“Das Sinthom“ entziffern

Kommentar zu Jacques Lacans Vorlesung vom 20. Januar 1976

Rollender Kleeblattknoten

Kom­men­tar zu La­cans Se­mi­nar 23 von 1975/76, “Das Sinthom“

Jacques Lacan: Seminar 23 von 1975/76: Le sinthome / Das Sinthom

Kommentar von Rolf Nemitz
gestützt auf die Treffen der Lesegruppe des Psychoanalytischen Salons Berlin ab März 2013

Einen Überblick über die Kommentare zu den einzelnen Sitzungen findet man hier, über den gesamten Kommentar hier.
Eine Übersicht über die verschiedenen Ausgaben des Sinthom-Seminars gibt es hier.

Vorlesung vom 20. Januar 1976

Psychoanalytische Bibliothek Berlin Eingang Hardenbergstraße

Psychoanalytische Bibliothek Berlin

Der folgende Kommentar bezieht sich ausschließlich auf die Bemerkungen von Lacan, nicht auf den Vortrag, den Jacques Aubert in dieser Sitzung gehalten hat.

Dies ist die zweite Fassung des Kommentars zu dieser Sitzung, veröffentlicht am 2. Mai 2015. Die erste Fassung wurde am 19. Juni 2014 veröffentlicht.

13. Treffen der Lesegruppe des Psychoanalytischen Salons Berlin
am 27. Mai 2014 in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin

TONAUFNAHME

Lacans einleitende Bemerkungen zu Auberts Vortrag:

 

Lacans Schlussbemerkungen:

 

FRANZÖSISCH/DEUTSCH

Quellen der Lacan-Zitate

Französischer Text
Ver­sion Sta­ferla = Le sin­thome. 1975 – 76. Wort-für-Wort-Transkription, her­aus­ge­geben und veröffentlicht von der Website staferla.free.fr, ohne Ort. Variante vom 28.6.2013, PDF-Datei hier. Die Transkription wurde mit der Audioaufnahme verglichen und geringfügig überarbeitet.

Deutscher Text
Die Übersetzung stützt sich auf die Übersetzung von Seminar 23 durch Max Kleiner, her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007, linke Spalte dieser Doppelübersetzung. Kleiners Übersetzung wurde von Rolf Nemitz stark überarbeitet.

Seitenzahlen

Französischer Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Version Staferla vom 28.6.2013.

– Die Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift verweisen auf die Seiten der von Jacques-Alain Miller herausgegebenen offiziellen Ausgabe von Seminar 23 (Jacques Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Éditions du Seuil, Paris 2005) „[83]“ meint: „hier etwa beginnt in Millers Version von 2005 die Seite 83“. Da Miller die Transkription redaktionell bearbeitet hat, unterscheidet sich die hier gebrachte Transkription häufig von Millers Ausgabe.

Deutscher Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Übersetzung von Max Kleiner.

Anmerkungen
Die Anmerkungen zum französischen Text beziehen sich auf Fragen der Transkription.

– Die Anmerkungen zur Übersetzung liefern Informationen zum Text ohne Bezug auf Lacans Theorie sowie Querverweise.

Links in der Übersetzung
Die Links im deutschen Text führen zum „Lacan-Lexikon“ in diesem Artikel mit Hintergrundinformationen zu Lacans Theorie.

 

[74] Il doit vous apparaître… je le suppose, si vous n’êtes pas trop arriérés pour ça …il doit vous apparaître que je suis embarrassé de Joyce comme un poisson d’une pomme. (38)

Es muss Ihnen scheinen, ich nehme es an, wenn Sie dazu nicht allzu zurückgeblieben sind, es muss Ihnen scheinen, dass Joyce mich verwirrt wie ein Apfel einen Fisch. (64)

.

C’est lié évidemment… je peux le dire parce que je l’éprouve, ces jours-ci, journellement …c’est lié évidemment à mon manque de pratique, disons à mon inexpérience de la langue dans laquelle il écrit. (38)

Das ist offensichtlich geknüpft – ich kann das sagen, weil ich es in diesen Tagen täglich erlebe –, das ist offensichtlich geknüpft an meine mangelnde Praxis, sagen wir an meine Unerfahrenheit mit der Sprache, in der er schreibt. (64)

.

Non pas que je sois totalement ignorant de l’anglais.

Nicht dass ich keinerlei Kenntnis des Englischen besäße.

.

Mais justement, il écrit l’anglais avec ces raffinements particuliers qui font que la langue – anglaise en l’occasion – il la désarticule. (38)

Aber er schreibt eben das Englische mit diesen besonderen Raffinessen, die bewirken, dass er die Sprache, hier die englische, desartikuliert.1 (64)

.

Il faut pas croire que ça commence à Finnegans Wake. (38)

Man darf nicht glauben, dass das mit Finnegans Wake anfängt. (64)

.

Bien avant Finnegans Wake, il a une façon de hacher les phrases, dans Ulysses notamment. (38)

Schon vor Finnegans Wake hat er eine bestimmte Art, die Sätze zu zerhacken, vor allem im Ulysses. (64)

.

C’est vraiment un processus qui s’exerce dans le sens de donner à la langue dans laquelle il écrit, un autre usage, un usage en tout cas qui est loin d’être ordinaire. (38)

Das ist in der Tat ein Prozess, der durchgeführt wird mit dem Sinn, der Sprache, in der er schreibt, einen anderen Gebrauch zu geben, einen Gebrauch, der jedenfalls weit davon entfernt ist, gewöhnlich zu sein. (64)

.

Ça fait partie de son savoir-faire, et là-dessus j’ai déjà cité l’article de Sollers, il ne serait pas mauvais que vous en mesuriez la pertinence. (38)

Das macht einen Teil seines Könnens aus, und ich habe dazu schon den Artikel von Sollers zitiert; seine Triftigkeit zu ermessen stünde Ihnen nicht schlecht an.2 (64)

.

Alors, il en résulte que ce matin je vais laisser la parole à quelqu’un qui a une pratique bien au-delà de la mienne, non seulement de la langue anglaise, mais de Joyce, de Joyce nommément. (38)

Daraus ergibt sich also, dass ich heute Vormittag jemandem das Wort überlasse, der weit jenseits der meinigen eine Praxis nicht nur der englischen Sprache hat, sondern von Joyce, vor allem von Joyce. (64)

.

Il s’agit de Jacques Aubert. (38)

Es handelt sich um Jacques Aubert.3 (64)

.

Et je vais – pour ne pas m’éterniser – je vais tout de suite lui laisser la parole, puisqu’il a bien voulu prendre mon relais. (38)

Und ich werde ihm, um nicht lange herumzureden, auf der Stelle das Wort überlassen, da er zugestimmt hat, mich abzulösen. (64)

.

Je l’écouterai avec toute la mesure que j’ai prise de son expérience de Joyce. (38)

Ich werde ihm ganz in dem Maße zuhören, das ich an seiner Erfahrung mit Joyce genommen habe. (64)

.

Je l’écouterai, et j’espère que les réflexions petites, n’est-| [75] ce pas… je ne lui conseille pas d’abréger, bien loin de là …les réflexions petites que j’aurai à y ajouter seront faites, avec tout le respect que je lui dois pour le fait qu’il m’ait introduit à ce que j’ai appelé « Joyce le Sinthome ». (38)

Ich werde ihm zuhören, und ich hoffe, dass die kleinen Überlegungen, nicht wahr – ich rate ihm nicht, abzukürzen, weit davon entfernt –, dass die kleinen Überlegungen, die ich daran anzufügen haben werde, mit dem ganzen Respekt angestellt sein werden, den ich ihm für die Tatsache schulde, dass er mich eingeführt hat in das, was ich Joyce das Symptom genannt habe. (64)

.

Venez Jacques, mettez-vous là. (38)

Kommen Sie, Jacques, gehen Sie nach dort.

.

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Es folgt der Vortrag von Jacques Aubert.

Aubert kommentiert eine Passage aus Joyce, Ulysses, Kapitel XV, Circe-Episode.4

Die französische Version von Auberts Vortrag findet man in:
– J. Aubert (Hg.): Joyce avec Lacan. Navarin, Paris 1987, S. 49-66 („Intervention de J. Aubert“)
– Seminar 23, Version Miller, S. 171-188 („Exposé au Séminare de Jacques Lacan“)
Seminar 23, Version Staferla, Sitzung vom 20. Januar 1976 („Intervention de Jacques Aubert“)

Eine deutsche Übersetzung ist in Max Kleiners Übersetzung von Seminar 23 enthalten.5

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LACAN

Je vais dire un mot de conclusion. (51)

Ich werde ein Schlusswort sagen. (81)

.

Je remercie Jacques Aubert de s’être mouillé. (51)

Ich danke Jacques Aubert, dass er sich die Mühe gemacht hat / dass er sich nass gemacht hat. (81)

.

Car il est évident que… comme l’auteur de Surface and symbol, dont je vous ai dit le nom la dernière fois …il est évident que le terme dont cet auteur se sert pour dire, pour épingler, l’art de Joyce : qu’il s’agit là de inconcevably, inconcevablement, private jokes, des jokes inconcevablement privés. (51)

Denn es ist offensichtlich, dass, wie der Autor von Surface and symbol, dessen Namen ich Ihnen letztes Mal gesagt habe, es ist offensichtlich, dass der Ausdruck, dessen dieser Autor sich bedient, um Joyces Kunst zu charakterisieren, dass es sich da um inconceivably, unerfassbar, private jokes handelt, um unerfassbar private jokes.6 (81 f.)

.

Dans ce même texte apparaît le mot que j’ai dû chercher dans le dictionnaire : « eftsooneries ». (51)

Im selben Text taucht das Wort auf, das ich im Wörterbuch nachschlagen musste, eftsooneries. (82)

.

Je ne sais pas si ce mot est commun. (51)

Ich weiß nicht, ob dieses Wort gebräuchlich ist. (82)

.

[Zu Jacques Aubert gesprochen:] Vous ne le connaissez pas ? Eftsooneries, ça ne vous dit rien ? (51)

[Zu Jacques Aubert gesprochen:] Sie kennen es nicht? Eftsooneries, sagt Ihnen das nichts? (82)

.

C’est-à-dire « after soon », des eftsooneries, donc des choses renvoyées « à tout à l’heure ». (51)

Eftsooneries, das sind auf nachher verschobene Dinge. (82)

.

Il ne s’agit que de ça. (51)

Es geht allein darum. (82)

.

Non seulement ces effets sont renvoyés à tout à l’heure, mais ils ont un effet le plus souvent déroutant. (51)

Nicht nur sind diese Wirkungen auf nachher verschoben, sondern sie haben eine zumeist verwirrende Wirkung. (82)

.

C’est évidemment l’art de Jacques Aubert qui vous a fait suivre un de ces fils, de façon telle qu’il vous tienne en haleine.7 (51)

Es ist offensichtlich die Kunst Jacques Auberts, dass er Sie einen dieser Fäden in einer Weise hat verfolgen lassen, die Sie in Atem hielt.8 (82)

.

Tout ceci n’est évidemment pas sans fonder ce à quoi j’essaie de donner une consistance, et une consistance dans le nœud. (51)

All dies begründet offensichtlich durchaus das, dem ich eine Konsistenz zu geben versuche, und zwar eine Konsistenz im Knoten.9 (82)

.

Qu’est-ce qui, dans ce glissement de Joyce …auquel je me suis aperçu que je faisais référence dans mon séminaire Encore. (51)

Was ist in diesem Gleiten von Joyce, auf das ich mich, wie ich bemerkt habe, in meinem Seminar Encore bezogen habe.10 (82)

.

J’en suis stupéfait ! (51)

Ich bin ganz verblüfft davon. (82)

.

J’ai demandé à Jacques Aubert si c’était là le départ de son invitation à parler de Joyce, il m’a affirmé qu’à ce moment-là le séminaire Encore n’était pas encore paru, de sorte que ça ne peut pas être ça qui l’a invité à me présenter ce trou dans lequel je me risque pas, sans doute par quelque prudence, la prudence telle qu’il l’a définie. (51)

Ich habe Jacques Aubert gefragt, ob das der Anlass für seine Einladung war, über Joyce zu sprechen, er hat mich darauf hingewiesen, dass das Seminar Encore damals noch gar nicht erschienen war11: so dass es nicht das gewesen sein kann, was ihn veranlasst hat, mir dieses Loch zu präsentieren, in das ich mich nicht wage, gewiss aufgrund einer gewissen Umsicht, der Umsicht, so wie er sie definiert hat.12 (82)

.

Mais le trou du nœud ne m’en fait pas moins question. (51)

Aber das Loch des Knotens gibt mir nicht weniger Fragen auf.13 (82)

.

Si j’en crois Soury et Thomé… puisqu’aussi bien c’est eux à qui je dois mention de ceci dont sans doute je m’étais aperçu, bien sûr …c’est que le nœud borroméen – lequel n’est pas un nœud, mais une chaîne – si ce nœud, on ne peut en repérer la duplicité – je veux dire qu’il y en a deux – qu’à ce que les cercles, les ronds de ficelle, soient coloriés. (51)

Wenn ich Soury und Thomé glauben darf, da ich ihnen ja nun diesen Hinweis verdanke, was ich aber natürlich schon bemerkt hatte, dass der im eigentlichen Sinne borromäische Knoten, der kein Knoten ist, sondern eine Verschlingung, wenn [dass] man die Duplizität dieser Verschlingung, ich will sagen, dass es zwei davon gibt, nur feststellen kann, wenn die Kreise, die Fadenringe eingefärbt sind. (82)

.

S’ils ne sont pas coloriés… ce qui veut dire que quelque chose distingue, quelque chose : la qualité colorée distingue chacun des deux autres …si ce n’est qu’à l’aide de ce barbouillage que nous pouvons faire qu’il y ait deux nœuds, puisque ceci est équivalent au fait que s’ils sont incolores, si rien ne les distingue autrement dit, rien non plus ne distingue l’un de l’autre. (51)

Wenn sie nicht eingefärbt sind, was besagen will, dass etwas – etwas: die farbliche Qualität – einen jeden von den beiden anderen jeweils unterscheidet, wenn wir nicht mit Hilfe dieser Kleckserei bewirken können, dass es zwei Knoten gibt, da dies damit äquivalent ist, dass sie gefärbt sind, anders ausgedrückt, wenn nichts sie unterscheidet, unterscheidet sie auch nichts voneinander. (82 f. )

.

Vous me direz que dans la mise à plat, il y en a un qui est lévogyre et l’autre qui est dextrogyre, mais c’est justement là qu’est le tout de la mise en | [76] question de la mise à plat. (51)

Sie werden mir sagen, dass es in der Plättung einen gibt, der linksdrehend ist und einen anderen, der rechtsdrehend ist, aber gerade da liegt die ganze Fragwürdigkeit der Plättung. (83)

.

La mise à plat implique un point de vue, un point de vue spécifié. (51)

Die Plättung setzt einen Gesichtspunkt voraus, einen spezifischen Gesichtspunkt. (83)

.

Et ce n’est sans doute pas pour rien que n’arrive pas d’aucune façon à se traduire dans le Symbolique la notion de la droite et de la gauche. (51)

Und es ist sicherlich nicht ohne Grund, dass in keiner Weise der Begriff von links und rechts in das Symbolische übersetzt zu werden vermag. (83)

.

Pour le nœud, ceci ne commence à ex-sister qu’au-delà de la relation triple. (51)

Für den Knoten beginnt das erst jenseits der Dreierbeziehung zu ex-sistieren.14 (83)

.

Comment se fait-il que cette relation triple ait ce privilège ? (51)

Wie kommt es, dass diese Dreierbeziehung einen solchen Vorrang hat? (83)

.

C’est bien là ce dont je voudrais m’efforcer de résoudre la question.

Das ist die Frage, die zu lösen ich mich bemühen möchte. (83)

.

Il doit y avoir là quelque chose, et qui ne doit pas être sans rapport avec cet isolement que nous a fait Jacques Aubert de la fonction de la phonation précisément dans ce qu’il en est de supporter le signifiant. (51)

Es muss hier etwas geben, das nicht ohne Bezug sein kann zu der von Jacques Aubert durchgeführten Isolierung der Funktion der Phonation, und zwar genau im Hinblick darauf, dass diese den Signifikanten trägt.15 (83)

.

Mais c’est bien là le point vif sur lequel je reste en suspens : c’est à savoir à partir de quand la signifiance en tant qu’elle est écrite se distingue des simples effets de la phonation ? (51)

Das ist allerdings der Kernpunkt, den ich in der Schwebe lasse, das heißt, ab wann sich die Signifikanz, insofern sie geschrieben ist, von den einfachen Effekten der Phonation unterscheidet. (83)

.

C’est la phonation qui transmet cette fonction propre du nom et c’est du nom propre que nous repartirons, j’espère, la prochaine fois que nous nous retrouverons. (51)

Die Phonation übermittelt die dem Namen eigene Funktion, und vom Eigennamen werden wir ausgehen, hoffe ich, wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen.16 (83)

KLEINES LACAN-LEXIKON

Das Le­xi­kon ist nicht al­pha­be­tisch ge­ord­net, son­dern nach der Rei­hen­folge des Auf­tre­tens der Be­griffe und The­sen in La­cans Vortrag.

Die Zah­len in Klam­mern nach den Über­schrif­ten und nach den Lacan-Zitaten zu Be­ginn der Ein­träge be­zie­hen sich auf die Sei­ten von Max Klei­ners Über­set­zung von Se­mi­nar 23; oben in der Über­set­zung sind sie im deut­schen Text nach je­dem Satz angegeben.

Am Ende je­des Le­xi­konein­trags steht ein Pfeil nach un­ten mit der Spitze nach links (↩); wenn man ihn an­klickt, kommt man zur ent­spre­chen­den Stelle der Über­set­zung zurück.

Zwei Arten von borromäischen Verschlingungen (82 f.)

Zu: „Wenn ich Soury und Thomé glauben darf, da ich ihnen ja nun diesen Hinweis verdanke, was ich aber natürlich schon bemerkt hatte, dass der im eigentlichen Sinne borromäische Knoten, der kein Knoten ist, sondern eine Verschlingung, wenn [dass] man die Duplizität dieser Verschlingung, ich will sagen, dass es zwei davon gibt, nur feststellen kann, wenn die Kreise, die Fadenringe eingefärbt sind. Wenn sie nicht eingefärbt sind, was besagen will, dass etwas – etwas: die farbliche Qualität – einen jeden von den beiden anderen jeweils unterscheidet, wenn wir nicht mit Hilfe dieser Kleckserei bewirken können, dass es zwei Knoten gibt, da dies damit äquivalent ist, dass sie gefärbt sind, anders ausgedrückt, wenn nichts sie unterscheidet, unterscheidet sie auch nichts voneinander.“ (82 f. ).

Borromäische Ringe können auf zwei Arten miteinander verschlungen sein; die eine Art der Verschlingung kann nicht in die andere umgewandelt werden, ohne die Ringe aufzuschneiden und neu zu verspleißen.

Jacques Lacan, Borromäische Knoten mit Spiegelbild und Orientierungspfeilen

Die Bedingung dafür, zwei Arten der borromäischen Verschlingung unterscheiden zu können, ist die Färbung der Ringe, d.h. ihre Individualisierung.

In Seminar 21 hatte Lacan die beiden Arten der Verschlingung als „rechtsdrehend“ und als „linksdrehend“ unterschieden. Diese Zuordnung ist nur in der Zeichnung möglich, im dreidimensionalen Raum ist die Links- oder Rechtsdrehung nicht fixierbar – betrachtet man einen Ring gewissermaßen von der Rückseite, verwandelt sich die Rechtsdrehung in eine Linksdrehung und umgekehrt.

Vgl. hierzu in diesem Blog den Artikel Über Knoten, darin den Teil über Orientierung.

Signifikanz (83)

Zu: „Das ist allerdings der Kernpunkt, den ich in der Schwebe lasse, das heißt, ab wann sich die Signifikanz, insofern sie geschrieben ist, von den einfachen Effekten der Phonation unterscheidet.“ (83)

Unter „Signifikanz“ (signifiance) versteht Lacan die Wirkung oder die Funktion des Signifikanten. Signifiance (Signifikanz) ist bei ihm Gegenbegriff zu signification (Bedeutung oder Sinn).

In Seminar 3 heißt es:

„Eine ganze phänomenologische Anmaßung, die weit über das Feld der Psychoanalyse hinausgeht, und die dort nur herrscht, sofern sie auch anderswo herrscht, beruht auf der Verwechslung des Bereichs der Signifikanz (signifiance) und des Bereichs der Bedeutung (signification). Von Arbeiten ausgehend, die als Untersuchungen über die Funktion des Signifikanten äußerst rigoros sind, gleitet die vorgeblich psychologische Phänomenologie hinüber zum Bereich der Bedeutung.“17

In Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud liest man:

„Sꞌ bezeichnet in dem Kontext den produktiven Term der signifikanten Wirkung (oder Signifikanz) (…).“18

In Seminar 12 übersetzt Lacan Freges Begriffsopposition von „Sinn“ und „Bedeutung“ mit sens und signifiance.19

PARAPHRASE MIT ERGÄNZUNGEN

Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern in grauer Schrift ver­wei­sen auf die ent­spre­chen­den Sei­ten der von Jacques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­gabe von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 1975-1976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005). „[28]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­sion von 2005 die Seite 28″.

Passagen in schwarzer Schrift sind Zusammenfassungen, Passagen in eckigen Klammern in grüner Schrift sind meine Ergänzungen, Passagen in eckigen Klammern, die mit zwei Fragezeichen beginnen und hellgrün unterlegt sind, sind meine Fragen zum Textverständnis.

Joyce desartikuliert das Englische

[74] Lacan macht einige einleitende Bemerkungen zu einem Vortrag, den Jacques Aubert in dieser Sitzung im Seminar halten wird. Lacan weist darauf hin, dass Joyce das Englische „desartikuliert“; wie schon in der ersten Sitzung von Seminar 23 verweist er hierfür auf einen Artikel von Philippe Sollers. Joyce zerhackt die Sätze, schon im Ulysses. Das Ziel dieser Operation ist, von der Sprache einen anderen Gebrauch zu machen als den üblichen. Das macht einen Teil des Könnens von Joyce aus, seines Savoir-faire.

Zwei Arten der borromäischen Verschlingung

[75] Nach dem Vortrag verweist Lacan auf die Konsistenz des Knotens und auf das Loch des Knotens [ohne weitere Erläuterungen hierzu zu geben; über das Loch im Symbolischen hatte Aubert gesprochen].

Der sogenannte borromäische Knoten ist kein Knoten, sondern eine Verschlingung (chaîne).

Es gibt zwei solcher Verschlingungen [wie Lacan bereits in der ersten Sitzung von Seminar 21 ausgeführt hatte].

Die beiden Arten der borromäischen Verschlingung lassen sich nur dann unterscheiden, wenn die Fadenringe gefärbt sind. Wenn man die Ringe nicht unterscheiden kann, kann man auch die beiden Arten der Verschlingung nicht unterscheiden.

Wie bezeichnet man die beiden Arten der borromäischen Verschlingung? In der Plättung [also in der zweidimensionalen Zeichnung] stellen sie sich als rechtsdrehend und linksdrehend dar [im Uhrzeigersinn und gegen den Uhrzeigersinn.] [In Seminar 21 hatte Lacan die beiden Verschlingungsarten als „rechtsdrehend“ und „linksdrehend“ unterschieden]. Das ist jedoch ein Effekt der | [76] Plättung. Eine Zeichnung beruht auf einem festen Standpunkt, von dem aus die Verschlingung betrachtet wird. [Im dreidimensionalen Raum, in dem der Knoten einzig existiert, ist ein solcher fester Standpunkt jedoch nicht gegeben – man kann gewissermaßen um die Verschlingung herumgehen und dann verwandelt sich rechtsdrehend in linksdrehend und umgekehrt.]

Nicht ohne Grund kann die Rechts-Links-Opposition nicht ins Symbolische übersetzt werden. [Sie setzt ein Wesen voraus, das eine dominante Bewegungs- und Blickrichtung hat und sich am Gegensatz von Oben und Unten orientiert.] [?? Wie lässt sich präziser fassen, dass die Rechts-Links-Opposition nicht ins Symbolische übersetzt werden kann?]

„Für den Kno­ten be­ginnt das erst jen­seits der Drei­er­be­zie­hung zu ex-sistieren.“ [?? Was beginnt erst jenseits der Dreierbeziehung? Dass es zwei Arten von borromäischen Verschlingungen gibt, gilt bereits für die Verschlingung von drei Komponenten, nicht erst jenseits davon.]

Warum hat die Dreierbeziehung diesen Vorrang? [Lacan springt jetzt von der Beziehung zwischen mehr als drei Elementen zur Dreierbeziehung zurück.] Das ist eine der Fragen, die Lacan zu beantworten versucht.

Signifikanz des Geschriebenen und Signifikanz des Gesprochenen

Die Sitzung endet damit, dass Lacan nach dem Verhältnis von Phonation und Signifikant fragt. [Den Begriff „Phonation“, Stimmgebung, verwendet Aubert in seinem Vortrag. Er versteht darunter zunächst die Aussprache; der Unterschied zwischen „moly“ (mit Diphtong) und „Molly“ (mit einfachem Vokal) ist für ihn ein Unterschied der Phonation. Später im Vortrag bezieht Aubert sich mit „Phonation“ auf die Prosodie, auf den Klang einer Stimme; aus der Phonation entwickelt sich, Aubert zufolge, die Melodie, etwa die eines Liedes.] 

Die Phonation trägt den Signifikanten [Signifikanten werden für gewöhnlich durch Laute realisiert]. Das steht vermutlich in Beziehung dazu, dass im Knoten die Dreierbeziehung einen Vorrang hat. [Das könnte heißen: die Funktion der Stimme als Objekt a ist, wie der borromäische Knoten zeigt, nicht nur auf das Loch im Symbolischen zu beziehen, sondern auch auf das im Imaginären und auf das im Realen.]

Ab wann unterscheidet sich die Signifikanz als Geschriebenes von den einfachen Effekten der Phonation? [Die Signifikanteneffekte (die Signifikanz), mit denen man es bei Joyce zu tun hat, beruhen auf Geschriebenem, nicht auf Gesprochenem. Es geht hier also nicht einfach um Phonation.]

Die Phonation übermittelt die Funktion des Namens. [Aubert hatte in seinem Vortrag zunächst vor allem über Eigennamen gesprochen, dann über das Loch im Symbolischen und schließlich über die Erzeugung der Gewissheit durch die Stimmgebung, durch die Phonation. Eine Verbindung zwischen dem Eigennamen und der Phonation stellt Aubert beim Namen „Molly“ her.] Lacan kündigt an, dass er in der nächsten Sitzung vom Eigennamen ausgehen wird.

ZUSAMMENSTELLUNG ZU SYMPTOM/SINTHOM

Im Folgenden werden alle Stellen aufgeführt, an denen Lacan die Ausdrücke „Symptom“ oder „Sinthom“ verwendet. Die Zahlen in runden Klammern sind Seitenzahlen, sie verweisen auf die Übersetzung von Max Kleiner.

In der Sitzung vom 20. Januar 1976 wird der Ausdruck „Symptom“ von Lacan nur einmal verwendet, als er den Titel seines Vortrags „Joyce das Symptom“ zitiert (64). Den Ausdruck „Sinthom“ gebraucht er in dieser Sitzung nicht.

OFFENE FRAGEN

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Seiten der Übersetzung von Max Kleiner. Sie sind oben in der Übersetzung nach jedem Satz angegeben.

„Für den Kno­ten be­ginnt das erst jen­seits der Drei­er­be­zie­hung zu ex-sistieren.“ (83) Was beginnt erst jenseits der Dreierbeziehung? Dass es zwei Arten von borromäischen Verschlingungen gibt, gilt bereits für die Verschlingung von drei Komponenten, nicht erst jenseits davon.

Nicht ohne Grund kann die Rechts-Links-Opposition nicht ins Symbolische übersetzt werden (83). Wie lässt sich präzise fassen, dass die Rechts-Links-Opposition nicht ins Symbolische übersetzt werden kann?

LITERATURVERZEICHNIS

Das Ver­zeich­nis be­schränkt sich auf die in die­sem Bei­trag zi­tierte oder er­wähnte Literatur.

Die Über­set­zun­gen von Zi­ta­ten sind von Rolf Nemitz, falls nicht an­ders vermerkt.

La­can, Sinthom-Seminar

Ver­sion NN
La­can: Le sin­thome. Wort-für-Wort-Transkription ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers, ohne Ort, ohne Jahr. Schreib­ma­schine, durch Fo­to­ko­pien ver­brei­tet. Auf diese Ver­sion be­zieht sich Max Klei­ners Über­set­zung, linke Spalte.

Ver­sion Sta­ferla
Jac­ques La­can: Le sin­thome. 1975 — 76. Wort-für-Wort-Transkription, her­aus­ge­ge­ben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Diese Tran­skrip­tion wird von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet, es gibt also meh­rere Va­ri­an­ten der Staferla-Ver­sion. Für die­sen Kom­men­tar wurde die Va­ri­ante vom 28.6.2013 ver­wen­det; man fin­det sie hier.

Ver­sion NN/Kleiner und Ver­sion Mil­ler 1976-77/Kleiner
Le sin­thom. 1975 – 1976. Se­mi­nar XXIII von Jac­ques La­can. Über­setzt von Max Klei­ner. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007

Diese Ver­sion ent­hält zwei Über­set­zun­gen, das Lay­out ist drei­spal­tig. Erste Spalte: Über­set­zung der Tran­skrip­tion ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers (=Ver­sion NN/Kleiner), zweite Spalte: Über­set­zung der Ver­sion Mil­ler 1976/77, dritte Spalte: An­mer­kun­gen des Über­set­zers. Zu be­stel­len beim Lacan-Archiv Bre­genz; für 20 Euro er­hält man eine PDF-Datei.

Die Über­set­zung in die­sem Bei­trag des Sinthom-Kommentars ist eine über­ar­bei­tete Fas­sung von Ver­sion NN/Kleiner; mit „Kleiner-Übersetzung“ ist diese Ver­sion gemeint.

Ver­sion Mil­ler 2005
Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 1975-1976. Tex­ter­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005

Wei­tere Texte von Lacan

Joyce le Sym­ptôme I. In: J. La­can: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 1975-1976. Seuil, Pa­ris 2005, S. 161-169

Seminare

Se­mi­nar 20 = Das Se­mi­nar, Buch XX (1972-1973). En­core. Über­setzt von Nor­bert Haas, Vreni Haas und Hans-Joachim Metz­ger, nach ei­ner von Jacques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Qua­driga, Wein­heim u.a. 1986

Se­mi­nar 21 = Les non-dupes er­rent. 1973-74. Hg. v. der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage ei­ner Ton­auf­nahme so­wie der Tran­skrip­tio­nen auf den Web­sites Lu­te­cium und Gao­goa. Ohne Ort, ohne Jahr

Andere Autoren

Adams, Ro­bert Mar­tin: Sur­face and sym­bol. The con­sis­tency of Ja­mes Joyce’s Ulys­ses. Ox­ford Uni­ver­sity Press, New York 1962

Aubert, Jacques: Exposé au Séminaire de Jacques Lacan. In: Seminar 23, Version Miller 2005, S. 171-188 (eine deut­sche Über­set­zung ist in Max Klei­ners Über­set­zung von Se­mi­nar 23 ent­hal­ten)

Joyce, James: Finnegans Wake. Oxford University Press, Oxford 2012.– Finnegans Wake. Deutsch. Hg. v. Klaus Reichert und Fritz Senn. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989

—: Ulys­ses. Pen­guin Books, Lon­don 2000 (Se­rie „Mo­dern Clas­sics“).–  Ulys­ses. Über­setzt von Hans Woll­schlä­ger. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979

Lalande, André. Le Vocabulaire technique et critique de la philosophie. Presses universitaires de France, Presses universitaires de France, Paris 2006 (zuerst 1902-1923)

Sol­lers, Phil­ippe: Joyce et Cie. In: Tel Quel, Nr. 64, No­vem­ber 1975, S. 15-24 (eng­li­sche Teil­über­set­zung: Phil­ippe Sol­lers: Joyce & Co. In: D. Hay­man, E. An­der­son (Hg.): In the Wake of the Wake. Uni­ver­sity of Wis­con­sin Press, Ma­di­son u.a. 1978)

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Anmerkungen

  1. Desarticuler: zergliedern, ausrenken. Möglicherweise gibt Lacan hier ein Echo auf den Titel des Buchs Mimesis des articulations (Aubier-Flammarion, Paris 1975), auf das er sich in der Sitzung vom 16. Dezember 1975 bezogen hatte; die Typographie der Titelseite lässt eine zweite Lesart zu: Mimesis desarticulations.
  2. Gemeint ist: Philippe Sollers: Joyce et Cie. In: Tel Quel, Nr. 64, November 1975, S. 15-24. Lacan hatte hierauf bereits in der ersten Vorlesung des Seminars verwiesen; vgl. Kommentar zur Vorlesung vom 18. November 1975.
  3. Jaques Aubert ist Autor von Introduction à l’esthétique de James Joyce, Didier, Paris 1973. Er gehörte zu den Organisatoren des 5. internationalen James-Joyce-Symposiums in Paris, auf dem Lacan am 16. Juni 1975 den Vortrag Joyce das Symptom gehalten hatte. Aubert hat Seminare von Lacan besucht; er bildet das Gelenk zwischen den Joycianern und den Lacanianern. 1987 wird er, mit einem Vorwort von Jacques-Alain Miller, den Sammelband Joyce avec Lacan herausgeben, der unter anderem die beiden Fassungen von Lacans „Joyce le symptôme“ enthält. 2004 erscheint bei Gallimard eine von Aubert herausgegebene französische Übersetzung des Ulysses.
  4. Beginnend mit dem Auftritt von Rudolph, etwa 7 Seiten nach Anfang des Kapitels. J. Joyce: Ulys­ses. Pen­guin Books, Lon­don 2000 (Se­rie „Mo­dern Clas­sics“), S. 568 ff.–  Ulys­ses. Über­setzt von Hans Woll­schlä­ger. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979, S. 611 ff.
  5. S. 65-81.
  6. Lacan bezieht sich auf: Robert Martin Adams: Surface and symbol. The consistency of James Joyce’s Ulysses. Oxford University Press, New York 1962.
  7. Staferla transkribiert „un de ses fils“, einen seiner Fäden, aber „un de ces fils“, einen dieser Fäden, passt besser zum Vorhergehenden und zum Folgenden.
  8. Aubert hatte sich in seinem Vortrag auf die Knotentheorie bezogen; vielleicht spielt Lacan mit seiner Metapher darauf an.
  9. Lacan charakterisiert den borromäischen Knoten insgesamt durch drei Merkmale: imaginäre Konsistenz (Zusammenhalt), symbolisches Loch, reale Ex-sistenz (das Einander-Äußerlich-Sein der Ringe, ihre Nicht-Durchdringung).
  10. In Seminar 20 von 1972/73, Encore, hatte Lacan gesagt: „Sie sollten sich trotzdem dranmachen, ein wenig Autoren zu lesen — ich würde nicht sagen, aus Ihrer Zeit, ich würde Ihnen nicht sagen, Philippe Sollers zu lesen, er ist unlesbar, wie ich übrigens — aber Sie können Joyce lesen beispielsweise. Sie werden da sehen, wie die Sprache sich perfektioniert, wenn er zu spielen weiß mit der Schrift. Joyce, es ist mir schon recht, daß das nicht lesbar ist — das ist gewiß nicht übersetzbar ins Chinesische. Was passiert bei Joyce? Der Signifikant trüffelt das Signifikat. Es ist aufgrund der Tatsache, daß die Signifikanten sich verschachteln, sich zusammensetzen, sich ineinanderschieben  lesen Sie Finnegans Wake — daß sich etwas produziert, das, als Signifikat, rätselhaft scheinen kann, aber was eben das Nächste dessen ist, was wir Analytiker, dank dem analytischen Diskurs, zu lesen haben — der Lapsus.“ (Seminar 20, Version Miller/Haas u.a., S. 41)
  11. Jacques-Alain Millers Version von Seminar 20 wurde Anfang 1975 bei Seuil veröffentlicht.
  12. Aubert hatte in seinem Vortrag vom Loch im Circe-Kapitel gesprochen. Ein weiteres Thema von Aubert war die Umsicht von Leopold Bloom; für die Definition der Umsicht (lateinisch prudentia, griechisch phronesis) hatte er sich auf das Philosophiewörterbuch von Lalande bezogen.
  13. Lacan wechselt von der imaginären Konsistenz des Knotens zum symbolischen Loch des Knotens.
  14. In Seminar 21 hatte Lacan erstmals ausgeführt, dass es zwei Formen des borromäischen Knotens gibt, und sich dabei auf eine Verschlingung aus drei Ringen bezogen. Vgl. die Sitzungen vom 13. No­vem­ber 1973, vom 14. Mai 1974 und vom 21. Mai 1974.
  15. Unter „Phonation“ (oder auch „Personierung“) versteht Aubert in seinem Vortrag zu Beginn die unterschiedliche Aussprache von „moly“ (mit Diphtong) und „Molly“ (mit einfachem Vokal). (Das griechische Wort „Moly“ bezeichnet eine zauberwirksame Pflanze; in der Odyssee – der von Homer – wird erzählt, dass Odysseus von Hermes eine Moly erhält, mit der er sich gegen die Zauberkünste von Kirke schützen kann. „Molly“ ist der Kurzname von Leopold Blooms Ehefrau Marion.)
    Später im Vortrag bringt Aubert die Phonation mit der Gewissheit zusammen. Die Gewissheit, sagt Aubert, hat auch etwas mit den Stimmeffekten des Signifikanten zu tun. Wenn ein väterliches Wort als Wort angezweifelt wird, geht gleichwohl etwas in die Phonation über, sie hat Wirkung in der Melodie.
  16. Der Eigenname, auf den Aubert sich in seinem Beispiel für Phonation bezieht, ist „Molly“.
  17. Seminar 3, Version Miller/Turnheim, S. 227, Übersetzung geändert; Turnheim übersetzt signifiance mit „Bedeuten“.
  18. Schriften II, S. 41.
  19. Sitzung vom 16. Juni 1965.

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