''Das Sinthom'' entziffern

Kommentar zu Jaques Lacans Vorlesung vom 13. Januar 1976

Wie man zwei Seil-En­den durch ei­nen Spleiß ver­bin­det

Kom­men­tar zu La­cans Se­mi­nar 23 von 1975/76, “Das Sin­t­hom“

Jac­ques La­can: Se­mi­nar 23 von 1975/76: Le sin­t­home / Das Sin­t­hom

Kom­men­tar von Rolf Nemitz
ge­stützt auf die Tref­fen der Le­se­grup­pe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin ab März 2013

Ei­nen Über­blick über die Kom­men­ta­re zu den ein­zel­nen Sit­zun­gen fin­det man hier, über den ge­sam­ten Kom­men­tar hier.
Eine Über­sicht über die ver­schie­de­nen Aus­ga­ben des Sin­t­hom-Se­mi­nars gibt es hier.

Vorlesung vom 13. Januar 1976

Psychoanalytische Bibliothek März 2014

Psy­cho­ana­ly­ti­sche Bi­blio­thek Ber­lin

Dies ist die zwei­te Fas­sung des Kom­men­tars zu die­ser Sit­zung, ver­öf­fent­licht am 30. April 2015. Die ers­te Fas­sung wur­de am 23. Mai 2014 ver­öf­fent­licht.

10., 11. und 12. Tref­fen der Le­se­gruppe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin
am 22. Fe­bruar, 25. März und 29. April 2014 in der Psy­cho­ana­ly­ti­schen Bi­blio­thek Ber­lin

TONAUFNAHME

Die Sei­ten­an­ga­ben in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sta­fer­la-Ver­si­on.

Ers­tes Drit­te, bis „… qui sont dis­tincts.“ (S. 32):

Zwei­tes Drit­tel, bis „.. la même ma­tiè­re.“ (S. 35):

Drit­tes Drit­tel:

 

FRANZÖSISCH/DEUTSCH

Quel­len der La­can-Zi­ta­te

Fran­zö­si­scher Text
Ver­sion Sta­ferla = Le sin­thome. 1975 – 76. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on, her­aus­ge­geben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Va­ri­an­te vom 28.6.2013, PDF-Da­tei hier. Die Tran­skrip­ti­on wur­de mit der Au­dio­auf­nah­me ver­gli­chen und ge­ring­fü­gig über­ar­bei­tet.

Deut­scher Text
Die Über­set­zung stützt sich auf die Über­set­zung von Se­mi­nar 23 durch Max Klei­ner, her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007, lin­ke Spal­te die­ser Dop­pel­über­set­zung. Klei­ners Über­set­zung wur­de von Rolf Nemitz stark über­ar­bei­tet.

Sei­ten­zah­len

Fran­zö­si­scher Text
Die Zah­len nach ei­nem Satz in run­den Klam­mern ver­wei­sen auf die Sei­ten der Ver­si­on Sta­fer­la vom 28.6.2013.

– Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern und grau­er Schrift ver­wei­sen auf die Sei­ten der von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­ga­be von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. 1975–1976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005) „[83]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­si­on von 2005 die Sei­te 83“. Da Mil­ler die Tran­skrip­ti­on re­dak­tio­nell be­ar­bei­tet hat, un­ter­schei­det sich die hier ge­brach­te Tran­skrip­ti­on häu­fig von Mil­lers Aus­ga­be.

Deut­scher Text
Die Zah­len nach ei­nem Satz in run­den Klam­mern ver­wei­sen auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner.

An­mer­kun­gen
Die An­mer­kun­gen zum fran­zö­si­schen Text be­zie­hen sich auf Fra­gen der Tran­skrip­ti­on.

– Die An­mer­kun­gen zur Über­set­zung lie­fern In­for­ma­tio­nen zum Text ohne Be­zug auf La­cans Theo­rie so­wie Quer­ver­wei­se.

Links in der Über­set­zung
Die Links im deut­schen Text füh­ren zum „La­can-Le­xi­kon“ in die­sem Ar­ti­kel mit Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu La­cans Theo­rie.

 

[61] On n’est re­spons­able que dans la me­s­u­re de son sa­voir-fai­re. (30)

Ver­ant­wort­lich ist man nur im Maße sei­nes Kön­nens.1 (50)

.

Qu’est-ce que c’est que le sa­voir-fai­re ? (30)

Was ist das, das Kön­nen?2 (50)

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Di­sons que c’est l’art, l’artifice, ce qui don­ne à l’art – à l’art dont on est ca­pa­ble – une val­eur re­mar­quable. (30)

Sa­gen wir, das ist die Kunst, der Kunst­griff – was der Kunst, der Kunst, de­ren man fä­hig ist, ei­nen be­mer­kens­wer­ten Wert gibt.3 (50)

.

Re­mar­quable en quoi, puisqu’il n’y a pas d’Autre de l’Autre pour opé­rer le Ju­ge­ment Der­nier, du mo­ins est-ce moi qui l’énonce ain­si. (30)

Was be­mer­kens­wert ist, da es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, um das letz­te Ur­teil zu fäl­len, zu­min­dest wird das von mir so aus­ge­sagt.4 (50)

.

Ceci veut dire qu’il y a quel­que cho­se dont nous ne pou­vons jouir, ap­pe­lons ça la jouis­sance de Dieu, avec le sens in­clus là-dedans de jouis­sance se­xu­el­le. (30)

Das heißt, dass es et­was gibt, das wir nicht ge­nie­ßen kön­nen, nen­nen wir es das Ge­nie­ßen Got­tes, mit dem dar­in ein­ge­schlos­se­nen Sinn des se­xu­el­len Ge­nie­ßens. (50)

.

L’image qu’on se fait de Dieu im­pli­que-t-elle ou non qu’il jouis­se de ce qu’il a com­mis – en ad­met­tant qu’il ex-sis­te – ? (30)

Im­pli­ziert das Bild, das man sich von Gott macht, dass er das, was er be­gan­gen hat, ge­nießt – vor­aus­ge­setzt, er exis­tiert? (50)

.

Y répond­re qu’il n’ex-siste pas, tran­che la ques­ti­on en nous ren­dant la char­ge d’une pen­sée dont l’essence est de s’insérer dans cet­te réa­lité… pre­miè­re ap­pro­xi­ma­ti­on du mot Réel qui a un aut­re sens dans mon vo­ca­bu­lai­re …dans cet­te réa­lité li­mitée qui s’atteste de l’ex-sistence – écri­te de la même fa­çon : x, trait d’union, s –de l’ex-sistence du sexe. (30)

Die Ant­wort, dass er nicht exis­tiert, ent­schei­det die Fra­ge so, dass sie uns die Last ei­nes Den­kens auf­bür­det, das sei­nem We­sen nach dar­in be­steht, sich in die­se Rea­li­tät ein­zu­fü­gen – eine ers­te An­nä­he­rung an das Wort „real“, das in mei­nem Vo­ka­bu­lar ei­nen an­de­ren Sinn hat –, in die­se be­grenz­te Rea­li­tät, die be­zeugt wird von der Ex-sis­tenz – ge­nau so ge­schrie­ben: E, x, Bin­de­strich, s –, von der Ex-sis­tenz des Ge­schlechts. (50 f.)

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Voi­là. C’est le type de cho­se que – en fin de comp­te – je vous ap­por­te en ce dé­but d’année, à sa­voir ce que j’appellerai… c’est pas plus mal pour un dé­but d’année …ce que j’appellerai des vé­rités pre­miè­res. (30)

Gut, das also ist die Art von Din­gen, die ich Ih­nen letzt­end­lich an die­sem Jah­res­an­fang lie­fe­re, näm­lich das, was ich nen­nen wer­de – für ei­nen Jah­res­an­fang ist das gar nicht so schlecht –, was ich ers­te Wahr­hei­ten nen­nen wer­de.5 (51)

.

Non pas bien sûr que dans l’intervalle qui nous a sé­pa­rés de­puis quel­que cho­se com­me main­ten­ant trois se­mai­nes, non pas que je n’aie pas tra­vail­lé. (30)

Nicht etwa, dass ich in der Zwi­schen­zeit, die uns für mehr als drei Wo­chen bis heu­te ge­trennt hat, nicht dass ich nicht ge­ar­bei­tet hät­te. (51)

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Jacques Lacan, borromäischer Knoten - un échanillon

A

J’ai tra­vail­lé à des trucs dont vous voy­ez là, sur le ta­bleau un échan­til­lon. (30)

Ich habe an Sa­chen ge­ar­bei­tet, von de­nen Sie eine Kost­pro­be da an der Ta­fel se­hen. (51)

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[62] Ceci [A], com­me vous pou­vez le voir, est un nœud bor­ro­méen : (30)

Dies hier [A] ist, wie Sie se­hen kön­nen, ein bor­ro­mäi­scher Kno­ten. (51)

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Jacques Lacan, Borromäische Ringe mit RSI

B

Il ne dif­fè­re de ce­lui que – je vous le rap­pel­le – je des­si­ne d’habitude, qui est fou­tu com­me ça [B], il n’en dif­fè­re que de quel­que cho­se qui n’est pas né­g­li­ge­ab­le, c’est que ce­lui-ci peut se dis­tendre de fa­çon tel­le que il y ait deux ex­trê­mes com­me rond et que ce soit ce­lui qui est dans le mi­lieu qui fas­se le joint [C]. (30)

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Jacques Lacan, borromäische Verschlingung mit zwei äußeren Ringen

C

Er un­ter­schei­det sich nicht von dem, den ich, wie Sie sich er­in­nern wer­den, für ge­wöhn­lich zeich­ne, der so ge­baut ist [B]; er un­ter­schei­det sich von dem da nur in et­was, das nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist, näm­lich dass die­ser hier6 so ge­dehnt wer­den kann, dass es zwei Ex­tre­me als Rin­ge gibt und dass der Ring, der in der Mit­te ist, die Ver­bin­dung her­stellt [C]. (51)

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Trivilaler Knoten - C-förmig gebogen

C

[63] La dif­fé­rence est cel­le-ci : sup­po­sez que ce soit trois élé­ments com­me ce­lui-là – le mé­di­an [D] – qui s’unissent de fa­çon cir­cu­lai­re. (30)

Der Un­ter­schied ist fol­gen­der: neh­men Sie an, dass es drei Ele­men­te wie je­nes da sind, wie das mitt­le­re [D], die sich in Art ei­nes Krei­ses ver­ei­ni­gen. (51)

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Vous voy­ez bien, j’espère, com­ment ça peut se fai­re, il n’y a pas be­soin que je vous trace le truc au ta­bleau. (31)

Sie kön­nen gut se­hen, hof­fe ich, wie das ge­macht wer­den kann, es ist nicht nö­tig, dass ich Ih­nen die Sa­che an die Ta­fel zeich­ne. (51)

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Jaques Lacan, borromäische Verschlingung von drei Knoten

E

Eh bien ça se sim­pli­fie com­me ça : com­me ça ou com­me ça [E], par­ce que c’est le même. (31)

Nun, das lässt sich so ver­ein­fa­chen: so oder so [E], weil das der­sel­be ist.7 (51)

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Na­tu­rel­le­ment, c’est pas de ça seu­le­ment que je me con­tente : j’ai pas­sé mes va­can­ces à en élucu­brer bien d’autres, dans l’espoir d’en trou­ver un bon qui ser­vi­rait de sup­port – de sup­port – j’entends : aisé – à ce que j’ai com­men­cé aujourd’hui de vous ra­con­ter com­me vé­rités pre­miè­res. (31)

Na­tür­lich gebe ich mich da­mit al­lein nicht zu­frie­den, ich habe mei­ne Fe­ri­en da­mit zu­ge­bracht, mir eine Men­ge an­de­rer aus­zu­den­ken, in der Hoff­nung, ei­nen gu­ten zu fin­den, der als Stüt­ze die­nen könn­te, ich mei­ne als er­leich­tern­de Stüt­ze, für das, was ich heu­te an­ge­fan­gen habe, Ih­nen als ers­te Wahr­hei­ten zu er­zäh­len. (51)

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[64] Eh ben – cho­se sur­pren­an­te – ça ne va pas tout seul. (31)

Nun, gro­ße Über­ra­schung, das geht nicht von al­lei­ne. (51)

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Non pas que je cro­ie que j’ai tort de trou­ver dans le nœud ce qui sup­por­te not­re con­si­s­tan­ce. (31)

Nicht, dass ich glau­be, un­recht zu ha­ben, wenn ich im Kno­ten das fin­de, was un­se­re Kon­sis­tenz stützt.8 (51)

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Seu­le­ment c’est déjà un si­gne que ce nœud je ne puis­se le dé­du­i­re que d’une chaî­ne, à sa­voir de quel­que cho­se qui n’est pas du tout de la même na­tu­re : chaî­ne – ou link en ang­lais – c’est pas la même cho­se qu’un nœud. (31)

Nur ist das be­reits ein Zei­chen, dass ich die­sen Kno­ten nur von ei­ner Ver­schlin­gung ab­lei­ten kann, also von et­was, das kei­nes­wegs von der­sel­ben Art ist: Ver­schlin­gung oder im Eng­li­schen link, das ist nicht das­sel­be wie ein Kno­ten. (51)

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Mais re­pre­nons le ron-ron des vé­rités di­tes pre­miè­res… di­tes par moi com­me tel­les. (31)

Aber neh­men wir das Schnur­ren der so­ge­nann­ten ers­ten Wahr­hei­ten wie­der auf, die ich selbst so ge­nannt habe. (51)

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Il est clair que l’ébauche même de ce qu’on ap­pel­le la pen­sée… tout ce qui fait sens dès que ça mont­re le bout de son nez …com­por­te une ré­fé­rence, une gra­vi­ta­ti­on à l’acte se­xu­el, si peu évi­dent que soit cet acte. (31)

Es ist klar, dass schon der An­satz des­sen, was man das Den­ken nennt, al­les, was Sinn macht, so­bald es sei­ne Na­sen­spit­ze zeigt, eine Be­zug­nah­me mit sich bringt, eine Gra­vi­ta­ti­on, die sich auf den Ge­schlechts­akt be­zieht, wie we­nig evi­dent die­ser Akt auch sein mag. (51)

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Le mot même d’« acte » im­pli­que la po­la­rité ac­tive-pas­si­ve, ce qui déjà est s’engager dans un faux-sens. (31)

Schon das Wort „Akt“ im­pli­ziert die Po­la­ri­tät ak­tiv – pas­siv, was be­reits heißt, sich in Rich­tung ei­nes fal­schen Sinns zu be­we­gen.9 (51)

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C’est ce qu’on ap­pel­le la con­nais­sance, avec cet­te am­bi­guïté que l’actif c’est ce que nous con­nais­sons, mais que nous nous ima­gi­nons que – faisant ef­fort pour con­naît­re – nous som­mes ac­tifs. (31)

Was man Er­kennt­nis nennt, mit der Mehr­deu­tig­keit, dass das Ak­ti­ve das ist, was wir er­ken­nen, dass wir uns aber vor­stel­len, dass wir, wenn wir uns zu er­ken­nen be­mü­hen, ak­tiv sind.10 (51)

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La con­nais­sance donc, dès le dé­part se mont­re ce qu’elle est : trom­peu­se ! (31)

Die Er­kennt­nis zeigt sich also von An­fang an als das, was sie ist: als trü­ge­risch. (51)

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C’est bien en quoi tout doit être re­pris au dé­part, à par­tir de l’opacité se­xu­el­le. (31)

Und des­halb muss al­les wie­der von An­fang an auf­ge­nom­men wer­den, aus­ge­hend von der ge­schlecht­li­chen Opa­zi­tät. (51)

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Je dis opa­cité en ceci : c’est que pre­miè­re­ment nous ne nous aper­ce­vons pas que du se­xu­el ne fon­de en rien quel­que rap­port que ce soit. (31)

Ich sage Opa­zi­tät in­so­fern, als wir zu­nächst nicht wahr­neh­men, dass Ge­schlecht­li­ches kei­nes­wegs ir­gend­ein Ver­hält­nis be­grün­det. (51)

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Ceci im­pli­que, au gré de la pen­sée, qu’il n’y a de re­sponsa­bi­lité – en ce sens où re­sponsa­bi­lité ça veut dire non ré­pon­se, ou ré­pon­se à côté – il n’y a de re­sponsa­bi­lité que se­xu­el­le, ce dont tout le mon­de en fin de comp­te a le sen­ti­ment. (31)

Das im­pli­ziert, dem Den­ken zu­fol­ge, dass es Ver­ant­wort­lich­keit – in dem Sin­ne, dass Ver­ant­wort­lich­keit Nicht-Ant­wort heißt oder da­ne­ben­lie­gen­de Ant­wort –, dass es Ver­ant­wort­lich­keit nur als ge­schlecht­li­che gibt, da­für ha­ben letzt­lich alle ein Ge­fühl.11 (51)

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Mais par cont­re, que ce que j’ai ap­pelé le sa­voir-fai­re va bien au-delà et y ajou­te l’artifice que nous im­pu­tons à Dieu tout à fait gra­tui­te­ment, com­me Joy­ce y in­sis­te, par­ce que c’est un truc qui lui a cha­touillé quel­que part ce qu’on ap­pel­le la pen­sée. (31)

Hin­ge­gen liegt das, was ich das Kön­nen ge­nannt habe, jen­seits da­von und fügt den Kunst­griff hin­zu, den wir völ­lig will­kür­lich Gott zu­schrei­ben, wie bei Joy­ce, der dar­auf be­harrt, weil das eine Sa­che ist, die ihm ir­gend­wo das ge­kit­zelt hat, was man das Den­ken nennt.12 (51 f.)

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C’est pas Dieu qui a com­mis ce truc qu’on ap­pel­le l’Univers. (31)

Nicht Gott hat die­ses Ding ge­macht, das man Uni­ver­sum nennt. (52)

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On im­pu­te à Dieu ce qui est l’affaire de l’artiste dont le pre­mier mo­dè­le est – com­me cha­cun sait – le po­tier, et qu’on dit que – avec quoi d’ailleurs ? – il a mou­lé, com­me ça, ce truc qu’on ap­pel­le, pas par ha­sard, l’Univers, ce qui ne veut dire qu’une seu­le cho­se, c’est qu’y a d’l’Un. (31)

Gott wird et­was zu­ge­schrie­ben, was Sa­che des Künst­lers ist, wo­von das ers­te Mo­dell, wie je­der weiß, der Töp­fer ist, und es wird ge­sagt, er habe – wo­mit üb­ri­gens? –, er habe nun die­ses Ding mo­del­liert, das man nicht zu­fäl­lig das Uni­ver­sum nennt, was nur eins be­deu­ten kann, näm­lich dass es ein Eins gibt.13 (52)

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Yad’l’un14, mais on ne sait pas où. (31)

’S-gibt-Ein, man weiß aber nicht wo.15 (52)

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Il est plus qu’improbable que cet Un con­sti­tue l’Univers. (31)

Es ist mehr als un­wahr­schein­lich, dass die­ses Eins das Uni­ver­sum bil­det. (52)

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L’Autre de l’Autre réel, c’est-à-dire im­pos­si­ble, c’est l’idée que nous avons de l’artifice, en tant qu’il est un fai­re – f.a.i.r.e, n’écrivez pas ça f.e.r – un fai­re qui nous éch­ap­pe, c’est-à-dire qui dé­bor­de de beau­coup la jouis­sance que nous en pou­vons avoir. (31)

Das An­de­re des rea­len An­de­ren, das heißt des un­mög­li­chen An­de­ren, das ist die Vor­stel­lung, die wir vom Kunst­griff ha­ben, in­so­fern er ein Tun ist – f, a, i, r, e [Tun], schrei­ben Sie es nicht f, e, r [Ei­sen] –, ein Tun, das uns ent­geht, das heißt, das das Ge­nie­ßen, das wir da­von ha­ben kön­nen, bei wei­tem über­steigt. (52)

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Cet­te jouis­sance tout à fait min­ce, c’est ce que nous ap­pe­lons l’esprit. (31)

Die­ses ganz win­zi­ge Ge­nie­ßen, das ist das, was wir Geist nen­nen. (52)

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Tout ceci im­pli­que une no­ti­on du Réel, bien sûr. (31)

All dies im­pli­ziert ei­nen Be­griff des Rea­len, si­cher. (52)

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Bien sûr qu’il faut que nous la fas­si­ons dis­tinc­te du Sym­bo­li­que et de l’Imaginaire. (31)

Si­cher ist, wir müs­sen ihn so bil­den, dass er sich vom Sym­bo­li­schen und vom Ima­gi­nä­ren un­ter­schei­det. (52)

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Le seul en­nui, [65] c’est bien le cas de le dire, vous ver­rez tout à l’heure pour­quoi, c’est que le Réel fas­se sens dans cet­te af­fai­re, alors que si vous creu­sez ce que je veux dire par cet­te no­ti­on du Réel, il ap­pa­raît que c’est pour au­tant qu’il n’a pas de sens, qu’il ex­clut le sens, ou plus ex­ac­te­ment qu’il se dé­po­se d’en être ex­clu, que le Réel se fon­de. (31)

Är­ger­lich ist nur – das kann man hier wirk­lich sa­gen, Sie wer­den gleich se­hen, war­um –, dass das Rea­le in die­ser Sa­che Sinn macht, wäh­rend sich doch zeigt – wenn Sie das aus­gra­ben, was ich mit die­sem Be­griff des Rea­len sa­gen will –, dass sich das Rea­le von da­her be­grün­det, dass es kei­nen Sinn hat, dass es den Sinn aus­schließt, oder ge­nau­er, dass es sich da­durch ab­la­gert, dass es aus ihm aus­ge­schlos­sen wird. (52)

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Voi­là, je vous ra­con­te ça com­me je le pen­se. (32)

So, ich er­zäh­le Ih­nen das, wie ich es den­ke. (52)

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C’est pour que vous le sa­chiez que je vous le dis. (32)

Da­mit Sie es wis­sen, sage ich es Ih­nen. (52)

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La for­me la plus dé­pour­vue de sens de ce qui pour­tant s’imagine, c’est la con­si­s­tan­ce. (32)

Die am meis­ten von Sinn ent­klei­de­te Ge­stalt, die gleich­wohl ima­gi­niert wird, ist die Kon­sis­tenz. (52)

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Rien ne nous force, hein, à ima­gi­ner la con­si­s­tan­ce, fi­gu­rez-vous. Ouais… (32)

Nichts zwingt uns, nicht wahr, die Kon­sis­tenz zu ima­gi­nie­ren, stel­len Sie sich vor.16 (52)

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J’ai là un bou­quin qui s’appelle Sur­face and sym­bol qui ajou­te que c’est une étu­de… faut bien le sa­voir, car sans ce sous-tit­re com­ment le sau­rait-on ? …qui ajou­te The Con­sis­ten­cy of Ja­mes Joyce’s Ulys­ses, par Ro­bert Mar­tin Adams. (32)

Ich habe hier ein Buch mit dem Ti­tel Sur­face and sym­bol, mit dem Zu­satz, dass es eine Stu­die ist – man muss das schon wis­sen, denn wie wüss­te man das ohne die­sen Un­ter­ti­tel? –, der hin­zu­fügt The con­sis­ten­cy of Ja­mes Joyce’s Ulys­ses, von Ro­bert Mar­tin Adams.17 (52 f.)

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Il y a là com­me quel­que cho­se com­me un pres­sen­ti­ment de la dis­tinc­tion de l’Imaginaire et du Sym­bo­li­que. (32)

Es gibt dar­in so et­was wie eine Ah­nung der Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Ima­gi­nä­rem und dem Sym­bo­li­schem. (53)

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À preuve : un cha­pit­re, où après avoir in­ti­tu­lé le li­v­re Sur­face and sym­bol, un cha­pit­re tout en­t­ier qui s’interroge, je veux dire qui met un point d’interrogation sur Sur­face or sym­bol, sur­face ou sym­bo­le? (32)

Zum Be­weis: ein Ka­pi­tel, wo, nach­dem das Buch Sur­face and sym­bol be­ti­telt wur­de, ein gan­zes Ka­pi­tel, in dem ge­fragt wird, ich mei­ne, in dem ein Fra­ge­zei­chen hin­ter Sur­face or sym­bol ge­setzt wird, „Ober­flä­che oder Sym­bol?“ (53)

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La con­si­s­tan­ce là, qu’est-ce que ça veut dire ? (32)

Die Kon­sis­tenz hier, was be­deu­tet das? (53)

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Ça veut dire ce qui ti­ent en­sem­ble, et c’est bien pour ça que c’est sym­bo­li­sé, dans l’occasion, par la sur­face, par­ce que, pau­vres de nous, nous n’avons idée de con­si­s­tan­ce que de ce qui fait sac ou tor­chon, c’est la pre­miè­re idée que nous en avons. (32)

Das be­deu­tet: das, was zu­sam­men­hält, und eben des­halb wird es hier durch die Ober­flä­che sym­bo­li­siert, weil wir, arm wie wir sind, eine Vor­stel­lung von der Kon­sis­tenz nur durch das ha­ben, was ein Sack ist oder ein Lap­pen, das ist die ers­te Vor­stel­lung, die wir da­von ha­ben. (53)

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Même le corps, c’est com­me peau re­ten­ant dans son sac un tas d’organes, que nous le sen­tons. (32)

Selbst den Kör­per spü­ren wir als Haut, die in ih­rem Sack ei­nen Hau­fen Or­ga­ne zu­sam­men­hält.18 (53)

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En d’autres ter­mes, cet­te con­si­s­tan­ce mont­re la cor­de. (32)

Mit an­de­ren Wor­ten, die­se Kon­sis­tenz ist fa­den­schei­nig. (53)

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Mais la ca­pa­cité d’abstraction ima­gi­na­ti­ve est si fai­ble que de cet­te cor­de… cet­te cor­de mon­trée com­me ré­si­du de la con­si­s­tan­ce …que de cet­te cor­de, elle ex­clut le nœud. (32)

Aber die Fä­hig­keit zur ima­gi­na­ti­ven Abs­trak­ti­on ist so ge­ring, dass sie aus die­sem Fa­den, dem durch­schei­nen­den Fa­den als Über­bleib­sel der Kon­sis­tenz, dass sie aus die­sem Fa­den den Kno­ten aus­schließt. (53)

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Or, c’est là-des­sus – peut-être – que je peux ap­por­ter le seul grain de sel dont en fin de comp­te je me re­con­nais­se re­spons­able : dans une cor­de, le nœud est tout ce qui ex-sis­te… au sens prop­re du ter­me, tel que je l’écris …est tout ce qui ex-sis­te à pro­pre­ment par­ler. (32)

Das ist viel­leicht das, wozu ich das ein­zi­ge biss­chen Senf bei­steu­ern kann, für das ver­ant­wort­lich zu sein ich letzt­lich an­er­ken­ne: bei ei­nem Fa­den ist der Kno­ten al­les, was ex-sis­tiert – im ei­gent­li­chen Sinn des Aus­drucks, so wie ich ihn schrei­be –, ist er al­les, was recht ei­gent­lich ex-sis­tiert.19 (53)

.

Ce n’est pas pour rien. (32)

Und das nicht ohne Grund. (53)

.

Je veux dire ce n’est pas sans cau­se cachée que j’ai dû, pour ce nœud, y mé­na­ger un ac­cès : com­men­cer par la chaî­ne où il y a des élé­ments qui sont dis­tincts. (32)

Ich will sa­gen, es war nicht ohne ver­bor­ge­ne Ur­sa­che, dass ich für die­sen Kno­ten ei­nen be­stimm­ten Zu­gang her­stel­len muss­te, mit der Ver­schlin­gung be­gin­nen muss­te, wo es Ele­men­te gibt, die un­ter­schie­den sind. (53)

.

Élé­ments qui con­sis­tent alors en quel­que for­me de la cor­de, c’est-à-dire : ou bien en tant que c’est une droi­te que nous de­vons sup­po­ser in­fi­nie pour que le nœud ne se dé­noue pas, ou bien en tant que ce que j’ai ap­pelé rond de ficel­le, au­tre­ment dit, cor­de qui se noue à elle-même, ou plus ex­ac­te­ment qui se joint d’une épis­su­re de fa­çon à ce que le nœud à pro­pre­ment par­ler, n’en con­sti­tue pas la con­si­s­tan­ce, par­ce qu’il faut tout de même dis­tin­guer con­si­s­tan­ce et nœud. (32)

Ele­men­te, die dann in ei­ner be­stimm­ten Fa­den­form zu­sam­men­hal­ten, kon­sis­tie­ren, das heißt: ent­we­der in­so­fern als das eine Ge­ra­de ist, die wir als un­end­lich an­neh­men müs­sen, da­mit der Kno­ten sich nicht auf­löst, oder als das, was ich Fa­den­ring ge­nannt habe, an­ders ge­sagt, ein Fa­den, der mit sich selbst ver­knüpft ist, oder ge­nau­er ge­sagt, der durch ei­nen Spleiß mit sich ver­bun­den ist, der­art, dass der Kno­ten im ei­gent­li­chen Sinn nicht des­sen Kon­sis­tenz bil­det, weil man Kon­sis­tenz und Kno­ten durch­aus un­ter­schei­den muss.20 (53)

.

Le nœud ex-sis­te, ex-sis­te à l’élément cor­de, cor­de con­si­stan­te. (32)

Der Kno­ten ex-sis­tiert, ex-sis­tiert dem Ele­ment Fa­den, dem kon­sis­ten­ten Fa­den.21 (53)

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[66] Un nœud donc, ça peut se fai­re. (32)

Ein Kno­ten also, das kann ge­macht wer­den. (53)

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C’est bien pour ça que j’en ai pris le che­mi­ne­ment, de ra­bou­ta­ges élé­men­taires. (32)

Eben des­halb habe ich die­se Vor­ge­hens­wei­se ge­wählt, mit der An­ein­an­der­fü­gung von Ele­men­ten. (53)

.

J’ai pro­cédé com­me ça par­ce que il m’a sem­blé que c’était le plus di­dac­tique, vu la men­ta­lité… y a pas be­soin de dire plus …la sen­ti-men­ta­lité prop­re au par­lêt­re, la men­ta­lité en tant que, puisqu’il la sent, il en sent le far­deau, la men­ta­lité en tant qu’il ment. (32)

Ich bin so ver­fah­ren, weil mir schien, dass dies am di­dak­tischs­ten sei, in An­be­tracht der Men­ta­li­tät – mehr muss ich nicht sa­gen –, der dem Sprech­we­sen ei­ge­ne Sen­ti-Men­ta­li­tät, der Men­ta­li­tät, in­so­fern es, da es sie spürt, ihre Bür­de spürt, der Men­ta­li­tät, in­so­fern es lügt (ment). (54)

.

C’est un fait. (32)

Das ist Fakt.22 (54)

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Qu’est-ce qu’un fait ? (32)

Was ist ein Fakt?23 (54)

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C’est jus­tement lui qui le fait : (32)

Es macht es ja selbst. (54)

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Il n’y a de fait que du fait que le par­lêt­re le dise. (32)

Ein Fak­tum gibt es nur auf­grund des Fakts, dass das Sprech­we­sen es sagt. (54)

.

Il n’y a pas d’autres faits que ceux que le par­lêt­re re­con­naît com­me tels en les disant. (32)

Es gibt kei­ne an­de­ren Fak­ten als die­je­ni­gen, die das Sprech­we­sen als sol­che da­durch (an)erkennt, dass es sie sagt. (54)

.

Il n’y a de fait que d’artifice. (32)

Ein Fak­tum gibt es nur durch ein Ar­te­fakt. (54)

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Et c’est un fait qu’il ment, c’est-à-dire qu’il in­stau­re dans la re­con­nais­sance de faux faits. (32)

Und es ist Fakt, dass es lügt, das heißt, dass es in der (An-)Erkenntnis fal­sche Fak­ten eta­bliert. (54)

.

Ceci par­ce qu’il a de la men­ta­lité, c’est-à-dire de l’amour prop­re. (32)

Dies ist des­halb so, weil es Men­ta­li­tät hat, das heißt Ei­gen­lie­be.24 (54)

.

C’est le princi­pe de l’imagination : il ado­re son corps. (32)

Das ist das Prin­zip der Ima­gi­na­ti­on: es be­tet sei­nen Kör­per an. (54)

.

Il l’adore par­ce qu’il croit qu’il l’a. (32)

Es be­tet ihn an, weil es glaubt, dass es ihn hat.25 (54)

.

En réa­lité il l’a pas… mais son corps est sa seu­le con­si­s­tan­ce : men­ta­le bien en­ten­du … (32)

In Wirk­lich­keit hat es ihn nicht, aber sein Kör­per ist sei­ne ein­zi­ge Kon­sis­tenz, al­ler­dings eine men­ta­le. (54)

.

Son corps fout le camp à tout in­stant, c’est déjà as­sez mi­ra­cu­leux qu’il sub­sis­te du­rant un temps, le temps de cet­te con­som­ma­ti­on qui est de fait – du fait de le dire – in­exor­able. In­exor­able en ceci que rien n’y fait, par­ce qu’elle n’est pas ré­sorp­ti­ve. (33)

Sein Kör­per haut in je­dem Mo­ment ab, es grenzt schon an ein Wun­der, dass er eine Zeit­lang be­stehen bleibt, für die Zeit je­nes Ver­zehrs, der de fac­to, auf­grund des Fak­t­ums, dass es ge­sagt wird, un­er­bitt­lich ist, weil er nicht re­sorp­tiv ist, nichts zu ma­chen.26 (54)

.

C’est un fait con­sta­té même chez les ani­maux : le corps ne s’évapore pas, il est con­si­stant. (33)

Das ist ein selbst bei Tie­ren fest­ge­stell­tes Fak­tum: der Kör­per ver­flüch­tigt sich nicht, er ist kon­sis­tent. (54)

.

Et c’est ce qui lui est – à la men­ta­lité – an­ti­pa­thi­que, uni­que­ment par­ce que – elle – elle y croit d’avoir un corps à ado­rer.

Und da­ge­gen ist sie, die Men­ta­li­tät, an­ti­pa­thisch, ein­zig des­we­gen, weil sie dar­an glaubt, ei­nen Kör­per zum An­be­ten zu ha­ben.27 (54)

.

C’est la ra­ci­ne de l’Imaginaire. (33)

Das ist die Wur­zel des Ima­gi­nä­ren. (54)

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Je le pan­se – p.a.n.s.e, c’est-à-dire je le fais pan­se – donc je l’essuie. (Ge­läch­ter) (33)

Je le pan­se, ich ver­sor­ge es, p, a, n, s, e, das heißt, ich mach’s zu Pan­sen, donc je l’essuie, also wisch ich’s ab.28 (Ge­läch­ter) (54)

.

C’est à ça que ça se ré­su­me. (33)

Dar­auf läuft das hin­aus.29 (54)

.

C’est le se­xu­el qui ment là-dedans, de trop s’en ra­con­ter, fau­te de l’abstraction ima­gin­aire dite plus haut, cel­le qui se ré­du­it à la con­si­s­tan­ce.

Es ist das Ge­schlecht­li­che, das dar­in lügt, in­dem es zu viel von sich er­zählt, man­gels der oben ge­nann­ten ima­gi­nä­ren Abs­trak­ti­on, der­je­ni­gen, die sich auf die Kon­sis­tenz reduziert.(54)

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Car le con­cret, le seul que nous con­nais­si­ons, c’est tou­jours l’adoration se­xu­el­le, c’est-à-dire la mé­pri­se, au­tre­ment dit le mé­pris. (33)

Denn das Kon­kre­te, das ein­zi­ge, was wir (er)kennen, ist im­mer die se­xu­el­le An­be­tung, das heißt der Miss­griff, an­ders ge­sagt die Ver­ach­tung. (54)

.

Ce qu’on ado­re est sup­po­sé – con­fer le cas de Dieu – n’avoir au­cu­ne men­ta­lité. (33)

Was man an­be­tet, dem wird un­ter­stellt – sie­he den Fall Got­tes – kei­ner­lei Men­ta­li­tät zu ha­ben. (54)

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Ce qui n’est vrai que pour le corps con­s­idé­ré com­me tel, je veux dire ado­ré, puis­que c’est le seul rap­port que le par­lêt­re a à son corps. (33)

Was nur wahr ist für den als sol­chen auf­ge­fass­ten Kör­per, ich will sa­gen für den an­ge­be­te­ten, da dies das ein­zi­ge Ver­hält­nis ist, wel­ches das Sprech­we­sen zu sei­nem Kör­per hat. (54)

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Au point, que quand il en ado­re un aut­re – un aut­re corps – c’est tou­jours su­spect, car cela com­por­te le même mé­pris vé­ri­ta­ble, puisqu’il s’agit de vé­rité. (33)

Was so weit geht, dass es stets ver­däch­tig ist, wenn es ei­nen an­de­ren an­be­tet, ei­nen an­de­ren Kör­per; denn dies be­inhal­tet die­sel­be wahr­haf­te Ver­ach­tung, denn es geht da­bei um Wahr­heit. (54)

.

Qu’est-ce que la vé­rité com­me di­sait l’autre ? (33)

Was ist Wahr­heit? wie mal je­mand ge­sagt hat.30 (55)

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Qu’est-ce que « dire »… com­me pen­dant le dé­but du temps où je dé­con­nais, on me repro­chait de ne pas le dire …qu’est-ce que « dire le vrai sur le vrai » ? (33)

Was heißt es, zu sa­gen – da man mir zu der Zeit, als ich an­fing, Stuss zu re­den, vor­ge­wor­fen hat, es nicht zu sa­gen –, was heißt es, das Wah­re über das Wah­re zu sa­gen?31 (55)

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C’est fai­re rien de plus que ce que j’ai fait ef­fec­tive­ment : suiv­re à la trace le Réel, le Réel qui ne con­sis­te et qui n’ex-siste que dans le nœud.

Das heißt, nichts an­de­res zu tun als das, was ich tat­säch­lich ge­tan habe: der Spur des Rea­len zu fol­gen, des Rea­len, das nur im Kno­ten kon­sis­tiert und ex-sis­tiert. (55)

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[67] Fonc­tion de la hâte, hein ! (33)

Die Funk­ti­on der Hast, ja.32 (55)

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Il faut que je me hâte, hein ! (33)

Ich muss mich be­ei­len, ja. (55)

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Na­tu­rel­le­ment j’arriverai pas au bout, quoi­que je n’ai pas musar­dé ! (33)

Na­tür­lich wer­de ich nicht zum Ende kom­men, ob­wohl ich nicht her­um­ge­trö­delt habe. (55)

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Mais bou­cler le nœud im­pru­dem­ment, ça veut sim­ple­ment dire al­ler un peu vite. (33)

Aber den Kno­ten un­vor­sich­tig zu schlin­gen, das heißt ganz ein­fach, ein biss­chen schnell zu sein. (55)

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Le nœud peut-être que je fais là, ce­lui de droi­te ou ce­lui de gau­che est peut-être un peu in­suf­fi­sant. (33)

Der Kno­ten viel­leicht, den ich ma­che, der hier rechts oder der links, ist viel­leicht ein biss­chen un­zu­rei­chend. (55)

.

C’est même pour ça que j’en ai cher­ché où il y ait plus de croi­se­ments que ça. (33)

Eben des­halb habe ich wel­che ge­sucht, bei de­nen es mehr Über­kreu­zun­gen gibt als hier. (55)

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Mais te­nons-nous en au princi­pe, au princi­pe qu’il faut en som­me avoir trou­vé. (33)

Aber hal­ten wir uns ans Prin­zip, an das Prin­zip, das man schließ­lich ge­fun­den ha­ben muss. (55 f.)

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J’y ai été con­du­it par le rap­port se­xu­el, c’est-à-dire par l’hystérie, en tant qu’elle est la der­niè­re réa­lité per­cep­ti­ble… com­me Freud l’a aper­çu fort bien …la der­niè­re – ὕστερον [hus­te­ron] – réa­lité, sur ce qu’il en est du rap­port se­xu­el, pré­cis­é­ment. (33)

Ich bin durch das se­xu­el­le Ver­hält­nis da hin­ge­führt wor­den, das heißt durch die Hys­te­rie, in­so­fern sie die letz­te wahr­nehm­ba­re Rea­li­tät ist, wie Freud sehr gut ge­merkt hat, die letz­te – hys­te­ron – Rea­li­tät ge­nau des­sen, wie es um das se­xu­el­les Ver­hält­nis steht.33 (56)

.

C’est là que Freud en a appris le b.a.ba. (33)

Da hat Freud sein Abc ge­lernt. (56)

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Ce qui l’a pas em­pê­ché de po­ser la ques­ti­on WwdW : « Was will das Weib ? » (33)

Das hat ihn nicht dar­an ge­hin­dert, die WwdW-Fra­ge zu stel­len: „Was will das Weib?“ (56)

.

Il ne fai­sait qu’une err­eur : il pen­sait qu’il y avait das Weib. (33)

Er be­ging nur ei­nen Irr­tum, er dach­te, es gäbe das Weib*.34 (56)

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Il n’y a que ein Weib : W, w, e, W – WweW [in ei­nem Wort ge­spro­chen: vef]. (33)

Es gibt nur ein Weib*: W, w, e, W – WweW [als Wort ge­spro­chen: wef]. (56)

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Alors main­ten­ant quand même, je vais vous don­ner – com­me ça – un pe­tit bout à man­ger. Voi­là. (33)

So, nun wer­de ich Ih­nen doch mal ein Eck­chen zu bei­ßen ge­ben. Also los. (56)

.

Je vou­d­rais il­lus­trer ça, il­lus­trer ça de quel­que cho­se qui fas­se sup­port, et qui est bien ce dont il s’agit dans la ques­ti­on. (33)

Ich möch­te das mit et­was il­lus­trie­ren, mit et­was il­lus­trie­ren, was eine Stüt­ze ab­gibt, und was ge­nau das ist, wor­um es bei die­ser Fra­ge geht. (56)

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J’ai déjà par­lé, dans un temps, de l’énigme. (33)

Ich habe frü­her schon mal vom Rät­sel ge­spro­chen.35 (56)

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J’ai écrit ça grand E in­di­ce pe­tit e : Ee. (33)

Ich habe es groß E In­dex klein e ge­schrie­ben: Ee.36 (56)

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Il s’agit de l’énonciation et de l’énoncé. (33)

Es geht da­bei um die Äu­ße­rung und das Aus­ge­sag­te.37 (56)

.

Une énig­me, com­me le nom l’indique, est une énon­cia­ti­on tel­le qu’on n’en trouve pas l’énoncé. (33)

Ein Rät­sel ist, wie der Name schon sagt, eine Äu­ße­rung, die so ist, dass man nicht fin­det, was dar­in aus­ge­sagt wird.38 (56)

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Dans le bou­quin dont je vous par­lais tout à l’heure, ce­lui d’R. M. Adams … plus fa­ci­le, je l’espère, à trou­ver que ce fa­meux Por­trait of the Ar­tist as a Young Man, que vous pou­vez trou­ver quand même, à cet­te seu­le con­di­ti­on de ne pas exi­ger d’avoir au bout tout le cri­ti­cis­me que Ches­ter An­der­son a pris soin d’y ra­jou­ter …Sur­face and Sym­bolest édité à Ox­ford Uni­ver­si­ty Press, c’est fa­ci­le à avoir, Ox­ford Uni­ver­si­ty Press a aus­si un bu­reau à New York. (Ge­läch­ter)

In dem Buch, über das ich eben zu Ih­nen sprach, dem von R. M. Adams –, leich­ter zu fin­den, hof­fe ich, als die­ses be­rühm­te Por­trait of the ar­tist as a young man, das Sie zwar fin­den kön­nen, je­doch nur un­ter der Vor­aus­set­zung, dass Sie nicht ver­lan­gen, am Ende den gan­zen Kri­ti­zis­mus zu ha­ben, den Ches­ter An­der­son als Her­aus­ge­ber hin­zu­ge­fügt hat –, Sur­face and sym­bol ist bei Ox­ford Uni­ver­si­ty Press er­schie­nen, es ist leicht zu be­kom­men, Ox­ford Uni­ver­si­ty Press hat auch in New York ein Büro.39 (Ge­läch­ter) (56)

.

Bon, alors là, dans ce R. M. Adams, vous y trou­ver­ez quel­que cho­se qui a son prix. (33)

Gut, da also, bei die­sem R. M. Adams, wer­den Sie et­was fin­den, das sei­nen Wert hat. (56)

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[68] C’est à sa­voir que dans les pre­miers cha­pi­tres de Ulys­ses, quand il va pro­fes­ser au­près de ce menu peup­le qui con­sti­tue une clas­se, si mon sou­ve­nir est bon, à Tri­ni­ty Col­lège, Joy­ce… c’est-à-dire, non pas Joy­ce, mais Ste­phen …Ste­phen c’est-à-dire le Joy­ce qu’il ima­gi­ne et – com­me Joy­ce n’est pas un sot – qu’il n’adore pas, bien loin de là, il suf­fit qu’il par­le de Ste­phen pour ri­ca­ner. (33)

Näm­lich dass in den ers­ten Ka­pi­teln des Ulys­ses, als er je­nes Völk­chen un­ter­rich­tet, das eine Klas­se bil­det – im Tri­ni­ty Col­le­ge, wenn mein Ge­dächt­nis mich nicht täuscht –, Joy­ce, das heißt nicht Joy­ce, son­dern Ste­phen, Ste­phen, das heißt der Joy­ce, den er ima­gi­niert, und, da Joy­ce kein Trot­tel ist, den er nicht an­be­tet, al­les an­de­re als das, es ge­nügt, dass er von Ste­phen spricht, um höh­nisch zu wer­den.40 (56)

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C’est pas très loin de ma po­si­ti­on quand même, quand je par­le de moi, quand je par­le en tout cas de ce que je vous ja­spi­ne. (33)

Das ist im­mer­hin nicht sehr weit von mei­ner Po­si­ti­on ent­fernt, wenn ich über mich spre­che, je­den­falls wenn ich über das spre­che, was ich Ih­nen vor­schwat­ze. (56 f.)

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Alors, en quoi con­sis­te l’énigme ? (33)

Also, wor­aus be­steht ein Rät­sel? (57)

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C’est un art que j’appellerai d’entre-les-lignes pour fai­re al­lu­si­on à la cor­de. (34)

Es ist eine Kunst, die ich eine Kunst des Zwi­schen-den-Zei­len nen­nen möch­te, um da­mit auf die Schnur an­zu­spie­len. (57)

.

On voit pas pour­quoi les li­gnes de ce qui est écrit, ça ne se­rait pas noué par une se­con­de cor­de. (34)

Es ist nicht ein­zu­se­hen, war­um die Zei­len des Ge­schrie­be­nen nicht durch eine zwei­te Schnur ver­knüpft wä­ren.41 (57)

.

Je me suis mis com­me ça à rê­ver, et je dois dire que tout ce que j’ai pu con­som­mer d’histoire de l’écriture, voi­re de théo­rie de l’écriture… il y a un nom­mé Fé­vri­er qui a fait l’His­toire de l’écriture, – il y en a un aut­re qui s’appelle Gelb42 qui a fait une théo­rie de l’écriture …l’écriture ça m’intéresse puis­que je pen­se qu’historiquement c’est par des pe­tits bouts d’écriture qu’on est ren­tré dans le Réel à sa­voir qu’on a ces­sé d’imaginer, que l’écriture pe­ti­tes lettres, des pe­ti­tes lettres ma­t­hé­ma­ti­ques c’est ça qui sup­por­te le Réel. (34)

Ich habe mich der­ge­stalt ans Träu­men ge­macht, und ich muss sa­gen, dass al­les, was ich von der Ge­schich­te der Schrift auf­neh­men konn­te so­wie von der Theo­rie der Schrift – es gibt ei­nen ge­wis­sen Fé­vri­er, der die Ge­schich­te der Schrift ver­fasst hat, es gibt ei­nen an­de­ren, der Gelb heißt, und der eine Theo­rie der Schrift ver­fasst hat –; die Schrift, das in­ter­es­siert mich, weil ich also den­ke, dass man his­to­risch durch klei­ne Stü­cke Schrift ins Rea­le ge­langt ist, näm­lich dazu, dass man auf­ge­hört hat zu ima­gi­nie­ren, dass die Schrift der klei­nen ma­the­ma­ti­schen Buch­sta­ben das ist, was das Rea­le stützt.43 (57)

.

Mais – bon Dieu ! – com­ment ça se fait ? (34)

Aber lie­ber Gott, wie wird das ge­macht? (57)

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J’ai fran­chi – com­me ça – quel­que cho­se qui me sem­ble, di­sons vrai­sem­bla­ble. (34)

Ich habe so den Schritt zu et­was ge­macht, das mir, sa­gen wir, wahr­schein­lich er­scheint.

.

Je me suis dit que l’écriture ça de­vait tou­jours avoir quel­que cho­se à fai­re avec la fa­çon dont nous écri­vons le nœud.

Ich habe mir ge­sagt, dass die Schrift stets et­was zu tun ha­ben müs­se mit der Art und Wei­se, wie wir den Kno­ten schrei­ben. (57)

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Il est évi­dent qu’un nœud ça s’écrit com­me ça couram­ment : (34)

Kleeblattknoten mit S, zu Jacques Lacan, Seminar 23

Of­fe­ner Klee­blatt­kno­ten

Es ist of­fen­sicht­lich, dass ein Kno­ten üb­li­cher­wei­se so ge­schrie­ben wird.44 (57)

.

Ça don­ne déjà un S, | [69] c’est-à-dire quel­que cho­se qui a tout de même beau­coup de rap­port avec l’instance de la lett­re, tel­le que je la sup­por­te. (34)

Das er­gibt be­reits ein S, das heißt also et­was, das im­mer­hin schon in vie­len Be­zie­hun­gen steht zur In­stanz des Buch­sta­bens, so wie ich ihn stüt­ze.45 (57)

.

Et puis ça don­ne un corps, un corps com­me ça, vrai­sem­bla­ble à la be­au­té. (34)

Und dann gibt das ei­nen Kör­per, ei­nen sol­chen Kör­per, wahr­schein­lich für die Schön­heit. (57)

.

Par­ce qu’il faut dire que il y avait un nom­mé Ho­garth qui s’était beau­coup in­ter­ro­gé sur la be­au­té, et qui pen­sait que la be­au­té, ça avait tou­jours quel­que cho­se à fai­re avec cet­te dou­ble in­fle­xi­on : (34)

Hogarth The analysis of beautyWeil man sa­gen muss, dass es ei­nen ge­wis­sen Ho­garth gab, der sich viel Ge­dan­ken über die Schön­heit ge­macht hat, und der dach­te, dass die Schön­heit im­mer et­was mit die­ser dop­pel­ten Bie­gung zu tun habe.46 (57)

.

C’est une con­ne­rie, bien en­ten­du. (34)

Das ist na­tür­lich Spin­ne­rei. (57)

.

Mais en­fin, ça ten­drait à rat­ta­cher la be­au­té à quel­que cho­se d’autre qu’à l’obscène, c’est-à-dire au Réel. (34)

Aber das gin­ge in die Rich­tung, die Schön­heit mit et­was an­de­rem zu ver­bin­den als mit dem Ob­szö­nen, d.h. dem Rea­len. (57)

.

Il n’y au­rait en som­me que l’écriture de bel­le [ich höre hier­nach «s’y lise», RN], ce qui… pour­quoi pas ? Bon ! (34)

Es gäbe letzt­lich Schrift nur als schö­ne [un­ver­ständ­lich, viel­leicht „ge­le­sen wird“], was … war­um nicht? Gut. (57)

.

Bon, mais re­venons à Ste­phen, qui com­mence aus­si par un S.

Gut, aber kom­men wir zu Ste­phen zu­rück, der eben­falls mit ei­nem S an­fängt. (57)

.

Ste­phen c’est Joy­ce en tant qu’il dé­chif­fre sa prop­re énig­me. (34)

Ste­phen, das ist Joy­ce, in­so­fern die­ser sein ei­ge­nes Rät­sel ent­zif­fert.47 (57 f.)

.

Il ne va pas loin. (34)

Er geht nicht weit. (58)

.

Il ne va pas loin par­ce qu’il croit à tous ses sym­ptô­mes. (34)

Er geht nicht weit, weil er an all sei­ne Sym­pto­me glaubt. (58)

.

Ouais… c’est très frap­pant. (34)

Ja, das ist sehr frap­pie­rend. (58)

.

Il com­mence par… Il com­mence – il a com­men­cé bien avant : il a cracho­té quel­ques pe­tits morceaux, des poè­mes même… (34)

Er fängt an mit, er fängt an, er hat weit vor­her an­ge­fan­gen, er hat ei­ni­ge klei­ne Stü­cke aus­ge­spuckt, Ge­dich­te so­gar.48 (58)

.

Les poè­mes, c’est pas ce qu’il a fait de mieux. (34)

Die Ge­dich­te, das ist nicht das Bes­te, was er ge­macht hat. (58)

.

Ma foi, il croit à des cho­ses.

Mein Gott, schließ­lich glaubt er an Sa­chen. (58)

.

Il croit à la « con­sci­ence in­créée de sa race ». (34)

Er glaubt an das „un­ge­schaf­fe­ne Gewissen/ Be­wusst­sein sei­nes Vol­kes“.49 (58)

.

C’est com­me ça que ça se ter­mi­ne, Le Por­trait de l’Artiste com­me – con­s­idé­ré com­me – un jeu­ne hom­me. (34)

So en­det das, das Por­trät des Künst­lers als, be­trach­tet als, jun­ger Mann.50 (58)

.

Il est évi­dent que ça va pas loin. (34)

Es ist of­fen­sicht­lich, dass das nicht weit führt. (58)

.

Mais en­fin, il ter­mi­ne bien. Ouais ! (34)

Aber schließ­lich en­det er gut, ja. (58)

.

Il y a « Old Fa­ther , 27 Avril »… c’est la der­niè­re phra­se du Por­trait of an Ar­tist – of the Ar­tist ! – vous voy­ez, j’ai fait le lap­sus, hein ! Por­trait d’un Ar­tis­te, as a Young Man, alors qu’il se croyait The Ar­tist …« Old fa­ther, old ar­ti­fi­cer, stand me now and ever in good ste­ad » « Te­nez-moi au chaud d’alors et de main­ten­ant ». (34)

Da gibts „Old fa­ther, 27. April“, das ist der letz­te Satz des Por­trait of an Ar­tist, of the Ar­tist – se­hen Sie, ich habe den Lap­sus ge­macht: Por­trät ei­nes Künst­lers as a Young Man, wäh­rend er glaub­te, the ar­tist zu sein –, „Old fa­ther, old ar­ti­fi­cer, stand me now and ever in good ste­ad“: hal­tet mich warm einst und heu­te.51 (58)

.

C’est à son père qu’il adres­se cet­te priè­re, son père qui jus­tement se dis­tin­gue d’être – bof – ce que nous pou­vons ap­pe­ler un père in­di­gne, un père ca­rent, ce­lui que dans tout Ulys­ses il se met­t­ra à cher­cher sous des es­pè­ces où il le trouve à au­cun de­gré, par­ce que il y a évi­dem­ment un père quel­que part qui est Bloom, un père qui se cher­che un fils. (35)

Es ist sein Va­ter, an den er die­ses Ge­bet rich­tet, sein Va­ter, der sich ge­ra­de da­durch aus­zeich­net, dass er, na ja, wir kön­nen ihn letzt­lich so nen­nen, ein un­wür­di­ger Va­ter ist, ein aus­fal­len­der Va­ter, ei­ner, den er im gan­zen Ulys­ses in Ge­stal­ten su­chen wird, in de­nen er ihn nicht im ge­rings­ten Maße fin­det, weil es of­fen­kun­dig ir­gend­wo ei­nen Va­ter gibt, näm­lich Bloom, ei­nen Va­ter, der sich ei­nen Sohn sucht.52 (58)

.

Mais Ste­phen lui op­po­se un « très peu pour moi, après le père que j’ai eu, j’en ai sou­pé : plus de père ! » (35)

Aber Ste­phen ent­geg­net ihm ein „Ohne mich, bei dem Va­ter, den ich ge­habt habe, da­von habe ich die Nase voll, kei­nen Va­ter mehr.“53 (58)

.

Et sur­tout que ce Bloom, ce Bloom en ques­ti­on n’est pas ten­tant. (35)

Und vor al­lem ist die­ser Bloom, die­ser frag­li­che Bloom, nicht ver­lo­ckend. (58)

.

Mais en­fin, il est sin­gu­lier qu’il y ait cet­te gra­vi­ta­ti­on ent­re les pen­sées de Bloom et de Ste­phen qui se pour­suiv­ent pen­dant tout le ro­man, et même au point que le Adams… dont le nom re­spi­re plus de jui­ve­rie que Blooms …que le Adams soit très frap­pé de cer­ta­ins pe­tits in­di­ces qu’il dé­cou­vre, qu’il dé­cou­vre sin­gu­liè­re­ment com­me étant par trop in­vrai­sem­bla­ble d’attribuer à Bloom une con­nais­sance de Shake­speare que ma­ni­fes­tement il n’a pas, une con­nais­sance de Shake­speare qui d’ailleurs n’est pas, n’est pas du tout for­cé­ment la bon­ne, quoi­que ce soit cel­le que Ste­phen ait, par­ce que c’est sup­po­ser à Shake­speare des re­la­ti­ons avec un cer­tain her­bo­ris­te qui ha­bi­tait | [70] dans le même coin que Shake­speare à Lond­res, et que mal­gré tout ça c’est vrai­ment pure sup­po­si­ti­on. (35)

Aber es ist schon ein­zig­ar­tig, dass es die­se Gra­vi­ta­ti­on zwi­schen den Ge­dan­ken von Bloom und de­nen von Ste­phen gibt, die sich durch den gan­zen Ro­man zie­hen, und so­gar bis zu dem Punkt, dass be­sag­ter Adams, des­sen Name mehr den Atem des Ju­den­vier­tels hat als der von Bloom, dass die­ser Adams sehr frap­piert ist we­gen ge­wis­ser klei­ner In­di­zi­en, die er ent­deckt, ins­be­son­de­re, dass es all­zu un­wahr­schein­lich ist, Bloom eine Kennt­nis Shake­speares zu­zu­schrei­ben, die er of­fen­sicht­lich nicht hat, eine Kennt­nis Shake­speares, die üb­ri­gens kei­nes­wegs un­be­dingt die rich­ti­ge ist, ob­wohl es die ist, die Ste­phen hat, weil sie dar­in be­steht, Shake­speare Be­zie­hun­gen zu ei­nem ge­wis­sen Bo­ta­ni­ker zu un­ter­stel­len, der in der­sel­ben Ecke von Lon­don wohn­te wie Shake­speare, und weil dies trotz al­lem wirk­lich eine blo­ße An­nah­me ist.54 (58)

.

Que la cho­se vi­en­ne à l’esprit de Bloom est quel­que cho­se qu’Adams sou­li­gne, sou­li­gne com­me dé­pas­sant les li­mi­tes de ce qui peut être jus­tement im­pu­té à Bloom. (35)

Dass die Sa­che Bloom in den Sinn kom­men könn­te, ist et­was, das Adams als et­was her­vor­hebt, das die Gren­zen des­sen über­schrei­tet, was Bloom zu Recht zu­ge­schrie­ben wer­den kann.55 (58 f.)

.

À la vé­rité il y a tout un cha­pit­re… qui est ce­lui dont je vous ai par­lé : Sur­face or sym­bol …il y a tout un cha­pit­re où il ne s’agit stric­te­ment que de ça. (35)

Tat­säch­lich gibt es ein gan­zes Ka­pi­tel, näm­lich das, von dem ich be­reits ge­spro­chen habe, Sur­face or sym­bol, es gibt ein gan­zes Ka­pi­tel, in dem es strikt nur dar­um geht. (59)

.

C’est au point qu’il cul­mi­ne dans un Ble­phen… puis­que tout à l’heure j’ai fait un lap­sus : Ble­phen et Stoom56 …Ble­phen et Stoom qui se ren­con­t­rent dans le tex­te du Ulys­ses, et qui mon­t­rent ma­ni­fes­tement que c’est pas seu­le­ment du même si­gni­fi­ant qu’ils sont faits, c’est vrai­ment de la même ma­tiè­re. (35)

Das geht so weit, dass es in ei­nem Ble­phen kul­mi­niert – da ich ge­ra­de ei­nen Lap­sus ge­macht habe –, in ei­nem Ble­phen und Stoom, Ble­phen und Stoom, die sich im Text des Ulys­ses be­geg­nen, und die of­fen­sicht­lich zei­gen, dass sie nicht nur aus dem­sel­ben Si­gni­fi­kan­ten ge­macht sind, son­dern wahr­haft aus der­sel­ben Ma­te­rie.57 (59)

.

Ulys­ses, c’est le té­moi­gna­ge de ce par quoi Joy­ce res­te en­ra­ci­né dans son père tout en le re­ni­ant, et c’est bien ça qui est son sym­ptô­me. (35)

Ulys­ses ist das Zeug­nis des­sen, wo­mit Joy­ce in sei­nem Va­ter ver­wur­zelt bleibt, den er zu­gleich ver­leug­net; und ge­nau das ist sein Sym­ptom. (59)

.

J’ai dit qu’il était le sym­ptô­me. (35)

Ich habe ge­sagt, er sei das Sym­ptom.58 (59)

.

Tou­te son œu­vre en est un long té­moi­gna­ge. (35)

Sein ge­sam­tes Werk ist da­für ein aus­führ­li­ches Zeug­nis. (59)

.

Exi­les, c’est vrai­ment l’approche de quel­que cho­se qui est pour lui, en­fin, le sym­ptô­me, le sym­ptô­me cen­tral, dont bien en­ten­du ce dont il s’agit c’est du sym­ptô­me fait de la ca­rence prop­re au rap­port se­xu­el. (35)

Exi­les, das ist wirk­lich die An­nä­he­rung an et­was, das für ihn letzt­lich das Sym­ptom ist, das zen­tra­le Sym­ptom, bei dem es na­tür­lich um das Sym­ptom geht, das aus dem Feh­len ge­macht ist, das dem se­xu­el­len Ver­hält­nis ei­gen ist.59 (59)

.

Mais cet­te ca­rence ne prend pas n’importe quel­le for­me. (35)

Aber die Form, die die­ses Feh­len an­nimmt, ist kei­nes­wegs be­lie­big. (59)

.

Il faut bien que cet­te ca­rence pren­ne une for­me, et cet­te for­me c’est cel­le de ce qui le noue à sa femme, à la­di­te Nora pen­dant le règ­ne de laquel­le il élucub­re les Exi­les, les Exilés com­me on l’a tra­du­it, alors que ça veut aus­si bien dire les Exils. (35)

Es ist durch­aus nö­tig, dass die­ses Aus­fal­len Ge­stalt an­nimmt, und die­se Ge­stalt ist die­je­ni­ge des­sen, was ihn mit sei­ner Frau ver­kno­tet, mit be­sag­ter Nora, wäh­rend de­rer Herr­schaft er die Exi­les aus­heckt, „Die Exi­lier­ten“, wie man das über­setzt hat, ob­wohl es eben­so­wohl „Die Exi­le“ be­deu­tet. (59)

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« Exils », il ne peut pas y avoir de meilleur ter­me pour ex­pri­mer le non-rap­port, et c’est bien au­tour de ce non-rap­port que tourne tout ce qu’il y a dans Exi­les. (35)

Exi­le“, es kann kei­nen bes­se­ren Ter­mi­nus ge­ben, um das Nicht­ver­hält­nis aus­zu­drü­cken, und um eben die­ses Nicht­ver­hält­nis dreht sich al­les, was es in Exi­les gibt. (59)

.

Le non-rap­port c’est bien ceci : c’est que, il y a vrai­ment au­cu­ne rai­son pour que une-femme-ent­re-au­tres il la ti­en­ne pour sa femme, que une-femme-ent­re-au­tres c’est aus­si bien cel­le qui a rap­port à n’importe quel aut­re hom­me. (35)

Das Nicht­ver­hält­nis ist eben dies, es be­steht dar­in, dass es kei­ner­lei Grund da­für gibt, dass er eine-Frau-un­ter-an­de­ren für sei­ne Frau hält, [es be­steht dar­in] dass eine-Frau-un­ter-an­de­ren eben­so gut die­je­ni­ge ist, die ein Ver­hält­nis mit ir­gend­ei­nem an­de­ren Mann hat. (59)

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Et c’est bien de ce n’importe-quel-autre-homme qu’il s’agit dans le per­son­na­ge qu’il ima­gi­ne et pour le­quel – à cet­te date de sa vie – il sait ou­vrir, ou­vri­er le choix de l’Une femme en ques­ti­on, qui n’est aut­re dans l’occasion que Nora. (35)

Und um die­sen ir­gend­ei­nen-an­de­ren-Mann geht es eben bei der Per­son, die er sich aus­denkt, und der er zu die­sem Zeit­punkt sei­nes Le­bens zu er­öff­nen weiß, zu er­öff­nen weiß die Wahl von der Ei­nen Frau, um die es geht, die hier nie­mand an­ders ist als Nora.60 (59)

.

Le Por­trait qu’il a fini à l’époque, cel­le que j’évoquais à pro­pos de « la con­sci­ence in­créée de sa race » à pro­pos de laquel­le il in­vo­que « l’artificer » par ex­cel­lence que se­rait son père, alors que c’est lui « l’artificer », que c’est lui qui sait ce qu’il a à fai­re, mais qui croit qu’il y a une con­sci­ence in­créée d’une race quel­con­que, en quoi c’est une gran­de il­lu­si­on. (35)

Das Por­trät, das er da­mals be­en­det hat, zu der Zeit, auf die ich im Hin­blick auf „das un­ge­schaff­ne Ge­wis­sen sei­nes Vol­kes“ ver­wie­sen habe, be­zo­gen auf die er den „ar­ti­fi­cer“ par ex­cel­lence an­ruft, der sein Va­ter sei, wäh­rend er doch selbst der „ar­ti­fi­cer“ ist, da er es ist, der weiß, was er zu tun hat, der je­doch glaubt, es gebe ein un­ge­schaf­fe­nes Ge­wis­sen ir­gend­ei­nes Vol­kes – was eine gro­ße Il­lu­si­on ist.61 (59 f.)

.

[71] Qui croit aus­si qu’il y a un « book of him­s­elf ».

Der auch glaubt, es gebe ein „book of him­s­elf“.62 (60)

.

Quel­le idée de se fai­re être un li­v­re ! (35)

Was für eine Idee, sich zu ei­nem Buch zu ma­chen! (60)

.

Ça ne peut ve­nir vrai­ment qu’à un poè­te ra­bou­gri, à un boug­re de poè­te. (35)

Auf so et­was kann wirk­lich nur ein ver­küm­mer­ter Dich­ter kom­men, ein Küm­mer­ling von Dich­ter. (60)

.

Pour­quoi ne dit-il pas plu­tôt qu’il est un nœud ? (35)

War­um sagt er nicht statt­des­sen, dass er ein Kno­ten ist?63 (60)

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Ulys­se, venons-en là. (35)

Kom­men wir zum Ulys­ses. (60)

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Qu’on puis­se l’analyser, car c’est sans au­cun dou­te ce que réa­li­se un cer­tain Shech­ner… com­me ça, pen­dant que je rêvais, j’ai cru qu’il s’appelait Che­cher64, c’était plus fa­ci­le à écri­re, non, il s’appelle Shech­ner, c’est re­g­rett­able, il n’est pas « Che­cher »65 du tout. (Ge­läch­ter) (35)

Dass man ihn ana­ly­sie­ren kann, denn das ist zwei­fel­los das, was ein ge­wis­ser Shech­ner tut – also, als ich träum­te, habe ich ge­glaubt, er hie­ße Che­cher, das war leich­ter zu schrei­ben; nein, er heißt Shech­ner; das ist scha­de, er ist über­haupt nicht Che­cher! (Ge­läch­ter)66 (60)

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Il s’imagine qu’il est ana­lys­te. (35)

Er stellt sich vor, dass er Ana­ly­ti­ker ist. (60)

.

Il s’imagine qu’il est ana­lys­te par­ce qu’il a lu beau­coup de li­v­res ana­ly­ti­ques… c’est une il­lu­si­on as­sez ré­pan­due, par­mi les ana­lys­tes jus­tement et alors, il ana­ly­se Ulys­se.

Er stellt sich vor, dass er Ana­ly­ti­ker ist, weil er vie­le ana­ly­ti­sche Bü­cher ge­le­sen hat – das ist eine recht weit ver­brei­te­te Il­lu­si­on, ge­ra­de un­ter Ana­ly­ti­kern –, und er ana­ly­siert also Ulys­ses. (60)

.

Ça don­ne, ça fait une im­pres­si­on ab­so­lu­ment ter­ri­fi­an­te… con­trai­re­ment à Sur­face and sym­bol …cet­te ana­ly­se d’Ulys­se, ex­haus­ti­ve na­tu­rel­le­ment, par­ce qu’on ne peut pas s’arrêter quand on ana­ly­se un bou­quin, n’est-ce-pas ? (35)

Das er­gibt, das ruft ei­nen ab­so­lut gräss­li­chen Ein­druck her­vor, im Ge­gen­satz zu Sur­face and sym­bol, die­se Ana­ly­se des Ulys­ses, er­schöp­fend na­tür­lich, weil man, wenn man ein Buch ana­ly­siert, nicht auf­hö­ren kann, nicht wahr? (60)

.

Freud quand même n’a fait là-des­sus que des ar­ti­cles, des ar­ti­cles li­mités, n’est-ce pas d’ailleurs, mis à part Dos­to­iev­ski, il n’a pas – à pro­pre­ment par­ler – ana­ly­sé de ro­man. (35)

Freud hin­ge­gen hat über so et­was nur Ar­ti­kel ge­schrie­ben, be­grenz­te Ar­ti­kel im Üb­ri­gen, nicht wahr, er hat, ab­ge­se­hen von Dos­to­jew­ski , im ei­gent­li­chen Sin­ne kei­nen Ro­man ana­ly­siert.67 (60)

.

Il a fait une pe­ti­te al­lu­si­on à Ros­mer­s­holm d’Ibsen, mais en­fin il s’est con­te­nu. (35)

Er hat eine klei­ne An­spie­lung auf Ros­mer­s­holm von Ib­sen ge­macht, aber letzt­lich hat er sich zu­rück­ge­hal­ten.68 (60)

.

Ça don­ne vrai­ment l’idée que l’imagination du ro­man­cier, je veux dire cel­le qui règ­ne dans Ulys­ses est à je­ter au pa­nier. (35)

Das führt wirk­lich zu der Idee, dass die Ein­bil­dungs­kraft des Ro­man­au­tors, ich mei­ne die­je­ni­ge, die im Ulys­ses herrscht, in den Pa­pier­korb zu wer­fen sei. (60)

.

C’est pas du tout – d’ailleurs – quel­que cho­se qui soit mon sen­ti­ment. (35)

Das ist im Üb­ri­gen kei­nes­wegs et­was, das mei­nem Ge­fühl ent­sprä­che.69 (60)

.

Mais il faut tout de même s’obliger à y ra­mas­ser dans cet Ulys­ses quel­ques vé­rités pre­miè­res, et c’est ce que j’abordais à pro­pos de l’énigme. (36)

Aber man muss sich gleich­wohl dazu ver­pflich­ten, in die­sem Ulys­ses ei­ni­ge ers­te Wahr­hei­ten auf­zu­sam­meln, und das habe ich mit dem Rät­sel be­gon­nen.70 (60)

.

Voi­là ce qu’à ses élè­ves pro­po­se le cher Joy­ce, Joy­ce sous les es­pè­ces de Ste­phen, com­me énig­me. (36)

Fol­gen­des also legt der lie­be Joy­ce, Joy­ce in der Er­schei­nungs­form Ste­phens, sei­nen Schü­lern als Rät­sel vor. (60)

.

C’est une énon­cia­ti­on : (36)

Das ist eine Äu­ße­rung.71 (60)

.

The cock crew
Le coq cria
The sky was blue:
The bells in hea­ven

Les clo­ches dans le ciel
Were striking ele­ven.
Etai­ent son­nant onze heu­res
T’is time for this poor soul
Il est temps pour cet­te pau­vre âme
To go to hea­ven.(36)

The cock crew
Der Hahn kräh­te
The sky was blue.
The bells in hea­ven

Die Glo­cken im Him­mel
Were striking ele­ven.
Wa­ren da­bei, elf Uhr zu schla­gen.
T is time for this poor soul
Es ist Zeit für die­se arme See­le
To go to hea­ven.72 (60)

.

[72] Je vous don­ne en mil­le quel­le est la clé, quel­le est la ré­pon­se. (36)

Ich wet­te, dass Sie den Schlüs­sel, die Ant­wort, nie er­ra­ten. (60 f.)

.

C’est cel­le qu’après – bien sûr – que tou­te la clas­se ait don­né sa lan­gue au chat, Joy­ce four­nit « The fox bu­ry­ing his grand­mo­ther un­der the bush », c’est : le renard en­ter­rant sa grand-mère sous un buis­son. (36)

Na­tür­lich erst nach­dem die gan­ze Klas­se die Waf­fen ge­streckt hat, wird sie von Joy­ce ge­lie­fert: „The fox bu­ry­ing his grand­mo­ther un­der the bush“, es ist der Fuchs, wie er sei­ne Groß­mut­ter un­ter ei­nem Busch be­gräbt.73 (61)

.

Ça n’a l’air de rien, mais il est in­con­testa­ble que, à côté de l’incohérence de l’énonciation… dont je vous fais re­mar­quer qu’elle est en vers, c’est-à-dire que c’est un poè­me, que c’est sui­vi, que c’est une créa­ti­on …qu’à côté de ça, ce fox, ce pe­tit renard qui en­t­erre sa grand-mère sous un buis­son, est vrai­ment une mi­sé­ra­ble cho­se, hein ! Ouais… (36)

Das sieht nach nichts aus, aber es ist un­be­streit­bar, dass – ab­ge­se­hen von der In­ko­hä­renz der Äu­ße­rung, die, ich ma­che Sie dar­auf auf­merk­sam, in Ver­se ge­fasst ist, das heißt, dass es ein Ge­dicht ist, dass es Zu­sam­men­hang hat, dass es eine Schöp­fung ist –, dass ab­ge­se­hen da­von die­ser fox, die­ser klei­ne Fuchs, der sei­ne Groß­mut­ter un­ter ei­nem Busch be­gräbt, ein wirk­lich elen­des Ding ist, nicht wahr. Tja.74 (61)

.

.Qu’est-ce que ça peut avoir com­me écho pour, je ne dirai pas bien sûr pour les gens qui sont dans cet­te en­ce­in­te, mais pour ceux qui sont ana­lys­tes ? (36)

Was kann das für ein Echo ha­ben für … na­tür­lich nicht für die Leu­te, die hier in die­ser Räum­lich­keit sind, aber für die­je­ni­gen, die Ana­ly­ti­ker sind? (61)

.

C’est que l’analyse, c’est ça. (36)

Dies, dass eben dies die Ana­ly­se ist. (61)

.

C’est la ré­pon­se à une énig­me, et une ré­pon­se – il faut bien le dire, par cet ex­emp­le – tout à fait spé­cia­le­ment con­ne. (36)

Sie ist die Ant­wort auf ein Rät­sel, und zwar, wie man mit die­sem Bei­spiel sa­gen muss, eine ganz und gar be­son­ders be­scheu­er­te Ant­wort. (61)

.

C’est bien pour ça que : il faut gar­der la cor­de. (36)

Aus die­sem Grun­de muss man das Seil fest­hal­ten. (61)

.

Je veux dire que si on n’a pas l’idée de où ça abou­tit la cor­de, au nœud du non-rap­port se­xu­el, on ris­que de ba­fouil­ler. (36)

Ich will sa­gen, wenn man kei­ne Idee da­von hat, wo es hin­führt, das Seil, näm­lich beim Kno­ten des se­xu­el­len Nicht­ver­hält­nis­ses, läuft man Ge­fahr zu fa­seln. (61)

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Le sens – ah il faud­rait que je vous mont­re ça – le sens ré­sul­te d’un champ ent­re l’Imaginaire et le Sym­bo­li­que, cela va de soi, bien sûr. (36)

Jacques Lacan, borromäische Ringe mit vier Überschneidungsbereichen KopieDer Sinn – ah, ich müss­te Ih­nen das zei­gen! –, der Sinn re­sul­tiert aus ei­nem Feld zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen, das ver­steht sich na­tür­lich von selbst.75 (61)

.

Par­ce que si nous pen­sons qu’il n’y a pas d’Autre de l’Autre, tout au mo­ins pas de jouis­sance de cet Aut­re de l’Autre, il faut bien que nous fas­si­ons la suture quel­que part, ici nom­mé­ment : ent­re ce Sym­bo­li­que qui seul s’étend là, et cet Ima­gin­aire qui est ici. (36)

Denn wenn wir den­ken, dass es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, zu­min­dest kein Ge­nie­ßen die­ses An­de­ren des An­de­ren, dann müs­sen wir doch ir­gend­wo die Naht set­zen, hier eben zwi­schen je­nem Sym­bo­li­schen, das bei die­sem Feld da wäre, und die­sem Ima­gi­nä­ren, das hier ist.76 (61)

.

Bien sûr, ici, le pe­tit a, la cau­se du dé­sir. Ouais… (36)

Hier na­tür­lich das klein a, die Ur­sa­che des Be­geh­rens. Nun­ja. (61)

.

Jacques Lacan, borromäische Ringe mit 2 Spleißen - Grundform

Ver­si­on Sta­fer­la

Il faut bien que nous fas­si­ons quel­que part le nœud, le nœud de l’Imaginaire et du sa­voir in­con­sci­ent, que nous fas­si­ons ici, quel­que part, | [73] une épis­su­re [A]: (36)

Jacques Lacan, borromäische Ringe mit 2 Spleißen und 4 Schnitten

mit ab­ge­trenn­tem Fa­den

Es ist nö­tig, dass wir ir­gend­wo den Kno­ten ma­chen, den Kno­ten des Ima­gi­nä­ren mit dem un­be­wuss­ten Wis­sen, dass wir hier ir­gend­wo ei­nen Spleiß [A] ma­chen.77 (61 f.)

.

Tout ça pour ob­tenir un sens, ce qui est l’objet de la ré­pon­se de l’analyste à l’exposé par l’analysant, tout au long de son sym­ptô­me : (36)

All das, um ei­nen Sinn zu er­hal­ten, was das Ziel der Ant­wort des Ana­ly­ti­kers auf die Dar­le­gung durch den Ana­ly­san­ten / den Ana­ly­sie­ren­den ist, im ge­sam­ten Ver­lauf sei­nes Sym­ptoms.78 (62)

.

Quand nous fai­sons cet­te épis­su­re, nous en fai­sons du même coup une aut­re, cel­le ici [B]: ent­re pré­cis­é­ment ce qui est sym­ptô­me79 et le Réel. (36)

Wenn wir die­sen Spleiß her­stel­len, ma­chen wir zu­gleich ei­nen wei­te­ren, die­sen hier [B], ge­nau zwi­schen dem, was Sym­ptom ist, und dem Rea­len.80 (62)

.

C’est-à-dire que, par quel­que côté, nous lui ap­pre­nons à épis­ser – avec deux s – à fai­re épis­su­re ent­re son sym­ptô­me81 et le Réel, pa­ra­si­te de la jouis­sance, ce qui est ca­rac­té­ris­tique de not­re opé­ra­ti­on. (36)

Jacques Lacan, Kleeblattschlinge mit Sinn - a - JPhiDas heißt, dass wir ihm von ir­gend­ei­ner Sei­te her bei­brin­gen, zu splei­ßen – epis­ser mit zwei s –, ei­nen Spleiß zu bil­den zwi­schen sei­nem Sym­ptom und dem Rea­len, Pa­ra­sit des Ge­nie­ßens, das ist das, was für un­ser Vor­ge­hen kennzeich­nend ist.82 (62)

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Rend­re cet­te jouis­sance pos­si­ble, c’est la même cho­se que ce que j’écrirai : « j’ouïs-sens », c’est la même cho­se que d’ouïr un sens. (36)

Die­se jouis­sance, die­ses Ge­nie­ßen mög­lich zu ma­chen, ist das­sel­be wie das, was ich j’ouïs sens schrei­ben wer­de, „ich höre Sinn“, es ist das­sel­be wie ei­nen Sinn zu hö­ren.83 (62)

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C’est de suture et d’épissure qu’il s’agit dans l’analyse. (36)

Um Ver­nähung und um Splei­ßung geht es in der Ana­ly­se. (62)

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Mais il faut dire que les in­s­tan­ces, nous de­vons les con­s­idé­rer com­me sé­pa­rées réel­le­ment : Ima­gin­aire, Sym­bo­li­que et Réel ne se con­fon­dent pas. (36)

Aber es muss ge­sagt wer­den, dass wir die In­stan­zen als rea­li­ter ge­trennt auf­fas­sen müs­sen; Ima­gi­nä­res, Sym­bo­li­sches und Rea­les ver­mi­schen sich nicht. (62)

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Trou­ver un sens im­pli­que de sa­voir quel est le nœud, et de le bien ra­bou­ter grâce à un ar­ti­fice. (36)

Ei­nen Sinn zu fin­den im­pli­ziert zu wis­sen, wel­ches der Kno­ten ist, und ihn dank ei­nes Kunst­griffs gut ein­zu­ren­ken. (62)

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Fai­re un nœud avec ce que j’appellerai une chaînœud bor­ro­méen­ne, est-ce qu’il n’y a pas là abus ? (36)

Ei­nen Kno­ten zu bil­den mit dem, was ich eine bor­ro­mäi­sche Kno­ten­ver­schlin­gung nen­nen wer­de, ist das nicht miss­bräuch­lich?84 (62)

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C’est sur cet­te ques­ti­on – que je lais­se­rai pen­dan­te – que je vous quit­te. (36)

Mit die­ser Fra­ge, die ich in der Schwe­be las­sen wer­de, ver­las­se ich Sie. (62)

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J’ai pas lais­sé le temps à ce cher Jac­ques Au­bert… à qui je comp­t­a­is con­fier le crachoir pen­dant le res­te de la séan­ce …de vous par­ler main­ten­ant. (36)

Ich habe die­sem lie­ben Jac­ques Au­bert kei­ne Zeit mehr ge­las­sen, dem ich ei­gent­lich für den Rest der Sit­zung das Po­di­um über­las­sen woll­te, um jetzt zu Ih­nen zu spre­chen. (62)

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Il est temps que nous nous sé­pa­ri­ons, mais la pro­chai­ne fois, étant don­né ce que j’ai en­ten­du de lui… puisqu’il a eu la bon­té de m’appeler vend­re­di par té­lé­pho­ne …étant don­né ce que j’ai en­ten­du de lui, je crois qu’il pour­ra, sur ce qu’il en est du Bloom en ques­ti­on… à sa­voir – mon Dieu – de quelqu’un qui n’est pas plus mal pla­cé qu’un aut­re pour pi­ger quel­que cho­se à l’analyse, puis­que c’est un juif …que sur ce Bloom, et sur la fa­çon dont est res­sen­tie la sus­pen­si­on, ent­re les se­xes, cel­le qui fait que le nom­mé Bloom ne peut | [74] que s’interroger s’il est un père ou une mère. (36)

Es ist Zeit, dass wir uns tren­nen, aber das nächs­te Mal, an­ge­sichts des­sen, was ich von ihm ge­hört habe, da er die Güte hat­te, mich am Frei­tag an­zu­ru­fen –; an­ge­sichts des­sen, was ich von ihm ge­hört habe, glau­be ich, er könn­te über das, was es mit dem frag­li­chen Bloom auf sich hat, also mit je­man­dem, der, mein Gott, in kei­ner schlech­te­ren Po­si­ti­on ist als an­de­re, um der Ana­ly­se et­was zu ver­kli­ckern, da er Jude ist –; dass über die­sen Bloom und über die Wei­se, wie die Sus­pen­die­rung zwi­schen den Ge­schlech­tern ver­spürt wird, die be­wirkt, dass be­sag­ter Bloom nicht an­ders kann, als sich zu fra­gen, ob er ein Va­ter oder eine Mut­ter ist.85 (62 f.)

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C’est quel­que cho­se qui fait le tex­te de Joy­ce, ce qui as­su­ré­ment a mil­le ir­ra­dia­ti­ons dans ce tex­te de Joy­ce, c’est à sa­voir qu’au re­gard de sa femme, il a les sen­ti­ments d’une mère : il croit la por­ter dans son vent­re et que c’est bien là, som­me tou­te, le pire éga­re­ment de ce qu’on peut éprou­ver vis-à-vis de quelqu’un qu’on aime. (36)

Das ist et­was, was der Text von Joy­ce macht, was in die­sem Text von Joy­ce ge­wiss viel­fäl­ti­ge Aus­strah­lun­gen hat, näm­lich dass er hin­sicht­lich sei­ner Frau die Ge­füh­le ei­ner Mut­ter hat, er glaubt sie in sei­nem Bauch zu tra­gen, und das ist wirk­lich die schlimms­te Ver­ir­rung in dem, was man ge­gen­über je­man­dem emp­fin­den kann, den man liebt.86 (63)

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Et pour­quoi pas ! (36)

Und war­um nicht? (63)

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Il faut bien ex­pli­quer l’amour, et l’expliquer par une sor­te de fo­lie c’est bien la pre­miè­re cho­se qui soit à la por­tée de la main. (36)

Man muss die Lie­be ja er­klä­ren, und sie mit ei­ner Art Wahn­sinn zu er­klä­ren, ist ja das Ers­te, das in Reich­wei­te ist. (63)

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C’est là-des­sus que je vous quit­te, et que j’espère que pour cet­te séan­ce d’entrée, vous n’avez pas été trop déçus. (36)

Dar­über ver­las­se ich Sie und hof­fe, dass Sie, was die­se Ein­gangs­sit­zung be­trifft, nicht zu sehr ent­täuscht wor­den sind. (63)

KLEINES LACAN-LEXIKON

Das Le­xi­kon ist nicht al­pha­be­tisch ge­ord­net, son­dern nach der Rei­hen­folge des Auf­tre­tens der Be­griffe und The­sen in La­cans Vor­trag.

Die Zah­len in Klam­mern nach den Über­schrif­ten und nach den La­can-Zi­ta­ten zu Be­ginn der Ein­träge be­zie­hen sich auf die Sei­ten von Max Klei­ners Über­set­zung von Se­mi­nar 23; oben in der Über­set­zung sind sie im deut­schen Text nach je­dem Satz an­ge­ge­ben.

Am Ende je­des Le­xi­konein­trags steht ein Pfeil nach un­ten mit der Spit­ze nach links (↩); wenn man ihn an­klickt, kommt man zur ent­spre­chen­den Stel­le der Über­set­zung zu­rück.

Dass es keinen Anderen des Anderen gibt, heißt, dass es etwas gibt, das wir nicht sexuell genießen können (50)

Zu: „Was be­mer­kens­wert ist, da es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, um das letz­te Ur­teil zu fäl­len, zu­min­dest wird das von mir so aus­ge­sagt. Das heißt, dass es et­was gibt, das wir nicht ge­nie­ßen kön­nen, nen­nen wir es das Ge­nie­ßen Got­tes, mit dem dar­in ein­ge­schlos­se­nen Sinn des se­xu­el­len Ge­nie­ßens.“ (50)

Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren“ meint: es gibt kei­nen Si­gn­fiikan­ten, der die Wahr­heit ga­ran­tie­ren könn­te. Im Gra­fen des Be­geh­rens ist das Sym­bol hier­für S(Ⱥ), si­gni­fi­ant de l’Autre bar­ré, „Si­gni­fi­kant des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren“. La­can führt die­ses Theo­rem in Se­mi­nar 6 ein; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.

Es gibt et­was, was wir nicht ge­nie­ßen kön­nen, näm­lich das an­de­re Ge­schlecht qua an­de­res Ge­schlecht. Die­ses Theo­rem ent­wi­ckelt La­can etwa ab Se­mi­nar 12, vor al­lem in den Se­mi­na­ren 18 und 19 mit den For­meln der Se­xu­ie­rung. Im ge­plät­te­ten bor­ro­mäi­schen Kno­ten ist das Sym­bol hier­für JȺ, jouis­sance de l’Autre bar­ré, „Ge­nie­ßen des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren“; vgl. hier­zu die­sen Blog­ar­ti­kel.

An der zi­tier­ten Stel­le nä­hert La­can die bei­den Theo­re­me ein­an­der an: dass es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, heißt, dass wir das an­de­re Ge­schelcht nicht als an­de­res Ge­schlecht ge­nie­ßen kön­nen. Der feh­len­de Si­gni­fi­kant ist der­je­ni­ge des an­de­ren Ge­schlecht, der­je­ni­ge Si­gni­fi­kant, der es er­mög­li­chen wür­de, Part­ner des an­de­ren Ge­schlechts als an­de­res Ge­schlecht zu ge­nie­ßen.

War­um bringt La­can hier das „Ge­nie­ßen Got­tes“ ins Spiel?

Ge­meint ist mög­li­cher­wei­se: Wenn wir uns auf den An­de­ren als Den Mann oder Die Frau be­zie­hen, also auf ihn oder sie als Kör­per des an­de­ren Ge­schlechts, ma­chen wir ihn oder sie zu ei­nem We­sen, an das wir glau­ben, zu ei­nem oder ei­ner Hei­li­gen. Das heißt aber: wir kön­nen ihn nicht ge­nie­ßen. Das wäre dann La­cans Ver­si­on des Ma­don­na-Hure-Kom­ple­xes. ↩

Denken (51)

Zu: „Es ist klar, dass schon der An­satz des­sen, was man das Den­ken nennt, al­les, was Sinn macht, so­bald es sei­ne Na­sen­spit­ze zeigt, eine Be­zug­nah­me mit sich bringt, eine Gra­vi­ta­ti­on, die sich auf den Ge­schlechts­akt be­zieht, wie we­nig evi­dent die­ser Akt auch sein mag.“ (51)

Der Be­griff Den­ken ver­weist bei La­can meist auf die Ein­bin­dung des Sym­bo­li­schen in das Ima­gi­nä­re. Im Vor­trag in Genf über das Sym­ptom (4. Ok­to­ber 1975) sagt er:

Es ist nicht ex­zes­si­ver, nur auf das zu hof­fen, was er macht, er denkt.87 Von Zeit zu Zeit denkt er. Manch­mal denkt er. Das ist ab­so­lut nicht zwin­gend. Den Aus­druck ‚den­ken‘ ver­bin­de ich nicht mit der Kon­no­ta­ti­on, dass das et­was Wert­vol­les ist. Ich möch­te so­gar sa­gen, wenn ich et­was vor­ge­bracht habe, dann ist das eben von der Art, den Psy­cho­ana­ly­ti­ker in dem zu ver­si­chern, was man sei­nen Au­to­ma­tis­mus nen­nen kann. Ich glau­be, dass das Den­ken letzt­lich ein Fest­kle­ben ist. Und die Psy­cho­ana­ly­ti­ker wis­sen das bes­ser als sonst je­mand. Das ist ein Fest­kle­ben an et­was, was ich durch das spe­zi­fi­ziert habe, was ich das Ima­gi­nä­re nen­ne, und eine gan­ze phi­lo­so­phi­sche Tra­di­ti­on hat das sehr gut mit­be­kom­men. Wenn der Mensch – das zu sa­gen, scheint eine Ba­na­li­tät zu sein –, wenn er nicht das hät­te, was man ei­nen Kör­per nennt, ich wer­de nicht sa­gen, dass er dann nicht den­ken wür­de, denn das ist eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, son­dern: dann wäre er nicht vom Bild des Kör­pers grund­le­gend ge­fes­selt.“88

Den­ken heißt, dass die sym­bo­li­schen Ak­ti­vi­tä­ten vom Bild des Kör­pers ge­fes­selt sind. Dies in­so­fern, als sie dar­auf ab­zie­hen, eine Ganz­heit her­zu­stel­len und da­mit ei­nen Sinn. ↩

Das Kitzeln des Denkens (51 f.)

Zu: „Hin­ge­gen liegt das, was ich das Kön­nen ge­nannt habe, jen­seits da­von und fügt den Kunst­griff hin­zu, den wir völ­lig will­kür­lich Gott zu­schrei­ben, wie bei Joy­ce, der dar­auf be­harrt, weil das eine Sa­che ist, die ihm ir­gend­wo das ge­kit­zelt hat, was man das Den­ken nennt.“ (51 f.)

Das Den­ken wird hier mit dem Kit­zel zu­sam­men­ge­bracht, also mit ei­ner schwa­chen Form des Ge­nie­ßens.

Im Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge ent­spricht das Den­ken dem Feld des Sinns. Auch das Feld des Sinns ist dem­nach mit ei­ner Form des Ge­nie­ßens ver­bun­den, al­ler­dings mit ei­ner schwa­chen Form des Ge­nie­ßens, mit dem „Kit­zel“.

In der Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1976 heißt es:

Bei Freud – das ist of­fen­kun­dig, auf die­se Art hat er sich so­gar ori­en­tiert – be­rei­tet das Wah­re Lust (plai­sir), und eben dies un­ter­schei­det es vom Rea­len – bei Freud zu­min­dest –, näm­lich dass das Rea­le nicht zwangs­läu­fig Lust ver­schafft.“ (84)

Die­se Auf­fas­sung wird von La­can in der­sel­ben Sit­zung nicht nur re­fe­riert, son­dern über­nom­men:

Bei ei­ner be­stimm­ten Zahl von klei­nen Fä­den fin­de ich mich zu­recht, si­cher­lich; sei­ne Ge­schich­ten mit Nora, da­von ma­che ich mir eine be­stimm­te Vor­stel­lung, aus­ge­hend von mei­ner Pra­xis, ich mei­ne, aus­ge­hend von den Ver­trau­lich­kei­ten, die ich er­hal­te, da ich mit Leu­ten zu tha­be, die ich dazu ab­rich­te, dass sie Lust (plai­sir) dar­an ha­ben, das Wah­re zu sa­gen.“ (87)

Das Sa­gen des Wah­ren – das sich im Feld des Sinns er­eig­net – ist mit Lust (plai­sir) ver­bun­den, mit ei­nem Ge­nie­ßen, das un­ter der Herr­schaft des Lust­prin­zips steht.

Yad’l’un (52)

Zu: „’S-gibt-Ein, man weiß aber nicht wo.“ (52)

Sta­fer­la tran­skri­biert hier „yad’l’un“, also mit zwei Apo­stro­phen; in Mil­lers Ver­si­on von Se­mi­nar 23 fin­det man „yad’lun“, also nur mit ei­nem Apo­stroph, und zwar nach dem d. In Mil­lers Ver­si­on von Se­mi­nar 19 (wo der Aus­druck ein­ge­führt wird) steht eben­so „yad’lun“. In der Sta­fer­la-Ver­si­on von Se­minr 19 liest man meist, wie bei Mil­ler, „yad’lun“, ein­mal aber auch „yadl’un“[/note]Seminar 19, Ver­si­on Sta­fer­la, Sit­zung vom 4. Mai 1972, Ver­si­on Sta­fer­la vom 9.5.2013, S. 106.[/note], also eben­falls mit nur ei­nem Apo­stroph, je­doch nach dem l.

Yad’l’un“ ist ge­bil­det aus „Il y a de l’Un“, „es gibt Ein“, wört­lich „Es gibt von Ein“. Das „Il“ (Es) wird eli­diert, „de l“ wird zu „d’l“ zu­sam­men­ge­zo­gen.

Die For­mel wird von La­can zu­erst in Se­mi­nar 19 von 1911/72, … oder schlim­mer, vor­ge­bracht.89 La­can er­wähnt dort, dass er die For­mel an die Ta­fel schreibt; da­mit er­höht sich die Wahr­schein­lich­keit, dass die Tran­skrip­ti­on „Yad’lun“ kor­rekt ist.

In der deut­schen Aus­ga­be von Se­mi­nar 20 wird der Aus­druck tref­fend mit „’S gibt Ein“ über­setzt.90

Mit „Ein“ ist ge­meint, dass et­was je eins ist, et­was zähl­bar ein­zel­nes. Mit „Ein“ ist nicht die To­ta­li­tät oder Ganz­heit ge­meint und auch nicht die Zahl Eins.

Yad’l’un“ meint: Das, was es gibt, ist dies, dass et­was „je ei­nes“ ist. An­ders ge­sagt: Es gibt zähl­bar Ein­zel­nes. Das, was für La­can je eins ist, ist der Si­gni­fi­kant. „Yad’l’un“ be­zieht sich auf den Si­gni­fi­kan­ten un­ter ei­nem be­stimm­ten As­pekt, un­ter dem, dass er je ei­ner ist, im Un­ter­schied dazu, dass er sich mit an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten ver­knüpft. Wenn die Welt für uns aus Din­gen be­steht, die zähl­bar ein­zel­ne sind, ist dies für La­can ein Si­gni­fi­kan­ten­ef­fekt.

In Se­mi­nar 19 heißt es:

Ich spre­che na­tür­lich im­mer vom Si­gni­fi­kan­ten, wenn ich vom Yadlun spre­che, vom ’S gibt Ein. Um die­ses dl’un aus­zu­wei­ten, die­ses vom Ein, im Maße sei­nes Im­pe­ri­ums – da er si­cher­lich der Her­ren­si­gni­fi­kant ist – muss man sich ihm dort nä­hern, wo man ihn sei­nen Ta­len­ten über­las­sen hat, um ihn an den Fuß der Mau­er zu stel­len.“ 91

Yad’lun be­zieht sich auf den Her­ren­si­gni­fi­kan­ten.

La­can be­zieht sich mit der For­mel aus­drück­lich auf die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis zwi­schen dem Sein (also dem, was „es gibt“) und dem Ei­nen in Pla­tons Dia­log Par­men­ides.92 Be­reits in Se­mi­nar 2 hat­te er eine psy­cho­ana­ly­ti­sche Lek­tü­re der Dia­lek­tik des sel­ben und des an­de­ren im Par­men­ides vor­ge­schla­gen93; in Se­mi­nar 6 sprach er erst­mals über das Ver­hält­nis zwi­schen dem Sein und dem Ei­nen im Par­men­ides94.

Pe­ter Wid­mer be­zieht die For­mel auf die nar­ziss­ti­sche Be­zie­hung95; das ist nicht halt­bar.

Il y a / Ya

Il y a“ meint „Es gibt“.

Hei­deg­ger schreibt im Hu­ma­nis­mus-Brief:

In ‚S. u. Z.‘ [Sein und Zeit] (S. 212) ist mit Ab­sicht und Vor­sicht ge­sagt: il y a l’Être: ‚es gibt‘ das Sein. Das il y a über­setzt das ‚es gibt‘ un­ge­nau. Denn das ‚es‘, was hier ‚gibt‘, ist das Sein selbst. Das ‚gibt‘ nennt je­doch das ge­ben­de, sei­ne Wahr­heit ge­wäh­ren­de We­sen des Seins. Das Sich­ge­ben ins Of­fe­ne mit die­sem selbst ist das Sein sel­ber.“96

Das Sich­ge­ben ist das Sein. Das Mo­dell Tat – Tä­ter wird da­mit zu­rück­ge­wie­sen, man hat nicht im ers­ten Zug ein Es an­zu­set­zen, wel­ches dann gibt. „Ya“ steht für das Sein, in­so­fern es sich gibt und die­ses Sich-Ge­ben das Sein ist.

Die Nähe des Seins, heißt es bei Hei­deg­ger im sel­ben Auf­satz, „west als die Spra­che selbst“; die Spra­che ist „das vom Sein er­eig­ne­te und aus ihm durch­füg­te Haus des Seins“97. Die Zei­chen­fol­ge „d’lun“ be­zieht sich auf die Spra­che. Man kann Yad’lun in ers­ter An­nä­he­rung über­set­zen mit „Das Sein west als die Spra­che“.

 

de / d

Das „de“ (in „de l’Un“, ver­kürzt zu „d“) ver­weist auf den Hin­ter­grund, aus dem das Un auf­taucht.98 Die­ser Hin­ter­grund ist das Sein. Das „de“ oder „d“ ver­weist also auf die Be­zie­hung zwi­schen dem Sein (ya) und der Spra­che (lun).

Un

Un kann so­wohl mit „ein“ als auch mit „Eins“ über­setzt wer­den; ge­meint ist „ein“, je ei­nes, nicht die Zahl Eins.

Un be­zieht sich nicht auf das Um­fas­sen­de und da­mit auch nicht auf die Dya­de.99 Un steht also nicht für die To­ta­li­tät, nicht für die Ein­heit im Sin­ne der Ganz­heit.

Un meint „Si­gni­fi­kant“, in­so­fern näm­lich gilt, dass je­der Si­gni­fi­kant auf „Ein“ re­du­ziert wer­den kann, im Sin­ne von: ein un­be­stimm­ter Si­gni­fi­kant.100

Der Aus­druck ist auf die Fol­ge der gan­zen Zah­len zu be­zie­hen; die­se ist nichts an­de­res als die­ses Un101; die Zahl re­du­ziert sich letzt­lich auf das „Ein“.102 Ge­meint ist die Funk­ti­on des Nach­fol­gers, auf der die die na­tür­li­chen Zah­len be­ru­hen (vgl. La­cans Bal­ti­more-Vor­trag). Man kann Un also auch mit „Eins“ über­set­zen, wenn man da­bei nicht an die Zahl Eins denkt, son­dern an die Nach­fol­ger-Be­zie­hung: „und eins dazu“.

La­can sagt aus­drück­lich, dass das Un eine wei­te­re Be­deu­tung hat, es meint auch die lee­re Men­ge.103 DAs be­zieht sich auf Fre­ge, bei dem die Eins die An­zahl ist, die er der lee­ren Men­ge zu­weist.

La­can be­zieht das Yad’lun auf das Unä­re des ein­zi­gen Zugs, von La­can in Se­mi­nar 9 mit „trait un­aire“ über­setzt.104

Ist für Ihre Oh­ren nicht spür­bar, dass ich hier vom Ei­nen wie von ei­nem Rea­len spre­chen – und zwar von ei­nem Rea­len, das auch nichts zu tun ha­ben kann mit ir­gend­ei­ner Rea­li­tät?“105

Das Ein ist der Si­gni­fi­kant in ei­ner be­stimm­ten Funk­ti­on, in­so­fern er näm­lich den Zu­gang zum Rea­len her­stellt, in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten im Ge­fol­ge von Ga­li­lei (die Rea­li­tät hin­ge­gen stützt sich auf das Phan­tas­ma).106

La­can sagt, die For­mel Yad’lun un­ter­schei­de sich von der „Dif­fe­renz“, die es „vom Ge­schrie­be­nen zum Wort gibt“107. Ist Yad’lun La­cans Ant­wort auf Der­ri­das dif­fé­ran­ce? ↩

Spleiß (52)

Zu: „Ele­men­te, die dann in ei­ner be­stimm­ten Fa­den­form zu­sam­men­hal­ten, kon­sis­tie­ren, das heißt: ent­we­der in­so­fern als das eine Ge­ra­de ist, die wir als un­end­lich an­neh­men müs­sen, da­mit der Kno­ten sich nicht auf­löst, oder als das, was ich Fa­den­ring ge­nannt habe, an­ders ge­sagt, ein Fa­den, der mit sich selbst ver­knüpft ist, oder ge­nau­er ge­sagt, der durch ei­nen Spleiß mit sich ver­bun­den ist, der­art, dass der Kno­ten im ei­gent­li­chen Sinn nicht des­sen Kon­sis­tenz bil­det, weil man Kon­sis­tenz und Kno­ten durch­aus un­ter­schei­den muss.“ (53)

Spleiß“ (engl. spli­ce, frz. épis­su­re) ist ein Be­griff der ma­the­ma­ti­schen Kno­ten­theo­rie (vgl. etwa hier).

Spleiß

Her­stel­lung ei­nes Splei­ßes

Ein Tak­ler ver­steht un­ter ei­nem Spleiß eine Ver­bin­dung zwi­schen zwei Seil-En­den. Ein Seil be­steht aus Karde­elen; an der zu ver­bin­den­den Stel­le wer­den die Sei­len­den in die ein­zel­nen Kardeele auf­ge­drö­selt und die Kardeele wer­den mit­ein­an­der ver­floch­ten, der­art, dass eine dau­er­haf­te Ver­bin­dung ent­steht; an­ders ge­sagt: die Kardeele wer­den verspleißt. Das lässt sich auch auf Fä­den be­zie­hen: ein Fa­den be­steht aus Fa­sern, an der zu ver­bin­den­den Stel­le wer­den die Fa­den-En­den auf­ge­fa­sert, die Fa­sern wer­den mit­ein­an­der ver­wun­den, also verspleißt.

Der Be­griff Spleiß er­scheint bei La­can zu­erst in Se­mi­nar 22 in der Sit­zung vom 21. Ja­nu­ar 1975. In der hier kom­men­tier­ten Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 wird der Ter­mi­nus „Spleiß“ von ihm zum ers­ten Mal für eine Ope­ra­ti­on ver­wen­det, durch die zwei auf­ge­schnit­te­ne Rin­ge mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den.

Schnitt

Ei­nen Spleiß kann man nur her­stel­len, wenn man Fa­den­en­den hat. Geht man vom Fa­den­ring aus (vom Kno­ten im Sin­ne der To­po­lo­gie), muss man an der zu versplei­ßen­den Stel­le zu­nächst ei­nen Schnitt ma­chen; will man zwei Fa­den­rin­ge ver­bin­den, müs­sen zwei Schnit­te er­zeugt wer­den. „Ei­nen Spleiß ma­chen“ ist in der Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 dem­nach La­cans Kurz­be­schrei­bung für „an zwei Fa­den­rin­gen je ei­nen Schnitt vor­neh­men und ei­nen Spleiß her­stel­len“.

Es ist auf­fäl­lig, dass La­can den Schnitt nicht er­wähnt. Ab Se­mi­nar 6 ist der Schnitt für ihn ein wich­ti­ges The­ma: das Sub­jekt ist im Sym­bo­li­schen durch den Schnitt re­prä­sen­tiert. In Se­mi­nar 9 ver­ar­bei­tet er den Schnitt­be­griff der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie.

Naht und Spleiß

In der Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 stellt La­can eine Ver­bin­dung her zwi­schen der Naht und dem Spleiß; er setzt sie mehr oder we­ni­ger mit­ein­an­der gleich. Das Her­stel­len ei­ner Naht ist das Ge­gen­stück zur Ope­ra­ti­on des Schnitts: zwei Rän­der wer­den mit­ein­an­der ver­bun­den (oder ein Rand mit sich selbst), so dass sich eine ge­schlos­se­ne Ober­flä­che er­gibt.108

Klee­blatt­kno­ten

La­can stellt zwei Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Spleiß und dem Klee­blatt­kno­ten her (auch Klee­blatt­schlin­ge oder Drei­er­kno­ten ge­nannt):

(a) Wenn man in eine Schnur ei­nen Kno­ten im Sin­ne der Um­gangs­spra­che macht und die bei­den En­den durch ei­nen Spleiß ver­bin­det, ent­steht die ein­fachs­te Form ei­nes Kno­tens im ma­the­ma­ti­schen Sin­ne: der Klee­blatt­kno­ten.109

Jacques Lacan, borromäische Ringe mit 2 Spleißen und 4 SchnittenJacques Lacan, Umwandlung eines borromäischen Knotens aus drei Ringen in eine Kleeblattschlinge(b) Wenn man in ei­nem bor­ro­mäi­schen Kno­ten aus drei Rin­gen an drei Stel­len auf be­stimm­te Wei­se ei­nen Spleiß an­bringt (nach­dem man zu­nächst sechs Schnit­te ge­macht hat), ver­wan­delt er sich in ei­nen Klee­blatt­kno­ten; um­ge­kehrt kann man ei­nen Klee­blatt­kno­ten in ei­nen bor­ro­mäi­schen Kno­ten aus drei Rin­gen um­wan­deln. In der Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975 hat­te La­can er­läu­tert, wie man Klee­blatt­kno­ten in ei­nen bor­ro­mäi­schen Drei­er­kno­ten ver­wan­delt, und er nennt das Pro­blem, an des­sen Lö­sung er ar­bei­tet: las­sen sich vier Klee­blatt­kno­ten in ei­nen bor­ro­mäi­schen Kno­ten aus vier Rin­gen ver­wan­deln?

Wie hat man sich den Spleiß auf der Ebe­ne des bor­ro­mäi­schen Kno­tens vor­zu­stel­len? Ers­ter Schritt: zwei Rin­ge wer­den auf­ge­schnit­ten. Zwei­ter Schritt: zwei Fa­den­en­den un­ter­schied­li­cher Far­be wer­den durch ei­nen Spleiß ver­bun­den. Hier­bei ent­steht ein Ab­fall: ein of­fe­ner Fa­den (sie­he Ab­bil­dung rechts).

Wenn man auf die­se Wei­se vor­geht und ei­nen drit­ten Spleiß des­sel­ben Typs hin­zu­fügt, dies­mal an ei­ner der bei­den Über­kreu­zungs­stel­len des Rea­len und des Ima­gi­nä­ren, er­hält man ei­nen Klee­blatt­kno­ten.

Dem­nach ist zu er­war­ten, dass La­can in den nächs­ten Sit­zun­gen ein­La­can-en drit­ten Spleiß ein­füh­ren wird – an­dern­falls er­gibt sich kein Klee­blatt­kno­ten.

Jacques Lacan, Spleiß, Version KleinerDie ne­ben­ste­hend re­pro­du­zier­te Zeich­nung aus der Klei­ner-Über­set­zung des Se­mi­nars (S. 61) ist eine Um­wand­lung ei­ner Zeich­nung aus Por­ges La­can-Ein­füh­rung.110 Sie ist so zu le­sen:
– Die grau schat­tier­te Flä­che ist die des Sinns, die nach un­ten zei­gen­de wei­ße Flä­che ist die des phal­li­schen Ge­nie­ßens JΦ.
– Der Aus­druck „Splei­ßung“ be­zieht sich auf ei­nen Punkt auf der Um­riss­li­nie, nicht etwa auf eine Flä­che
– Die bei­den of­fe­nen En­den (mit R und I be­zeich­net) sind in Ge­dan­ken zu schlie­ßen, an­dern­falls hat man es nicht mit ei­nem Kno­ten zu tun.

Die Klee­blatt­schlin­ge dient La­can in Se­mi­nar 23 un­ter an­de­rem zur Il­lus­tra­ti­on der Psy­cho­se. Die pa­ra­noi­sche Psy­cho­se be­steht dar­in, dass das Ima­gi­nä­re, das Sym­bo­li­sche und das Rea­le ein und die­sel­be Kon­sis­tenz bil­den, d. h. ei­nen Klee­blatt­kno­ten (Sit­zung vom 16. De­zem­ber 1975, Klei­ner-Über­set­zung, S. 45). Das dürf­te in der hier kom­men­tier­ten Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 nicht ge­meint sein.

Jacques Lacan, Kleeblattschlinge mit Sinn - a - JPhiAm Klee­blatt­kno­ten in­ter­es­siert La­can in der Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 ver­mut­lich, dass man ihn plät­ten kann und dass man die Flä­chen, die sich dann er­ge­ben, mit den Be­grif­fen „Sinn“, „Ob­jekt a“ und „phal­li­sches Ge­nie­ßen“ be­zeich­nen kann.111 Man muss sich vor­stel­len, dass die bei­den En­den der Bre­zel mit­ein­an­der ver­bun­den sind – nur wenn sie erspleißt sind, hat man es mit ei­nem Kno­ten im Sin­ne der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie zu tun.

Das ent­schei­den­de Er­geb­nis der Um­wand­lung des bor­ro­mäi­schen Kno­tens in ei­nen Klee­blatt­kno­ten be­steht für La­can ver­mut­lich dar­in, dass in der Plät­tung die Flä­che „Ge­nie­ßen des durch­ge­stri­che­nen An­de­ren“, JȺ, ver­schwin­det. Es könn­te also ge­meint sein: Der Ana­ly­ti­ker zielt dar­auf ab, den bor­ro­mäi­schen Kno­ten durch Versplei­ßen in ei­nen Klee­blatt­kno­ten zu ver­wan­deln, in­so­fern näm­lich, als durch (an­deu­ten­de) Deu­tung die Flä­che des Ge­nie­ßen des durch­ge­stri­che­nen An­de­ren re­du­ziert oder zum Ver­schwin­den ge­bracht wird, die neu­ro­ti­sche Be­zie­hung auf das Ge­nie­ßen des An­de­ren, die Ver­wei­ge­rung der Kas­tra­ti­on.

Um­wand­lung ei­ner Kno­ten­art in eine an­de­re

Die psy­cho­ana­ly­ti­sche Kur führt zu ei­ner Ver­än­de­rung der psy­chi­schen Struk­tur. La­can sucht für die­se Verände­rung nach ei­ner Ent­spre­chung im Be­reich der Kno­ten. Er fin­det sie in dem Vor­gang dass eine Kno­ten­art in eine an­de­re Kno­ten­art über­führt wird, ein bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung in ei­nen Klee­blatt­kno­ten. ↩

Jouissance / j’ouïs sens (62)

Zu: „Die­se jouis­sance [phal­li­que], die­ses Ge­nie­ßen mög­lich zu ma­chen, ist das­sel­be wie das, was ich j’ouïs sens schrei­ben wer­de, ‚ich höre Sinn‘, es ist das­sel­be wie ei­nen Sinn zu hö­ren.“ (62)

Jacques Lacan, Kleeblattschlinge mit Sinn - a - JPhiDie Er­mög­li­chung des phal­li­schen Ge­nie­ßens geht ein­her mit dem Auf­tau­chen des Sinns; im Dia­gramm des of­fe­nen Klee­blatt­kno­tens wird dies da­durch dar­ge­stellt, dass bei­de ein­an­der die Waa­ge hal­ten.

Das Wort­spiel jouissance/j’ouïs sens macht La­can hier zum ers­ten Mal.

Ein Wort­spiel in ei­nem frü­he­ren Text geht je­doch be­reits in die­se Rich­tung. In Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten heißt es:

La loi en ef­fet com­man­de­rait-elle : Jou­is, que le su­jet ne pour­rait y répond­re que par un: J’ouïs, où la jouis­sance ne se­rait plus que sous-en­ten­due.“112

Creu­sot und Haas über­set­zen das so:

Wür­de näm­lich das Ge­setz be­feh­len: Jou­is, ge­nie­ße, so könn­te das Sub­jekt nicht an­ders ant­wor­ten als mit ei­nem J’ouïs, ich höre, wo­bei der Ge­dan­ke an Genuß nur noch der Hin­ter­ge­dan­ke wäre.“113

Das Wort „sous-en­ten­due“ spielt an auf en­tendre, ver­ste­hen, und da­mit auf den Sinn, also ist viel­leicht bes­ser: „wo­bei der Ge­dan­ke an Ge­nuss nur mit­ver­stan­den wäre“. An­ge­deu­tet wird der Ge­gen­satz zwi­schen Ge­nie­ßen und Sinn und die Funk­ti­on des Sinns, letzt­lich dem Ge­nie­ßen zu die­nen.

In Se­mi­nar 14 wird die­ses Wort­spiel wie­der­holt: Wenn der Herr sagt „Jou­is!“, Ge­nie­ße!, kann der an­de­re nur ant­wor­ten: „J’ouïs“, ich höre.114 Auch hier geht es um das Span­nungs­ver­hält­nis von Ge­nie­ßen (Lust­be­frie­di­gung) und Sinn­ver­ste­hen.

In Se­mi­nar 22 heißt es:

Ils prou­vent que le sens va aus­si loin dans l’équivoque qu’on peut le dé­si­rer pour mes thè­ses, c’est-à-dire pour le dis­cours ana­ly­tique. À sa­voir qu’à par­tir du sens : se jouit, s’ouï-je (s, apo­stro­phe, oui, je), j’ouisse moi-même, s’ouis-je à m’« as­sau­ter » de mots.„115

Max Klei­ner, der ei­ner an­de­ren Tran­skrip­ti­on folgt, über­setzt so:

Im Ge­gen­teil, sie sind mir wert­voll, weil sie be­wei­sen, daß der Sinn im Äqui­vok so weit geht, wie man es für mei­ne The­sen wün­schen kann, das heißt für den ana­ly­ti­schen Dis­kurs. Sie be­wei­sen, daß vom Sinn aus sich ge­nießt, siehs­te nich, sich stän­dig gießt [se jouit, s’ouit-je, s’oui-jouisse].116

Vom Sinn aus wird ge­nos­sen, hör­te (s)ich (s’ouï-je) – da­mit wird das Ver­hält­nis zwi­schen Sinn und Ge­nie­ßen ins Spiel ge­bracht wer­den, hier of­fen­bar nicht in Form ei­ner Be­haup­tung, son­dern als Pro­blem: wie kann auf dem Weg über die die Ent­zif­fe­rung des Sinns – eine un­ver­zicht­ba­re Di­men­si­on der Ana­ly­se – das Ge­nie­ßen er­reicht wer­den, in Freuds Ter­mi­no­lo­gie: die Trieb­be­frie­di­gung?

In Joy­ce das Sym­ptom II, ei­nem nach dem Sym­ptom-Se­mi­nar ver­fass­ten Auf­satz, spricht La­can vom „Ge­nie­ßen, das dem Sym­ptom ei­gen ist. Opakes Ge­nie­ßen, von da­her, dass es den Sinn aus­schließt.„117↩

PARAPHRASE MIT ERGÄNZUNGEN

Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern in grau­er Schrift ver­wei­sen auf die ent­spre­chen­den Sei­ten der von Jac­ques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­gabe von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, li­v­re XXIII. Le sin­thome. 1975–1976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005). „[28]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­sion von 2005 die Sei­te 28″.

Pas­sa­gen in schwar­zer Schrift sind Zu­sam­men­fas­sun­gen, Pas­sa­gen in ecki­gen Klam­mern in grü­ner Schrift sind mei­ne er­läu­ter­en­den Er­gän­zun­gen, Pas­sa­gen in ecki­gen Klam­mern, die mit zwei Fra­ge­zei­chen be­gin­nen und hell­grün un­ter­legt sind, ent­hal­ten mei­ne Fra­gen zum Text­ver­ständ­nis.

Knoten

Stütze für erste Wahrheiten

[61] Ver­ant­wort­lich ist man nur im Maße sei­nes Kön­nens. Da­mit gibt man dem Sa­voir-fai­re, dem Kön­nen, der Kunst (l’art), dem Kunst­griff / dem Ar­te­fakt (l’artifice) ei­nen ho­hen Wert [und La­can ist da­mit ein­ver­stan­den: Psy­cho­ana­ly­ti­ker be­nö­ti­gen ein Sa­voir-fai­re, ein Kön­nen, eine Tech­nik].

Das ist be­mer­kens­wert, da es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, also nie­man­den, der ein letz­tes Ur­teil spre­chen könn­te. [Es gibt also nie­man­den, der ein letz­tes Ur­teil dar­über spre­chen könn­te, ob man im Maße sei­nes Kön­nens ge­han­delt hat, also für et­was ver­ant­wort­lich ist. In der christ­li­chen Re­li­gi­on hat Gott die Funk­ti­on, im Jüngs­ten Ge­richt das letz­te Ur­teil zu spre­chen; in re­li­giö­ser Ter­mi­no­lo­gie meint „Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren“: Gott ist tot. La­cans Kür­zel da­für, dass es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, ist S(Ⱥ), Si­gni­fi­kant des Man­gels im An­de­ren; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.]

Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren, das heißt [auch]: Es gibt et­was, das wir nicht ge­nie­ßen kön­nen: das Ge­nie­ßen Got­tes, wo­bei das se­xu­el­le Ge­nie­ßen ein­ge­schlos­sen ist. [Das, was wir nicht ge­nie­ßen kön­nen, ist den Part­ner des an­de­ren Ge­schlechts als an­de­res Ge­schlecht. Im Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge wird dies durch den Über­schnei­dungs­be­reich „Ge­nie­ßen des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren“ dar­ge­stellt, JȺ; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel. Die Un­mög­lich­keit, das an­de­re Ge­schlecht zu ge­nie­ßen (JȺ), be­ruht dar­auf, dass es im Un­be­wuss­ten kei­nen Si­gni­fi­kan­ten der Ge­schlechts­dif­fe­renz gibt (S(Ⱥ)).]

Im­pli­ziert das Bild, das man sich von Gott macht, vor­aus­ge­setzt er exis­tiert, dass er das, was er be­gan­gen hat, ge­nießt? [?? Der Sinn die­ser Fra­ge ist mir nicht klar. Die Fra­ge nach dem Bild spielt auf das Ima­gi­nä­re an und auf das Bil­der­ver­bot.]

An­ge­nom­men, man sagt, „Gott exis­tiert nicht“. Wenn man das be­haup­tet, bür­det man sich die Last ei­nes Den­kens auf, das sei­nem We­sen nach dar­in be­steht, sich in die­se Rea­li­tät ein­zu­fü­gen, die von der Ex-sis­tenz des Ge­schlechts be­zeugt wird. [Wenn man sagt „Gott exis­tiert nicht“, bür­det man sich da­mit auf, zu ak­zep­tie­ren, dass die Ge­schlech­ter im Ver­hält­nis zu­ein­an­der ex-sis­tie­ren, ein­an­der äu­ßer­lich sind ohne ein Ver­hält­nis zu­ein­an­der zu ha­ben, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Um­ge­kehrt ge­sagt: Dass man an ein We­sen glaubt, das all­mäch­tig ist und das über uns das letz­te Ur­teil spricht, ist eine Ab­wehr der Nicht-Exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses.] Der Aus­druck „Rea­li­tät“ ist an die­ser Stel­le eine ers­te An­nä­he­rung an das Wort „real“. [Das Rea­le ist das Nicht-Ver­hält­nis.]

Das sind ei­ni­ge der ers­ten Wahr­hei­ten, die er, La­can, zu Be­ginn die­ses Jah­res lie­fern will.

[Die ers­ten Wahr­hei­ten sind also:
– Ver­ant­wort­lich ist man nur im Maße sei­nes Kön­nens.
– Über das Kön­nen lässt sich kein letz­tes Ur­teil spre­chen, an­ders ge­sagt: Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren.
– Es ist nicht mög­lich, Gott zu ge­nie­ßen; ver­mut­lich im Sinn von: es ist nicht mög­lich, mit ei­nem an­de­ren se­xu­el­le Lust zu ha­ben, an den man glaubt.
– Wenn man sagt, Gott exis­tiert nicht, bür­det man sich da­mit auf, zu ak­zep­tie­ren, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, kei­ne Be­zie­hung, durch die ich mich auf den Kör­per des an­de­ren als auf den Kör­per des an­de­ren Ge­schlechts be­zie­he.

Da­mit stellt La­can eine Be­zie­hung zwi­schen drei Or­ten des bor­ro­mäi­schen Kno­tens her:
– Wis­sen (als Sa­voir-fai­re), es ge­hört zum Ring des Sym­bo­li­schen.
– Es gibt kein Ge­nie­ßen des An­de­ren, JȺ.
– Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis, Loch im Ring des Rea­len.]

Jacques Lacan, Borromäischer Knoten - un échanillon

A

Jacques Lacan, Borromäische Ringe

B

[62] La­can zeigt auf ver­schie­de­ne Dia­gram­me („Plät­tun­gen“) ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung aus drei Rin­gen. Das ers­te sieht ziem­lich ver­wi­ckelt aus [Ab­bil­dung A], es ist je­doch nur eine an­de­re Dar­stel­lungs­form der bor­ro­mäi­schen Rin­ge, die er sonst so [wie in Ab­bil­dung B] dar­stellt.

Jacques Lacan, borromäischer Knoten mit zwei äußeren Ringen

C

Trivilaler Knoten - C-förmig gebogen

D

Beim zwei­ten Dia­gramm [also Ab­bil­dung B] sieht man, dass man zwei Rin­ge aus­ein­an­der­zie­hen kann, so dass sich eine Dar­stel­lung mit zwei Au­ßen­rin­gen und ei­nem ver­mit­teln­den Ring er­gibt [C]. [63] Rin­ge von der Art des mitt­le­ren Rings [D] kann man kreis­för­mig ver­ei­ni­gen. [?? Was meint, dass man die­se Rin­ge „kreis­för­mig ver­ei­ni­gen“ kann? ].

Jacques Lacan, borromäische Verschlingung von drei trivialen Knoten

E

Und auch dies [E] ist ein bor­ro­mäi­scher Kno­ten aus drei Rin­gen. [Zwei Rin­ge ha­ben die Form von Recht­ecken, sie lie­gen ein­fach über­ein­an­der; der drit­te Ring ver­schlingt sie mit­ein­an­der an den Über­kreu­zungs­punk­ten.]

[Wel­che Funk­ti­on ha­ben die bor­ro­mäi­schen Kno­ten, die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gun­gen?] Die Kno­ten sol­len ihm als Stüt­ze die­nen für die ers­ten Wahr­hei­ten [d.h. die ers­ten Wahr­hei­ten müs­sen sich in den bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gun­gen ver­or­ten las­sen]. [64] Das geht nicht von al­lein [es ge­nügt nicht, sich auf ei­nen ein­zel­nen Kno­ten (im Sin­ne der To­po­lo­gie) zu stüt­zen, auf ei­nen ein­zel­nen Fa­den­ring]. Viel­mehr muss man den ein­zel­nen Kno­ten [den Klee­blatt­kno­ten, wie spä­ter klar wird] von ei­ner chaî­ne ab­lei­ten, von ei­nem link, wie man im Eng­li­schen sagt [von ei­ner Ver­schlin­gung, ei­ner Ver­ket­tung, ei­nem Link, wie es im Deut­schen heißt].

Der ein­zel­ne Kno­ten [der ein­zel­ne Fa­den­ring] lie­fert die Stüt­ze un­se­rer Kon­sis­tenz. [Die Kon­sis­tenz des Kno­tens be­steht im Zu­sam­men­halt des Fa­den in sich, der­art, dass er ei­nen Ring bil­det, eine Art Kreis.]

Das Reale liegt außerhalb des Sinns

Eine der ers­ten Wahr­hei­ten be­zieht sich auf das Ver­hält­nis zwi­schen dem Den­ken bzw. dem Er­ken­nen und dem Ge­schlechts­akt.

Als „Den­ken“ oder „Er­ken­nen“ be­zeich­net La­can al­les, was Sinn macht. [In der Dar­stel­lung des bor­ro­mäi­schen Kno­tens mit den vier Über­schnei­dungs­be­rei­chen ent­spricht dem Den­ken dem­nach der Über­schnei­dungs­be­reich „Sinn“. Im psy­cho­ana­ly­ti­schen Zu­sam­men­hang ist mit „Sinn“ der Sinn der Sym­pto­me ge­meint.]

[Die ers­te Wahr­heit lau­tet:] Das Den­ken oder Er­ken­nen, also das Sinn-Ma­chen, be­zieht sich auf den Ge­schlechts­akt.

[Be­grün­dung:] Schon das Wort „Akt“ im­pli­ziert die Po­la­ri­tät ak­tiv – pas­siv, wo­mit man sich be­reits in Rich­tung ei­nes fal­schen Sinns, ei­ner Fehl­deu­tung be­wegt, wie be­reits Freud ge­sagt hat. [Freud sagt: Die feh­len­de Vor­stel­lung von der Ge­schlechts­dif­fe­renz wird im Un­be­wuss­ten durch den Ge­gen­satz aktiv/passiv er­setzt, die­ser Ge­gen­satz greift je­doch nicht, Frau­en sind auch ak­tiv, Män­ner auch pas­siv. Mit dem Wort „Akt“ ver­fehlt das Den­ken dem­nach die Ge­schlechts­dif­fe­renz.]

Was man „Er­kennt­nis“ nennt, ist mehr­deu­tig. Das Ak­ti­ve ist das ers­tens das, was wir er­ken­nen. [?? Ver­ste­he ich nicht. Ist die Ur­sa­che-Wir­kungs-Be­zie­hung ge­meint?] Au­ßer­dem stel­len wir uns vor, dass wir selbst, wenn wir uns zu er­ken­nen be­mü­hen, ak­tiv sind. Also zeigt die Er­kennt­nis sich von An­fang an als trü­ge­risch. [?? In­wie­fern ist es ein Pro­blem, dass beim Er­ken­nen die Ak­ti­vi­tät so­wohl die des Er­ken­nen als auch die des Er­kann­ten ist?]

Des­halb muss al­les wie­der von An­fang an [bei den ers­ten Wahr­hei­ten] auf­ge­nom­men wer­den [statt sich auf das Den­ken und das Er­ken­nen zu stüt­zen]. Da­bei muss man aus­ge­hen von der Opa­zi­tät, der Un­durch­sich­tig­keit des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses. Des­sen Opa­zi­tät be­steht dar­in, dass wir zu­nächst nicht wahr­neh­men, dass Ge­schlecht­li­ches kei­nes­wegs ir­gend­ein Ver­hält­nis be­grün­det.

Für das Den­ken [also für das Sinn-Ma­chen] gilt: Ver­ant­wor­tung gibt es nur als ge­schlecht­li­che; alle Welt hat die­ses Ge­fühl, die­ses sen­ti­ment. [Dass man da­für ver­ant­wort­lich ist, ein se­xu­el­les Ver­hält­nis her­zu­stel­len, ist eine Al­ler­welts­vor­stel­lung. Die­ses sen­ti­ment be­ruht, La­can zu­fol­ge, auf dem Ima­gi­nä­ren. La­can ist an­de­rer Mei­nung: es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis, das lässt sich nicht än­dern.] Wenn man es sieht wie alle Welt, meint „Ver­ant­wor­tung“ die Nicht-Ant­wort, die da­ne­ben­lie­gen­de Ant­wort.

Das Kön­nen liegt jen­seits des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses. [Es gibt kein Know-how, das da­für sor­gen könn­te, dass es ein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, eine Be­zie­hung zum an­de­ren Ge­schlecht als an­de­rem Ge­schlecht. In der Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975 hat­te La­can es so for­mu­liert: es gibt kei­ne In­itia­ti­on. Auch der Psy­cho­ana­ly­ti­ker ver­fügt nicht über ein sol­ches Kön­nen. Das ist eine un­auf­heb­ba­re Im­po­tenz.]

Das Kön­nen fügt den Kunst­griff hin­zu, das Ar­te­fakt. [Das Kön­nen ant­wor­tet auf die In­exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses mit dem Ar­te­fakt; auch die Kunst ist eine Ant­wort auf die In­exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses.]

Der Kunst­griff wird will­kür­lich Gott zu­ge­schrie­ben, wie bei Joy­ce, der dar­auf be­harrt, weil das eine Sa­che ist, die ihm ir­gend­wo das Den­ken ge­kit­zelt hat. [La­can be­zieht sich auf die Got­tes­an­ru­fung im letz­ten Satz von Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann: „Ur­va­ter, ur­alter Ar­ti­fex“. Dass der Kunst­griff Gott zu­ge­schrie­ben wird – dass Gott als Ar­ti­fex auf­ge­fasst wird – ge­hört zur Ord­nung des „Den­kens“. Das Den­ken ist mit ei­nem Ge­nie­ßen ver­bun­den, mit ei­nem Kit­zel.]

Nicht Gott hat das Uni­ver­sum ge­schaf­fen, son­dern der Künst­ler. Das ers­te Mo­dell des Künst­lers ist der Töp­fer. Das Uni­ver­sum wird Gott je­doch zu­ge­schrie­ben. [Ich neh­me an, dass La­can an­deu­ten will, dass der Kunst­griff – der die Schöp­fung her­vor­bringt – des­halb ei­nem all­mäch­ti­gen Gott zu­ge­schrie­ben wird, weil man sich so dar­über hin­weg­täu­schen kann, dass das Kön­nen eine un­über­steig­ba­re Gren­ze hat, dass es jen­seits des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses liegt.]

Das „Uni­ver­sum“ kann nur eins be­deu­ten, näm­lich dass es Ein/Eins/„Un“ gibt (Yad’lun). [In der Rede vom „Uni­ver­sum“ gibt es ein Ele­ment, das halt­bar ist, das „Un“. Es gibt „Un“, es gibt Ein/Eins, es gibt den Si­gni­fi­kan­ten, die Spra­che, das Sym­bo­li­sche.] Yad’lun, S’gibt Ein, aber man weiß nicht wo. [Die Spra­che wirft die Fra­ge der To­pik auf, um die es in die­ser Sit­zung geht.]

Das Ein [der Si­gnif­kant, die Spra­che, das Sym­bo­li­sche] bil­det kein Uni­ver­sum [kei­ne To­ta­li­tät, kei­ne ver­ein­heit­lich­te Ganz­heit].

Der An­de­re des rea­len An­de­ren, d.h. der An­de­re des un­mög­li­chen An­de­ren, das ist die Vor­stel­lung, die wir vom Kunst­griff ha­ben, in­so­fern er ein Tun ist, das das Ge­nie­ßen, das wir da­von ha­ben kön­nen, bei wei­tem über­steigt. [Viel­leicht im Sin­ne von: Wenn wir den Kunst­griff Gott zu­schrei­ben, be­zie­hen wir ihn auf das Ge­nie­ßen des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren, JȺ.] [?? Wer ist der rea­le, d.h. der un­mög­li­che An­de­re – der Part­ner des an­de­ren Ge­schlechts? Wie ist der Ge­ni­tiv von „der An­de­re des rea­len An­de­ren“ zu ver­ste­hen: geht es um den Part­ner, den der rea­le An­de­ren hat, oder um den An­de­ren qua rea­len An­de­ren? Ist mit „der An­de­re des rea­len An­de­ren“ Gott ge­meint?]

Was wir Geist nen­nen, ist die­ses win­zi­ge Ge­nie­ßen. [Wie­der geht es um den Zu­sam­men­hang von „Den­ken“ (oder „Er­kennt­nis“) und Ge­nie­ßen.] [?? Wie ist das mit dem „Geist“ ver­bun­de­ne Ge­nie­ßen dem bor­ro­mäi­schen Kno­ten zu­zu­ord­nen: ist hier das phal­li­sche Ge­nie­ßen ge­meint oder geht es um ein mit dem Sinn ver­bun­de­nes Ge­nie­ßen? Be­zieht sich „Sinn“ auf eine vier­te Art des Ge­nie­ßens (ne­ben phal­li­schem Ge­nie­ßen, Ge­nie­ßen des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren und Mehr­lust)?]

All das [näm­lich die Rede vom rea­len An­de­ren] im­pli­ziert ei­nen Be­griff des Rea­len, das wir vom Sym­bo­li­schen und vom Ima­gi­nä­ren un­ter­schei­den.

Das Pro­blem | [65] be­steht dar­in, dass das Rea­le in die­ser Sa­che Sinn macht, wäh­rend das Rea­le sich doch von da­her be­grün­det, dass es kei­nen Sinn hat, dass es den Sinn aus­schließt, es la­gert sich ab als das, was vom Sinn aus­ge­schlos­sen wird. [Das Rea­le ist das, was sich der Sinn­ge­bung ab­so­lut wi­der­setzt; vgl. die­sen Blog­bei­trag. Un­ter „Sinn“ ver­steht La­can im Zu­sam­men­hang der Psy­cho­ana­ly­se wie Freud den Sinn der Sym­pto­me, der durch das Zu­sam­men­spiel von „frei­er As­so­zia­ti­on“ und Deu­tung auf der Grund­la­ge der Über­tra­gung re­kon­stru­iert wird. Das Rea­le ist das, was der Deu­tung un­zu­gäng­lich ist. Der Zu­gang zum Rea­len er­folgt, wie es oben hieß, aber auf der Ebe­ne des Sinns, d.h. von der Deu­tung aus stößt auf auf das, was sich durch die Deu­tung nicht er­schüt­tern lässt.118]

Das Pro­blem ent­steht da­durch, dass er, La­can, es so er­zählt, wie er es denkt [also so, dass es da­bei Sinn macht – Den­ken und Er­zäh­len be­zie­hen sich auf den Sinn].

Er sagt es sei­nen Zu­hö­rern, da­mit sie es wis­sen. [Viel­leicht be­zieht La­can sich hier auf den Dis­kurs der Uni­ver­si­tät, in dem das Wis­sen am Platz des Agen­ten ist (oben links). La­cans Vor­le­sung ist eine Form des Uni­ver­si­täts­dis­kur­ses. Das Pro­blem be­steht dar­in, wel­chen Sta­tus das Rea­le – das Nicht-Wiss­ba­re – im Uni­ver­si­täts­dis­kurs ha­ben kann.]

[Wenn man ei­nen an­schau­li­chen Zu­gang zum Rea­len er­hal­ten will, muss man eine Ar­ti­ku­la­ti­ons­mög­lich­keit fin­den, die mög­lichst stark von Sinn ent­klei­det ist, also von der Über­la­ge­rung des Ima­gi­nä­ren des Sym­bo­li­schen, eine Dar­stel­lung, die aber im­mer noch vor­stell­bar ist.]

Konsistenz des Imaginären und Konsistenz des Knotens

Die am meis­ten von Sinn ent­klei­de­te Ge­stalt, die sich gleich­wohl ima­gi­nie­ren lässt [die im­mer noch et­was Ima­gi­nä­res hat, et­was Bild­haf­tes und auf das Kör­per­bild Be­zo­ge­nes], ist die Kon­sis­tenz. Nichts zwingt uns, die Kon­sis­tenz zu ima­gi­nie­ren. [Nichts zwingt uns, die Kon­sis­tenz auf das Re­gis­ter des Ima­gi­nä­ren zu be­zie­hen.]

[Was also hat es mit der Kon­sis­tenz auf sich?] Es gibt ein Buch über Joy­ce, das den Aus­druck „Kon­sis­tenz“ im Ti­tel führt: Ro­bert Mar­tin Adams, Sur­face and sym­bol. The con­sis­tency of Ja­mes Joyce’s Ulys­ses (1962). In die­sem Buch gibt es eine Ah­nung vom Un­ter­schied zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren [das im ti­tel als sur­face er­scheint] und dem Sym­bo­li­schen, was sich dar­in zeigt, dass ein Ka­pi­tel mit „Sur­face or sym­bol?“ über­schrie­ben ist [wo die Be­zie­hung also durch ein Oder statt durch ein Und cha­rak­te­ri­siert wird]. Was meint hier „Kon­sis­tenz“? Das, was zu­sam­men­hält. Des­we­gen wird sie [im Ti­tel des Buchs von Adams] durch eine Ober­flä­che sym­bo­li­siert [durch eine sur­face].

Wir kön­nen uns die Kon­sis­tenz nur mit­hil­fe ei­nes Sacks vor­stel­len [ei­nes Be­häl­ters] oder ei­nes Lap­pens. Selbst den Kör­per spü­ren wir als ei­nen Haut­sack, der eine An­samm­lung von Or­ga­ne zu­sam­men­hält. [Die Kon­sis­tenz wird ge­spürt; La­can be­zieht sich auf den Ge­gen­satz zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren (dem Sack) und dem sen­tir, dem Füh­len, und spielt hier­bei auf den Be­griff des „zer­stü­ckel­ten Kör­pers“ an, den er 1938 vor­ge­stellt hat­te, die Kehr­sei­te des Spie­gel­sta­di­ums.]

Die Kon­sis­tenz ist fa­den­schei­nig. [Die Kon­sis­tenz wird jetzt auf den Zu­sam­men­halt ei­nes Fa­dens re­du­ziert. Die Kon­sis­tenz soll nicht vom Kör­per­bild her be­grif­fen wer­den, son­dern aus­ge­hend vom Kno­ten; dies er­mög­licht den Zu­gang zum Rea­len.]

Die Fä­hig­keit zur ima­gi­na­ti­ven Abs­trak­ti­on ist so ge­ring, dass sie aus dem Fa­den, als Über­bleib­sel der Kon­sis­tenz, aus die­ser Schnur den Kno­ten aus­schließt. [Es soll ein Über­gang in drei Schrit­ten her­ge­stellt wer­den: ima­gi­nä­re Form der Kon­sis­tenz als Haut­sack – Kon­sis­tenz des Fa­dens – Fa­den­rin­ge als Be­stand­tei­le ei­nes Kno­tens; der Über­gang zur drit­ten Po­si­ti­on fällt schwer. Un­ter „Kno­ten“ ver­steht La­can hier die Ver­schlin­gung, das zeigt eine Be­mer­kung, die er ei­ni­ge Sät­ze spä­ter macht. Es fällt schwer, den Über­gang von der Schnur zur Ver­schlin­gung zu voll­zie­hen.] Das ist viel­leicht das ein­zi­ge, was La­can bei­steu­ern kann: bei ei­ner Schnur ist der Kno­ten al­les, was ex-sis­tiert. [Bei ei­ner Ver­schlin­gung sto­ßen die Fä­den ge­gen­ein­an­der ohne sich zu durch­drin­gen.]

Des­halb muss­te ich für die­sen Kno­ten ei­nen Zu­gang über die Ver­schlin­gung (chaî­ne) her­stel­len. [Da­mit ist ge­meint, wie er ei­ni­ge Sät­ze spä­ter sagt, dass er aus di­dak­ti­schen Grün­den den Zu­gang zur Ver­schlin­gung da­durch zu er­mög­li­chen ver­sucht, dass er Ver­schlin­gun­gen her­stellt, pro­du­ziert, macht.]

Die Kon­sis­tenz kann [beim Kno­ten im Sin­ne der To­po­lo­gie] zwei For­men an­neh­men, ent­we­der als un­end­li­che Ge­ra­de oder als Fa­den­ring, d.h. als Fa­den, der mit sich selbst durch ei­nen Spleiß ver­bun­den ist. [Der „Ring“ ei­nes bor­ro­mäi­schen Kno­tens hat zwei Exis­ten­zwei­sen. Er kann aus ei­nen Fa­den­ring be­stehen und aus ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den. In der pro­jek­ti­ven Geo­me­trie be­rüh­ren sich die „En­den“ ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den im Un­end­li­chen; da­durch bil­det die Ge­ra­de ge­wis­ser­ma­ßen ei­nen Kreis.]

Der Kno­ten im ei­gent­li­chen Sinn bil­det nicht des­sen Kon­sis­tenz; man muss Kon­sis­tenz und Kno­ten un­ter­schei­den; der Kno­ten ex-sis­tiert der kon­sis­ten­ten Schnur. [Die Kon­sis­tenz ei­nes Fa­den­rings oder ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den ist von der Ver­schlin­gung meh­re­rer Fa­den­rin­ge oder un­end­li­cher Ge­ra­der zu un­ter­schei­den. In der Ver­schlin­gung sto­ßen die Schnü­re auf­ein­an­der, sie durch­drin­gen sich nicht, ihr Ver­hält­nis ist das der Ex-sis­tenz, und die­ses äu­ßer­lich auf­ein­an­der Be­zo­gen­sein sorgt für den Zu­sam­men­halt der Rin­ge, er­zeugt den Kno­ten.]

[66] Ein Kno­ten lässt sich her­stel­len. Des­halb hat La­can das Vor­ge­hen ge­wählt, Ele­men­te an­ein­an­der­zu­fü­gen. [Dies ist der Satz, der zeigt, dass La­can mit „Kno­ten“ hier die Ver­schlin­gung meh­re­rer Ele­men­te meint.]

Er fand das am di­dak­tischs­ten, in An­be­tracht der Men­ta­li­tät, der dem Sprech­we­sen ei­ge­nen Sen­ti-Men­ta­li­tät, es spürt die Bür­de der Men­ta­li­tät, in­so­fern es lügt (ment). [Der Zu­gang zur Ver­schlin­gung auf dem Weg über das Her­stel­len ei­ner Ver­schlin­gung hat di­dak­ti­sche Grün­de. Die­ses Vor­ge­hen ori­en­tiert sich an der „Men­ta­li­tät“, an der Bin­dung der Raum­auf­fas­sung an das Kör­per­bild; „Men­ta­li­tät“ ist also ein an­de­rer Name für den Nar­ziss­mus. Die­se Men­ta­li­tät ist eine Sen­ti-Men­ta­li­tät, eine ge­spür­te, ge­fühl­te Men­ta­li­tät, d.h. sie ist mit Lust, Er­re­gung, Ge­nie­ßen ver­bun­den. Die­se Men­ta­li­tät sorgt da­für, dass das Sprech­we­sen „lügt“, an­ders ge­sagt: die Bin­dung an ei­nen Raum, der letzt­lich auf dem Kör­per­bild be­ruht, ver­sperrt den Zu­gang zur Wahr­heit. „Lü­gen“ meint: dass die Wahr­heit (dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt) auf ir­gend­ei­ner Ebe­ne er­fah­ren wird und zu­gleich ab­ge­wehrt wird.]

Das ist ein Fakt. [Das The­ma ist jetzt: Was ist eine Tat­sa­che, ein Fakt? Das la­tei­ni­sche Wort fac­tum kommt von fa­ce­re, „ma­chen“, das fac­tum ist, wört­lich, das Ge­mach­te. La­can spielt auf das „Ma­chen“ des Kno­tens an.] Was ist ein Fakt? Er [der Spre­chen­de] macht es ja selbst; ein Fak­tum gibt es nur auf­grund des Fakts, dass das Sprech­we­sen es sagt; Fak­ten gibt es nur, in­so­fern sie durch ein Sprech­we­sen als sol­che an­er­kannt wer­den. [Das grund­le­gen­de Fak­tum, das Fak­tum hin­ter dem Fak­tum, ist, dass ge­spro­chen wird und dass eine Tat­sa­che durch das Spre­chen kon­sti­tu­iert wird.] Ein Fakt gibt es nur durch das Ar­te­fakt, den Kunst­griff [durch eine be­stimm­te Form der Rede, des Dis­kur­ses].

Es ist ein Fakt, dass das Sprech­we­sen lügt, d.h. dass es in der (An-)Erkenntnis von Tat­sa­chen fal­sche Tat­schen eta­bliert. Dies liegt dar­an, dass es Men­ta­li­tät gibt, d.h. Ei­gen­lie­be [den Nar­ziss­mus, das Ima­gi­nä­re]. Das ist das Prin­zip der Ima­gi­na­ti­on: es be­tet sei­nen Kör­per an. Es be­tet den Kör­per an, weil es glaubt, dass es ihn hat, in Wirk­lich­keit hat es ihn nicht. [?? In­wie­fern hat das Sprech­we­sen nicht den Kör­per? In­so­fern, als er eine Pro­jek­ti­on ist?] Aber sein Kör­per ist sei­ne ein­zi­ge Kon­sis­tenz, al­ler­dings eine men­ta­le [die Kon­sis­tenz des Kör­pers un­ter­schei­det sich von der Kon­sis­tenz des Fa­den­rings].

Anbetung des Körpers durch die Mentalität

Aber sein Kör­per haut in je­dem Mo­ment ab, es grenzt an ein Wun­der, dass er, so­lan­ge er kon­su­miert, eine Zeit­lang be­stehen bleibt. [Phy­sio­lo­gisch ge­se­hen ist der Kör­per in be­stän­di­ger Auf­lö­sung be­grif­fen, in Dis­si­mi­la­ti­on; Ste­phen De­da­lus be­zieht sich hier­auf im Ulys­ses. Solan­ge der Kör­per kon­su­miert, Nah­rungs­mit­tel auf­nimmt, wird die Auf­lö­sung auf­ge­hal­ten: durch As­si­mi­la­ti­on. Dies gilt al­ler­dings nur vor­über­ge­hend, bis der Kör­per stirbt.] Das Fak­tum ist un­er­bitt­lich, weil der Kör­per nicht re­sorp­tiv ist. [Die Be­deu­tung von „Ma­chen“ wech­selt jetzt zum Ma­chen im ana­len Sin­ne, also im Sin­ne der Aus­schei­dung von Kot, und da­mit zur ana­len Kör­per­tech­nik. Der Kot ist das Ge­mach­te; der Mensch ist ge­zwun­gen, zu „ma­chen“, und zwar des­halb, weil der Kör­per nicht re­sorp­tiv ist, weil er die auf­ge­nom­me­nen Stof­fe nicht bei sich be­hält.]

Rien n’y fait“, „nichts pas­siert“, „nichts wird ge­macht“. [Hier mit dem Dop­pel­sinn von „das Nichts wird ge­macht“, eine An­spie­lung auf die De­fä­ka­ti­on. Es ist un­aus­weich­lich, dass der Mensch „das Nichts macht“; er ist nicht re­sorp­tiv, er muss das, was er kon­su­miert hat, wie­der aus­schei­den.

Auch für Tie­re gilt: der Kör­per ver­flüch­tigt sich nicht, er ist kon­sis­tent.

Das ist der Men­ta­li­tät an­ti­pa­thisch, weil sie dar­an glaubt, ei­nen Kör­per zum An­be­ten zu ha­ben. [Die Aus­schei­dung ist der Men­ta­li­tät, dem Ima­gi­nä­ren, un­sym­pa­thisch, sie ruft ei­nen ab­weh­ren­den Af­fekt her­vor, den Ekel.]

Das ist die Wur­zel des Ima­gi­nä­ren. [Die An­be­tung des Bil­des des ei­ge­nen Kör­pers im so­ge­nann­ten Spie­gel­sta­di­um ist die Wur­zel des Ima­gi­nä­ren.]

Je le pan­se, donc je lʼes­su­ie“ [laut­ähn­lich mit Des­car­tes Satz, „Je pen­se donc je suis“, Ich den­ke, also bin ich], ich füll mir den Pan­sen, also wisch ichʼs ab.

Das Ge­schlecht­li­che lügt, in­dem es zu viel von sich er­zählt [in­dem es durch Er­zäh­len Sinn er­zeugt; man er­in­ne­re sich an La­cans Be­mer­kung frü­her in die­ser Sit­zung „So, ich er­zähle Ih­nen das, wie ich es den­ke“ (52)]. Dies be­ruht auf ei­nem Man­gel an ima­gi­nä­rer Abs­trak­ti­on, die sich auf die Kon­sis­tenz re­du­ziert [das Pro­blem be­steht dar­in, dass die Kon­sis­tenz vom Kör­per­bild her be­grif­fen wird statt vom Fa­den]. Denn das Kon­kre­te, das ein­zi­ge, was wir er­ken­nen, ist im­mer die se­xu­el­le An­be­tung, d.h. der Miss­griff (la mé­pri­se), an­ders ge­sagt: die Ver­ach­tung (le mé­pris). [Das Kon­kre­te der Er­zäh­lung steht im Ge­gen­satz zum Abs­trak­ten, zur Abs­trak­ti­on. Das Er­ken­nen (oder Den­ken) be­zieht sich, statt auf die Abs­trak­ti­on, auf das Kon­kre­te. Die Er­kennt­nis des Kon­kre­ten, der Zu­gang zum Ge­schlecht­li­chen durch die Er­zäh­lung, hat die Form der se­xu­el­len An­be­tung, mit Freud: der Über­schät­zung des Lie­bes­ob­jekts. Die An­be­tung ist eine Täu­schung, ein Miss­griff, und sie ist am­bi­va­lent, sie geht ein­her mit Ver­ach­tung.] Was man an­be­tet, dem wird un­ter­stellt, kei­ner­lei Men­ta­li­tät zu ha­ben. [?? Sinn?]

Das ist nur wahr für den als sol­chen auf­ge­fass­ten Kör­per, für den an­ge­be­te­ten Kör­per, weil dies das ein­zi­ge Ver­hält­nis ist, dass das Sprech­we­sen zu sei­nem Kör­per hat. Wenn es ei­nen an­de­ren Kör­per an­be­tet, ist das ver­däch­tig, denn das be­inhal­tet die­sel­be wahr­haf­te Ver­ach­tung, denn es geht da­bei um Wahr­heit. [Es geht um die Wahr­heit meint, wie die fol­gen­den Sät­ze zei­gen: es geht um das Ver­hält­nis zum Rea­len, dazu also, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, kei­ne durch In­stink­te oder durch das Un­be­wuss­te her­vor­ge­ru­fe­nen Po­lung auf das Ge­gen­ge­schlecht. Die ima­gi­nä­re se­xu­el­le Be­zie­hung zum an­de­ren – zu­gleich An­be­tung und Ver­ach­tung -, ist Lüge, durch die ver­schlei­ert wird, dass es kein Ge­schlechts­ver­hält­nis gibt.

Da­mit kommt La­can auf das The­ma der Wahr­heit zu­rück, das er be­reits zu Be­ginn der Sit­zung an­ge­spro­chen hat­te, als er sag­te er wol­le ei­ni­ge ers­te Wahr­hei­ten for­mu­lie­ren.]

Was ist Wahr­heit? wie mal je­mand sag­te. [Pi­la­tus sag­te das zu Je­sus und brach­te da­mit das Pro­blem auf, über die Wahr­heit das Wah­re zu sa­gen.]

Was heißt es, das Wah­re über das Wah­re zu sa­gen? [La­can wird nicht müde, zu er­klä­ren, dass man nicht das Wah­re über das Wah­re sa­gen kann.]

Das Wah­re über das Wah­re zu sa­gen, heißt, der Spur des Rea­len zu fol­gen, des Rea­len, das nur im Kno­ten kon­sis­tiert und ex-sis­tiert. [Man kann nicht das Wah­re über das Wah­re sa­gen. Was man aber tun kann, ist: der Spur des Rea­len fol­gen, also dem auf der Spur zu blei­ben, was nicht ge­sagt und nicht ima­gi­niert wer­den kann. Nur mit­hil­fe des Kno­tens ist es mög­lich, dem Rea­len Kon­sis­tenz und Ex-sis­tenz zu ver­schaf­fen. Im bor­ro­mäi­schen Kno­ten wird das Rea­le von La­can dop­pelt zu­ge­ord­net: es ist ein be­stimm­ter Ring, in­so­fern ist es Kon­sis­tenz, und es ist die Ex-sis­tenz der Rin­ge im Ver­hält­nis zu­ein­an­der.] [?? Wie ord­net La­can die Kon­sis­tenz und die Ex-sis­tenz des Rings des Rea­len der Psy­cho­ana­ly­se zu? (Das Loch des Rings des Rea­len re­prä­sen­tiert, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt.)]

[67] La­can sagt, er sei durch das se­xu­el­le Ver­hält­nis zum Kno­ten ge­führt wor­den, durch die Hys­te­rie. Die Hys­te­rie ist die letz­te wahr­nehm­ba­re Rea­li­tät des­sen, wor­um es beim se­xu­el­len Ver­hält­nis geht, da hat Freud sein Abc ge­lernt. [Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis, kei­ne in­stinkt­haf­te oder un­be­wuss­te Po­lung auf das Ge­gen­ge­schlecht, das hat die Hys­te­rie ge­zeigt. Sie dreht sich um die Fra­ge, was heißt es, ein Mann oder eine Frau zu sein. Das Ge­schlechts­ver­hält­nis ist das Rea­le, ge­nau­er: das Loch im Ring des Rea­len.]

Das hat Freud nicht dar­an ge­hin­dert, die Fra­ge zu stel­len, „Was will das Weib?“, WwdW. Da­bei be­ging er ei­nen Irr­tum, er dach­te, es gäbe Das Weib. [„Das Weib“ oder „Die Frau“ oder „Alle Frau­en“: da­mit ist die Se­xu­al­part­ne­rin des an­de­ren Ge­schlechts ge­meint, in­so­fern der Mann von ihr da­durch an­ge­zo­gen und er­regt wird, dass sie eine Frau im bio­lo­gi­schen Sin­ne ist, ein Weib­chen. Die An­zie­hung durch das Ge­gen­ge­schlecht – durch Die Frau – ist beim Men­schen in­exis­tent.] Je­doch gibt es nur ein Weib, WweW [von La­can in ei­nem Wort ge­spro­chen, vef, für „Was will ein Weib?“] [Es gibt für den Mann nur be­stimm­te Frau­en, die­je­ni­gen, auf die sein Un­be­wuss­tes an­springt.] [?? Wor­auf spielt La­can mit den Ab­kür­zun­gen „WwdW“ und „WweW“ an? Sol­len sie, als Buch­sta­ben, ei­nen Weg zum Rea­len bah­nen?]

Frü­her [näm­lich in Se­mi­nar 6] hat­te La­can ein Sym­bol für das Rät­sel vor­ge­stellt: Ee. [Groß E meint „Aus­sa­ge“ oder „Aus­ge­sag­tes“ (énon­cé), klein e meint „Äu­ße­rung“ oder „Äu­ße­rungs­vor­gang“ (énon­cia­ti­on). Ee soll hei­ßen „Eine Äu­ße­rung (e), de­ren Aus­sa­ge (E) un­be­kannt ist.] Ein Rät­sel ist eine Äu­ße­rung, de­ren Aus­sa­ge man nicht fin­det.

[68] Im Ulys­ses trägt Ste­phen De­da­lus sei­nen Schü­lern ein Rät­sel vor [im zwei­ten Ka­pi­tel, in der so­ge­nann­ten Nes­tor-Epi­so­de].

Ste­phen ist der von Joy­ce ima­gi­nier­te Joy­ce [Ste­phen ist das Ich (moi) von Joy­ce]. Die­sen ima­gi­nier­ten Joy­ce be­tet Joy­ce nicht an. Wenn er von Ste­phen spricht, wird er höh­nisch [er spricht über ihn von der Po­si­ti­on des Über-Ichs aus, wür­de Freud sa­gen]. Ähn­lich spricht La­can über sich – sagt La­can –, wenn er über das spricht, was er sei­nen Zu­hö­rern vor­schwatzt.

Knoten und Schrift

Ein Rät­sel ist eine Kunst, und zwar die Kunst zwi­schen den Zei­len zu spre­chen, wo­bei man sich die Zei­len des Ge­schrie­be­nen als Schnur vor­zu­stel­len hat, die durch eine zwei­te Schnur ver­bun­den ist [die zwei­te Schnur stellt das „Zwi­schen“ der Be­zie­hung Zwi­schen-den-Zei­len her]. [Der Be­griff der Zei­le ver­weist auf die Schrift.]

La­can sagt, er in­ter­es­sie­re sich für die Schrift, weil er der Auf­fas­sung sei, dass man his­to­risch durch klei­ne Stü­cke Schrift zum Rea­len ge­kom­men ist, d.h. dazu, dass man auf­ge­hört hat, zu ima­gi­nie­ren, also dazu, dass die Schrift der klei­nen ma­the­ma­ti­schen Buch­sta­ben das Rea­le stützt. [Zum Rea­len ist man durch klei­ne Stü­cke Schrift ge­kom­men: durch die Buch­sta­ben der phy­si­ka­li­schen For­meln ist man dazu ge­kom­men, die ima­gi­nä­re Be­zie­hung in Fra­ge zu stel­len.] Des­halb habe er, La­can, ver­mu­tet, dass die Schrift et­was mit dem zu tun hat, wie der Kno­ten ge­schrie­ben wird [also da­mit, wie ein Kno­ten ge­zeich­net wird].

Kleeblattknoten mit S

Of­fe­ner Klee­blatt­kno­ten

In der üb­li­chen Schreib­wei­se ei­nes Kno­tens sieht man ein S, | [69] und ein S hat vie­le Be­zie­hun­gen zur In­stanz des Buch­sta­bens hat, wie La­can ihn stützt, auch „Ste­phen“ fängt mit ei­nem S an. [Ge­meint ist ver­mut­lich die Zeich­nung ei­nes of­fe­nen Klee­blatt­kno­tens. In der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung muss man sich vor­stel­len, dass die bei­den En­den mit­ein­an­der ver­bun­den sind, sonst hat man es nicht mit ei­nem Kno­ten im Sin­ne der Kno­ten­theo­rie zu tun.]

Wil­liam Ho­garth [The Ana­ly­sis of Be­au­ty, 1753] sieht in der S-för­mig ge­schwun­ge­nen Li­nie die­je­ni­ge Li­nie, die der Schön­heit zu­grun­de liegt; sie wird „Schön­heits­li­nie“ ge­nannt. La­can hält das für Spin­ne­rei. Aber das geht im­mer­hin in eine Rich­tung, sagt er, durch die die Schön­heit mit et­was an­de­rem ver­bun­den wird als mit dem Ob­szö­nen, d. h. dem Rea­len. [Die Schön­heit – ein As­pekt des Ima­gi­nä­ren – dient nor­ma­ler­wei­se der Ab­wehr des Ob­szö­nen, also des Rea­len. In der Schön­heits­li­nie wird die Schön­heit statt auf das Rea­le auf das Sym­bo­li­sche be­zo­gen: auf die Schrift.]

Joyce

Joyce glaubt an den Vater, den er verleugnet

Ste­phen ist also Joy­ce, in­so­fern er sein ei­ge­nes Rät­sel ent­zif­fert. [Da­mit greift La­can den Be­griff des Rät­sels auf: Ste­phen, der sei­nen Schü­lern ein Rät­sel stellt, ver­sucht, sein ei­ge­nes Rät­sel zu lö­sen.]

Bei die­ser Ent­zif­fe­rung kommt er nicht weit, und zwar des­halb nicht, weil er an sei­ne Sym­pto­me glaubt. [Die Sym­pto­me von Joy­ce (der vier­te Ring der bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung) sind Tho­mas von Aquin (sin­t­hom-asdaquin), Ir­land (sin­t­home-rule), Nora. Die Be­zie­hung von Joy­ce zu sei­nen Sym­pto­men ist eine Be­zie­hung des Glau­bens. Im vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nar, RSI (1974/75), hat­te La­can ge­sagt, ein Sym­ptom sei et­was, wor­an man glaubt, näm­lich dann, wenn man an­nimmt, dass es et­was sa­gen kann, dass man es nur ent­zif­fern muss; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel. Joy­ce glaubt also in­so­fern als sei­ne Sym­pto­me, als er an­nimmt, dass sie in der Lage sind, et­was zu sa­gen.] Er glaubt an das „un­ge­schaf­fe­ne Gewissen/Bewusstsein sei­nes Vol­kes“, mit dem das Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann en­det [das be­zieht sich auf Ir­land, also auf das sin­t­home-rule]. Das führt nicht weit. Und das en­det mit „Ur­va­ter, ur­alter Ar­ti­fex, steht hin­ter mir, jetzt und im­mer­dar“ [dem letz­ten Satz von Ein Por­trät des Künst­lers]. Das ist ein Ge­bet, und Ste­phen rich­tet es an sei­nen Va­ter. Die­ser Va­ter ist ein un­wür­di­ger Va­ter, ein Va­ter, der aus­fällt. Im Ulys­ses wird Ste­phen die­sen Va­ter in ver­schie­de­nen Ge­stal­ten su­chen. Er wird ihn nicht fin­den, und zwar des­halb nicht, weil es da ei­nen Va­ter gibt, der sich ei­nen Sohn sucht, näm­lich Bloom. [?? Was für ein Zu­sam­men­hang wird mit „weil“ be­haup­tet? In­wie­fern fin­det Ste­phen den Va­ter eben des­halb nicht, weil es im Ulys­ses ei­nen Va­ter gibt, der sich ei­nen Sohn sucht, näm­lich Bloom?] Aber Ste­phen ant­wor­tet Bloom mit ei­nem: „Ohne mich, nach dem Va­ter, den ich ge­habt habe, habe ich ge­nug. Kei­nen Va­ter mehr!“ [Hier kommt die eine Sei­te von Joy­ces am­bi­va­len­ter Be­zie­hung zum Va­ter zum Tra­gen: die Zu­rück­wei­sung.] Au­ßer­dem ist die­ser Bloom nicht ge­ra­de ver­füh­re­risch.

Aber es ist ein­zig­ar­tig, dass es im Ulys­ses eine Gra­vi­ta­ti­on zwi­schen den Ge­dan­ken von Ste­phen und de­nen von Bloom gibt. Das zeigt sich etwa dar­an, dass Bloom [in sei­nem in­ne­ren Mo­no­log] ein Wis­sen über Shake­speare zeigt, das nicht sein ei­ge­nes Wis­sen ist, son­dern das von Ste­phen: man fin­det in Blooms in­ne­rem Mo­no­log be­stimm­te Spe­ku­la­tio­nen von Ste­phen über Shake­speares Be­zie­hun­gen zu ei­nem Bo­ta­ni­ker; | [70] Adams hat das in Sur­face and Sym­bol dar­ge­legt. Die­se Iden­ti­tät geht so weit, dass Joy­ce im Ulys­ses „Ble­phen“ und „Stoom“ auf­tre­ten lässt [in Ka­pi­tel 17, der so­ge­nann­ten Itha­ka-Epi­so­de], was zeigt, dass Ste­phen und Bloom nicht nur aus dem­sel­ben Si­gni­fi­kan­ten ge­macht sind, son­dern aus der­sel­ben Ma­te­rie. [?? Was meint: „Ste­phen und Bloom sind aus der­sel­ben Ma­te­rie ge­macht“?]

Ulys­ses be­zeugt, wie sehr Joy­ce in sei­nem Va­ter ver­wur­zelt bleibt, den er zu­gleich ver­leug­net. Und eben das ist sein Sym­ptom. [Das Kern­sym­ptom – hin­ter dem Tho­mas-Sym­ptom und dem Ir­land-Sym­ptom und dem Nora-Sym­ptom ist dem­nach die Bin­dung an den Va­ter, der zu­gleich ver­leug­net wird.]

Nichtexistenz des sexuellen Verhältnisses in den „Verbannten“

La­can hat über Joy­ce ge­sagt, er sei das Sym­ptom [im Ti­tel von La­cans Joy­ce-Vor­trag: Joy­ce das Sym­ptom]. Joy­ces ge­sam­tes Werk ist da­für ein um­fas­sen­des Zeug­nis. [?? Joy­ce hat nicht Sym­pto­me, er ist das Sym­ptom – was meint das?]

[Joy­ces Thea­ter­stück] Exi­les ist die An­nä­he­rung an das, was bei Joy­ce das zen­tra­le Sym­ptom ist. Die­ses Sym­ptom ist aus dem Feh­len des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses ge­macht. Die Ge­stalt, die die­ses Sym­ptom an­nimmt, ist al­les an­de­re als be­lie­big. Für das Nicht­ver­hält­nis gibt es kei­nen bes­se­ren Aus­druck als Exi­les, was nicht nur „die Exi­lier­ten“, son­dern auch „die Exi­le“ be­deu­tet. Das se­xu­el­le Nicht­ver­hält­nis nimmt bei Joy­ce die Form an, dass es kei­ner­lei Grund da­für gibt, dass er eine-Frau-un­ter an­de­ren für sei­ne Frau hält, sie könn­te eben­so­gut ein Ver­hält­nis mit ir­gend­ei­nem an­de­ren Mann ha­ben. [Ell­mann be­rich­tet, dass Joy­ce, der sehr ei­fer­süch­tig war, be­stän­dig ver­such­te, an­de­re Män­ner für Nora zu in­ter­es­sie­ren (vgl. Ell­mann, a.a.O., S. 433, 488–490.)] In Exi­les denkt Joy­ce sich ei­nen zwei­ten Mann aus, und die­sem er­öff­net er die Mög­lich­keit, die eine Frau zu wäh­len, die in die­sem Fall Nora ist [die Le­bens­ge­fähr­tin von Joy­ce].

Im Por­trät ruft Joy­ce den ar­ti­fi­cer an, der sein Va­ter sei, wäh­rend doch er selbst der ar­ti­fi­cer ist, der­je­ni­ge, der weiß, was er zu tun hat. [Ein ar­ti­fi­cer ist ei­ner, der weiß, was er zu tun hat, bei dem sich das Wis­sen auf das Tun be­zieht]. Er glaubt je­doch, es gebe ein un­ge­schaf­fe­nes Bewusstsein/Gewissen ir­gend­ei­nes Vol­kes, was eine gro­ße Il­lu­si­on ist. [Der ar­ti­fi­cer, der Schaf­fen­de, grün­det sich auf die Phan­ta­sie des Un­ge­schaf­fe­nen, des letz­ten Grun­des.]

[71] Joy­ce glaubt auch, es gebe ein „book of him­s­elf“; eine küm­mer­li­che Idee, war­um sagt er nicht, dass er ein Kno­ten ist?

La­can kri­ti­siert das Buch von Mark Shech­ner, Joy­ce in Night­town. A psy­cho­ana­ly­tic in­quui­ry into „Ulys­ses“, 1974. Shech­ner stellt sich vor, weil er vie­le Bü­cher über Psy­cho­ana­ly­se ge­le­sen hat, sei er Psy­cho­ana­ly­ti­ker – eine Il­lu­si­on, die be­son­ders un­ter Psy­cho­ana­ly­ti­kern ver­brei­tet ist. Shech­ner ana­ly­siert den Ulys­ses, und zwar er­schöp­fend, Freud hin­ge­gen hat über Li­te­ra­tur im­mer nur be­grenz­te Ar­ti­kel ge­schrie­ben, er hat im ei­gent­li­chen Sin­ne kei­nen Ro­man ana­ly­siert.

Das führt [?? bei Shech­ner?] zu der Idee, dass die Ein­bil­dungs­kraft des Ro­man­au­tors, die im Ulys­ses herrscht, in den Pa­pier­korb zu wer­fen sei. La­can er­klärt, dies sei nicht La­cans sen­ti­ment, es ent­spre­che nicht sei­nem Ge­fühl. [Das sen­ti­ment be­ruht für La­can auf dem Ima­gi­nä­ren.]

Das Rätsel vom Fuchs: erste Wahrheiten der Psychoanalyse

Um im Ulys­ses ei­ni­ge ers­te Wahr­hei­ten auf­zu­sam­meln, liest La­can das Rät­sel vor, das Joy­ce, in der Er­schei­nungs­form von Ste­phen De­da­lus, sei­nen Schü­lern vor­trägt – ein Rät­sel ist, wie ge­sagt, eine Äu­ße­rung, zu der die Aus­sa­ge fehlt.

Es kräh­te der Hahn
Zum Him­mel hin­an:
Der Glo­cken Kla­gen
Hat elf ge­schla­gen.
s’ist Zeit, dies arme Seel­chen
in den Him­mel zu tra­gen.

[Das Ge­dicht ist ein tra­di­tio­nel­les Scherz­rät­sel, wie Adams ge­zeigt hat.]

[72] Die Lö­sung lau­tet [in La­cans Ulys­ses-Re­fe­rat]: Der Fuchs, wie er sei­ne Groß­mut­ter un­ter ei­nem Busch be­gräbt.

La­can ver­wen­det das Rät­sel und sei­ne Lö­sung als Al­le­go­rie für die Psy­cho­ana­ly­se.
— Die Psy­cho­ana­ly­se ist die Ant­wort auf ein Rät­sel. [Das Rät­sel ist die Fra­ge des Sub­jekts „Was bin ich?“, „Was ist mit mir los?“]
— Die Äu­ße­rung ist in­ko­hä­rent. [Die Äu­ße­run­gen des Pa­ti­en­ten be­ru­hen auf so­ge­nann­ter „frei­er As­so­zia­ti­on“.]
— Die Äu­ße­rung ist in Ver­se ge­fasst, es han­delt sich um eine Schöp­fung. [In der frei­en As­so­zia­ti­on ist das Ich ge­stal­tend am Werk. Viel­leicht aber auch im Sin­ne von: die pho­ne­ti­schen Be­zie­hun­gen sind ent­schei­dend.]
— Der Fuchs ist ein elen­des Ding. [Das ist viel­leicht eine An­spie­lung dar­auf, dass im Dis­kurs der Psy­cho­ana­ly­se der Psy­cho­ana­ly­ti­ker den Platz des Ob­jekts a ein­nimmt.]
— Die Psy­cho­ana­ly­se ist eine be­son­ders be­scheu­er­te Ant­wort. [Viel­leicht eine An­spie­lung dar­auf, dass die Wahr­heit nur halb­ge­sagt wer­den kann.]
— Das Rät­sel soll­te il­lus­trie­ren, wor­um es bei der Fra­ge „Was will ein Weib?“ geht (vgl. Ver­si­on Sta­fer­la, S. 33). [?? In­wie­fern il­lus­triert das Rät­sel, wor­um es bei der Fra­ge „Was will ein Weib?“ geht?]

Eine Psychoanalyse macht zwei Spleiße: Sinn und phallisches Genießen

Weil die Ant­wort auf das Rät­sel be­scheu­ert ist, muss man in der Psy­cho­ana­ly­se das Seil fest­hal­ten, das Seil, das zum Kno­ten des se­xu­el­len Nicht­ver­hält­nis­ses führt; an­dern­falls ge­rät man ins Fa­seln. [„Es gibt kein se­xu­el­les Ver­hält­nis“ ist eine der ers­ten Wahr­hei­ten. Das Feh­len des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses wird im bor­ro­mäi­schen Kno­ten durch das Loch im Ring des Rea­len dar­ge­stellt.]

Borromäischer Knoten mit vier Überschneidungsbereichen Kopie [Vor­her hieß das Fa­seln „er­zäh­len“, im Rom-Vor­trag hieß es „lee­res Spre­chen“. Man bleibt man auf der Ebe­ne des Sinns hän­gen, ohne dass die Ver­bin­dung zum Rea­len her­ge­stellt wird. Der Sinn ist im Kno­ten das, was vom Rea­len aus­ge­schlos­sen ist.] Der Sinn ist [im Dia­gramm der bor­ro­mäi­schen Rin­ge] das Feld, in dem sich das Ima­gi­nä­ren und das Sym­bo­li­sche über­schnei­den.

Borromäischer Knoten mit 2 Spleißen - GrundformBorromäischer Knoten mit 2 Spleißen und 4 SchnittenWenn wir den­ken, dass es kei­nen An­de­ren des An­de­ren gibt, zu­min­dest kein Ge­nie­ßen des An­de­ren des An­de­ren, müs­sen wir im bor­ro­mäi­schen Kno­ten ir­gend­wo die Naht zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren set­zen. [Dass es kein Ge­nie­ßen des An­de­ren des An­de­ren gibt, wird in der Plät­tung des bor­ro­mäi­schen Kno­tens durch das Feld JȺ dar­ge­stellt. Zwi­schen dem Sym­bo­li­schen und dem Ima­gi­nä­ren gibt es drei Über­kreu­zungs­punk­te, an ei­nem die­ser Punkt müs­sen die bei­den Rin­ge auf­ge­schnit­ten und mit­ein­an­der ver­näht wer­den.]

Und hier [in der Mit­te des Dia­gramms der bor­ro­mäi­schen Rin­ge] ist das [Ob­jekt] a. die Ur­sa­che des Be­geh­rens [d.h. nicht das Ob­jekt des Be­geh­rens, son­dern die Be­din­gung des Be­geh­rens, die Be­din­gung da­für, dass ich Ob­jek­te be­geh­ren kann].

Es ist nö­tig, dass der Ana­ly­ti­ker eine Ver­bin­dung her­stellt zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem un­be­wuss­ten Wis­sen [dem Sym­bo­li­schen, dass er also eine Ope­ra­ti­on im Be­reich des Sinns voll­zieht].

Er tut dies da­durch, dass er ir­gend­wo [an ei­ner der Über­kreu­zungs­stel­len der bei­den Rin­ge] ei­nen Spleiß macht [dass er die Fä­den an die­ser Stel­le auf­schnei­det und sie durch ei­nen Spleiß auf be­stimm­te Wei­se ver­bin­det]. Durch den Spleiß wird ein Kno­ten her­ge­stellt. [Wenn man an drei ver­schie­de­nen Stel­len ei­nen sol­chen Spleiß macht, er­gibt sich ein Klee­blatt­kno­ten; La­can be­schreibt hier den ers­ten Schritt ei­ner Ope­ra­ti­on, die den bor­ro­mäi­sche Kno­ten in ei­nen Klee­blatt­kno­ten ver­wan­delt.]

[73] All das ge­schieht, um ei­nen Sinn zu er­hal­ten, was das Ziel der Ant­wort des Ana­ly­ti­kers auf die Dar­le­gung durch den Pa­ti­en­ten ist, im ge­sam­ten Ver­lauf sei­nes Sym­ptoms [ein Sinn, der sich auf den ge­sam­ten Ver­lauf des Sym­ptoms be­zieht].

Wenn man die­sen Spleiß her­stellt, pro­du­ziert man zu­gleich ei­nen wei­te­ren Spleiß, näm­lich zwi­schen dem Sym­ptom und dem Rea­len. [Der zwei­te Spleiß hat sei­nen Platz an ei­ner der bei­den Über­kreu­zungs­stel­len des Sym­bo­li­schen und des Rea­len, dort, wo in der Zeich­nung das Sym­ptom sei­nen größ­ten Schat­ten wirft.] Das heißt, der Ana­ly­ti­ker bringt dem Ana­ly­sie­ren­den / dem „Ana­ly­san­ten“ bei, ei­nen Spleiß her­zu­stel­len, eine Ver­bin­dung zwi­schen dem Sym­ptom und dem Rea­len. Die­ser Spleiß be­zieht sich auf den Pa­ra­si­ten des Ge­nie­ßens [d.h. auf das phal­li­sche Ge­nie­ßen]. Das ist das, was für das Vor­ge­hen des Ana­ly­ti­kers cha­rak­te­ris­tisch ist. [? Ist der Spleiß zwi­schen dem Sym­ptom und dem Rea­len das phal­li­sche Ge­nie­ßen? Wird durch Sinn­deu­tung phal­li­sches Ge­nie­ßen er­mög­licht?]

Kleeblattschlinge mit Sinn - a - JPhi

Of­fe­ner Klee­blatt­kno­ten

Die­ses pa­ra­si­tä­re Ge­nie­ßen [also das phal­li­sche Ge­nie­ßen] ist das­sel­be wie das, was La­can j’oui sens schreibt, es ist das­sel­be, wie ei­nen Sinn zu hö­ren. [„Es ist das­sel­be“ meint: in dem Maße, in dem der Sinn ver­stan­den wird, stellt sich das phal­li­sche Ge­nie­ßen ein. Eben dies wird durch das Dia­gramm des of­fe­nen Klee­blatt­kno­tens dar­ge­stellt, in dem sich das phal­li­sche Ge­nie­ßen und der Sinn die Waa­ge hal­ten, wie La­can in der Sit­zung vom 16. De­zem­ber ge­sagt hat­te.119

Das fran­zö­si­sche Verb en­tendre meint so­wohl „hö­ren“ im akus­ti­schen Sin­ne als auch „ver­ste­hen“ qua Sinn­ver­ste­hen; j’ouïs sens meint: „ich ver­ste­he den Sinn“. Da­durch, dass ich den Sinn ver­ste­he (die an­spie­len­de Deu­tung des Ana­ly­ti­kers), wird eine be­stimm­te jouis­sance er­mög­licht: phal­li­sches Ge­nie­ßen.

Die bei­den Splei­ße des Sinns und des phal­li­schen Ge­nie­ßens wer­den durch die Ant­wort des Ana­ly­ti­kers er­zeugt, also durch Fra­gen, Deu­tun­gen und In­ter­punk­tio­nen („Skan­die­run­gen“, wie La­can zu sa­gen pflegt). Man muss sich hier dar­an er­in­nern, dass der Ana­ly­ti­ker den Sinn nur in Form ei­ner Mehr­deu­tig­keit sa­gen kann. „Denn letzt­lich ha­ben wir als Waf­fe ge­gen das Sym­ptom nur dies: die Äqui­vo­ka­ti­on.“ (Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975) Die Deu­tung, durch wel­che im Be­reich des Sinns ein Spleiß er­zeugt wird, ist ein mehr­deu­ti­ges Halb­sa­gen der Wahr­heit: „Die Wahr­heit lässt sich nur halb­sa­gen.“]

In der Ana­ly­se geht es also um Ver­nähung und Splei­ßung [wo­durch sich der bor­ro­mäi­sche Kno­ten in ei­nen Klee­blatt­kno­ten ver­wan­delt]. Je­doch müs­sen die In­stan­zen [des Rea­len, des Sym­bo­li­schen und des Ima­gi­nä­ren] als rea­li­ter ge­trennt auf­ge­fasst wer­den, Rea­les, Sym­bo­li­sches und Ima­gi­nä­res ver­mi­schen sich nicht. [Das Rea­le des Kno­tens ins­ge­samt ist das Ge­trennt­sein der Rin­ge als Grund­le­ge ih­rer Ver­bin­dung, ihre Ex-sis­tenz.] [?? Das Pro­blem ist also: Wie kön­nen die Rin­ge durch Splei­ßung zu ei­nem Klee­blatt­kno­ten ver­bun­den wer­den und wei­ter­hin ei­nen bor­ro­mäi­schen Kno­ten bil­den?]

Ei­nen Sinn zu fin­den [eine an­spie­len­de Deu­tung vor­zu­neh­men, also zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen ei­nen Spleiß her­zu­stel­len] im­pli­ziert, dass man weiß, wel­ches der Kno­ten ist [?? was meint das?], und dass man ihn dank ei­nes Kunst­griffs gut ein­renkt. [Statt vom Versplei­ßen spricht La­can jetzt vom „Ein­ren­ken“ des Kno­tens. Er kommt auf die Ein­gangs­be­mer­kung über das Kön­nen und die Ver­ant­wor­tung zu­rück. Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker ist nicht da­für ver­ant­wort­lich, ein se­xu­el­les Ver­hält­nis her­zu­stel­len, das liegt nicht im Be­reich sei­ner Mög­lich­kei­ten. Sei­ne Kunst­fer­tig­keit (und da­mit sei­ne Ver­ant­wor­tung) be­steht dar­in, den Kno­ten zu versplei­ßen bzw. ein­zu­ren­ken, d.h. dem Pa­ti­en­ten durch an­deu­ten­de Deu­tung ein phal­li­sches Ge­nie­ßen zu er­mög­li­chen.]

Ist es mög­li­cher­wei­se ein Miss­brauch, aus ei­ner bor­ro­mäi­schen Kno­ten­ver­schlin­gung (chaînœud bor­ro­méen­ne) ei­nen Kno­ten zu bil­den? [Ist es to­po­lo­gisch halt­bar, eine bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung in ei­nen Klee­blatt­kno­ten zu ver­wan­deln?]

Das nächs­te Mal wird Jac­ques Au­bert in La­cans Se­mi­nar ei­nen Vor­trag hal­ten, viel­leicht über Bloom. Bloom ist, da er Jude ist, in kei­ner schlech­te­ren Po­si­ti­on als an­de­re, um der Ana­ly­se et­was bei­zu­brin­gen. Au­bert wird viel­leicht dar­über spre­chen, wie die Sus­pen­die­rung zwi­schen den Ge­schlech­tern von Bloom ver­spürt wird, näm­lich so, dass Bloom sich fragt, | [74] ob er Va­ter oder Mut­ter ist. Der Text von Joy­ce sorgt da­für, dass er [Bloom] sei­ner Frau ge­gen­über die Ge­füh­le ei­ner Mut­ter hat: er glaubt, sie in sei­nem Bauch zu tra­gen, und das ist die schlimms­te Ver­ir­rung in dem, was man ge­gen­über je­man­dem emp­fin­det, den man liebt. Aber war­um nicht? Man muss die Lie­be ja er­klä­ren, und sie mit ei­ner Art Wahn­sinn zu er­klä­ren, ist das Ers­te, das in Reich­wei­te ist.

ZUSAMMENSTELLUNG ZU SYMPTOM/SINTHOM

Im Fol­gen­den wer­den alle Stel­len auf­ge­führt, an de­nen La­can die Aus­drü­cke „Sym­ptom“ oder „Sin­t­hom“ ver­wen­det. Die Zah­len in run­den Klam­mern sind Sei­ten­zah­len, sie ver­wei­sen auf die Über­set­zung von Max Klei­ner.

Ver­wen­dung von „Sin­t­hom“ und „Sym­ptom“

In der Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1976 ver­wen­det La­can aus­schließ­lich den Aus­druck den „Sym­ptom“, er spricht nicht vom „Sin­t­hom“. In Mil­lers Ver­si­on stößt man ein­mal auf „sin­t­home“ (S. 73), aber das liegt dar­an, dass Mil­ler hier „sym­ptô­me“ ge­gen „sin­t­home“ aus­ge­tauscht hat – La­can sagt an die­ser Stel­le „sym­ptô­me“, das ist in der Ton­auf­nah­me deut­lich zu hö­ren.

Der Spleiß

All das, um ei­nen Sinn zu er­hal­ten, was das Ziel der Ant­wort des Ana­ly­ti­kers auf die Dar­le­gung durch den Ana­ly­san­ten / den Ana­ly­sie­ren­den ist, im ge­sam­ten Ver­lauf sei­nes Sym­ptoms. Wenn wir die­sen Spleiß her­stel­len, ma­chen wir zu­gleich ei­nen wei­te­ren, die­sen hier [B], ge­nau zwi­schen dem, was Sym­ptom [Mil­ler än­dert zu „sym­bo­li­que“, „sym­ptô­me“ ist deut­lich hör­bar] ist, und dem Rea­len. Das heißt, dass wir ihm von ir­gend­ei­ner Sei­te her bei­brin­gen, zu splei­ßen – epis­ser mit zwei s –, ei­nen Spleiß zu bil­den zwi­schen sei­nem Sym­ptom [Mil­ler än­dert zu „sin­t­home“] und dem Rea­len, Pa­ra­sit des Ge­nie­ßens, das ist das, was für un­ser Vor­ge­hen kenn­zeich­nend ist. (62)

Das Ziel der Ant­wort des Ana­ly­ti­kers auf die Dar­le­gun­gen des Pa­ti­en­ten be­steht dar­in, ei­nen Sinn zu er­hal­ten – „im ge­sam­ten Ver­lauf sei­nes Sym­ptom“, wohl im Sin­ne von „ei­nen Sinn, der sich auf den ge­sam­ten Ver­lauf des Sym­ptoms be­zieht“. Die­ser Sinn be­ruht auf dem Spleiß zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen. Hier­bei wird ein zwei­ter Spleiß her­ge­stellt, „zwi­schen sei­nem Sym­ptom und dem Rea­len, Pa­ra­sit des Ge­nie­ßens“. Der „Pa­ra­sit des Ge­nie­ßens“ ist das phal­li­sche Ge­nie­ßen. Ist der zwei­te Spleiß das phal­li­sche Ge­nie­ßen? Wird durch Sinn­deu­tung phal­li­sches Ge­nie­ßen er­mög­licht?

Über Joy­ce

Er [Joy­ce] geht nicht weit, weil er an all sei­ne Sym­pto­me glaubt.“ (58)

Im vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nar, RSI, hat­te La­can ge­sagt: Ein Pa­ti­ent, der in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se sei­ne Sym­pto­me prä­sen­tiert, glaubt an sei­ne Sym­pto­me, in­so­fern näm­lich, als er un­ter­stellt, dass das Sym­ptom in der Lage ist, et­was zu sa­gen, und dass man es nur ent­zif­fern muss. (Vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.) Joy­ce glaubt dem­nach in­so­fern an sei­ne Sym­pto­me, als er glaubt, dass sie et­was sa­gen kön­nen.

Ulys­ses ist das Zeug­nis des­sen, wo­mit Joy­ce in sei­nem Va­ter ver­wur­zelt bleibt, den er zu­gleich ver­leug­net; und ge­nau das ist sein Sym­ptom. Ich habe ge­sagt, er sei das Sym­ptom. Sein ge­sam­tes Werk ist da­für ein aus­führ­li­ches Zeug­nis. Exi­les, das ist wirk­lich die An­nä­he­rung an et­was, das für ihn letzt­lich das Sym­ptom ist, das zen­tra­le Sym­ptom, bei dem es na­tür­lich um das Sym­ptom geht, das aus dem Feh­len ge­macht ist, das dem se­xu­el­len Ver­hält­nis ei­gen ist.“ (59)

Mit dem Satz „Ich habe ge­sagt, er sei das Sym­ptom“, be­zieht La­can sich auf den Ti­tel sei­nes Vor­trags Joy­ce das Sym­ptom.

Das Sym­ptom be­ruht auf dem Feh­len des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses, also dar­auf, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Das Sym­ptom selbst be­steht dar­in, dass Joy­ce in sei­nem Va­ter ver­wur­zelt bleibt, den er zu­gleich ver­leug­net. Joy­ces Thea­ter­stück Exi­les ist die An­nä­he­rung an die­ses zen­tra­le Sym­ptom.

OFFENE FRAGEN

Die Zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner. Sie sind oben in der Über­set­zung nach je­dem Satz an­ge­ge­ben.

Hauptfragen

Der An­dere des rea­len An­de­ren, d.h. der An­dere des un­mög­li­chen An­de­ren, das ist die Vor­stel­lung, die wir vom Kunst­griff ha­ben, in­so­fern er ein Tun ist, das das Ge­nie­ßen, das wir da­von ha­ben kön­nen, bei wei­tem über­steigt (52). Wer ist der rea­le, d.h. der un­mög­li­che An­dere – der Part­ner des an­de­ren Ge­schlechts? Wie ist der Ge­ni­tiv von „der An­dere des rea­len An­de­ren“ zu ver­ste­hen: geht es um den Part­ner, den der rea­le An­de­re hat, oder um den An­de­ren qua rea­len An­de­ren? Ist mit „der An­dere des rea­len An­de­ren“ Gott ge­meint?

Was wir Geist nen­nen, ist die­ses win­zi­ge Ge­nie­ßen (52). Wie ist das mit dem „Geist“ ver­bun­de­ne Ge­nie­ßen dem bor­ro­mäi­schen Kno­ten zu­zu­ord­nen: ist hier das phal­li­sche Ge­nie­ßen ge­meint oder geht es um ein mit dem Sinn ver­bun­de­nes Ge­nie­ßen? Be­zieht sich „Sinn“ auf eine vier­te Art des Ge­nie­ßens (ne­ben phal­li­schem Ge­nie­ßen, Ge­nie­ßen des aus­ge­stri­che­nen An­de­ren und Mehr­lust)?

Das Wah­re über das Wah­re zu sa­gen, heißt, der Spur des Rea­len zu fol­gen, des Rea­len, das nur im Kno­ten kon­sis­tiert und ex-sis­tiert (54). Wie ord­net La­can die Kon­sis­tenz und die Ex-sis­tenz des Rings des Rea­len der Psy­cho­ana­ly­se zu? (Das Loch des Rings des Rea­len ist die In­exis­tenz des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses.)

La­can hat über Joy­ce ge­sagt, er sei das Sym­ptom; Joy­ces ge­sam­tes Werk ist da­für ein um­fas­sen­des Zeug­nis (59). Joy­ce hat nicht Sym­pto­me, er ist das Sym­ptom – was meint das?

Wenn in ei­ner Ana­ly­se ein Spleiß zwi­schen dem Ima­gi­nä­ren und dem Sym­bo­li­schen her­ge­stellt wird, d.h. wenn der Sinn des Sym­ptoms ge­deu­tet wird, wird da­mit zu­gleich ein Spleiß er­zeugt „zwi­schen sei­nem Sym­ptom und dem Rea­len, Pa­ra­sit des Ge­nie­ßens“ (62). Ist der Spleiß zwi­schen dem Sym­ptom und dem Rea­len das phal­li­sche Ge­nie­ßen? Wird durch Sinn­deu­tung phal­li­sches Ge­nie­ßen er­mög­licht?

In der Ana­ly­se geht es um Ver­nähung und Splei­ßung, je­doch müs­sen die In­stan­zen des Rea­len, des Sym­bo­li­schen und des Ima­gi­nä­ren als rea­li­ter ge­trennt auf­ge­fasst wer­den – Rea­les, Sym­bo­li­sches und Ima­gi­nä­res ver­mi­schen sich nicht (62). Wie kön­nen die Rin­ge ei­ner Ver­schlin­gung durch Splei­ßung zu ei­nem Klee­blatt­kno­ten ver­bun­den wer­den und wei­ter­hin ge­trennt sein?

Weitere Fragen

La­can fragt, ob das Bild, das man sich von Gott macht, im­pli­ziert, dass er das, was er be­gan­gen hat, ge­nießt (50). Was meint die­se Fra­ge?

Beim zwei­ten Dia­gramm [also Ab­bil­dung B] sieht man, dass man zwei Rin­ge aus­ein­an­der­zie­hen kann, so dass sich eine Dar­stel­lung mit zwei Au­ßen­rin­gen und ei­nem ver­mit­teln­den Ring er­gibt [C]; Rin­ge von der Art des mitt­le­ren Rings [D] kann man kreis­för­mig ver­ei­ni­gen (51). Was meint, dass man die­se Rin­ge „kreis­för­mig ver­ei­ni­gen“ kann?

Was man „Er­kennt­nis“ nennt, ist mehr­deu­tig. Er­kennt­nis wird auf eine Ak­ti­vi­tät be­zo­gen, und Ak­tive ist das ers­tens das, was wir er­ken­nen, und au­ßer­dem stel­len wir uns vor, dass wir selbst, wenn wir uns zu er­ken­nen be­mü­hen, ak­tiv sind (41). In­wie­fern ist das Ak­ti­ve das, was wir er­ken­nen? Ist die Ur­sa­che-Wir­kungs-Be­zie­hung ge­meint?

Es ist ein Fakt, dass das Sprech­we­sen lügt, d.h. dass es in der (An-)Erkenntnis von Tat­sa­chen fal­sche Tat­scahen eta­bliert, das liegt dar­an, dass es Men­ta­li­tät gibt, d.h. Ei­gen­liebe; das ist das Prin­zip der Ima­gi­na­tion: es be­tet sei­nen Kör­per an, es be­tet den Kör­per an, weil es glaubt, dass es ihn hat, in Wirk­lich­keit hat es ihn nicht (54). In­wie­fern hat das Sprech­we­sen nicht den Kör­per? In­so­fern, als er eine Pro­jek­tion ist?

Was man an­be­tet, dem wird un­ter­stellt, kei­ner­lei Men­ta­li­tät zu ha­ben (54). In­wie­fern?

Freud hat die Fra­ge ge­stellt, „Was will das Weib?“, WwdW. Da­bei be­ging er ei­nen Irr­tum, er dach­te, es gäbe Das Weib, Je­doch gibt es nur ein Weib, WweW (56). War­um ver­wen­det La­can die Ab­kür­zun­gen „WwdW“ und „WweW“? Sol­len sie, als Buch­sta­ben, ei­nen Weg zum Rea­len bah­nen?

Im Ulys­ses wird Ste­phen den Va­ter in ver­schie­de­nen Ge­stal­ten su­chen; er wird ihn nicht fin­den, und zwar des­halb nicht, weil es da ei­nen Va­ter gibt, der sich ei­nen Sohn sucht, näm­lich Bloom (58). Was für ein Zu­sam­men­hang wird mit „weil“ be­haup­tet? In­wie­fern fin­det Ste­phen den Va­ter eben des­halb nicht, weil es im Ulys­ses ei­nen Va­ter gibt, der sich ei­nen Sohn sucht, näm­lich Bloom. 

Die Iden­ti­tät von Ste­phen De­da­lus und Bloom geht so weit, dass Joy­ce im Ulys­ses „Ble­phen“ und „Stoom“ auf­tre­ten lässt, was zeigt, dass Ste­phen und Bloom nicht nur aus den­sel­ben Si­gni­fi­kan­ten ge­macht sind, son­dern aus der­sel­ben Ma­te­rie (59). Was meint: „Ste­phen und Bloom sind aus der­sel­ben Ma­te­rie ge­macht“?

Das führt zu der Idee, dass die Ein­bil­dungs­kraft des Ro­man­au­tors, die im Ulys­ses herrscht, in den Pa­pier­korb zu wer­fen sei (60). Wes­sen Idee ist das, Shech­ners?

Das Rät­sel vom Fuchs, der sei­ne Groß­mut­ter un­ter ei­nem hol­ly bush be­er­digt, soll il­lus­trie­ren, wor­um es bei der Fra­ge „Was will ein Weib?“ geht (vgl. Ver­si­on Sta­fer­la, S. 33). In­wie­fern il­lus­triert die­ses Rät­sel das, wor­um es bei der Fra­ge „Was will ein Weib?“ geht?

Ei­nen Sinn zu fin­den im­pli­ziert, dass man weiß, wel­ches der Kno­ten ist, und dass man ihn dank ei­nes Kunst­griffs gut ein­renkt (62). Was meint ‚wis­sen wel­ches der Kno­ten ist‘?

LITERATURVERZEICHNIS

Das Ver­zeich­nis be­schränkt sich auf die in die­sem Bei­trag zi­tierte oder er­wähnte Li­te­ra­tur.
Die Über­set­zun­gen von Zi­ta­ten sind von Rolf Nemitz, falls nicht an­ders ver­merkt.

La­can, Sin­t­hom-Se­mi­nar

Ver­sion NN
La­can: Le sin­thome. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers, ohne Ort, ohne Jahr. Schreib­ma­schine, durch Fo­to­ko­pien ver­brei­tet. Auf die­se Ver­sion be­zieht sich Max Klei­ners Über­set­zung, lin­ke Spal­te.

Ver­sion Sta­ferla
Jac­ques La­can: Le sin­thome. 1975 — 76. Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on, her­aus­ge­ge­ben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Die­se Tran­skrip­ti­on wird von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet, es gibt also meh­rere Va­ri­an­ten der Staferla-Ver­sion. Für die­sen Kom­men­tar wur­de die Va­ri­an­te vom 28.6.2013 ver­wen­det; man fin­det sie hier.

Ver­sion NN/Kleiner und Ver­sion Mil­ler 1976–77/Kleiner
Le sin­thom. 1975 – 1976. Se­mi­nar XXIII von Jac­ques La­can. Über­setzt von Max Klei­ner. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007

Die­se Ver­sion ent­hält zwei Über­set­zun­gen, das Lay­out ist drei­spal­tig. Ers­te Spal­te: Über­set­zung der Tran­skrip­tion ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers (=Ver­sion NN/Kleiner), zwei­te Spal­te: Über­set­zung der Ver­sion Mil­ler 1976/77, drit­te Spal­te: An­mer­kun­gen des Über­set­zers. Zu be­stel­len beim La­can-Ar­chiv Bre­genz; für 20 Euro er­hält man eine PDF-Da­tei.

Die Über­set­zung in die­sem Bei­trag des Sin­t­hom-Kom­men­tars ist eine über­ar­bei­tete Fas­sung von Ver­sion NN/Kleiner; mit „Klei­ner-Über­set­zung“ ist die­se Ver­sion ge­meint.

Ver­sion Mil­ler 2005
Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, li­v­re XXIII. Le sin­thome. 1975–1976. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005

Wei­tere Tex­te von La­can

Con­fé­rence à Genè­ve sur le sym­ptôme, 4. Ok­to­ber 1975, in: Pas-tout La­can 1926–1981, S. 1672–1685, auf der In­ter­net­sei­te der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se (ELP), www.ecole-lacanienne.net

Das Spie­gel­sta­di­um als Bild­ner der Ich­funk­ti­on (1949). In: Ders.: Schrif­ten I. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1973, S. 61–70

De l’impulsion au com­ple­xe (1938). In: Ders.: Pas-tout La­can 1926–1981, S. 185–187, auf der In­ter­net­sei­te der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se, www.ecole-lacanienne.net

Die Fa­mi­lie (1938). In: Ders.: Schrif­ten III. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten u.a. 1980, S. 39–100

Die lo­gi­sche Zeit und die As­ser­tion der an­ti­zi­pier­ten Ge­wiss­heit (1945), in: Ders.: Schrif­ten III. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten u.a. 1980, S. 123–171

Joy­ce le Sym­ptô­me I. In: Ders.: Le sé­mi­n­aire, li­v­re XXIII. Le sin­thome. 1975–1976. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005, S. 161–169

L’aggressivité en psy­chana­ly­se (1948). In Ders.: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 101–124

Pro­blè­mes cru­ci­aux pour la psy­chana­lyse. Comp­te ren­du du sé­mi­n­aire 1964–1965 (1966). In: Ders.: Au­tres écrits. Pa­ris, Seuil 2001, S. 199–202

Sub­ver­sion du su­jet et dialec­tique du dé­sir dans l’inconscient freu­dien. In: Ders.: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 793–827.– Sub­ver­sion des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens im Freud­schen Un­be­wuss­ten. In: Ders.: Schrif­ten II. Wal­ter Ver­lag, Ol­ten u.a. 1975, S. 165–204

Va­ri­an­tes de la cure-type. In: Ders.: Écrits. Seuil, Pa­ris 1966, S. 323–362

Se­mi­na­re

Se­mi­nar 2 = Das Se­mi­nar, Buch II (1954–1955). Das Ich in der Theo­rie Freuds und in der Tech­nik der Psy­cho­ana­lyse. Über­setzt von Hans-Joa­chim Metz­ger nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Wal­ter-Ver­lag, Ol­ten u.a. 1980

Se­mi­nar 6 = Le sé­mi­n­aire, li­v­re VI. Le dé­sir et son in­ter­pré­ta­tion. 1958–1959. Tex­ter­stel­lung Jac­ques-Alain Mil­ler. La Mar­ti­nière, Pa­ris 2013

Se­mi­nar 11 = Das Se­mi­nar, Buch XI (1964). Die vier Grund­be­griffe der Psy­cho­ana­lyse. Über­setzt von Nor­bert Haas nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Wal­ter, Ol­ten u.a. 1978

Se­mi­nar 12 = Pro­blè­mes cru­ci­aux pour la psy­chana­lyse. 1964–65. Her­aus­ge­ge­ben von der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage der Ver­sio­nen ELP, Gao­goa und Mi­chel Rous­san. Ohne Ort, ohne Jahr

Se­mi­nar 19 = Le sé­mi­nare, li­v­re XIX. … ou pire. 1971–1971. Tex­ter­stel­lung durch Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2011

Se­mi­nar 20 = Das Se­mi­nar, Buch XX (1972–1973). En­core. Über­setzt von Nor­bert Haas, Vre­ni Haas und Hans-Joa­chim Metz­ger, nach ei­ner von Jac­ques-Alain Mil­ler er­stell­ten Ver­sion. Qua­driga, Wein­heim u.a. 1986

Se­mi­nar 21 = Les non-du­pes er­rent. 1973–74. Hg. v. der Web­site Sta­ferla (staferla.free.fr), auf der Grund­lage ei­ner Ton­auf­nahme so­wie der Tran­skrip­tio­nen auf den Web­sites Lu­te­cium und Gao­goa. Ohne Ort, ohne Jahr

An­de­re Au­to­ren

Adams, Ro­bert Mar­tin: Sur­face and sym­bol. The con­sis­tency of Ja­mes Joyce’s Ulys­ses. Ox­ford Uni­ver­sity Press, New York 1962

Au­bert, Jac­ques: No­tes de lec­tures. In: J. La­can: Le sé­mi­nare, li­v­re XXIII. Le sin­thome. Tex­ter­stel­lung Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005, S. 189–198

Bi­bel. Ein­heits­über­set­zung. Im In­ter­net: Uni­ver­si­tät Inns­bruck, www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/

Ell­mann, Ri­chard: Ja­mes Joy­ce. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979

Feu­er­bach, Lud­wig: Das Ge­heim­nis des Op­fers oder Der Mensch ist, was er isst (1862). In: Ders.: Sämt­li­che Wer­ke, Bd. 10. Hg. v. Wil­helm Bo­lin und Fried­rich Jodl. From­mann Ver­lag, Stutt­gart, Bad Can­statt 1960, S. 41–67

Fé­vrier, Ja­mes G.: His­toire de l’écriture. Payot, Pa­ris 1948, gänz­lich über­ar­bei­tete Auf­lage Payot 1959

Freud, Sig­mund: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 191–270

—: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 37–134

—: Ei­nige Cha­rak­ter­ty­pen aus der psy­cho­ana­ly­ti­schen Ar­beit (1916). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 10. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 229–255

—: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­lyse (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­gabe, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 447–608

Fri­g­net, Hen­ry: Nœud. In: Ro­land Che­ma­ma, Ber­nard Van­derm­ersch (Hg.): Dic­tionn­aire de la psy­chana­ly­se. Larous­se, Pa­ris 2009, S. 384–388

Gelb, Ignace Jay: A stu­dy of wri­t­ing. The foun­da­ti­ons of gram­ma­to­logy. Rout­ledge & Ke­gan Paul, Lon­don 1952; dt. Über­set­zung, vom Ver­fas­ser über­ar­bei­tete und er­wei­terte Aus­gabe: Von der Keil­schrift zum Al­pha­bet. Grund­la­gen ei­ner Schrift­wis­sen­schaft. Kohl­ham­mer, Stutt­gart 1958, Neu­auf­lage 2002; frz. Über­set­zung: Pour une thé­o­rie de l’écriture. Voll­stän­dig über­ar­bei­tete Aus­gabe. Flam­ma­rion, Pa­ris 1973

Hei­deg­ger, Mar­tin: Über den Hu­ma­nis­mus (1949). Klos­ter­mann, Frank­furt am Main 1981

Hoff­mann, E.T.A.: Der gol­dne Topf. Ein Mähr­chen aus der neu­en Zeit. In: ders.: Phan­ta­sie­stü­cke in Callot’s Ma­nier. Zwei­ter Theil. View­eg, Braun­schweig, Bam­berg 1819, S. 79–228

Ho­garth, Wil­liam: The ana­ly­sis of be­auty. Rea­ves, Lei­ces­ter-Fiel­ds 1753 (Re­print von 1909 hier)

Ib­sen, Hen­rik: Ros­mer­s­holm. Schau­spiel in vier Ak­ten (1886). In: Ders.: Dra­men in ei­nem Band. Ver­lag der Au­to­ren, Frank­furt am Main 2006, S. 683–768

Ja­kob­son, Ro­man: Ver­schie­ber, Ver­bka­te­go­rien und das rus­si­sche Verb (1957). In: Ders.: Form und Sinn. Sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­trach­tun­gen. Fink, Mün­chen 1974, S. 35–74

Jo­nes, Er­nest: Sig­mund Freud. Le­ben und Werk. Band 2. dtv, Mün­chen 1984

Joy­ce, Ja­mes: A por­trait of the ar­tist as a young man. Text, cri­ti­cism and no­tes. Hg. v. Ches­ter G. An­der­son. The Vi­king Cri­ti­cal Li­brary, New York 1968.– Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. In: Ders.: Ste­phen der Held. Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Über­tra­gen von Klaus Rei­chert. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1987, S. 251–533

—: Cham­ber mu­sic. El­kin Ma­thews, Lon­don 1907

—: Exi­les. A play in three acts. Cape, Lon­don 1952.– Ver­bann­te. Ein Stück in drei Ak­ten. Über­setzt von Klaus Rei­chert. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1991

—: Ulys­ses. Pen­gu­in Books, Lon­don 2000 (Se­rie „Mo­dern Clas­sics“).– Ulys­ses. Über­setzt von Hans Woll­schlä­ger. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979

Joy­ce, Pa­trick Wes­ton: English as we speak it in Ire­land. Wolf­hound Press, Dub­lin 1910

Mil­ton, John: Ly­ci­das (Ge­dicht, 1638). Im In­ter­net hier.

Patt, Wal­ter: Me­ta­phy­sik bei Tho­mas von Aquin: eine Ein­füh­rung. Turns­hare, Lon­don 2004

Pla­ton: Ti­ma­i­os. Griechisch/deutsch. Über­setzt von Hans G. Zekl. Mei­ner, Ham­burg 1992

Pless­ner, Hel­muth, Die Stu­fen des Or­ga­ni­schen und der Mensch. Ein­lei­tung in die phi­lo­so­phi­sche An­thro­po­lo­gie. De Gruy­ter, Ber­lin 1928

Por­ge, Erik: Jac­ques La­can, un psy­chana­lys­te. Par­cours d’un ens­eig­ne­ment. Érès, Ra­mon­vil­le Saint-Agne 2000

Shech­ner, Mark: Joy­ce in Night­town. A psy­cho­ana­lytic in­quiry into „Ulys­ses“. Uni­ver­sity of Ca­li­for­nia Press, Ber­ke­ley, Los An­ge­les 1974

von Grae­ve­nitz, Ger­hart: Lo­cke, Schlan­ge, Schrift. Poe­to­lo­gi­sche Or­na­mente der Ly­rik (Ze­sen, Klop­stock, Goe­the, Hand­ke). In: Susi K. Frank (Hg.): Zei­chen zwi­schen Klar­text und Ara­beske. Ro­dopi, Ams­ter­dam 1994, S. 241–262

Wid­mer, Pe­ter: Sub­ver­sion des Be­geh­rens. Eine Ein­füh­rung in Jac­ques La­cans Werk. Tu­ria und Kant, Wien 2012

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Ver­ant­wor­tung“ ist ein Schlüs­sel­be­griff der Ethik seit etwa Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts.
  2. Vgl. La­cans Be­mer­kung zum Kön­nen in Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975: „Ist es eine Un­mög­lich­keit, dass die Wahr­heit zu ei­nem Pro­dukt des Kön­nens wird, des Sa­voir-fai­re? Nein.“ (Klei­ner-Über­set­zung S. 4) 
  3. Vgl. La­cans Be­mer­kung zum ar­ti­fice in Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975: „In die­sem Sin­ne kün­di­ge ich an, was in die­sem Jahr mei­ne Be­fra­gung über die Kunst sein wird: in­wie­fern kann der Kunst­griff / das Ar­te­fakt (ar­ti­fice) aus­drück­lich das an­zie­len, was sich zu­nächst als Sym­ptom prä­sen­tiert? In­wie­fern kann die Kunst, das Hand­werk, das ver­ei­teln, wenn man so sa­gen kann, was sich vom Sym­ptom auf­zwingt, näm­lich was? was ich in mei­nen zwei Te­tra­edern dar­ge­stellt habe: die Wahr­heit.“ (Klei­ner-Über­set­zung, S. 14)

    Das fran­zö­si­sche Wort art, „Kunst“, geht auf das la­tei­ni­sche Wort ars, „Tech­nik“, zu­rück; man den­ke an den Be­griff „Tech­nik der Psy­cho­ana­ly­se“ (im Ti­tel von La­cans Se­mi­nar 2).

  4. Le Ju­ge­ment Der­nier („das Letz­te Ur­teil“) ist das Jüngs­te Ge­richt.
  5. Ers­te Wahr­hei­ten sind die Aus­gangs­be­haup­tun­gen ei­ner Be­grün­dungs­ket­te, ihre Prin­zi­pi­en oder Axio­me. Da sie am An­fang ste­hen, las­sen sie sich nicht be­wei­sen; ihre Wahr­heit muss des­halb, nach tra­di­tio­nel­ler Auf­fas­sung, durch Evi­denz ge­si­chert sein.
    Um­gangs­sprach­lich meint pre­miè­res vé­rités auch „Ba­na­li­tä­ten“.
    Bei Tho­mas von Aquin ist die ers­te Wahr­heit (pri­ma ve­ri­tas): Gott ist durch die Schöp­fung Grund der Er­kenn­bar­keit von Sei­en­dem (vgl. Wal­ter Patt: Me­ta­phy­sik bei Tho­mas von Aquin: eine Ein­füh­rung. Turns­ha­re, Lon­don 2004, S. 145 Fn. 57).
    La­cans „ers­te Wahr­hei­ten“ be­haup­ten ge­wis­ser­ma­ßen das Ge­gen­teil.
  6. Mil­ler än­dert „qui ce­lui-ci“ (dass die­ser hier) zu „que le se­cond“ (dass der zwei­te).
  7. Das Dia­gramm ist in­so­fern ver­ein­facht, als zwei Fa­den­rin­ge, die die Form von Recht­ecken ha­ben, über­ein­an­der lie­gen; an den Kreu­zungs­punk­ten wer­den sie durch den drit­ten Ring auf sym­me­tri­sche Wei­se ver­knüpft.
  8. Der Kno­ten er­mög­licht es, eine Auf­fas­sung von Kon­sis­tenz zu ent­wi­ckeln (Kon­sis­tenz des Fa­dens), die sich von der ge­wöhn­li­chen Auf­fas­sung der Kon­sis­tenz un­ter­schei­det (Kon­sis­tenz des Sacks); das ist eine der Haupt­funk­tio­nen des Kno­tens. Am Ende die­ser Sit­zung wird das von La­can aus­führ­li­cher er­läu­tert.
  9. Freud zu­fol­ge wird die Op­po­si­ti­on männlich/weiblich im Un­be­wuss­ten durch die Op­po­si­ti­on aktiv/passiv dar­ge­stellt. Die­se Dar­stel­lung ist, wie Freud sagt, falsch, bei­de Ge­schlech­ter sind so­wohl ak­tiv als auch pas­siv. Vgl. S. Freud: Drei Ab­hand­lun­gen zur Se­xu­al­theo­rie (1905). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 5. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 123 f. Fn. 1 (Zu­satz von 1915).– Ders.: Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur (1930). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 9. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 235 f. Fn. 2.– Ders.: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 1. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 545–548.
    „Faux sens“ hat die Dop­pel­be­deu­tung von, ei­ner­seits, „fal­scher Sinn“, „Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on“, „Fehl­deu­tung“ und, an­de­rer­seits, „fal­sche Rich­tung“.
  10. Mit dem Be­griff der Er­kennt­nis wird im­pli­zit der Be­griff der Wahr­heit ins Spiel ge­bracht, auf den La­can sich be­reits mit der Rede von den „ers­ten Wahr­hei­ten“ be­zog.
    Un­ter ei­ner Er­kennt­nis wird tra­di­tio­nell die Über­ein­stim­mung (Ad­äqua­ti­on) ei­nes Ur­teils mit dem Ge­gen­stand be­grif­fen. Die­se Kon­zep­ti­on wird von La­can be­reits 1955 pro­ble­ma­ti­siert, in Va­ri­an­ten des Be­hand­lungs­typs – Wahr­heit be­ruht nicht auf Er­kennt­nis, son­dern auf An­er­ken­nung, be­reits hier spricht er von ei­ner „ers­ten Wahr­heit“: „Das Spre­chen scheint also umso mehr wahr­haft ein Spre­chen zu sein, je we­ni­ger sei­ne Wahr­heit sich auf das grün­det, was man die Ad­äqua­ti­on mit der Sa­che nennt: pa­ra­do­xer­wei­se steht das wah­re Spre­chen so im Ge­gen­satz zum wah­ren Dis­kurs, wo­bei ihre Wahr­heit sich dar­in un­ter­schei­det, dass die ers­te Wahr­heit durch die An­er­ken­nung (re­con­nais­sance) kon­sti­tu­iert wird, die die Sub­jek­te in Be­zug auf ihr Sein voll­zie­hen, und zwar in­so­fern, als sie hier ‚in­ter-es­siert‘ sind, wäh­rend die zwei­te durch die Er­kennt­nis (con­nais­sance) des Rea­len kon­sti­tu­iert wird, in­so­fern es vom Sub­jekt in den Ob­jek­ten an­ge­zielt wird.“ (Ècrits, S. 351, mei­ne Über­set­zung)
    Zum Un­ter­schied zwi­schen Er­ken­nen und An­er­ken­nen vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.
  11. Das sen­ti­ment ver­weist für La­can auf das Ima­gi­nä­re.
  12. Klei­ner über­setzt mit: das Kön­nen „geht weit dar­über hin­aus“. Das im­pli­ziert, dass das Kön­nen die Ver­ant­wor­tung für das se­xu­el­le Ver­hält­nis ein­schließt. Das Ge­gen­teil ist ge­meint.–
    Der Kunst­griff wird Gott zu­ge­schrie­ben, etwa von Joy­ce in sei­ner Got­tes­an­ru­fung im letz­ten Satz von Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann: „Ur­va­ter, ur­alter Ar­ti­fex“.
  13. Die Vor­stel­lung von Gott als Töp­fer fin­det sich in zahl­rei­chen Schöp­fungs­my­then.
    Im Grie­chi­schen heißt der als Hand­wer­ker vor­ge­stell­te Gott, der den Kos­mos er­zeugt, De­mi­urg („Hand­wer­ker“); hier­von han­delt Pla­tons Dia­log Ti­ma­i­os.
    Der jü­di­sche Schöp­fungs­my­thos kom­bi­niert zwei Er­zäh­lun­gen zwei­er un­ter­schied­li­cher Au­to­ren mit zwei un­ter­schied­li­chen Schöp­fungs­kon­zep­tio­nen. Den An­fang bil­det die Er­zäh­lung, in der es dar­um geht, dass Gott die Welt durch sein Wort er­zeugt. Es folgt eine zwei­te Schöp­fungs­ge­schich­te, in der es heißt, dass Gott den Men­schen aus Lehm ge­stal­tet, wie ein Töp­fer. „Da form­te Gott, der Herr, den Men­schen aus Erde vom Acker­bo­den und blies in sei­ne Nase den Le­bens­atem. So wur­de der Mensch zu ei­nem le­ben­di­gen We­sen.“ (Ge­ne­sis, 2. Ka­pi­tel, Vers 8) Wie ein Töp­fer er­zeugt Gott dann Eva aus ei­ner Rip­pe des Men­schen (Ge­ne­sis, 2. Ka­pi­tel, Ver­se 21 und 22).
    In den Bü­chern Je­sa­ja und Je­re­mia wird Gott mit ei­nem Töp­fer ver­gli­chen (Je­sa­ja, Ka­pi­tel 45, Vers 9, Ka­pi­tel 64,8; Je­re­mia, Ka­pi­tel 18 Ver­se 1–6).
    Im Neu­en Tes­ta­ment ver­gleicht Pau­lus Gott mit ei­nem Töp­fer (Rö­mer 9, Vers 21).
    Vgl. auch den Spruch „Der ers­te Töp­fer: Gott der Schöp­fer“.
  14. Mil­ler tran­skri­biert „Yadl’un“.
  15. Vgl. die Er­läu­te­rung der For­mel Yad’lun in die­sem Ar­ti­kel im „Klei­nen La­can-Le­xi­kon“.
  16. Die Kon­sis­tenz kann an­ders als ima­gi­när auf­ge­fasst wer­den, näm­lich als Zu­sam­men­halt des Fa­dens.
  17. Ro­bert Mar­tin Adams: Sur­face and sym­bol. The con­sis­ten­cy of Ja­mes Joyce’s Ulys­ses. Ox­ford Uni­ver­si­ty Press, New York 1962.
  18. La­can spielt hier auf den Be­griff des zer­stü­ckel­ten Kör­pers (corps morcelé) an, ein Kon­zept, das er be­reits früh ent­wi­ckelt hat­te, ge­wis­ser­ma­ßen die Kehr­sei­te des Spie­gel­sta­di­ums. Vgl. J.L.: Die Fa­mi­lie (1938). In: Ders.: Schrif­ten III, S. 79, 90; J. L.: De l’impulsion au com­ple­xe (1938). In: Ders.: Pas-tout La­can, S. 168; J.L.: L’aggressivité en psy­chana­ly­se (1948). In Ders.: Écrits, S. 104; J.L.: Das Spie­gel­sta­di­um als Bild­ner der Ich­funk­ti­on (1949). In: Ders.: Schrif­ten I, S. 67.
  19. Der Kno­ten ist dem Fa­den äu­ßer­lich (ex-sis­tent), in­so­fern in ei­nem bor­ro­mäi­schen Kno­ten die drei Rin­ge an­ein­an­der­sto­ßen (sich nicht durch­drin­gen).
  20. In ei­ner bor­ro­mäi­schen Ver­schlin­gung kann ein ein­zel­ner Kno­ten zwei For­men ein­neh­men, die ei­ner un­end­li­chen Ge­ra­den, de­ren En­den sich ge­wis­ser­ma­ßen im Un­end­li­chen be­rüh­ren, und die ei­nes Fa­den­rings, d.h. ei­nes Fa­dens, des­sen En­den durch ei­nen Spleiß ver­bun­den sind. Zum Spleiß vgl. in die­sem Ar­ti­kel die Er­läu­te­rung im „Klei­nen La­can-Le­xi­kon“.
  21. Die Ele­men­te ei­nes bor­ro­mäi­schen Kno­tens sind die Fä­den, nicht of­fe­ne, son­dern zu­sam­men­hal­ten­de Fä­den, Fä­den, die Rin­ge bil­den.
    Der Kno­ten ist dem Fa­den­ring äu­ßer­lich, er be­steht aus drei Fa­den­rin­gen, die ge­gen­ein­an­der sto­ßen und sich nicht durch­drin­gen.
  22. Fait, „Fak­tum“, „Fakt“, kommt vom la­tei­ni­schen fa­ce­re, „ma­chen“. Ein Fak­tum ist, wört­lich, et­was Ge­mach­tes.
  23. Zum Be­griff des Fak­tum vgl. im Kom­men­tar zu Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 18 No­vem­ber 1975: „In­so­fern das Sym­bol auf das Ima­gi­nä­re ei­nen drauf­setzt, hat es ((das Sym­bol)) den In­dex 2 ((S2)), das heißt, in­dem es an­zeigt, dass es Paar ist, führt es die Tei­lung in das Sub­jekt ein, wel­ches dies auch sei, durch das, was sich dar­in de fac­to aus­sagt, wo­bei das Fak­tum ge­knüpft bleibt an das Rät­sel des Aus­sa­gens, wel­ches nur in sich ge­schlos­se­nes Fakt ist, das Fakt des Fakts, wie man schreibt, der Gip­fel an Tat­sa­che ((le faî­te du fait)) oder das Fakt des „tut“, wie man das sagt, fak­tisch gleich, äqui­vok und äqui­va­lent, und da­mit Gren­zen des Ge­sag­ten.“
  24. Ei­gen­lie­be ist ein Be­griff der Phi­lo­so­phie des 18. Jahr­hun­derts, man fin­det ihn etwa bei Rous­seau. La­can gilt der Be­griff hier als Vor­läu­fer von Freuds Kon­zep­ti­on des Nar­ziss­mus.
  25. La­can spielt hier viel­leicht auf eine The­se von Hel­muth Pless­ner an, wo­nach der Mensch ein Dop­pel­we­sen ist: er ist ein Leib und er hat ei­nen Kör­per (H. Pless­ner, Die Stu­fen des Or­ga­ni­schen und der Mensch. Ein­lei­tung in die phi­lo­so­phi­sche An­thro­po­lo­gie, 1928).
  26. Im Ulys­ses liest man: „Wie wir, oder Mut­ter Dana, un­se­re Kör­per we­ben und ent­we­ben, sag­te Ste­phen, von Tag zu Tag, un­ter fort­wäh­ren­dem Her­über- und Hin­über­schie­ßen der Mo­le­kü­le, so auch webt und ent­webt der Künst­ler sein Bild.“ (J. Joy­ce: Ulys­ses. Über­setzt von Hans Woll­schlä­ger. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979, S. 272 f. (Ka­pi­tel 9, Skyl­la und Cha­ryb­dis); Pen­gu­in Books, Lon­don 2000 (Se­rie „Mo­dern Clas­sics), S. 249)
  27. Der Be­griff „an­ti­pa­thisch“ ver­weist auf grie­chisch pa­thos, Lei­den; die An­ti­pa­thie ist das sen­ti, das Ge­spür­te, des Sen­ti-Men­ta­len. Die Aus­schei­dung wird af­fek­tiv ab­ge­wehrt, durch das Ge­fühl des Ekels. 
  28. An­spie­lung auf Des­car­tes’ Je pen­se donc je suis, „ich den­ke, also bin ich“. Ein Wort­spiel mit pense/panse hat­te La­can be­reits in der Sit­zung vom 9. De­zem­ber 1975 ge­macht, dort ver­mut­lich in An­spie­lung auf pan­ser, „ver­bin­den“ im me­di­zi­ni­schen Sin­ne. Hier scheint er sich auf pan­se im Sin­ne von „Pan­sen“, „Bauch“, „Wanst“ zu be­zie­hen: je le pan­se, donc je l’essuie, „ich schlag mir den Wanst da­mit voll, also wisch ichs ab“, laut­gleich bis auf die ein­ge­scho­be­nen Pro­no­mi­na. Die Ver­ball­hor­nung liegt in der Nähe von Lud­wig Feu­er­bachs „Der Mensch ist, was er isst“ (in: L. Feu­er­bach: Das Ge­heim­nis des Op­fers oder Der Mensch ist, was er isst, was, wohl­ge­merkt, eine von Feu­er­bach zu­rück­ge­wie­se­ne Po­si­ti­on ist). Klei­ner ver­sucht das Wort­spiel in sei­ner Über­set­zung nach­zu­bil­den mit „Ich ma­che es Wanst, also spinn’ ich’s“.
  29. Auf die Anal­er­zie­hung spiel­te La­can be­reits in der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 23 an. Vgl. Sit­zung vom 15. No­vem­ber 1975: „Die so­ge­nann­te gött­li­che Schöp­fung ver­dop­pelt sich also im Ge­re­de des Sprech­we­sens, wie ich es ge­nannt habe, wo­durch l’Evie die ser­pent / ser­re-pan / Schlan­ge zu dem macht, was Sie mir er­lau­ben wer­den, die ser­re-fes­ses / Arsch­ba­cken-Klem­me zu nen­nen (…).“ (Klei­ner-Über­set­zung S. 4) Viel­leicht auch eine An­spie­lung dar­auf, dass das or­dent­li­che Re­sü­mie­ren ana­len Cha­rak­ter hat. 
  30. Das sagt Pi­la­tus zu Je­sus; Jo­han­nes 18, Vers 38.
  31. Dar­auf, dass ei­ner von La­cans Schü­lern über ihn ge­sagt hat­te „War­um sagt er nicht das Wah­re über das Wah­re?“ kommt La­can im­mer wie­der zu­rück. Ge­meint ist Jean-Bert­rand Pon­ta­lis, vgl. den Hin­weis in Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 15. Ja­nu­ar 1974. 
  32. An­spie­lung auf La­cans Auf­satz Die lo­gi­sche Zeit und die As­ser­ti­on der an­ti­zi­pier­ten Ge­wiss­heit (1945), in: Schrif­ten III, S. 123–171. Ein The­ma ist hier die Funk­ti­on der Hast, der Über­stür­zung und der Zu­sam­men­hang mit der Wahr­heit.
  33. Grie­chisch hys­te­ron meint „das Spä­te­re“, „das Nach­fol­gen­de“; die Be­deu­tung wird von La­can mo­di­fi­ziert zu „das Letz­te“.
  34. An­spie­lung auf eine von Jo­nes über­lie­fer­te Be­mer­kung Freuds ge­gen­über Ma­rie Bo­na­par­te: „Die gro­ße Fra­ge, die nie be­ant­wor­tet wor­den ist und die ich trotz drei­ßig Jah­re lan­gem For­schen in der weib­li­chen See­le nicht habe be­ant­wor­ten kön­nen, ist die: ‚Was will das Weib?‘“ (Er­nest Jo­nes: Sig­mund Freud. Le­ben und Werk. Band. 2. dtv, Mün­chen 1984, S. 493) Mit „das Weib“ bzw. „Die Frau“ über­setzt La­can si­cher­lich auch Freuds Ter­mi­nus „Weib­lich­keit“. Vgl. S. Freud: Neue Fol­ge der Vor­le­sun­gen zur Ein­füh­rung in die Psy­cho­ana­ly­se (1933), dar­in Vor­le­sung 33, „Die Weib­lich­keit“.
  35. La­can be­zieht sich auf Se­mi­nar 6.
  36. Über Ee heißt es in Se­mi­nar 6: „Wir wer­den sa­gen, das ist die all­ge­mei­ne For­mel des Rät­sels.“ (Se­mi­nar 6, Ver­si­on Mil­ler, S. 166; Mil­ler tran­skri­biert mit E(e).)
    Groß E meint énon­cé („Aus­sa­ge“ oder „Aus­ge­sag­tes“ oder „Aus­sa­ge­in­halt“), klein e steht für énon­cia­ti­on („Äu­ße­rung“ oder „Äu­ße­rungs­vor­gang“), Ee soll hei­ßen: Eine Äu­ße­rung (e), de­ren Aus­ge­sag­tes (E) un­be­kannt ist, an­ders ge­sagt: eine un­ver­ständ­li­che Äu­ße­rung. La­cans Bei­spiel ist ein Traum, der er­zählt wird. 
  37. Die Un­ter­schei­dung von Äu­ße­rung (énon­cia­ti­on) und Aus­sa­ge (énon­cé) über­nimmt La­can von Ro­man Ja­kobson aus des­sen Auf­satz Ver­schie­ber, Verb­ka­te­go­ri­en und das rus­si­sche Verb (1957). In: Ders.: Form und Sinn. Sprach­wis­sen­schaft­li­che Be­trach­tun­gen. Fink, Mün­chen 1974, S. 35–74; im In­ter­net hier. La­can führt die Un­ter­schei­dung ein in Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3. De­zem­ber 1958. 
  38. Der Aus­druck énig­me geht zu­rück auf das la­tei­ni­sche Wort ae­nig­ma und dies wie­der­um auf das grie­chi­sche Wort ai­nig­ma, „das, was zu ver­ste­hen ge­ge­ben wird“. 
  39. La­can be­zieht sich auf: J. Joy­ce: A por­trait of the ar­tist as a young man. Text, cri­ti­cism and no­tes. Hg. v. Ches­ter G. An­der­son. The Vi­king Cri­ti­cal Li­bra­ry, New York 1968.– Über die Schwie­rig­keit, sich An­der­sons Aus­ga­be von The Por­trait zu be­sor­gen, sprach La­can be­reits in der Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975.
  40. Ste­phen De­da­lus trägt das Rät­sel sei­nen Schü­lern im zwei­ten Ka­pi­tel vor, der so­ge­nann­ten Nes­tor-Epi­so­de. Er un­ter­rich­tet nicht im Tri­ni­ty Col­le­ge, son­dern in ei­ner Pri­vat­schu­le in Dal­key in der Nähe von Dub­lin (vgl. Au­berts Hin­weis in: Jac­ques Au­bert: No­tes de lec­tures. In: J. La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XXIII. Le sin­t­home. Tex­ter­stel­lung Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005, S. 189–198, hier: 192 f.)
  41. La­can scheint sich hier vor­zu­stel­len, dass die Zei­len des Ge­schrie­be­nen eine Schnur dar­stel­len, die hin und her geht, und dass die­se Zei­len durch eine zwei­te Schnur, quer dazu, ver­bun­den sind. 
  42. Mil­ler tran­skri­biert falsch „Guelb“; Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 68.
  43. Die Schrift, näm­lich de­ren Ver­wen­dung durch Ga­li­lei, hat den Zu­gang des Sym­bo­li­schen zum Rea­len er­mög­licht.
    La­can be­zieht sich auf:
    Ja­mes G. Fé­vri­er: His­toire de l’écriture. Payot, Pa­ris 1948, gänz­lich über­ar­bei­te­te Auf­la­ge Payot 1959.
    Ignace Jay Gelb: A stu­dy of wri­ting. The foun­da­ti­ons of gram­ma­to­lo­gy. Rout­ledge & Ke­gan Paul, Lon­don 1952; dt. Über­set­zung, vom Ver­fas­ser über­ar­bei­te­te und er­wei­ter­te Aus­ga­be: Von der Keil­schrift zum Al­pha­bet. Grund­la­gen ei­ner Schrift­wis­sen­schaft. Kohl­ham­mer, Stutt­gart 1958, Neu­auf­la­ge 2002; frz. Über­set­zung: Pour une théo­rie de l’écriture. Voll­stän­dig über­ar­bei­te­te Aus­ga­be. Flamma­ri­on, Pa­ris 1973.

    Auf die Bü­cher von Gelb und Fé­vri­er be­zieht La­can sich be­reits in Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1962; vgl. die­sen Blog­bei­trag.

  44. Mein Dia­gramm, RN. Mil­ler zeigt hier ein durch­ge­stri­che­nes S, also $, aber das ist nicht ge­ra­de die üb­li­che Wei­se, ei­nen Kno­ten zu zeich­nen.
  45. Ich neh­me an, dass La­can auf die ein­fachs­te Form des Kno­tens zeigt, ei­nen auf­ge­schnit­te­nen Klee­blatt­kno­ten wie in der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung; zur Ver­deut­li­chung habe ich eine der bei­den S-för­mi­gen Li­ni­en ge­färbt.
  46. La­can be­zieht sich auf die „line of be­au­ty and grace“, die „Schön­heits­li­nie“, von Wil­liam Ho­garth. Vgl. Wil­liam Ho­garth: The ana­ly­sis of be­au­ty. Rea­ves, Lei­ces­ter-Fiel­ds 1753; die Ti­tel­sei­te des Werks zeigt die Schön­heits­li­ne, ein­ge­schrie­ben in ein Drei­eck oder eine Py­ra­mi­de.
    Au­bert ver­weist dar­auf, dass Joy­ce sich in Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann auf die Schön­heits­li­nie be­zieht. „Die­sem My­thos ge­gen­über, den noch kein ein­zi­ges Hirn je in ei­ner Schön­heits­li­nie ge­zeich­net hat­te …“ (Ein Por­trät des Künst­lers, a.a.O., S. 451, Über­set­zung ge­än­dert; vgl. Au­bert, Noti­ces de lec­tu­re, a.a.O., S. 193.) Auf die­se Li­nie (und ihre Ähn­lich­keit mit dem Buch­sta­ben S, La­cans Sym­bol für das Sub­jekt) hat­te La­can be­reits in Se­mi­nar 13 von 1965/66 ver­wie­sen, Das Ob­jekt der Psy­cho­ana­ly­se, Sit­zung vom 4. Mai 1966.
    Ho­garths Schön­heits­li­nie geht auf Dü­rers „Schlan­gen­li­nie“ zu­rück, auf die Ho­garth aus­drück­lich ver­weist. Im Ma­nie­ris­mus wird Dü­rers Li­nie zur „fi­gu­ra ser­pen­ti­na­ta“. In E.T.A Hoff­manns Der gold­ne Topf hat die Schön­heits­li­nie ih­ren Auf­tritt als Schlan­ge Ser­pen­ti­na. (Vgl. hier­zu etwa: Ger­hart von Grae­ve­nitz: Lo­cke, Schlan­ge, Schrift. Poe­to­lo­gi­sche Or­na­men­te der Ly­rik (Ze­sen, Klopstock, Goe­the, Hand­ke). In: Susi K. Frank (Hg.): Zei­chen zwi­schen Klar­text und Ara­bes­ke. Ro­do­pi 1994, S. 241–262, im In­ter­net hier.)
  47. La­can be­zieht sich hier ein wei­te­res Mal auf das Rät­sel, also auf eine Äu­ße­rung, zu der die Aus­sa­ge ge­sucht wird.
  48. La­can be­zieht sich auf: J. Joy­ce: Cham­ber mu­sic. El­kin Ma­thews, Lon­don 1907. Auf Cham­ber mu­sic hat­te La­can be­reits in dem Vor­trag Joy­ce das Sym­ptom hin­ge­wie­sen; vgl. die Über­set­zung des Vor­trags in die­sem Blog hier.
  49. Der Scho­las­ti­ker Fran­cis­co Suá­rez (1548–1617) be­greift Gott als ens in­crea­tum (un­ge­schaf­fe­nes Sei­en­des), al­les Üb­ri­ge als ens crea­tum (ge­schaf­fe­nes Sei­en­des).
    Wenn Joy­ce an das Bewusstsein/Gewissen des iri­schen Vol­kes glaubt, hat das Bewusstsein/Gewissen des iri­schen Vol­kes für ihn die Funk­ti­on Got­tes.
  50. J. Joy­ce: Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. In: Ders.: Ste­phen der Held. Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann. Über­tra­gen von Klaus Rei­chert. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1987, S. 533: „das un­ge­schaff­ne Ge­wis­sen mei­nes Vol­kes“.
  51. La­can zi­tiert den letz­ten Satz des Por­träts. Rei­chert über­setzt: „Ur­va­ter, ur­alter Ar­ti­fex, steh hin­ter mir, jetzt und im­mer­dar.“ (Ein Por­trät des Künst­lers als jun­ger Mann, a.a.O., S. 533) 
  52. Auf den Va­ter von Ja­mes Joy­ce hat­te La­can sich in Se­mi­nar 23 be­reits in der Sit­zung vom 15. No­vem­ber be­zo­gen: „In Dub­lin ge­bo­ren zu sein mit ei­nem ver­sof­fe­nen und mehr oder we­ni­ger fau­len Va­ter, das heißt ei­nem fa­na­ti­schen An­hän­ger zwei­er Fa­mi­li­en“ (Klei­ner-Über­set­zung S. 6 f.).
  53. Au­bert gibt hier­zu als Be­leg an: Ulys­ses, Ox­ford Worl­dʼs Clas­sics, S. 648 f.
  54. La­can be­zieht den Na­men „Adams“ auf Adam, den Ur­va­ter des jü­di­schen Schöp­fungs­my­thos, der be­reits in der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 23 als Be­nen­nen­der er­scheint.
    Adams Name at­met mehr Ju­den­vier­tel als der von Bloom: Das ist na­tür­lich eine An­spie­lung auf den Na­men Adam, viel­leicht aber auch dar­auf, dass Adams in sei­nem Buch zu zei­gen ver­sucht, dass Blooms Ju­den­tum ein blo­ßes Eti­kett ist: Bloom habe kei­ne jü­di­schen Merk­ma­le, vor al­lem nicht den tro­cke­nen, sich selbst auf den Arm neh­men­den Hu­mor, den Adams für spe­zi­fisch jü­disch hält (vgl. Sur­face and sym­bol, a.a.O., S. 103–106). Ge­nau die­sen Hu­mor fin­det man bei Adams.
    Adams Kom­men­tar zu Blooms Shake­speare-Kennt­nis­sen fin­det man in Sur­face and sym­bol, S. 95–99.
  55. Vgl. Adams, a.a.O., S. 95–99.
    Im Ulys­ses fin­det man zu­nächst fol­gen­den in­ne­ren Mo­no­log von Ste­phen:

    Do and do. Things done. In a ro­se­ry of Fet­ter Lane of Gerard, her­ba­list, he walks, grey­e­dauburn. An azu­red hare­bell like her veins. Lids of Juno’s eyes, vio­lets. He walks, one life is all. One body. Do. But do. Afar, in a reek of lust and squalor, hands are laid on whiteness.” (Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, a.a.O., S. 259)

    In der Über­set­zung:

    “Tun und tun. Et­was Ge­ta­nes. In ei­nem Ro­sen­gar­ten der Fet­ter Lane, dem von Gerard, dem Bo­ta­ni­ker, geht er, er­graut-nuß­braun. Eine Hya­zin­the, blau wie ihre Adern. Li­der von der Juno Au­gen, Veil­chen. Er geht. Ein Le­ben ist al­les. Ein Leib. Tun. Nur tun. Fern, im Dunst von Lust und Schmutz, wird Hand an Weiß­heit ge­legt.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung, a.a.O., S. 283)

    Etwa hun­dert Sei­ten spä­ter stößt man auf ei­nen in­ne­ren Mo­no­log von Bloom, der sich da­mit über­schnei­det:

    “In Gerard’s ro­se­ry of Fet­ter lane he walks, grey­e­dauburn. One life is all. One body. Do. But do.“ (Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, S. 362)

    In Gerards Ro­sen­gar­ten, Fet­ter Lane, geht er, er­graut-nuß­braun. Ein Le­ben ist al­les. Ein Leib. Tun. Nur was tun.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung 1979, S. 388)

    Wei­te­re Hin­wei­se zu die­sem The­ma gibt Au­bert, Noti­ces de lec­tu­re, a.a.O., S. 193 f.

  56. Mil­ler tran­skri­biert falsch “Stumm”, Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 70. 
  57. Ble­phen“ und „Stoom“ fin­det man in: Ulys­ses, Epi­so­de 17, “Itha­ka”; Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, a.a.O., S. 798; Woll­schlä­ger-Über­set­zung, a.a.O., S. 863.
  58. La­can be­zieht sich auf den Ti­tel sei­nes Vor­trags Joy­ce das Sym­ptom.
  59. La­can be­zieht sich auf Joy­ces Thea­ter­stück Exi­les. Joy­ce be­gann die Ar­beit dar­an 1913 (vgl. Ri­chard Ell­mann: Ja­mes Joy­ce. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979, S. 552), im Jahr 1918 wur­de es ver­öf­fent­licht. Der deut­sche Ti­tel ist Ver­bann­te.
  60. In Exi­les geht es um die Be­zie­hung ei­nes ver­hei­ra­te­ten Paars, Ri­chard und Ber­tha Ro­wan, zu ei­nem Drit­ten, Ro­bert Hand. Ro­bert be­müht sich um Ber­tha, und Ri­chard stellt es Ber­tha frei, sich auf das Wer­ben von Ro­bert ein­zu­las­sen.
  61. Am Por­trät schrieb Joy­ce von 1907 bis 1915 (vgl. Ell­mann, a.a.O., S. 551), von 1914 bis 1915 er­schien der Ro­man in Fort­set­zun­gen, 1916 als Buch. Ers­te No­ti­zen zu den Ver­bann­ten stam­men aus dem Jahr 1913. 
  62. Au­bert ver­mu­tet, das La­can hier et­was ver­wech­selt: nicht Ste­phen glaubt an ein „book of him­s­elf“ son­dern Mall­ar­mé nimmt an, Ham­let lese im „book of him­s­elf“, und im Ulys­ses wird Ste­phen hier­über von ei­nem Bi­blio­the­kar un­ter­rich­tet (vgl. Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 194).
    Im Ulys­ses sagt Mr. Best, der Kon­ser­va­tor der Na­tio­nal Li­bra­ry, zu Ste­phen über Mall­ar­més Ham­let-In­ter­pre­ta­ti­on: „He ((Mall­ar­mé)) says – il ((Ham­let)) se pro­mè­ne, li­sant au li­v­re de lui-même – – , don’t you know, rea­ding the book of him­s­elf.” (Epi­so­de 9, Scyl­la und Cha­ryb­dis; Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, S. 239) Deut­sche Über­set­zung: „Er ((Mall­ar­mé)) sagt: il (Ham­let) se pro­mè­ne, li­sant au li­v­re de lui-même, ver­stehn Sie, liest im Buch sei­ner selbst.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung, a.a.O., S. 263) 
  63. Die iro­ni­sche Be­schwer­de dar­über, das Joy­ce nicht beim Kno­ten an­ge­langt sei, fin­det sich auch in La­cans Vor­trag Joy­ce das Sym­ptom I.
  64. Man hört ɛʃɛʁ/, also „Che­cher“ mit aus­ge­spro­che­nem r oder „Chechè­re“.
  65. Die Laut­fol­ge ɛʃɛʁ/ ist in der Ton­auf­nah­me gut zu hö­ren. Mil­ler än­dert „Che­cher“ (bzw. „Chechè­re“) in „sé­ché“ (tro­cken); vgl. Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 71. 
  66. La­can be­zieht sich auf: Mark Shech­ner: Joy­ce in Night­town. A psy­cho­ana­ly­tic in­qui­ry into „Ulys­ses“. Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia Press, Ber­ke­ley, Los An­ge­les 1974.–
    Er ist nicht „Che­cher“, of­fen­bar eine An­spie­lung auf „cher“: er ist nicht lieb. 
  67. Vgl. S. Freud: Dos­to­jew­ski und die Va­ter­tö­tung (1928). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 10. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 267–286. Freud un­ter­sucht hier Dos­to­jew­skis Ro­man Die Brü­der Ka­ra­ma­sow.
  68. Hen­rik Ib­sen: Ros­mer­s­holm, Dra­ma in vier Ak­ten, 1886.
    Freud schreibt hier­über in: S. Freud: Ei­ni­ge Cha­rak­ter­ty­pen aus der psy­cho­ana­ly­ti­schen Ar­beit (1916). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 10. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 229–255, zu Ros­mer­s­holm S. 244–251.
  69. La­can bringt hier wie­der das Sen­ti­ment ins Spiel. 
  70. La­can kommt auf das zu Be­ginn die­ser Sit­zung ver­kün­de­te Pro­gramm zu­rück, ers­te Wahr­hei­ten dar­zu­le­gen.
  71. La­can ruft in Er­in­ne­rung, dass er frü­her in die­ser Sit­zung das Rät­sel de­fi­niert hat­te als eine Äu­ße­rung, zu der die Aus­sa­ge ge­sucht wird. 
  72. Ulys­ses, Epi­so­de 2, Nes­tor; Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, a.a.O., S. 32; Woll­schlä­ger Über­set­zung, a.a.O., S. 38. Woll­schlä­ger über­setzt:

    Es kräh­te der Hahn
    Zum Him­mel hin­an:
    Der Glo­cken Kla­gen
    Hat elf ge­schla­gen.
    s’ist Zeit, dies arme Seel­chen in den Him­mel zu tra­gen.“

  73. Don­ner sa lan­gue au chat, wört­lich: „sei­ne Sprache/Zunge der Kat­ze ge­ben“, das Wort der Kat­ze über­las­sen, sprach­los sein.

    .

    Das Rät­sel vom Fuchs, der sei­ne Groß­mut­ter be­er­digt

    Bei Joy­ce lau­tet die Lö­sung: „The fox bu­ry­ing his grand­mo­ther un­der a hol­ly­bush.“ (Ulys­ses, Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, a.a.O., S. 33) Woll­schlä­ger über­setzt: „Der Fuchs, wie er sei­ne Groß­mut­ter un­ter ei­nem Hol­der­busch be­er­digt.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung, a.a.O., S. 39) Die Über­set­zung ist falsch, ein hol­ly­bush ist kein Hol­der­busch (oder Ho­lun­der­busch), son­dern ein Stech­pal­men­busch, ein Ilex, und das hat im Rät­sel sei­ne Be­deu­tung.

    La­can eli­diert „hol­ly“ und ver­kürzt da­mit „hol­ly­bush“ zu „bush“.

    Spä­ter im Ulys­ses trägt Ste­phen eine an­de­re Ver­si­on des Rät­sels vor:

    “The fox crew, the cock flew,
    The bells in hea­ven
    Were striking ele­ven.
    ’Tis time for her poor soul
    To get out of hea­ven.”

    (Epi­so­de 15, Cir­ce, Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics S. 665)

    Wört­lich über­setzt:

    “Der Fuchs kräh­te, der Hahn flog,
    Die Glo­cken im Him­mel
    Schlu­gen elf.
    ’s ist Zeit für ihre arme See­le
    Aus dem Him­mel zu kom­men.“

    Woll­schlä­ger über­setzt so:

    “Es kräh­te der Fuchs
    Den Häh­nen ein Jux:
    Der Glo­cken Kla­gen
    Hat elf ge­schla­gen
    ’s ist Zeit, dies arme Seel­chen
    Aus dem Him­mel zu tra­gen.“

    (Woll­schlä­ger-Über­set­zung 1979, S. 716)

    Das Ge­dicht ist ein tra­di­tio­nel­les, münd­lich tra­dier­tes Scherz­rät­sel; Fra­ge und Ant­wort sind auf­ge­zeich­net in: Pa­trick West­on Joy­ce: English as we Speak it in Ire­land. Wolf­hound Press, Dub­lin 1910, S. 187. Die Ant­wort wird von Ste­phen ver­än­dert; in der tra­di­tio­nel­len Fas­sung ist es nicht die Groß­mut­ter, son­dern die Mut­ter, die be­er­digt wird. (Vgl. Adams, Sur­face and sym­bol, a.a.O., S. 117–119.)

    Das Rät­sel ent­hält zahl­rei­che re­li­giö­se Be­zü­ge, die im ka­tho­li­schen Ir­land si­cher­lich ohne wei­te­res ver­stan­den wur­den:
    – Das Krä­hen des Hahns er­in­nert dar­an, dass Je­sus zu Pe­trus sag­te: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei­mal ver­leug­nen“ (Mat­thä­us 26, Vers 34); „Ehe der Hahn zwei­mal kräht, wirst du mich drei­mal ver­leug­nen“ (Mar­kus 14, Vers 19).
    – Die Vor­stel­lung vom Läu­ten der Him­mels­glo­cken ist of­fen­bar eine po­pu­lä­re christ­li­che Vor­stel­lung. Lars von Trier in­sze­niert sie in Brea­king the Wa­ves (1996): als Bess, die weib­li­che Haupt­fi­gur, auf See be­stat­tet wird, er­klin­gen die Glo­cken des Him­mels.
    – Die Rede von der „elf­ten Stun­de“ er­in­nert an das Gleich­nis von den Ar­bei­tern im Wein­berg (Mat­thä­us 20, Ver­se 2–12). In neu­tes­ta­ment­li­cher Zeit­rech­nung hat der Ar­beits­tag zwölf Stun­den; die elf­te Stun­de ist der letz­te Zeit­punkt, an dem man etwa da­für tun kann, ins Him­mel­reich zu kom­men.
    – „Arme See­len“ sind nach rö­misch-ka­tho­li­scher Leh­re See­len im Fe­ge­feu­er.
    – „In den Him­mel zu ge­hen“: aus dem Fe­ge­feu­er wer­den die See­len in den Him­mel ent­las­sen. Die Le­ben­den ha­ben die Auf­ga­be, die Dau­er des Auf­ent­halts im Fe­ge­feu­er durch Ge­be­te zu ver­kür­zen.
    – Stech­pal­me (hol­ly), bo­ta­ni­scher Name: Ilex. Der Ilex heißt „Pal­me“, weil in der rö­misch-ka­tho­li­schen Lit­ur­gie in Mit­tel­eu­ro­pa am Palm­sonn­tag Ilex-Zwei­ge als Pal­men­sym­bo­le ge­weiht wer­den. Mit dem Palm­sonn­tag be­ginnt die Kar­wo­che. Das Ri­tu­al er­in­nert an den Ein­zug von Je­sus in Je­ru­sa­lem, bei dem das Volk Je­sus mit Palm­we­deln be­grüß­te (Jo­han­nes 12,Vers 13). Für die Lit­ur­gie stan­den ech­te Pal­men meist nicht zur Ver­fü­gung; als im­mer­grü­ne Pflan­ze eig­net sich der Ilex als Sym­bol für die Über­win­dung des To­des.

    Die ein­zi­ge Än­de­rung, die Ste­phen De­da­lus an dem über­lie­fer­ten Rät­sel vor­nimmt, be­steht dar­in, dass er aus der Mut­ter, die be­er­digt wird, eine Groß­mut­ter macht. Das Wort „Mut­ter“ geht ihm zu nahe (vgl. Adams, a.a.O., S. 118 f.). Sei­ne Mut­ter hat­te ihn auf dem To­ten­bett ge­be­ten, nie­der­zu­kni­en und für sie zu be­ten; er hat­te sich ge­wei­gert (vgl. Woll­schlä­ger-Über­set­zung, S. 10; Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, S. 4) und wird des­we­gen von Schuld­ge­füh­len ge­plagt.

    Kurz be­vor Ste­phen der Klas­se das Rät­sel stell­te, hat­te ei­ner der Schü­ler Ver­se aus Mil­tons Ly­ci­das vor­ge­le­sen

    – Weint denn nicht mehr, ihr Hir­ten, weint nicht mehr,
    Denn Ly­ci­das, um den ihr trau­ert, starb
    Euch nicht, wie­wohl ihn tie­fe Was­ser de­cken …“

    (Woll­schlä­ger-Über­set­zung, S. 38; Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, S. 30.)

    Kurz nach­dem er in der Klas­se das Rät­sel vor­ge­tra­gen hat, denkt Ste­phen wie­der ein­mal an sei­ne Mut­ter; im in­ne­ren Mo­no­log ver­wen­det er For­mu­lie­run­gen des Rät­sels:

    Ein ar­mes Seel­chen, in den Him­mel ge­tra­gen: und auf ei­ner Hei­de kratz­te un­ter blin­ken­den Ster­nen ein Fuchs, rot­damp­fen­den Raub­ge­ruch im Pelz, mit gna­den­los kla­ren Au­gen in der Erde, lausch­te, kratz­te die Erde auf, lausch­te, kratz­te und kratz­te.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung 1979, S. 40; Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics, S. 33)

    Sich selbst iden­ti­fi­ziert Ste­phen mit dem Fuchs. Als Bloom in der Cir­ce-Epi­so­de ge­lyncht wer­den soll, ruft die Men­ge über ihn: „Er ist so schlimm, wie Par­nell war. Mr. Fox!“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung S. 659, Pen­gu­in Mo­dern Clas­sics S. 612); „Fox“ war ei­ner der Tarn­na­men von Par­nell, dem iri­schen Na­tio­nal­hel­den und Ver­tre­ter der Home Rule (vgl. Adams, Sur­face and sym­bol, a.a.O. , S. 118 Fn.).

    Jac­ques Au­bert hält in der nächs­ten Sit­zung des Se­mi­nars, am 20. Ja­nu­ar 1976, ei­nen Vor­trag über Ulys­ses; er ar­bei­tet hier u.a. Be­zü­ge zwi­schen den Si­gni­fi­kan­ten „bush“, „holy“ und „fox“ her­aus.

  74. Dass der Fuchs ein elen­des Ding ist, er­in­nert an La­cans Be­mer­kung, Joy­ce sei ein „pau­vre hère“, ein ar­mer Tropf; Sit­zung vom 18. No­vem­ber 1975, Klei­ner-Über­set­zung S. 7. 
  75. Im ge­plät­te­ten bor­ro­mäi­schen Kno­ten wird das Feld des Sinns durch die Über­schnei­dung zwi­schen dem Ring des Sym­bo­li­schen und des Ima­gi­nä­ren ge­bil­det; vgl. die­sen Blog­bei­trag.
  76. La­can hat­te die Ter­mi­ni suturer (nä­hen, ver­nä­hen, zu­sam­men­nä­hen, zu­nä­hen) und suture (Naht, Naht­stel­le, Ver­nähung) zu­erst ad hoc in Se­mi­nar 11 ver­wen­det (vgl. Se­mi­nar 11, Ver­si­on Miller/Haas, S. 29, 124, 125). In Se­mi­nar 12 wird der Aus­druck „Naht“ von ihm erst­mals sys­te­ma­tisch ver­wen­det, da­bei be­zieht er sich auf Ob­jek­te der ma­the­ma­ti­schen To­po­lo­gie, Mö­bi­us­band, To­rus und Klein­sche Fla­sche (vgl. Se­mi­nar 12, Sit­zung vom 16. De­zem­ber 1964, Ver­si­on Sta­fer­la 15.5.2010, S. 66, 69, 76, und Sit­zung vom 6. Ja­nu­ar 1965, Ver­si­on Sta­fer­la 15.5.2010, S. 98, 102, 103, 108). In der Zu­sam­men­fas­sung von Se­mi­nar 12 wird er schrei­ben: „Von da­her sieht man, dass das Sein des Sub­jekts die Ver­nähung ei­nes Man­gels ist.“ (J. La­can: Pro­blè­mes cru­ci­aux pour la psy­chana­ly­se. Comp­te ren­du du sé­min­aire 1964–1965 (1966). In: Ders.: Au­tres écrits. Pa­ris, Seuil 2001, S. 199–202, hier: S. 200)
  77. In der Zeich­nung wird die­ser Spleiß durch den klei­nen Kreis an der Über­kreu­zungs­stel­le zwi­schen dem Ring des Sym­bo­li­schen und dem des Ima­gi­nä­ren an­ge­zeigt. Zum Spleiß vgl. die Er­läu­te­rung in die­sem Blog­ar­ti­kel im „Klei­nen La­can-Le­xi­kon“. Das lin­ke Dia­gramm ist aus Ver­si­on Sta­fer­la, das rech­te mit dem auf Di­stanz ge­brach­ten Fa­den ist eine von mir ver­än­der­te Ver­si­on die­ses Dia­gramms, RN. 
  78. L’analysant wird üb­li­cher­wei­se mit „der Ana­ly­sant“ über­setzt. Das ist pro­ble­ma­tisch, ge­meint ist „der Ana­ly­sie­ren­de“ – der Pa­ti­ent ist der Ana­ly­sie­ren­de; vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.
  79. La­can sagt deut­lich hör­bar „sym­ptô­me“; Mil­ler än­dert das zu „sym­bo­li­que“.
  80. In der Zeich­nung wird die­ser zwei­te Spleiß durch den klei­nen Ring an ei­ner der bei­den Über­kreu­zungs­stel­len des Rea­len und des Sym­bo­li­schen an­ge­zeigt.
  81. In Mil­lers Ver­si­on fin­det man hier „sin­t­home“ (S. 73). La­can sagt „sym­pto­me“, auf der Ton­auf­nah­me ist das gut hör­bar.
  82. Als „Pa­ra­sit des Ge­nie­ßens“ be­zeich­net La­can das phal­li­sche Ge­nie­ßen (zu­erst in Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 12. Fe­bru­ar 1974). Ge­meint ist also: Der Spleiß zwi­schen dem Rea­len und dem Sym­bo­li­schen (bzw. dem Sym­ptom) steht in en­ger Be­zie­hung zum phal­li­schen Ge­nie­ßen.
  83. Jouis­sance und j’ouïs sens sind ho­mo­phon.
    Eine Ver­bin­dung zwi­schen Sinn bzw. Den­ken und Ge­nie­ßen hat­te La­can be­reits frü­her in die­ser Sit­zung her­ge­stellt, als er über Joy­ce sag­te: „der dar­auf be­harrt, weil das eine Sa­che ist, die ihm ir­gend­wo das ge­kit­zelt hat, was man das Den­ken nennt“.
    Klei­ner (der sich auf eine an­de­re Ver­si­on des Se­mi­nars be­zieht), über­setzt die Stel­le so: „(…) weil sie be­wei­sen, daß der Sinn im Äqui­vok so weit geht, wie man es für mei­ne The­sen wün­schen kann, das heißt für den ana­ly­ti­schen Dis­kurs. Sie be­wei­sen, daß vom Sinn aus sich ge­nießt, siehs­te nich, sich stän­dig gießt (se jouit, s’ouit-je, s’oui-jouisse).“ (Klei­ner-Über­set­zung von Se­mi­nar 22, S. 60) 
  84. Ver­mut­lich im Sinn von: „Die bor­ro­mäi­sche Ver­schlin­gung durch Auf­schnei­den und Versplei­ßen in ei­nen Klee­blatt­kno­ten zu ver­wan­deln, ist das nicht miß­bräuch­lich?“
  85. In Ulys­ses sagt das ein ge­wis­ser J. J. in ei­nem Ge­spräch, in dem es dar­um geht, was es be­deu­tet, dass Bloom Jude ist.

    Yes, says J. J., and every male that’s born they think it may be their Mes­siah. And every jew is in a tall sta­te of ex­ci­te­ment, I be­lie­ve, till he knows if he’s a fa­ther or a mo­ther.” (Epi­so­de 12, “Der Zy­klop“, Pen­gu­in Mo­dern Clas­sic, a.a.O., S. 438)

    Ja, sagt J.J., und bei je­dem männ­li­chen We­sen, das ge­bo­ren wird, den­ken sie, es könn­te viel­leicht ihr Mes­si­as sein. Und je­der Jude ist wer­weiß­wie auf­ge­regt, glau­be ich, bis er weiß, ob er nun Va­ter ge­wor­den ist oder Mut­ter.“ (Woll­schlä­ger-Über­set­zung, a.a.O., S. 469)

  86. Jac­ques Au­bert schreibt hier­zu, er kön­ne den Text nicht wie­der­fin­den, der in die­se Rich­tung geht. Au­bert, Noti­ces de lec­tu­re, a.a.O., S. 194.
  87. Ich bin mir nicht si­cher, dass ich den Sinn ge­trof­fen habe: „Il n’est pas plus ex­ces­sif d’espérer qu’à ce qu’il fait, il pen­se.“
  88. J. La­can: Con­fé­rence à Genè­ve sur le sym­ptô­me, 4. Ok­to­ber 1975, in: Pas-tout La­can 1926–1981, S. 1673, auf der In­ter­net­sei­te der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se (ELP), www.ecole-lacanienne.net, mei­ne Über­set­zung.
  89. In der Sit­zung vom 15. März 1972, vgl. Ver­si­on Mil­ler S. 127.
  90. Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 10. 
  91. Se­mi­nar 19 von 1971/72, … ou pire, Sit­zung vom 19. April 1972, Ver­si­on Mil­ler, S. 152, mei­ne Über­set­zung.
  92. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 128–131.
  93. Vgl. Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 300 f. 
  94. Vgl. Sit­zung vom 11. Fe­bru­ar 1959, Ver­si­on Mil­ler, S. 259. 
  95. Vgl. Pe­ter Wid­mer: Sub­ver­si­on des Be­geh­rens. Eine Ein­füh­rung in Jac­ques La­cans Werk. Tu­ria und Kant, Wien 2012, S. 83 f.
  96. M. Hei­deg­ger: Über den Hu­ma­nis­mus (1949). Klos­ter­mann, Frank­furt am Main 1981, S. 25, Ein­fü­gung in run­den Klam­mern von Hei­deg­ger.
  97. A.a.O., S. 24. 
  98. Vgl. Se­mi­nar 20, Ver­si­on Miller/Haas u.a., S. 128 f. 
  99. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 129.
  100. Vgl. Se­mi­nar 21, Sit­zung vom 11. Juni 1974; Ver­si­on Sta­fer­la S. 267. 
  101. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 132.
  102. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 142.
  103. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 134. 
  104. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 126.
  105. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 140, mei­ne Über­set­zung.
  106. Vgl. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 140 f.
  107. Se­mi­nar 19, Ver­si­on Mil­ler, S. 138.
  108. Vgl. Hen­ry Fri­g­net: Nœud. In: Ro­land Che­ma­ma, Ber­nard Van­derm­ersch (Hg.): Dic­tionn­aire de la psy­chana­ly­se. Larous­se, Pa­ris 2009, S. 384–388, hier: S. 386.
  109. Vgl. Ver­si­on Sta­fer­la, S. 64; nicht in der Klei­ner-Über­set­zung.
  110. Vgl. Erik Por­ge: Jac­ques La­can, un psy­chana­lys­te. Par­cours d’un ens­eig­ne­ment. Érès, Ra­mon­vil­le Saint-Agne 2000, S. 245.
  111. Vgl. die Ab­bil­dung in Se­mi­nar 23, Ver­si­on Mil­ler, S. 56.
  112. Ecrits, S. 821.
  113. Schrif­ten II, S. 198. 
  114. Vgl. Sit­zung vom 31. Mai 1965.
  115. Sit­zung vom 8. April 1975.
  116. Se­mi­nar 22, Klei­ner-Über­set­zung, S. 60. 
  117. J. La­can: Joy­ce le Sym­ptô­me [II]. In: Ders.: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 565–570, hier: S. 570.
  118. Vgl. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971, Über­set­zung und Er­läu­te­rung in die­sem Blog hier.
  119. Klei­ner-Über­set­zung S. 47.

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