Franz Kaltenbeck: Wiedergeburt zum Schlimmeren. David Foster Wallaces vergebliche Versuche, dem Existenzschmerz zu entkommen

billy-wilder-das-appartementDas Appartement, Regie: Billy Wilder, USA 1960

Abstract

Der amerikanische Autor behauptet, er habe mit Infinite Jest (Unendlicher Spaß) ein trauriges Buch schreiben wollen. Er wird aber, im Gegensatz zu seiner Behauptung, dem Titel seines Romans gerecht. Dass man seinen Humor schätzt, wenn man ihn liest, tut er mit der Bemerkung ab, Kafka habe auch lauthals gelacht, als er seine Geschichten seinen Freunden vorlas und doch seien diese oft traurig. Vielleicht ist es Wallace aber wirklich nicht gelungen, sein melancholisches Leiden, mit seinem Schreiben zu fassen und zu bändigen. Er konnte den Schmerz, der ihn umbrachte, dennoch klinisch beschreiben. Das, was Lacan „Sinthome“ nennt, nämlich die Verknüpfung künstlerischer Schöpfung mit einer das Subjekt vor dem psychotischen Abgrund rettenden Struktur, ist ihm zumindest in seinem letzten Roman, The Pale King (Der bleiche König) nicht gelungen. Was hatte sich da diesem mächtigen Schriftsteller in den Weg gestellt? Diese Frage wollen wir versuchen zu beantworten.

Schreiben, Struktur, Symptom

Die literarischen Werke, die uns etwas angehen, handeln von einem Stück Welt, einer Welt, und zugleich von ihrem Autor, der in dieser Welt ist.1 Natürlich muss der in seinem Werk nicht vorkommen, weder als Ich noch als Name. Aber etwas von ihm, von sich, hat er schon gesucht, als er so ein Werk schrieb. Sonst hätte er ja auch eine wissenschaftliche Arbeit schreiben können, aus der das Subjekt verbannt wird, wenngleich es manchmal sogar in einen logischen Beweis zurückgleiten kann, z. B. als das kreative Subjekt der Mathematik, das die Intuitionisten theoretisch erfassen wollten. Ihre Versuche interessierten Lacan, der vielleicht mit Georg Kreisel in den 1970er Jahren darüber gesprochen hatte.

Wenn aber ein Dichter von sich spricht, so tut er das nicht, weil er sich kennt oder kennen lernen will, sondern weil er ein Geheimnis hat, das er gar nicht kennt. Nicht, dass er besonders scharf darauf wäre, dieses Geheimnis zu finden. Es ist eher so, dass er an ihm leidet, weil andere merken, dass er eines hat und er zu einem Rätsel für sie wird.2

„Aber es gibt eben Geheimnisse in Geheimnissen“, steht in Fußnote 6 des § 13 von David Foster Wallaces unvollendetem Roman Der bleiche König (S. 117). Es geht um Cusk, eine Figur dieses Buches, der schon als Kind unter starkem Schwitzen litt. Der Erzähler schenkt diesem Symptom höchste Aufmerksamkeit. Cusks „zerrüttende öffentliche Schweißausbrüche“ machen ihm ab seiner Pubertät besonders zu schaffen, da sie besonders dann verstärkt wurden, wenn zu einem Schweißausbruch die Angst hinzutrat, die Schweißperlen auf seiner Stirn könnten außer Kontrolle geraten.3 Er sagte sich dann auf der Toilette eine Rede Franklin Roosevelts auf: Das Einzige, wovor wir Angst haben müssen, ist die Angst selbst. Aber das half nichts. Er geriet so nur in „ein endloses Spiegelkabinett der Ängste“ und fürchtete, verrückt zu werden. Er fühlte sich wie ein Verrückter, der „manisch“ über etwas Groteskes lachte, über einen Witz, der überhaupt keinen Sinn hatte. Nur wenn er beim Studium allein war oder sich in „Wortsuch- und Zahlenrätsel“ vertiefte, ging es ihm gut. Seine Angstanfälle entstanden „in einem Teil seiner selbst, (…) der ihn verletzte und verriet“4. Er entwickelte allerlei Tricks, um bei solchen Anfällen aus dem Klassenraum zu entkommen, ohne aufzufallen. Gelängen diese Tricks nicht, würden alle das groteske tropfende Bild anschauen, das er abgab.5 Er hatte den Albtraum, dass er in der letzten Reihe saß und es dem Lehrer auffiel, wie durchnässt er war und der Lehrer den Unterricht unterbrach, um ihn zu fragen, ob etwas nicht in Ordnung sei und alle ihn ansahen. Manchmal fiel in diesem Albtraum auch ein Spotlicht auf ihn, „Traumsymbol menschlicher Aufmerksamkeit“6, sagt der Erzähler, der dann den Traum vom Spotlicht mit der Freudschen Methode analysiert, nur dass er, und das ist weniger freudianisch, mehrere Deutungen vorschlägt: narzisstischer Wunsch, von den anderen wahrgenommen zu werden; oder der Traum sage, die fixe Idee des Jungen, von allen wie von einem Spot angeschaut zu werden, sei die „unmittelbare Leidensursache“; der Lehrer sei die Projektion seines „Selbstbildnisses“, wir würden sagen des Ich-Ideals, das in der Bedrängnis aufleuchte. Sein Symptom verbietet ihm, mit einem Mädchen auszugehen. Er isoliert sich und das Alleinsein beruhigt ihn, denn da kann er im Badezimmer versuchen, „einen Schweißausbruch auf Touren zu bringen“. Er sieht sich im Spiegel etwas traurig, „wie jemand, der im Regen vor einem Fenster steht und ins Trockene hineinsieht“. Dann erscheint er sich aber „auch wieder unheimlich und widerlich, als wäre sein heimlicher Wesenskern unheimlich und die Anfälle wären sein wahres Selbst, das buchstäblich leckte7 – aber nichts war im Badezimmer zu sehen, und sein Spiegelbild schien blind8 für alles, was er in ihm suchte“.

Entweder kannte DFW Freuds Texte zur Melancholie schon ab den frühen Briefen an Wilhelm Fließ sowie Lacans Bemerkung in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens und anderen Texten, dass das Objekt a im Spiegel nicht erscheint – eine Hypothese, der ich anhänge –, oder er war selbst ein großer Kliniker seines eigenen Leidens, der Melancholie. Er führt Cusks unzügelbare Schweißausbrüche nicht einfach auf Angst9 zurück, sondern interpretiert sie im Sinne des jungen Freuds als ein Leck im Ich, bei dem die narzisstische Libido ausfließt. Sein wahres Wesen – unheimlich und widerlich – kann Cusk im Spiegel nicht sehen.

DFW geht aber weiter! Am Ende des Buches finden Sie „Notizen und Randbemerkungen“ zum § 13 des Bleichen Königs (S. 591), die sich DFW bei seiner Arbeit machte. Und da deutet er dasselbe Symptom eines anderen Jungen auf seine Art: „Das Drachenbild bewacht immer eine Kostbarkeit.“ Schwer für mich zu sagen, wo im DBK von einem Drachenbild und einem anderen Jungen, der an Schweißausbrüchen leidet, die Rede ist, es sei denn, das wäre der Autor selbst als Knabe. Dann schreibt DFW weiter:

„All seinen endlosen Selbstbeobachtungen und Selbstanalysen zum Trotz hat dieser andere Junge die Schwitzanfälle nie als Form des Ganzkörperweinens oder der Trauer selbst durchschaut – ob nun über das Ende der Kindheit, die von der Gesellschaft verlangte Ichspaltung oder etwaige potenzielle Traumata und Entfremdungen. Der Ekel der anderen war eine krasse Projektion seines tiefsten Geheimnisses, das der Drache gleichzeitig bewachte und verkörperte – er kannte keine Gnade.“

Der § 13 beginnt mit dem Satz:

„In der Highschool lernte der Junge die schreckliche Macht der Beachtung kennen und wem man Beachtung schenkt.“10

Beachtung erzeugt ein Subjekt im positiven oder im negativen Sinn. Cusk, durch sein unkontrollierbares Schwitzen, will ihr dauernd entgehen. Das gelingt ihm auch. Nur in seinem Albtraum wird er vom Lehrer und dann von allen Mitschülern beachtet, so dass sich sogar ein Spot auf ihn richtet. Er ist befleckt, ja durchnässt und der Lichtkegel fällt auf ihn.

Aufmerksamkeit

Ganz im Gegensatz dazu die Aufmerksamkeit, die DFW ja in seinem ganzen Werk beschäftigt. Er lehrte ihre Wichtigkeit auch seine Studenten: sie sollten die Themen ihrer Geschichten dadurch finden, dass sie ihrer Umwelt Aufmerksamkeit entgegenbringen. Natürlich ist Aufmerksamkeit nicht nur ein komplexer, sondern auch ein zweideutiger Begriff. Der Analytiker z.B. hält sich nicht an das Gebot der freischwebenden Aufmerksamkeit, wenn er sich auf das vom Analysanten Gesagte krampfhaft konzentriert. In einem Kapitel von Unendlicher Spaß geht DFW von der gerade vermarkteten Videotelefonie aus. Eine geniale Erfindung hätte man gedacht. Tatsächlich kehrten die Leute aber gleich wieder zu den rein akustischen Telefonen zurück, weil sie erkannten, dass sie beim Telefonieren nicht mehr schalten und walten durften wie früher: beispielsweise etwas vor sich hin kritzeln, sich einen Pickel im Gesicht ausdrücken, Fingernägel lackieren, ein Haiku schreiben, usw. Zudem sahen sie an ihrem Gegenüber, wie unvorteilhaft sie selbst um 9 Uhr morgens aussehen mussten, mit ihren Tränensäcken und ihrer ungesunden Hautfarbe. Vor allem mussten sie sich nun ganz gezwungen aufmerksam geben. Aber der Markt wäre nicht der Markt, hätte er sich von dieser Abwendung der Käufer entmutigen lassen. Die Industrie erfand sofort Masken und andere plastische Vorrichtungen, die jeden in seiner besten Form erscheinen ließen. Und DFW macht sich eine Freude daraus, die Konsequenzen des Geschäfts mit solchen kosmetischen Operationen zu einer erträglichen Videotelefonie durchzuspielen. Niemand war jetzt noch er oder sie selbst, es gab mehr oder weniger gut gelungene Verwandlungen der Person, die Kommunikation hatte sich völlig verändert, war durch die mit der Videotelefonie einhergehenden Erfindungen doch klar geworden, dass es wirkliche Kommunikation nie gegeben hatte.

Oder nehmen Sie nur die Aufmerksamkeit, die das Hauptkriterium einer Anstellung bei einem Steuerprüfzentrum des Internal Revenue Service (IRS) der Vereinigten Staaten in den 1980er Jahren war. Jeder, der dort aufgenommen werden wollte, musste während seines ganzen Arbeitstages „maximale Aufmerksamkeit“ aufwenden, die eingelaufenen Steuererklärungen genau lesen, um herauszufinden, ob sie ehrlich oder betrügerisch ausgefüllt waren. Was diese Arbeit seinen Beamten auferlegt – unerträgliche Langeweile, Nackenkrämpfe, Depressionen etc. –, wird auf mehreren Seiten dargelegt und reflektiert.

Dann gibt es auch die Aufmerksamkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, z.B. jener zwischen Shane Drinion, einem eher gewöhnlichen Mann, und Meredith Rand, einer „grauenhaft schönen Frau“11 mit „unergründlichen grünen Augen, klassisch proportionierten Wangenknochen (und) einem porenfreien Alabastateint“. Drinion hört ihre lange Klage an. In einer der „Notizen“ schreibt der Autor:

„Was man Meredith Rand im IRS nachsagt: Sie ist schön, aber eine Jammertrine übelster Sorte, ohne Punkt und Komma, unerträglich im direkten Kontakt – man spekuliert, ihr Mann müsse ein Hörgerät haben, das er nach Belieben abschalte.“12

Diese ihre Seite geht aus dem Text des Romans nicht hervor. Man hat den Eindruck, dass Drinion sich gerade in sie verliebt. Was aber seine Aufmerksamkeit betrifft, so schwankt man, ob sie ehrlich oder gespielt ist. DFW hält diese Ambiguität ganz bewusst aufrecht.

Bei aller Bewunderung, die man dem weiten Spektrum von DFW’s Aufmerksamkeitsbegriff entgegenbringen wird, muss man doch darauf hinweisen, dass Aufmerksamkeit einem bei ihm fast auferlegt wird, als könnte sie nur angespannt erreicht werden. Aber ist nicht die wahre Aufmerksamkeit die unwillkürliche? Der Analytiker deutet und interveniert nur dann erfolgreich, wenn ihn plötzlich etwas im Diskurs des Analysanten aufhorchen lässt, ohne dass er gleich weiß, warum. Das Wissen kommt erst nachträglich und manchmal überhaupt nur, weil ihn der Analysant darauf aufmerksam gemacht hat, dass der Analytiker ihm vorher etwas Entscheidendes gesagt hatte. Diese unbewusste Aufmerksamkeit scheint in DFW’s Theorie zu fehlen. Es ist, als wäre er immer aux arguets, immer auf der Lauer, als müsste er fortwährend hinausschauen, ob der Feind kommt. Er ist sicherlich ein ermüdender Mensch gewesen.

Schließlich war er ja auch selbst ein Objekt der Aufmerksamkeit geworden: als berühmt gewordener Schriftsteller. Aber auch als Patient während seiner schweren Depressionen. Er appellierte manchmal an seine Eltern, damit sie ihm zu Hilfe kämen. Während der letzten Wochen seines Lebens, ließ seine Frau ihn kaum noch aus den Augen, und als das einmal doch vorkommen musste, nutzte er sein Alleinsein, um sich umzubringen.

Einteilung des Buches

Was nun die Langeweile betrifft, auf die wir noch zurück kommen müssen, besteht der Clou darin, dass DFW sehr spannend von ihr schreibt, selbst dann, wenn er auf Gelehrtes anspielt. Er erreicht die Größe Stifters, dessen Nachsommer zu den spannendsten Büchern gehört, obwohl es als eines der langweiligsten verschrien ist. Im DBK dekonstruiert DFW die metaliterarischen Ticks der amerikanischen Postmoderne, leistet es sich aber trotzdem, das Lesen zu persiflieren, wenn er im § 25 fast alle Steuerprüfer dasselbe tun lässt: „Chris Fogle blättert eine Seite um. Howard Cardwell blättert eine Seite um. Ken Wax blättert eine Seite um.“ Man fühlt sich in den Sechsten Sinn Konrad Bayers aus dem Jahr 1964 zurückversetzt.

Sollten Sie das Buch noch nicht gelesen haben, fangen Sie bitte bei Ulrich Blumenbachs „Vorbemerkung des Übersetzers“ an, was der nun gerade gar nicht will, falls Sie schon ein erfahrener Leser von DFW sind. Blumenbach resümiert den Roman so: Er spielt vor nun fast 35 Jahren und versetzt uns manchmal noch weiter in die Vergangenheit zurück. Ort der Handlung: ein Steuerprüfzentrum des Internal Revenue Service (IRS) in Peoria, Illinois. Es gibt keine Hauptfiguren, selbst wenn manche wichtiger erscheinen als andere. Blumenbach spricht eher von einer „Gruppenkonstellation“ in diesem Roman. Die meisten der Figuren haben eine bewegte Vorgeschichte in den Sechziger- und Siebzigerjahren, also bevor sie ins IRS eintreten. Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, dass sie mit dem Eintritt ins IRS für ihr früheres Leben büßen. Jedenfalls werden sie zur Vernunft bekehrt. Aber der Leser wird sehen, zu welcher: zu einer bürokratischen Vernunft der schlimmsten Sorte, die sie quälen wird.13 Sie verhalten sich aber nicht wie Opfer. Ich dachte bei ihnen öfter an Menschen bei Dostojewski. Von allen Vorgeschichten ist die der Toni Ware, die aus dem White Trash des Südens kommt, wohl die packendste. Sie reist mit ihrer psychotischen Mutter in einem Wohnwagen von einer Trailersiedlung zur nächsten. Toni, wie auch andere dieser Figuren, taucht dann in den Handlungen der späteren Kapitel wieder auf. Sie arbeitet nun im IRS in Peoria. Die Vorgeschichte des Steuerprüfers Chris Fogles ist unvergleichlich länger. Er trägt eine schwere ödipale Schuld, denn er hatte indirekt den Tod seines Vaters verursacht. Der Altruist Leonard Stecyk hat das gegenteilige Schicksal zu tragen. Als Gutmensch, der den anderen aus ihren Nöten oft ohne deren Wissen und Wollen heraus zu helfen versucht, ennerviert er seine Mitmenschen, weil er sie mit ihrem Egoismus konfrontiert. Von David Cusk haben wir schon gesprochen. David Wallace beansprucht die Autorschaft des Romans und wird wegen einer „auf Namensgleichheit beruhenden Verwechslungskomödie als hochrangiger Steuerprüfer eingestuft“14.

Nach dieser Vorstellung der Figuren und ihrer bisherigen Geschichte widmet sich der Erzähler der Institution des IRS, den Arbeitsbedingungen in den Prüfungszentren mit einer Studie des Problems der in der Bürokratie herrschenden Langeweile. Chaos und Ordnung gehören zu dieser Abhandlung. Und nun werden die Figuren miteinander vernetzt. Phantome und Geister gesellen sich zu ihnen. Auch skizziert der Autor die Verhältnisse auf den oberen Etagen des IRS. Doch dort verliert sich der Roman in Vermutungen.

Ulrich Blumenbach weist uns auf folgenden Widerspruch hin: „Die geschlossene Abbildung einer Welttotalität war nie Wallace’ Ziel.“ Dann schließt er aber damit: „Was man im vorliegenden Fragmentroman aber erahnt, das ist die verzweifelte Sehnsucht nach einem Ganzen.“ Nun glaube ich aber nicht, dass es ein Ganzes war, das DFW fehlte. In einem Brief an Jonathan Franzen schreibt er: „What’s missing is some … thing. It may be a connection between the problem of writing it and being alive.“ Dieser Zusammenhang scheint mir der zu sein, den Lacans Sinthome herstellt. Hier deutet DFW aber einen nicht bewerkstelligten Zusammenhang an: zwischen dem Schreiben dieses Dings und dem am Leben bleiben, so als hätte er gedacht, dass er beim Schreiben von DBK sich diesem Ding noch nicht nähern konnte. Er erklärt, was dieses „Ding“ sein könnte: ein Tornado, der aber nicht still hält, damit er sehen könne, was nützlich für ihn sei und was nicht. Vielleicht kann man dieses Ding mit der Ankündigung einer Katastrophe in Zusammenhang bringen. Der Erzähler lässt sie aber nicht eintreten. Das Schreiben dieses Dinges scheint also unvereinbar zu sein mit dem Am-Leben-Bleiben: Schreiben, um nicht zu sterben, aber ohne das Ding erfahren zu haben.

Vielleicht kann man dieses Ding mit der Ankündigung einer Katastrophe in Zusammenhang bringen (siehe DFW’ Beispiel des Tornados). Der Erzähler lässt sie aber nicht eintreten, sagt nicht, um welche Katastrophe es sich handelt, schiebt sie auf. Das Ding, als die Struktur dieses Romans, konnte er, im Unterschied zu Unendlicher Spass, nicht schreiben. Der Autor hatte für sie auch kein mathematisches Modell, im Gegensatz  zu Unendlicher Spass, seinem zweiten Roman, für den er solch ein Modell gefunden hatte. Das Schreiben der den Roman konstituierenden Texte und Erzählungen genügt DFW nicht mehr. Aber ohne zu schreiben konnte er nicht leben. Nicht das Schreiben oder das Geschriebene ist das „Sinthome“, sondern die Struktur, die das Schreiben im Werk zusammenhält.

Die Fahrt nach Peoria

In DBK gibt es eine Figur, die „David Wallace“ heißt. Sie behauptet, der „lebende Autor“ zu sein, was mit der fettgedruckten Notiz „Autor hier“ angemerkt wird. David Wallace wird aber auch in eine Dienststelle des Internal Revenue Service, IRS, Illinois, in Lake James, einem Vorort von Peoria, eintreten. Von ihm stammt das „Vorwort des Autors“ (§ 9), in welchem er den Titel „seines“ Romans erklärt.15 Der § 24 handelt auf sechzig Seiten von der fast achtstündigen Bus- und Autoreise zwischen Philo, dem Wohnsitz der Eltern des Autors, und seiner Ankunft am IRS in Peoria. David Wallace distanziert sich zu Beginn von der „Zügellosigkeit“ des „Abschweifungskönigs“ Chris Fogle, eines seiner späteren Kollegen. Der kommt schon in einer gewöhnlichen Unterhaltung vom Hundertsten ins Tausendste, ein Ausufern seiner Rede, das seinen Kollegen immer den Ausruf „Komm doch auf den Punkt!“ entlockt. Übrigens gibt es in diesem Kapitel und im ganzen Buch mehrere Leute die „ohne Punkt und Komma“ sprechen, so auch „Ms Neti-Neti“ eine Beamtin iranischer Abstammung, die David Foster am IRS empfangen wird – wir werden noch sehen wie.

Der Autor, also DW, beginnt mit einer Reflexion über das Gedächtnis bei länger zurück liegenden Begebenheiten wie dieser Reise, die im Mai 1985 stattfand – sein Text dürfte im Jahr 2006 entstanden sein. „Mir geht es um Kunst, nicht um schlichte Nacherzählung. Was logorrhischen Kollegen wie Fogle nicht in den Kopf will, ist die Existenz unendlich vieler verschiedener Wahrheiten, von denen einige unvereinbar mit den anderen sind.“ Und weiter unten: „Sinnvoll, attraktiv usw. wird eine Wahrheit durch ihre Relevanz, die ihrerseits außergewöhnliches Urteilsvermögen und Sensibilität für Kontext, Wertfragen und übergeordneten Sinn erfordert …“16.

Freuds bemerkt in Trauer und Melancholie hinsichtlich der schonungslosen Selbstkritik der Melancholiker, dass die Melancholiker „die Wahrheit nur schärfer erfassen als andere, die nicht melancholisch sind“17. Angesichts eines Dichters wie DFW sollte man die Freud’sche Bemerkung auf mehr beziehen als nur auf die Selbstkritik, nämlich auch auf das Denken zur Frage: Was ist Wahrheit? So denkt er z.B. immer wieder darüber nach, warum die von dieser Reise vor zwanzig Jahren in seinem Gedächtnis noch vorhandenen Fragmente mehr Anspruch auf Wahrheit erheben können als z. B. realitätstreue Erinnerungen.

Bei seiner Beschreibung der Reise von Philo nach Peoria erhebt sich der Autor keineswegs über die sinnliche Welt, sondern er zeigt, was ihm von dieser zugleich wahr und relevant erscheint. So ist aus seinem Werk das Interesse an optischen Phänomenen nicht wegdenkbar. Z. B. die Unmittelbarkeit des Sonnenaufgangs im mittleren Westen, einem Augenblick, wo der Autor schon mit seinen Koffern auf seinen Bus wartete: „[Der Sonnenaufgang] ist ungefähr so sanft und romantisch wie jemand, der in einem dunklen Zimmer urplötzlich auf den Lichtschalter kloppt.“ Die Sonne ist auf einmal da, die Moskitos verschwinden und die Temperatur steigt um 10 Grad an. Dieser abrupte Sonnenaufgang erinnert an das Einfallen des Unbewussten in die Dunkelkammer des Subjekts. Lacan erklärte im Jahr 1967 vor einem italienischen Publikum, dass das Unbewusste nicht eine sanfte Helle ist, kein „clair/obscur“, sondern grell einfallendes Licht in die das Subjekt symbolisierende Dunkelkammer.18 Diese optischen Besonderheiten von DFW’s Wahrnehmungsfeld gehören zu seinem Schreiben wie Orte und Landschaften bei anderen Dichtern – und man findet sie übrigens auch bei Adalbert Stifter. In dem einem Traum gewidmeten § 23 finden Sie z. B. den Satz, den eine der Romanfiguren sagt: „Ich sah aus dem Fenster, sah aber nur das Glas, nichts dahinter.“19 Dieser Satz gehört nicht mehr zum Traum, sondern zur Beschreibung des „Überdrusses“ derselben Figur, die von einem ihrer Sonntagnachmittage in ihrer Familie spricht. Der Autor lebt in keiner Traumwelt, sondern in einer Realität, in der er Überschüsse oder Privationen optischer Wahrnehmungen aufnimmt, die offensichtlich aus der sozial gesteuerten Wirklichkeit ausgeblendet werden. Die Figur David Wallace, „Autor hier“, verträgt Räume nicht, deren Lampen keine Schatten zulassen. Er könnte sich bei diesem schattenlosen Licht umbringen! Das spektakulärste Phänomen im visuellen Bereich findet man in Unendlicher Spaß20, als Marathe (ein Doppel-Agent der Assassins des Fauteuils Roulents, einer Terroristen-Gruppe der Quebecer Unabhängigkeits-Bewegung) bei Sonnenuntergang auf einer Felsnase über der Sonora-Wüste vor Tuscon einen gewissen M. Hugh Steepley erwartet (seinen Kontaktmann bei den mit Mexiko zusammengeschlossenen Vereinigten Staaten – oder sollte man Kontakt-Frau sagen? Steepley ist nämlich Dragqueen):

„Als das schwindende Licht hinter ihm in einem immer spitzeren Winkel schien, vergrößerte und verzerrte das von Goethe wohlbekannte Brockengespenst-Phänomen seinen Schatten weit übers Land, sodass die Hinterradspeichen des Rollstuhls gigantische Sternenschatten über volle zwei Counties warfen….“

Womit wir auch gleich bei den Gespenstern wären. In DBK sitzt nicht nur ein toter Regional-Steuerprüfer vier Tage lang unter seinen lebenden Kollegen, sondern auch ein Gespenst an der Seite eines von ihnen.

Die Fahrt im Bundesstaat Illinois, in dem der Autor ja aufgewachsen war, gehört sicher nicht zu den außergewöhnlichen Routen oder Eskapaden, die man aus der Literatur kennt. Sie beansprucht nicht einmal die Szenerie eines Roadmovies. Und trotzdem bringt das, was DFW aus ihr macht, etwas von den großen Mythen und literarischen Werken zum Schwingen, wie z.B. Kafkas Verschollenen. Nicht dass der 20jährige aus seiner Familie verstossen worden wäre, aber er bekommt keinen warmherzigen Abschied und scheint mit seiner Fahrt ins IRS seine Jugend abzuschließen. Die Seinen trauern ihm nicht nach, er war ihnen eine Last. Er macht sich dann auf den Weg einer außerordentlichen Entfremdung, begibt er sich doch ins Herz der amerikanischen Bürokratie, in der alles rationalistisch ablaufen sollte, aber in Wirklichkeit ein seltsames Chaos herrscht. David Wallace, der Autor, „hasste und fürchtete die Bürokratien“ übrigens „wie die meisten Amerikaner“ und stellt sich das Regionalprüfungszentrum „als eine urbürokratische Version von Kafkas Schloss vor“21.

Dieses Ziel wird David Wallace aber erst nach einer vierstündigen Busfahrt ohne Klimaanlage und ohne benutzbare Toiletten und dann nach einer ebenso langen Fahrt in einem IRS-eigenen Gremlin erreichen, bei der er neben einem Schweißtriefenden Kandidaten sitzt. Trotz der Hitze schien keiner seiner Mitreisenden je auf die Idee gekommen zu sein, den Mantel auszuziehen oder die Krawatte zu lockern. Bei dieser Fahrt passiert nichts als das Unbehagen in der Kultur in den Wirrnissen des amerikanischen Mittelwestens, das der „Autor“ ohne Pathos, jedoch in seiner ganzen Unerträglichkeit notiert. Die Stadt Peoria wird z.B. als die „Wiege des Stacheldrahts“ vorgestellt. Die für die Sicherheit von Farmen werbenden Plakatwände, die er durch das Autofenster sieht, erinnern ihn mit Ironie an folgenden Zwischenfall: „Bei einem Wirbelsturm im April 1987 (…) löste sich ein Teil einer solchen Farmfrühlingssicherheit-Plakatwand, wirbelte durch die Luft und hätte um ein Haar einen Sojabohnen-Bauer geköpft“22. Hieronymus Bosch im Zeitalter des Kapitalismus! David Wallace leidet unter einer äußerst stigmatisierenden Hautkrankheit und er kann uns nicht den breiten Fächer der mitleidigen, angeekelten oder fliehenden Blicke der Mitreisenden ersparen, unter anderem den Blick eines kleinen an infektiösem Eitergrind leidenden Jungen, dessen Körperkontakt er fürchtet. Der grimmige Humor, mit dem der „Autor“ die Bestandaufnahme der von der Zivilisation ruinierten Städte und Landschaften skandiert, bewahrt ihn vor der selbstgerechten Geste des Anklägers ohne Mandat. Was er tut, ist ungemein effizienter: die Zusammenführung des entfremdenden Eintritts eines Subjekts in die Maschine der Bürokratie und seine Fahrt durch das waste land , zu dem seine Umgebung geworden ist. Gerade weil der Autor der Welt, in der er leben muss, nur seine eigenen kritischen Wahrnehmungen gegenüberstellt, ist man als Leser geneigt, in seiner Reise, ihrem Ziel und der Wirklichkeit, die er wahrnimmt, mehr als nur die Unordnung der Welt zu erkennen. Genau weil die Figuren in DBK keine Helden und nicht einmal looser sind, fragen wir uns, was sie uns eigentlich sollen.

Die aufgegebenen und dann gentrifizierten Innenstädte, die obsoleten Werbetafeln vor der Landschaft und der Busbahnhof mit seinen Obdachlosen bilden also die Kulissen dieser Reise. Die Qual der Hitze in den Fahrzeugen wird durch das Verkehrschaos auf den Zufahrtsstraßen zum IRS verlängert, der Stau führt zu einem „Verkehrsinfarkt“, den die „bürokratische Idiotie“ auf dem Gewissen hat. Der Autor breitet in seinem Text einen Inventar der architektonischen Fehlleistungen der Erbauer der Steuerprüfzentren dar, um zu zeigen, wie sehr sie zum Trafficjam beitragen. Jemand nennt die logistischen Maßnahmen zum Empfang aller neu ins Zentrum Aufgenommenen eine „Desorientierung“. All diese Fehlfunktionen inspirieren David Wallace zur Beschreibung menschlichen Verhaltens bei einer von einem Brand ausgelösten Massenpanik.

Die strenge Ordnung, die von den Regeln eines Steuerprüfzentrum des Internal Revenue Service in Peoria erwartet wird, beschränkt sich nur auf die Disziplinierung der Neuankömmlinge, die mit ihrem ganzen Gepäck in der Hitze Schlange stehen müssen, um ihren Dienstausweis überreicht zu bekommen.

Die Verwechslung

Doch an diesem Punkt scheint David Wallace vom Schicksal bevorzugt zu werden. Schon vom Auto aus sah er eine exotisch aussehende Frau ein Schild mit seinem Namen hoch halten, was seinem Narzissmus natürlich nur zuträglich sein konnte. Er war über diese Bevorzugung umso erstaunter, als er wegen der Verkehrs-Verstopfung um mehrere Stunden zu spät im Zentrum angekommen war. Ms F. Chahla Neti-Neti, aus dem Iran stammend, empfing ihn dazu noch mit den Worten: „Ihr Ruf eilt Ihnen voraus“ und „Wir sind äusserst erfreut, dass Sie sich entschieden haben, diese Stelle anzunehmen.“ Aber empfängt eine so einschüchternde Institution einen Anfänger auf diese Weise?

Der Autor ist beunruhigt, „dass (sein) Ruf ihm ‚vorauseilen‘ sollte“23, und von diesem Empfang, der ihm nach dem „Mischmasch aus Verwirrungen, Missverständnissen und Patzern“ bereitet wurde. Man kann nicht umhin, dabei an den Landvermesser K zu denken, der im Dorf unter Kafkas Schloss von niemandem erwartet wird. Ms. Neti-Neti führt ihn durch ein Labyrinth von Gängen, von denen aus er in die Arbeitssäle des Zentrums schauen kann, wo trotz der dort beschäftigten Menschengruppen absolute Stille herrscht, die er eher mit Leere assoziiert hätte. Der Leser dieser Passage kann sich nicht des Gefühls erwehren, es handle sich bei diesen Menschen in den Arbeitssälen um „Untote“. Dieser Marsch, bei dem David Wallace seinen schweren Koffer tragen muss – den zweiten hatte er er irgendwo stehen gelassen –, hat das Büro eines der ranghöchsten Beamten des IRS zum Ziel, dem er vorgestellt werden soll. Er denkt dabei an seine Konzentrationsstörungen, die mit der stillen Arbeit in den Sälen überhaupt nicht vereinbar wäre. Wenn er in einer Bibliothek arbeitete, musste er immer wieder von seinem Platz aufstehen, „herumzappeln“, aufs Geratewohl einen Band aus den Regalen nehmen, „und meinetwegen etwas über Durkheims Theorie des Selbstmords lesen“24. Ms Neti-Neti schwatzt ihm die ganze Zeit über ein Loch in den Bauch, und der Weg an verwirrenden Wegweisern vorbei verstärkt noch „das Gefühl kompletter Desorientierung“.

Da stellt sich heraus, dass ihn die Personalabteilung „mit einem ganz anderen David Wallace verwechselt hatte, nämlich einer erfahrenen Kapazität in Immersionsprüfung aus einem anderen Regionalen Prüfungs Zentrum“. Diese Kapazität wollte man unbedingt in Peoria haben und veranlasste ihre Versetzung durch allerlei Intrigen. So gab es also nicht einen, sondern zwei David Wallace! Die peinliche Verwechslung beruhte aber nicht auf menschlichem Versagen, sondern auf einem Computerproblem, das der Autor25 in einem andern Kapitel für den Leser auseinanderdröselt. Jedenfalls führte der Maschinenfehler zu einer Reihe von Peinlichkeiten und Missverständnissen. So erhielt z. B. der erwartete David Wallace, also die Kapazität, an jenem unglücklichen Tag nicht einmal seinen Dienstausweis, war dieser doch schon dem unbedeutenden David Wallace, „Autor hier“, ausgehändigt worden. Und der unbedeutende David Wallace hatte alle Mühe, am darauf folgenden Tag seinen fristlosen Hinauswurf oder zumindest ein Disziplinarverfahren abzuwenden, bis man endlich die Quelle des Irrtums in einer falschen Programmierung entdecken konnte.

Desorientierung

Ich lese DBK und insbesondere die Reise des David Wallace als ein Gegenstück zu On the Road von Jack Kerouac, auch als eine Anti-Initiation und eine Entsublimierung von Kafkas Schloss. Aber wozu ? Um Hinweise auf das geheimnisvolle Leiden der Melancholie zu bekommen, das doch schon Dichter wie Kleist, Nerval und Stifter, Sylvia Plath und seit 2008 auch David Foster Wallace auf dem Gewissen hat. Diese Dichter wussten mehr über das, woran sie zerbrachen, als die Psychiater und Analytiker, was nun wieder nicht heißen soll, dass Freuds oder etwa Binswangers Arbeiten zur Melancholie nicht gelesen werden müssen.

David Wallace, der Autor, schreibt experimentelle Literatur in diesem § 24, wenn er das, was er mit einem Kollegen „Desorientierung“ nennt, schriftlich nachzeichnet. Er hätte ja auch eine geographische Karte anlegen können, um das aus den falschen Straßenbauten und Verkehrsregelungen entstandene Wirrwarr graphisch darzustellen. Und dabei sind wir schon bei der Langeweile. DFW widmet ihr ja in diesem Buch viele Reflexionen.

Der realistische, aus Metonymien zusammengebaute Roman kann ja langweilig sein. Aber DFW begnügt sich nicht damit, ein Pastiche dieser Romanform zu schreiben. Seine fast-homonyme Autoren-Figur David Wallace führt uns mit seiner Beschreibung der zum Verkehrszusammenbruch führenden Stadtlandschaft in die Irre. Wir wissen nicht mehr, wo wir sind, können uns die Gegebenheiten um Peoria nicht gar nicht vorstellen. Der französische Regisseur Bruno Dumont sagt: „Durch Langeweile entsteht auch etwas – eine andere Erfahrung, die den Sinn für Details schärft.“ Aber DFW will in seinem Roman nicht belehren, sondern etwas erklären. Daher unterbricht er die Langeweile immer wieder mit ihrem Gegenteil – Witz und Humor, die man weder bei Kleist noch bei Nerval und höchstens unfreiwillig bei Stifter findet. Wenn der Junge mit dem Eitergrind David Foster so unbarmherzig in sein von Akne verunstaltetes Gesicht schaut, kommt dem Leser die Szene aus einem Film von W. C. Fields in Erinnerung, wo dem alten Komiker etwas Ähnliches mit einem frechen Knaben passiert, der auf seine Alkoholikernase schaut. Die Unterbrechung der Langweile durch Humor belohnt uns für unser Durchhalten bei der Lektüre detaillierter Beschreibungen durch das, was Lacan eine „Mehrlust“ (plus-de-jouir) nennt. Das erlaubt dem Autor auch, sich in die Langeweile zu vertiefen. Wenn DFW uns aber die Langeweile der jungen Steuerprüfer beim Lesen der Steuererklärungen nahebringt, besteht er darauf, dass sie von keiner Unterbrechung profitieren. Diese ununterbrochene Langeweile erzeugt höllische Schmerzen und Symptome. Die Zeit kollabiert mit der Wiederholung des Gleichen. Wir aber würden es nicht aushalten, vom „Autor“ auf den Wegen seiner Desorientierung weiter geführt zu werden, wenn er seine Erzählung nicht mit Humor unterbräche.

Die zeitliche Struktur des Romanablaufs ist schon sehr eigenartig. Der Roman beginnt mit dem Vorleben seiner Figuren aus der „Gruppenkonstellation“. Dann strömen sie, wie aus Reue, oder aus Verzicht auf ihr zügelloses Vorleben, im Steuerprüfzentrum des IRS von Peoria zusammen, wo sie dann miteinander und zu ihren Vorgesetzten in Beziehung gesetzt werden. Sollten sie nicht aus dem zersplitterten Ich ihres Autors kommen? Im Unterschied zu Dostojewskis Romanen erleben sie die Hölle oder das Fegefeuer nicht in ihren Abenteuern, sondern nach ihrem Verzicht auf ihre Abenteuer.

Doppelter Identitätsverlust

David Wallace gerät auf dem Weg ins Internal Revenue Center in die Maschinerie der Entfremdung. Eigentlich fährt er ja nur deshalb dorthin, weil er literarische Ambitionen hat und daher „mit der Uni aussetzte und im Steuer-Prüf-Zentrum Mittlerer Westen jobbte“26. Er steht vor einer Lebenswahl. So heißt es in einer Fußnote des „Vorworts des Autors“27: „Identitätsmäßig gleicht der Eintritt in den Service einer Wiedergeburt28.

Im Lichte des § 24, der seinen Eintritt dann darstellt, darf man wirklich von „Wiedergeburt“ sprechen, denn diese reale Entfremdung ist eine Wiederholung dessen, was beim Eintritt des Subjekts ins Reich der Sprache passiert. Das Subjekt wird dabei markiert, während der Neuankömmling im IRS eine mit 9 beginnende Sozialversicherungsnummer erhält. Diese 9 gehört aber nicht ihm oder ihr, sondern besagt, dass er oder sie im IRS arbeitet oder gearbeitet haben. Die Steuererklärung dieses Subjekts wird immer getrennt kontrolliert werden, auch längst nachdem er/sie das IRS verlassen hat. Die nicht ihm gehörende 9 ist also die Marke seiner/ihrer Entfremdung.

 Das „Vorwort des Autors“ genießt den „Haftungsausschluss“, der da sagt: „Die in diesem Buch beschriebenen Figuren und Ereignisse sind fiktiv.“ Doch der Autor stellt fest, dass er diesen Rechtsschutz braucht, um den Leser davon in Kenntnis zu setzen, „dass das Folgende in Wahrheit keineswegs Fiktion sondern substantiell wahr und zutreffend ist“. Nur dadurch kann er schreiben, was er schreiben wird, denn der Satz, der behauptet, alles nach dem Vorwort – und in diesem Buch sogar schon vor ihm – Kommende sei wahr, ist ja Fiktion. Mit dem, was er vor und nach dem Vorwort schreibt, kann er also auch die Unwahrheit sagen! Man kann daher dem Autor nicht die Wahrheiten vorwerfen, die er ‚um das Vorwort herum‘ sagt.

DBK habe in Tat und Wahrheit mehr mit einer „Autobiografie (zu tun), als mit einer ausgedachten Geschichte“29, behauptet David Wallace, „Autor hier“. Es gibt da also ein Leben, und ein Leben verlangt ab einer gewissen Komplexität auch geboren zu werden. Der „Autor“30 David Foster, wird also in den Bleichen König hinein geboren, von dem die Fiktion des Vorworts mit „einem verdrießlichen Paradox“ sagt, dass er auf keinen Fall ‚nur‘ eine Fiktion sei. Der „Autor“ besteht nicht nur darauf, dass DBK keine Fiktion sei, sondern, dass nur der Haftungsausschluss eine ist.

Stumpfsinn, Geheimnis, Schmerz

Peoria liegt nur 150 km von Philo entfernt und dennoch behauptet David Foster, dass er eine Reise ins Exil antrat. Warum? Wozu tauschte er sein Grundstudium an einer Elite-Universität gegen „einen der ödesten und drohnenmäßigsten Bürojobs von ganz Amerika“ aus? Er war noch auf seiner Universität, als eine Bande reicher Studenten einige seiner Seminararbeiten plagiierte. Ihr Betrug flog auf, sie wurden nur mäßig bestraft, aber er war in den Verdacht geraten, ihnen seine Arbeit für ihren Schwindel zur Verfügung gestellt zu haben und musste bis zum Abschluss der Ermittlungen gegen ihn zu seinen Eltern zurückkehren. So beschloss er, ins Internal Revenue Service auf der untersten Stufe einzutreten. Er büßte für etwas, das er nicht getan hatte31 und die erlittene Ungerechtigkeit trieb ihn ins Exil. Seine Eltern hielten ihn nicht zurück.

Warum war dieser Schritt so verhängnisvoll? Nicht weil die mächtigste Steuerbehörde der Welt eine uninteressante Institution wäre! Gerade Mitte der Achtzigerjahre wurde sie von ökonomischen und politischen Debatten gerüttelt, die einen jungen Intellektuellen faszinieren konnten. Wegen der Brisanz ihrer Materie und der anstehenden Reformen galt es aber, das Publikum von diesem Wissen auszuschließen. Geheimhaltung hätte zehn Jahre nach dem Watergate-Skandal nur die Neugier der Journalisten angelockt. So erfand man einen viel effizienteren Schutz gegen eventuelles Wissenwollen: den Stumpfsinn in den Akten, wo die Debatten und Entscheidungen für den Übergang zum neuen IRS niedergelegt wurden, und die DFW für sein Buch, sowie DW in diesem Buch, studierte.

Niemand außer dem Autor konnte oder wollte diesen Schutzwall des Stumpfsinns durchdringen. Dieser wurde zur Arbeitsbedingung im IRS, die David Wallace erwartete. „Das Zeug war geisttötend.“ Statt Geheimnis also Stumpfsinn.32 Und Stumpfsinn, sagt der Autor, „ist eine unüberwindliche Hürde für die ihm so teure Aufmerksamkeit“33. Das Stumpfe an ihm ist „schmerzhaft“. Man spricht von „todlangweilig“, „unerträglich öde“. David Wallace schlägt folgende Hypothese vor: Es steckt etwas hinter dem Stumpfsinn. Wir „assoziieren ihn mit psychischem Schmerz, weil Stumpfes oder Schleierhaftes nicht genug Anreiz bietet, um uns von einem anderen, tieferen Schmerz abzulenken, der uns immer begleitet, und sei es nur auf unterschwellige Weise…“34. Aber wir wollen diesen (tieferen) Schmerz einfach nicht zur Kenntnis nehmen.35 Die meisten von uns verwenden ihre ganz Zeit und Energie darauf, diesen Schmerz nicht zu spüren. Dann zählt der Autor einige Gadgets des Jahres 2005 auf – Handys, iPods, debile Musik in Wartezimmern etc. –, die uns von der Stille ablenken, denn sie könnte ja den Schmerz durchsickern lassen. Es gehe uns um etwas ganz anderes als um Information, obwohl wir dauernd von ihr reden und sie verwenden. Während seiner Zeit im Service habe er das Gelände der Langweile durchquert und erkannt, dass Stumpfsinn „für lebende Menschen kein Thema ist“ 36. Hinter ihm stecke aber weitaus mehr, das liege direkt vor unseren Augen, bleibe aber „seiner Größe wegen verborgen“. Hier knüpft die Enormität, der Gigantismus des Stupfsinns an das Phänomen der Wirbelstürme in den Ebenen des Mittel-Westens an.

David Wallace, der Autor, spricht von seinem „Eintritt ins Service“ als einer identitätsmäßigen „Wiedergeburt“. Als er sich im Morgengrauen in Philo, seiner Heimatstadt, aufmacht, erlebt er die Plötzlichkeit des Sonnenaufgangs wie an jedem frühen Morgen im mittleren Westen.

Er erwacht und erblickt auch das Licht der Welt, wie sie (jetzt) ist. Er will wissen und dazu lässt er sich in das einverleiben, was man fast einen Leichnam nennen muss, den Körper des Bleichen Königs, den er mit seiner „Autobiographie“ zum Leben erweckt. Er bezeichnet dessen Schutzschild und seine unüberwindbare Hürde gegen die Aufmerksamkeit, gegen das Wissen der Wahrheit, als Stumpfsinn, vor dem wir zurückschrecken, weil er schon „schmerzhaft“ ist, weil hinter ihm „psychischer Schmerz“ lauert, den wir mit unserer informatischen Zivilisation betäuben und dabei unsere Umwelt zerstören. DFW hatte keine Wahl: er musste erkennen, was kein für die Neugierde, den Wisstrieb, attraktives Geheimnis sein darf, sondern vor unseren Augen im Verborgenen liegt. Dafür musste er sein Leben hingeben.

Seine Figur, David Wallace, erlebte also eine doppelte Entfremdung. Ursache seines Aufbruchs in den Internal Revenue Service war ja, dass man ihm stahl, was er geschrieben hatte, und ihn dazu noch als Mitwisser und Komplizen dieser Tat bezichtigte. Er konnte nur von der Universität37 gehen. Wie ein Echo zu diesem Missverständnis der Autorität liest sich sein falscher Empfang am IRS, dessen Komik nicht verkennen lässt, dass David Wallace etwas später der Usurpation eines Namens bezichtigt wird. Während er bei seiner Ankunft Vorschusslorbeeren erntet, lässt man ihn einen Augenblick später fallen, und er erkennt, dass er weniger als ein Anfänger ist, nämlich eigentlich ein Namenloser, ein Niemand. Die Kontingenz seiner Geschichte bringt es mit sich, dass er mit einem bösgläubigen Anderen zu tun hat, der ihn von Anfang an desorientieren wird, schon auf der Fahrt nach Peoria. Es handelt sich nicht um das malin génie, mit dessen Fiktion Descartes sein Cogito konstruiert, sondern um einen realen Anderen, der ihm seine Existenz verweigert.

Urheberrecht (Copyright) für diesen Artikel bei Franz Kaltenbeck.

Über den Autor

Franz-Kaltenbeck Franz Kaltenbeck ist Psychoanalytiker in Paris und Lille, Mitgründer von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psychanalyse et de son histoire), Herausgeber von Savoirs et clinique. Revue de psychanalyse.und Mitherausgeber von Y – Revue für Pschoanalyse.

Zu seinen Veröffentlichungen ge­hören: Reinhard Priessnitz. Der stille Rebell. Aufsätze zu seinem Werk (Droschl, Graz 2006); Sigmund Freud. Immer noch Unbehagen in der Kultur? (Mitherausgeber, diaphanes, Zürich 2009); David Foster Wallace: Dichter, Denker, Melancholiker (In: Y – Revue für Psychoanalyse, 1/2012);  Lesen mit Lacan. Aufsätze zur Psychoanalyse (Parodos, Berlin 2013, siehe auch hier, 12.12.2014); Michael Turnheim: Jenseits der Trauer (Mitherausgeber, Zürich, diaphanes 2013); David Foster Wallace au-delà du principe de plaisir (In: Savoirs et clinique. Revue de psychanalyse, Nr. 15, 2012)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com
Website: franz-kaltenbeck-psychanalyste-psychotherapeute-paris-lille.fr

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Dieser Text wurde auf Einladung von Professor Götzmann im September 2016 auf einem Workshop der 3. Segeberger Psychosomatik-Tage, „Macht und Ohnmacht des Realen“, vorgetragen.
  2. Mütter interessieren sich manchmal besonders für die Geheimnisse ihrer Söhne, und nicht nur dann, wenn diese ihnen schon als Heranwachsende Sorgen machen. Die eine saß am Bett ihres Sohnes, um ihn nach einer Blinddarm-Operation im Narkose-Schlaf noch reden zu hören; die andere schickte fünf Jahre nach dem Abbruch ihrer Analyse ihrem Analytiker das Photo ihres dreijährigen Jungen, weil sie dessen Schönheit so fremdartig fand.
  3. David Foster Wallace, Der bleiche König. Ein unvollendeter Roman. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Köln, 2013, Kiepenheuer und Witsch. S. 112.
  4. Wäre dieser Teil nicht das die Angst verursachende Objekt?
  5. Ibid., S. 114.
  6. „Aufmerksamkeit“ ist ein zentraler Begriff in DFW’s Werk.
  7. Verbum zu „Leck“ (voie d’eau), ausrinnen.
  8. Hierher gehört als Fußnote der schon zitierte Satz: „Aber es gibt eben Geheimnisse in Geheimnissen – immer.“
  9. Wie man weiter unten sehen wird, ist der melancholische Schmerz viel schlimmer als die Angst.
  10. S. 108.
  11. S. 494.
  12. S. 595.
  13. Im § 44 liest man: „Ich erkannte, dass die heutige Menschenwelt eine Bürokratie ist. Das ist natürlich eine Binsenweisheit, aber wenn man sie ignoriert, verursacht das großes Leid.“ Und er führte seine Rede mit der Frage fort, wie man Bürokratie aushalten könne: „Der Schlüssel, der der Bürokratie vorausgeht, ist die Fähigkeit, Langeweile auszuhalten. Effizient in einem Milieu zu funktionieren, das alles Vitale und Menschliche ausschließt. Gewissermaßen ohne Luft zu atmen.“ (S. 484)
  14. Blumenbach in Der Bleiche König, a.a.O., S. 8.
  15. Der bleiche König ist (…) eine Art berufliche Autobiografie. Er soll auch eine Bürokratie porträtieren – wohl die wichtigste Bundesbürokratie im amerikanischen Alltag – die im Berichtszeitraum von ungeheuren inneren Auseinandersetzungen und Gewissenserforschungen erschüttert wurde…“ (S. 83)
  16. S. 291.
  17. In: Gesammelte Werke, chronologische geordnet. Bd. 10. London, 1949, Imago. S. 403–446. hier: S. 438. Freud fährt fort: „Wenn er sich in gesteigerter Selbstkritik als kleinlichen, egoistischen, unaufrichtigen, unselbständigen Menschen schildert, der nur immer bestrebt war, die Schwächen seines Wesens zu verbergen, so mag er sich unseres Wissens der Selbsterkenntnis ziemlich angenähert haben, und wir fragen uns nur, warum man erst krank werden muß, um solcher Wahrheit zugänglich zu sein.“ (DFW schrieb eine Geschichte über einen Mann, der sich lauthals bezichtigt, ein Hochstapler zu sein.)
  18. Jacques Lacan, La méprise du sujet supposé savoir. (À l’institut Français de Naples, Le 14 Décembre 1967). In: Ders., Autres Écrits. Paris, 2001, Seuil. S. 334.
  19. S. 285.
  20. 30. April – Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche.
  21. S. 293.
  22. S. 310.
  23. S. 324.
  24. S. 328.
  25. Die Gleichnamigkeit der beiden DW stellt eine für den Psychotiker gefährliche Zwillings-Beziehung im Symbolischen her und kommt noch zu der Fast-Namensgleichheit zwischen DFW und dem von ihm eingesetzten „Autor“ des Romans hinzu. So gibt es in diesem Roman also: DFW auf dem Titelblatt, DW den Autor und DW, die Immersions-Kapazität.
  26. S. 80.
  27. S. 79.
  28. Von mir, FK, kursiv gesetzt.
  29. S. 80. David Wallace erklärt, dass er seine ersten „fiktionalen Texte“ für reiche Studenten seiner Universität verfasste. Kurz gesagt, er schrieb, wie DFW in der Wirklichkeit, ihre Dissertationen und Hausarbeiten, um etwas Geld zu verdienen. Er teilt dem Leser auch mit, dass manche seiner Klausuren oder Seminararbeiten ohne sein Wissen plagiiert wurden, was ungerechter Weise auch seine Suspendierung an der Elite-Universität, an der er studierte, nach sich zog.
  30. Was die künstlerischen Ambitionen und Prätentionen des „Autors“ betrifft, siehe DBK, S. 88.
  31. Die symbolische Schuld, die jedes Subjekt mit seiner Geburt eingeht, wird hier zur realen Schuld, die den Autor verfolgt.
  32. Die Mächtigkeit dieses Stumpfsinn-Walls merkt man an unvergleichlich gefährlicheren Systemen, wie der Ideologie, die zum „Dritten Reich“ führte, oder jener, welche den islamistischen Terror motiviert. Nicht umsonst schrieb Karl Kraus: „Zu Hitler fällt mir nichts mehr ein.“
  33. S. 101.
  34. Ibid.
  35. Bei „normalen“ Menschen ist er verschleiert. Er scheint das quälende Geheimnis für DFW gewesen zu sein.
  36. S. 102.
  37. Das ist ja auch DFW wirklich passiert, als er in Harvard bei Stanley Cavell eine Dissertation machen wollte, sich aber stattdessen wegen seines Drogenproblems einer Entziehungskur unterwerfen musste.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.