzten Seminar diesbezüglich spüren lassen wollte, hat jemand, der danach mit mir sprach, so genannt: eine Umbilikation des Subjekts auf der Ebene seines Wollens, ein Bild, das ich ganz bewusst aufgreife, zumal es mit dem, was Freud bezeichnet, wenn er vom Traum spricht, streng übereinstimmt.“ (130)

Was das Begehren angeht, ist der Mensch nicht wahr. Das Begehren wird im Sprechen artikuliert und die Beziehung zwischen dem Begehren und dem Sprechen ist keine unproblematische Repräsentation, das Begehren wird durch das Sprechen (durch den Anspruch) nicht einfach übersetzt.

Das Problem besteht nicht primär darin, dass das Subjekt, was sein Begehren angeht, lügen kann, sondern dass ihm die Situation entgeht, unabhängig davon, wie viel Mut es aufbringt, um sein Begehren zu artikulieren. Das Begehren ist unbewusst, das Subjekt weiß nicht, was es begehrt. Für das Subjekt stellt sich das anders dar: es reißt all seinen Mut zusammen und sagt dem Anderen, was es begehrt – es ist ehrlich. Aber diese Aufrichtigkeit ist eine Illusion, mit der sich das Subjekt darüber hinwegtäuscht, dass das Begehren konstitutiv jenseits dessen ist, was es sagen kann.

Lacan geht zum Phantasma über, symbolisiert durch die Formel $◊a, das ausgestrichene Subjekt ($) in Gegenwart von (◊) dem Objekt des Begehrens (a).

Das durchgestrichene S steht für das Verschwinden des Subjekts.

Lacan erläutert das Verschwinden des Subjekts mit einem Ausdruck, den einer seiner Hörer verwendet hatte. Der offenbar medizinisch gebildete Teilnehmer hatte von der „Umbilikation“ des Subjekts auf der Ebene seines Wollens gesprochen, von der Nabelbildung in Bezug auf das Begehren.27

Lacan erkennt darin eine Anspielung auf eine von Freud gebrauchte Metapher, auf dessen Rede vom „Nabel des Traums“.

… „Der Nabel des Traums ist der Punkt, in dem alle Signifikanten letztlich zusammenlaufen und in den der Träumer sich so verwickelt hat, dass Freud ihn das Unerkannte nennt. Er selbst hat nicht erkannt, worum es bei diesem Unerkannten* geht28, aus seiner Feder stammt ein sehr merkwürdiger Terminus, der die radikale Besonderheit des Unbewussten ausmacht, das er entdeckt hat. Ich habe bereits versucht, Sie darauf hinzuweisen, dass das Freudsche Unbewusste als Unbewusstes sich nicht bildet, sich nicht errichtet in der einfachen Dimension der Unschuld des Subjekts im Verhältnis zum Signifikanten, der an seiner Stelle organisiert wird, artikuliert wird, denn in der Beziehung des Subjekts zum Signifikanten gibt es eine wesentliche Sackgasse. Das habe ich zu reformulieren versucht, als ich sagte, dass es kein anderes Zeichen des Subjekts gibt als das Zeichen seiner Abschaffung als Subjekt.“ (130)

In Freuds Traumdeutung kann man lesen: „Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Unerkannten zusammenhängt.“29 Und: „In den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im Dunkel lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traums, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt.“30

Der Nabel des Traums ist der Punkt, an dem die Assoziationen, die Traumgedanken, die Signifikanten zusammenlaufen, der aber selbst kein Signifikant ist, sondern ein unbesetzter Punkt der Konvergenz.

Diese Leerstelle sitzt dem Unerkannten auf, sagt Freud, allerdings hat Freud – Lacan zufolge – nicht begriffen, was es mit dem Unerkannten auf sich hat.

Dabei ist der Bezug des Unbewussten auf das Unerkannte genau das, worin sich die Freudsche Konzeption des Unbewussten von anderen Auffassungen des Unbewussten unterscheidet.

Das Unbewusste ist für Lacan ein Signifikantenapparat. Die Signifikanten des Unbewussten repräsentieren keineswegs glatt das Subjekt, sie fungieren nicht als das, was vom Subjekt geäußert wird. Vielmehr gibt es in der Beziehung zwischen dem Subjekt und den Signifikanten des Unbewussten ein wesentliches Nichtfunktionieren. Wie bereits zitiert: Das Subjekt verschwindet auf der Ebene der Äußerung (énonciation), es kann die Signifikanten des unbewussten Diskurses nicht als die seinen annehmen.31 Die Signifikanten des unbewussten Diskurses sind Ansprüche, symbolisch artikulierte Forderungen; das Subjekt wird in diesem Forderungen sytematisch verfehlt.

Eben dies meint der Satz „Es gibt kein anderes Zeichen des Subjekts als das Zeichen seiner Abschaffung als Subjekt“:Von den Signifikanten des Unbewussten wird das Subjekt insofern repräsentiert, als es von ihnen abgeschafft wird, als es das ist, was in ihnen fehlt. Das Unbewusste ist nicht das Subjekt.

In Seminar 1 hatte Lacan erklärt: Der Nabel des Traums steht im Gegensatz zur Welt des Sinns, er manifestiert sich im Nicht-Sinn.32

In Seminar 2 hatte es geheißen:
– Der Nabel des Traums bezieht sich auf das Sein des Subjekts.33
– Der Nabel des Traums bezieht sich auf das Auftauchen der Beziehung des Subjekts zum Symbolischen.34
– Der Nabel des Traums steht in Beziehung zum Realen jenseits aller Vermittlungen imaginärer und symbolischer Art.35

In Seminar 6 wird Lacan später sagen:

„Die Trauer traf zusammen mit einer wesentlichen Kluft, der größeren symbolischen Kluft, dem symbolischen Mangel, insgesamt dem Punkt X, von dem der ‚Nabel des Traums‘, den Freud irgendwo evoziert, nur die psychologische Entsprechung ist.“ (402)

Der Nabel des Traums beruht auf einer Kluft im Symbolischen, einem Mangel im Anderen; die Unentwirrbarkeit bestimmter Traumgedanken – der Nabel des Traums – ist die psychologische Entsprechung zu diesem strukturellen Mangel.

Demnach ist das unterscheidende Merkmal des Freudschen Unbewussten, dass es aus Signifikanten besteht, die sich um etwas Reales drehen, um etwas Nicht-Symbolisierbares und Nicht-Imaginierbares. Dieses Reale ist das Urverdrängte, und das Urverdrängte ist das Subjekt.

6. Das Verschwinden des Subjekts ist die Synkope eines Signifikanten

Sitzung vom 28. Januar 1959. Thema ist die Formel für das Phantasma, $◊a.

„Das Subjekt, insofern es dabei ist zu verschwinden (évanouissant), insofern es verschwindet in einer bestimmten Beziehung zu einem ausgewählten Objekt – das ist die Beziehung, die ich Ihnen mit dem Phantasma bezeichne. Das Phantasma hat immer diese Struktur. Es ist nicht einfach Objektbeziehung. Es ist etwas Einschneidendes. Es ist ein bestimmtes Verschwinden, eine bestimmte Signifikantensynkope des Subjekts (syncope signifiante du sujet) in Gegenwart eines Objekts.“ (209)

Unter einer Synkope versteht man in der Linguistik das Ausfallen eines unbetonten Vokals im Inneren eines Wortes, z. B. „die Andre“ statt „die Andere“. Das Verschwinden des Subjekts ist eine Signifikantensynkope, das Subjekt verschwindet insofern, als ein bestimmter Signifikant ausfällt – der Signifikant des Subjekts. Dieser Signifikant fällt nicht zufällig aus, sondern notwendigerweise: es gibt keinen Signifikanten des Subjekts.

Das Phantasma ist „einschneidend“, das könnte heißen: es steht in Beziehung zu dem, was Lacan den Schnitt nennt, zum Intervall zwischen den Signifikanten. In der Formel für das Phantasma ist die Signifikantensynkope des Subjekts ($) in Gegenwart von (◊) einem Objekt (a).

7. Mit dem Verschwinden des Subjekts erscheint der Phallus in seiner formalen Funktion

Lacan kommentiert den Schluss von Hamlet, die Szene, in der sich der Prinz mit Laertes duelliert. Für Hamlet ist Laertes der Rivale; im Graphen des Begehrens wird diese Position durch das Symbol i(a) dargestellt. Hamlet hat seine Orientierung verloren; erst die Begegnung mit dem Doppelgänger, also mit Laertes, gestattet es ihm, ebenfalls ein Mensch / ein Mann zu sein, zumindest einen Moment lang.

„Diese Remodellierung ist hier nur eine Konsequenz, nicht ein Ausgangspunkt. Ich will sagen, dies ist die Konsequenz dessen, was sich in der Situation manifestiert, nämlich die Position des Subjekts in Gegenwart des anderen als Objekt des Begehrens. Die Gegenwart des Phallus ist diesem Objekt immanent. Der Phallus wird in seiner formalen Funktion nur erscheinen können mit dem Hinscheiden/Verschwinden (disparition) des Subjekts selbst.“ (394)

Hamlets Beziehung zu Laertes, zu seinem Ideal-Ich, ist nur die Konsequenz seiner Beziehung zu Ophelia, zum Objekt seines Begehrens. Dem Objekt des Begehrens ist die Gegenwart des Phallus immanent. Der Phallus ist der Signifikant des Mangels, er repräsentiert das, was dem Anderen fehlt und ermöglicht es so dem Subjekt, den Verlust zu symbolisieren, den es durch die Unterordnung unter die Sprache erlitten hat (genauer: das Subjekt ist nichts anderes als dieser Verlust). Das Objekt des Begehrens ist ein Ersatz, es dient der Abwehr und der Kompensation dieses Verlusts und insofern ist ihm der Phallus immanent.

Nach der Begegnung mit dem Geist des Vaters hatte Hamlet das Interesse an Ophelia verloren. Zum Objekt seines Begehrens wird sie erst dann wieder, als sie tot ist, unwiederbringlich verloren. Insofern enthält sie die Gegenwart des Phallus, des Signifikanten, der anzeigt, dass dem Subjekt etwas unaufhebbar fehlt.

Der Phallus ist Ophelia nur immanent; am Ende der Tragödie wird er in seiner formalen Funktion aber auch erscheinen, in der Funktion, das Subjekt als ein (durch die Sprache hervorgerufenes) Fehlen anzuzeigen. Der Phallus erscheint hier als foil, als Rapier, mit dem Hamlet den Mörder seines Vaters, Claudius, töten wird und mit dem er zugleich selbst getötet werden wird. Dieses Rapier ist der tödliche Phallus, mit dem Hamlet sich identifizieren wird.

Der Phallus erscheint in seiner formalen Funktion mit der disparition des Subjekts, mit Hamlets Hinscheiden, seinem Sterben. Eine der Formen, in denen sich das Verschwinden des Subjekts manifestiert, ist offenbar das „Sterben“ aufgrund der Identifizierung mit dem tödlichen Phallus.

Der Phallus ist der Signifikant des Begehrens und der dahinterliegenden Urverdrängung. Das Verschwinden des Subjekts besteht in der Identifizierung mit dem Signifikanten des Begehrens und damit der Urverdrängung.

Lacan bezieht sich hier möglicherweise auf Freuds Erläuterungen zum Untergang des Ödipuskomplexes.36 Im Konflikt zwischen dem narzisstischen Interesse am Penis und der libidinösen Besetzung der elterlichen Objekte entscheidet sich der Junge für die Rettung des Organs (er identifiziert sich mit dem Phallus), dies führt zur Unterdrückung der Triebregungen und zum Übergang in die Latenzphase (die Identifizierung mit dem Phallus ist „tödlich“).

8. Auf der Ebene der Kastration erscheint das Subjekt in einer Signifikantensynkope

Später im Seminar heißt es:

„Die drei Formen, in denen das Subjekt auf der Ebene der drei Termini erscheint, Kastration, Frustration und Privation, wir können sie durchaus alle als entfremdet bezeichnen, jedoch unter der Voraussetzung, dieser Entfremdung eine Artikulation zu geben, die sich in den drei Fällen spürbar unterscheidet, die spürbar verschiedenartig ist. Auf der Ebene der Kastration erscheint das Subjekt in einer Signifikantensynkope. Das ist etwas anderes als wenn es auf der Ebene der Frustration als dem Gesetz aller unterworfen erscheint, dem des Anderen. Und wieder etwas anderes ist es, wenn es sich selbst im Begehren zu verorten hat.“ (414)

Auf der Ebene der Kastration erscheint das Subjekt in einer Signifikantensynkope, im Fehlen eines Signifikanten.

Zuvor hatte Lacan erklärt: Das Phantasma ist die Signifikantensynkope des Subjekts in Gegenwart eines Objekts, und er hatte die Signifikantensynkope des Subjekts mit dem Verschwinden des Subjekts gleichgesetzt (209). Demnach steht in der Formel des Phantasmas, $◊a, das Symbol $ für das Verschwinden des Subjekts; das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass es keinen Signifikanten des Subjekts gibt, dass beim Zutagefördern der Signifikanten des Unbewussten durch „freie Assoziation“ kein Signifikant des Subjekts ans Licht kommt.

Lacan nimmt die Frage von Ernest Jones auf: Welches gemeinsame Problem liegt bei beiden Geschlechtern dem Kastrationskomplex zugrunde? Lacans Antwort lautet: Beim Kastrationskomplex geht es, wie Jones richtig sagt, um das Verschwinden, allerdings nicht, wie Jones meint, um das Verschwinden des Begehrens, sondern um das Verschwinden des Subjekts. Das Verschwinden des Subjekts besteht im Fehlen eines Signifikanten, darin, dass es im Diskurs des Unbewussten keinen Signifikanten des Subjekts gibt. Die Kastration beruht auf der Urverdrängung als einer der Formen des Realen.

9. Das Subjekt verschwindet, da es im Unbewussten keinen Signifikanten gibt, mit dem das Subjekt sich als Sprecher des unbewussten Diskurses bezeichnen könnte

In der Sitzung vom 13. Mai 1959 erläutert Lacan die Formel des Phantasmas, $◊a37:

„Sie haben mich die Dinge bereits hinreichend weit artikulieren gehört, um, so denke ich, keineswegs erstaunt zu sein, aus der Bahn geworfen zu werden, überrascht zu sein, wenn ich behaupte, dass das Objekt a zunächst definiert wird als Stütze, die das Subjekt sich gibt, insofern es schwach wird (défaille) … Hier wollen wir einen Moment lang innehalten und anfangen, etwas Annäherndes zu sagen, damit das zu Ihnen spricht, insofern es in seiner Subjektgewissheit schwach wird. Und dann verbessere ich mich, um Ihnen den genauen Terminus zu geben, der aber zu wenig zur Anschauung spricht, so dass ich keine Angst habe, ihn Ihnen zunächst zu geben, insofern es in seiner Subjektdesignation schwach wird.38

Das Objekt a im Phantasma liefert dem Subjekt eine Stütze in einem bestimmten Moment: in dem Augenblick, in dem das Subjekt schwach wird, in dem es einen Schwächeanfall erleidet.

Das Subjekt schwindet in seiner certitude de sujet, in seiner Subjektgewissheit. Der Begriff verweist auf die cartesische Problematik, auf die Suche nach Gewissheit. Das Subjekt stellt die Frage „Was bin ich?“ (in der Form „Was willst du?“), es sucht Gewissheit darüber, was seine Subjektivität ausmacht, jenseits der Anpassung an den Code. Diese Gewissheit kann nicht erreicht werden. Das Subjekt erleidet insofern einen Schwächeanfall, als seine Selbstgewissheit schwindet.

Das ist nur eine Annäherung, artikuliert mit dem cartesischen Begriff der Gewissheit. Richtiger ist es zu sagen: Das Subjekt schwindet in seiner désignation de sujet, in seiner Subjektbezeichnung, in seiner Selbstbezeichnung als Subjekt; es verschwindet insofern, als es sich nicht als Subjekt bezeichnen kann. Das Problem, um das es geht, ist nicht eines des Bewusstseins, sondern des Sprechens. Das Problem des Subjekts besteht darin, sich (im Rahmen einer psychoanalytischen Kur) zu designieren, sich zu bezeichnen.

… „Denn das, worum es geht, beruht gänzlich auf dem, was im Anderen geschieht, insofern er für das Subjekt der Ort seines Begehrens ist. Nun, im Anderen – in diesem Diskurs des Andern, der das Unbewusste ist – fehlt dem Subjekt etwas. Wir werden sofort darauf zurückkommen, wir werden so oft darauf zurückkommen wie nötig, wir werden bis zum Schluss darauf zurückkommen.“ (434 f.)

Das, was bezeichnet werden soll, ist das Begehren des Subjekts. Das Begehren des Subjekts soll durch die Erkundung des Unbewussten bezeichnet werden, des Anderen (das Unbewusste ist der Diskurs des Anderen). In diesem Diskurs des Anderen – im Unbewussten – fehlt dem Subjekt etwas.

… „Durch eben die Struktur, die die Beziehung des Subjekts zum Anderen als Ort des Sprechens etabliert, fehlt etwas auf der Ebene des Anderen. Das, was hier fehlt, ist genau das, was es dem Subjekt ermöglichen würde, sich hier genau als das Subjekt des Diskurses, den es hält, zu identifizieren. Im Gegenteil, insofern dieser Diskurs der Diskurs des Unbewussten ist, verschwindet hier das Subjekt.“ (435)

Der Andere ist für das Subjekt der Ort des Sprechens. Das Sprechen, um das es hier geht, ist die énonciation, die freie Assoziation, darin etwa ein Versprecher. Dieses Sprechen wird auf einen Ort bezogen, „das Unbewusste“ genannt.

Im Unbewussten als Ort des Anderen fehlt ein bestimmtes Element, ein Signifikant, mit dem das Subjekt sich selbst bezeichnen könnte, sich als Subjekt des Diskurses identifizieren könnte.

Bezogen auf das bewusste Sprechen – also die untere Etage des Graphen des Begehrens – gibt es ein solches Element, das Personalpronomen der ersten Person Singular, „ich“; mit ihm identifiziert sich das Subjekt als Subjekt des bewussten Diskurses (vgl. 436), als Subjekt der Aussage. Auf der Ebene des unbewussten Diskurses fehlt ein solches Element, dieser Diskurs ist so beschaffen, dass das Subjekt hier zu seinen Äußerungen nicht „ich“ sagen kann.

Die Frage nach den im Unbewussten fehlenden Elementen hatte Freud ständig beschäftigt: im Unbewussten, sagt er, fehlt die Negation, die Geschlechtsdifferenz, die Vorstellung des eigenen Todes. Lacan fügt dieser Liste ein Element hinzu: das Unbewusste ist ein Diskurs, der dadurch charakterisiert ist, dass in ihm ein Signifikant fehlt, der es dem Subjekt ermöglichen würde, sich als Sprecher dieses Diskurses zu identifizieren (weswegen dieser Diskurs „un“-bewusst ist). Insofern verschwindet hier das Subjekt. Das Subjekt ist ein Fehlen, ein Mangel; es fehlt im Unbewussten.

Etwas ist urverdrängt (also real), d.h. kann durch freie Assoziation nicht ans Licht gebracht werden, und Lacan zufolge ist das, was urverdrängt ist, der Signifikant des Subjekts.

10. Systematisierende Zusammenstellung

Wie Ernest Jones geht es Lacan darum, den unbewussten Kastrationskomplex theoretisch zu rekonstruieren (vgl. 49, 394, 414). Mit Jones fragt er sich, was der Kastrationsangst des Mannes und dem Penisneid der Frau zugrunde liegt, und mit Jones lautet seine Antwort: die Angst angesichts eines Verschwindens.

Dabei geht es für Lacan allerdings nicht, wie für Jones, um das Verschwinden des Begehrens, sondern um das Verschwinden des Subjekts (vgl. 501).

Das Subjekt fragt sich „Was will ich?“ (in der Form der vom Anderen kommenden oder an den Anderen gerichteten Frage „Was willst du?“) (vgl. 48 f.).

Die Antwort ist der Phallus-Signifikant (vgl. 48 f.). Der Phallus-Signifikant ist der Signifikant des Begehrens des Anderen. Dieser Signifikant symbolisiert die Wirkung der Sprache auf das Subjekt: die Urverdrängung und, als deren Abkömmling, das Begehren.

Diese Antwort führt dazu, dass das Subjekt verschwindet. Es verschwindet auf der Ebene des unbewussten Diskurses, des Äußerungsvorgangs (énonciation), d.h. auf der Ebene der überraschenden Signifikanten bei „freier Assoziation“. Unter diesen Signifikanten fehlt ein Signifikant: der Signifikant des Subjekts. (Vgl. 49, 96) Der Signifikant des Subjekts kann nicht „erinnert“ werden, er ist „urverdrängt“, würde Freud sagen.

Anders gesagt: Das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass es im Unbewussten keinen Signifikanten gibt, mit dem das Subjekt sich als Sprecher des unbewussten Diskurses bezeichnen könnte, mit dem es sich als Subjekt des Äußerungsvorgangs identifizieren könnte. (Vgl. 434)

Es verschwindet hinter einem Signifikanten (vgl. 108).

Das Verschwinden des Subjekts besteht in der Synkope eines Signifikanten (vgl. 209), im Fehlen eines Signifikanten des Subjekts. Auf der Ebene der Kastration erscheint das Subjekt in einer Signifikantensynkope (vgl. 414). Der synkopierte Signifikant ist eben der des Subjekts, der Signifikant, mit dem das Subjekt zu den Signifikanten des Unbewussten „ich“ sagen könnte.

Das Verschwinden des Subjekts manifestiert sich psychologisch in dem, was Freud als „Nabel des Traums“ bezeichnet, im Knäuel, in dem die Traumgedanken konvergieren, der unentwirrbar ist und der dem Unerkannten aufsitzt (vgl. 129 f.). Das Verschwinden des Subjekts ist also eine der Formen des Realen, eine Form, in der die Symbolisierung an eine Grenze stößt.

Mit dem Verschwinden des Subjekts erscheint der Phallus in seiner formalen Funktion (394). Der Phallus ist der Signifikant, der sich auf das Begehren und letztlich auf die Urverdrängung bezieht.

Das einzige, was von der Phallus-Antwort spürbar ist, ist die Drohung der Kastration, der Begriff des Phallusmangels (vgl. 49).(Das durch die Sprache hervorgerufene Fehlen, dessen Signifikant der Phallus ist, ist dem Subjekt zugänglich als Angst, dass ihm das Organ geraubt werden könnte, beim Mann, als Vorstellung, dass ihm das Organ fehlt, bei der Frau.)

Das Verschwinden des Subjekts ist der Punkt der Panik (108), in Freuds Begrifflichkeit: der „automatischen Angst“.

Um diesen Punkt der Panik herum klammert das Subjekt sich an das Objekt des Begehrens, dies ist die Struktur des Phantasmas (vgl. 108).

Wenn das Subjekt dem Anderen sein Objekt des Begehrens zeigt, verschwindet das Subjekt in der Scham (vgl. 109). (Die Enthüllung des Phallus ist verbunden mit dem Auftauchen der Scham, heißt es im Phallus-Aufsatz.)

IV. Impressionistischer Gebrauch von „Aphanisis“: das Verschwindenlassen des Phallus

Zur Rekonstruktion des Kastrationskomplexes übernimmt Lacan von Jones den Begriff des Verschwindens. Lacan bezieht den Begriff aber nicht auf das Verschwinden des Begehrens, sondern auf das Verschwinden des Subjekts. Gemeint ist das Verschwinden des Subjekts auf der Ebene des Symbolischen. Das Subjekt versucht, sich auf der symbolischen Ebene zu erfassen (durch „freie Assoziation“) und es gelingt ihm nicht. Es ist damit konfrontiert, dass auf dieser Ebene ein Signifikant fehlt, derjenige, mit dem das Subjekt sich bezeichnen könnte. Es stößt auf die Urverdrängung, darauf, dass es einen Signifikanten gibt, der nicht ans Licht gebracht werden kann.

Mit Jones’ Terminus „Aphanisis“ geht Lacan zunächst so um, dass er ihn Jones überlässt; „Aphanisis“ meint in Seminar 6 also zunächst das Verschwinden des Begehrens (à la Jones) im Gegensatz zum Verschwinden des Subjekts (à la Lacan).

Dann wechselt Lacan die Begriffstaktik. Er übernimmt den Terminus Aphanisis für seine Zwecke, macht davon aber, wie er sagt, nur einen „impressionistischen Gebrauch“ (234) und deutet ihn um; Aphanisis im Lacanschen Sinne ist vorübergehend das Zum-Verschwinden-Bringen des Symbols des Begehrens, d.h. des Phallus (234 bis 275). Im Folgenden zitiere und kommentiere ich diese Passagen.

1. Das Subjekt bringt sich zum Verschwinden

Mehrere Sitzungen lang deutet Lacan einen einzelnen Traum, den eines Patienten von Ella Sharpe; das Protokoll dieses Traums und Sharpes Analyse findet man in ihrem Buch Traumanalyse.39 Über diesen Traum sagt Lacan am 4. Februar 1959:

Aphanisis, das ist Verschwinden; was er [Jones] darunter versteht und was er damit sagen will, werden wir später sehen. Im Augenblick jedoch werde ich einen ganz anderen Gebrauch davon machen, einen insgesamt impressionistischen Gebrauch, bezogen auf das, was die ganze Zeit da ist, im Verlauf des Traummaterials, in dem, was ihn umgibt, im Verhalten des Subjekts, bezogen auf das, was Ella Sharpe gegenüber dargestellt wird, was ihr gegenüber geäußert wird.“ (234)

Lacan übernimmt hier den Terminus Aphanisis von Jones und deutet ihn um. Er betont, dass die Art, wie er ihn verwendet, theoretisch nicht belastet werden kann, der Gebrauch ist „impressionistisch“.

Nach dieser Bemerkung fasst er zusammen, was Ella Sharpe über ihren Patienten berichtet hat. Während der Analysesitzungen nimmt dieser Patient sich stark zurück, es ist, als ob er nicht da wäre. Vor dem Betreten des Praxisraums hatte er einmal leise gehustet; dazu hatte er assoziiert, dass er etwas zum Verschwinden bringen will, etwas, was auf der anderen Seite der Tür ist, er kann nicht sagen, was; früher einmal habe er durch ein solches Hüsteln dafür gesorgt, dass ein Liebespaar sich trennte, bevor er ins Zimmer trat. Er erzählt einen Traum, in dem er seiner Sexualpartnerin seinen Penis entzieht. In den Assoziationen zu diesem Traum erinnert er sich an einen Freund, der Stimmenimitator ist und dessen Nachahmungen so perfekt sind, dass sie im Radio gesendet werden. Der Patient imitiert den Imitator und äußert dann seine Befürchtung, mit dem berühmten Freund allzu sehr anzugeben. Worauf läuft das alles hinaus?

Um es deutlich zu sagen, er will hierbei nicht zu viel Platz einnehmen, er macht sich ganz klein, er verschwindet. Kurz, das was sich in jedem Moment aufdrängt, was in den Äußerungen des Subjekts wie ein Thema, wie ein Leitmotiv wiederkehrt, lässt an den Terminus Aphanisis denken, bis auf dies, dass er hier dem Zum-Verschwinden-Bringen näher zu sein scheint als dem Verschwinden. Es gibt da ein beständiges Spiel, bei dem wir spüren, dass unter verschiedenen Formen niemals das da ist, was wir, wenn Sie so wollen, das interessierende Objekt nennen werden.

Das Subjekt ist niemals da, wo man es erwartet; in einer Art Taschenspielertrick gleitet es von einem Punkt zum anderen.“ (236)

Der Patient (der hier „Subjekt“ genannt wird) macht sich klein, er möchte nicht zu sehr auffallen und er sorgt dafür, dass andere verschwinden. Das lässt an den Begriff Aphanisis denken. Allerdings handelt es sich dabei um ein aktives Zum-Verschwinden-Bringen, eine bewusst ausgeführte Aktivität, vergleichbar den Manipulationen eines Taschenspielers, der Gegenstände zum Verschwinden bringt. Das interessierende Objekt wird auf unterschiedliche Weise zum Verschwinden gebracht.

Im Phantasma besteht das Verschwinden des Subjekts (so nehme ich an) nicht darin, dass dem Subjekt die Signifikanten seines Unbewussten fremd sind, sondern darin, dass ein Verschwinden inszeniert wird. Man wird ergänzen dürfen: Das Phantasma verwandelt das passiv erfahrene Verschwinden in eine bewusste Aktivität.

Man muss also zwei Aspekte des Begriffs des Verschwindens des Subjekts unterscheiden. Unter dem „Verschwinden des Subjekts “ versteht Lacan zum einen, dass das Subjekt damit konfrontiert ist, dass es unter den Signifikanten des Unbewussten (ans Licht gekommen durch die „freie Assoziation“) keinen Signifikanten des Subjekts gibt; dies ist das Verschwinden auf der symbolischen Ebene. Unter dem „Verschwinden des Subjekts“ versteht Lacan zum anderen, auf impressionistische Weise, dass das Subjekt sich klein macht, sich versteckt; dies ist das Verschwinden auf der imaginären Ebene.

Will Lacan andeuten, dass beides in einem Zusammenhang steht? Wird das Verschwinden auf der symbolischen Ebene im Phantasma in die Aktivität des Zum-Verschwinden-Bringens umgewandelt? Wird aus einer Erfahrung mit dem Realen ein imaginäres Beherrschen?

2. Das Subjekt lässt den Phallus verschwinden

Ella Sharpes Patient hat eine Phantasie, die mit Angst verbunden ist (vgl. 274 f.): Sein Auto hat eine Panne und blockiert deshalb den Wagen des Königs und der Königin. Das Auto, sagt Lacan, ist der Schutz, den der Patient um sein Ich herum gebaut hat, damit es ihm möglich ist, sich zu entziehen, und zwar mit Höchstgeschwindigkeit. Der König und die Königin sind in ihrem Wagen festgehalten, das erinnert Lacan an die Geschichte von Mars und Venus, die, im Beischlaf, vom Netz des Vulkan gefangen werden und dem Gelächter der Götter preisgegeben werden, dem berühmten homerischen Gelächter.

Wo ist der Phallus? Das ist immer die Hauptquelle des Komischen.

Vergessen wir schließlich nicht, dass dieses Phantasma [von der Blockierung des Königswagens] vor allem ein Phantasma ist, das sich um einen Begriff von Inkongruenz dreht, weitaus mehr als um irgendetwas anderes. Es bezieht sich ganz eng auf das, was die Einheit des Traums ausmacht [des von Ella Sharpe und Lacan ausführlich analysierten Traums] und all dessen, was damit verbunden ist, nämlich die grundlegende Situation einer Aphanisis, jedoch nicht im Sinne des Verschwindens des Begehrens – einer Aphanisis in dem eigentlichen Sinn, der dem Wort dann zukommt, wenn wir daraus das Substantiv aphanisos bilden. Das ist weniger Verschwinden als Zum-Verschwinden-Bringen.

Gerade hat ein talentierter Mensch, Raymond Queneau, ein sehr lustiges Buch, Zazie in der Metro, mit folgendem Epigraph versehen: ο πλασας ηφανισεν [ho plasas êphanisen], der es gemacht hat, hat es verschwinden lassen – er hat seine Triebkräfte sorgfältig versteckt.

Und darum geht es letztlich. Die Aphanisis, das ist hier das Verschwindenlassen des fraglichen Objekts, nämlich des Phallus. Wenn das Subjekt keinen Zugang zur Welt des Anderen finden kann, dann deshalb weil der Phallus nicht ins Spiel gebracht wird, weil er in Reserve gehalten, aufbewahrt wird.

Nun, Sie werden sehen, dass es Neurotisierenderes gibt als die Furcht, den Phallus zu verlieren, als die Furcht vor Kastration.

Die absolut grundlegende Triebkraft der Neurose ist die, nicht zu wollen, dass der Andere kastriert sei.“ (275)

Die Suche nach dem Phallus ist die Hauptquelle des Komischen. Das bezieht sich im Kontext auf das Gelächter der Götter beim Anblick von Venus und Mars in Kopulationsposition, aber wohl auch darauf, dass die griechische Komödie aus dem Dionysoskult mit seinen Phallus-Prozessionen entstanden ist. Jones zufolge ist eine Hauptklasse von Phallus-Symbolen der komische und lächerliche Phallus, etwa in Gestalt des Pulcinella im italienischen Volkstheater, einem Vorbild für die Figuren des Kasper und des Punch.40

Bei der Phantasie von der Blockierung des Königspaars geht es primär um die Inkongruenz zwischen dem erhabenen königlichen Gefährt und der peinlichen Reifenpanne. Lacan spielt damit vermutlich auf die Inkongruenz des Penis an: er kann im Verhältnis zum weiblichen Organ zu klein oder auch zu groß sein; die Inkongruenz ist Anlass für das Gelächter der Anderen und Quelle der Scham des Subjekts.

Der Traum von Ella Sharpes Patienten findet seine Einheit in der Aphanisis, nicht im Sinne von Jones, nicht qua Verschwindens des Begehrens, sondern im Sinne des Zum-Verschwinden-Bringens.

Das, was zum Verschwinden gebracht wird, ist der Phallus: nicht das Begehren, sondern das Symbol des Begehrens.

Der Phallus, der zum Verschwinden gebracht wird, ist der Phallus der Anderen. Bezogen auf den Patienten von Ella Sharpe ist dies der Phallus der Analytikerin und der Ehefrau. Der Phallus ist das, was dem Anderen (oder der Anderen) fehlt; das darf aber nicht sein, der Andere darf nicht kastriert sein, dies ist die grundlegende neurotische Position. Die Neurose beruht nicht auf der Angst, den Phallus zu verlieren, sondern darauf, nicht zu wollen, dass der Andere kastriert sei.41

Der Patient erträgt nicht das Begehren des Anderen und hat deshalb keinen Zugang zum Begehren. Er macht den Anderen vollständig, er schützt den Anderen vor der Kastration, indem er das Symbol des Begehrens zum Verschwinden bringt. Er bringt es zum Verschwinden, indem er sich mit dem Phallus des Anderen identifiziert – indem er der Phallus (des Anderen) ist (das ist gewissermaßen die präödipale Position) –, und indem er diesen Phallus (der er ist) in Sicherheit bringt.

Lacan spielt hier auf Freuds Thesen über den Untergang des Ödipuskomplexes an: der Junge steht vor dem Wahl zwischen der libidinösen Besetzung der Eltern-Objekte und dem narzisstischen Interesse am Penis; um das Organ zu retten, verzichtet er auf das Objekt.42 Ella Sharpes Patient ist fortwährend damit beschäftigt, das Organ zu retten; der Weg zu den Objekten ist ihm deshalb versperrt.

Der Patient findet erst dann einen Zugang zur Pluralität der Objekte, die die Welt des Menschen charakterisieren, wenn er darauf verzichtet hat, der Phallus [für den Anderen] zu sein43, d.h. wenn der Andere für ihn zum begehrenden Anderen geworden ist – zu einem Anderen, dessen Begehren sich auf etwas anderes richtet als auf das Subjekt; erst dann kann er selbst zu einem Subjekt werden, dessen Begehren sich auf andere Objekte richtet.

Die Kastration, um die es im Kastrationskomplex geht, ist wesentlich die Kastration des Anderen.

V. Fading und Aphanisis

Vier Sitzungen nach diesem impressionistischen Gebrauch des Worts Aphanisis, am 8. April 1959, führt Lacan einen eigenen Terminus für das Verschwinden des Subjekts ein. Er spricht zunächst nicht von „Aphanisis“, sondern von „Fading“; am Schluss des Seminars setzt er die beiden Termini gleich. Im Folgenden übersetze und erläutere ich sämtliche Passagen, in denen Lacan in Seminar 6 den Ausdruck Fading verwendet einschließlich der Gleichsetzung mit dem Begriff Aphanisis.

1. Das dem Fading unterworfene Subjekt, $, ist das kastrierte Subjekt

Der Kontext ist Shakespeares Hamlet, und eines der Themen ist Hamlets Verhältnis zu Ophelia, seine Objektbeziehung also, sowie die Darstellung der Objektbeziehung durch die Formel für das Phantasma ($◊a). (Das kleine a bedeutet in dieser Formel zu diesem Zeitpunkt den anderen, noch nicht das Objekt a, wie es erstmals in Seminar 9 vorgestellt wird.)

„Ich habe Ihnen gesagt, die Analyse hat einen falschen Weg eingeschlagen, insofern sie dieses Objekt auf eine Weise artikuliert und definiert, die ihr Ziel verfehlt, die nicht das stützt, worum es in der Beziehung zum Objekt als solchem, so wie es in der Formel ($◊a) geschrieben wird, wirklich geht. Das kastrierte Subjekt, $, ist hier dem unterworfen, was ich Sie das nächste Mal entziffern lehren werde, unter dem Namen, den ich ihm gebe, dem des Fading des Subjekts, was im Gegensatz steht zum Begriff des Splitting des Objekts.“ (361)

Hier wird der Ausdruck „Fading“ zum ersten Mal verwendet. Die alltagssprachliche Rede vom Verschwinden des Subjekts wird durch einen auffälligen Terminus ersetzt.

Das durchgestrichene S wird hier zunächst als „kastriertes Subjekt“ gelesen. Dieses Subjekt ist dem fading unterworfen, dem Verschwinden. Offenbar hat man das so zu lesen, dass das Symbol $ allgemein für das kastrierte Subjekt steht und dass es in dieser Formel – also in der Konfrontation mit dem Objekt, mit a – das kastrierte Subjekt darstellt, insofern es im Verschwinden ist. Das Verschwinden wäre dann einer der Aspekte, einer der Modi des kastrierten Subjekts.

Vom Verschwinden des Subjekts unterscheidet Lacan die Spaltung des Objekts. Mir ist nicht klar, was damit gemeint ist. Geht es darum, dass der Andere dem Subjekt zugleich als kastriert und als nicht kastriert erscheint?

2. Das Fading des Subjekts wird im Graphen des Begehrens in zwei Beziehungen dargestellt: im Verhältnis zum Anspruch, $◊D, und im Verhältnis zum Objekt, $◊a

Das war nur eine Ankündigung; erst in der Folgesitzung wird der Begriff Fading regelrecht eingeführt. Ausgangspunkt ist auch hier die Objektbeziehung, diesmal eine Vermengung im Begriff der Objektbeziehung; Lacan verweist hierzu auf den Graphen des Begehrens.

„Die Vermengung, um die es geht, wird für Sie genau durch dieses Schema materialisiert. Sie besteht darin, die Dialektik des Objekts mit der Dialektik des Anspruchs zu verwechseln. Diese Vermengung ist erklärlich, denn in beiden Fällen befindet sich das Subjekt in seiner Beziehung zum Signifikanten in einer Position, die dieselbe ist – das Subjekt ist hier in einer Position der Eklipse.“ (368)

Die Theorien der Objektbeziehung werfen zwei Relationen durcheinander, das Verhältnis des Subjekts zum Objekt und das Verhältnis des Subjekts zum Anspruch. Beides muss scharf unterschieden werden, das Objekt hat imaginären Charakter, der Anspruch ist etwas Symbolisches.

Die Verwirrung erklärt sich daraus, dass die Beziehungen etwas gemeinsam haben, in beiden Fällen ist das Subjekt in einer Position der Eklipse, in beiden Fällen gibt es eine Subjektfinsternis. Der astronomische Terminus „Eklipse“ (Verfinsterung eines Himmelskörpers) kommt vom griechischen Wort ekleípō, „ich verschwinde“; die Subjektfinsternis besteht darin, dass das Subjekt verschwindet.

Über die Verfinsterung erfährt man, dass sie eine Beziehung des Subjekts zum Signifikanten darstellt; das, wodurch das Subjekt verfinstert wird, ist der Signifikant. Das entspricht dem Symbol $: „S“ steht für das Subjekt, und der Schrägstrich über dem S, also das Symbol /, ist der Signifikant, der das Subjekt verdunkelt. Aus dem Verschwinden des Subjekts hinter einem Signifikanten (vgl. 108) wird hier die Verfinsterung des Subjekts durch den Signifikanten. Wie früher dürfte auch hier gemeint sein: Auf der Ebene der Signifikanten des Unbewussten ist das Subjekt nicht repräsentiert, es gibt keinen Signifikanten des Subjekts, auf der symbolischen Ebene ist das Subjekt etwas, was fehlt.

… „Schauen Sie auf diese beiden Punkte unseres Gramms. Hier, der Code auf der Ebene des Unbewussten, ($◊D), das heißt die Reihe der Beziehungen, die das Subjekt zu einem bestimmten Apparat des Anspruchs unterhält. Dort die imaginäre Beziehung ($◊a), die es bevorzugt konstituiert, in einer bestimmten Haltung, auch sie definiert durch seine Beziehung zum Signifikanten, vor einem Objekt a. An beiden Punkten ist das Subjekt in der Position der Eklipse.“ (368)

Das Subjekt hat nicht nur eine, sondern zwei Möglichkeiten, mit der Abdunkelung durch den Signifikanten fertig zu werden, neben der imaginären Option steht ihm die symbolische Lösung zur Verfügung. Es kann auf die durch den Signifikanten herbeigeführte Subjektfinsternis damit reagieren, dass es sich auf archaische Ansprüche bezieht, es kann aber auch so vorgehen, dass es eine imaginäre Beziehung zu Objekten herstellt. Beide Verarbeitungsweisen werden im oberen Stockwerk des Graphen repräsentiert.

Der obere rechte Knotenpunkt, ($◊D), steht für den Code auf der Ebene des Unbewussten. ($◊D) stellt dar, dass das Subjekt, $, sich, angesichts seiner Verfinsterung durch den Signifikanten, auf den Apparat des Anspruchs bezieht, auf D, also auf ein Ensemble von Forderungen, etwa auf orale und anale Forderungen.44 Das Subjekt verschwindet hinter dem Signifikanten, hinter dem Anspruch, und es löst das Problem, indem es regrediert: indem es andere Ansprüche mobilisiert, archaische Ansprüche. Die Regression ist eine der Antworten auf die Urverdrängung.

Die korrespondierende Formel im Graphen oben links, ($◊a), stellt eine imaginäre Beziehung dar. Das vom Signifikanten verdunkelte Subjekt bezieht sich auf ein Objekt, auf a, womit in diesem Kontext das Objekt des Begehrens gemeint ist.

An früherer Stelle hatte Lacan die Position des Subjekts im Verhältnis zum imaginären Objekt als „Verschwinden“ des Subjekts bezeichnet (vgl. 108); die „Verdunkelung“ des Subjekts ist ein Synonym für das „Verschwinden“ des Subjekts.

… „Diese Position, ich habe das letzte Mal angefangen, sie mit dem Begriff des Fading zu artikulieren. Ich habe diesen Ausdruck aus allerlei philologischen Gründen gewählt und auch, weil er, bezogen auf den Gebrauch der Kommunikationsgeräte, die die unsrigen sind, völlig vertraut geworden ist. Das Fading ist genau das, was sich in einem Gerät zur Kommunikation, zur Stimmwiedergabe dann herstellt, wenn die Stimme verschwindet, einbricht, schwindet, um, abhängig von einer Veränderung im Träger, in der Übermittlung, wiederzuerscheinen. Wir werden dem, was hier nur eine Metapher ist, natürlich seine realen Koordinaten zu geben haben.“ (368)

Das ausgesperrte Subjekt, dargestellt durch das ausgestrichene S, also durch $, ist in beiden Formeln in der Position des „Fading“.

Statt vom „Fading“ das Subjekts hatte Lacan vorher von der „Eklipse“ des Subjekts gesprochen, und „Eklipse“ verweist etymologisch auf das „Verschwinden“ des Subjekts. Das Verschwinden des Subjekts soll nicht so sehr mit der astronomischen Metapher der Eklipse als vielmehr mit der Metapher des Fading bezeichnet werden.

Ausdrücklich beruft Lacan sich auf die Verwendung des Ausdrucks Fading in der Elektrotechnik. Hier bezieht sich Fading auf die Funkübertragung und meint das Schwanken zwischen schlechterem und besserem Empfang, hervorgerufen durch die Oszillation in der Stärke des Empfangsfeldes. Der Terminus bezieht sich also auf die Nachrichtenübermittlung und dieser Bezug ist für Lacan wichtig. Er rekonstruiert in den Seminaren 5 und 6 (wie schon im Rom-Vortrag) die Funktionsweise des Unbewussten als Kommunikationsvorgang, als Kommunikation zwischen dem Subjekt und dem Anderen, als eine Kommunikation, die auf einem Code beruht, in der Fragen gestellt und Botschaften gesendet werden.

Die Metapher vom „Fading des Subjekts“ konnotiert: Das Subjekt kann die Botschaft über sein Begehren nicht empfangen (da es keinen Signifikanten des Subjekts gibt).

… „Insofern sich also das Subjekt im selben Moment des Oszillierens befindet, demjenigen, der das Fading vor dem Anspruch und vor dem Objekt kennzeichnet, kann die Vermengung sich herstellen.“ (368)

Die Oszillation hat zwei Momente, Verschwinden und Wiederauftauchen; das Fading bezieht sich (in Seminar 6) nur auf einen dieser Momente, auf das Verschwinden.

Sowohl in Bezug auf den Anspruch, $◊D, als auch im Verhältnis zum Objekt, $◊a, ist das Subjekt im Fading, im Verschwinden. Deshalb kann man die Beziehungen leicht verwechseln.

… „Tatsächlich ist das, was Objektbeziehung genannt wird, immer eine Beziehung des Subjekts nicht, wie man sagt, zu Objekten, sondern zu Signifikanten des Anspruchs und dies in dem privilegierten Moment besagten Fadings des Subjekts. Insofern der Anspruch fixiert bleibt, kann man die Modi des Signifikantenapparats artikulieren, der den unterschiedlichen Typen des Anspruchs entspricht, oral, anal und andere, und das auf eine Weise, die tatsächlich eine Art klinische Entsprechung zur Objektbeziehung darstellt. Nichtsdestoweniger hat es beträchtliche Nachteile, wenn man das, was eine Beziehung zum Signifikanten ist, mit dem vermengt, was eine Beziehung zum Objekt ist.“ (368)

Die sogenannte Objektbeziehungstheorie, wie sie von Ronald Fairbairn, Harry S. Sullivan, Melanie Klein, Margaret Mahler und anderen entwickelt wurde, handelt nicht, wie der Name behauptet, von der Beziehung des Subjekts zu Objekten, sondern in Wirklichkeit von der Beziehung des Subjekts zu Ansprüchen, wobei das Subjekt in der Position des Fading ist, des Verschwindens. Die Objektbeziehungstheorie unterscheidet orale, anale u. a. Objektbeziehungen und bezieht sich damit faktisch auf Ansprüche unterschiedlicher Art – auf orale, anale und andere Forderungen, auf die das Subjekt fixiert ist. Die Objektbeziehungstheorie ist also in Wirklichkeit eine Theorie des Anspruchs. Der Gegenstand der Objektbeziehungstheorie wird im Graphen des Begehrens deshalb durch den Schnittpunkt oben rechts repräsentiert, $◊D.

Dass es hierbei um Ansprüche geht, ist auch deshalb nicht leicht zu durchschauen, weil es zwischen den Arten von Ansprüchen und den Arten von Objektbeziehungen tatsächlich Entsprechungen gibt. Gleichwohl ist der Unterschied zwischen den Beziehungen des Subjekts zu Ansprüchen ($◊D) und denen zu Objekten ($◊a) praktisch bedeutsam.

3. Das Fading des Subjekts ist ein Effekt des Mangels im Anderen

In der Sitzung vom 13. Mai 1959 verortet Lacan das Fading in einem Schema, das die Beziehung des Subjekts zum Anderen darstellt.

Seminar 6 - Dialektik von Anderem und Subjekt 2Er bezieht sich hier auf die nebenstehende Tabelle.45 Die linke Spalte ist die des Anderen, die rechte die des Subjekts. Das Verhältnis zwischen dem Anderen und dem Subjekt wird schrittweise aufgebaut. Dabei orientiert Lacan sich am Algorithmus der schriftlichen Division. Die linke Spalte enthält den Dividenden und die rechte den Divisor. Der Andere wird durch das Subjekt geteilt, damit ist gemeint: das Subjekt versucht, sich in der Sprache zu verorten, im Symbolischen seinen Platz zu finden. Das angestrebte Ergebnis dieser Division, der Quotient, ist ein an die Bedingungen des Sprechens angepasstes Subjekt. Die Rechnung beginnt in der ersten Zeile, jedes Mal ergibt sich ein Rest, anders gesagt: die Subjektivität geht im Symbolischen nicht auf (das Subjekt verschwindet im Symbolischen). Dieser Rest wird in die nächste Zeile übertragen, und die Operation wird wiederholt.46 Erst im vierten Schritt – in der vierten Zeile – haben wir es mit dem Subjekt im Lacanschen Sinne zu tun, repräsentiert durch das durchgestrichene große S in der rechten Spalte; in den ersten drei Zeilen werden in der rechten Spalte Vorformen des Subjekts angezeigt, Proto-Subjekte. Die Zeilenzählung und die Spaltenüberschriften habe ich hinzugefügt, der Terminus „Proto-Subjekt“ findet sich nicht bei Lacan. In diesem Schema hat das Fading in der Beziehung zwischen der dritten und der vierten Zeile seinen Ort.

Ich beginne mit Lacans Erläuterung der dritten Zeile und zitiere seine Erläuterungen vollständig; bis zum Erscheinen des Terminus „Fading“ braucht man ein wenig Geduld.47

Lacan zeigt auf die dritte Zeile des Schemas, Ⱥ – S:

„Auf dieser Ebene, auf der das Subjekt sich aufhebt, setzt sich das S wahrhaft, wenn Sie mir ein Wortspiel erlauben, nicht nur als das S, das als Buchstabe geschrieben wird, sondern auch als das Es* der topischen Formel, die Freud dem Subjekt gibt. Das S ist das Es, und dies in der Form des Fragens. Wenn Sie ein Fragezeichen setzen, wird das S tatsächlich so artikuliert: Est-ce? Das ist alles, was das Subjekt auf dieser Ebene noch von sich formuliert. Es ist hier im Entstehungszustand, in Gegenwart der Artikulation der Anderen, insofern diese ihm antwortet.“ (445)

Der Buchstabe S steht erstens für das Subjekt, zweitens für das Es im Sinne von Freuds sogenannter zweiter Topik (Ich, Es, Über-Ich), drittens für das französische Est-ce („Ist das?“), die Einleitung einer Frage, die ebenfalls „es“ ausgesprochen wird. Das Subjekt ist eine Frage, das Subjekt fragt sich, was mit seinem Sein ist, im Falle der Hysterie fragt es sich, was es mit seinem Geschlecht auf sich hat, im Falle der Zwangsneurose fragt es nach seiner Existenz, nach Leben und Tod.48 Im Graphen des Begehrens wird das Subjekt, das sich fragt, was mit ihm ist, durch die von A ausgehende, nach oben führende Linie dargestellt; sie steht für “Que vuoi?“, italienisch für die Frage des Anderen an das Subjekt „Was willst du?“ (vgl. hierzu diesen Blogartikel). Die Frage „Was will ich?“ stellt sich dem Subjekt in umgekehrter Form, in Gestalt von: „Was willst du?“

Deutet man das Schema gegen Lacans erklärte Absicht entwicklungspsychologisch (wie auch Lacan es gelegentlich tut), kann man an das Kind denken, das sexuelle Erregungen verspürt (das Subjekt als Es), das sich fragt, was mit ihm ist (das Subjekt als Frage) und das sich damit an die Mutter wendet, die damit die Funktion des Anderen bekommt.

Sie soll ihm darauf antworten; „in dieser Anderen hat es sich als Subjekt anerkennen zu lassen – nicht mehr als Anspruch, nicht mehr als Liebe, sondern als Subjekt.“49 Die Beziehung zum Anderen ist hier nicht der Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung, wie in der ersten Zeile des Schemas; es geht auch nicht um den Liebesanspruch, der sich an die Andere richtet (zweite Zeile), also nicht um die Forderung nach Anwesenheit; in der Beziehung zur Anderen geht es jetzt, in der dritten Zeile, vielmehr darum, sich von der Anderen als Subjekt in seinem Begehren anerkennen zu lassen (zur Anerkennung des Begehrens vgl. diesen Blogbeitrag).

… „Nun, in dieser Artikulation antwortet die Andere dem Subjekt jenseits dessen, was es selbst in seinem Anspruch formuliert hat. Wenn es sich in diesem Jenseits des Sprechens selbst erfassen will, wird es also den Schritt tun müssen, der es in die nächste Etappe einführt, a/$.“ (445 f.)

Die Antwort der Anderen (Ⱥ in der dritten Zeile des Schemas) bezieht sich nicht auf den Anspruch des Subjekts auf Bedürfnisbefriedigung (erste Zeile), auch nicht auf dessen Liebesanspruch (zweite Zeile). Sie bezieht sich auf das Begehren des Subjekts, jenseits der vom Subjekt artikulierten Forderungen nach Bedürfnisbefriedigung und nach Liebe.

Dadurch, dass die Andere eine Antwort gibt, die sich nicht auf die Ansprüche des Subjekts bezieht, sondern auf dessen Begehren, hat es die Chance, sich in seinem Begehren zu erfassen. Dazu muss es zur nächsten Etappe übergehen, dargestellt durch die vierte Zeile des Schemas.

… „Dieses Subjekt ist von dem Schrägstrich markiert, durch den es als Subjekt des Sprechens ursprünglich in sich selbst geteilt ist. Als ausgesperrtes Subjekt kann es, muss es, versucht es die Antwort zu finden. Es findet sie aber nicht, denn auf dieser Ebene begegnet es im Anderen dieser Höhlung, dieser Leere, die ich artikuliert habe, als ich Ihnen sagte, dass es keinen Anderen des Anderen gibt, dass kein möglicher Signifikant die Authentizität der Folge der Signifikanten garantiert, dass es nichts gibt, was auf der Ebene des Signifikanten die Signifikantenkette und das Sprechen, wodurch auch immer, garantieren würde, authentifizieren würde. Eben darin hängt das Subjekt wesentlich vom guten Willen des Anderen ab.“ (446)

Das Subjekt ist jetzt (vierte Zeile rechts) nicht mehr einfach das begehrende Subjekt, abgekürzt durch S ohne Schrägstrich, sondern das vom „vom Schrägstrich markierte“ Subjekt, $, das Subjekt, dass so an die Bedingungen des Sprechens angepasst ist, dass es gespalten ist in das sinnorientierte Sprechen einerseits und den Diskurs des Unbewussten andererseits, also die Produktion von Träumen, Symptomen, Fehlhandlungen.

Lacan springt zurück in die dritte Zeile zum Symbol Ⱥ: als ein solches gespaltenes Subjekt versucht es, vom Anderen die Anerkennung seines Begehrens zu erlangen, die Antwort auf die Frage, was es mit dem Sein des Subjekts, mit seinem Es, seinem Begehren auf sich hat („Trieb“ und „Begehren“ werden zu diesem Zeitpunkt von Lacan noch nicht streng unterschieden). Vom Anderen bekommt es jedoch keine Antwort. Deutet man den Anderen entwicklungsgeschichtlich als repräsentiert durch ein konkretes Individuum, kann man sagen: das Subjekt bekommt von ihm Antworten, Informationen, Versprechungen, Kritiken, Verbote aller Art, aber keine Antwort, deren Wahrhaftigkeit, deren Ehrlichkeit, deren Aufrichtigkeit garantiert wäre. Dies hat strukturelle Gründe – es gibt keine Garantie für die Aufrichtigkeit des Anderen (vgl. diesen Blogeintrag), es gibt keinen Signifikanten, der garantieren könnte, dass die Antwort des Anderen wahr ist (vgl. diesen Blogeintrag).

Auf diese Weise eröffnet sich dem Subjekt (wieder in biographischer Sichtweise) die Kluft zwischen dem, was der Andere sagt, und dem, was der Andere denkt oder fühlt, und damit die Dimension des Begehrens des Anderen.

Das Subjekt ist vom guten Willen des Anderen abhängig, nicht nur beim Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung (1. Zeile), und nicht nur beim Anspruch auf Liebe (2. Zeile), sondern auch beim Anspruch auf Wahrheit bei der Anerkennung oder Zurückweisung des Begehrens.

… „Und dann lässt das Subjekt von anderswo, nämlich aus dem imaginären Register, etwas von einem Teil von ihm selbst kommen, insofern es in die imaginäre Beziehung zum anderen verwickelt ist. Dieses Etwas ist das klein a. Es taucht sehr genau an dem Platz auf, wo sich die Befragung des S vollzieht, darüber, was es wahrhaft ist, darüber, was es wahrhaft will.“50

Das Subjekt fragt sich, was es wahrhaft ist, was es in Wahrheit will. Eine Antwort auf diese Frage bekommt es nur dadurch, dass der Andere das Begehren des Subjekts anerkennt. Der Andere reagiert auf das Begehren des Subjekts, aber das Subjekt hat keine Garantie dafür, dass die Antwort des Anderen wahr ist, dass der Andere aufrichtig ist. Man kann das unter anderem so deuten: das Kind ist mit dem Rätsel der Sexualität des Erwachsenen konfrontiert, und dieses Rätsel ist auch für den Erwachsenen ein Rätsel.

Der Versuch des Subjekts, in der symbolischen Dimension eine sichere Antwort auf die Frage nach seinem Begehren zu erhalten, ist gescheitert. Das Subjekt kann aber von dieser Frage nicht ablassen. Seine Lösung besteht darin, dass es die imaginäre Dimension ins Spiel bringt. Es lässt einen Teil von sich auftreten, der in die imaginäre Beziehung verwickelt ist (Freud würde vielleicht sagen: es projiziert), und hierdurch wird ein Objekt zum Objekt des Begehrens; im Schema wird es durch das kleine a repräsentiert (vierte Zeile, linke Spalte). Dieses a erhält die Funktion, dem Subjekt zu sagen, was es – das Subjekt – wahrhaft begehrt.

… „Das, was wir klein a nennen, ist das Objekt des Begehrens, sicherlich, aber nur unter der Bedingung, dass wir präzisieren, dass es sich gleichwohl nicht an das Begehren koaptiert. Es tritt in das Spiel in einem Komplex ein, den wir als Phantasma bezeichnen. Dieses Objekt ist es, worin das Subjekt, in dem Moment, in dem es verschwindet (s’évanouit), seine Stütze findet, angesichts des Ausfallens des Signifikanten, der auf der Ebene des Anderen von seinem Platz des Subjekts aus zu antworten hat.“51

Der Buchstabe klein a steht für das, was üblicherweise als Objekt des Begehrens bezeichnet wird. Man kann es durchaus so nennen, muss sich dabei allerdings klar machen, dass dieses Objekt an das Begehren keineswegs angepasst ist.52

Das Objekt a gehört zum Phantasma, das heißt: In diesem Objekt findet das Subjekt seine Stütze, und zwar genau dann, wenn es verschwindet. Das Verschwinden des Subjekts beruht auf dem Mangel im Anderen, darauf, dass es im Anderen keinen Signifikanten gibt, der dessen Aufrichtigkeit garantiert. Das Subjekt und der Andere sind also auf negative Weise miteinander verkoppelt. Auf der Seite des Anderen gibt es das Fehlen eines wahrheitsgarantierenden Signifikanten, und dem entspricht das Verschwinden des Subjekts, das Fehlen eines Signifikanten des Subjekts. In der Lacanschen Algebra: das Fading des Subjekts, $, bezieht sich auf den Mangel im Anderen, Ⱥ.

… „Auf dieser Ebene, wo das Subjekt versucht, sich wiederherzustellen, sich mit sich wiederzuvereinigen, in dem Anspruch, den es an den Anderen richtet, und sich als Subjekt des Sprechens zu authentifizieren, kommt die Operation der Teilung zu einem Halt, insofern der Quotient, den das Subjekt zu erreichen versucht, in Gegenwart des Erscheinens, auf der Ebene des Anderen abhängig bleibt von diesem Rest, durch den das Subjekt selbst das Lösegeld liefert und für das Ausfallen des Signifikanten auf der Ebene des Anderen, des Signifikanten, der auf ihn antwortet, einen Ersatz gebildet hat. Dieser Quotient und dieser Rest bleiben hier beide zusammen, sie stützen einander, wenn man so sagen kann. Das Phantasma ist nichts anderes als diese beständige Konfrontation des durchgestrichenen S und des kleinen a.“53

Das Subjekt richtet einen Anspruch an den Anderen, den Liebesanspruch (1. Zeile des Schemas). Dies setzt eine Teilungsbewegung in Gang (das Schema der Division), die dadurch bestimmt ist, dass das Subjekt versucht, sich mit sich wiederzuvereinigen. Auf einer bestimmten Ebene (nämlich in der 4. Zeile) kommt die Divisionsbewegung zu einem Halt: das Subjekt ist hier ein Quotient (Ergebnis einer Teilungsoperation) und es steht in Beziehung zu einem Rest, dem Objekt a. Diese Beziehung ist das Phantasma, $◊a.

Anschließend spricht Lacan vom Fading:

… „Das ausgesperrte Subjekt kennzeichnet diesen Moment des Fading des Subjekts, wo es im Anderen nichts findet, was ihm auf sichere und gewisse Weise eine Garantie geben würde, nichts, was es ihm ermöglichen würde, sich auf der Ebene des Diskurses des Anderen zu verorten und sich zu benennen, d.h. als Subjekt des Unbewussten. Als Antwort auf diesen Moment, als Ersatz für den fehlenden Signifikanten, taucht das imaginäre Element auf, der korrelative Term der Struktur des Phantasmas. In seiner allgemeinsten Form bezeichnen wir dieses Element als Stütze des S in dem Moment, wo dieses versucht, auf sich als Subjekt des unbewussten Diskurses zu verweisen.“ (446 f.)

Das durchgestrichenes Subjekt, $, steht für den Moment des Fadings des Subjekts. Das Fading des Subjekts hat zeitlichen Charakter: es ist ein Moment. Das strukturelle Fehlen eines Signifikanten des Subjekts – die Urverdrängung – wird vom Subjekt in einem bestimmten Moment auf bestimmte Weise erlebt, erfahren.

Wie kommt es zum Fading des Subjekts, zu seinem Verschwinden? Auf dem Umweg über den Anderen.

Das Subjekt sucht im Anderen nach einer Garantie für die Authentizität des vom Anderen Gesagten.

Es sucht diese Garantie deshalb, weil es, wenn man so sagen darf, „intersubjektiv“ verfasst ist: Es versucht sich (sein sexuelles Begehren) zu verorten und zu benennen, und das kann es nur im Diskurs des Anderen.

Hierbei stößt es auf das, was Sartre als das Problem der Unaufrichtigkeit (mauvaise foi) des Anderen artikuliert hat; in Lacans Begrifflichkeit: Es stößt auf das Fehlen eines Signifikanten. Es gibt im Anderen keinen Signifikanten, der dem Subjekt auf sichere und gewisse Weise eine Garantie dafür geben könnte, dass das, was der Andere sagt, authentisch ist.

Das Subjekt sucht aber außerdem einen Signifikanten, mit dem es sich auf der Ebene des Diskurses des Anderen verorten könnte, mit dem es sich benennen könnte. Einen solchen Signifikanten findet es nicht. Hier sind nicht zuletzt wir auf der Ebene der „freien Assoziation“ (des Diskurses des Anderen) und der Konfrontation mit der Urverdrängung.

Für diesen fehlenden Signifikanten bildet es einen Ersatz.

Dieser Ersatz gehört zum imaginären Register. Konfrontiert mit dem Fehlen im Symbolischen mobilisiert das Subjekt eine Kompensation im Imaginären.

Das imaginäre Element, durch welches das Fehlen im Symbolischen kompensiert wird, wird in der Formel des Phantasmas durch das a repräsentiert.

In der Formel des Phantasmas ($◊a) meint das $: Das Subjekt versucht (etwa im Rahmen einer Psychoanalyse) auf sich als Subjekt des unbewussten Diskurses zu verweisen. Dies misslingt ihm, unter den Signifikanten, die im Verlauf der „freien Assoziation“ überraschend ins Spiel kommen, gibt es keinen Signifikanten des Subjekts. Dieses Misslingen ist der Moment des Fading. In Freuds Terminologie: bestimmte verdrängte Vorstellungen können nicht erinnert werden, sie sind urverdrängt, und das Fading ist die Konfrontation mit der Urverdrängung.

Im Moment des Fading stützt das Subjekt sich auf ein imaginäres Element; dieses stützende imaginäre Element wird in der Formel des Phantasmas mit a bezeichnet. Mit diesem Objekt bezeichnet das Subjekt auf eine verquere Weise sich selbst: das, was es in Wahrheit will.

4. Am Punkt des Fading dienen dem Subjekt drei Arten von Objekten als Stütze: prägenitales Objekt, Phallus und Wahn

Später in dieser Sitzung heißt es über das Objekt a im Phantasma:

„Von klein a sind in der analytischen Erfahrung bislang drei Arten als solche ausgemacht, identifiziert worden: a, φ, d.

Die erste Art ist diejenige, die wir zu Recht oder zu Unrecht gewöhnlich als prägenitales Objekt bezeichnen.

Die zweite Art ist die Objektsorte, die in das verwickelt ist, was man den Kastrationskomplex nennt, und Sie wissen, dass dies in seiner allgemeinsten Form der Phallus ist.

Die dritte Art führt den einzigen Terminus ein, der Sie vielleicht als Novität überraschen wird, aber ich glaube in Wahrheit, dass diejenigen unter Ihnen, die das, was ich über die Psychosen habe schreiben können, näher haben studieren können, hierdurch dennoch nicht wesentlich verunsichert sein werden. Die dritte Objektart, die im Verhältnis zum Subjekt am Punkt des Schwachwerdens (défaillance), des Fading, genau dieselbe Funktion erfüllt, ist nichts anderes und nicht mehr und nicht weniger als das, was man für gewöhnlich als Wahn bezeichnet. Das ist sehr genau der Grund, weshalb Freud fast zu Beginn seiner Erfahrung, bei seinen ersten Einsichten, hat schreiben können: ‚Sie lieben also den Wahn wie sich selbst.‘

Wir werden diese drei Formen des Objekts, eine nach der anderen, wieder aufgreifen, um zu erfassen, was an ihrer Gestalt es ihnen ermöglicht, die Funktion zu erfüllen, zu den Signifikanten zu werden, die das Subjekt aus seiner eigenen Substanz herauszieht, um dem Loch vor sich standzuhalten, der Abwesenheit des Signifikanten auf der Ebene der unbewussten Kette.“ (452 f.)

Lacan (bzw. Miller, sein Herausgeber) verwendet das Symbol a hier in zwei Bedeutungen, einer weiten und einer engen. In der Formel für das Phantasma, $◊a, hat das a eine weitere Bedeutung. Es umfasst drei Objektklassen: die prägenitalen Objekte, den Phallus und den Wahn. Die prägenitalen Objekte, Brust und Kot, werden ebenfalls mit a bezeichnet, dies ist dann das a im engeren Sinne. Der Buchstabe φ, das griechische kleine phi, steht für den imaginären Phallus. Der Wahn wird mit d bezeichnet, für délire, „Wahn“.

Brust und Kot werden „zu Recht oder zu Unrecht“ als prägenitale Objekte bezeichnet: Lacan zufolge bekommen sie ihre Funktion erst nachträglich, rückwirkend, nämlich durch den Kastrationskomplex..

Freud hatte in Manuskript H von 1895 behauptet: Die Paranoia beruht auf dem Projektionsmechanismus, die unerträglich peinliche Vorstellung wird in die Außenwelt projiziert; insofern lieben die Paranoiker ihren Wahn wie sich selbst.54 In Lacans Deutung: Mangels eines Signifikanten, mit dem das Subjekt sich bezeichnen könnte, verwendet es den Wahn, um damit sein eigenes Begehren zu bezeichnen. Das Verschwinden des Subjekts ist demnach mit einer unerträglichen Peinlichkeit verbunden, wie Freud sagt.

Die drei Ausprägungen des Objekts a im Phantasma haben dieselbe Funktion. Sie stützen das Subjekt am Punkt des Fading, des Verschwindens, in dem Moment, in dem es einen Schwächeanfall erleidet, in dem es erfährt, dass es im Symbolischen keinen Signifikanten hat.

Das Subjekt zieht diese Objekte aus seiner eigenen Substanz heraus; sie werden durch Projektion erzeugt.

Das Subjekt braucht diese Objekte, um dem Loch im Anderen standzuhalten, dem Fehlen eines Signifikanten des Subjekts auf der Ebene der unbewussten Kette.

Ist gemeint, das es in den prägenitalen Objekten und im Phallus insofern eine Stütze findet, als es sich bei ihnen um verlorene Objekte handelt?

5. Das verschwindende Subjekt als imaginäre Zahl

In einer späteren Seminarsitzung heißt es:

„Sie sehen an der Tafel sämtliche Formen des Schnitts angezeigt, einschließlich derjenigen, die den Schnitt des Subjekts reflektieren. [Dieses Schema fehlt.]

Von nun an werden wir so das ausgesperrte Subjekt im Phantasma notieren. Erinnern Sie sich daran, ich habe Sie gebeten, den Begriff des nicht ein zu akzeptieren. Sie sehen, dass ich mir hier sogar die Lächerlichkeit erlaube, mich auf die Notation zu beziehen, die die imaginären Zahlen betrifft.“ (497, Einschub in eckigen Klammern in der Vorlage)

Das Verschwinden des Subjekts wird durch die imaginäre Zahl veranschaulicht \sqrt{-1}. Eine imaginäre Zahl ist eine Zahl, deren Quadrat eine negative reelle Zahl ist; sie gehört nicht zu den reellen Zahlen ist und ist damit aus dem Diskurs der Mathematik, der mit reellen Zahlen operiert, ausgeschlossen.55 Die imaginäre Zahl ist eine Metapher für das verschwindende Subjekt, für die Urverdrängung.

6. Das Fading des Subjekts ist die Aphanisis des Subjekts

In der Sitzung vom 10. Juni 1959 verwendet Lacan zum letzten Mal in diesem Seminar die Termini Fading und Aphanisis. Bei dieser Gelegenheit werden die Ausdrücke von ihm gleichgesetzt.

„Ich bitte Sie, bei dieser Struktur des Phantasmas innezuhalten.

Wie ich bereits hervorgehoben habe, ist das, was seinen Wert ausmacht, eine angehaltene Zeit; was seinen Wert ausmacht, ist dies: eine Zeit des Innehaltens. Eine Zeit des Innehaltens, die den Wert eines Index hat, der einem Moment des Handelns entspricht, in dem das Subjekt sich nur etablieren kann auf eine bestimmte Weise x – was genau das ist, was wir hier als Begehren bezeichnen, was wir in seiner Funktion als Begehren zu isolieren versuchen –, in dem das Subjekt sich eigentlich nur unter der Bedingung etablieren kann, dass es den Sinn dieser Position verliert, denn das ist es, das Phantasma ist für es undurchsichtig. Wir können seinen Platz im Phantasma bezeichnen, vielleicht kann es selbst ihn erahnen, aber der Sinn der Position, also warum sie das ist, was von seinem Sein an den Tag kommt, das kann das Subjekt nicht sagen.“ (500 f., übersetzt nach Version Staferla)

Das Phantasma hat eine bestimmte Zeitlichkeit, es ist eine Art eingefrorenes Filmbild.

Die angehaltene Zeit des Phantasmas verweist auf einen bestimmten Moment des Handelns des Subjekts. In diesem Moment geht es dem Subjekt darum, sich als begehrendes Subjekt zu etablieren. $ steht, wie es etwas später heißt, für das Verschwinden des Subjekts am Punkt der Annäherung des Begehrens (506).

Das Begehren stützt sich auf das Phantasma, und im Phantasma kommt etwas vom Sein des Subjekts an den Tag, aber seine Position im Phantasma ist für das Subjekt unzugänglich, bestenfalls erahnbar; um sie sprechend zu erfassen, braucht es die Hilfe des Analytikers.

… „Das ist der wesentliche Punkt: Aphanisis. Sicherlich ist der Terminus glücklich gewählt und uns dienlich. Aber im Unterschied zu der Funktion, die Jones ihm bei der Deutung des Kastrationskomplexes gibt, ist seine Form rätselhaft.

Wir sehen im Phantasma, dass die Aphanisis –; zumindest da, wo das Wort Verschwinden (disparition) Fading habe ich auch gesagt  für uns brauchbar ist, ist es nicht als Aphanisis des Begehrens, sondern insofern es, auf der Spitze des Begehrens, Aphanisis des Subjekts gibt. Das Subjekt, insofern es sich an seinem Platz verorten würde, es sich da, wo in der unbewussten Signifikantenkette ‚es spricht‘, als ‚ich (je)‘ artikulieren würde, insofern es da auf sich nur verweisen kann, indem es von seiner Position als Subjekt verschwindet.“ (501, übersetzt nach Version Staferla)

Lacan übernimmt hier den Terminus „Aphanisis“ von Jones und deutet ihn um: „Aphanisis“ soll heißen: das Verschwinden des Subjekts, und nicht, wie bei Jones, das Verschwinden des Begehrens, auch nicht das Verschwindenlassen des Phallus.

Außerdem setzt er „Aphanisis“ mit „Fading“ gleich. Fading, Aphanisis – mit beiden Termini bezieht Lacan sich auf das Verschwinden des Subjekts, im Gegensatz zum Verschwinden des Begehrens.

Die Verwendung des Ausdrucks „Aphanisis“ durchläuft in Seminar 6 vier Phasen:
– Zunächst referiert Lacan Jones’ „Aphanisis“, ohne den Terminus für sich zu übernehmen. Er konfrontiert die Jonessche „Aphanisis“ mit dem „Verschwinden“ (disparaitre, évanouissement) und der Verfinsterung (éclipse) des Subjekts.
– Dann gebraucht er „Aphanisis“ vorübergehend auf impressionistische Weise, wie er sagt (234), und zwar im Sinne von: Zum-Verschwinden-Bringen des Phallus, mit dem das Subjekt sich identifiziert, des Phallus des Anderen.
– Danach prägt er einen eigenen Terminus für das Verschwinden des Subjekts: „Fading“.
– Und schließlich übernimmt er von Jones den Ausdruck „Aphanisis“ und identifiziert ihn mit „Fading“; „Aphanisis“ bezieht sich jetzt auf das Verschwinden des Subjekts. Von da an sind zwei Begriffe von Aphanisis im Spiel: Aphanisis im Sinne von Jones, als Verschwinden des Begehrens, Aphanisis im Sinne von Lacan, als Verschwinden des Subjekts, synonym mit „Fading“.

Das Subjekt verschwindet, wenn es „auf der Spitze des Begehrens“ ist, nicht, wenn sein Begehren verschwindet, sondern wenn sein Begehren auf die Spitze getrieben ist. Das heißt möglicherweise in genetischer Perspektive: die genitale Erregung ist für das Kind traumatisch, und der traumatische Charakter dieser Erregung besteht darin, dass es den Reaktionen der Erwachsenen nicht trauen kann. Dieses Trauma liegt der Urverdrängung zugrunde.

Die Form der Aphanisis ist rätselhaft; das unterscheidet Lacans Aphanisis-Begriff von dem von Jones. Damit spielt Lacan auf seine Definition des Rätsels in Seminar 6 an: eine Äußerung (énonciation), zu der das Ausgesagte (énoncé) gesucht wird.56 Die Aphanisis muss auf die Ebene der Äußerung (énonciation) bezogen werden. Sie hat für das Subjekt die Form eines Rätsels, und das Rätsel besteht im Fehlen eines Signifikanten des Subjekts.

Die aphanisis des Subjekts besteht in seiner Beziehung zur unbewussten Signifikantenkette, zu dem „Es spricht“, zur Äußerung. In diesem unbewussten Sprechen kann sich das Subjekt nicht als Ich (je) verorten, es kann sich nicht als Sprecher dieses unbewussten Diskurses bezeichnen (vgl. 434 f.), darin besteht das Verschwinden des Subjekts, sein Fading, seine Aphanisis.

Für Freud besteht die Urverdrängung darin, dass es bestimmte Vorstellungen gibt, die nicht erinnert werden können und die zugleich die Verdrängung im Gang halten. Lacan rekonstruiert die Urverdrängung als Fehlen bestimmter Signifikanten auf der Ebene der énonciation, der „freien Assoziation“. Die fehlenden Signifikanten sind diejenigen, die es dem Subjekt ermöglichen würden, zu den Signifikanten der énonciation, des Äußerungsvorgangs, „ich“ zu sagen, sich als Sprecher dieses Diskurses zu identifizieren.  Das Verschwinden des Subjekts, die Aphanisis, das Fading ist dieses Fehlen der Signifikanten des Subjekts bzw. die Konfrontation des Subjekts mit diesem Fehlen.

Lacan fährt so fort:

… „Von da ausgehend sehen wir, worum es sich handeln wird. Wenn wir diesen Extrempunkt definiert haben, diesen imaginären Punkt, an dem das Sein des Subjektes in seiner maximalen Dichte besteht – das sind nur Bilder, damit Ihr Geist sich an eine Metapher klammert –, ausgehend von dem Moment, an dem wir sehen, an dem wir diesen imaginären Punkt definieren, wo das Sein des Subjekts – insofern es das ist, was im Unbewussten zu artikulieren, zu benennen ist – letztlich in keinem Fall im Unbewussten benannt werden, sondern nur angezeigt werden kann durch etwas, was sich selbst als Schnitt offenbart, als Spalte, als Struktur des Schnitts im Phantasma.“ (501, übersetzt nach Version Staferla)

Der imaginäre Punkt im Phantasma, also a, ist der Punkt, an dem das Sein des Subjekts seine maximale Dichte annimmt.

Das Sein des Subjekts nimmt in diesem imaginären Punkt deshalb Gestalt an, weil es  sich auf der symbolischen Ebene, im Unbewussten (durch Mobilisierung verdrängter Signifikanten durch „freie Assoziation“), nicht benennen kann.

Das Sein des Subjekts kann im unbewussten Diskurs nicht benannt werden, aber es kann angezeigt werden: durch den Schnitt im Phantasma (vgl. hierzu diesen Blogartikel). In der Formel des Phantasmas ($◊a) symbolisiert die Raute ◊ den Schnitt (ab Seminar 6). Der Schnitt manifestiert das Sein des Subjekts in reiner Form (vgl. 471). Der Schnitt zeigt sich auf der symbolischen Ebene beispielsweise in den abgebrochenen Sätzen, die für Schrebers Wahn charakteristisch sind, etwa „Nun will ich mich …“ oder „Sie sollen nämlich“.57 Der Schnitt manifestiert sich auf der imaginären Ebene beispielsweise im Hosenschlitz des Exhibitionisten und in dem Spalt, durch den hindurch der Voyeur das Objekt betrachtet.58 Die Technik der variablen Sitzungsdauer ist eine Schnitt-Technik (vgl. diesen Blogartikel). Der Schnitt wird hier, ähnlich wie in Schrebers Wahn, auf der symbolischen Ebene verortet.

Die Formel des Phantasmas ($◊a) verweist also auf drei verschiedene Weisen auf das Subjekt:
– Das Symbol $ bezieht sich auf das Verschwinden des Subjekts, auf seine Aphanisis, auf sein Fading. Auf der symbolischen Ebene besteht das Fading darin, dass es im Unbewusten keinen Signifikanten des Subjekts gibt bzw. dass der Signifikant des Subjekts, in Freudscher Begrifflichkeit, urverdrängt ist.
– Das Zeichen ◊ symbolisiert die Art und Weise, wie sich das Subjekt im Symbolischen, obwohl es aus ihm ausgeschlossen ist, dennoch manifestiert: im Schnitt.
– Der Buchstabe a stellt dar, dass das Subjekt sich, da es auf der symbolischen Ebene  verschwindet, auf einen (imaginären) anderen stützt,  der damit zum Objekt des Begehrens wird, zu dem Objekt, in dem das Subjekt das zu finden sucht, was ihm fehlt.

Die drei Bestandteile des Phantasmas beziehen sich also auf das Reale, das Symbolische und das Imaginäre.
– $ symbolisiert eine Grenze der Symbolisierung, also etwas Reales, speziell die Urverdrängung.
– ◊ symbolisiert eine Beziehung zwischen dem Realen und dem Symbolisches, nämlich den Schnitt als dem Ort, an dem im Symbolischen das Reale erscheint.
a symbolisiert eine Beziehung zwischen dem Realen und dem Imaginären: ein imaginäres Objekt, mit dem das Subjekt sich im imaginären Register benennt, da es auf der symbolischen Ebene nicht zu sich „ich“ sagen kann.

Weiter heißt es:

… „Um diesen imaginären Punkt herum – und das ist in jedem Bereich legitim, wenn wir seine Struktur artikulieren können, durch das, was davon ausgeht – werden wir versuchen, das zu verorten, was tatsächlich bei den verschiedenen Formen des Subjekts vor sich geht, Formen, die keineswegs zwingend homogen sind, Formen, die für denjenigen, der von der anderen Seite ist, von einer Seite her verständlich sind. In dieser Hinsicht wissen wir nur zu sehr, was uns beim Verstehen einer Psychose täuschen kann. Beispielsweise müssen wir uns hüten zu verstehen, wenn wir versuchen können, in der Struktur zu rekonstruieren, zu artikulieren, und eben das ist es, was wir hier zu tun versuchen.“ (501, übersetzt nach Version Staferla)

Ausgehend vom imaginären Punkt – vom a in der Formel des Phantasmas – sollen die verschiedenen Formen des Subjekts artikuliert werden, nicht durch „verstehen“, sondern durch Rekonstruktion der Struktur. Die Formen des Subjekts sind, so vermute ich, Perversion (prägenitales Objekt), Neurose (Phallus) und Psychose (Wahn).

7. Das Verschwinden des Subjekts zeigt sich bei Freud im „Nabel des Traums“

Anschließend heißt es:

… „Also von da ausgehend, ausgehend von dieser Struktur, wo das Subjekt im Moment seines Verschwindens – und ich wiederhole es Ihnen, das ist ein Begriff, von dem Sie die Spur dort finden können, wo Freud vom ‚Nabel des Traums‘ spricht, dem Punkt, an dem sämtliche Assoziationen zusammenlaufen um zu verschwinden, um nur noch mit dem verbindbar zu sein, was er das Unerkannte* nennt; darum geht es.“ (501 f., übersetzt nach Version Staferla)

Vom Begriff des Verschwindens des Subjekts gibt es bei Freud eine Spur, die Metapher vom „Nabel des Traums“. Der Nabel des Traums – das unentwirrbare Knäuel, in dem die Traumgedanken zusammenlaufen und das dem Unerkannten aufsitzt – ist die psychologische Manifestation des strukturellen Mangels des Symbolischen, wie Lacan in Seminar 6 bereits früher erläutert hatte (vgl. 130, 402). In Seminar 2 hatte Lacan gesagt, der Nabel des Traums stehe in Beziehung zum Realen jenseits aller Vermittlungen imaginärer und symbolischer Art.59 Das Verschwinden des Subjekts steht also in Beziehung zum Realen.

8. Das Verschwinden des Subjekts beruht auf seiner Hilflosigkeit gegenüber dem Begehren des Anderen

Lacan fährt fort:

… „Im Verhältnis dazu sieht das Subjekt, wie sich vor ihm was auftut? Nichts anderes als eine weitere Kluft, die im Grenzfall zur unendlichen Verweisung eines Begehrens auf ein anderes Begehren führen würde. Wie wir im Phantasma des Voyeurs oder des Exhibitionisten sehen, ist es das Begehren des Anderen, von dem er sich abhängig findet. Es ist die Gnade des Begehrens des Anderen, der er sich ausgeliefert sieht. Das ist konkret, das finden wir in der Erfahrung.“ (502, übersetzt nach Version Staferla)

Im Moment des Verschwindens sieht das Subjekt eine weitere Kluft vor sich, ein anderes Begehren, das auf ein anderes Begehren verweist.

Im Phantasma des Voyeurs und des Exhibitionisten geht es um das Begehren des Anderen. Der Voyeur unterstellt, dass es sein Objekt erregt, beobachtet zu werden, dass es sich also von sich aus einem anonymen Blick darbietet. Der Exhibitionist versucht, das Begehren des Anderen jenseits der Scham zu überraschen. Das Begehren des Anderen spielt in diesen Phantasmen die Rolle des Objekts a.60

… „Um nichts anderes geht es in der Neurose des kleinen Hans, über die ich vor zwei Jahren ausführlich zu Ihnen gesprochen habe.

Ich habe die Krise aufgezeigt, mit der der kleine Hans in einem bestimmten Moment seiner Entwicklung konfrontiert ist. Diese Krise geht über das Moment seiner Rivalität mit dem Neuankömmling, seiner kleinen Schwester, weit hinaus, auch wenn das kritisch ist. Sie ist auch viel schwerer als das Neue, das der erste Ansatz der sexuellen Reifung für ihn darstellt, wodurch er zu Erektionen fähig wird und – unter Spezialisten ist die Frage offen – sogar zu Orgasmen. Wie ich betont habe, artikuliert habe, ja Ihnen sogar eingehämmert habe, die Krise um die es geht, reißt nicht auf der interpsychologischen Ebene im eigentlichen Sinne auf, auch nicht auf der Ebene der Integration einer neuen Strebung. Eine Krise gibt es insofern, als das Subjekt sich in diesem Moment der Konstellation, aufgrund einer bestimmten Schließung, mit dem Begehren seiner Mutter faktisch konfrontiert sieht und insofern es in Gegenwart dieses Begehrens ohne Hilfe ist.

Die Position, ohne Hilfe zu sein, ist das, was Freud in seinem Artikel von 1917 über Das Unbewusste als Hilflosigkeit* bezeichnet. Diese Hilflosigkeit ist ursprünglicher als alles, ursprünglicher als die Angst, die bereits den Ansatz einer Organisation darstellt, insofern sie Erwartung* ist, selbst wenn man nicht weiß von was, selbst wenn man sie nicht sofort artikuliert. Davor gibt es die Hilflosigkeit*.

Hilflosigkeit gegenber was? Das kann nur definiert, nur zentriert werden als Hilflosigkeit gegenüber dem Begehren der Anderen. Die Beziehung des Begehrens des Subjekts zum Begehren der Anderen ist dramatisch, insofern das Begehren des Subjekts sich vor dem Begehren des Anderen verorten muss, von dem es jedoch wörtlich angesaugt wird, das es hilflos macht. In diesem Drama konstituiert sich eine wesentliche Struktur, nicht nur der Neurose, sondern von jeder anderen analytisch definierten Struktur.“ (502)

In Seminar 4 von 1956/57, Die Objektbeziehung, hatte Lacan ausführlich Freuds Fallstudie über den „kleinen Hans“ erörtert.61 Auch bei dieser Phobie besteht die Krise in der Konfrontation mit dem Begehren des Anderen. Das Problem, mit dem Hans konfrontiert ist, ist nicht primär interpsychologisch: bezieht sich nicht primär auf die Geburt der Schwester, es besteht auch nicht darin, dass er vor der Aufgabe steht, seine genitalen Triebregungen zu integrieren. Die Krise besteht darin, dass er mit dem sexuellen Begehren auf der Seite der Mutter konfrontiert ist. Gegenüber dem Begehren der Anderen ist er in der Position der Hilflosigkeit.

Über Hilflosigkeit als Grundlage der Angst schreibt Freud nicht, wie Lacan sagt, in Das Unbewusste, sondern in Hemmung, Symptom und Angst (1926). Die psychische Hilflosigkeit, heißt es dort, ist die Hilflosigkeit angesichts der Triebgefahr; die erlebte Situation der psychischen Hilflosigkeit ist traumatisch; die Angst ist die Erwartung der traumatischen Situation der Hilflosigkeit angesichts der Triebgefahr.62 Für Lacan ist das Begehren (das er zu diesem Zeitpunkt mit dem Trieb noch mehr oder weniger gleichsetzt) intersubjektiv verfasst: das Begehren ist das Begehren des Anderen. Die traumatische Situation ist die Hilflosigkeit gegenüber der Triebgefahr, diesen Gedanken übernimmt er von Freud. Die entscheidende Triebgefahr besteht für ihn aber nicht im Andrängen der eigenen Triebe, sondern in der Konfrontation mit dem Begehren auf der Seite des Anderen bzw. der Anderen.

Die Hilflosigkeit gegenüber dem Begehren des Anderen besteht darin, dass das Begehren des Subjekts sich im Verhältnis zu dem Begehren, das auf der Seite des Anderen ist, verorten muss, dass das Subjekt von dem Begehren, das der Andere hat, jedoch gewissermaßen angesaugt wird, überwältigt wird. Der Ausdruck „angesaugt“ erinnert daran, dass diese Situation vom Kind als ein drohendes Verschlungenwerden erlebt werden kann.

Diese Struktur liegt nicht nur der Neurose zugrunde, sondern auch der Perversion und der Psychose.

Lacan sagt es nicht direkt, aber der Kontext legt nahe, dass dies dem Verschwinden des Subjekts zugrunde liegt: die Konfrontation mit dem Begehren des Anderen. Das würde heißen: Das Subjekt empfindet ein eigenes Begehren, eine genitale Triebregung. Es versucht, dieses Begehren zu verorten. Es kann sein eigenes Begehren nur dadurch integrieren, dass es sich auf das Begehren bezieht, dass der Andere hat. Vom Begehren des Anderen wird es jedoch angesaugt: es versucht sich zum Objekt dieses Begehrens zu machen, so wie der Patient von Ella Sharpe, der sich mit dem Phallus der Anderen identifiziert und ihn in Sicherheit bringt, um die Kastration des Anderen zu vermeiden, das Begehren des Anderen, und damit die Hilflosigkeit gegenüber dem Begehren des Anderen.

VI. Zusammenstellung der Zusammenstellungen

Beim Begriff des Verschwindens geht es Lacan darum, den Zusammenhang zwischen Urverdrängung (=Verschwinden des Subjekts des Äußerungsvorgangs) und Kastrationskomplex theoretisch zu rekonstruieren. Die Frage nach dem Kastrationskomplex angeht übernimmt er von Ernest Jones (vgl. 49, 361, 394, 414).

Terminologie „Verschwinden“, „Fading“, „Aphanisis“

Lacan nennt das Verschwinden zunächst Fading (zuerst 361), dann auch Aphanisis (501).

Unter „Fading“ versteht er das Verschwinden des Subjekts (vgl. 108, 368, 446 f.). Diese Deutung wendet sich gegen Jones: beim Kastrationskomplex geht es um das Verschwinden des Subjekts, nicht, wie Jones annimmt, um die Angst vor dem Verschwinden des Begehrens (vgl. 501).

Am Ende von Seminar 6 setzt Lacan „Fading“ und „Aphanisis“ gleich (501). Die Verwendung des Ausdrucks „Aphanisis“ durchläuft in Seminar 6 vier Phasen:
– Zunächst referiert Lacan Jones’ „Aphanisis“, ohne den Terminus für sich zu übernehmen. Er konfrontiert die Jonessche „Aphanisis“ des Begehrens mit dem „Verschwinden“ (disparaitre, évanouissement) des Subjekts, mit der Verfinsterung (éclipse) des Subjekts.
– Dann gebraucht er den Terminus „Aphanisis“ vorübergehend „impressionistisch“, wie er sagt (234-275), und zwar im Sinne von: Zum-Verschwinden-Bringen des Phallus. Das Subjekt lässt den Phallus verschwinden, mit dem es sich identifiziert, den Phallus des Anderen, und schützt so den Anderen vor der Kastration.
– Danach verwendet Lacan einen eigenen Terminus für das Verschwinden des Subjekts: „Fading“ (ab 361).
– Schließlich übernimmt er von Jones den Ausdruck „Aphanisis“ und identifiziert ihn mit „Fading“; „Aphanisis“ bezieht sich jetzt auf das Verschwinden des Subjekts (ab 501). Von da an sind zwei Begriffe von Aphanisis im Spiel: Aphanisis im Sinne von Jones, als Verschwinden des Begehrens, Aphanisis im Sinne von Lacan, als Verschwinden des Subjekts.

Für das Verschwinden verwendet Lacan den Terminus „Fading“ deshalb, weil er sich in der Elektrotechnik auf die Funkübertragung bezieht und damit auf die Kommunikation (vgl. 368).

Urverdrängung: das Verschwinden des Subjekts des Äußerungsvorgangs

Das Subjekt verschwindet auf der Ebene des unbewussten Diskurses, des Äußerungsvorgangs (énonciation) (vgl. 49, 96). Es verschwindet hinter einem Signifikanten (vgl. 108), damit vermutlich der Phallus gemeint. Das Verschwinden des Subjekts besteht in der Synkope eines Signifikanten (vgl. 209). Auf der Ebene der Kastration erscheint das Subjekt in einer Signifikantensynkope (vgl. 414). „Verschwinden des Subjekts“ meint „Verschwinden als Subjekt des Äußerungsvorgangs“, auf dem Niveau der „freien Assoziation“, der Versprecher usw. gibt es keinen Signifikanten des Subjekts.

Das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass es im Unbewussten keinen Signifikanten gibt, mit dem das Subjekt sich als Sprecher des unbewussten Diskurses (der énonciation) bezeichnen könnte (vgl. 434). Auf der Ebene des bewussten Diskurses hingegen (der énoncé) gibt es einen Signifikanten, mit dem das Subjekt sich als Sprecher bezeichnen kann: das Personalpronomen, also „ich“ (vgl. 436). Die Subjektspaltung kann doppelt aufgefasst werden. Auf der Ebene des Unbewussten besteht sie in der Kluft zwischen dem Signifikantenapparat des Unbewussten und dem Subjekt als Fehlen-eines-Signifikanten. Man kann sie aber auch rekonstruieren als Spaltung zwischen zwei Arten des Diskurses, auf der Ebene des bewussten Diskurses kann sich das Subjekt als dessen Subjekt bezeichnen, auf der Ebene des Unbewussten hingegen ist es ein Nichts, das Fehlen eines Signifikanten des Subjekts.

Das Verschwinden des Subjekts ist vergleichbar mit der imaginären Zahl (vgl. 501). So wie eine imaginäre Zahl, etwa \sqrt{-1}, aus dem Reich der reellen Zahlen ausgeschlossen ist, gibt es im unbewussten Diskurs keinen Signifikanten des Subjekts. Dennoch gibt es die imaginäre Zahl, sie ist ein Signifikant. Entsprechend gilt: es gibt einen Signifikanten des Subjekts, aber er kann auf der Ebene der énonciation nicht abgerufen werden.

„Nabel des Traums“

Psychologisch manifestiert sich das Verschwindens des Subjekts in dem, was Freud als „Nabel des Traums“ bezeichnet: in einem Knäuel, in dem die Traumgedanken konvergieren, das aber unentwirrbar ist und das dem Unerkannten aufsitzt (vgl. 129 f., 501 f.). Der Nabel des Traums, so hatte Lacan in Seminar 2 ausgeführt, steht in Beziehung zum Realen jenseits aller Vermittlungen imaginärer und symbolischer Art.63 Das Verschwinden des Subjekts ist eine Form des Realen, der Konfrontation mit einer Nicht-Symbolisierbarkeit.

Begehren

Das Verschwinden des Subjekts ereignet sich auf dem Höhepunkt des Begehrens (501). Das Begehren kann nicht sprachlich artikuliert werden – das, was artikuliert wird, ist immer ein Anspruch.

Das Subjekt fragt sich auf der Ebene des Unbewussten „Was will ich?“ Es stellt sich diese Frage in Form der vom Anderen kommenden Frage „Was willst du?“ (vgl. 48 f.).

Das Subjekt kann sein Begehren nur verorten, wenn es sich auf das Begehren des Anderen bezieht.

Hierbei stößt es auf den Mangel im Anderen, darauf, dass es auf dessen Aufrichtigkeit angewiesen ist (vgl. 446).

Das Begehren des Anderen verweist auf ein anderes Begehren, im Grenzfall gibt es eine unendliche Verweisung (vgl. 502).

Diese Konfrontation mit dem Begehren des Anderen ist für das Subjekt traumatisch: es stürzt in eine Situation der Hilflosigkeit, die, wie Freud gezeigt hat, grundlegender ist als die Angst (vgl. 502).

Kastration

Die Antwort auf die Frage nach dem Begehren des Anderen ist der Phallus-Signifikant (vgl. 48 f.).

Diese Antwort führt dazu, dass das Subjekt verschwindet (vgl. 48 f.).

Mit dem Verschwinden des Subjekts erscheint der Phallus in seiner formalen Funktion (394). (Hier geht es um den Zusammenhang zwischen der Urverdrängung und dem Kastrationskomplex.)

Das Verschwinden des Subjekts besteht in der Synkope eines Signifikanten (vgl. 209). Auf der Ebene der Kastration erscheint das Subjekt in einer Signifikantensynkope (vgl. 414).

Das Subjekt im Fading, symbolisiert durch $, ist das kastrierte Subjekt (vgl. 361).

Das Verschwinden des Subjekts ist der Punkt der Panik (108). Das einzige, was von der Phallus-Antwort spürbar ist, ist die Drohung der Kastration und, bei beiden Geschlechtern, der Begriff des Phallusmangels (vgl. 49).

Subjekt im Fading: Code des Unbewussten und Phantasma

In der Position des Fading findet das Subjekt, $, zwei Stützen: den symbolischen Anspruch und das imaginäre Objekt. Beide werden im Graphen des Begehrens dargestellt (vgl. 368):
– Die erste Stützung wird repräsentiert durch die Formel für den Code des Unbewussten (bzw., wie Lacan später sagen wird, für den Trieb): $◊D; das im Fading befindliche Subjekt stützt sich auf den Anspruch.
– Die zweite Stützung wird durch die Formel für das Phantasma dargestellt: $◊a; das im Fading befindliche Subjekt stützt sich auf das Objekt des Begehrens .

In beiden Formeln meint das durchgestrichene $: das Subjekt im Fading, das Subjekt im Verschwinden, das kastrierte Subjekt (vgl. 368). Im Phantasma hat das Verschwinden des Subjekts bildhaften, szenischen Charakter.

Die Beziehung des Subjekts im Fading zum imaginären Objekt beruht darauf, dass das Subjekt aus dem imaginären Register einen Teil von sich kommen lässt, der in die imaginäre Beziehung zum anderen verwickelt ist (vgl. 446), anders gesagt, die Stützung des Subjekts durch das Objekt des Begehrens beruht auf Projektion.

Um diesen Punkt der Panik herum klammert das Subjekt sich an das Objekt des Begehrens (vgl. 108).

In der Formel für das Phantasma steht ◊ für den Schnitt; im Schnitt manifestiert sich das Subjekt (vgl. 501). Im Schnitt manifestiert sich das Reale im Symbolischen (471). Das Subjekt ist verschwunden, urverdrängt, real (unsymbolisierbar); es manifestiert sich gleichwohl auf der Ebene des Symbolischen: im Schnitt.

Beispiel für das Verschwinden des Subjekts im Phantasma: Wenn das Subjekt dem Anderen sein Objekt des Begehrens zeigt, verschwindet es in der Scham (vgl. 109), da es sich hierdurch als begehrendes Subjekt offenbart.

In der Formel für das Phantasma steht der Buchstabe a für drei Arten von Objekten: prägenitales Objekt (Perversion), Phallus (Neurose) und Wahn (Psychose) (vgl. 452 f.). Auf diese drei Arten von Objekten stützt sich das Subjekt im Moment des Fading.

VII. Das Verschwinden des Subjekts im Phantasma – ein Beispiel

Lacan erläutert das Verschwinden des Subjekts im Phantasma anhand der von Freud analysierten Phantasie „Ein Kind wird geschlagen“.64 Die im Folgenden zitierte Passage findet man in Seminar 5 von 1957/58, Die Bildungen des Unbewussten, sie liegt also ein Jahr vor der Einführung des Begriffs „Fading“.

„Wir können nicht von allem auf einmal sprechen, und überdies war es sehr glücklich, daß wir nicht gleich an diese Rolle der Nachgeborenen gedacht haben, von der wir doch alle wissen, daß sie von entscheidender Bedeutung in der Auslösung der Neurosen ist. Es reicht die kleinste analytische Erfahrung, um zu wissen, wie sehr das Auftauchen eines kleinen Bruders oder einer kleinen Schwester die Rolle eines Kreuzungspunktes in der Entwicklung irgendeiner Neurose hat. Nur, wenn wir gleich daran gedacht hätten, hätte das auf unser Denken genau dieselbe Wirkung gehabt, die wir beim neurotisierten Subjekt beobachten – sich an die Realität dieses Verhältnisses halten, bewirkt eine vollkommene Verfehlung seiner Funktion. Die Beziehung zu dem kleinen Bruder oder zu der kleinen Schwester, zu irgendeinem Rivalen, nimmt ihren entscheidenden Wert nicht auf der Ebene der Realität an, sondern insofern sie sich in eine ganz andere Entwicklung einschreibt, die Entwicklung einer Symbolisierung. Sie macht sie komplizierter und macht eine ganz andere Lösung notwendig, eine Lösung per Phantasievorstellung. Was ist das für eine Lösung? Freud hat uns deren Natur artikuliert – das Subjekt ist auf der symbolischen Ebene abgeschafft, insofern es ein gar nichts ist, dem man jede Würdigung als Subjekt verweigert. In diesem besonderen Fall findet das Kind die sogenannte masochistische Phantasievorstellung vom Auspeitschen, die auf dieser Ebene eine gelungene Lösung des Problems bildet.“65

Die Phantasie „Ein Kind wird geschlagen“ ist eine Masturbationsphantasie; Freud zufolge tritt sie früh auf, vor dem Schulbesuch, im fünften oder sechsten Lebensjahr. Bei sechs Patienten hat er die Phantasie gründlich untersucht, bei vier Frauen und zwei Männern, bei anderen Patienten fand er Hinweise auf die Phantasie, die er jedoch weniger gut untersucht hat.

Die Phantasien der Frauen unterscheiden sich von denen der Männer; bei beiden Geschlechtern durchlaufen sie mehrere Entwicklungsphasen. Lacan bezieht sich hier auf das erste Stadium, das die Phantasie beim Mädchen annimmt. Das geschlagene Kind ist eine andere Person als die Phantasierende, derjenige, der schlägt, ebenfalls; bei näherer Analyse zeigt sich, dass es sich um den Vater handelt. Das erste Stadium der Phantasie lässt sich beim Mädchen durch den Satz wiedergeben: „Der Vater schlägt ein anderes Kind“.

Der Anlass für die Entstehung der Phantasie ist, Freud zufolge, das Auftreten eines Geschwisters. Der Rivalitätskonflikt wird auf der symbolischen Ebene bewältigt, eben durch die Phantasievorstellung. Die Phantasie hat also (in der ersten Phase) die Form „Der Vater schlägt das mir verhasste Kind“. In ihr wird der Rivale auf der symbolischen Ebene auf ein Nichts reduziert, er wird als Subjekt abgeschafft, ihm wird die Würdigung als Subjekt verweigert. Von der Demütigung als Ziel des Sadismus spricht bereits Krafft-Ebing und Freud übernimmt das.66 In „Ein Kind wird geschlagen“ schreibt er:

„Man [d.h. das Kind] versteht bald, daß Geschlagenwerden, auch wenn es nicht sehr wehe tut, eine Absage der Liebe und eine Demütigung bedeutet. So manches Kind, das sich für sich thronend in der unerschütterlichen Liebe seiner Eltern hielt, ist durch einen einzigen Schlag aus allen Himmeln seiner eingebildeten Allmacht gestürzt worden. Also ist es eine behagliche Vorstellung, daß der Vater dieses verhaßte Kind schlägt, ganz unabhängig davon, ob man gerade ihn schlagen gesehen hat. Es heißt: ‚Der Vater liebt dieses andere Kind nicht, er liebt nur mich.‘“67

Lacan fährt fort:

„Wir haben uns nicht auf diesen Fall zu beschränken, müssen aber zunächst einmal verstehen, was darin geschieht. Und das, was darin geschieht, ist ein symbolischer Akt, Freud hebt das deutlich hervor – dieses Kind, das sich für jemanden in der Familie hält, eine einzige Ohrfeige reicht häufig, es vom Gipfel seiner Allmacht herabzustürzen. Nun, es handelt sich um einen symbolischen Akt, und die Form selbst, die in der Phantasievorstellung ins Spiel kommt, die Peitsche oder der Stock, trägt in sich den Charakter, hat die Natur von ich weiß nicht was für einer Sache, die sich auf der symbolischen Ebene durch einen Streifen (raie) ausdrückt. Vor was auch immer an anderem, einer Einfühlung* irgendeiner Empathie, die sich einem physischen Verhältnis des Subjekts mit demjenigen, der leidet, zuschreiben ließe, das, was vor allem interveniert, ist etwas, welches das Subjekt streicht, welches es durchstreicht, welches es abschafft, etwas Signifikantes.“68

Das Schlagen ist eine symbolische Handlung, die das Kind früh versteht: ein Akt der Demütigung und ein demonstrativer Liebesentzug. Das Subjekt wird dadurch abgeschafft, dass ihm demonstrativ Wertschätzung, Respekt, Anerkennung entzogen werden (zur Abschaffung des Subjekts durch Entzug der Anerkennung vgl. diesen Blogeintrag). Der Geschlagene stürzt hierdurch vom Gipfel seiner Allmacht. In der Realität kann dieser symbolische Akt in einer Ohrfeige bestehen.

Die Einfühlung des phantasierenden Mädchens in das geschlagene Kind, also die masochistische Dimension, spielt nur eine sekundäre Rolle.

Entscheidend ist vielmehr, wie der Entzug der Anerkennung in Szene gesetzt wird. In der Phantasie wird das Schlagen mithilfe eines Stocks oder einer Peitsche vollzogen, sagt Lacan, mit einem Instruments also, das auf dem Körper des Opfers Striemen erzeugt. Das Instrument schreibt in den Körper Signifikanten ein; traits unaires wird Lacan sie in Seminar 10 nennen, Einzelstriche, einzelne Züge. Das Instrument ist eine Hinzufügung Lacans, Freud spricht in seiner Untersuchung nur vom Schlagen; man findet bei ihm keinen Hinweis darauf, ob in den von ihm untersuchten Phantasien mit der Hand geschlagen wird, mit einem Pantoffel, mit einem Stock oder mit was auch immer. In Das ökonomische Problem des Masochismus spricht Freud über masochistische Phantasien von Männern, hier wird die Peitsche am Rande erwähnt: der manifeste Inhalt dieser Phantasien ist:

„geknebelt, gebunden, in schmerzhafter Weise geschlagen, gepeitscht, irgendwie mißhandelt, zum unbedingten Gehorsam gezwungen, beschmutzt, erniedrigt zu werden.“69

Neben der Peitsche werden hier von Freud drei weitere Instrumente angeführt, die die Funktion haben, das Subjekt abzuschaffen: der Knebel, das Band und der Schmutz.

Der Rivale wird in der Phantasie als Subjekt durch einen Signifikanten ausgestrichen und so zum sujet barré, zum ausgesperrten Subjekt, zu dem Subjekt, das von einem konstituierenden Teil von sich ausgesperrt ist. In der Formel des Phantasmas, $◊a, steht der Strich über dem S also beispielsweise für eine Peitsche oder für die Striemen, die durch eine Peitsche oder einen Stock in einen Körper eingebrannt werden, sofern diese Striemen mit der Abschaffung des Subjekts auf der symbolischen Ebene verbunden sind, sofern sie das Verschwinden des Subjekts herbeiführen.

In der ersten Phase der Phantasievorstellung ist das Verschwinden des Subjekts auf der Seite des anderen verortet, des Rivalen. Die zweite Phase dieser Phantasievorstellung ist beim Mädchen „Ich werde vom Vater geschlagen“; diese Vorstellung ist irreversibel verdrängt. In ihr wandert das Verschwinden des Subjekts von der Seite des anderen auf die des phantasierenden Subjekts.

VIII. Ausblicke: Fading und Urverdrängung

Seminar 11, „Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse“

Im Seminar über die vier Grundbegriffe heißt es:

„Wir können sie, diese Vorstellungsrepräsentanz*, in unserem Schema der Ursprungsmechanismen der Entfremdung in dieser ersten Signifikantenkopplung verorten, die es uns ermöglicht, zu begreifen, dass das Subjekt zunächst dadurch im Anderen erscheint, dass der erste Signifikant, der unäre Signifikant, auf dem Feld des Anderen auftaucht, und er das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert, wobei dieser andere Signifikant die Aphanisis des Subjekts zur Wirkung hat. Von daher die Spaltung des Subjekts – wenn das Subjekt irgendwo als Sinn erscheint, manifestiert es sich anderswo als Fading, als Verschwinden. Es geht also, wenn man so sagen kann, auf Leben und Tod zwischen dem unären Signifikanten und dem Subjekt als binärem Signifikanten, der Ursache seines Verschwindens. Die Vorstellungsrepräsentanz ist der binäre Signifikant.

Dieser Signifikant bildet dann den zentralen Punkt der Urverdrängung, dessen, was, nachdem es ins Unbewusste übergegangen ist, der Anziehungs*punkt sein wird – worauf Freud in seiner Theorie hinweist –, durch den alle anderen Verdrängungen möglich sein werden, alle anderen ähnlichen Übergänge an den Ort des Unterdrückten*, dessen, was als Signifikant nach unten gegangen ist. Darum geht es beim Terminus ‚Vorstellungsrepräsentanz‘.“70

Es gibt zwei Signifikanten.

Der eine Signifikant repräsentiert das Subjekt. Er realisiert diese Funktion dadurch, dass er das Subjekt als Sinn erscheinen lässt. Dieser das Subjekt durch den Sinn repräsentierende Signifikant wird von Lacan als „unärer Signifikant“ bezeichnet.

Der unäre Signifikant repräsentiert das Subjekt für einen anderen Signifikanten.

Der andere Signifikant wird von Lacan „binärer Signifikant genannt. Der andere, binäre Signifikant ist, in Freuds Begrifflichkeit, die Vorstellungsrepräsentanz des Triebes, an die der Trieb dauerhaft gebunden bleibt und die nicht bewusst werden kann.

Der binäre Signifikant hat die Funktion, dass er das Verschwinden des Subjekts bewirkt, sein Fading (seine Aphanisis, wie man ergänzen kann). Wenn man den binären Signifikanten mit S2 symbolisiert, kann man sagen: Das Verschwinden des Subjekts wird durch S2 symbolisiert – und nicht durch $, wie in Seminar 6 und wie im Aufsatz Die Lenkung der Kur.

Kurz: Der unäre Signifikant repräsentiert das Subjekt als Sinn für den binären Signifikanten, nämlich für die Vorstellungsrepräsentanz, durch die das Fading des Subjekts hervorgerufen wird.

Der binäre Signifikant, der das Fading des Subjekts herbeiführt, ist der zentrale Punkt der Urverdrängung. Mit dem Begriff „Fading“ rekonstruiert Lacan Freuds Begriff der Urverdrängung, das wird hier direkt gesagt, es muss nicht, wie in Seminar 6, erschlossen werden durch den Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Subjekts, dem Phallus und der Urverdrängung.

Das Fading wird hier mit dem binären Signifikanten zusammengebracht und nicht mit dem Symbol $, wie in Seminar 6, in dem der Begriff des „Fading“ eingeführt wird, sowie im Aufsatz Die Lenkung der Kur).

Seminar 14, „Die Logik des Phantasmas“

Im Die Logik des Phantasmas (Seminar 14 von 1966/67) fasst Lacan das Verschwinden des Subjekts auf neue Weise. Er spricht hier vom „Nicht-Ich“ (pas-je), das er mit Freuds Begriff des Es gleichsetzt. Das Nicht-Ich oder Es ist die logische Struktur oder auch die grammatische Struktur.

Zur Erläuterung bezieht er sich ein weiteres Mal auf die Phantasie „Ein Kind wird geschlagen„. Die zweite Phase dieser Phantasie, „Ich werde vom Vater geschlagen“, kann vom Analytiker rekonstruiert, vom Subjekt aber nicht erinnert werden. Für Lacan heißt das: Die Phantasie „Ein Kind wird geschlagen“ ist ein Satz, der durch seine Struktur das „ich“ (je) ausschließt; in ihm manifestiert sich das Nicht-Ich, das Es.71

Seminar 16, „Von einem Anderen zum anderen“

In der zweiten Sitzung dieses Seminars erläutert Lacan wieder einmal seine Formel „Ein Signifikant ist das, wodurch für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert wird“. Den Signifikanten, der das Subjekt repräsentiert, bezeichnet er als S1, denjenigen Signifikanten, für den S1 das Subjekt repräsentiert, als S2. Er fährt dann fort:

„Dieser andere Signifikant [S2] ist in dieser grundlegenden Verbindung genau das, wovon das Wissen repräsentiert wird. Das Wissen ist also, in der ersten Artikulation dessen, worum es bei der Funktion des Signifikanten geht, insofern das Subjekt durch sie determiniert wir, das Wissen ist der undurchsichtige Terminus, in dem das Subjekt selbst dazu gelangt, wenn ich so sagen kann, verloren zu gehen, oder auch ausgelöscht zu werden, wenn Sie so wollen, und das ist das, was immer den Begriff repräsentiert, den ich durch Verwendung des Ausdrucks ‚Fading‘ hervorgehoben habe. In dieser Beziehung, in dieser Genese des Subjekts stellt sich das Wissen zu Beginn als der Terminus dar, wo das Subjekt dazu gelangt, ausgelöscht zu werden.

Das eben ist die Bedeutung dessen, was Freud als ‚Urverdrängung*‘ bezeichnet, diese angebliche Verdrängung, über die gesagt wird, ausdrücklich formuliert wird, dass es keine ist, sondern dass sie der Kern ist, der bereits außerhalb der Reichweite des Subjekts ist, obwohl es Wissen ist. Das ist das, was der Begriff der Urverdrängung* bedeutet, insofern er es ermöglicht, dass eine ganze Signifikantenkette dazu gelangt, sich mit ihm wieder zu treffen, worin dieses Rätsel enthalten ist, diese echte contradictio in adiecto, nämlich das Subjekt als unbewusst.“72

In der Formel „S1 repräsentiert für S2 das Subjekt“ steht S2 für das Wissen, in dem das Subjekt ausgelöscht ist. Die mit dem Wissen verbundene Auslöschung des Subjekts wird von Freud als „Urverdrängung“ bezeichnet, von Lacan als „Fading“. Die sogenannte Urverdrängung ist allerdings keine wirkliche Verdrängung, da sie außerhalb der Reichweite des Subjekts ist (anders gesagt, da es hier kein Erinnern durch „freie Assoziation“ gibt). Die Urverdrängung ist mit einer ganzen Signifikantenkette verbunden (mit einem Wissen); das Rätsel, worum es beim „unbewussten Subjekt“ geht, ist zu artikulieren: Hier verbindet sich das Unbewusste als Wissen bzw. als Signifikantenkette mit der Urverdrängung, mit dem Fading, mit der Auslöschung des Subjekts.

Wie bereits in Seminar 11 wird das Fading hier durch das Symbol S2 repräsentiert, nicht, wie in Seminar 6 und im Graphen des Begehrens, durch das Symbol $.

IX. Anknüpfungspunkt bei Heidegger

Heidegger sagt:

„Ein ‚ist‘ ergibt sich, wo das Wort zerbricht.“73

Lacan bezieht sich nicht direkt auf diesen Satz, aber vielleicht hat er sich durch ihn anregen lassen.

Mit Lacan kann man Heideggers Diktum so übersetzen: Das Sein des Subjekts – die Antwort auf die Seinsfrage, auf die Frage „Was bin ich?“ – manifestiert sich dort, wo zwei Signifikanten fehlen, der eine auf der Seite des Anderen, Ⱥ, der andere auf der Seite des Subjekts, $.

X. Anknüpfungspunkt bei Sartre

Deutlicher ist der Bezug zu Sartre. In Das Sein und das Nichts (1943) heißt es:

„Sein ist für das Für-sich das An-sich, das es ist, nichten. Unter diesen Bedingungen kann die Freiheit nichts anderes sein als diese Nichtung. Durch sie entgeht das Für-sich seinem Sein als seinem Wesen; durch sie ist es immer etwas anderes als das, was man von ihm sagen kann, denn zumindest ist es das, was eben dieser Benennung entgeht, was schon jenseits des Namens ist, den man ihm gibt, der Eigenschaft, die man ihm zuerkennt.“74

Das Für-sich (das bewusste Ich) ist zugleich ein An-sich (ein Sein ohne Selbstbezug). Das Sein des Für-sich besteht darin, das An-sich zu nichten, zu negieren. Das Für-sich kann sich auf sein An-sich nur in der Weise beziehen, dass es das An-sich negiert, also verfehlt. Das Subjekt ist immer etwas anderes als das, was man von ihm sagen kann, es ist das, was dieser Benennung entgeht. Eben darin besteht für Lacan das Verschwinden des Subjekts hinter dem Signifikanten, das Fading, die Aphanisis. Die folgende Bemerkung lässt sich direkt auf die psychoanalytische Behandlung beziehen:

„Denn allein dadurch, daß ich Bewußtsein von den mein Handeln hervorrufenden Motiven habe, sind diese Motive transzendente Gegenstände für mein Bewußtsein, sind sie draußen; vergeblich werde ich versuchen, mich wieder an sie zu klammern: ich entgehe ihnen durch meine Existenz selbst. Ich bin verurteilt, für immer jenseits meines Wesens zu existieren, jenseits der Antriebe und Motive meiner Handlung: ich bin verurteilt, frei zu sein. (…) In dem Maß, wie sich das Für-sich sein eigenes Nichts verhehlen und sich das An-sich als seinen wahren Seinsmodus einverleiben will, versucht es auch, sich seine Freiheit zu verhehlen.“75

XI. Zur Sekundärliteratur

1. Roland Chemama

Im Artikel „Aphanisis“ des Dictionnaire de la psychanalyse referiert Chemama zunächst Lacans Kritik an Jonesʼ Begriff der aphanisis, dann fährt er fort:

„Es ist interessant festzuhalten, dass Lacan den Terminus Aphanisis wieder aufnehmen und ganz anders verwenden wird, insbesondere in Seminar XI (Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse), dass er einen strukturellen Gebrauch davon machen wird, bezogen auf das Verhältnis des Subjekts zu den Signifikanten. Man weiß ja, dass für Lacan das Subjekt sich zu diesem oder jenem Moment von diesem oder jenem Signifikanten repräsentiert finden kann, unter dem es sich einschreibt. Aber diese Repräsentation vollzieht sich immer im Verhältnis zu anderen Signifikanten oder zumindest zu einem anderen, der sich dem entgegensetzt oder ihn begleitet oder folgt. Von daher hat dieser zweite Signifikant die Hoffnung des Subjekts enttäuscht, endlich Zugang zu einem Terminus zu haben, der sein Sein bezeichnen würde. In diesem Verlust, der an die Existenz des ‚binären‘ Signifikanten gebunden ist, wird Lacan schließlich das verorten, wodurch die Aphanisis hervorgerufen wird.“76

Die Aphanisis besteht darin, dass das Subjekt keinen Signifikanten findet, mit dem es sich bezeichnen könnte. Das ist die beste Darstellung von Lacans Konzept der Aphanisis, die ich in der Sekundärliteratur gefunden habe; der Grundgedanke wird treffend erläutert.

Wichtige Informationen fehlen allerdings, vor allem, dass es Lacan beim Begriff der Aphanisis um eine Rekonstruktion der Beziehung zwischen Urverdrängung und Kastrationskomplexes geht und dass sich das Subjekt am Punkt der Aphanisis auf das Objekt des Begehrens stützt.

2. Dylan Evans

Evans beschreibt richtig den Gegensatz zwischen Jonesʼ Begriff der aphanisis (Verschwinden des Begehrens) und dem aphanisis-Begriff von Lacan (Verschwinden des Subjekts); von Evans erfährt man auch, dass Lacan Aphanisis und Fading als Synonyme behandelt. Das Verschwinden des Subjekts beschreibt er so:

„Es ist das Ausblenden, die fundamentale Teilung des Subjekts (Spaltung), die die Dialektik des Begehrens einleitet.“77

Es fehlt die Hauptsache: eine Erläuterung, worin das „Ausblenden“ besteht, nämlich darin, dass es im Diskurs des Unbewussten keinen Signifikanten gibt, mit dem das Subjekt sich bezeichnen könnte. Es fehlt also, dass es beim Begriff „Aphanisis“ um die Reknstruktion der Urverdrängung als Verschwinden des Subjekts des Äußerungsvorgangs geht.

3. Bruce Fink

Fink schreibt:

„Doch auch hier [bezogen auf das Phantasma] spricht Lacan im Allgemeinen eher von der ‚Aphanisis‘ oder dem ‚fading‘ des neurotischen Subjekts in seinem Phantasma, sofern die Objekt-Ursache im Mittelpunkt steht. Objekt a rückt in den Vordergrund und bekommt im Phantasma die Hauptrolle zugeteilt, wodurch das Subjekt in den Schatten gestellt wird.“78

Das Fading des Subjekts im Phantasma beruht demnach darauf, dass das Objekt die Hauptrolle bekommt. In Seminar 6 entwickelt Lacan die entgegengesetzte These: Das Phantasma stellt (szenisch) dar, wie das Subjekt verschwindet, und wie es in diesem Verschwinden eine Stütze in einem Objekt findet (vgl. 108, 452 f.).

4. Erik Porge

Porge schreibt,

„was der Exhibitionist und der Voyeur nicht sehen, ist ihre eigene Spaltung, ihr eigenes Fading, der Spalt selbst, mit dem sie sich identifizieren.“79

Das wirft die Frage auf, wie sich im Phantasma das Fading des Subjekts zum Spalt oder Schnitt verhält.

Ich habe die Beziehung so verstanden:
– Das Fading besteht, unabhängig vom Phantasma, darin, dass es auf der Ebene der énonciation, des Äußerungsvorgangs (etwa der „freien Assoziation“) keinen Signifikanten gibt, mit dem das Subjekt sich bezeichnen könnte. Dies ist Lacans Rekonstruktion der Urverdrängung.
–Im Phantasma wird das Verschwinden des Subjekts szenisch dargestellt, etwa dadurch, dass jemand geschlagen wird, ihm also die symbolische Anerkennung entzogen wird.
– Im Schnitt manifestiert sich das Reale auf der Ebene des Symbolischen.
– Im Phantasma erscheint der Schnitt auf der imaginären Ebene, etwa als Fensterrahmen (vgl. 501).

5. Samuel Weber

In Webers Buch Rückkehr zu Freud: Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse trägt ein Kapitel die Überschrift „Das Subjekt als ‚fader‘: Zum Imaginären und Symbolischen“. Hier heißt es:

„Aber dieses letzte Subjekt der Äußerung verhält sich nicht einfach als symmetrischer Gegenpol zum Subjekt der Aussage, zum moi, sondern im Gegensatz zur vorgeblichen Einheit und Identität dieses moi ist das Subjekt der Äußerung notwendig gespalten, suspendiert zwischen dem Sinn der Aussage und der überschüssigen Bewegung der Signifikantenkette, deren Überdetermination. Das Subjekt der Äußerung ist daher nicht nur ein shifter, sondern noch mehr ein ‚fader‘ (oder eine Feder); daher versucht Lacan, es nicht nur im ‚Ich‘ als Pronomen zu situieren, sondern ebenfalls in einem sogenannten ‚Füllwort‘ wie dem französischen ‚ne‘, das vor allem in subjunktiven Sätzen das Moment des Wunsches betont.“80

Das Subjekt der Äußerung ist demnach ein shifter und ein fader; es ist u.a. im „ich“ als Pronomen situiert.

In Seminar 6 sagt Lacan das Gegenteil. Das Fading des Subjekts besteht darin, dass es auf der Ebene des unbewussten Diskurses keinen Signifikanten gibt, mit dem das Subjekt sich selbst als Subjekt des Äußerungsvorgangs bezeichnen kann; als Ersatz springt das Objekt a ein, das also gewissermaßen wie ein Personalpronomen fungiert, wie ein Shifter, das allerdings kein Symbol ist sondern ein imaginäres Element. Mit ihm bezeichnet sich das Subjekt selbst – durch den Mechanismus der Projektion (vgl. 435 f., 501).

6. Peter Widmer

Widmer sieht in Lacans Begriff der Aphanisis eine Erweiterung von Jones Begriff der Aphanisis, nämlich den Verlust des Begehrens, wenn das Subjekt sich mit dem Objekt identifiziert.81

Das ist nicht haltbar. Jonesʼ Begriff der Aphanisis des Begehrens wird von Lacan in Seminar 6 nicht erweitert, sondern als Erklärung des Kastrationskomplexes zurückgewiesen. Dagegen setzt Lacan einen eigenen Begriff von Aphanisis: nicht Verschwinden des Begehrens, sondern Verschwinden des Subjekts des Äußerungsvorgangs (vgl. 501).

Widmer fährt fort:

„Der Aphanisis entspricht auf der andern Seite das fading des Subjekts, sein Schwinden, das dann eintritt, wenn das Objekt fehlt und das Subjekt von den Signifikanten seines Diskurses repräsentiert wird.“82

Widmer scheint Aphanisis (im Sinne von Lacan) und Fading für zwei unterschiedliche Begriffe zu halten, tatsächlich setzt Lacan sie in Seminar 6 gleich (vgl. 501).

Das Fading tritt, Widmer zufolge, dann ein, wenn das Objekt fehlt und das Subjekt von einem Signifikanten seiner Diskurses repräsentiert wird. In Seminar 6 stellt Lacan es anders herum dar. Das Fading des Subjekts wird dadurch hervorgerufen, dass das Subjekt des Äußerungsvorgangs von den Signifikanten des unbewussten Diskurses nicht repräsentiert wird; in dieser Situation stützt sich das Subjekt auf ein Objekt des Begehrens, dass dann wie ein Personalpronomen fungiert (vgl. 108, 452 f.).

7. Wikipedia englisch

In der englischsprachigen Version von Wikipedia heißt es im Artikel „Aphanisis“:

„Weil der Andere das einzige Mittel ist, durch das ein ‚Subjekt‘ denkbar gemacht werden kann, ist die Aphanisis, das Verschwinden oder das Fading des Subjekts hinter irgendeinem Signifikanten, der verwendet wird, um es zu erfassen, ein wesentlicher Begriff für das Verstehen von Subjektivität und für die Gefahr der grundlegenden Leere des Subjekts.“83

Was hier verschwindet, ist der Bezug auf das Unbewusste und auf die Subjektspaltung, kurz: auf die Psychoanalyse. Lacan geht es nicht darum, wie das Subjekt denkbar ist, sondern wie es zur Sprache kommen kann und zwar in einer psychoanalytischen Kur. Das Verschwinden des Subjekts ereignet sich, wenn es versucht, sein eigenes Begehren jenseits der Unterordnung unter den Anspruch zu erfassen, es ist dann damit konfrontiert, dass es ihm nicht möglich ist, sich als Subjekt des Äußerungsvorgangs (etwa auf in der „freien Assoziation“) zu benennen, als Urheber des unbewussten Diskurses. Eben darin besteht für Lacan die Urverdrängung. Im bewussten Diskurs hingegen – in der énoncé – gibt es durchaus einen Repräsentanten des Subjekts: das Personalpronomen „ich“ (vgl. 436).

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Anmerkungen

  1. Abbildung aus Seminar 6, Version Miller, S. 337, Färbung von mir hinzugefügt.
  2. Die Lenkung der Kur und die Prinzipien ihrer Macht. In: J.: Schriften. Band II. Vollständige Übersetzung. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 72–145, hier: S. 132, Fn. 16, Übersetzung geändert nach J.L.: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 634. Vortrag von 1958, veröffentlicht 1961.
  3. E. Jones: The early development of female sexuality. In: The International Journal of Psycho-Analysis, 8. Jg. (1927), S. 459-472, im Internet hier, Zitat S. 461.
  4. Ernest Jones: Die erste Entwicklung der weiblichen Sexualität. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 14. Jg. (1928), S. 11-25, Zitat S. 13.
  5. Vgl. Seminar 7, Die Ethik der Psychoanalyse, Sitzung vom 30 März 1970; Version Miller/Haas, S. 240, dort mit „sexueller Genuss“ übersetzt.
  6. Die genaue Formulierung lautet:
    „L’aphanisis de Jones n’est absolument concevable que dans la dimension d’un tel être. Car comment lui-même nous l’articule-t-il ? Quel pourrait être le recul de quoi que ce soit qui ne soit pas de l’ordre du sujet par rapport à une crainte de perdre la capacité de ce qui est dit en anglais : capacity de… le terme sexual enjoyment, je sais qu’il est très difficile de donner un support qui soit équivalent à notre mot français « jouissance », à ce qu’il désigne en anglais. Enjoyment n’a pas les mêmes résonances que jouissance et il faudrait en quelque sorte le combiner avec le terme de Lust qui serait, peut-être un peu meilleur.“ (Seminar 13, Sitzung vom 27. April 1965, Version Staferla)
  7. In Seminar 1 von 1953/54 wird der Begriff Aphanisis erwähnt, ohne dass eine Bewertung deutlich erkennbar wäre (vgl. Version Miller/Hamacher, S. 280), danach bezieht Lacan sich auf Jonesʼ Aphanisis deutlich kritisch: in Seminar 4 von 1956/57 (vgl. Version Miller/Gondek, S. 257 f.), in Seminar 5 von 1957/58 (vgl. Version Miller/Gondek, S. 373), in La psychanalyse et son enseignement (1957) (vgl. Écrits, S. 453 f.) und in Die Bedeutung des Phallus (Vortrag von 1958, zuerst veröffentlicht 1966) (vgl. Schriften II, S. 123).
  8. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 127, 234, 236 f., 491, 501.
  9. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 501.
  10. Vgl. etwa S. Freud: Bruchstück einer Hysterie-Analyse (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 6. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 101. Freud führt die Ohnmacht auf die Wiederkehr einer früher geübten und seither aufgegebenen autoerotischen Befriedigung zurück, z. B. Masturbation durch Berührung oder Schenkeldruck; vgl. S. Freud: Allgemeines über den hysterischen Anfall (1909). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 6, a.a.O., S. 201.
  11. Seminar 6, Version Miller, S. 48; hier und im Folgenden meine Übersetzung.
  12. Das nebenstehende Diagramm ist aus Seminar 6, Sitzung vom 19. November 1958, Version Miller, S. 50.
  13. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 50.
  14. In: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter-Verlag, Olten u.a. 1978, S. 61–117, geschrieben Dezember 1957/Januar 1958, veröffentlicht 1958, übersetzt von Chantal Creusot und Norbert Haas.
  15. J. Lacan: Die Bedeutung des Phallus. In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien u.a. 2015, S. 192–204, hier: S. 198, Übersetzung geändert. Vortrag vom Mai 1958, zuerst veröffentlicht 1966 in den Écrits.
  16. Vgl. S. Freud: Die Verdrängung. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 103–118, hier: S. 109.
  17. Die Bedeutung des Phallus, a.a.O., S. 201, Übersetzung geändert.
  18. J. L.: Zum Gedenken an Ernest Jones: Über seine Theorie der Symbolik. In: J.L.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 205-229, hier: S. 220. Verfasst Januar bis März 1959, veröffentlicht 1960. Übersetzung geändert.
  19. Abbildung aus: Seminar 6, Version Miller, S. 28.
  20. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 169.
    Die Unterscheidung énonciation/énoncé wird von Lacan in der ersten Sitzung des Seminars eingeführt, am 12. November 1958, und dort auf die beiden Linien des Graphen bezogen. Er übernimmt die Begriffsopposition einem Aufsatz von Roman Jakobson. R. Jakobson: Shifters, verbal categories, and the Russian verb (1957). In: Ders.: Selected Writings, Vol. II: Word and Language. Den Haag: Mouton 1972. S. 130-147. – Auf deutsch: Verschieber, Verbkategorien und das russische Verb. In: Roman Jakobson: Form und Sinn. Sprachwissenschaftliche Betrachtungen. Fink, München 1974, S. 35-54, im Internet hier.– Vgl. hierzu diesen Blogbeitrag.
  21. Antoine Arnauld und Claude Lancelot: Grammaire générale et raisonnée, 1660.
  22. Vgl. S. Freud: Hemmung, Symptom und Angst (1926). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 4. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, S. 278-281.
  23. Josef Breuer, Sigmund Freud: Studien über Hysterie (1895). In: S. Freud: Gesammelte Schriften, Bd. 1. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig u.a. 1925, S. 96 Fn. 1, 112 Fn. 1.
  24. Warum spricht Lacan zu diesem Zeitpunkt über diesen Film?
    Das Datum der Sitzung ist der 10. Dezember 1958. Im selben Jahr war von Jacques Durand und Jean Gaborit eine restaurierte Fassung von Die Spielregel erstellt und Jean Renoir vorgeführt worden. 1959 wird die renovierte Fassung bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig gezeigt; in den französischen Kinos ist sie erst ab 1965 zu sehen.
    Bezieht sich Lacan auf die alte, stark gekürzte Version? Hatte er eine private Voraufführung der renovierten Fassung gesehen? Sylvia Bataille, Lacans Ehefrau, kannte Renoir; in einem seiner Filme, Eine Landpartie, hatte sie die Hauptrolle gespielt, der Film wurde 1936 gedreht und erstmals 1946 gezeigt.
    In Seminar 8 von 1960/61, Die Übertragung, kommt Lacan übrigens auf die Szene aus Die Spielregel zurück und ordnet sie dort irrtümlich einem anderen Film von Renoir zu, Die große Illusion (vgl. Version Miller/Gondek, S. 173).
  25. A.a.O., S. 201.
    Lacan bezieht sich hier auf ein Fresko in der Villa der Mysterien in der Nähe von Pompeji, er verwendet an dieser Stelle den griechischen Ausdruck, Aidos, und fügt in Klammern das deutsche Wort hinzu, also „Scham“.
  26. S. Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag 2000, S. 577.
  27. Mediziner bezeichnen mit Umbilikation (ombilication) eine nabelförmige Mulde in einer Hautverletzung, z.B. in einer Impfpustel.
  28. Lacan sagt, auf Deutsch, „Unbekannt“, und entsprechend vorher auf Französisch inconnu; tatsächlich spricht Freud vom „Unerkannten“.
  29. S. Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 130 Fn. 2.
  30. A.a.O., S. 503.
  31. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 96.
  32. Vgl. Seminar 1, Version Miller/Hamacher, S. 351 f.
  33. Vgl. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 138.
  34. Vgl. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 138.
  35. Vgl. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 225.
  36. Vgl. S. Freud: Der Untergang des Ödipuskomplexes (1924).
  37. Die folgenden Abschnitte überschneiden sich mit Passagen des Artikels Der Signifikant des Mangels im Anderen.
  38. Seminar 6, Version Miller, S. 434, die Auslassungspunkte und die Hervorhebungen sind in der Vorlage.
  39. Vgl. Ella Freeman Sharpe: Analysis of a single dream. Kapitel V von: Dies.: Dream analysis. A practical handbook for psycho-analysts (1937). Maresfield Library, London 1988, S. 125-148; dt.: Traumanalyse. Übers. v. Ulrike Stopfel. Klett-Cotta, Stuttgart 1984.– Lacans Re-Analyse dieses Traums findet man in den Sitzungen vom 14., 21. und 28. Januar, vom 4. und 11. Februar und vom 4. März 1959.
  40. Vgl. Ernest Jones: Die Theorie der Symbolik. In: Ders.: Die Theorie der Symbolik und andere Aufsätze. Ullstein, Frankfurt am Main u.a., S. 59.
  41. Vgl. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 291.
  42. Vgl. S. Freud: Der Untergang des Ödipuskomplexes (1924). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 243–251, v.a. S. 248.
  43. Vgl. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 291.
  44. Die Bezeichnung von $◊D als „Formel für den Trieb“ findet man nicht in Seminar 6.
  45. Die Abbildung ist aus Seminar 6, Version Miller, S. 439, von mir überarbeitet.
  46. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 439.
  47. Eine Übersetzung von Lacans Ausführungen zu den ersten beiden Zeilen des Schemas findet man in diesem Blogartikel; die Erläuterungen zu den nächsten drei Lacan-Zitaten überschneiden sich mit denen in diesem älteren Artikel.
  48. Zum Subjekt als Frage vgl. Seminar 3 von 1955/56, Die Psychosen, darin zur hysterischen Frage v.a. die Sitzungen vom 14. und 21. März 1956; Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud, Schriften II, S. 46, Aufsatz von 1957; Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht, Schriften II, S. 82-84, Aufsatz von 1958.
  49. Seminar 6, Version Miller, S. 440.
  50. Seminar 6, Version Miller, S. 446.
  51. Seminar 6, Version Miller, S. 446.
  52. Koaptation ist ein Begriff der Chirurgie: die Anpassung der Bruchstellen einer anatomischen Struktur aneinander, eines Nervs oder eines Knochens; siehe hier.
  53. Seminar 6, Version Miller, S. 446.
  54. Vgl. S. Freud: Manuskript H, Beilage zum Brief an Wilhelm Fließ vom 24.1.1895, in: S. Freud: Briefe an Wilhelm Fließ 1887-1904. Ungekürzte Ausgabe, hg. v. Jeffrey Moussaieff Masson. S. Fischer, Frankfurt am Main 1986. Der von Lacan zitierte Satz findet sich hier auf S. 110.
  55. Reelle Zahlen sind alle Zahlen, die sich entweder als Brüche ganzer Zahlen oder als unendliche Dezimalzahlen darstellen lassen, d.h. entweder als rationale Zahlen oder als irrationale Zahlen.
  56. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 166.
  57. Vgl. J. Lacan: Über eine Frage, die jeder möglichen Behandlung der Psychose vorausgeht. In: Schriften II, S. 72; Aufsatz von 1959.
  58. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 494-496.
  59. Vgl. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 225.
  60. Vgl. Seminar 6, Version Miller, S. 498.
  61. S. Freud: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben (1909).
  62. Vgl. S. Freud: Hemmung, Symptom und Angst, a.a.O., S. 303 f.
  63. Vgl. Seminar 2, Version Miller/Metzger, S. 225.
  64. Vgl. S. Freud: „Ein Kind wird geschlagen.“ Beitrag zur Kenntnis der Entstehung sexueller Perversionen (1919). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 7. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 229-254.
  65. Seminar 5, Version Miller/Gondek, S. 285.
  66. Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905). In Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag 2000, S. 67; ders.: Triebe und Triebschicksale (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag 2000, S. 91.
  67. „Ein Kind wird geschlagen.“, a.a.O., S. 238.
  68. Seminar 5, Version Miller/Gondek, S. 285 f.
  69. Das ökonomische Problem des Masochismus (1924). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 345 f.
  70. Seminar 11, Sitzung vom 3. Juni 1964; meine Übersetzung nach Version Miller, S. 199; vgl. Version Miller/Haas, S. 229 f.
  71. Vgl. Seminar 14, Sitzung vom 11. Januar 1967.
  72. Seminar 16, Sitzung vom 27. November 1968, meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 55.
  73. M. Heidegger: Das Wesen der Sprache. In: Ders.: Unterwegs zur Sprache. Neske, Pfullingen 1959, S. 157–216, hier: S. 216.
  74. J.-P. Sartre: Das Sein und das Nichts. Übers. von Hans Schöneberg und Traugott König. Rowohlt, Reinbek 1994, S. 763, Kursivschreibung im Original.
  75. A.a.O., S. 764.
  76. Roland Chemama: Artikel „aphanisis“. In: Ders. u. Bernard Vandermarsch: Dictionnaire de la psychoanalyse. Larousse, Paris 2009, S. 66 f., meine Übersetzung
  77. Dylan Evans: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse (1996). Turia + Kant 2006, Artikel „aphanisis“, S. 47 f.
  78. Bruce Fink: Das Lacansche Subjekt. Zwischen Sprache und jouissance (1995). Turia + Kant, Wien 2006, S. 103.
  79. Erik Porge: Jacques Lacan, un psychanalyste. Érès, Ramonville Saint-Agne 2000, S. 55 f., meine Übersetzung.
  80. Samuel M. Weber: Rückkehr zu Freud: Jacques Lacans Ent-stellung der Psychoanalyse. Ullstein, Frankfurt am Main u.a. 1978, S. 93.
  81. Vgl. Peter Widmer: Subversion des Begehrens. Eine Einführung in Jacques Lacans Werk. Turia + Kant, Wien 2012, S. 63.
  82. A.a.O., S. 63.
  83. Wikipedia, englischsprachige Version, Artikel „Aphanisis“, Abruf am 15. Juni 2014, meine Übersetzung.

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