Franz Kaltenbeck: Wiedergeburt zum Schlimmeren. David Foster Wallaces vergebliche Versuche, dem Existenzschmerz zu entkommen

billy-wilder-das-appartementDas Ap­par­te­ment, Re­gie: Bil­ly Wil­der, USA 1960

Abs­tract

Der ame­ri­ka­ni­sche Au­tor be­haup­tet, er habe mit In­fi­ni­te Jest (Un­end­li­cher Spaß) ein trau­ri­ges Buch schrei­ben wol­len. Er wird aber, im Ge­gen­satz zu sei­ner Be­haup­tung, dem Ti­tel sei­nes Ro­mans ge­recht. Dass man sei­nen Hu­mor schätzt, wenn man ihn liest, tut er mit der Be­mer­kung ab, Kaf­ka habe auch laut­hals ge­lacht, als er sei­ne Ge­schich­ten sei­nen Freun­den vor­las und doch sei­en die­se oft trau­rig. Viel­leicht ist es Wal­lace aber wirk­lich nicht ge­lun­gen, sein me­lan­cho­li­sches Lei­den, mit sei­nem Schrei­ben zu fas­sen und zu bän­di­gen. Er konn­te den Schmerz, der ihn um­brach­te, den­noch kli­nisch be­schrei­ben. Das, was La­can „Sin­t­home“ nennt, näm­lich die Ver­knüp­fung künst­le­ri­scher Schöp­fung mit ei­ner das Sub­jekt vor dem psy­cho­ti­schen Ab­grund ret­ten­den Struk­tur, ist ihm zu­min­dest in sei­nem letz­ten Ro­man, The Pale King (Der blei­che Kö­nig) nicht ge­lun­gen. Was hat­te sich da die­sem mäch­ti­gen Schrift­stel­ler in den Weg ge­stellt? Die­se Fra­ge wol­len wir ver­su­chen zu be­ant­wor­ten.

Schreiben, Struktur, Symptom

Die li­te­ra­ri­schen Wer­ke, die uns et­was an­ge­hen, han­deln von ei­nem Stück Welt, ei­ner Welt, und zu­gleich von ih­rem Au­tor, der in die­ser Welt ist.1 Na­tür­lich muss der in sei­nem Werk nicht vor­kom­men, we­der als Ich noch als Name. Aber et­was von ihm, von sich, hat er schon ge­sucht, als er so ein Werk schrieb. Sonst hät­te er ja auch eine wis­sen­schaft­li­che Ar­beit schrei­ben kön­nen, aus der das Sub­jekt ver­bannt wird, wenn­gleich es manch­mal so­gar in ei­nen lo­gi­schen Be­weis zu­rück­glei­ten kann, z. B. als das krea­ti­ve Sub­jekt der Ma­the­ma­tik, das die In­tui­tio­nis­ten theo­re­tisch er­fas­sen woll­ten. Ihre Ver­su­che in­ter­es­sier­ten La­can, der viel­leicht mit Ge­org Krei­sel in den 1970er Jah­ren dar­über ge­spro­chen hat­te.

Wenn aber ein Dich­ter von sich spricht, so tut er das nicht, weil er sich kennt oder ken­nen ler­nen will, son­dern weil er ein Ge­heim­nis hat, das er gar nicht kennt. Nicht, dass er be­son­ders scharf dar­auf wäre, die­ses Ge­heim­nis zu fin­den. Es ist eher so, dass er an ihm lei­det, weil an­de­re mer­ken, dass er ei­nes hat und er zu ei­nem Rät­sel für sie wird.2

Aber es gibt eben Ge­heim­nis­se in Ge­heim­nis­sen“, steht in Fuß­no­te 6 des § 13 von Da­vid Fos­ter Wal­la­ces un­voll­ende­tem Ro­man Der blei­che Kö­nig (S. 117). Es geht um Cusk, eine Fi­gur die­ses Bu­ches, der schon als Kind un­ter star­kem Schwit­zen litt. Der Er­zäh­ler schenkt die­sem Sym­ptom höchs­te Auf­merk­sam­keit. Cusks „zer­rüt­ten­de öf­fent­li­che Schweiß­aus­brü­che“ ma­chen ihm ab sei­ner Pu­ber­tät be­son­ders zu schaf­fen, da sie be­son­ders dann ver­stärkt wur­den, wenn zu ei­nem Schweiß­aus­bruch die Angst hin­zu­trat, die Schweiß­per­len auf sei­ner Stirn könn­ten au­ßer Kon­trol­le ge­ra­ten.3 Er sag­te sich dann auf der Toi­let­te eine Rede Fran­k­lin Roo­se­velts auf: Das Ein­zi­ge, wo­vor wir Angst ha­ben müs­sen, ist die Angst selbst. Aber das half nichts. Er ge­riet so nur in „ein end­lo­ses Spie­gel­ka­bi­nett der Ängs­te“ und fürch­te­te, ver­rückt zu wer­den. Er fühl­te sich wie ein Ver­rück­ter, der „ma­nisch“ über et­was Gro­tes­kes lach­te, über ei­nen Witz, der über­haupt kei­nen Sinn hat­te. Nur wenn er beim Stu­di­um al­lein war oder sich in „Wort­such- und Zah­len­rät­sel“ ver­tief­te, ging es ihm gut. Sei­ne Ang­st­an­fäl­le ent­stan­den „in ei­nem Teil sei­ner selbst, (…) der ihn ver­letz­te und ver­riet“4. Er ent­wi­ckel­te al­ler­lei Tricks, um bei sol­chen An­fäl­len aus dem Klas­sen­raum zu ent­kom­men, ohne auf­zu­fal­len. Ge­län­gen die­se Tricks nicht, wür­den alle das gro­tes­ke trop­fen­de Bild an­schau­en, das er ab­gab.5 Er hat­te den Alb­traum, dass er in der letz­ten Rei­he saß und es dem Leh­rer auf­fiel, wie durch­nässt er war und der Leh­rer den Un­ter­richt un­ter­brach, um ihn zu fra­gen, ob et­was nicht in Ord­nung sei und alle ihn an­sa­hen. Manch­mal fiel in die­sem Alb­traum auch ein Spot­licht auf ihn, „Traum­sym­bol mensch­li­cher Auf­merk­sam­keit“6, sagt der Er­zäh­ler, der dann den Traum vom Spot­licht mit der Freud­schen Me­tho­de ana­ly­siert, nur dass er, und das ist we­ni­ger freu­dia­nisch, meh­re­re Deu­tun­gen vor­schlägt: nar­ziss­ti­scher Wunsch, von den an­de­ren wahr­ge­nom­men zu wer­den; oder der Traum sage, die fixe Idee des Jun­gen, von al­len wie von ei­nem Spot an­ge­schaut zu wer­den, sei die „un­mit­tel­ba­re Lei­dens­ur­sa­che“; der Leh­rer sei die Pro­jek­ti­on sei­nes „Selbst­bild­nis­ses“, wir wür­den sa­gen des Ich-Ide­als, das in der Be­dräng­nis auf­leuch­te. Sein Sym­ptom ver­bie­tet ihm, mit ei­nem Mäd­chen aus­zu­ge­hen. Er iso­liert sich und das Al­lein­sein be­ru­higt ihn, denn da kann er im Ba­de­zim­mer ver­su­chen, „ei­nen Schweiß­aus­bruch auf Tou­ren zu brin­gen“. Er sieht sich im Spie­gel et­was trau­rig, „wie je­mand, der im Re­gen vor ei­nem Fens­ter steht und ins Tro­cke­ne hin­ein­sieht“. Dann er­scheint er sich aber „auch wie­der un­heim­lich und wi­der­lich, als wäre sein heim­li­cher We­sens­kern un­heim­lich und die An­fäl­le wä­ren sein wah­res Selbst, das buch­stäb­lich leck­te7 – aber nichts war im Ba­de­zim­mer zu se­hen, und sein Spie­gel­bild schien blind8 für al­les, was er in ihm such­te“.

Ent­we­der kann­te DFW Freuds Tex­te zur Me­lan­cho­lie schon ab den frü­hen Brie­fen an Wil­helm Fließ so­wie La­cans Be­mer­kung in Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens und an­de­ren Tex­ten, dass das Ob­jekt a im Spie­gel nicht er­scheint – eine Hy­po­the­se, der ich an­hän­ge –, oder er war selbst ein gro­ßer Kli­ni­ker sei­nes ei­ge­nen Lei­dens, der Me­lan­cho­lie. Er führt Cusks un­zü­gel­ba­re Schweiß­aus­brü­che nicht ein­fach auf Angst9 zu­rück, son­dern in­ter­pre­tiert sie im Sin­ne des jun­gen Freuds als ein Leck im Ich, bei dem die nar­ziss­ti­sche Li­bi­do aus­fließt. Sein wah­res We­sen – un­heim­lich und wi­der­lich – kann Cusk im Spie­gel nicht se­hen.

DFW geht aber wei­ter! Am Ende des Bu­ches fin­den Sie „No­ti­zen und Rand­be­mer­kun­gen“ zum § 13 des Blei­chen Kö­nigs (S. 591), die sich DFW bei sei­ner Ar­beit mach­te. Und da deu­tet er das­sel­be Sym­ptom ei­nes an­de­ren Jun­gen auf sei­ne Art: „Das Dra­chen­bild be­wacht im­mer eine Kost­bar­keit.“ Schwer für mich zu sa­gen, wo im DBK von ei­nem Dra­chen­bild und ei­nem an­de­ren Jun­gen, der an Schweiß­aus­brü­chen lei­det, die Rede ist, es sei denn, das wäre der Au­tor selbst als Kna­be. Dann schreibt DFW wei­ter:

All sei­nen end­lo­sen Selbst­be­ob­ach­tun­gen und Selbst­ana­ly­sen zum Trotz hat die­ser an­de­re Jun­ge die Schwitz­an­fäl­le nie als Form des Ganz­kör­per­wei­nens oder der Trau­er selbst durch­schaut – ob nun über das Ende der Kind­heit, die von der Ge­sell­schaft ver­lang­te Ich­spal­tung oder et­wai­ge po­ten­zi­el­le Trau­ma­ta und Ent­frem­dun­gen. Der Ekel der an­de­ren war eine kras­se Pro­jek­ti­on sei­nes tiefs­ten Ge­heim­nis­ses, das der Dra­che gleich­zei­tig be­wach­te und ver­kör­per­te – er kann­te kei­ne Gna­de.“

Der § 13 be­ginnt mit dem Satz:

In der High­school lern­te der Jun­ge die schreck­li­che Macht der Be­ach­tung ken­nen und wem man Be­ach­tung schenkt.“10

Be­ach­tung er­zeugt ein Sub­jekt im po­si­ti­ven oder im ne­ga­ti­ven Sinn. Cusk, durch sein un­kon­trol­lier­ba­res Schwit­zen, will ihr dau­ernd ent­ge­hen. Das ge­lingt ihm auch. Nur in sei­nem Alb­traum wird er vom Leh­rer und dann von al­len Mit­schü­lern be­ach­tet, so dass sich so­gar ein Spot auf ihn rich­tet. Er ist be­fleckt, ja durch­nässt und der Licht­ke­gel fällt auf ihn.

Aufmerksamkeit

Ganz im Ge­gen­satz dazu die Auf­merk­sam­keit, die DFW ja in sei­nem gan­zen Werk be­schäf­tigt. Er lehr­te ihre Wich­tig­keit auch sei­ne Stu­den­ten: sie soll­ten die The­men ih­rer Ge­schich­ten da­durch fin­den, dass sie ih­rer Um­welt Auf­merk­sam­keit ent­ge­gen­brin­gen. Na­tür­lich ist Auf­merk­sam­keit nicht nur ein kom­ple­xer, son­dern auch ein zwei­deu­ti­ger Be­griff. Der Ana­ly­ti­ker z.B. hält sich nicht an das Ge­bot der frei­schwe­ben­den Auf­merk­sam­keit, wenn er sich auf das vom Ana­ly­san­ten Ge­sag­te krampf­haft kon­zen­triert. In ei­nem Ka­pi­tel von Un­end­li­cher Spaß geht DFW von der ge­ra­de ver­mark­te­ten Vi­deo­te­le­fo­nie aus. Eine ge­nia­le Er­fin­dung hät­te man ge­dacht. Tat­säch­lich kehr­ten die Leu­te aber gleich wie­der zu den rein akus­ti­schen Te­le­fo­nen zu­rück, weil sie er­kann­ten, dass sie beim Te­le­fo­nie­ren nicht mehr schal­ten und wal­ten durf­ten wie frü­her: bei­spiels­wei­se et­was vor sich hin krit­zeln, sich ei­nen Pi­ckel im Ge­sicht aus­drü­cken, Fin­ger­nä­gel la­ckie­ren, ein Hai­ku schrei­ben, usw. Zu­dem sa­hen sie an ih­rem Ge­gen­über, wie un­vor­teil­haft sie selbst um 9 Uhr mor­gens aus­se­hen muss­ten, mit ih­ren Trä­nen­sä­cken und ih­rer un­ge­sun­den Haut­far­be. Vor al­lem muss­ten sie sich nun ganz ge­zwun­gen auf­merk­sam ge­ben. Aber der Markt wäre nicht der Markt, hät­te er sich von die­ser Ab­wen­dung der Käu­fer ent­mu­ti­gen las­sen. Die In­dus­trie er­fand so­fort Mas­ken und an­de­re plas­ti­sche Vor­rich­tun­gen, die je­den in sei­ner bes­ten Form er­schei­nen lie­ßen. Und DFW macht sich eine Freu­de dar­aus, die Kon­se­quen­zen des Ge­schäfts mit sol­chen kos­me­ti­schen Ope­ra­tio­nen zu ei­ner er­träg­li­chen Vi­deo­te­le­fo­nie durch­zu­spie­len. Nie­mand war jetzt noch er oder sie selbst, es gab mehr oder we­ni­ger gut ge­lun­ge­ne Ver­wand­lun­gen der Per­son, die Kom­mu­ni­ka­ti­on hat­te sich völ­lig ver­än­dert, war durch die mit der Vi­deo­te­le­fo­nie ein­her­ge­hen­den Er­fin­dun­gen doch klar ge­wor­den, dass es wirk­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on nie ge­ge­ben hat­te.

Oder neh­men Sie nur die Auf­merk­sam­keit, die das Haupt­kri­te­ri­um ei­ner An­stel­lung bei ei­nem Steu­er­prüf­zen­trum des In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice (IRS) der Ver­ei­nig­ten Staa­ten in den 1980er Jah­ren war. Je­der, der dort auf­ge­nom­men wer­den woll­te, muss­te wäh­rend sei­nes gan­zen Ar­beits­ta­ges „ma­xi­ma­le Auf­merk­sam­keit“ auf­wen­den, die ein­ge­lau­fe­nen Steu­er­erklä­run­gen ge­nau le­sen, um her­aus­zu­fin­den, ob sie ehr­lich oder be­trü­ge­risch aus­ge­füllt wa­ren. Was die­se Ar­beit sei­nen Be­am­ten auf­er­legt – un­er­träg­li­che Lan­ge­wei­le, Na­cken­krämp­fe, De­pres­sio­nen etc. –, wird auf meh­re­ren Sei­ten dar­ge­legt und re­flek­tiert.

Dann gibt es auch die Auf­merk­sam­keit in den zwi­schen­mensch­li­chen Be­zie­hun­gen, z.B. je­ner zwi­schen Sha­ne Dri­ni­on, ei­nem eher ge­wöhn­li­chen Mann, und Mer­edith Rand, ei­ner „grau­en­haft schö­nen Frau“11 mit „un­er­gründ­li­chen grü­nen Au­gen, klas­sisch pro­por­tio­nier­ten Wan­gen­kno­chen (und) ei­nem po­ren­frei­en Ala­bas­tat­eint“. Dri­ni­on hört ihre lan­ge Kla­ge an. In ei­ner der „No­ti­zen“ schreibt der Au­tor:

Was man Mer­edith Rand im IRS nach­sagt: Sie ist schön, aber eine Jam­mer­tri­ne übels­ter Sor­te, ohne Punkt und Kom­ma, un­er­träg­lich im di­rek­ten Kon­takt – man spe­ku­liert, ihr Mann müs­se ein Hör­ge­rät ha­ben, das er nach Be­lie­ben ab­schal­te.“12

Die­se ihre Sei­te geht aus dem Text des Ro­mans nicht her­vor. Man hat den Ein­druck, dass Dri­ni­on sich ge­ra­de in sie ver­liebt. Was aber sei­ne Auf­merk­sam­keit be­trifft, so schwankt man, ob sie ehr­lich oder ge­spielt ist. DFW hält die­se Am­bi­gui­tät ganz be­wusst auf­recht.

Bei al­ler Be­wun­de­rung, die man dem wei­ten Spek­trum von DFW’s Auf­merk­sam­keits­be­griff ent­ge­gen­brin­gen wird, muss man doch dar­auf hin­wei­sen, dass Auf­merk­sam­keit ei­nem bei ihm fast auf­er­legt wird, als könn­te sie nur an­ge­spannt er­reicht wer­den. Aber ist nicht die wah­re Auf­merk­sam­keit die un­will­kür­li­che? Der Ana­ly­ti­ker deu­tet und in­ter­ve­niert nur dann er­folg­reich, wenn ihn plötz­lich et­was im Dis­kurs des Ana­ly­san­ten auf­hor­chen lässt, ohne dass er gleich weiß, war­um. Das Wis­sen kommt erst nach­träg­lich und manch­mal über­haupt nur, weil ihn der Ana­ly­sant dar­auf auf­merk­sam ge­macht hat, dass der Ana­ly­ti­ker ihm vor­her et­was Ent­schei­den­des ge­sagt hat­te. Die­se un­be­wuss­te Auf­merk­sam­keit scheint in DFW’s Theo­rie zu feh­len. Es ist, als wäre er im­mer aux ar­guets, im­mer auf der Lau­er, als müss­te er fort­wäh­rend hin­aus­schau­en, ob der Feind kommt. Er ist si­cher­lich ein er­mü­den­der Mensch ge­we­sen.

Schließ­lich war er ja auch selbst ein Ob­jekt der Auf­merk­sam­keit ge­wor­den: als be­rühmt ge­wor­de­ner Schrift­stel­ler. Aber auch als Pa­ti­ent wäh­rend sei­ner schwe­ren De­pres­sio­nen. Er ap­pel­lier­te manch­mal an sei­ne El­tern, da­mit sie ihm zu Hil­fe kä­men. Wäh­rend der letz­ten Wo­chen sei­nes Le­bens, ließ sei­ne Frau ihn kaum noch aus den Au­gen, und als das ein­mal doch vor­kom­men muss­te, nutz­te er sein Al­lein­sein, um sich um­zu­brin­gen.

Einteilung des Buches

Was nun die Lan­ge­wei­le be­trifft, auf die wir noch zu­rück kom­men müs­sen, be­steht der Clou dar­in, dass DFW sehr span­nend von ihr schreibt, selbst dann, wenn er auf Ge­lehr­tes an­spielt. Er er­reicht die Grö­ße Stif­ters, des­sen Nach­som­mer zu den span­nends­ten Bü­chern ge­hört, ob­wohl es als ei­nes der lang­wei­ligs­ten ver­schrien ist. Im DBK de­kon­stru­iert DFW die me­ta­li­te­ra­ri­schen Ticks der ame­ri­ka­ni­schen Post­mo­der­ne, leis­tet es sich aber trotz­dem, das Le­sen zu per­si­flie­ren, wenn er im § 25 fast alle Steu­er­prü­fer das­sel­be tun lässt: „Chris Fog­le blät­tert eine Sei­te um. Howard Card­well blät­tert eine Sei­te um. Ken Wax blät­tert eine Sei­te um.“ Man fühlt sich in den Sechs­ten Sinn Kon­rad Bay­ers aus dem Jahr 1964 zu­rück­ver­setzt.

Soll­ten Sie das Buch noch nicht ge­le­sen ha­ben, fan­gen Sie bit­te bei Ul­rich Blu­men­bachs „Vor­be­mer­kung des Über­set­zers“ an, was der nun ge­ra­de gar nicht will, falls Sie schon ein er­fah­re­ner Le­ser von DFW sind. Blu­men­bach re­sü­miert den Ro­man so: Er spielt vor nun fast 35 Jah­ren und ver­setzt uns manch­mal noch wei­ter in die Ver­gan­gen­heit zu­rück. Ort der Hand­lung: ein Steu­er­prüf­zen­trum des In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice (IRS) in Peo­ria, Il­li­nois. Es gibt kei­ne Haupt­fi­gu­ren, selbst wenn man­che wich­ti­ger er­schei­nen als an­de­re. Blu­men­bach spricht eher von ei­ner „Grup­pen­kon­stel­la­ti­on“ in die­sem Ro­man. Die meis­ten der Fi­gu­ren ha­ben eine be­weg­te Vor­ge­schich­te in den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren, also be­vor sie ins IRS ein­tre­ten. Ich hat­te beim Le­sen oft das Ge­fühl, dass sie mit dem Ein­tritt ins IRS für ihr frü­he­res Le­ben bü­ßen. Je­den­falls wer­den sie zur Ver­nunft be­kehrt. Aber der Le­ser wird se­hen, zu wel­cher: zu ei­ner bü­ro­kra­ti­schen Ver­nunft der schlimms­ten Sor­te, die sie quä­len wird.13 Sie ver­hal­ten sich aber nicht wie Op­fer. Ich dach­te bei ih­nen öf­ter an Men­schen bei Dos­to­jew­ski. Von al­len Vor­ge­schich­ten ist die der Toni Ware, die aus dem White Trash des Sü­dens kommt, wohl die pa­ckends­te. Sie reist mit ih­rer psy­cho­ti­schen Mut­ter in ei­nem Wohn­wa­gen von ei­ner Trai­ler­sied­lung zur nächs­ten. Toni, wie auch an­de­re die­ser Fi­gu­ren, taucht dann in den Hand­lun­gen der spä­te­ren Ka­pi­tel wie­der auf. Sie ar­bei­tet nun im IRS in Peo­ria. Die Vor­ge­schich­te des Steu­er­prü­fers Chris Fo­g­les ist un­ver­gleich­lich län­ger. Er trägt eine schwe­re ödi­pa­le Schuld, denn er hat­te in­di­rekt den Tod sei­nes Va­ters ver­ur­sacht. Der Al­tru­ist Leo­nard Ste­cyk hat das ge­gen­tei­li­ge Schick­sal zu tra­gen. Als Gut­mensch, der den an­de­ren aus ih­ren Nö­ten oft ohne de­ren Wis­sen und Wol­len her­aus zu hel­fen ver­sucht, en­ner­viert er sei­ne Mit­men­schen, weil er sie mit ih­rem Ego­is­mus kon­fron­tiert. Von Da­vid Cusk ha­ben wir schon ge­spro­chen. Da­vid Wal­lace be­an­sprucht die Au­tor­schaft des Ro­mans und wird we­gen ei­ner „auf Na­mens­gleich­heit be­ru­hen­den Ver­wechs­lungs­ko­mö­die als hoch­ran­gi­ger Steu­er­prü­fer ein­ge­stuft“14.

Nach die­ser Vor­stel­lung der Fi­gu­ren und ih­rer bis­he­ri­gen Ge­schich­te wid­met sich der Er­zäh­ler der In­sti­tu­ti­on des IRS, den Ar­beits­be­din­gun­gen in den Prü­fungs­zen­tren mit ei­ner Stu­die des Pro­blems der in der Bü­ro­kra­tie herr­schen­den Lan­ge­wei­le. Cha­os und Ord­nung ge­hö­ren zu die­ser Ab­hand­lung. Und nun wer­den die Fi­gu­ren mit­ein­an­der ver­netzt. Phan­to­me und Geis­ter ge­sel­len sich zu ih­nen. Auch skiz­ziert der Au­tor die Ver­hält­nis­se auf den obe­ren Eta­gen des IRS. Doch dort ver­liert sich der Ro­man in Ver­mu­tun­gen.

Ul­rich Blu­men­bach weist uns auf fol­gen­den Wi­der­spruch hin: „Die ge­schlos­se­ne Ab­bil­dung ei­ner Welt­to­ta­li­tät war nie Wal­lace’ Ziel.“ Dann schließt er aber da­mit: „Was man im vor­lie­gen­den Frag­men­t­ro­man aber er­ahnt, das ist die ver­zwei­fel­te Sehn­sucht nach ei­nem Gan­zen.“ Nun glau­be ich aber nicht, dass es ein Gan­zes war, das DFW fehl­te. In ei­nem Brief an Jo­na­than Fran­zen schreibt er: „What’s mis­sing is some … thing. It may be a con­nec­tion bet­ween the pro­blem of wri­ting it and being ali­ve.“ Die­ser Zu­sam­men­hang scheint mir der zu sein, den La­cans Sin­t­home her­stellt. Hier deu­tet DFW aber ei­nen nicht be­werk­stel­lig­ten Zu­sam­men­hang an: zwi­schen dem Schrei­ben die­ses Dings und dem am Le­ben blei­ben, so als hät­te er ge­dacht, dass er beim Schrei­ben von DBK sich die­sem Ding noch nicht nä­hern konn­te. Er er­klärt, was die­ses „Ding“ sein könn­te: ein Tor­na­do, der aber nicht still hält, da­mit er se­hen kön­ne, was nütz­lich für ihn sei und was nicht. Viel­leicht kann man die­ses Ding mit der An­kün­di­gung ei­ner Ka­ta­stro­phe in Zu­sam­men­hang brin­gen. Der Er­zäh­ler lässt sie aber nicht ein­tre­ten. Das Schrei­ben die­ses Din­ges scheint also un­ver­ein­bar zu sein mit dem Am-Le­ben-Blei­ben: Schrei­ben, um nicht zu ster­ben, aber ohne das Ding er­fah­ren zu ha­ben.

Viel­leicht kann man die­ses Ding mit der An­kün­di­gung ei­ner Ka­ta­stro­phe in Zu­sam­men­hang brin­gen (sie­he DFW’ Bei­spiel des Tor­na­dos). Der Er­zäh­ler lässt sie aber nicht ein­tre­ten, sagt nicht, um wel­che Ka­ta­stro­phe es sich han­delt, schiebt sie auf. Das Ding, als die Struk­tur die­ses Ro­mans, konn­te er, im Un­ter­schied zu Un­end­li­cher Spass, nicht schrei­ben. Der Au­tor hat­te für sie auch kein ma­the­ma­ti­sches Mo­dell, im Ge­gen­satz  zu Un­end­li­cher Spass, sei­nem zwei­ten Ro­man, für den er solch ein Mo­dell ge­fun­den hat­te. Das Schrei­ben der den Ro­man kon­sti­tu­ie­ren­den Tex­te und Er­zäh­lun­gen ge­nügt DFW nicht mehr. Aber ohne zu schrei­ben konn­te er nicht le­ben. Nicht das Schrei­ben oder das Ge­schrie­be­ne ist das „Sin­t­home“, son­dern die Struk­tur, die das Schrei­ben im Werk zu­sam­men­hält.

Die Fahrt nach Peoria

In DBK gibt es eine Fi­gur, die „Da­vid Wal­lace“ heißt. Sie be­haup­tet, der „le­ben­de Au­tor“ zu sein, was mit der fett­ge­druck­ten No­tiz „Au­tor hier“ an­ge­merkt wird. Da­vid Wal­lace wird aber auch in eine Dienst­stel­le des In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice, IRS, Il­li­nois, in Lake Ja­mes, ei­nem Vor­ort von Peo­ria, ein­tre­ten. Von ihm stammt das „Vor­wort des Au­tors“ (§ 9), in wel­chem er den Ti­tel „sei­nes“ Ro­mans er­klärt.15 Der § 24 han­delt auf sech­zig Sei­ten von der fast acht­stün­di­gen Bus- und Au­to­rei­se zwi­schen Phi­lo, dem Wohn­sitz der El­tern des Au­tors, und sei­ner An­kunft am IRS in Peo­ria. Da­vid Wal­lace di­stan­ziert sich zu Be­ginn von der „Zü­gel­lo­sig­keit“ des „Ab­schwei­fungs­kö­nigs“ Chris Fog­le, ei­nes sei­ner spä­te­ren Kol­le­gen. Der kommt schon in ei­ner ge­wöhn­li­chen Un­ter­hal­tung vom Hun­derts­ten ins Tau­sends­te, ein Aus­ufern sei­ner Rede, das sei­nen Kol­le­gen im­mer den Aus­ruf „Komm doch auf den Punkt!“ ent­lockt. Üb­ri­gens gibt es in die­sem Ka­pi­tel und im gan­zen Buch meh­re­re Leu­te die „ohne Punkt und Kom­ma“ spre­chen, so auch „Ms Neti-Neti“ eine Be­am­tin ira­ni­scher Ab­stam­mung, die Da­vid Fos­ter am IRS emp­fan­gen wird – wir wer­den noch se­hen wie.

Der Au­tor, also DW, be­ginnt mit ei­ner Re­fle­xi­on über das Ge­dächt­nis bei län­ger zu­rück lie­gen­den Be­ge­ben­hei­ten wie die­ser Rei­se, die im Mai 1985 statt­fand – sein Text dürf­te im Jahr 2006 ent­stan­den sein. „Mir geht es um Kunst, nicht um schlich­te Nach­er­zäh­lung. Was logor­r­hi­schen Kol­le­gen wie Fog­le nicht in den Kopf will, ist die Exis­tenz un­end­lich vie­ler ver­schie­de­ner Wahr­hei­ten, von de­nen ei­ni­ge un­ver­ein­bar mit den an­de­ren sind.“ Und wei­ter un­ten: „Sinn­voll, at­trak­tiv usw. wird eine Wahr­heit durch ihre Re­le­vanz, die ih­rer­seits au­ßer­ge­wöhn­li­ches Ur­teils­ver­mö­gen und Sen­si­bi­li­tät für Kon­text, Wert­fra­gen und über­ge­ord­ne­ten Sinn er­for­dert …“16.

Freuds be­merkt in Trau­er und Me­lan­cho­lie hin­sicht­lich der scho­nungs­lo­sen Selbst­kri­tik der Me­lan­cho­li­ker, dass die Me­lan­cho­li­ker „die Wahr­heit nur schär­fer er­fas­sen als an­de­re, die nicht me­lan­cho­lisch sind“17. An­ge­sichts ei­nes Dich­ters wie DFW soll­te man die Freud’sche Be­mer­kung auf mehr be­zie­hen als nur auf die Selbst­kri­tik, näm­lich auch auf das Den­ken zur Fra­ge: Was ist Wahr­heit? So denkt er z.B. im­mer wie­der dar­über nach, war­um die von die­ser Rei­se vor zwan­zig Jah­ren in sei­nem Ge­dächt­nis noch vor­han­de­nen Frag­men­te mehr An­spruch auf Wahr­heit er­he­ben kön­nen als z. B. rea­li­täts­treue Er­in­ne­run­gen.

Bei sei­ner Be­schrei­bung der Rei­se von Phi­lo nach Peo­ria er­hebt sich der Au­tor kei­nes­wegs über die sinn­li­che Welt, son­dern er zeigt, was ihm von die­ser zu­gleich wahr und re­le­vant er­scheint. So ist aus sei­nem Werk das In­ter­es­se an op­ti­schen Phä­no­me­nen nicht weg­denk­bar. Z. B. die Un­mit­tel­bar­keit des Son­nen­auf­gangs im mitt­le­ren Wes­ten, ei­nem Au­gen­blick, wo der Au­tor schon mit sei­nen Kof­fern auf sei­nen Bus war­te­te: „[Der Son­nen­auf­gang] ist un­ge­fähr so sanft und ro­man­tisch wie je­mand, der in ei­nem dunk­len Zim­mer ur­plötz­lich auf den Licht­schal­ter kloppt.“ Die Son­ne ist auf ein­mal da, die Mos­ki­tos ver­schwin­den und die Tem­pe­ra­tur steigt um 10 Grad an. Die­ser ab­rup­te Son­nen­auf­gang er­in­nert an das Ein­fal­len des Un­be­wuss­ten in die Dun­kel­kam­mer des Sub­jekts. La­can er­klär­te im Jahr 1967 vor ei­nem ita­lie­ni­schen Pu­bli­kum, dass das Un­be­wuss­te nicht eine sanf­te Hel­le ist, kein „clair/obscur“, son­dern grell ein­fal­len­des Licht in die das Sub­jekt sym­bo­li­sie­ren­de Dun­kel­kam­mer.18 Die­se op­ti­schen Be­son­der­hei­ten von DFW’s Wahr­neh­mungs­feld ge­hö­ren zu sei­nem Schrei­ben wie Orte und Land­schaf­ten bei an­de­ren Dich­tern – und man fin­det sie üb­ri­gens auch bei Adal­bert Stif­ter. In dem ei­nem Traum ge­wid­me­ten § 23 fin­den Sie z. B. den Satz, den eine der Ro­man­fi­gu­ren sagt: „Ich sah aus dem Fens­ter, sah aber nur das Glas, nichts da­hin­ter.“19 Die­ser Satz ge­hört nicht mehr zum Traum, son­dern zur Be­schrei­bung des „Über­drus­ses“ der­sel­ben Fi­gur, die von ei­nem ih­rer Sonn­tag­nach­mit­ta­ge in ih­rer Fa­mi­lie spricht. Der Au­tor lebt in kei­ner Traum­welt, son­dern in ei­ner Rea­li­tät, in der er Über­schüs­se oder Pri­va­tio­nen op­ti­scher Wahr­neh­mun­gen auf­nimmt, die of­fen­sicht­lich aus der so­zi­al ge­steu­er­ten Wirk­lich­keit aus­ge­blen­det wer­den. Die Fi­gur Da­vid Wal­lace, „Au­tor hier“, ver­trägt Räu­me nicht, de­ren Lam­pen kei­ne Schat­ten zu­las­sen. Er könn­te sich bei die­sem schat­ten­lo­sen Licht um­brin­gen! Das spek­ta­ku­lärs­te Phä­no­men im vi­su­el­len Be­reich fin­det man in Un­end­li­cher Spaß20, als Ma­ra­the (ein Dop­pel-Agent der As­sas­sins des Fau­teuils Rou­lents, ei­ner Ter­ro­ris­ten-Grup­pe der Que­be­cer Un­ab­hän­gig­keits-Be­we­gung) bei Son­nen­un­ter­gang auf ei­ner Fels­na­se über der So­no­ra-Wüs­te vor Tus­con ei­nen ge­wis­sen M. Hugh Stee­p­ley er­war­tet (sei­nen Kon­takt­mann bei den mit Me­xi­ko zu­sam­men­ge­schlos­se­nen Ver­ei­nig­ten Staa­ten – oder soll­te man Kon­takt-Frau sa­gen? Stee­p­ley ist näm­lich Drag­queen):

Als das schwin­den­de Licht hin­ter ihm in ei­nem im­mer spit­ze­ren Win­kel schien, ver­grö­ßer­te und ver­zerr­te das von Goe­the wohl­be­kann­te Bro­cken­ge­spenst-Phä­no­men sei­nen Schat­ten weit übers Land, so­dass die Hin­ter­rad­spei­chen des Roll­stuhls gi­gan­ti­sche Ster­nen­schat­ten über vol­le zwei Coun­ties war­fen….“

Wo­mit wir auch gleich bei den Ge­spens­tern wä­ren. In DBK sitzt nicht nur ein to­ter Re­gio­nal-Steu­er­prü­fer vier Tage lang un­ter sei­nen le­ben­den Kol­le­gen, son­dern auch ein Ge­spenst an der Sei­te ei­nes von ih­nen.

Die Fahrt im Bun­des­staat Il­li­nois, in dem der Au­tor ja auf­ge­wach­sen war, ge­hört si­cher nicht zu den au­ßer­ge­wöhn­li­chen Rou­ten oder Es­ka­pa­den, die man aus der Li­te­ra­tur kennt. Sie be­an­sprucht nicht ein­mal die Sze­ne­rie ei­nes Road­mo­vies. Und trotz­dem bringt das, was DFW aus ihr macht, et­was von den gro­ßen My­then und li­te­ra­ri­schen Wer­ken zum Schwin­gen, wie z.B. Kaf­kas Ver­schol­le­nen. Nicht dass der 20jäh­ri­ge aus sei­ner Fa­mi­lie ver­stos­sen wor­den wäre, aber er be­kommt kei­nen warm­her­zi­gen Ab­schied und scheint mit sei­ner Fahrt ins IRS sei­ne Ju­gend ab­zu­schlie­ßen. Die Sei­nen trau­ern ihm nicht nach, er war ih­nen eine Last. Er macht sich dann auf den Weg ei­ner au­ßer­or­dent­li­chen Ent­frem­dung, be­gibt er sich doch ins Herz der ame­ri­ka­ni­schen Bü­ro­kra­tie, in der al­les ra­tio­na­lis­tisch ab­lau­fen soll­te, aber in Wirk­lich­keit ein selt­sa­mes Cha­os herrscht. Da­vid Wal­lace, der Au­tor, „hass­te und fürch­te­te die Bü­ro­kra­ti­en“ üb­ri­gens „wie die meis­ten Ame­ri­ka­ner“ und stellt sich das Re­gio­nal­prü­fungs­zen­trum „als eine ur­bü­ro­kra­ti­sche Ver­si­on von Kaf­kas Schloss vor“21.

Die­ses Ziel wird Da­vid Wal­lace aber erst nach ei­ner vier­stün­di­gen Bus­fahrt ohne Kli­ma­an­la­ge und ohne be­nutz­ba­re Toi­let­ten und dann nach ei­ner eben­so lan­gen Fahrt in ei­nem IRS-ei­ge­nen Grem­lin er­rei­chen, bei der er ne­ben ei­nem Schweiß­trie­fen­den Kan­di­da­ten sitzt. Trotz der Hit­ze schien kei­ner sei­ner Mit­rei­sen­den je auf die Idee ge­kom­men zu sein, den Man­tel aus­zu­zie­hen oder die Kra­wat­te zu lo­ckern. Bei die­ser Fahrt pas­siert nichts als das Un­be­ha­gen in der Kul­tur in den Wirr­nis­sen des ame­ri­ka­ni­schen Mit­tel­wes­tens, das der „Au­tor“ ohne Pa­thos, je­doch in sei­ner gan­zen Un­er­träg­lich­keit no­tiert. Die Stadt Peo­ria wird z.B. als die „Wie­ge des Sta­chel­drahts“ vor­ge­stellt. Die für die Si­cher­heit von Far­men wer­ben­den Pla­kat­wän­de, die er durch das Au­to­fens­ter sieht, er­in­nern ihn mit Iro­nie an fol­gen­den Zwi­schen­fall: „Bei ei­nem Wir­bel­sturm im April 1987 (…) lös­te sich ein Teil ei­ner sol­chen Farm­früh­lings­si­cher­heit-Pla­kat­wand, wir­bel­te durch die Luft und hät­te um ein Haar ei­nen So­ja­boh­nen-Bau­er ge­köpft“22. Hie­ro­ny­mus Bosch im Zeit­al­ter des Ka­pi­ta­lis­mus! Da­vid Wal­lace lei­det un­ter ei­ner äu­ßerst stig­ma­ti­sie­ren­den Haut­krank­heit und er kann uns nicht den brei­ten Fä­cher der mit­lei­di­gen, an­ge­ekel­ten oder flie­hen­den Bli­cke der Mit­rei­sen­den er­spa­ren, un­ter an­de­rem den Blick ei­nes klei­nen an in­fek­tiö­sem Ei­ter­g­rind lei­den­den Jun­gen, des­sen Kör­per­kon­takt er fürch­tet. Der grim­mi­ge Hu­mor, mit dem der „Au­tor“ die Be­stan­d­auf­nah­me der von der Zi­vi­li­sa­ti­on rui­nier­ten Städ­te und Land­schaf­ten skan­diert, be­wahrt ihn vor der selbst­ge­rech­ten Ges­te des An­klä­gers ohne Man­dat. Was er tut, ist un­ge­mein ef­fi­zi­en­ter: die Zu­sam­men­füh­rung des ent­frem­den­den Ein­tritts ei­nes Sub­jekts in die Ma­schi­ne der Bü­ro­kra­tie und sei­ne Fahrt durch das was­te land , zu dem sei­ne Um­ge­bung ge­wor­den ist. Ge­ra­de weil der Au­tor der Welt, in der er le­ben muss, nur sei­ne ei­ge­nen kri­ti­schen Wahr­neh­mun­gen ge­gen­über­stellt, ist man als Le­ser ge­neigt, in sei­ner Rei­se, ih­rem Ziel und der Wirk­lich­keit, die er wahr­nimmt, mehr als nur die Un­ord­nung der Welt zu er­ken­nen. Ge­nau weil die Fi­gu­ren in DBK kei­ne Hel­den und nicht ein­mal loo­ser sind, fra­gen wir uns, was sie uns ei­gent­lich sol­len.

Die auf­ge­ge­be­nen und dann gen­tri­fi­zier­ten In­nen­städ­te, die ob­so­le­ten Wer­be­ta­feln vor der Land­schaft und der Bus­bahn­hof mit sei­nen Ob­dach­lo­sen bil­den also die Ku­lis­sen die­ser Rei­se. Die Qual der Hit­ze in den Fahr­zeu­gen wird durch das Ver­kehrs­cha­os auf den Zu­fahrts­stra­ßen zum IRS ver­län­gert, der Stau führt zu ei­nem „Ver­kehrs­in­farkt“, den die „bü­ro­kra­ti­sche Idio­tie“ auf dem Ge­wis­sen hat. Der Au­tor brei­tet in sei­nem Text ei­nen In­ven­tar der ar­chi­tek­to­ni­schen Fehl­leis­tun­gen der Er­bau­er der Steu­er­prüf­zen­tren dar, um zu zei­gen, wie sehr sie zum Traf­fic­jam bei­tra­gen. Je­mand nennt die lo­gis­ti­schen Maß­nah­men zum Emp­fang al­ler neu ins Zen­trum Auf­ge­nom­me­nen eine „Des­ori­en­tie­rung“. All die­se Fehl­funk­tio­nen in­spi­rie­ren Da­vid Wal­lace zur Be­schrei­bung mensch­li­chen Ver­hal­tens bei ei­ner von ei­nem Brand aus­ge­lös­ten Mas­sen­pa­nik.

Die stren­ge Ord­nung, die von den Re­geln ei­nes Steu­er­prüf­zen­trum des In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice in Peo­ria er­war­tet wird, be­schränkt sich nur auf die Dis­zi­pli­nie­rung der Neu­an­kömm­lin­ge, die mit ih­rem gan­zen Ge­päck in der Hit­ze Schlan­ge ste­hen müs­sen, um ih­ren Dienst­aus­weis über­reicht zu be­kom­men.

Die Verwechslung

Doch an die­sem Punkt scheint Da­vid Wal­lace vom Schick­sal be­vor­zugt zu wer­den. Schon vom Auto aus sah er eine exo­tisch aus­se­hen­de Frau ein Schild mit sei­nem Na­men hoch hal­ten, was sei­nem Nar­ziss­mus na­tür­lich nur zu­träg­lich sein konn­te. Er war über die­se Be­vor­zu­gung umso er­staun­ter, als er we­gen der Ver­kehrs-Ver­stop­fung um meh­re­re Stun­den zu spät im Zen­trum an­ge­kom­men war. Ms F. Chah­la Neti-Neti, aus dem Iran stam­mend, emp­fing ihn dazu noch mit den Wor­ten: „Ihr Ruf eilt Ih­nen vor­aus“ und „Wir sind äus­serst er­freut, dass Sie sich ent­schie­den ha­ben, die­se Stel­le an­zu­neh­men.“ Aber emp­fängt eine so ein­schüch­tern­de In­sti­tu­ti­on ei­nen An­fän­ger auf die­se Wei­se?

Der Au­tor ist be­un­ru­higt, „dass (sein) Ruf ihm ‚vor­aus­ei­len‘ soll­te“23, und von die­sem Emp­fang, der ihm nach dem „Misch­masch aus Ver­wir­run­gen, Miss­ver­ständ­nis­sen und Pat­zern“ be­rei­tet wur­de. Man kann nicht um­hin, da­bei an den Land­ver­mes­ser K zu den­ken, der im Dorf un­ter Kaf­kas Schloss von nie­man­dem er­war­tet wird. Ms. Neti-Neti führt ihn durch ein La­by­rinth von Gän­gen, von de­nen aus er in die Ar­beits­sä­le des Zen­trums schau­en kann, wo trotz der dort be­schäf­tig­ten Men­schen­grup­pen ab­so­lu­te Stil­le herrscht, die er eher mit Lee­re as­so­zi­iert hät­te. Der Le­ser die­ser Pas­sa­ge kann sich nicht des Ge­fühls er­weh­ren, es hand­le sich bei die­sen Men­schen in den Ar­beits­sä­len um „Un­to­te“. Die­ser Marsch, bei dem Da­vid Wal­lace sei­nen schwe­ren Kof­fer tra­gen muss – den zwei­ten hat­te er er ir­gend­wo ste­hen ge­las­sen –, hat das Büro ei­nes der rang­höchs­ten Be­am­ten des IRS zum Ziel, dem er vor­ge­stellt wer­den soll. Er denkt da­bei an sei­ne Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen, die mit der stil­len Ar­beit in den Sä­len über­haupt nicht ver­ein­bar wäre. Wenn er in ei­ner Bi­blio­thek ar­bei­te­te, muss­te er im­mer wie­der von sei­nem Platz auf­ste­hen, „her­um­zap­peln“, aufs Ge­ra­te­wohl ei­nen Band aus den Re­ga­len neh­men, „und mei­net­we­gen et­was über Durk­heims Theo­rie des Selbst­mords le­sen“24. Ms Neti-Neti schwatzt ihm die gan­ze Zeit über ein Loch in den Bauch, und der Weg an ver­wir­ren­den Weg­wei­sern vor­bei ver­stärkt noch „das Ge­fühl kom­plet­ter Des­ori­en­tie­rung“.

Da stellt sich her­aus, dass ihn die Per­so­nal­ab­tei­lung „mit ei­nem ganz an­de­ren Da­vid Wal­lace ver­wech­selt hat­te, näm­lich ei­ner er­fah­re­nen Ka­pa­zi­tät in Im­mer­si­ons­prü­fung aus ei­nem an­de­ren Re­gio­na­len Prü­fungs Zen­trum“. Die­se Ka­pa­zi­tät woll­te man un­be­dingt in Peo­ria ha­ben und ver­an­lass­te ihre Ver­set­zung durch al­ler­lei In­tri­gen. So gab es also nicht ei­nen, son­dern zwei Da­vid Wal­lace! Die pein­li­che Ver­wechs­lung be­ruh­te aber nicht auf mensch­li­chem Ver­sa­gen, son­dern auf ei­nem Com­pu­ter­pro­blem, das der Au­tor25 in ei­nem an­dern Ka­pi­tel für den Le­ser aus­ein­an­der­drö­selt. Je­den­falls führ­te der Ma­schi­nen­feh­ler zu ei­ner Rei­he von Pein­lich­kei­ten und Miss­ver­ständ­nis­sen. So er­hielt z. B. der er­war­te­te Da­vid Wal­lace, also die Ka­pa­zi­tät, an je­nem un­glück­li­chen Tag nicht ein­mal sei­nen Dienst­aus­weis, war die­ser doch schon dem un­be­deu­ten­den Da­vid Wal­lace, „Au­tor hier“, aus­ge­hän­digt wor­den. Und der un­be­deu­ten­de Da­vid Wal­lace hat­te alle Mühe, am dar­auf fol­gen­den Tag sei­nen frist­lo­sen Hin­aus­wurf oder zu­min­dest ein Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren ab­zu­wen­den, bis man end­lich die Quel­le des Irr­tums in ei­ner fal­schen Pro­gram­mie­rung ent­de­cken konn­te.

Desorientierung

Ich lese DBK und ins­be­son­de­re die Rei­se des Da­vid Wal­lace als ein Ge­gen­stück zu On the Road von Jack Ke­rou­ac, auch als eine Anti-In­itia­ti­on und eine Ent­sub­li­mie­rung von Kaf­kas Schloss. Aber wozu ? Um Hin­wei­se auf das ge­heim­nis­vol­le Lei­den der Me­lan­cho­lie zu be­kom­men, das doch schon Dich­ter wie Kleist, Ner­val und Stif­ter, Syl­via Plath und seit 2008 auch Da­vid Fos­ter Wal­lace auf dem Ge­wis­sen hat. Die­se Dich­ter wuss­ten mehr über das, wor­an sie zer­bra­chen, als die Psych­ia­ter und Ana­ly­ti­ker, was nun wie­der nicht hei­ßen soll, dass Freuds oder etwa Binswan­gers Ar­bei­ten zur Me­lan­cho­lie nicht ge­le­sen wer­den müs­sen.

Da­vid Wal­lace, der Au­tor, schreibt ex­pe­ri­men­tel­le Li­te­ra­tur in die­sem § 24, wenn er das, was er mit ei­nem Kol­le­gen „Des­ori­en­tie­rung“ nennt, schrift­lich nach­zeich­net. Er hät­te ja auch eine geo­gra­phi­sche Kar­te an­le­gen kön­nen, um das aus den fal­schen Stra­ßen­bau­ten und Ver­kehrs­re­ge­lun­gen ent­stan­de­ne Wirr­warr gra­phisch dar­zu­stel­len. Und da­bei sind wir schon bei der Lan­ge­wei­le. DFW wid­met ihr ja in die­sem Buch vie­le Re­fle­xio­nen.

Der rea­lis­ti­sche, aus Me­to­ny­mi­en zu­sam­men­ge­bau­te Ro­man kann ja lang­wei­lig sein. Aber DFW be­gnügt sich nicht da­mit, ein Pasti­che die­ser Ro­man­form zu schrei­ben. Sei­ne fast-ho­mo­ny­me Au­to­ren-Fi­gur Da­vid Wal­lace führt uns mit sei­ner Be­schrei­bung der zum Ver­kehrs­zu­sam­men­bruch füh­ren­den Stadt­land­schaft in die Irre. Wir wis­sen nicht mehr, wo wir sind, kön­nen uns die Ge­ge­ben­hei­ten um Peo­ria nicht gar nicht vor­stel­len. Der fran­zö­si­sche Re­gis­seur Bru­no Du­mont sagt: „Durch Lan­ge­wei­le ent­steht auch et­was – eine an­de­re Er­fah­rung, die den Sinn für De­tails schärft.“ Aber DFW will in sei­nem Ro­man nicht be­leh­ren, son­dern et­was er­klä­ren. Da­her un­ter­bricht er die Lan­ge­wei­le im­mer wie­der mit ih­rem Ge­gen­teil – Witz und Hu­mor, die man we­der bei Kleist noch bei Ner­val und höchs­tens un­frei­wil­lig bei Stif­ter fin­det. Wenn der Jun­ge mit dem Ei­ter­g­rind Da­vid Fos­ter so un­barm­her­zig in sein von Akne ver­un­stal­te­tes Ge­sicht schaut, kommt dem Le­ser die Sze­ne aus ei­nem Film von W. C. Fiel­ds in Er­in­ne­rung, wo dem al­ten Ko­mi­ker et­was Ähn­li­ches mit ei­nem fre­chen Kna­ben pas­siert, der auf sei­ne Al­ko­ho­li­ker­na­se schaut. Die Un­ter­bre­chung der Lang­wei­le durch Hu­mor be­lohnt uns für un­ser Durch­hal­ten bei der Lek­tü­re de­tail­lier­ter Be­schrei­bun­gen durch das, was La­can eine „Mehr­lust“ (plus-de-jouir) nennt. Das er­laubt dem Au­tor auch, sich in die Lan­ge­wei­le zu ver­tie­fen. Wenn DFW uns aber die Lan­ge­wei­le der jun­gen Steu­er­prü­fer beim Le­sen der Steu­er­erklä­run­gen na­he­bringt, be­steht er dar­auf, dass sie von kei­ner Un­ter­bre­chung pro­fi­tie­ren. Die­se un­un­ter­bro­che­ne Lan­ge­wei­le er­zeugt höl­li­sche Schmer­zen und Sym­pto­me. Die Zeit kol­la­biert mit der Wie­der­ho­lung des Glei­chen. Wir aber wür­den es nicht aus­hal­ten, vom „Au­tor“ auf den We­gen sei­ner Des­ori­en­tie­rung wei­ter ge­führt zu wer­den, wenn er sei­ne Er­zäh­lung nicht mit Hu­mor un­ter­brä­che.

Die zeit­li­che Struk­tur des Ro­man­ab­laufs ist schon sehr ei­gen­ar­tig. Der Ro­man be­ginnt mit dem Vor­le­ben sei­ner Fi­gu­ren aus der „Grup­pen­kon­stel­la­ti­on“. Dann strö­men sie, wie aus Reue, oder aus Ver­zicht auf ihr zü­gel­lo­ses Vor­le­ben, im Steu­er­prüf­zen­trum des IRS von Peo­ria zu­sam­men, wo sie dann mit­ein­an­der und zu ih­ren Vor­ge­setz­ten in Be­zie­hung ge­setzt wer­den. Soll­ten sie nicht aus dem zer­split­ter­ten Ich ih­res Au­tors kom­men? Im Un­ter­schied zu Dos­to­jew­skis Ro­ma­nen er­le­ben sie die Höl­le oder das Fe­ge­feu­er nicht in ih­ren Aben­teu­ern, son­dern nach ih­rem Ver­zicht auf ihre Aben­teu­er.

Doppelter Identitätsverlust

Da­vid Wal­lace ge­rät auf dem Weg ins In­ter­nal Re­ve­nue Cen­ter in die Ma­schi­ne­rie der Ent­frem­dung. Ei­gent­lich fährt er ja nur des­halb dort­hin, weil er li­te­ra­ri­sche Am­bi­tio­nen hat und da­her „mit der Uni aus­setz­te und im Steu­er-Prüf-Zen­trum Mitt­le­rer Wes­ten jobb­te“26. Er steht vor ei­ner Le­bens­wahl. So heißt es in ei­ner Fuß­no­te des „Vor­worts des Au­tors“27: „Iden­ti­täts­mä­ßig gleicht der Ein­tritt in den Ser­vice ei­ner Wie­der­ge­burt28.

Im Lich­te des § 24, der sei­nen Ein­tritt dann dar­stellt, darf man wirk­lich von „Wie­der­ge­burt“ spre­chen, denn die­se rea­le Ent­frem­dung ist eine Wie­der­ho­lung des­sen, was beim Ein­tritt des Sub­jekts ins Reich der Spra­che pas­siert. Das Sub­jekt wird da­bei mar­kiert, wäh­rend der Neu­an­kömm­ling im IRS eine mit 9 be­gin­nen­de So­zi­al­ver­si­che­rungs­num­mer er­hält. Die­se 9 ge­hört aber nicht ihm oder ihr, son­dern be­sagt, dass er oder sie im IRS ar­bei­tet oder ge­ar­bei­tet ha­ben. Die Steu­er­erklä­rung die­ses Sub­jekts wird im­mer ge­trennt kon­trol­liert wer­den, auch längst nach­dem er/sie das IRS ver­las­sen hat. Die nicht ihm ge­hö­ren­de 9 ist also die Mar­ke seiner/ihrer Ent­frem­dung.

 Das „Vor­wort des Au­tors“ ge­nießt den „Haf­tungs­aus­schluss“, der da sagt: „Die in die­sem Buch be­schrie­be­nen Fi­gu­ren und Er­eig­nis­se sind fik­tiv.“ Doch der Au­tor stellt fest, dass er die­sen Rechts­schutz braucht, um den Le­ser da­von in Kennt­nis zu set­zen, „dass das Fol­gen­de in Wahr­heit kei­nes­wegs Fik­ti­on son­dern sub­stan­ti­ell wahr und zu­tref­fend ist“. Nur da­durch kann er schrei­ben, was er schrei­ben wird, denn der Satz, der be­haup­tet, al­les nach dem Vor­wort – und in die­sem Buch so­gar schon vor ihm – Kom­men­de sei wahr, ist ja Fik­ti­on. Mit dem, was er vor und nach dem Vor­wort schreibt, kann er also auch die Un­wahr­heit sa­gen! Man kann da­her dem Au­tor nicht die Wahr­hei­ten vor­wer­fen, die er ‚um das Vor­wort her­um‘ sagt.

DBK habe in Tat und Wahr­heit mehr mit ei­ner „Au­to­bio­gra­fie (zu tun), als mit ei­ner aus­ge­dach­ten Ge­schich­te“29, be­haup­tet Da­vid Wal­lace, „Au­tor hier“. Es gibt da also ein Le­ben, und ein Le­ben ver­langt ab ei­ner ge­wis­sen Kom­ple­xi­tät auch ge­bo­ren zu wer­den. Der „Au­tor“30 Da­vid Fos­ter, wird also in den Blei­chen Kö­nig hin­ein ge­bo­ren, von dem die Fik­ti­on des Vor­worts mit „ei­nem ver­drieß­li­chen Pa­ra­dox“ sagt, dass er auf kei­nen Fall ‚nur‘ eine Fik­ti­on sei. Der „Au­tor“ be­steht nicht nur dar­auf, dass DBK kei­ne Fik­ti­on sei, son­dern, dass nur der Haf­tungs­aus­schluss eine ist.

Stumpfsinn, Geheimnis, Schmerz

Peo­ria liegt nur 150 km von Phi­lo ent­fernt und den­noch be­haup­tet Da­vid Fos­ter, dass er eine Rei­se ins Exil an­trat. War­um? Wozu tausch­te er sein Grund­stu­di­um an ei­ner Eli­te-Uni­ver­si­tät ge­gen „ei­nen der ödes­ten und droh­nen­mä­ßigs­ten Bü­ro­jobs von ganz Ame­ri­ka“ aus? Er war noch auf sei­ner Uni­ver­si­tät, als eine Ban­de rei­cher Stu­den­ten ei­ni­ge sei­ner Se­mi­nar­ar­bei­ten pla­gi­ier­te. Ihr Be­trug flog auf, sie wur­den nur mä­ßig be­straft, aber er war in den Ver­dacht ge­ra­ten, ih­nen sei­ne Ar­beit für ih­ren Schwin­del zur Ver­fü­gung ge­stellt zu ha­ben und muss­te bis zum Ab­schluss der Er­mitt­lun­gen ge­gen ihn zu sei­nen El­tern zu­rück­keh­ren. So be­schloss er, ins In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice auf der un­ters­ten Stu­fe ein­zu­tre­ten. Er büß­te für et­was, das er nicht ge­tan hat­te31 und die er­lit­te­ne Un­ge­rech­tig­keit trieb ihn ins Exil. Sei­ne El­tern hiel­ten ihn nicht zu­rück.

War­um war die­ser Schritt so ver­häng­nis­voll? Nicht weil die mäch­tigs­te Steu­er­be­hör­de der Welt eine un­in­ter­es­san­te In­sti­tu­ti­on wäre! Ge­ra­de Mit­te der Acht­zi­ger­jah­re wur­de sie von öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen De­bat­ten ge­rüt­telt, die ei­nen jun­gen In­tel­lek­tu­el­len fas­zi­nie­ren konn­ten. We­gen der Bri­sanz ih­rer Ma­te­rie und der an­ste­hen­den Re­for­men galt es aber, das Pu­bli­kum von die­sem Wis­sen aus­zu­schlie­ßen. Ge­heim­hal­tung hät­te zehn Jah­re nach dem Wa­ter­ga­te-Skan­dal nur die Neu­gier der Jour­na­lis­ten an­ge­lockt. So er­fand man ei­nen viel ef­fi­zi­en­te­ren Schutz ge­gen even­tu­el­les Wis­sen­wol­len: den Stumpf­sinn in den Ak­ten, wo die De­bat­ten und Ent­schei­dun­gen für den Über­gang zum neu­en IRS nie­der­ge­legt wur­den, und die DFW für sein Buch, so­wie DW in die­sem Buch, stu­dier­te.

Nie­mand au­ßer dem Au­tor konn­te oder woll­te die­sen Schutz­wall des Stumpf­sinns durch­drin­gen. Die­ser wur­de zur Ar­beits­be­din­gung im IRS, die Da­vid Wal­lace er­war­te­te. „Das Zeug war geist­tö­tend.“ Statt Ge­heim­nis also Stumpf­sinn.32 Und Stumpf­sinn, sagt der Au­tor, „ist eine un­über­wind­li­che Hür­de für die ihm so teu­re Auf­merk­sam­keit“33. Das Stump­fe an ihm ist „schmerz­haft“. Man spricht von „tod­lang­wei­lig“, „un­er­träg­lich öde“. Da­vid Wal­lace schlägt fol­gen­de Hy­po­the­se vor: Es steckt et­was hin­ter dem Stumpf­sinn. Wir „as­so­zi­ie­ren ihn mit psy­chi­schem Schmerz, weil Stump­fes oder Schlei­er­haf­tes nicht ge­nug An­reiz bie­tet, um uns von ei­nem an­de­ren, tie­fe­ren Schmerz ab­zu­len­ken, der uns im­mer be­glei­tet, und sei es nur auf un­ter­schwel­li­ge Wei­se…“34. Aber wir wol­len die­sen (tie­fe­ren) Schmerz ein­fach nicht zur Kennt­nis neh­men.35 Die meis­ten von uns ver­wen­den ihre ganz Zeit und En­er­gie dar­auf, die­sen Schmerz nicht zu spü­ren. Dann zählt der Au­tor ei­ni­ge Gad­gets des Jah­res 2005 auf – Han­dys, iPods, de­bi­le Mu­sik in War­te­zim­mern etc. –, die uns von der Stil­le ab­len­ken, denn sie könn­te ja den Schmerz durch­si­ckern las­sen. Es gehe uns um et­was ganz an­de­res als um In­for­ma­ti­on, ob­wohl wir dau­ernd von ihr re­den und sie ver­wen­den. Wäh­rend sei­ner Zeit im Ser­vice habe er das Ge­län­de der Lang­wei­le durch­quert und er­kannt, dass Stumpf­sinn „für le­ben­de Men­schen kein The­ma ist“ 36. Hin­ter ihm ste­cke aber weit­aus mehr, das lie­ge di­rekt vor un­se­ren Au­gen, blei­be aber „sei­ner Grö­ße we­gen ver­bor­gen“. Hier knüpft die Enor­mi­tät, der Gi­gan­tis­mus des Stupf­sinns an das Phä­no­men der Wir­bel­stür­me in den Ebe­nen des Mit­tel-Wes­tens an.

Da­vid Wal­lace, der Au­tor, spricht von sei­nem „Ein­tritt ins Ser­vice“ als ei­ner iden­ti­täts­mä­ßi­gen „Wie­der­ge­burt“. Als er sich im Mor­gen­grau­en in Phi­lo, sei­ner Hei­mat­stadt, auf­macht, er­lebt er die Plötz­lich­keit des Son­nen­auf­gangs wie an je­dem frü­hen Mor­gen im mitt­le­ren Wes­ten.

Er er­wacht und er­blickt auch das Licht der Welt, wie sie (jetzt) ist. Er will wis­sen und dazu lässt er sich in das ein­ver­lei­ben, was man fast ei­nen Leich­nam nen­nen muss, den Kör­per des Blei­chen Kö­nigs, den er mit sei­ner „Au­to­bio­gra­phie“ zum Le­ben er­weckt. Er be­zeich­net des­sen Schutz­schild und sei­ne un­über­wind­ba­re Hür­de ge­gen die Auf­merk­sam­keit, ge­gen das Wis­sen der Wahr­heit, als Stumpf­sinn, vor dem wir zu­rück­schre­cken, weil er schon „schmerz­haft“ ist, weil hin­ter ihm „psy­chi­scher Schmerz“ lau­ert, den wir mit un­se­rer in­for­ma­ti­schen Zi­vi­li­sa­ti­on be­täu­ben und da­bei un­se­re Um­welt zer­stö­ren. DFW hat­te kei­ne Wahl: er muss­te er­ken­nen, was kein für die Neu­gier­de, den Wiss­trieb, at­trak­ti­ves Ge­heim­nis sein darf, son­dern vor un­se­ren Au­gen im Ver­bor­ge­nen liegt. Da­für muss­te er sein Le­ben hin­ge­ben.

Sei­ne Fi­gur, Da­vid Wal­lace, er­leb­te also eine dop­pel­te Ent­frem­dung. Ur­sa­che sei­nes Auf­bruchs in den In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice war ja, dass man ihm stahl, was er ge­schrie­ben hat­te, und ihn dazu noch als Mit­wis­ser und Kom­pli­zen die­ser Tat be­zich­tig­te. Er konn­te nur von der Uni­ver­si­tät37 ge­hen. Wie ein Echo zu die­sem Miss­ver­ständ­nis der Au­to­ri­tät liest sich sein fal­scher Emp­fang am IRS, des­sen Ko­mik nicht ver­ken­nen lässt, dass Da­vid Wal­lace et­was spä­ter der Usur­pa­ti­on ei­nes Na­mens be­zich­tigt wird. Wäh­rend er bei sei­ner An­kunft Vor­schuss­lor­bee­ren ern­tet, lässt man ihn ei­nen Au­gen­blick spä­ter fal­len, und er er­kennt, dass er we­ni­ger als ein An­fän­ger ist, näm­lich ei­gent­lich ein Na­men­lo­ser, ein Nie­mand. Die Kon­tin­genz sei­ner Ge­schich­te bringt es mit sich, dass er mit ei­nem bös­gläu­bi­gen An­de­ren zu tun hat, der ihn von An­fang an des­ori­en­tie­ren wird, schon auf der Fahrt nach Peo­ria. Es han­delt sich nicht um das ma­lin gé­nie, mit des­sen Fik­ti­on Des­car­tes sein Co­gi­to kon­stru­iert, son­dern um ei­nen rea­len An­de­ren, der ihm sei­ne Exis­tenz ver­wei­gert.

Ur­he­ber­recht (Co­py­right) für die­sen Ar­ti­kel bei Franz Kal­ten­beck.

Über den Autor

Franz-Kaltenbeck Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pa­ris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire), Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se.und Mit­her­aus­ge­ber von Y – Re­vue für Pscho­ana­ly­se.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hören: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Da­vid Fos­ter Wal­lace: Dich­ter, Den­ker, Me­lan­cho­li­ker (In: Y – Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se, 1/2012);  Le­sen mit La­can. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Mi­cha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013); Da­vid Fos­ter Wal­lace au-delà du princi­pe de plai­sir (In: Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se, Nr. 15, 2012)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com
Web­site: franz-kaltenbeck-psychanalyste-psychotherapeute-paris-lille.fr

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Anmerkungen

  1. Die­ser Text wur­de auf Ein­la­dung von Pro­fes­sor Götz­mann im Sep­tem­ber 2016 auf ei­nem Work­shop der 3. Se­ge­ber­ger Psy­cho­so­ma­tik-Tage, „Macht und Ohn­macht des Rea­len“, vor­ge­tra­gen.
  2. Müt­ter in­ter­es­sie­ren sich manch­mal be­son­ders für die Ge­heim­nis­se ih­rer Söh­ne, und nicht nur dann, wenn die­se ih­nen schon als Her­an­wach­sen­de Sor­gen ma­chen. Die eine saß am Bett ih­res Soh­nes, um ihn nach ei­ner Blind­darm-Ope­ra­ti­on im Nar­ko­se-Schlaf noch re­den zu hö­ren; die an­de­re schick­te fünf Jah­re nach dem Ab­bruch ih­rer Ana­ly­se ih­rem Ana­ly­ti­ker das Pho­to ih­res drei­jäh­ri­gen Jun­gen, weil sie des­sen Schön­heit so fremd­ar­tig fand.
  3. Da­vid Fos­ter Wal­lace, Der blei­che Kö­nig. Ein un­voll­ende­ter Ro­man. Aus dem Eng­li­schen von Ul­rich Blu­men­bach. Köln, 2013, Kie­pen­heu­er und Witsch. S. 112. 
  4. Wäre die­ser Teil nicht das die Angst ver­ur­sa­chen­de Ob­jekt?
  5. Ibid., S. 114. 
  6. Auf­merk­sam­keit“ ist ein zen­tra­ler Be­griff in DFW’s Werk. 
  7. Ver­bum zu „Leck“ (voie d’eau), aus­rin­nen.
  8. Hier­her ge­hört als Fuß­no­te der schon zi­tier­te Satz: „Aber es gibt eben Ge­heim­nis­se in Ge­heim­nis­sen – im­mer.“
  9. Wie man wei­ter un­ten se­hen wird, ist der me­lan­cho­li­sche Schmerz viel schlim­mer als die Angst. 
  10. S. 108.
  11. S. 494.
  12. S. 595.
  13. Im § 44 liest man: „Ich er­kann­te, dass die heu­ti­ge Men­schen­welt eine Bü­ro­kra­tie ist. Das ist na­tür­lich eine Bin­sen­weis­heit, aber wenn man sie igno­riert, ver­ur­sacht das gro­ßes Leid.“ Und er führ­te sei­ne Rede mit der Fra­ge fort, wie man Bü­ro­kra­tie aus­hal­ten kön­ne: „Der Schlüs­sel, der der Bü­ro­kra­tie vor­aus­geht, ist die Fä­hig­keit, Lan­ge­wei­le aus­zu­hal­ten. Ef­fi­zi­ent in ei­nem Mi­lieu zu funk­tio­nie­ren, das al­les Vi­ta­le und Mensch­li­che aus­schließt. Ge­wis­ser­ma­ßen ohne Luft zu at­men.“ (S. 484) 
  14. Blu­men­bach in Der Blei­che Kö­nig, a.a.O., S. 8. 
  15. Der blei­che Kö­nig ist (…) eine Art be­ruf­li­che Au­to­bio­gra­fie. Er soll auch eine Bü­ro­kra­tie por­trä­tie­ren – wohl die wich­tigs­te Bun­des­bü­ro­kra­tie im ame­ri­ka­ni­schen All­tag – die im Be­richts­zeit­raum von un­ge­heu­ren in­ne­ren Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Ge­wis­sens­er­for­schun­gen er­schüt­tert wur­de…“ (S. 83)
  16. S. 291.
  17. In: Ge­sam­mel­te Wer­ke, chro­no­lo­gi­sche ge­ord­net. Bd. 10. Lon­don, 1949, Ima­go. S. 403–446. hier: S. 438. Freud fährt fort: „Wenn er sich in ge­stei­ger­ter Selbst­kri­tik als klein­li­chen, ego­is­ti­schen, un­auf­rich­ti­gen, un­selb­stän­di­gen Men­schen schil­dert, der nur im­mer be­strebt war, die Schwä­chen sei­nes We­sens zu ver­ber­gen, so mag er sich un­se­res Wis­sens der Selbst­er­kennt­nis ziem­lich an­ge­nä­hert ha­ben, und wir fra­gen uns nur, war­um man erst krank wer­den muß, um sol­cher Wahr­heit zu­gäng­lich zu sein.“ (DFW schrieb eine Ge­schich­te über ei­nen Mann, der sich laut­hals be­zich­tigt, ein Hoch­stap­ler zu sein.) 
  18. Jac­ques La­can, La mé­pri­se du su­jet sup­po­sé sa­voir. (À l’institut Français de Na­p­les, Le 14 Dé­cem­bre 1967). In: Ders., Au­tres Écrits. Pa­ris, 2001, Seuil. S. 334. 
  19. S. 285.
  20. 30. April – Jahr der In­kon­ti­nenz-Un­ter­wä­sche.
  21. S. 293.
  22. S. 310.
  23. S. 324.
  24. S. 328.
  25. Die Gleich­na­mig­keit der bei­den DW stellt eine für den Psy­cho­ti­ker ge­fähr­li­che Zwil­lings-Be­zie­hung im Sym­bo­li­schen her und kommt noch zu der Fast-Na­mens­gleich­heit zwi­schen DFW und dem von ihm ein­ge­setz­ten „Au­tor“ des Ro­mans hin­zu. So gibt es in die­sem Ro­man also: DFW auf dem Ti­tel­blatt, DW den Au­tor und DW, die Im­mer­si­ons-Ka­pa­zi­tät.
  26. S. 80.
  27. S. 79.
  28. Von mir, FK, kur­siv ge­setzt.
  29. S. 80. Da­vid Wal­lace er­klärt, dass er sei­ne ers­ten „fik­tio­na­len Tex­te“ für rei­che Stu­den­ten sei­ner Uni­ver­si­tät ver­fass­te. Kurz ge­sagt, er schrieb, wie DFW in der Wirk­lich­keit, ihre Dis­ser­ta­tio­nen und Haus­ar­bei­ten, um et­was Geld zu ver­die­nen. Er teilt dem Le­ser auch mit, dass man­che sei­ner Klau­su­ren oder Se­mi­nar­ar­bei­ten ohne sein Wis­sen pla­gi­iert wur­den, was un­ge­rech­ter Wei­se auch sei­ne Sus­pen­die­rung an der Eli­te-Uni­ver­si­tät, an der er stu­dier­te, nach sich zog. 
  30. Was die künst­le­ri­schen Am­bi­tio­nen und Prä­ten­tio­nen des „Au­tors“ be­trifft, sie­he DBK, S. 88. 
  31. Die sym­bo­li­sche Schuld, die je­des Sub­jekt mit sei­ner Ge­burt ein­geht, wird hier zur rea­len Schuld, die den Au­tor ver­folgt.
  32. Die Mäch­tig­keit die­ses Stumpf­sinn-Walls merkt man an un­ver­gleich­lich ge­fähr­li­che­ren Sys­te­men, wie der Ideo­lo­gie, die zum „Drit­ten Reich“ führ­te, oder je­ner, wel­che den is­la­mis­ti­schen Ter­ror mo­ti­viert. Nicht um­sonst schrieb Karl Kraus: „Zu Hit­ler fällt mir nichts mehr ein.“
  33. S. 101.
  34. Ibid.
  35. Bei „nor­ma­len“ Men­schen ist er ver­schlei­ert. Er scheint das quä­len­de Ge­heim­nis für DFW ge­we­sen zu sein. 
  36. S. 102.
  37. Das ist ja auch DFW wirk­lich pas­siert, als er in Har­vard bei Stan­ley Ca­vell eine Dis­ser­ta­ti­on ma­chen woll­te, sich aber statt­des­sen we­gen sei­nes Dro­gen­pro­blems ei­ner Ent­zie­hungs­kur un­ter­wer­fen muss­te.

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