„Das Sinthom“ entziffern

Kommentar zu Jacques Lacans Vorlesung vom 17. Februar 1976

Bernhard Strigel, Verkündigung an die Hl. Anna (Jacques Lacan, Das Sinthom Joyce)Bernhard Strigel: Die Verkündigung der Maria an die Heilige Anna, Öl auf Holz, 58 x 30 cm, ca. 1505-1510. Madrid, Museo Thyssen-Bornemisza(Ausschnitt, vollständiges Bild hier)

Kom­men­tar zu La­cans Se­mi­nar 23 von 1975/76, „Das Sinthom“

Jac­ques La­can: Se­mi­nar 23 von 1975/76: Le sin­thome / Das Sinthom

Kom­men­tar von Rolf Nemitz
ge­stützt auf die Tref­fen der Le­se­gruppe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin
ab März 2013

Ei­nen Über­blick über die Kom­men­tare zu den ein­zel­nen Sit­zun­gen fin­det man hier, über den ge­sam­ten Kom­men­tar hier.

Eine Über­sicht über die ver­schie­de­nen Aus­ga­ben des Sinthom-Seminars gibt es hier.

Vorlesung vom 17. Februar 1976

17. und 18. Treffen der Le­se­gruppe des Psy­cho­ana­ly­ti­schen Sa­lons Ber­lin
am 25. November und 16. Dezember 2014
in der Psy­cho­ana­ly­ti­schen Bi­blio­thek Berlin

Psychoanalytische-Bibliothek-Berlin-Eingang-Hardenbergstraße

Psychoanalytische Bibliothek Berlin, Hardenbergstraße 9, 10623 Berlin

 

TONAUFNAHME

Die Sei­ten­zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Staferla-Version.

Ers­tes Drit­tel, bis  „ … dire être lacanienne.“ (bis 29:58 Mi­nu­ten, bis S. 61):

Zwei­tes Drit­tel, von „Comment est-ce que …“ bis  „ … deux autres points.“ (bis 59:58 Mi­nu­ten, bis S. 63):

Drit­tes Drit­tel, von „Car en corrigeant … “ bis Schluss:

 

FRANZÖSISCH/DEUTSCH

Quellen der Lacan-Zitate

Französischer Text
Ver­sion Sta­ferla = Le sin­thome. 1975 – 76. Wort-für-Wort-Transkription, her­aus­ge­geben und veröffentlicht von der Website staferla.free.fr, ohne Ort. Variante vom 28.6.2013, PDF-Datei hier. Die Transkription wurde mit der Audioaufnahme verglichen und geringfügig überarbeitet.

Deutscher Text
Die Übersetzung stützt sich auf die Übersetzung von Seminar 23 durch Max Kleiner, her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007, linke Spalte dieser Doppelübersetzung. Kleiners Übersetzung wurde von Rolf Nemitz stark überarbeitet.

Seitenzahlen

Französischer Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Version Staferla vom 28.6.2013.

– Die Zahlen in eckigen Klammern und grauer Schrift verweisen auf die Seiten der von Jacques-Alain Miller herausgegebenen offiziellen Ausgabe von Seminar 23 (Jacques Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Éditions du Seuil, Paris 2005) „[83]“ meint: „hier etwa beginnt in Millers Version von 2005 die Seite 83“. Da Miller die Transkription redaktionell bearbeitet hat, unterscheidet sich die hier gebrachte Transkription häufig von Millers Ausgabe.

Deutscher Text
Die Zahlen nach einem Satz in runden Klammern verweisen auf die Seiten der Übersetzung von Max Kleiner.

Anmerkungen
Die Anmerkungen zum französischen Text beziehen sich auf Fragen der Transkription.

– Die Anmerkungen zur Übersetzung liefern Informationen zum Text ohne Bezug auf Lacans Theorie sowie Querverweise.

 

 

[91] J’avais un espoir… et ne vous faites pas l’idée qu’il s’agit de coquetterie, de titillage, comme ça …j’avais un espoir, j’avais mis un espoir dans le fait des vacances. (59)

Ich hatte eine Hoffnung – und denken Sie nicht, dass es sich um Koketterie, um ein Gekitzel handelt –, ich hatte eine Hoffnung, ich hatte Hoffnung in die Tatsache gesetzt, dass Ferien sind. (99)

Il y a beaucoup de monde qui s’en va, c’est vrai. (59)

Es gibt viele, die wegfahren, das ist wahr. (99)

Dans ma clientèle c’est frappant, mais ici ça ne l’est pas. (59)

In meiner Klientel sind das erstaunlich viele, aber hier ist das nicht so. (99)

Je veux dire que je vois toujours les portes aussi encombrées, et pour tout dire, j’espérais que la salle serait allégée. (59)

Ich will sagen, dass ich die Türen immer noch genauso verstopft sehe; und um es klar zu sagen, ich hatte gehofft, der Raum habe sich gelichtet. (99)

Moyennant quoi, je… et puis en plus, tout ça, tout ça m’exaspère, parce que c’est pas de très bon ton, enfin …moyennant quoi j’espérais passer aux confidences, m’installer au milieu de  je sais pas  s’il y avait seulement la moitié de la salle, ça serait mieux. (59)

Wodurch – und dann regt mich das Ganze auch auf, weil es kein sehr guter Ton ist –, wodurch ich also gehofft hatte, zu einem vertrauteren Umgang übergehen zu können, mich einzurichten inmitten von –, ich weiß nicht, wenn nur die Hälfte des Raums da wäre, das wäre besser. (99)

Il va falloir que je retourne à un amphithéâtre qui était l’amphithéâtre 3 si je me souviens bien, comme ça je pourrai parler d’une façon un petit peu plus intime. (59)

Es wird nötig sein, dass ich in einen Hörsaal zurückkehre, in Hörsaal 3, wenn ich mich recht entsinne, so werde ich wieder auf eine Weise sprechen können, die ein bisschen intimer ist. (99)

Ce serait quand même sympat­­hique si je pouvais obtenir qu’on me réponde, qu’on collabore, qu’on s’intéresse. (59)

Es wäre trotzdem sehr nett, wenn ich erreichen könnte, dass man mir antwortet, dass man mitarbeitet, dass man Anteil zeigt. (99)

Ça me semble difficile de s’intéresser à ce qui est en somme, à ce qui devient une recherche. (59)

Es scheint mir schwierig zu sein, Anteil an dem zu zeigen, was letztlich, was eine Suche wird, eine Recherche. (99)

Je veux dire que je commence à faire ce qu’implique le mot recherche : à tourner en rond. (59)

Ich will sagen, dass ich anfange, das zu tun, was das Wort recherche beinhaltet: sich im Kreis drehen.1 (99)

Il y avait un temps où j’étais un peu claironnant comme ça, je disais comme Picasso : … parce que c’est pas de moi … « je ne cherche pas, je trouve », mais j’ai plus de peine maintenant à frayer mon chemin. (59)

Es gab eine Zeit, in der ich so ein bisschen herumposaunte, ich sagte, wie Picasso – denn das ist nicht von mir –: „ich suche nicht, ich finde“, aber jetzt habe ich mehr Mühe, meinen Weg zu bahnen.2 (99)

Bon, alors je vais quand même rentrer dans ce que je suppose… c’est une pure supposition, j’en suis réduit à supposer …à ce que je suppose que vous avez entendu la dernière fois, et pour entrer dans le vif, je l’illustre. (59)

Gut, also ich werde jetzt doch auf das zurückkommen, was Sie, wie ich annehme – es ist eine bloße Annahme, ich bin darauf zurückgeworfen, es anzunehmen –, was Sie, wie ich annehme, letztes Mal verstanden haben, und um zum Kern der Sache zu kommen, illustriere ich es. (99)

Voilà un nœud. (59)

Kleeblattknoten gelb (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Kleeblattknoten

Das ist ein Knoten. (99)

[92] Alors, c’est le nœud qui se déduit de ce qui n’est pas un nœud, car le nœud borroméen, contrairement à son nom qui comme tous les noms reflète un sens, il a le sens qui permet dans la chaîne, dans la chaîne borroméenne, de situer quelque part le sens. (59)

Borromäischer Knoten mit eingetragenem Kleeblattknoten (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Borromäische Verschlingung aus drei Ringen mit eingetragenem Kleeblattknoten

Das ist der Knoten, der sich von etwas herleitet, was kein Knoten ist, denn der borromäische Knoten hat, im Gegensatz zu seinem Namen, der wie alle Namen einen Sinn reflektiert, er hat den Sinn, der es gestattet, in der Verschlingung, in der borromäischen Verschlingung, irgendwo den Sinn zu verorten.3 (99 f.)

Umwandlung eines borromäishen Knotens in einen Kleeblattknoten (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Umwandlung einer borromäischen Verschlingung aus drei Ringen in einen Kleeblattknoten[note]Quelle: Version Staferla, bearbeitet.[/note]

Il est certain que si nous appelons cet élément de la chaîne l’Imaginaire, cet autre le Réel et celui-là, le Symbolique, le sens sera là. (59)

(Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

R = Reales, S = Symbolisches, I = Imaginäres

Es ist sicher, dass, wenn wir dieses Element der Verschlingung das Imaginäre nennen, dieses andere das Reale und jenes dort das Symbolische, der Sinn hier sein wird. (100)

Nous ne pouvons pas espérer mieux, espérer de le placer ailleurs, parce que tout ce que nous pensons, nous en sommes réduits à l’imaginer. (59)

Besseres können wir nicht erhoffen, nicht hoffen, ihm anderswo einen Platz zu geben, weil wir in allem, was wir denken, darauf zurückverwiesen sind, es zu imaginieren. (100)

Seulement nous ne pensons pas sans mots, contrairement à ce que des psychologues – ceux de l’école de Würzburg – ont avancé. (59)

Allein, wir denken nicht ohne Worte, im Gegensatz zu dem, was Psychologen, die der Würzburger Schule, vorgebracht haben.4 (100)

Bon, comme vous le voyez, je suis un peu déçu, et j’ai de la peine à démarrer. (59)

Gut, wie Sie sehen, bin ich etwas enttäuscht und habe Mühe, loszulegen. (100)

Alors, je vais entrer dans le vif, et dire ce qui peut arriver à ce qui fait nœud. (59)

Also, ich werde zum Kern der Sache kommen und sagen, was dem, was Knoten macht, geschehen kann. (100)

Pour ce qui fait nœud, c’est-à-dire, au minimum, le nœud à trois, celui dont je me contente puisque c’est le nœud qui se déduit de ceci que les trois ronds, les ronds de ficelle  comme autrefois j’avais avancé cette image  les ronds de ficelle de l’Imaginaire et du Réel et du Symbolique, ben il est clair qu’ils font nœud. (59)

Für das, was Knoten bildet, das heißt als Minimum den Dreierknoten, der, mit dem ich mich begnüge, da das der Knoten ist, der sich daraus ableitet, dass die drei Ringe, die Schnurringe – da ich früher dieses Bild vorgebracht hatte –, die Schnurringe des Imaginären und des Realen und des Symbolischen, nun, es ist klar, dass sie Knoten bilden.5 (100)

Qu’ils font nœud, c’est à savoir que : ils ne se contentent pas de pouvoir isoler, déterminer un certain nombre de champs de coincement, d’endroits où si on met le doigt, on se pince. (59)

Dass sie Knoten bilden, das heißt, dass sie sich nicht damit begnügen, eine gewisse Anzahl von eingekeilten Feldern isolieren, determinieren zu können, von Orten, wo man sich, wenn man den Finger hineinsteckt, einklemmt. (100)

On se pince aussi dans un nœud, seulement le nœud est d’une nature différente. (59)

Auch in einem Knoten klemmt man sich ein, nur ist der Knoten von anderer Natur. (100)

Alors, si vous vous souvenez bien  naturellement je n’en espère pas autant  si vous vous souvenez bien, j’ai avancé la dernière fois cette remarque  cette remarque qui ne va pas de soi  qu’il suffit qu’il y ait une erreur quelque part dans le nœud à trois, supposez par exemple, qu’au lieu de passer au-dessous ici, ça passe au-dessus :

2 Kleeblattknoten davon 1 falsch (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

links: richtiger Kleeblattknoten, rechts: falscher Kleeblattknoten

 …ben, ça suffit à faire bien sûr – ça va de soi parce que [93] chacun sait qu’il n’y a pas de nœud à deux – il suffit donc qu’il y ait une erreur quelque part, pour que ceci – je pense que ça vous saute aux yeux – se réduise à un seul rond. (60)

3 falsche Kleeblatt (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Entfaltung des falschen Kleeblattknotens

Also, wenn Sie sich recht erinnern, natürlich erhoffe ich mir nicht so viel, wenn sie sich recht erinnern, habe ich letztes Mal die folgende Bemerkung vorgebracht, eine Bemerkung, die sich nicht von selbst versteht: Es genügt, dass es irgendwo im Dreierknoten einen Irrtum gibt, nehmen Sie beispielsweise an, dass dies anstatt unten durch zu laufen hier darüber läuft,2 Kleeblattknoten davon 1 falsch (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)gut, es genügt, das zu tun – sicherlich versteht sich das von selbst, da jeder weiß, dass es keinen Zweierknoten gibt –, es genügt also, dass es irgendwo einen Irrtum gibt, damit sich dies hier – ich denke, das springt Ihnen in die Augen – auf einen einzigen Ring reduziert. (100 f.)

Ça ne va pas de soi, parce que si, par exemple, vous prenez le nœud à cinq, celui-là… comme il y a un nœud à quatre qui est bien connu, qui s’appelle le nœud de Listing …j’ai appelé celui-là, comme ça – idée loufoque – le nœud de Lacan. (60)

Listing Lacan (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)Das versteht sich nicht von selbst, denn wenn Sie zum Beispiel den Fünferknoten nehmen, den da, da es einen Viererknoten gibt, der bekannt ist und der Listing-Knoten heißt, habe ich den da, verrückte Idee, den Lacan-Knoten genannt.6 (101)

C’est en effet celui qui convient le mieux  mais je vous dirai ça une autre fois  c’est en effet celui qui convient le mieux. (60)

Das ist tatsächlich der angemessenste – aber ich werde Ihnen das ein anderes Mal sagen –, das ist tatsächlich der angemessenste. (101)

Ouais… c’est absolument sublime, comme chaque fois qu’on dessine un nœud, on risque de se tromper, tout à l’heure au moment où je dessinais ces choses pour vous les présenter, j’ai eu affaire à quelque chose d’analogue, qui a forcé Gloria à remettre ici une pièce, quelque chose d’analogue, parce que, en dessinant comme ça, on se trompe. (60)

Ja, es ist absolut erhaben, wie man jedesmal, wenn man einen Knoten zeichnet, Gefahr läuft, sich zu täuschen; vorhin, als ich diese Sachen zeichnete, um sie Ihnen zu vorzustellen, hatte ich mit etwas Analogem zu tun, was Gloria dazu genötigt hat, hier ein Stück einzusetzen, mit etwas Analogem, denn wenn man so zeichnet, täuscht man sich. (101)

Donc, ce nœud-là, si vous vous trompez en un de ces deux points c’est la même chose que pour le nœud à trois : le tout se libère. (60)

Lacan-Knoten mit Irrtumspunkten (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Knoten mit fünf Überkreuzungen (Lacan-Knoten)

Also, wenn Sie sich bei diesem Knoten da in einem dieser beiden Punkte irren, ist es dasselbe wie für den Dreierknoten: das Ganze wird freigesetzt. (101 f.)

Il est manifeste ici que ça ne fait qu’un rond. (60)

Hier ist manifest, dass das nur einen Ring bildet. (102)

Si par contre vous vous trompez en un de ces trois points-là vous pouvez constater que ça se maintient comme nœud, c’est-à-dire que ça reste un nœud à trois. (60)

Wenn Sie sich hingegen in einem dieser drei Punkte da irren, so können Sie feststellen, dass sich das als Knoten aufrechterhält, das heißt, dass es ein Dreierknoten bleibt. (102)

Ceci pour vous dire que ça ne va pas de soi qu’en se trompant en un point d’un nœud, tout le nœud s’évapore, si je puis m’exprimer ainsi. (60)

Dies, um Ihnen zu sagen, dass es sich nicht von selbst versteht, dass der ganze Knoten sich verflüchtigt, wenn ich mich so ausdrücken darf, wenn man sich in einem Punkt eines Knotens irrt. (102)

Bon, alors, ce que j’ai dit la dernière fois est ceci : faisant allusion au fait que le symptôme  ce que j’ai appelé cette année le sinthome  que le sinthome est ce qui, dans le borroméen, la chaîne borroméenne, est ce qui permet dans cette chaîne borroméenne, si nous n’en faisons plus chaîne, c’est à savoir si ici nous faisons ce que j’ai appelé une erreur : ici et aussi ici, c’est-à-dire [94] du même coup si le Symbolique se libère, comme je l’ai autrefois bien marqué, nous avons un moyen de réparer ça, c’est de faire ce que, pour la première fois j’ai défini comme le sinthome [Σ], à savoir le quelque chose qui permet au Symbolique, à l’Imaginaire et au Réel, de continuer de tenir ensemble, quoique là aucun ne tient plus avec l’autre, ceci grâce à deux erreurs. (60)

Borro richtig und falsch mit Korrektur (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Richtige (links) und falsche borromäische Verschlingung aus drei Ringen

Gut, also was ich letztes Mal gesagt habe, ist Folgendes: als Anspielung darauf, dass das Symptom – was ich dieses Jahr das Sinthom genannt habe –, dass das Sinthom das ist, was im Borromäer, in der borromäischen Verschlingung das ist, was es in die­ser borromäischen Verschlingung ermöglicht, wenn wir keine Verschlingung mehr daraus machen, das heißt, wenn wir hier das machen, was ich einen Irrtum genannt habe, hier und auch hier, das heißt zugleich, wenn das Symbolische sich freisetzt, wie ich das letzte Mal ja angemerkt habe, dann haben wir ein Mittel, um das zu reparie­ren, nämlich das zu machen, was ich zum ersten Mal als das Sinthom definiert habe, nämlich dieses Etwas, was es dem Symbolischen, dem Imaginären und dem Realen ermöglicht, weiterhin zusammenzuhalten, obwohl da keiner mehr am anderen hängt, und zwar aufgrund von zwei Irrtümern. (102)

Je me suis permis de définir comme sinthome ce qui, non pas permet au nœud à trois, de faire encore nœud à trois, mais ce qu’il conserve dans une position telle qu’il ait l’air de faire nœud à trois. (61)

Borromäische Verschlingng aus vier Ringen (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Borromäische Verschlingung aus vier Ringen, Σ: Ring des Sinthoms

Ich habe mir gestattet, als Sinthom zu definieren, nicht was dem Dreierknoten erlaubt, noch einen Dreierknoten zu bilden, sondern was ihn in einer Position bewahrt, in der er so aussieht, als ob er einen Dreierknoten bilden würde. (102)

Voilà ce que j’ai avancé tout doucement la dernière fois. (61)

Das ist das, was ich letztes Mal ganz behutsam vorgebracht habe. (102)

Et je vous le réévoque incidemment, j’ai pensé… faites-en ce que vous voudrez de ma pensée …j’ai pensé que c’était là la clé de ce qui était arrivé à Joyce. (61)

Und ich rufe es Ihnen bei dieser Gelegenheit ins Gedächtnis zurück, ich habe gedacht – machen Sie damit, was Sie wollen, mit meinem Denken –, ich habe gedacht, dies sei der Schlüssel für das, was Joyce passiert war. (102)

Que Joyce a un symptôme qui part de ceci : que son père était carent, radicalement carent, il ne parle que de ça. (61)

Dass Joyce ein Symptom hat, das von Folgendem ausgeht: dass sein Vater unzulänglich war, radikal unzulänglich, er spricht nur davon.7 (102 f.)

J’ai centré la chose autour du nom, du nom propre, et j’ai pensé que… faites-en ce que vous voulez de cette pensée …et j’ai pensé que c’est de se vouloir un nom, que Joyce a fait la compensation de la carence paternelle. (61)

Ich habe die Sache um den Namen zentriert, um den Eigennamen, und ich habe gedacht – machen Sie damit, was Sie wollen, mit diesem Denken –, und ich habe gedacht, dass Joyce, indem er einen Namen für sich wollte, die Kompensation für das Ausfallen des Vaters gebildet hat. (103)

C’est tout au moins ce que j’ai dit, parce que je pouvais pas dire mieux. (61)

Das ist zumindest das, was ich gesagt habe, weil ich’s nicht besser sagen konnte. (103)

J’essaierai d’articuler ça d’une façon plus précise, mais il est clair que l’art de Joyce est quelque chose de tellement particulier, que le terme sinthome est bien ce qui lui convient. (61)

Ich werde versuchen, das auf präzisere Weise zu artikulieren, aber es ist klar, dass Joyces Kunst etwas so Besonderes ist, dass der Ausdruck Sinthom wirklich das ist, was ihr angemessen ist. (103)

[95] Il se trouve que vendredi, à ma présentation de quelque chose qu’on considère généralement comme un cas, un cas de folie assurément, un cas de folie qui a commencé par le sinthome : « paroles imposées ». (61)

Es trifft sich, dass am Freitag bei meiner Vorstellung von etwas, das man im Allgemeinen als Fall betrachtet, als Fall von Wahnsinn sicherlich, als Fall von Wahnsinn, der mit dem Sinthom „aufgezwungene Worte“ begonnen hat.8 (104)

C’est tout au moins ainsi que le patient articule lui-même ce quelque chose qui paraît tout ce qu’il y a de plus censé dans l’ordre d’une articulation que je peux dire être lacanienne. (61)

So zumindest artikuliert der Patient selbst jenes Etwas, das mir das Allervernünftigste in der Ordnung einer Artikulation zu sein scheint, die ich lacanianisch nennen kann. (104)

Comment est-ce que nous ne sentons pas tous, que des paroles dont nous dépendons, nous sont en quelque sorte imposées ? (61)

Weshalb spüren wir nicht alle, dass Worte, von denen wir abhängen, uns in gewisser Weise aufgezwungen sind? (104)

C’est bien en quoi ce qu’on appelle un malade va quelquefois plus loin que ce qu’on appelle un homme normal. (61)

Eben insofern geht einer, den man einen Kranken nennt, manchmal weiter als einer, den man einen normalen Menschen nennt. (104)

La question est plutôt de savoir pourquoi est-ce qu’un homme normal  dit normal  ne s’aperçoit pas :  que la parole est un parasite, que la parole est un placage, que la parole est la forme de cancer dont l’être humain est affligé. (61)

Die Frage ist vielmehr, warum ein normaler Mensch, ein sogenannter Norma­ler, nicht merkt, dass das Wort ein Parasit ist, dass das Wort ein Furnier ist, dass das Wort die Form von Krebs ist, von dem das Menschenwesen befallen ist. (104)

Comment est-ce qu’il y en a qui vont jusqu’à le sentir ? (61)

Wie kommt es, dass es welche gibt, bei denen das soweit geht, dass sie es spüren? (104)

Il est certain que là-dessus, Joyce nous donne un petit soupçon. (61)

Es ist sicher, dass Joyce hierzu einen kleinen Verdacht in uns erweckt. (104)

Je veux dire que je n’ai pas parlé la dernière fois de sa fille Lucia – puisqu’il a donné à ses enfants des noms italiens – je n’ai pas parlé de la fille Lucia par un dessein de ne pas donner dans ce qu’on peut appeler la petite histoire. (61)

Ich will sagen, dass ich letztes Mal nicht über seine Tochter gesprochen habe, Lucia – da er seinen Kindern italienische Namen gegeben hat –, ich habe nicht über die Tochter Lucia gesprochen, in der Absicht, nicht in etwas zu verfallen, was man Histörchen nennen kann.9 (104)

La fille Lucia vit encore. (61)

Die Tochter Lucia lebt noch. (104)

Elle est dans une maison de santé, en Angleterre, elle est ce qu’on appelle, comme ça, couramment, une schizophrène. (61)

Sie befindet sich in einer psychiatrischen Einrichtung, in England, sie ist das, was man für gewöhnlich eine Schizophrene nennt. (104)

Mais la chose m’a été, lors de ma dernière présentation de cas, rappelée, en ceci que le cas que je présentais avait subi une aggravation. (61)

Aber die Sache kam mir bei meiner letzten Fallvorstellung dadurch wieder in den Sinn, dass der Fall, den ich vorstellte, eine Verschlechterung erfahren hatte. (104)

Après avoir eu le sentiment  sentiment que je considère quant à moi comme sensé  le sentiment de paroles qui lui étaient imposées, les choses se sont aggravées. (61)

Nachdem er das Gefühl gehabt hatte – ein Gefühl, das ich meiner­seits als vernünftig betrachte –, das Gefühl von Worten, die ihm aufgezwungen wurden, hatten die Dinge sich verschlechtert. (104 f.)

Et qu’il a eu le sentiment, non seulement que des paroles lui étaient imposées, mais qu’il était affecté de ce qu’il appelait lui-même télépathie… qui n’était pas ce qu’on appelle couramment de ce mot …à savoir d’être averti de choses qui arrivent aux autres, mais que par contre tout le monde était averti de ce qu’il se formulait lui-même, à part lui, à savoir ses réflexions les plus intimes, et tout à fait spécialement les réflexions qui lui venaient en marge des fameuses paroles imposées. (61)

Und er hatte nicht nur das Gefühl, dass ihm Wor­te aufgezwungen wurden, sondern dass er von etwas betroffen sei, was er selbst als Telepathie bezeichnete, die aber nicht das war, was man üblicherweise mit diesem Wort be­zeichnet, nämlich von Dingen Kenntnis zu erhalten, die anderen zustoßen, son­dern dass im Gegenteil alle Kenntnis von dem hatten, was er selbst ganz für sich formulierte, nämlich seine intimsten Überlegungen, und ganz besonders von den Überlegun­gen, die sich bei ihm anlässlich dieser berühmten aufgezwungenen Worte einstellten. (105)

Car il entendait quelque chose : « sale assassinat politique » par exemple, ce qu’il faisait équivalent à « sale assistanat politique ». (61)

Denn er hörte etwas, sale assassinat politique beispielsweise, „schmutziger politischer Mord“, und er machte das äquivalent mit sale assistanat politique, „schmutziges politisches (Hochschul-)Assistentenamt“. (105)

On voit bien que là le signifiant se réduit à ce qu’il est, à l’équivoque, à une torsion de voix. (61)

Man sieht gut, dass der Signifikant sich hier auf das reduziert, was er ist: auf die Äquivokation, auf eine Stimmverzerrung. (105)

Mais à « sale assistanat » ou à « sale assassinat  » dit politique, il se disait à lui-| [96] même  en réponse  quelque chose, à savoir quelque chose qui commençait par un « mais », et qui était sa réflexion à ce sujet. (61)

Aber auf das „politisch“ genannte sale assistanat oder sale assassinat sagte er sich selbst etwas als Antwort, nämlich etwas, das mit einem „aber“ begann und seine Überlegung zu diesem Thema war. (105)

Et ce qui le rendait tout à fait affolé, c’était la pensée que ce qu’il se faisait comme réflexion en plus, en plus de ce qu’il considérait comme des paroles qui lui étaient imposées, c’était cela qui était aussi connu de tous les autres. (62)

Und was ihn ganz närrisch machte, war der Gedanke, dass das, was er an Überlegungen darüber hinaus anstellte – über das hinaus, was er als Worte betrach­tete, die ihm aufgezwungen wurden –, etwas war, was auch allen anderen bekannt war. (105)

Il était donc  comme il s’exprime  télépathe émetteur, autrement dit, il n’avait plus de secret. (62)

Er war also, wie er sich ausdrückt, „Sender-Telepath“, anders gesagt: er hatte kein Geheimnis mehr. (105)

Et, cela-même, c’est cela qui lui a fait commettre une tentative d’en finir… la vie lui étant de ce fait, de ce fait de n’avoir plus de secret, de n’avoir plus rien de réservé …qui lui a fait commettre ce qu’on appelle « une tentative de suicide », qui était aussi bien ce pourquoi il était là, et ce pourquoi j’avais, en somme, à m’intéresser à lui. (62)

Und eben dies, das hat ihn dazu gebracht, einen Versuch zu machen, dem ein Ende zu setzen, da ihm das Leben aufgrund dieser Tatsache, der Tat­sache, kein Geheimnis mehr zu haben, nichts mehr, was ihm vorbehalten war, was ihn dazu gebracht hat, einen, wie man es nennt, Selbstmordversuch zu machen, was dann auch der Grund dafür war, dass er da war und dass ich mich schließlich mit ihm zu befassen hatte. (105)

Ce qui me pousse aujourd’hui à vous parler de la fille Lucia, est très exactement ceci… je m’en étais bien gardé la dernière fois, pour ne pas tomber dans la petite histoire …c’est que Joyce… Joyce qui a défendu farouchement sa fille, sa fille la schizophrène, ce qu’on appelle schizophrène, contre la prise des médecins …Joyce n’articulait qu’une chose, c’est que sa fille était une télépathe. (62)

Was mich heute dazu drängt, von der Tochter Lucia zu sprechen, ist ganz genau dies – ich hatte mich letztes Mal ja davor gehütet, um nicht in Histörchen zu verfallen –, dass nämlich Joyce – Joyce, der seine Tochter, seine Tochter die Schizophrene, das, was man eine Schizo­phrene nennt, gegen den Zugriff der Ärzte wild verteidigt hat –, dass Joyce nur eine Sache artikulierte, nämlich dass seine Tochter eine Telepathin sei. (105)

Je veux dire que dans les lettres qu’il écrit à son propos, il formule : qu’elle est beaucoup plus intelligente que tout le monde, qu’elle l’informe  miraculeusement est le mot sous-entendu  de tout ce qui arrive à un certain nombre de gens, que pour elle ces gens n’ont pas de secrets. (62)

Ich will sagen, dass er in den Briefen, die er in ihrer Angelegenheit schreibt, formu­liert, dass sie viel intelligenter ist als alle anderen, dass sie ihn über alles informiert – wundersamerweise, ist das Wort, das herauszuhören ist –, was einer Reihe von Leuten passiert, dass diese Leute für sie keine Geheimnisse haben.10 (106)

Est-ce qu’il n’y a pas là quelque chose de saisissant ? (62)

Gibt es da nicht etwas Ergreifendes? (106)

Non pas du tout que je pense que Lucia fût effectivement une télépathe, qu’elle sût ce qui arrivait à des gens sur lesquels elle n’avait pas plus d’informations qu’une autre. (62)

Nicht dass ich etwa denke, Lucia sei tatsächlich eine Telepathin gewesen, dass sie gewusst habe, was Leuten geschehen ist, über die sie nicht mehr Informationen hatte als andere auch. (106)

Mais que Joyce lui attribue cette vertu sur un certain nombre de signes, de déclarations que lui il entendait d’une certaine façon, c’est bien le quelque chose où je vois que pour défendre  si on peut dire  sa fille, il lui attribue quelque chose qui est dans le prolongement de ce que j’appellerai momentanément son propre symptôme. (62)

Aber dass Joyce ihr diese Fähigkeit zuschreibt, auf eine Reihe von Zeichen hin, von Erklärungen, die er dann auf bestimmte Weise verstanden hat, eben das ist jenes Etwas, woran ich sehe, dass er, um, wenn man so sagen kann, seine Tochter zu „verteidigen“, dass er ihr etwas zuschreibt, was in der Verlängerung dessen liegt, was ich für den Moment sein eige­nes Symptom nennen werde.11 (106)

C’est à savoir… il est difficile dans son cas de ne pas évoquer mon propre patient tel que chez lui ça avait commencé …c’est à savoir qu’à l’endroit de la parole, on ne peut pas dire que quelque chose n’était pas à Joyce imposé. (62)

Das heißt – in seinem Fall ist es schwierig, nicht meinen eigenen Patienten zu erwähnen, wie es bei ihm angefangen hatte –, das heißt, dass man nicht sagen kann, dass Joyce hinsichtlich des Wortes nicht etwas auf­gezwungen wurde. (106)

Je veux dire que dans le progrès en quelque sorte continu qu’a constitué son art, à savoir cette parole… parole qui vient à être écrite …de la briser, de la démantibuler, de faire qu’à la fin ce qui  à le lire  paraît un progrès continu… depuis l’effort qu’il faisait dans ses premiers essais critiques, puis ensuite, dans le Portrait de l’Artiste, et enfin dans Ulysse pour terminer par Finnegans Wake …il est difficile de ne pas voir qu’un certain rapport à la parole lui est de plus en plus imposé, imposé au point qu’il finit par dissoudre le langage même, comme l’a noté fort bien Philippe Sollers – je vous ai dit ça au début de l’année  imposer au langage même une sorte de brisure, de décomposition qui fait que il n’y a plus d’identité phonatoire. (62)

Ich will sagen, dass es in dem gewissermaßen kontinuierlichen Fortschritt, den seine Kunst darstellte, diese Worte also, bei denen es dazu kommt, dass sie geschrieben werden, sie zu zerbrechen, sie zu zerschla­gen, zu bewirken, dass es schließlich beim Lesen als kontinuierlicher Fortschritt erscheint, angefangen mit den Bemühungen in sei­nen ersten kritischen Essays, dann im Porträt des Künstlers und schließlich in Ulysses, um mit Finnegans Wake zu enden, es ist schwierig zu übersehen, dass ihm ein bestimmtes Verhältnis zu den Worten mehr und mehr aufgezwungen wird, bis zu dem Punkt, dass er damit endet, die Sprache selbst aufzulösen, wie Philippe Sollers sehr gut bemerkt hat – ich habe Ihnen das zu Beginn des Jahres gesagt –, der Sprache selbst eine Art Bruch, Zersetzung aufzuzwingen, die bewirkt, dass es keine phonatorische Identität mehr gibt.12 (106)

[97] Sans doute y a-t-il là une réflexion au niveau de l’écriture, je veux dire que c’est par l’intermédiaire de l’écriture que la parole se décompose en s’imposant, en s’imposant comme telle, à savoir dans une déformation dont reste ambigu de savoir si c’est de se libérer du parasite… du parasite parolier dont je parlais tout à l’heure …qu’il s’agit, ou au contraire de quelque chose qui se laisse envahir par les propriétés d’ordre essentiellement phonémiques de la parole, par la polyphonie de la parole. (62)

Ohne Zweifel reflektiert sich das auf der Ebene der Schrift, ich will sagen, dass die Worte sich durch Vermittlung der Schrift zersetzen, indem sie sich aufzwingen, indem sie sich als solche aufzwingen, und zwar in einer Deformation, bei der unbestimmt bleibt, ob es Joyce darum geht, sich vom Parasiten zu befreien – von dem Parasiten der Worte, von dem ich eben gesprochen habe –, oder ob es im Gegenteil um etwas geht, das sich von den wesentlich pho­nemischen Eigenschaften der Worte, von der Polyphonie der Worte, überfluten lässt. (107)

Quoiqu’il en soit, que Joyce articule à propos de Lucia  pour la défendre  qu’elle est une télépathe, me paraît… en raison de ce malade dont je considérais le cas la dernière fois que j’ai fait ce qu’on appelle ma « présentation à Ste-Anne » …me paraît certainement indicatif, indicatif de quelque chose dont je dirai que Joyce, que Joyce témoigne en ce point même : qui est le point que j’ai désigné comme étant celui de la carence du père. (62)

Wie dem auch sei, dass Joyce zu Lucia artikuliert, um sie zu verteidigen, sie sei eine Telepathin, das scheint mir aufgrund dieses Kranken, dessen Fall ich letztes Mal bei meiner soge­nannten Vorstellung in Sainte Anne be­trachtet habe, das scheint mir sicherlich aufschlussreich zu sein, aufschlussreich für etwas, von dem, wie ich sagen möchte, Joyce in eben diesem Punkt Zeugnis gibt, dem Punkt nämlich, den ich als jenen des Ausfallens des Vaters bezeich­net habe. (107)

Ce que je voudrais marquer, c’est que ce que j’appelle, ce que je désigne, ce que je supporte du sinthome qui est ici marqué d’un rond, d’un rond de ficelle, ce qui est censé – par moi – se produire à la place même où, disons le tracé du nœud fait erreur. (62)

Kleeblatt mit Ring oben rechts (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)Was ich anmerken möchte, ist, dass das, was ich mit Sinthom bezeichne, was ich so nenne, was ich so stütze, und was hier durch einen Ring markiert ist, einen Schnurring, das wird von mir so verstanden, dass es sich an eben der Stelle herstellt, an der, sagen wir, die Bahn des Knotens einen Fehler macht. (107)

Il nous est difficile de ne pas voir que le lapsus est ce sur quoi, en partie, se fonde la notion de l’Inconscient. (63)

Wir können schwerlich übersehen, dass der Lapsus das ist, worauf sich teilweise der Begriff des Unbewussten gründet. (107)

Que le mot d’esprit en soit aussi, est à verser au même compte si je puis dire, car après tout, le mot d’esprit, il n’est pas impensable qu’il résulte d’un lapsus. (63)

Dass es sich mit dem Witz ebenso verhält, ist auf demselben Konto zu verbuchen, wenn ich so sagen darf, denn beim Witz ist schließlich nicht undenkbar, dass er aus einem Lapsus ent­steht.13 (107)

C’est tout au moins ainsi que Freud lui-même l’articule, c’est à savoir que c’est un court-circuit, que  comme il l’avance  c’est une économie au regard d’un plaisir, d’une satisfaction. (63)

So artikuliert das zumindest Freud selbst, nämlich dass das einen Kurzschluss ist, dass das, wie er behauptet, eine Ersparnis ist hinsichtlich einer Lust, einer Befriedigung. (107)

Que ce soit à la place où le nœud rate… où il y a une sorte de lapsus du nœud lui-même …est quelque chose qui est bien fait pour nous retenir. (63)

Dass dies an eben der Stelle ist, an der der Knoten danebengeht, an der es eine Art Lapsus des Knotens gibt, ist dazu angetan, dass wir uns dabei aufhalten.14 (107)

Que moi-même | [98], il m’arrive comme je l’ai montré ici, de rater à l’occasion, c’est bien ce qui, en quelque sorte, confirme qu’un nœud ça se rate. (63)

Dass es mir selbst passiert, wie ich hier gezeigt habe, dass es mir mal misslingt, ist eben das, was gewissermaßen bestätigt, dass ein Knoten etwas ist, was misslingt. (107)

Ça se rate, tout aussi bien que l’Inconscient est là pour nous montrer, que c’est à partir de sa consistance à lui – à l’Inconscient – qu’il y a des tas de ratés. (63)

Das geht schief, umso mehr, als das Un­bewusste da ist, um uns zu zeigen, dass es wegen seiner Konsistenz, der des Unbewussten, ganze Haufen von Irrläufern gibt. (107 f.)

Mais, si ici se renouvelle la notion de faute, est-ce que la faute  ce dont la conscience fait le péché  est de l’ordre du lapsus ? (63)

Wenn aber hier der Begriff des Ver­fehlens erneuert wird, gehört dann das Verfeh­len – aus dem das Bewusstsein/Gewissen die Sünde macht – zur Ordnung des Lapsus?15 ( (108)

L’équivoque du mot est aussi bien ce qui permet de le penser, de passer d’un sens à l’autre. (63)

Die Mehrdeutigkeit des Wortes ist auch das, was es ermöglicht, es zu denken, von einem Sinn zum anderen überzugehen. (108)

Est-ce qu’il y a dans la faute… cette faute première dont Joyce nous fait tellement état …est-ce qu’il y a quelque chose de l’ordre du lapsus ? (63)

Gibt es im Verfehlen, diesem ersten Verfehlen, von dem Joyce so viel Aufhebens macht, gibt es da etwas von der Ordnung des Lapsus?16 (108)

 

Ceci bien sûr, n’est pas sans évoquer tout un imbroglio. (63)

Dies ist sicherlich dazu angetan, ein rechtes Imbroglio zu evozieren.17 (108)

Mais nous en sommes là, nous sommes dans le nœud, et du même coup dans l’embrouille. (63)

Aber damit sind wir da, wir sind im Knoten und zugleich in der Verwirrung. (108)

Ce qu’il y a de remarquable, c’est qu’à vouloir corriger le lapsus au point [1] même où il se produit… qu’est-ce que ça veut dire qu’il se produise là ? …il y a équivoque puisque en deux autres points [2 et 3], nous avons la conséquence du lapsus qui s’est produit ailleurs. (63)

Falscher Kleeblattknoten mit Zahlen (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Falscher Kleeblattknoten mit Reparaturring und Bezifferung der Überkreuzungsstellen

Bemerkenswert ist, dass es, wenn wir den Lapsus an eben dem Punkt [1] korrigieren wollen, an dem er sich herstellt – was heißt das, er stellt sich dort her? – , es eine Mehrdeutigkeit gibt, da wir an zwei anderen Punkten [2 und 3] die Konse­quenz des Lapsus haben, der sich woan­ders hergestellt hat. (108)

Le frappant est que, ailleurs ça n’a pas les mêmes conséquences. (63)

Das Verblüffende ist, dass das woanders nicht dieselben Konsequen­zen hat. (108)

C’est ce que j’illustre de la façon qu’ici j’ai essayé de dessiner. (63)

Das ist es, was ich auf die Weise illustriere, die ich hier zu zeichnen versucht habe. (108)

Vous pouvez, si vous faites attention, vous pouvez voir – d’une façon dont le nœud répond –, vous pouvez voir qu’à réparer par un sinthome au point même où le lapsus s’est produit [1]… vous n’obtenez pas le même nœud en mettant le sinthome à la place même où s’est produite la faute, ou bien en corrigeant de même par un sinthome la chose en les deux autres points [2 et 3]. (63)

3 Kleeblattknoten mit 3 verschiedenen Repraturringen (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Falscher Kleeblattknoten mit Reparaturring an den drei Überkreuzungsstellen

Sie können, wenn Sie achtgeben, Sie können sehen, auf eine Weise, für die der Kno­ten verantwortlich ist, Sie können sehen, dass Sie, wenn Sie mit einem Sinthom an eben dem Punkt reparieren, an dem sich der Lapsus hergestellt hat [1], nicht denselben Knoten erhalten, wenn Sie das Sinthom an eben die Stelle setzen, an der sich der Fehler herge­stellt hat, oder wenn Sie, ebenfalls durch ein Sinthom, die Sache an den anderen beiden Punkten [2 und 3] korrigieren. (108 f.)

Car en corrigeant la chose  le lapsus  dans les deux autres points… ce qui est aussi concevable, puisque ce dont il s’agit, c’est de faire que quelque chose subsiste de la primitive structure du nœud à trois …le quelque chose qui subsiste du fait de l’intervention du sinthome est différent quand ça se produit au point même du lapsus, est différent de ce qui se produit si, de la même façon, corrigée, dans les deux autres points du nœud à trois par un sinthome. (63)

Denn indem Sie die Sache, den Lapsus, an den beiden anderen Punkten korrigieren – was ebenfalls denkbar ist, da es darum geht, dass etwas von der ursprünglichen Struktur des Dreierknotens bestehen bleibt –, ist das Etwas, das aufgrund des Eingreifens des Sinthoms bestehen bleibt, anders, wenn das an eben dem Punkt des Lapsus hergestellt wird, ist anders als das, was sich hergestellt, wenn es auf die gleiche Weise, an den anderen beiden Punkten des Dreierknotens, durch ein Sinthom korrigiert ist. (109)

Chose frappante, il y a quelque chose de commun dans la façon dont se nouent les choses, il y a quelque chose qui se marque à une certaine direc-| [99]tion, à une certaine orientation, à une certaine, disons dextrogyrie, de la compensation. (63)

Das ist verblüffend, es gibt etwas Gemeinsames in der Art und Weise, wie sich die Dinge verknüpfen, es gibt etwas, das durch eine bestimmte Ausrichtung gekennzeich­net ist, eine bestimmte Orientierung, eine bestimmte, sagen wir, Rechtsdrehung der Kompensation. (109)

Mais il n’en reste pas moins clair qu’ici : ce qui résulte de la compensation nouée, de la compensation par le sinthome, est différent de ce qui se produit ici et là. (64)

Falscher Kleeblattknoten mit Zahlen (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)Aber dabei bleibt nicht minder klar, dass hier das, was sich aus der geknoteten Kompensati­on ergibt, aus der Kompensation durch das Sinthom, sich von dem unterscheidet, was sich hier und dort ergibt. (109)

La nature de cette différence est ceci, c’est que entre ceci et ceci, à savoir le sinthome et la boucle qui se fait ici, si je puis dire spontanément, est inversible : que ceci à cela  à savoir le huit, disons rouge et le rond vert  est strictement équivalent. (64)

Achterknoten (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Äquivalenz von achtförmigem Ring und Reparaturring

Dieser Unterschied ist folgendermaßen beschaffen: zwischen diesem und diesem, also dem Sinthom und der Schleife, die sich hier, wenn ich so sagen darf, spontan bildet, ist ein Austausch möglich, dieses ist mit jenem strikt äquivalent, also die, sagen wir, rote Acht und der grüne Kreis. (109)

À l’inverse, vous n’avez qu’à prendre un nœud de huit, fait ainsi vous obtiendrez très aisément l’autre forme. (64)

Umgekehrt müssen Sie nur einen so gemachten Achterknoten nehmen, und Sie werden sehr leicht die andere Gestalt erhalten. (109)

Il n’y a rien de plus simple. (64)

Es gibt nichts Einfache­res. (109)

C’est même imaginable. (64)

Das ist sogar vorstellbar. (109)

[100] Il vous suffit de concevoir que vous tirez les choses de telle sorte – je parle : sur le rouge – de sorte à faire que le rouge fasse ici un rond. (64)

Es reicht, wenn Sie sich denken, dass Sie die Sachen auf die Weise ziehen – ich spreche über den roten –, auf die Weise, dass der rote hier einen Ring bildet. (109)

Rien de plus facile que de voir, de sentir, qu’il y a toutes les chances que ce qui est alors d’abord rond vert deviendra un huit vert. (64)

Nichts ist leichter zu sehen, zu spüren, als dass die besten Chancen bestehen, dass das, was zunächst ein grüner Kreis ist, zu einer grünen Acht wird. (109 f.)

Et à l’usage, vous verrez que c’est un huit exactement de la même forme, de la même dextrogyrie. (64)

Und bei der Durchführung werden Sie sehen, dass es eine Acht von genau derselben Gestalt ist, von derselben Rechtsdrehung. (110)

Il y a donc strictement équivalence et il n’est  après ce que j’ai frayé autour du rapport sexuel  il n’est pas difficile de suggérer que quand il y a équivalence, c’est bien en cela qu’il n’y a pas de rapport. (64)

Es gibt also strikte Äquivalenz, und es ist, nach dem, was ich um das sexuelle Verhältnis herum schon gebahnt habe, es ist nicht schwer zu behaupten, dass es, wenn es Äquivalenz gibt, es insofern kein Verhältnis gibt. (110)

Si pour un instant, nous supposons que ce qu’il en est de ce qui dès lors est un ratage du nœud, du nœud à trois, ce ratage est strictement équivalent  il n’y a pas besoin de le dire  dans les deux sexes. (64)

Wenn wir für einen Augenblick annehmen, dass, was es mit dem auf sich hat, was von daher ein Misslingen des Knotens ist, des Dreierknotens, so ist dieses Misslingen strikt äquivalent – es ist nicht nötig, das zu sagen – bei beiden Ge­schlechtern. (110)

Et si ce que nous voyons ici comme équivalent, est supporté du fait que, aussi bien dans un sexe que dans l’autre, il y a eu ratage, ratage du nœud, il est clair que le résultat est ceci : que les deux sexes sont équivalents. (64)

Und wenn das, was wir hier als äquivalent betrachten, durch die Tat­sache getragen ist, dass es sowohl bei dem einen wie bei dem anderen Geschlecht ein Misslingen gegeben hat, ein Misslingen des Knotens, so ist klar, dass das Ergebnis darin besteht, dass beide Geschlechter äquivalent sind. (110)

À ceci près, pourtant, que si la faute est réparée à la place même : les deux sexes  ici symbolisés par les deux couleurs  les deux sexes ne le sont plus, équivalents. (64)

Falscher Kleeblattknoten mit Zahlen (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)Abgesehen davon jedoch, dass wenn der Fehler an der Stelle selbst repariert wird, die beiden Geschlechter, die hier durch die beiden Farben symbolisiert werden, die beiden Geschlechter es nicht mehr sind, nämlich äquivalent. (110)

Car ici vous voyez ce qui correspond à ce que j’ai appelé tout à l’heure l’équivalence, ce qui y correspond est ceci qui est loin d’être équivalent. (64)

Denn hier sehen Sie, was dem entspricht, was ich eben Äquivalenz genannt habe; das, was dem hier entspricht, ist das, das weit davon entfernt ist, äquivalent zu sein. (110)

Si ici, une couleur peut être remplacée par l’autre, inversement ici,

Zwei Konfigurationen der Verschlingung von Knoten mit Innenacht und Reparaturring (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Nicht-Äquivalenz von Ring mit Innenacht und Reparaturring

 

vous voyez que le rond vert est, si je puis dire, interne à l’ensemble de ce qui est ici supporté par le double huit rouge et qui ici, se retrouve dans le double huit vert. (64)

Während hier eine Farbe durch die andere ersetzt werden kann, sehen Sie umgekehrt hier, dass der grüne Kreis innerhalb, wenn ich so sagen darf, der Gesamtheit dessen ist, was hier von der roten Doppelacht getragen wird und was sich hier in der grünen Doppelacht wiederfindet. (110)

Ceux-là… et c’est intentionnellement que je l’ai inscrit de cette façon, c’est pour que vous les reconnaissiez comme tels, ici le vert à ce double huit, est interne, ici le rouge est externe. (64)

Diese da – und ich habe sie absichtlich auf diese Weise aufgeschrieben, damit Sie sie näm­lich als solche erkennen –, das Grüne ist hier innerhalb dieser Doppelacht, hier ist das Rote außerhalb. (110 f.)

[101] C’est même là-dessus que j’ai fait travailler notre cher Jacques-Alain Miller qui était à ma maison de campagne, en même temps que je cogitais ceci. (64)

Dazu habe ich sogar unseren lieben Jacques-Alain Miller arbeiten lassen, der in meinem Landhaus war, zur gleichen Zeit, als ich das hier ausgeheckt habe. (111)

Je lui ai – à juste titre, contrairement à ce que je lui ai dit  je lui ai avancé cette forme, en le priant de découvrir l’équivalence qui aurait pu se produire. (65)

Ich habe ihm – zu Recht, im Gegensatz zu dem, was ich ihm gesagt habe –, ich habe ihm diese Gestalt vorgelegt und ihn gebe­ten, die Äquivalenz aufzudecken, die sich hergestellt haben sollte. (111)

Mais il est clair que l’équivalence ne peut pas se produire comme il apparaît de ceci, c’est que le vert, au regard du double huit et du huit rouge, est quelque chose qui ne saurait franchir, si je puis dire, la bande externe de ce double huit rouge. (65)

Aber es ist klar, dass die Äquivalenz sich nicht herstellen kann, wie daraus hervorgeht, dass das Grüne gegenüber der Doppelacht, der roten Acht etwas ist, was das Außenband dieser roten Doppelacht nicht über­schreiten kann, wenn ich so sagen darf. (111)

Il n’y a donc pas – au niveau du sinthome – il n’y a pas équivalence du rapport du vert et du rouge, pour nous contenter de cette désignation simple. (65)

Es gibt also, auf der Ebene des Sinthoms, es gibt keine Äquivalenz in den Verhältnissen zwischen dem Grünen und dem Roten, um uns mit dieser einfachen Be­zeichnung zu begnügen. (111)

C’est dans la mesure où il y a sinthome qu’il n’y a pas équivalence sexuelle, c’est-à-dire qu’il y a rapport. (65)

In dem Maße, da es Sinthom gibt, gibt es keine sexuelle Äquivalenz, das heißt, es gibt Verhältnis. (111)

Car il est bien sûr que si nous disons que le non-rapport relève de l’équivalence, c’est dans la mesure où il n’y a pas d‘équivalence que se structure le rapport. (65)

Denn es ist ganz si­cher, dass, wenn wir sagen, dass das Nichtverhältnis von der Äquivalenz herrührt, sich in dem Maße, da es keine Ä­quivalenz gibt, das Verhältnis strukturiert. (111)

Il y a donc à la fois rapport sexuel et pas rapport. (65)

Es gibt also zugleich sexuelles Verhältnis und kein Verhältnis. (111)

À ceci près que là où il y a rapport, c’est dans la mesure où il y a sinthome, c’est-à-dire où – comme je l’ai dit – c’est du sinthome qu’est supporté l’autre sexe. (65)

Abgese­hen davon, dass da, wo es Verhältnis gibt, es in dem Maße so ist, in dem es Sinthom gibt, das heißt, in dem, wie ich gesagt habe, das andere Geschlecht durch das Sinthom getragen wird. (111)

Je me suis permis de dire que le sinthome, c’est très précisément le sexe auquel je n’appartiens pas, c’est-à-dire une femme. (65)

Ich habe mir erlaubt zu sagen, dass das Sinthom ganz präzise das Geschlecht ist, dem ich nicht angehöre, das heißt eine Frau. (111)

Si une femme est un sinthome pour tout homme, il est tout à fait clair qu’il y a besoin de trouver un autre nom pour ce qu’il en est de l’homme pour une femme, puisque justement le sinthome se caractérise de la non-équivalence. (65)

Wenn für jeden Mann eine Frau ein Sinthom ist, dann ist es völlig klar, dass es nötig ist, einen anderen Namen für das zu finden, was es für eine Frau mit dem Mann auf sich hat, da das Sinthom ja eben durch die Nichtäquivalenz gekenn­zeichnet ist. (111)

On peut dire que l’homme est pour une femme tout ce qui vous plaira, à savoir une affliction pire qu’un sinthome, vous pouvez bien l’articuler comme il vous convient, un ravage même. (65)

Man kann sagen, dass der Mann für eine Frau alles ist, was Sie wollen, nämlich ein Kummer, ärger als ein Sinthom; Sie können es gerne so artikulieren, wie es Ihnen recht ist, eine Verheerung gar. (111)

Mais s’il n’y a pas d’équivalence, vous êtes forcés de spécifier ce qu’il en est du sinthome. (65)

Wenn es aber keine Äquiva­lenz gibt, sind Sie gezwungen zu spezifi­zieren, was es mit dem Sinthom auf sich hat. (111)

Il n’y a pas d’équivalence, c’est la seule chose, c’est le seul réduit où se supporte ce qu’on appelle chez le parlêtre, chez l’être humain, le rapport sexuel. (65)

Es gibt keine Äquivalenz, das ist die einzige Sache, das einzige Reduit18, auf das sich das stützt, was man beim Sprechwesen, beim Men­schenwesen, das sexuelle Verhält­nis nennt. (111 f.)

Est-ce que ce n’est pas ce que nous démontre ce qu’on appelle – c’est un autre usage du terme – la clinique – c’est le cas de le dire – le lit ? (65)

Kline - Relief (Lacan, Sinthom Seminar Joyce)

Kline

Wird uns das nicht durch das ge­zeigt, was man – in einem ande­ren Wortgebrauch – die Klinik nennt, im Sinne des Wortes: das Bett?19 (112)

Quand nous voyons les êtres au lit, c’est quand même là – pas seulement dans les lits d’hôpital – c’est tout de même là que nous pouvons nous faire une idée de ce qu’il en est de ce fameux rapport. (65)

Wenn wir die Wesen im Bett (lit) se­hen, dann können wir uns da durchaus, nicht nur in den Krankenhausbetten, dann könnten wir uns da immerhin eine Vorstellung von dem machen, was es mit diesem famosen Verhältnis auf sich hat. (112)

Ce rapport se lie – c’est le cas de le dire : l,i,e, cette fois-ci – ce rapport se lie à quelque chose dont je ne saurais avancer… et c’est bien ce qui résulte – mon Dieu – de tout ce que j’entends sur un autre lit, sur le fameux divan où on m’en raconte à la longue …c’est que le lien, le lien étroit du sinthome, c’est ce quelque chose dont il s’agit de situer ce qu’il a à faire avec le Réel, avec le Réel de l’Inconscient, si tant est que l’Inconscient soit réel. (65)

Dieses Verhältnis knüpft sich – jetzt lie, l, i, e – an etwas, von dem ich nur zu behaupten wüsste – und gerade das ist es, was sich, mein Gott, aus allem ergibt, was ich auf einem anderen Bett vernehme, auf der berühmten Couch, wo mir lang und breit davon erzählt wird –, dass die Verbindung, die enge Verbindung des Sinthoms jenes Etwas ist, bei dem es darum geht, das zu verorten, was es mit dem Realen zu tun hat, mit dem Realen des Unbewussten, wenn denn das Unbe­wusste real ist. (112)

Comment savoir si | [102] l’inconscient est réel ou imaginaire ? (65)

Wie kann man wissen, ob das Unbewusste real ist oder imaginär? (112)

C’est bien là la question. (65)

Eben das ist die Frage. (112)

Il participe d’une équivoque entre les deux, mais de quelque chose dans quoi, grâce à Freud, nous sommes dès lors engagés, et engagés à titre de sinthome. (65)

Es hat teil an ei­ner Äquivokation zwischen den beiden, je­doch an etwas, dem wir dank Freud seit­her verpflichtet sind, verpflichtet sind als Sinthom. (112)

Je veux dire que désormais, c’est au sinthome que nous avons affaire dans le rapport lui-même – tenu par Freud pour naturel, ce qui ne veut rien dire – le rapport sexuel. (65)

Ich will sagen, dass wir es seither mit dem Sinthom zu tun haben, wenn es um das Verhältnis geht, das als solches von Freud für natür­lich gehalten wurde – was nichts besagen will –, das sexuelle Verhältnis. (112)

C’est là-dessus que je vous laisserai aujourd’hui, puisqu’aussi bien il faut que je marque d’une façon quelconque ma déception de ne pas vous avoir ici rencontrés plus rares. (65)

Darüber verlasse ich sie heute, weil ich ja doch irgendwie meiner Enttäuschung darüber Ausdruck geben muss, Sie hier nicht we­niger zahlreich angetroffen zu haben. (112)

KLEINES LACAN-LEXIKON

Das Le­xi­kon ist nicht al­pha­be­tisch ge­ord­net, son­dern nach der Rei­hen­folge des Auf­tre­tens der Be­griffe und The­sen in La­cans Vortrag.

Die Zah­len in Klam­mern nach den Über­schrif­ten und nach den Lacan-Zitaten zu Be­ginn der Ein­träge be­zie­hen sich auf die Sei­ten von Max Klei­ners Über­set­zung von Se­mi­nar 23; oben in der Über­set­zung sind sie im deut­schen Text nach je­dem Satz angegeben.

Eine Frau ist ein Symptom des Mannes (111)

Zu: „Ich habe mir erlaubt zu sagen, dass das Sinthom ganz präzise das Geschlecht ist, dem ich nicht angehöre, das heißt eine Frau.“ (111)

Für den Mann ist eine Frau insofern ein Symptom, als er an sie glaubt; vgl. den Blogartikel „Eine Frau ist ein Symptom des Mannes“.

PARAPHRASE MIT ERGÄNZUNGEN

Die Zah­len in ecki­gen Klam­mern in grauer Schrift ver­wei­sen auf die ent­spre­chen­den Sei­ten der von Jacques-Alain Mil­ler her­aus­ge­ge­be­nen of­fi­zi­el­len Aus­gabe von Se­mi­nar 23 (Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 1975-1976. Édi­ti­ons du Seuil, Pa­ris 2005). „[28]“ meint: „hier etwa be­ginnt in Mil­lers Ver­sion von 2005 die Seite 28“.

Passagen in schwarzer Schrift sind Zusammenfassungen, Passagen in eckigen Klammern in grüner Schrift sind meine Ergänzungen, Passagen in eckigen Klammern, die mit zwei Fragezeichen beginnen und hellgrün unterlegt sind, enthalten meine Fragen zum Textverständnis.

[91] Lacan beginnt damit, dass er beklagt, dass zu viele Zuhörer da sind; er möchte auf eine Weise sprechen, die intimer ist. [Er kämpft noch immer mit den Folgen seiner Entlassung als Lehrender aus dem Sainte-Anne-Krankenhaus im Jahr 1964, die dazu führte, dass er viele Hörer bekam.]Er bezeichnet sein Vorgehen im Seminar als recherche, als Suche, Forschung. Wörtlich heißt rechercher „wieder suchen“, es gibt Wiederholungen, er dreht sich im Kreis. Anders als früher hat er Mühe, sich einen Weg zu bahnen.

Zusammenfassung der vorangegangenen Sitzung

Reparatur eines falschen Knotens durch ein Sinthom

Lacan fasst zunächst zusammen, was er das letzte Mal vorgetragen hat.Ausgangspunkt ist ein bestimmter Knoten, der sogenannte | [92] Kleeblattknoten (auch „Dreierknoten“ genannt) [der einfachste Knoten mit einer Selbstverschlingung, die sich ohne Zerschneiden des Knotens nicht auflösen lässt].

Kleeblattknoten gelb

Kleeblattknoten

Der Kleeblattknoten kann aus einer borromäischen Verschlingung [von drei Ringen] abgeleitet werden [durch ein Verfahren, das in den Zeichnungen unten angedeutet wird].

Borromäischer Knoten mit eingetragenem Kleeblattknoten

Borromäische Verschlingung aus drei Ringen mit eingetragenem Kleeblattknoten

Umwandlung von Borromäischen Ringen in einen Kleeblattknoten

Umwandlung einer borromäischen Verschlingung in einen Kleeblattknoten

Lacan weist darauf hin, dass das Gebilde, das er meist als „borromäischer Knoten“ bezeichnet hatte, in der Topologie nicht „Knoten“ genannt wird, sondern chaîne, „Verschlingung“, „Verkettung“, „Link“. [Der sogenannte „borromäische Knoten“ ist, in der Terminologie der Topologen, eine Verschlingung von drei trivialen Knoten (drei Ringen ohne Selbstverschlingung), wobei diese Verschlingung die Brunnsche Eigenschaft hat – alle Knoten fallen auseinander, wenn ein beliebiger aufgetrennt wird].In der Zeichnung der borromäischen Verschlingung aus drei Ringen mit Zuordnung des Realen (R), des Symbolischen (S) und des Imaginären (I) kann der Sinn an einer bestimmten Stelle verortet werden. [Der Sinn hat hier seinen Platz im Überschneidungsbereich des Symbolischen und des Imaginären, abzüglich des Realen.]Borro mit Sinn 2Der Sinn kann von der Beziehung auf das Imaginäre nicht abgelöst werden, da wir in allem, was wir denken, darauf verwiesen sind, es zu imaginieren. [Auch vom Symbolischen kann der Sinn nicht getrennt werden:] Im Gegensatz zur Auffassung der Würzburger Schule denken wir nicht ohne Worte. [Mit der Lehre vom „Denken ohne Bilder“ löst diese Strömung der Psychologie das Denken nicht nur von den Bildern ab, sondern zugleich von der Sprache, und das auf besonders radikale Weise, wie Wygotski argumentiert hatte.]Kleeblattknoten sind [nicht-triviale] Knoten [sie enthalten, im Unterschied zu einem trivialen Knoten, eine Selbstverschlingung, die sich durch Fadenziehen nicht auflösen lässt]. Das heißt, dass sie sich nicht damit begnügen, eine bestimmte Anzahl von eingekeilten Feldern zu isolieren, von Orten, wo man sich den Finger einklemmen kann. [Gemeint sind die Felder, die durch Selbstüberkreuzung des Fadens entstehen. Wenn man beispielsweise einen Ring (einen trivialen Knoten) in die Form einer Acht bringt, entstehen zwei Felder, durch die man die Finger stecken kann.] Auch in [nicht-trivialen] Knoten gibt es Felder, in denen man einen Finger einklemmen kann, aber dies sind Knoten von anderer Natur [insofern sie unauflösbare Selbstverschlingungen enthalten].Bei einem Kleeblattknoten kann es an bestimmten Stellen einen Irrtum geben, eine falsche Fadenführung.

2 Kleeblattknoten davon 1 falsch

Richtiger (links) und falscher Kleeblattknoten

An einer der drei Kreuzungsstellen [an einem der der „Doppelpunkte“, wie die Topologen sagen] läuft ein Faden nicht oben sondern unten (oder umgekehrt) und dies führt dazu, dass es keine Selbstverschlingung gibt und der Knoten ein einfacher Ring ist, ein trivialer Knoten [der einem Kleeblattknoten ähnelt, da er drei Überkreuzungen hat, der aber keiner ist, da es keine irreduzible Selbstverschlingung gibt].

3 falsche Kleeblatt

Entfaltung eines falschen Kleeblattknotens

Es genügt ein solcher Fehler, | [93] denn für einen Knoten mit Selbstverschlingung ist es nicht möglich, dass er nur zwei irreduzible Überkreuzungen hat, das weiß jeder.Die Möglichkeit der falschen Fadenführung gibt es nicht nur beim Kleeblattknoten, sondern auch, beispielsweise, bei einem Knoten, der dadurch gekennzeichnet ist, dass er fünf irreduzible Überkreuzungen hat; Lacan bezeichnet dieses Gebilde als „Lacan-Knoten“, weil er ihn, wie er sagt, für den angemessensten hält; er verspricht, die Begründung für diese Behauptung ein andermal nachzuliefern. [Lacan ist also nicht nur auf der Suche nach einer für die Psychoanalyse geeigneten Verschlingung, sondern auch auf der Suche nach einen geeigneten Knoten.]Listing LacanBei dieser Namensgebung orientiert er sich am sogenannten Listing-Knoten, einem Knoten mit vier irreduziblen Überkreuzungen.Am Rande weist Lacan darauf hin, dass er sich beim Zeichnen eines Knotens immer wieder verzeichnet, was [seine Sekretärin] Gloria [González] dazu genötigt hatte, eine seiner Zeichnungen durch Einsetzen eines Stücks [Papier] auszubessern.Bei einem Knoten mit mindestens fünf Überschneidungen – also beim „Lacan-Knoten“ – gibt es zwei Überkreuzungsstellen, bei denen der Austausch von Unterführung und Überführung zur Folge hat, dass die Selbstverschlingung sich auflöst und der Knoten sich in einen Ring [ohne Selbstverschlingung] verwandelt [also in einen trivialen Knoten].

Lacan-Knoten mit Irrtumspunkten

Lacan-Knoten

Verändert man Über- und Unterführungen an den anderen drei Kreuzungspunkten, verwandelt sich der Knoten mit fünf irreduziblen Überkreuzungen in einen Knoten mit drei irreduziblen Überkreuzungen, d.h. in einen Kleeblattknoten. Also gilt: Wenn man in einem Knoten mit Selbstverschlingung an einer Überkreuzungsstelle die Überführung und die Überführung gegeneinander austauscht, führt dies nicht immer dazu, dass dieser Knoten sich in einen einfachen Ring verwandelt, in einen trivialen Knoten.Lacan wechselt nun zur borromäischen Verschlingung aus drei Ringen. Auch hier ist es möglich, dass an einer Überkreuzungsstelle ein Faden falsch liegt, oben statt unten oder umgekehrt, mit der Folge, dass die Ringe auseinanderfallen und das Symbolische freigesetzt wird. [Auch die anderen Ringe werden freigesetzt, aber Lacan betont die Freisetzung des Symbolischen.]Borro richtig und falsch mit KorrekturDieser Fehler kann jedoch repariert werden, und zwar dadurch, dass ein vierter Ring hinzugefügt wird, wobei dieser Ring so eingefädelt wird [in einen bestimmten Wechsel von Unterführung und Überführung], dass die vier Ringe auf borromäische Weise miteinander verschlungen sind. | [94] Der vierte Ring, d.h. der Reparaturring, sorgt dafür, dass das Symbolische, das Imaginäre und das Reale zusammenhalten. [Diese zusammenhaltende Funktion hat jeder der vier Ringe, Lacan betrachtet die Verschlingung jedoch zeitlich – es gibt zunächst drei getrennte Ringe, dann kommt ein vierter hinzu, der sie miteinander verschlingung – und dadurch bekommt der vierte Ring eine Sonderstellung.] Borro 4 RingeLacan nennt diesen vierten, reparierenden Ring das Symptom, und er erinnert daran, dass er in der ersten Sitzung dieses Seminars das Symptom als „Sinthom“ bezeichnet hatte. [In der Zeichnung ist das Symptom bzw. das Sinthom der mit Sigma, Σ, bezeichnete triviale Knoten.]Das Entsprechende gilt für einen falschen Kleeblattknoten. Auch hier ist eine Reparatur durch Hinzufügung eines Ringes möglich – wenn eine der Überkreuzungen falsch verläuft, kann ein zweiter Ring so hinzugefügt werden, dass die Überkreuzung stabil ist, dass sie nicht durch Ziehen zum Verschwinden gebracht werden kann. Auch in diesem Falle bezeichnet Lacan den Reparaturring als „Sinthom“.

Joyce: Reparatur durch den Eigennamen

Lacan fährt mit der Zusammenfassung der letzten Sitzung fort und ruft in Erinnerung, dass er gesagt hatte, ein solcher Reparaturvorgang sei der Schlüssel für das, was mit Joyce geschehen sei.Ausgangspunkt ist, dass der Vater von Joyce unzulänglich war, Joyce spricht nur davon. [Das Ausfallen des Vaters ist also gewissermaßen der Fehler im Knoten.]Joyce wollte das Ausfallen des Vaters kompensieren, und zwar dadurch, dass er sich einen Namen machte. Auf diese Weise kommt der Eigenname ins Spiel. [Also hat der Eigenname die Funktion eines Reparaturrings, eines Sinthoms, er ist ein Ersatz für den nicht richtig installierten Namen-des-Vaters.]Joyces Kunst ist etwas so Besonderes, dass der Ausdruck „Sinthom“ für sie tatsächlich angemessen ist. [?? Was ist damit gemeint?]

Das Sinthom der aufgezwungenen Worte

[95] Lacan ergänzt nun die das letzte Mal vorgetragenen Überlegungen zu Joyce, indem er einen Vergleichsfall heranzieht. Dabei geht es um einen Patienten, den er in der vorangegangenen Woche bei einer seiner Falldarstellungen im Sainte-Anne-Krankenhaus vorgestellt hatte.Es handelt sich um einen Fall von Wahnsinn, spezieller ging es um das Sinthom der „aufgezwungenen Worte“ (paroles imposées), wie das vom Patienten selbst genannt wurde; Lacan merkt dazu an, dass er diese Formulierung für äußerst vernünftig hält, unter lacanianischem Aspekt (wie Lacan selbst es nennt). [Auch bezogen auf diesen Patienten spricht Lacan also vom „Sinthom“.]  Man müsse sich fragen, warum wir nicht alle spüren, dass die Worte, von denen wir abhängen, uns in gewissem Sinne aufgezwungen sind, dass sie ein Parsit sind, ein Furnier [also etwas von außen Aufgezwungenes und keine Tiefe]. Ein sogenannter Kranker sieht manchmal mehr als ein sogenannter Normaler – warum gibt es einige, die das Aufgezwungensein der Worte spüren?Bei diesem Patienten hatte das Befinden sich verschlechtert, er hatte nicht mehr nur das Gefühl, dass ihm Worte aufgezwungen wurden, sondern den Eindruck, dass er von etwas betroffen war, was er, der Patient, selbst Telepathie nannte, allerdings nicht im üblichen Sinne des Wortes. Er bezeichnete sich als „Sender-Telepath“, d.h. er war davon überzeugt, dass die anderen Kenntnis von seinen Überlegungen hätten. Dabei bezog er sich vor allem auf die Reflexionen, die er als Antwort auf die aufgezwungenen Worte formulierte. Aufgezwungene Worte waren beispielsweise sale assassinat politique („dreckiger politischer Mord“), was für ihn äquivalent war mit sale assistanat politique („dreckiges politisches (Hochschul-)Assistentenamt“) – der Signifikant reduzierte sich für ihn auf das, was er tatsächlich ist: auf eine Äquivokation, also auf Laute mit mehreren Bedeutungen, sowie auf eine Lautähnlichkeit. Als Reaktion auf diese mehrdeutigen aufgezwungenen Worte sagte er sich | [96] etwas als Antwort, wobei diese Antwort mit „aber“ begann und seine Überlegung zu diesem Thema darstellte. Was ihn nun irre machte, war die Vorstellung, dass alle anderen von diesen Überlegungen Kenntnis hatten. Er hatte keine Geheimnisse mehr, nichts Privates. Deshalb hatte er versucht, sich umzubringen, deshalb war er in der Klinik, deshalb kam es dazu, dass Lacan ihn bei einer seiner Krankenpräsentationen vorstellte. [Die Klage des Patienten, dass er keine Geheimnisse mehr hat, erinnert an die Eingangsbemerkungen von Lacan, dass der Saal zu voll ist.]Von hier aus lässt sich, Lacan zufolge, eine Verbindung zu Joyce herstellen. Joyce hatte eine Tochter, Lucia, die von den Ärzten als schizophren diagnostiziert wurde (Lucia Joyce, 1907-1982). Zum Zeitpunkt von Lacans Seminar, 1976, lebte sie noch, und zwar in einer psychiatrischen Einrichtung in England. Joyce hatte sie gegen den Zugriff der Ärzte wild verteidigt. Dabei war sein Hauptargument, sie sei eine Telepathin. In den Briefen, die er in ihrer Angelegenheit schrieb, heißt es, sie sei intelligenter als andere, was man daran sehe, dass andere Leute für sie kein Geheimnis hätten – Lucia informiere ihn darüber, was mit diesen Leuten geschehe. Es ist natürlich klar, sagt Lacan, dass sie keine Telepathin war, dass sie nicht mehr über andere wusste als üblich. Das Interessante ist, dass Joyce seiner Tochter diese Fähigkeit zuschreibt, um sie gegen die Ärzte zu verteidigen. Lacans These lautet: Die Zuschreibung von telepathischen Fähigkeiten an Lucia ist eine Verlängerung des eigenen Symptoms von James Joyce.[Worin besteht Joyces eigenes Symptom?] Auch Joyce wurde etwas aufgezwungen, bezogen auf Worte. Wenn man die Folge seiner Werke betrachtet, von den frühen Essays bis zu Finnegans Wake, gibt es hier einen kontinuierlichen Fortschritt. Das Wort, genauer: das geschriebene Wort, wird von ihm zerbrochen, und das Zerschlagen der Worte nimmt beständig zu. Dieses Verhältnis zum Wort wurde Joyce mehr und mehr aufgezwungen. Bis zu dem Punkt, dass er die Sprache schließlich auflöste, wie Philippe Solers [in einem Aufsatz] richtig bemerkt hat; Joyce zwingt der Sprache eine Zersetzung auf, mit der Folge, dass es keine „phonatorische Identität“ mehr gibt [womit wohl gemeint ist: keine auf den Laut gestützte Stabilität der Bedeutung]. | [97] Die Zersetzung des Wortes erfolgt durch Vermittlung der Schrift. Bei dieser Deformation bleibt unklar, ob es darum geht, sich vom Wortparasiten zu befreien, oder darum, sich von der wesentlichen phonemischen Eigenschaft des Wortes überfluten zu lassen, von der Polyphonie.Dass Joyce seine Tochter Lucia als Telepathin verteidigt, ist auf das Ausfallen des Vaters zu beziehen.

Der Lapsus, in jedem Sinne

[Das Ausfallen des Vaters wird in der borromäischen Verschlingung durch eine falsche Fadenführung dargestellt. Deshalb kommt Lacan auf den „falschen Kleeblattknoten“ zurück.] Dieser Knoten ist so angeordnet, dass er drei Überkreuzungen hat und damit einem Kleeblattknoten ähnelt. Die Schein der Selbstverschlingung kann jedoch durch einfaches Umklappen aufgedeckt werden, die „Doppelpunkte“ verschwinden und man sieht, dass der Kleeblattknoten in Wirklichkeit ein gewöhnlicher Schnurring ist. Der falsche Kleeblattknoten lässt sich jedoch reparieren, und zwar dadurch, dass man an der Überkreuzungsstelle, an der der Faden falsch verläuft, einen zweiten Ring hinzufügt, den man so führt, dass die Überkreuzung des ersten Rings durch Fadenziehen nicht beseitigt werden kann. Dieser zweite Ring hat die Funktion eines Sinthoms. [„Sinthom“ meint hier also: „Ring mit Reparaturfunktion.]

Kleeblatt mit Ring oben rechts

Falscher Kleeblattknoten mit Reparaturring

[Es ist möglich, dass der Fehler im Kleeblattknoten – die falsche Fadenführung an einer Überkreuzungsstelle – durch einen Lapsus zustande kommt, durch eine Fehlhandlung. Deshalb schließt Lacan an dieser Stelle Überlegungen zum Lapsus an.]Der Begriff des Unbewussten beruht teilweise auf dem Lapsus (lateinisch für „Fall“), d.h. auf dem Versprecher (lapsus linguae) [den Freud in Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1904) behandelt hat] sowie auf dem Witz [den Freud in Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) untersucht hat]. Zwischen Versprecher und Witz gibt es einen Zusammenhang: der Witz kann aus einem Versprecher entstehen. Freud zufolge beruht der Witz auf einem Kurzschluss, dieser führt dazu, dass Energie gespart wird – diejenige, die für die Verdrängung notwendig ist –, und das Ersparen von Hemmungsaufwand ruft Lust hervor.Vom Versprecher, dem Lapsus linguae, wechselt Lacan zum Lapsus eines Knotens, also zum falsch gebildeten Knoten. Darunter versteht er nicht nur den Knoten mit falscher Überkreuzung, sondern auch den Vorgang, dass es einem misslingt, | [98] Knoten richtig zu zeichnen [der „falsche“ Knoten beruht dann auf einer Fehlhandlung]. [Man kann den Fehler beim Zeichnen eines Knotens also den von Freud in der Psychopathologie des Alltagslebens untersuchten Fehlhandlungen hinzufügen: Vergessen, Versprechen, Verlesen, Verschreiben, Vergreifen – diese Liste wäre durch „Verzeichnen“ zu ergänzen.] Diese Irrläufer [diese Fehlhandlungen] entstehen durch die Konsistenz des Unbewussten. [Lacan bezieht sich hier auf die in Seminar 22 entwickelte Trias zur Beschreibung von Verschlingungen: Konsistenz, Ex-sistenz und Loch der Knoten.] [?? Worin besteht die Konsistenz des Unbewussten? Inwiefern ist es die Konsistenz des Unbewussten, die die Fehlhandlungen erzeugt?][Der Sündenfall heißt auf lateinisch lapsus, „Fall“.] Vom Lapsus im Sinne einer Fehlhandlung wechselt Lacan zum Lapsus im Sinne einer Sünde. Über den Sündenfall spricht Joyce [in Finngans Wake] beständig. Die Mehrdeutigkeit des Wortes [nämlich des Wortes „Lapsus“] ermöglicht es, von einem Sinn zum anderen überzugehen [von der Fehlhandlung zur Sünde] und auf diese Weise über die Beziehung nachzudenken. Durch Freuds Theorie des Lapsus, der Fehlhandlung, erneuert sich der Begriff des Lapsus, des Sündenfalls und der Sünde. Ist das, was vom Bewusstsein bzw. vom Gewissen zur Sünde und zum Sündenfall gemacht wird, eine Art Fehlhandlung? Mit dieser Frage sind wir bei einem Imbroglio [wie es in der Musik heißt], bei einer Verwirrung, und damit wieder beim Knoten [vielleicht im Sinne von: bei der Verwirrung eines Knotens, beim „falschen Knoten“].

Äquivalenz zweier Ringe in einer Verschlingung

Wenn man bei einem falschen Kleeblattknoten erreichen will, das die Überkreuzung stabil bleibt, muss man einen zweiten Ring um eine Überkreuzungsstelle herum fädeln. Dabei gilt, dass die Reparatur nicht an allen drei Überkreuzungen funktioniert, nur an einer der drei Stellen führt sie zum Erfolg.Falscher Kleeblattknoten mit ZahlenBringt man den Reparaturring – das Sinthom – an einer der anderen beiden Überkreuzungsstellen an (an den Positionen 2 und 3), ist es trotz des Zusatzrings weiterhin möglich, die Überkreuzungen durch Fadenziehen zu beseitigen. [Lacan verwendet den Begriff des Sinthoms also nicht nur für diejenigen Reparaturen, die zum Erfolg führen, sondern auch für die misslingenden Reparaturen. „Sinthom“ ist kein Resultat- und Erfolgsbegriff, sondern ein Funktionsbegriff, wobei die Funktion auch dann in Kraft ist, wenn ihre Realisierung misslingt.]3 Kleeblattknoten mit 3 verschiedenen RepraturringenDiesen Unterschied gibt es, obwohl der Reparaturring in allen drei Fällen dieselbe | [99] Orientierung hat; man könnte sie als Rechtsdrehung bezeichnen. [?? Was versteht Lacan unter der Orientierung des Reparaturrings?][Die Kreuzungspunkte oder Doppelpunkte eines falschen Knotens sind also unterschiedlich strukturiert. Das Anbringen eines Reparaturrings, eines Sinthoms, hat deshalb ganz unterschiedliche Effekte.][Lacan erläutert das an einer weiteren Verschlingung.] Wie beim Kleeblattknoten mit Reparaturring geht es auch hier um die Verschlingung von zwei Fadenringen ohne Selbstverschlingung, also um die Verschlingung von zwei trivialen Knoten; der eine ist rot gefärbt, der andere grün. Der rote Ring wird in Gestalt einer Acht angeordnet – eine Form, die sich quasi spontan ergibt –, wodurch ein Überkreuzungspunkt entsteht. Der grüne Ring wird kreisförmig um die Überkreuzung herumgeführt, im Wechsel von Überführung und Unterführung. Der kreisförmige grüne Ring, das Sinthom, sorgt dafür, dass die Selbstüberkreuzung des roten Rings beim Ziehen an den Ringen erhalten bleibt.AchterknotenDie beiden Fadenringe sind in diesem Falle äquivalent. Mit Äquivalenz ist Folgendes gemeint. Durch Ziehen – also ohne Zerschneiden und Verspleißen – kann der rote Achterring so umgeformt werden, dass er die Form eines kreisförmigen Rings annimmt, und der grüne kreisförmige Ring kann so arrangiert werden, dass er zu einem Achterring wird. [Man muss sich daran erinnern, dass in der Topologie die Ringe als beliebig dehnbar und schrumpfbar gelten, ein großer Ring kann also ohne weiteres zu einem kleinen werden und umgekehrt.] Im Ergebnis dieser Zupf-Operation verhalten sich die beiden Ringe so zueinander, dass der jetzt kreisförmige rote Ring als Sinthom fungiert, d.h. als ein Ring, der den falschen grünen Achterring insofern repariert, als er verhindert, dass dessen Überkreuzungsstelle durch Ziehen an den Ringen zum Verschwinden gebracht werden kann. Dabei hat der grüne Achterring dieselbe Fadenführung wie zuvor der rote: an der Überkreuzungsstelle verläuft in beiden Konfigurationen in der Zeichnung der überführende Ring von rechts oben nach links unten, was man als „Rechtsdrehung“ bezeichnen kann. [Die Äquivalenz der Fadenringe besteht also darin, dass die Ringe durch Ziehen dazu gebracht werden können, die Plätze zu wechseln.] Diese Transformation ist so einfach, dass man sie, ohne die Manipulation praktisch durchzuführen, im Kopf durchspielen kann.

Sexuelles (Nicht-)Verhältnis und sexuelle (Nicht-)Äquivalenz

[100] Lacan bezieht den so gewonnenen Begriff der Äquivalenz nun auf das sexuelle Verhältnis. Seine These lautet: Wenn es Äquivalenz gibt, gibt es eben deshalb kein Verhältnis.[Die These ist irritierend formuliert, da ja auch eine Äquivalenz ein Verhältnis ist, ein Verhältnis der Gleichwertigkeit. Unter „Verhältnis“ wird hier eine spezielle Art von Verhältnis verstanden, das „sexuelle Verhältnis“. Seit 1969 hatte Lacan immer wieder die These vorgebracht, „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ bzw. „Es gibt kein Geschlechtsverhältnis“ (vgl. diesen Blogartikel). Gemeint ist also: Wenn es Äquivalenz gibt, gibt es kein sexuelles Verhältnis.]Lacan erläutert seine These zunächst anhand des missglückten Kleeblattknotens, also eines Knotens mit drei Überschneidungen, die durch Ziehen zum Verschwinden gebracht werden können. Dieses Misslingen ist bei beiden Geschlechtern äquivalent.  [„Äquivalenz“ meint hier also nicht: „zwei Ringe können ihre Plätze vertauschen“, sondern: „ein Ring hat in zwei Vorkommnissen dieselbe Struktur, nämlich denselben Fehler“.][Die psychoanalytische Entsprechung zur Äquivalenz der Geschlechter ist vermutlich die Kastration: beide Geschlechter, so hatte Lacan ein Jahr zuvor im Seminar gesagt, unterliegen der Kastration, darin gibt es keinen Unterschied.20]Lacan wechselt nun von zwei unverbundenen falschen Kleeblattknoten, die für die beiden Geschlechter stehen, zu zwei miteinander verschlungenen Knoten, in der speziellen Anordnung eines falschen Kleeblattknotens mit einem Reparaturring [damit ist er bei der Konstellation, auf die er den Äquivalenzbegriff zuvor bezogen hatte].Falscher Kleeblattknoten mit ZahlenDie beiden Ringe sind unterschiedlich gefärbt, die Differenz der Farben steht für die die Differenz der Geschlechter. Der falsche Kleeblattknoten repräsentiert das eine Geschlecht, der Reparaturring das andere Geschlecht in seiner Funktion für das erste Geschlecht. [Wenn das weibliche Geschlecht dem falschen Kleeblattknoten entspricht, entspricht das männliche Geschlecht dem Reparaturring; ordnet man das weibliche Geschlecht dem Reparaturring zu, entspricht das männliche Geschlecht dem falschen Kleeblattknoten.] Wenn man die Reparaturfunktion [genauer] betrachtet, welche die beide Geschlechter füreinander realisieren, sind sie nicht mehr äquivalent. Lacan erläutert die Nicht-Äquivalenz der Geschlechter, indem er zu einer anderen Konfiguration der Verschlingung von zwei trivialen Knoten übergeht, zu einer Verschlingung, die er in dieser Sitzung bereits vorgestellt hatte. Der eine Knoten hat hierbei die Gestalt eines Kreises mit einer inneren Acht, der andere die eines einfachen Kreises; der einfache Kreis übernimmt für den Kreis mit Innenacht die Reparaturfunktion. [?? Lässt sich die Verschlingung aus achtförmigem Ring und Reparaturring in eine Verschlingung des Rings mit Innenacht und Reparaturring überführen?]Zwei Konfigurationen des AchterknotensWie bereits gezeigt, sind diese beiden Ringe nicht äquivalent, sie können nicht die Plätze wechseln. Der Reparaturring kann zwar durch Ziehen in einen Achterknoten verwandelt werden und der Achterknoten in einen Reparaturring. Vor und nach der Umformung haben die Reparaturringe jedoch unterschiedliche Verläufe, sie unterscheiden sich in der Art, wie sie die Reparatur herstellen: einmal verläuft der Reparaturring gewissermaßen innerhalb des Achterknotens, das andere Mal außen. [Anders gesagt: die beiden Geschlechter haben zwar füreinander dieselbe Funktion, eine Reparaturfunktion, aber diese Funktion wird durch unterschiedliche Strukturen realisiert. Systemtheoretiker würden sagen: die unterschiedlichen Strukturen der Reparaturringe sind funktional äquivalent.][101] Lacan berichtet, dass er Jacques-Alain Miller hierzu eine Aufgabe gestellt hatte, er hatte ihm eine Verschlingung eines Kreises mit Innenacht und eines Reparaturrings vorgelegt und ihn aufgefordert, zu zeigen, dass die beiden Ringe äquivalent seien, obwohl sie es nicht sind. Er sagt, dass er dies zu Recht getan habe, im Gegensatz zu dem, was er Miller gegenüber behauptet hatte [der Sinn dieses Hinweises ist mir nicht klar].“In dem Maße, da es Sinthom gibt, gibt es keine sexuelle Äquivalenz, das heißt, es gibt Verhältnis.“ [Insofern die Geschlechter füreinander eine Sinthomfunktion haben, eine Reparaturfunktion, gibt es ein sexuelles Verhältnis. Die Reparaturfunktion wird jedoch durch unterschiedliche Strukturen realisiert, insofern gibt es keine sexuelle Äquivalenz.] [Den Reparaturring bezeichnet Lacan auch hier als „Sinthom“. Jedes Geschlecht ist also für das andere ein Sinthom, jedes hat für das andere eine Reparaturfunktion. Das ist jedoch nur eine erste problematische Annäherung, wenige Sätze später wird diese implizite These modifiziert.]„Denn es ist ganz si­cher, dass, wenn wir sagen, dass das Nichtverhältnis von der Äquivalenz herrührt, sich in dem Maße, da es keine Ä­quivalenz gibt, das Verhältnis strukturiert.“ [Dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, beruht darauf, dass die Geschlechter füreinander eine äquivalente Funktion erfüllen, nämlich die einer Reparatur, eines Sinthoms. Es gibt insofern keine Äquivalenz, als die Reparaturfunktion auf unterschiedliche Weise realisiert wird; hierdurch ist die Beziehung zwischen den Geschlechtern strukturiert.]Es gibt also zugleich ein sexuelles Verhältnis und kein sexuelles Verhältnis. Ein sexuelles Verhältnis gibt es insofern, als beide Geschlechter füreinander eine Sinthom-Funktion haben.[An der bisherigen Darstellung muss nun aber eine Korrektur angebracht werden.]Lacan hatte früher gesagt, für jeden Mann sei eine Frau ein Sinthom. [Vgl. Seminar 22, Sitzung vom 21. Januar 1975, und den Blogartikel Eine Frau ist ein Symptom des Mannes.] Wenn aber gilt, dass die Beziehung zwischen den Geschlechtern durch Nichtäquivalenz charakterisiert ist [also dadurch, dass die Reparaturfunktion durch unterschiedliche Strukturen realisiert wird], dann kann für eine Frau der Mann nicht ein Sinthom sein. Also muss man einen anderen Namen für die Reparaturfunktion finden, die für eine Frau durch den Mann erfüllt wird.[Man muss also das Sinthom als Funktion vom Sinthom als Struktur unterscheiden. Bezieht man sich auf die Reparaturfunktion, sind beide Geschlechter füreinander Sinthome. Bezieht man sich mit dem Terminus „Sinthom“ auf die Struktur, durch die diese Funktion verwirklicht wird, sollte man so nicht reden. Die Sinthomfunktionen sind ja nicht äquivalent, d.h. die Strukturen, durch die sie realisiert werden, unterscheiden sich. Auf dieser Ebene der Betrachtung muss man den Ausdruck „Sinthom“ dafür reservieren, wie für den Mann durch eine Frau die Reparaturfunktion umgesetzt wird.]Worin besteht umgekehrt die Funktion des Mannes für eine Frau? Das kann man nennen wie man will: er ist für sie ein Kummer, schlimmer als ein Sinthom, er ist für sie eine Verheerung.Wenn es also keine Äquivalenz gibt [wenn die Reparaturfunktion durch unterschiedliche Strukturen realisiert wird], dann heißt das, man muss spezifizieren, inwiefern die Reparaturfunktion, die eine Frau für den Mann hat – das Sinthom – sich von der Reparaturfunktion unterscheidet, die der Mann für eine Frau hat.Das sexuelle Verhältnis reduziert sich beim Sprechwesen – bei dem Lebewesen, dass sich dadurch auszeichnet, dass es spricht – darauf, dass es keine Äquivalenz gibt [dass die Reparaturfunktion durch unterschiedliche Strukturen bedient wird].

Das Sinthom zwischen Realem und Imaginärem

Was hat es mit dem berühmten sexuellen Verhältnis auf sich? Davon kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man die Menschenwesen im Bett sieht, nicht nur im Krankenhausbett. Man sieht dann die enge Verbindung des Sinthoms mit dem Realen, die zu verorten ist, des Sinthoms mit dem Realen des Unbewussten, insofern das Unbewusste real ist. Das ergibt sich aus dem, was er, Lacan, von einem anderen Bett her beständig vernimmt, von der berühmten Couch des Psychoanalytikers.[Das Reale des Unbewussten ist, so nehme ich an, der Phallus, Φ. Der Phallus ist, Lacan zufolge, das Urverdrängte21 Als Urverdrängtes gehört er zum Unbewussten. Insofern er nicht erinnert werden kann, gehört er zum Realen, da das Reale ja das ist, was sich der Symbolisierung und Imaginierung hartnäckig widersetzt (vgl. den Blogartikel Das Reale). Die Sinthomfunktion des anderen Geschlechts ist also eng mit dem Phallus verbunden, mit Φ. Auf genau diese Weise hatte Lacan in Seminar 22 die These erläutert, dass für den Mann eine Frau ein Symptom ist: ausgehend vom Bezug auf den Phallus, Φ, ist eine Frau für den Mann ein Symptom, d.h. etwas, woran er glaubt.]Wie kann man wissen, ob | [102] das Unbewusste real ist oder imaginär? Das ist die Frage. [Meist beschränkt Lacan den Begriff des Unbewussten auf das Symbolische; das Unbewusste ist ein Signifikantenapparat, gewissermaßen eine Unterabteilung des Symbolischen. Ich vermute, dass gemeint ist: Real wäre das Unbewusste dann, wenn es „ex-sistent“ wäre, von außen hinzugefügt; imaginär wäre es, wenn es konsistent wäre, wenn es Systemcharakter hätte.]Das Unbewusste hat Teil an einer Mehrdeutigkeit zwischen dem Realen und dem Imaginären. Diese Mehrdeutigkeit ist das Sinthom, das seit Freud unsere Aufgabe ist [die Aufgabe der Psychoanalytiker].[Die Mehrdeutigkeit des Unbewussten zwischen dem Realen und dem Imaginären ist also auf das Sinthom zu beziehen. Freud sagt: Das Symptom steht zugleich im Dienste des Es, des Ichs und des Über-Ichs, es ist eine „Garnison mit gemischter Besetzung“22] [Das Sinthom ist einerseits auf das Reale zu beziehen, auf das Loch im Realen, hervorgerufen durch das Symbolische, die Nicht-Existenz des sexuellen Verhältnisses, sowie auf den Phallus, Φ, und auf das Reale des Genießens, Freuds „Ersatzbefriedigung“ durch das Symptom23 als Kompensation für die Nicht-Existenz des sexuellen Verhältnisses. Das Sinthom ist andererseits auf das Imaginäre zu beziehen, nämlich auf den Sinn, insofern dieser durch die Überlagerung des Symbolischen mit dem Imaginären entsteht.]  [In der Sitzung vom 18. November 1975 hatte Lacan gesagt, die Mehrdeutigkeit sei die einzige Waffe gegen das Symptom.]Das Sinthom bezieht sich auf das sexuelle Verhältnis, das Freud [irrtümlich] für natürlich hält. [Das Sinthom ist eine Kompensation für die Inexistenz des sexuellen Verhältnisses.]

ZUSAMMENSTELLUNG ZU SYMPTOM/SINTHOM­

Im Folgenden werden alle Stellen aufgeführt, an denen Lacan die Ausdrücke „Symptom“ oder „Sinthom“ verwendet. Die Zahlen in runden Klammern sind Seitenzahlen, sie verweisen auf die Übersetzung von Max Kleiner.

Verwendung von „Symptom“ und „Sinthom“

Wie in der Sitzung vom 18. November 1975 verwendet Lacan auch in der Sitzung vom 17. Februar die Ausdrücke „Symptom“ und „Sinthom“ synonym.

(a) Er verweist ausdrücklich auf den synonymen Charakter der beiden Ausdrücke

„Gut, also was ich letztes Mal gesagt habe, ist Folgendes: als Anspielung darauf, dass das Symptom – was ich dieses Jahr das Sinthom genannt habe –, dass das Sinthom das ist (…).“ (102)

Lacan sagt über sich, dass er in diesem Jahr das Symptom Sinthom genannt hat.

(b) Er verwendet den Ausdruck „Sinthom“ für eine simple klinische Beschreibung, bei der man sonst „Symptom“ verwenden würde:

… „Es trifft sich, dass am Freitag bei meiner Vorstellung von etwas, das man im Allgemeinen als Fall betrachtet, als Fall von Wahnsinn sicherlich, als Fall von Wahnsinn, der mit dem Sinthom ‚aufgezwungene Worte‘ begonnen hat.“ (104)

Diese Art der Verwendung von „Sinthom“ gab es bereits in der Sitzung vom 18. November, wo Lacan die Manie als „Sinthom“ bezeichnete.

(c) Er spricht abwechselnd von Joyces „Symptom“ und von seinem „Sinthom“:

„Dass Joyce ein Symptom hat, das von Folgendem ausgeht: dass sein Vater unzulänglich war, radikal unzulänglich, er spricht nur davon. Ich habe die Sache um den Namen zentriert, um den Eigennamen, und ich habe gedacht – machen Sie damit, was Sie wollen, mit diesem Denken –, und ich habe gedacht, dass Joyce, indem er einen Namen für sich wollte, die Kompensation für das Ausfallen des Vaters gebildet hat. Das ist zumindest das, was ich gesagt habe, weil ich’s nicht besser sagen konnte. Ich werde versuchen, das auf präzisere Weise zu artikulieren, aber es ist klar, dass Joyces Kunst etwas so Besonderes ist, dass der Ausdruck Sinthom wirklich das ist, was ihr angemessen ist.“ (102 f.)

Danach ist wieder von Joyces „Symptom“ die Rede:

„Aber dass Joyce ihr diese Fähigkeit zuschreibt, auf eine Reihe von Zeichen hin, von Erklärungen, die er dann auf bestimmte Weise verstanden hat, eben das ist jenes Etwas, woran ich sehe, dass er, um, wenn man so sagen kann, seine Tochter zu ‚verteidigen‘, dass er ihr etwas zuschreibt, was in der Verlängerung dessen liegt, was ich für den Moment sein eige­nes Symptom nennen werde. Das heißt – in seinem Fall ist es schwierig, nicht meinen eigenen Patienten zu erwähnen, wie es bei ihm angefangen hatte –, das heißt, dass man nicht sagen kann, dass Joyce hinsichtlich des Wortes nicht etwas auf­gezwungen wurde.“ (106)

(d) Über die Funktion einer Frau für den Mann heißt es:

„Ich habe mir erlaubt zu sagen, dass das Sinthom ganz präzise das Geschlecht ist, dem ich nicht angehöre, das heißt eine Frau.“ (111)

Das bezieht sich auf Seminar 22, wo Lacan gesagt hatte, eine Frau sei ein „Symptom“ des Mannes. Demnach ist eine Frau ein Symptom oder auch ein Sinthom des Mannes.

Borromäische Verschlingung

„Gut, also was ich letztes Mal gesagt habe, ist Folgendes: als Anspielung darauf, dass das Symptom – was ich dieses Jahr das Sinthom genannt habe –, dass das Sinthom das ist, was im Borromäer, in der borromäischen Verschlingung das ist, was es in die­ser borromäischen Verschlingung ermöglicht, wenn wir keine Verschlingung mehr daraus machen, das heißt, wenn wir hier das machen, was ich einen Irrtum genannt habe, hier und auch hier, das heißt zugleich, wenn das Symbolische sich freisetzt, wie ich das letzte Mal ja angemerkt habe, dann haben wir ein Mittel, um das zu reparie­ren, nämlich das zu machen, was ich zum ersten Mal als das Sinthom definiert habe, nämlich dieses Etwas, was es dem Symbolischen, dem Imaginären und dem Realen ermöglicht, weiterhin zusammenzuhalten, obwohl da keiner mehr am anderen hängt, und zwar aufgrund von zwei Irrtümern. Ich habe mir gestattet, als Sinthom zu definieren, nicht was dem Dreierknoten erlaubt, noch einen Dreierknoten zu bilden, sondern was ihn in einer Position bewahrt, in der er so aussieht, als ob er einen Dreierknoten bilden würde. Das ist das, was ich letztes Mal ganz behutsam vorgebracht habe.“ (102)– prüfen

Das Symptom bzw. Sinthom ist der vierte Ring in einer borromäischen Verschlingung. Er repariert zwei Irrtümer in der Verschlingung von drei Ringen, d.h. er ermöglicht es dem Symbolischen, dem Imaginären und dem Realen, zusammenzuhalten, wodurch die Beziehung der drei Ringe so aussieht, als seien sie auf borromäische Weise miteinander verschlungen.

Reparatur eines falschen Knotens durch einen Sinthom-Ring

„Was ich anmerken möchte, ist, dass das, was ich mit Sinthom bezeichne, was ich so nenne, was ich so stütze, und was hier durch einen Ring markiert ist, einen Schnurring, das wird von mir so verstanden, dass es sich an eben der Stelle herstellt, an der, sagen wir, die Bahn des Knotens einen Fehler macht.“ (107)

In der Verschlingung von zwei trivialen Knoten kann einer der beiden Ringe ein Sinthom sein, nämlich dann, wenn er einen Fehler im anderen Ring repariert oder zu reparieren versucht. Der Fehler im anderen Ring besteht darin, dass es an einer Überkreuzungsstelle statt es einer Überführung eine Unterführung gibt (oder umgekehrt), mit der Folge, dass der Ring keine irreduzible Selbstverschlingung aufweist. Der Sinthomring verschlingt sich mit diesem Ring an der Stelle, wo es den Fehler gibt.

„Sie können, wenn Sie achtgeben, Sie können sehen, auf eine Weise, für die der Kno­ten verantwortlich ist, Sie können sehen, dass Sie, wenn Sie mit einem Sinthom an eben dem Punkt reparieren, an dem sich der Lapsus hergestellt hat [1], nicht denselben Knoten erhalten, wenn Sie das Sinthom an eben die Stelle setzen, an der sich der Fehler herge­stellt hat, oder wenn Sie, ebenfalls durch ein Sinthom, die Sache an den anderen beiden Punkten [2 und 3] korrigieren. Denn indem Sie die Sache, den Lapsus, an den beiden anderen Punkten korrigieren – was ebenfalls denkbar ist, da es darum geht, dass etwas von der ursprünglichen Struktur des Dreierknotens bestehen bleibt –, ist das Etwas, das aufgrund des Eingreifens des Sinthoms bestehen bleibt, anders, wenn das an eben dem Punkt des Lapsus hergestellt wird, ist anders als das, was sich hergestellt, wenn es auf die gleiche Weise, an den anderen beiden Punkten des Dreierknotens, durch ein Sinthom korrigiert ist. Das ist verblüffend, es gibt etwas Gemeinsames in der Art und Weise, wie sich die Dinge verknüpfen, es gibt etwas, das durch eine bestimmte Ausrichtung gekennzeich­net ist, eine bestimmte Orientierung, eine bestimmte, sagen wir, Rechtsdrehung der Kompensation.“ (108 f.)

In einem falschen Knoten, in diesem Fall in einem scheinbaren Kleeblattknoten, kann ein reparierender Ring, d.h. ein Sinthom, an den drei Überkreuzungsstellen angebracht werden. Aber nur an einer der Überkreuzungen führt das Sinthom zur Reparatur. Die Reparatur durch ein Sinthom kann also misslingen, das Sinthom muss nicht zum Erfolg führen.

… „Aber dabei bleibt nicht minder klar, dass hier das, was sich aus der geknoteten Kompensati­on ergibt, aus der Kompensation durch das Sinthom, sich von dem unterscheidet, was sich hier und dort ergibt. Dieser Unterschied ist folgendermaßen beschaffen: zwischen diesem und diesem, also dem Sinthom und der Schleife, die sich hier, wenn ich so sagen darf, spontan bildet, ist ein Austausch möglich, dieses ist mit jenem strikt äquivalent, also die, sagen wir, rote Acht und der grüne Kreis.“ (109)

Zwischen dem falschen Knoten und dem Sinthomknoten kann es Äquivalenz geben. Damit ist gemeint, dass die beiden Knoten durch Fadenziehen dazu gebracht werden können, die Plätze zu wechseln und danach dieselbe Struktur aufzuweisen.

Sinthom und Inexistenz des sexuellen Verhältnisses

„Es gibt also, auf der Ebene des Sinthoms, es gibt keine Äquivalenz in den Verhältnissen zwischen dem Grünen und dem Roten, um uns mit dieser einfachen Be­zeichnung zu begnügen. In dem Maße, da es Sinthom gibt, gibt es keine sexuelle Äquivalenz, das heißt, es gibt Verhältnis. Denn es ist ganz si­cher, dass, wenn wir sagen, dass das Nichtverhältnis von der Äquivalenz herrührt, sich in dem Maße, da es keine Ä­quivalenz gibt, das Verhältnis strukturiert. Es gibt also zugleich sexuelles Verhältnis und kein Verhältnis. Abgese­hen davon, dass da, wo es Verhältnis gibt, es in dem Maße so ist, in dem es Sinthom gibt, das heißt, in dem, wie ich gesagt habe, das andere Geschlecht durch das Sinthom getragen wird. Ich habe mir erlaubt zu sagen, dass das Sinthom ganz präzise das Geschlecht ist, dem ich nicht angehöre, das heißt eine Frau. Ich habe mir erlaubt zu sagen, dass das Sinthom ganz präzise das Geschlecht ist, dem ich nicht angehöre, das heißt eine Frau. Wenn für jeden Mann eine Frau ein Sinthom ist, dann ist es völlig klar, dass es nötig ist, einen anderen Namen für das zu finden, was es für eine Frau mit dem Mann auf sich hat, da das Sinthom ja eben durch die Nichtäquivalenz gekenn­zeichnet ist. Man kann sagen, dass der Mann für eine Frau alles ist, was Sie wollen, nämlich ein Kummer, ärger als ein Sinthom; Sie können es gerne so artikulieren, wie es Ihnen recht ist, eine Verheerung gar. Wenn es aber keine Äquiva­lenz gibt, sind Sie gezwungen zu spezifi­zieren, was es mit dem Sinthom auf sich hat.“ (111)

Zwischen einem falschen Knoten und einem Sinthom-Ring kann es auch Nicht-Äquivalenz geben. Damit ist gemeint, sie können durch Fadenziehen zwar dazu gebracht werden, die Plätze insofern zu wechseln, als der vorherige falsche Knoten ein Reparaturring wird und umgekehrt. Sie haben dann aber nicht dieselbe Struktur: der Sinthomring, der durch das Fadenziehen entsteht, hat eine anderen Fadenverlauf als der Sinthomring, den es vorher gab.Diese Nicht-Äquivalenz gilt für die Beziehung zwischen den Geschlechtern. Sie haben füreinander eine Sinthom-Funktion, eine Reparaturfunktion. Diese Funktion wird jedoch nicht auf äquivalente Weise wahrgenommen, d.h. nicht durch dieselbe Struktur realisiert. Das, was eine Frau für den Mann ist, hatte Lacan (in Seminar 22) als Sinthom bezeichnet (tatsächlich als „Symptom“), deshalb muss er jetzt das, was der Mann für eine Frau ist, anders nennen, etwa „Kummer“ oder „Verheerung“.Verhältnis von Sinthom, Realem und Unbewusstem

„Dieses Verhältnis knüpft sich – jetzt lie, l, i, e – an etwas, von dem ich nur zu behaupten wüsste – und gerade das ist es, was sich, mein Gott, aus allem ergibt, was ich auf einem anderen Bett vernehme, auf der berühmten Couch, wo mir lang und breit davon erzählt wird –, dass die Verbindung, die enge Verbindung des Sinthoms jenes Etwas ist, bei dem es darum geht, das zu verorten, was es mit dem Realen zu tun hat, mit dem Realen des Unbewussten, wenn denn das Unbe­wusste real ist. Wie kann man wissen, ob das Unbewusste real ist oder imaginär? Eben das ist die Frage. Es hat teil an ei­ner Äquivokation zwischen den beiden, je­doch an etwas, dem wir dank Freud seit­her verpflichtet sind, verpflichtet sind als Sinthom.“ (112)

Es gibt ein sexuelles Verhältnis und es gibt keins. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern knüpft sich an die Verbindung des Sinthoms mit dem Realen, mit dem Realen des Unbewussten, wenn denn das Unbewusste real ist.Seit Freud sind wir (die Psychoanalytiker) dem Sinthom verpflichtet.Joyce

… „Und ich rufe es Ihnen bei dieser Gelegenheit ins Gedächtnis zurück, ich habe gedacht – machen Sie damit, was Sie wollen, mit meinem Denken –, ich habe gedacht, dies sei der Schlüssel für das, was Joyce passiert war. Dass Joyce ein Symptom hat, das von Folgendem ausgeht: dass sein Vater unzulänglich war, radikal unzulänglich, er spricht nur davon. Ich habe die Sache um den Namen zentriert, um den Eigennamen, und ich habe gedacht – machen Sie damit, was Sie wollen, mit diesem Denken –, und ich habe gedacht, dass Joyce, indem er einen Namen für sich wollte, die Kompensation für das Ausfallen des Vaters gebildet hat. Das ist zumindest das, was ich gesagt habe, weil ich’s nicht besser sagen konnte. Ich werde versuchen, das auf präzisere Weise zu artikulieren, aber es ist klar, dass Joyces Kunst etwas so Besonderes ist, dass der Ausdruck Sinthom wirklich das ist, was ihr angemessen ist.“ (102 f.)

Das Symptom bzw. Sinthom von Joyce beruht auf der Unzulänglichkeit des Vaters; als Kompensation dafür will er einen Namen für sich, womit der Eigenname ins Spiel kommt. Dass Joyce sich einen Namen machen will, ist also eines seiner Sinthome oder Symptome.

„Aber dass Joyce ihr diese Fähigkeit zuschreibt, auf eine Reihe von Zeichen hin, von Erklärungen, die er dann auf bestimmte Weise verstanden hat, eben das ist jenes Etwas, woran ich sehe, dass er, um, wenn man so sagen kann, seine Tochter zu ‚verteidigen‘, dass er ihr etwas zuschreibt, was in der Verlängerung dessen liegt, was ich für den Moment sein eige­nes Symptom nennen werde. Das heißt – in seinem Fall ist es schwierig, nicht meinen eigenen Patienten zu erwähnen, wie es bei ihm angefangen hatte –, das heißt, dass man nicht sagen kann, dass Joyce hinsichtlich des Wortes nicht etwas auf­gezwungen wurde.“ (106)

Das eigene Symptom von Joyce ist ein Symptom der aufgezwungenen Worte. Wenn er seiner Tochter Lucia die Fähigkeit der Telepathie zuschreibt, verlängert er sein eigenes Symptom.

OFFENE FRAGEN

Die Zah­len in Klam­mern be­zie­hen sich auf die Sei­ten der Über­set­zung von Max Klei­ner. Sie sind oben in der Über­set­zung nach je­dem Satz angegeben.

Joyces Kunst ist etwas so Besonderes, dass der Ausdruck „Sinthom“ für sie tatsächlich angemessen ist (103). Was ist damit gemeint?

Diese Irrläufer des Knotens entstehen durch die Konsistenz des Unbewussten (107 f.). Worin besteht die Konsistenz des Unbewussten? Inwiefern ist es die Konsistenz des Unbewussten, die die falschen Fadenverläufe hervorruft?

Die Reparaturringe des falschen Kleeblattknotens haben an den drei Kreuzungspunkten dieselbe Orientierung, eine Rechtsdrehung (109). Was versteht Lacan unter der Orientierung des Reparaturrings, was unter der Rechtsdrehung?

Zum Verhältnis von achtförmigem Ring mit Reparaturring und Ring mit Innenacht und Reparaturring (109 f.). Lässt sich die Verschlingung aus achtförmigem Ring und Reparaturring in eine Verschlingung des Rings mit Innenacht und Reparaturring überführen?

LITERATURVERZEICHNIS

La­can, Sinthom-Seminar

Ver­sion NN
La­can: Le sin­thome. Wort-für-Wort-Transkription ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers, ohne Ort, ohne Jahr. Schreib­ma­schine, durch Fo­to­ko­pien ver­brei­tet. Auf diese Ver­sion be­zieht sich Max Klei­ners Über­set­zung, linke Spalte.

Ver­sion Sta­ferla
Jac­ques La­can: Le sin­thome. 1975 — 76. Wort-für-Wort-Transkription, her­aus­ge­ge­ben und ver­öf­fent­licht von der Web­site staferla.free.fr, ohne Ort. Diese Tran­skrip­tion wird von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet, es gibt also meh­rere Va­ri­an­ten der Staferla-Ver­sion. Für die­sen Kom­men­tar wurde die Va­ri­ante vom 28.6.2013 ver­wen­det; man fin­det sie hier.

Ver­sion NN/Kleiner und Ver­sion Mil­ler 1976-77/Kleiner
Le sin­thom. 1975 – 1976. Se­mi­nar XXIII von Jac­ques La­can. Über­setzt von Max Klei­ner. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv/Psychoanalytische Bi­blio­thek Bre­genz, 2007

Der Text ent­hält zwei Über­set­zun­gen, das Lay­out ist drei­spal­tig. Erste Spalte: Über­set­zung der Tran­skrip­tion ei­nes an­ony­men Her­aus­ge­bers (=Ver­sion NN/Kleiner), zweite Spalte: Über­set­zung der Ver­sion Mil­ler 1976/77, dritte Spalte: An­mer­kun­gen des Über­set­zers. Zu be­stel­len beim Lacan-Archiv Bre­genz; für 20 Euro er­hält man eine PDF-Datei.

Die Über­set­zung in die­sem Bei­trag des Sinthom-Kommentars ist eine über­ar­bei­tete Fas­sung von Ver­sion NN/Kleiner; mit „Kleiner-Übersetzung“ ist diese Ver­sion gemeint.

Ver­sion Mil­ler 2005
Jac­ques La­can: Le sé­mi­n­aire, livre XXIII. Le sin­thome. 1975-1976. Tex­ter­stel­lung durch Jacques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2005

Lacan, weitere Texte

Die Bedeutung des Phallus (1958). Übers. v. Chan­tal Creu­sot, Nor­bert Haas und Sa­muel M. We­ber. In: Ders.: Schrif­ten II. Walter, Olten 1975, S. 119-132

Seminare

Se­mi­nar 22 = Se­mi­nar XXII. RSI. 1974-75. Über­setzt von Max Klei­ner auf der Grund­lage ei­ner von Jacques-Alain Mil­ler er­stell­ten vor­läu­fi­gen Ver­sion. Her­aus­ge­ge­ben vom Lacan-Archiv Bre­genz 2012

Andere Autoren

Ellmann, Richard: James Joyce. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979

Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 4. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 9-219

—: Psychopathologie des Alltagslebens (1904). In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 4. Imago, London 1941

Joyce, James: Finnegans Wake. Hg. v. Klaus Reichert und Fritz Senn. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989

Miller, Jacques-Alain: Notice de fil en aiguille. In: J. Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Seuil, Paris 2005, S. 199-247

—: Pièces détachées. Cours 2004/05. Transkription auf der Website psiocoanalisisdigital.wordpress.com

Picasso, Pablo: Brief von 1926 in ders.: Propos sur l’art. Gallimard, Paris 1998 (einen Auszug findet man hier)

Sollers, Phil­ippe: Joyce et Cie. In: Tel Quel, Nr. 64, No­vem­ber 1975, S. 15-24 (eng­li­sche Teil­über­set­zung: Phil­ippe Sol­lers: Joyce & Co. In: D. Hay­man, E. An­der­son (Hg.): In the Wake of the Wake. Uni­ver­sity of Wis­con­sin Press, Ma­di­son u.a. 1978)

Wygotski, Lew Semjonowitsch: Denken und Sprechen (1934). Aus dem Russischen von Gerhard Sewekow. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1977

Zum Bild zum Beginn des Artikels

Der Patient, der sein Symptom als das der „aufgezwungenen Worte“ bezeichnete, wurde nach einem Selbstmordversuch ins Hôpital Sainte Anne in Paris eingeliefert, in die Sankt-Anna-Klinik. Anna ist, apokryphen Schriften zufolg, die Mutter von Maria, also eine Großmutter von Jesus. Das Gemälde stellt dar, wie ihr die Geburt von Maria verkündet wird. Das Spruchband inszeniert, dass ihr bestimmte Worte aufgezwungen werden. Sie lauten: Ego sum angelus domini ad te missus, „Ich bin der zu dir gesandte Engel des Herrn“.

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Anmerkungen

  1. Das französische Wort rechercher meint wörtlich „wieder suchen“; das Präfix re- („wieder“) verweist auf die Wiederholung. Vielleicht spielt Lacan hier auch auf das Zeichnen von Knoten-Kreisen an.
  2. Picassos Diktum „Ich suche nicht, ich finde“ ist aus einem Brief, der zuerst in der sowjetischen Zeitschrift Ogoniok erschien, Nr. 20, 1926, dann auf Französisch in Formes, Nr. 2, 1930, nachgedruckt in Pablo Picasso: Propos sur l’art. Gallimard, Paris 1998. Einen Auszug findet man hier.Miller berichtet, dass er es war, der Lacan darauf angesprochen hatte, dass er jetzt nicht mehr finde, sondern suche (vgl. Jacques-Alain Miller: Pièces détachées. Cours 2004/05. Sitzung vom 8. Dezember 2004, Transkription S. 29). Offenbar gibt Lacan darauf hier eine Antwort.
  3. Der sogenannte borromäische Knoten ist kein Knoten, sondern eine Verschlingung; und in dieser Verschlingung lässt sich der Sinn verorten.
  4. Die Würzberger Schule hat, gegen Wundt, die Lehre vom „Denken ohne Bilder“ entwickelt (Oswald Külpe, 1862-1915, und seine Schüler August Mayer, 1874-1951, und Johannes Orth, 1872-1949). Wygotski schreibt hierzu: „Indem diese Psychologen den Gedanken aus den Fesseln jeglicher Anschaulichkeit befreiten, lösten sie ihn von der Sprache und überließen diese völlig den Assoziationsgesetzen. Die Verbindung von Wort und Bedeutung wurde nach der Würzburger Schule weiterhin als einfache Assoziation betrachtet. Das Wort wurde so zu einem einfachen Ausdruck des Gedankens, zu seinem Gewand, das an seinem inneren Leben keinen Anteil hatte. Noch niemals wurden Denken und Sprache so voneinander getrennt und isoliert wie in der Würzburger Schule.“ (Lew Semjonowitsch Wygotski: Denken und Sprechen (1934). Aus dem Russischen von Gerhard Sewekow. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1977, S. 296.
  5. Mit „Dreierknoten“ ist hier der Kleeblattknoten gemeint, nicht die borromäische Verschlingung aus drei Ringen. Der Ausdruck „Dreierknoten“ bezieht sich darauf, dass dieser Knoten drei irreduzible Überkreuzungen hat. Der Kleeblattknoten ist insofern das Minimum, als er der einfachste Knoten mit Selbstverschlingung ist, der einfachste Knoten, der kein Unknoten oder trivialer Knoten ist.Über die Umwandlung einer borromäischen Verschlingung aus drei Ringen in einen Kleeblattknoten hatte Lacan in Seminar 23 in den Sitzungen vom 9. Dezember 1975, 16. Dezember 1975 und 13. Januar 1976 gesprochen.
  6. Der Viererknoten oder Listing-Knoten ist ein Knoten mit vier irreduziblen Überkreuzungsstellen, der „Lacan-Knoten“ hat fünf irreduzible Überkreuzungen.
  7. Vgl. die Bemerkungen über Joyces Vater in Seminar 22 in den Vorlesungen vom 18. November 1975, 13. Januar 1976 und 10. Februar 1976.
  8. Lacan bezieht sich hier auf seine wöchentlichen Fallvorstellungen im psychiatrischen Sainte-Anne-Krankenhaus in Paris.Das französische Wort parole meint das gesprochene Wort und das Sprechen.
  9. Lucia Anna Joyce (1907-1982), Tochter von Nora Barnacle und James Joyce.
  10. Zu Joyces Vorstellungen von Lucias telepathischen Fähigkeiten vgl. Richard Ellmann: James Joyce. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, S. 1013-1015.
  11. Das Verb défendre, „verteidigen“, verweist auf die Abwehr im Sinne der Psychoanalyse, im Französischen heißt „Abwehr“ défense.
  12. In der ersten Sitzung dieses Seminars, der vom 18. November 1975, hatte Lacan hierzu auf folgenden Aufsatz verwiesen: Phil­ippe Sollers: Joyce et Cie. In: Tel Quel, Nr. 64, No­vem­ber 1975, S. 15-24 (eng­li­sche Teil­über­set­zung: Phil­ippe Sol­lers: Joyce & Co. In: D. Hay­man, E. An­der­son (Hg.): In the Wake of the Wake. Uni­ver­sity of Wis­con­sin Press, Ma­di­son u.a. 1978).
  13. In der Psychopathologie des Alltagslebens zitiert Freud aus einem Brief an ihn, in dem es über einen Versprecher heißt: „Dagegen wurde der Lapsus von der meist französischen Zuhörerschaft mit wahrer Genugtuung aufgenommen und wirkte vollkommen wie ein beabsichtigter Wortwitz.“ Der Versprecher ist hier moche („hässlich“) statt motte („Erdscholle“); der Austausch beruht auf der Wirksamkeit des unterdrückten Wortes boche („Deutscher“). (Vgl. S. Freud: Psychopathologie des Alltagslebens. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 4. Imago, London 1941, S. 82)Von Lichtenberg stammt der Witz „Ein Mädchen, kaum zwölf Moden alt“. Freud schreibt hierzu, er gehe vielleicht auf einen Schreibfehler zurück. (Vgl. S. Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 4. Fischer Taschenbuch Verlag, S. 9-219, hier: S. 74.
  14. Instruktiv zum „Lapsus“ eines Knotens sind die Erläuterungen von Jacques-Alain Miller in: J.-A. Miller: Notice de fil en aiguille. In: J. Lacan: Le séminaire, livre XXIII. Le sinthome. 1975-1976. Seuil, Paris 2005, S. 199-247, darin § 11, „Le lapsus du nœud“, S. 217-220.
  15. Das französische Substantiv faute meint (1) den technischen Fehler, etwa den Druckfehler, den Fehler beim Tennis, (2) die moralische Verfehlung, (3) die Schuld.Das lateinische Wort lapsus, „Fall“, meint nicht nur den Versprecher (lapsus linguae), sondern auch den Sündenfall, von dem die Bibel erzählt. Auf den Sündenfall hatte Lacan sich bereits in der ersten Sitzung dieses Seminars bezogen, Lektion vom 18. November 1975.
  16. Der Sündenfall (lateinisch lapsus) ist ein durchgängiges Thema in Finnegans Wake.

    Auf der ersten Seite von Finnegans Wake heißt es über den fall, den Sündenfall:

    „The fall (bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthunntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk!) of a once wallstrait oldparr is retaled early in bed and later on life down through all christian minstrelsy. The great fall of the offwall entailed at such short notice the pftjschute of Finnegan, erse solid man, that the humptyhillhead of humself prumptly sends an unquiring one well to the west in quest of his tumptytumtoes: and their upturnpikepointandplace is at the knock out in the park where oranges have been laid to rust upon the green since devlinsfirst loved livvy.“

    In der Übersetzung von Harald Beck:

    „Der fall (bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthunntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk!) eines ehmals wallstraiten oparrs wird auf und rumgeschwätzt früh im bett und später im leben quer durch die ganze christliche minstrelsängerei. Der große fall der stürtzmauer zog so flugs den pfflumps von Finnegan nach sich – irisch, stämmig, der mann! – daß sein humptyhügelhaupt prumpt einen nachtforschenden qwell ausschickt, seine dumptydamzehn zu inqwestigieren: und ihr auftauchhaltepunktundplatz ist die k.o.ppe dort im park wo orange zur rost gebettet sind im grün seit deublinserst mal livvy liebten.“ (James Joyce: Finnegans Wake. Hg. v. Klaus Reichert und Fritz Senn. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, S. 27)

  17. Ein Imbroglio (italienisch für „Verwirrung“, „Betrug“) ist in der Musik eine unregelmäßige Art der Betonung, etwa wenn die Oberstimme im 6/8-Takt und die Bassstimme im ¾-Takt geführt wird.
  18. Ein Reduit ist ein verstärkter Verteidigungsbau.
  19. Der Ausdruck „Klinik“ geht auf das griechische Wort klínē zurück, „Bett“.
  20. „Im Ge­gen­satz zu dem, was er­zählt wird, hat die Frau nicht mehr und nicht we­ni­ger an Kas­tra­tion zu er­lei­den als der Mann.“ (Seminar 22, Sitzung vom 21. Januar 1975)
  21. Vgl. Lacans Aufsatz Die Bedeutung des Phallus (1958), Schriften II, S. 126, 129.
  22. Hemmung, Symptom und Angst, a.a.O., S. 243.
  23. Vgl. etwa: S. Freud: Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität (1908). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 9–32, hier:  S. 17; S. Freud: Das Unbehagen in der Kultur (1930). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 2000, S. 191–270, hier: 237.

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