Lacans Aphorismen

„Ein Signifikant ist das, wodurch für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert wird.“

Giorgio de Chirico, I piaceri del poeta, 1912 (zu Jacques Lacan, Signifikant und Subjekt)Giorgio de Chirico, I piaceri del poeta (Die Freuden des Dichters), 1912

Zweite Fassung vom 24. Mai 2016 (die erste Fassung wurde am 20. Januar 2014 veröffentlicht).

Was ist ein Signifikant im Sinne von Lacan?

Die Definition

In dem Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freud’schen Unbewussten hat Lacan den Begriff des Signifikanten definiert. Auf Französisch liest sich das so:

„Notre définition du signifiant (il n y a pas d’autre) est : un signifiant, c’est ce qui représente le sujet pour un autre signifiant.“1

Hans-Dieter Gondek hat das so übersetzt:

„Unsere Definition des Signifikanten (es gibt keine andere dafür) ist: Ein Signifikant ist das, was das Subjekt für einen anderen repräsentiert.“2

Die Übersetzung ist mehrdeutig, man weiß man nicht, wer was repräsentiert: repräsentiert der Signifikant das Subjekt oder das Subjekt den Signifikanten? Dieselbe Ambiguität, etwas schwächer ausgeprägt, hat die ältere Übersetzung von Norbert Haas:

„Unsere Definition des Signifikanten – es gibt keine andere – lautet: Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt vorstellt.“3

Im Französischen ist die Beziehung eindeutig: Der Signifikant ist das Repräsentierende und das Subjekt das Repräsentierte. Also sollte man besser so übersetzen:

„Ein Signifikant ist das, wodurch das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert wird.“

Die Elemente der Definition

Nicht „für jemanden“

Der Sinn der Formel erschließt sich, wenn man sich vergegenwärtigt, wogegen sie sich richtet: gegen die klassische Definition des Zeichens, die da lautet „Ein Zeichen repräsentiert etwas für jemanden“. Das „Repräsentieren“ ist beim Zeichen ein „Repräsentieren für jemanden“, es bezieht sich auf ein Bewusstsein. In Lacans Formel entfällt dieser Bezug: der Signifikant repräsentiert nicht für jemanden, sondern für einen anderen Signifikanten – die Repräsentationsbeziehung, um die es geht, liegt außerhalb des Bewusstseins, der Begriff der Repräsentation wird damit ironisiert und auf solche Weise problematisiert.

Signifikant

Das, wodurch das Subjekt repräsentiert wird, ist ein Signifikant und nicht etwa ein Zeichen. Zeichen sind gewissermaßen mit ihrem Sinn fest zusammengewachsen; Signifikanten hingegen sind für Lacan sprachartig verfasste Elemente, deren Sinn nicht ohne weiteres zugänglich ist, deren Signifikat verschwunden ist. Ein Signifikant ist ein Rätsel, ein Bedeutungsrätsel (vgl. diesen Blogartikel). Ein Signifikant ist beispielsweise eine Fehlleistung, also etwa das Vergessen des Haustürschlüssels, wenn man die Wohnung verlässt, wodurch man sich selbst aussperrt. Dieses Verhalten ist insofern ein Signifikant, als es eine Bedeutung hat (oder, was wahrscheinlicher ist, mehrere), als die Bedeutung unbekannt ist und oftmals, auch ohne Psychoanalyse, gesucht wird („Warum ist mir das nur passiert?“). Von diesem Signifikanten wird das Subjekt repräsentiert. Nie ist es dem „Kern seines Wesens“ (wie Freud gesagt hätte) näher, als in solchen oft peinlichen oder lächerlichern oder selbstzerstörerischen Verhaltensweisen.

Für einen anderen Signifikanten

Das Subjekt wird von diesem Signifikanten für einen anderen Signifikanten repräsentiert. Das heißt im ersten Zugang: Es ist niemals ein einzelnen Signifikant, der das Subjekt repräsentiert, sondern immer eine Signifikantenbeziehung. Es ist nie eine einzelne Fehlleistung, durch die das Subjekt repräsentiert wird, sondern immer ein Netz von Signifikanten.

In Seminar 14 von 1966/67, Die Logik des Phantasmas, erläutert Lacan das so:

„Entität, Vernunftwesen – immer inadäquat von dem Moment an, wo wir auf korrekte Weise die Funktion des Subjekts ins Spiel eintreten lassen, als nichts anderes als das, was von einem Signifikanten bei einem anderen Signifikanten repräsentiert wird. Ein Subjekt ist in keinem Fall eine autonome Einheit, nur der Eigenname kann die Illusion davon geben. Das ‚ich‘ (je) zu sagen, es sei suspekt, ist zu viel gesagt. Seit ich zu Ihnen darüber spreche, muss es das nicht mehr sein. Es ist sehr genau nur dieses Subjekt, das von ‚ich‘, als Signifikant, beispielsweise für den Signifikanten ‚gehe’ repräsentiert wird oder für die drei Signifikanten ‚komme zum Schluss‘ ‚ich komme zum Schluss‘.“4

Im Satz „ich gehe“ wird das Subjekt durch den Signifikanten „ich“ für den Signifikanten „gehe“ repräsentiert. Entscheidend ist, dass das Subjekt nicht der Signifikant „ich“ ist, sondern von ihm nur repräsentiert wird, ähnlich wie eine Regierung von einem Botschafter repräsentiert wird, der ein Eigenleben hat; und dass der repräsentierende Signifikant nicht isoliert ist, sondern wesentlich auf einen anderen oder mehrere andere Signifikanten bezogen ist (so wie ein Botschafter von vornherein auf andere Politiker bezogen ist und vielleicht sogar, geheim, im Dienste einer fremden Regierung steht).

Dieses Beispiel scheint außerhalb des Feldes der Psychoanalyse zu liegen; der Sinn der Signifikanten „ich“ und „gehe“ drängt sich auf – allerdings nicht immer, beispielsweise nicht in einem Traum und auch nicht bei einer hysterischen Lähmung der Beinmuskulatur.

Der Psychoanalyse näher sind das Symptom und die Wiederholung. Wenn jemand ein einziges Mal zu spät kommt, wird man nur selten von einem Symptom sprechen (es sei denn, er, der immer pünktlich ist, verschläft ausgerechnet den Termin beim Standesamt, aber auch da würde ein Psychoanalytiker vielleicht fragen „Ist Ihnen schon einmal etwas Ähnliches passiert?“). Charakteristisch für den Symptomcharakter des Zuspätkommens ist, dass es sich wiederholt. Reduziert man die Wiederholung auf die kleinstmögliche Größe, besteht sie aus zwei Ereignissen. Jemand kommt ein erstes Mal zu spät und weiß nicht warum, das ist der erste Signifikant. Auch das zweite Mal ist er nicht pünktlich, und wieder ist es für ihn ein Rätsel – das ist der zweite Signifikant. „Ein Signifikant ist, wodurch das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert wird“, das heißt in diesem Fall: Durch das erste Zuspätkommen wird das Subjekt für das zweite Zuspätkommen repräsentiert.

Subjekt (Freud)

Inwiefern wird durch die Signifikantenverkettung – etwa in der Wiederholung – das Subjekt repräsentiert? Was ist hier mit „Subjekt“ gemeint? Mit Freund kann man sagen: der unterdrückte Trieb. In der Wiederholung ist der unterdrückte Trieb wirksam. Das ist zwar nicht ganz streng Lacan, aber immerhin ein erster Bezugspunkt.

Zu Lacans Subjektbegriff kommt man, wenn man fragt, was es damit auf sich hat, dass das Subjekt von einem Signifikanten „repräsentiert“ wird.

Repräsentieren

In Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen, heißt es:

„Und deshalb geht es jetzt darum, sich auf die grundlegenden Formeln zu beziehen, nämlich auf diejenige, die den Signifikanten als das definiert, wodurch für einen anderen Signifikanten ein Subjekt repräsentiert wird. Was bedeutet das? Ich bin überrascht, dass hierzu noch nie jemand bemerkt hat, dass als Korrolar hieraus folgt, dass ein Signifikant sich nicht selbst repräsentieren kann. Natürlich ist auch das nicht neu, denn in dem, was ich zur Wiederholung artikuliert habe, geht es eben darum. Aber da müssen wir einen Moment lang innehalten, um es jetzt richtig zu erfassen – was kann das hier in diesem Satz bedeuten, dieses ‚sich selbst‘ des Signifikanten? Beachten Sie dass, wenn ich vom Signifikanten spreche, ich von etwas Undurchsichtigem spreche. Wenn ich sage, dass man den Signifikanten als das definieren muss, was für einen anderen Signifikanten ein Subjekt repräsentiert, dann bedeutet das, dass niemand etwas darüber wissen wird außer dem anderen Signifikanten, und der andere Signifikant, das ist etwas, was keinen Kopf hat, das ist ein Signifikant.

Das Subjekt ist da sofort erstickt, ausgelöscht, im selben Moment, in dem es erschienen ist.“5

Der Anfang ist schon bekannt. Ein Signifikant kann sich nicht selbst repräsentieren, damit dürfte gemeint sein: er hat keine Bedeutung an sich selbst, er ist kein Zeichen. Der Signifikant ist etwas Undurchsichtiges: ein Rätsel. Wie dieses Rätsel zu lösen ist, weiß niemand als der andere Signifikant, der aber hat „keinen Kopf“, er ist nicht mit einer Vorstellung verbunden, die eine Bedeutung ergäbe.

Im ersten Signifikanten erscheint das Subjekt für den zweiten Signifikanten, aber in dem Moment, in dem es erscheint, ist es bereits wieder ausgelöscht. Im Symptom des Zuspätkommens erscheint für einen Augenblick das Subjekt, aber dann ist es sofort wieder verschwunden, die peinliche Situation wird durch eine Entschuldigung geglättet und das Alltagsleben geht seinen Gang. (Es sei denn, das Zuspätkommen führt zur Entlassung, die Entlassung zu einer Lebenskrise, diese bahnt den Weg zum Therapeuten, und das heißt in manchen Fällen: zum Psychoanalytiker.)

Subjekt (Lacan)

Und damit sind wir bei Lacans Subjektbegriff. Das Subjekt ist gespalten, zwischen der Produktion von Signifikanten, die es nicht versteht, die ihm fremd sind – Symptomen, Träumen, Fehlhandlungen usw. –, und sinnhaften Produktionen, die die es zu vestehen glaubt, zu denen es „ich“ sagen kann: „ich denke das und das“.  Lacan nennt die erste Ebene énonciation, „Äußerung“, die zweite énoncé, „Ausgesagtes“. Das Subjekt ist gespalten zwischen der „Äußerung“, die für es rätselhaft ist, und dem „Ausgesagten“, mit dem es einen Sinn verbindet.

In Seminar 18 (Über einen Diskurs, der nicht vom Schein wäre, 1971) kommentiert Lacan den Begriff der Intersubjektivität. Das lateinische Wort inter meint „zwischen“, die Intersubjektivität ist also die Beziehung zwischen Subjekten. Lacan hatte den Begriff anfangs verwendet und später kritisiert.

Inter, sicher, das ist tatsächlich das, was ich erst später äußern konnte über eine Intersignifikanz, die dann in der Folge subjektiviert wird, wobei der Signifikant das ist, was für einen anderen Signifikanten ein Subjekt dort repräsentiert, wo es nicht ist. Wo es repräsentiert wird, ist das Subjekt abwesend. Und eben deshalb, weil es gleichwohl repräsentiert wird, ist es auf diese Weise gespalten.“6

In dem Signifikanten, durch den das Subjekt repräsentiert wird, ist das Subjekt abwesend – es kann dazu nicht „ich“ sagen, es ist ihm beispielsweise rätselhaft, warum es all seinen Bemühungen zum Trotz immer wieder zu spät kommt oder warum es so eigenartige Sachen träumt. Das Subjekt wird von Signifikanten repräsentiert, in denen es sich nicht wiedererkennt.

Außerhalb der Formel: die Determination des Subjekts durch die Signifikantenbeziehung

Etwas später heißt es in derselben Sitzung:

„[D]as Subjekt erscheint nur dann, wenn irgendwo die Signifikantenverbindung eingerichtet ist. Ein Subjekt kann nur das Ergebnis der Signifikantenverknüpfung sein. Ein Subjekt als solches beherrscht niemals, in keinem Fall, diese Verknüpfung, sondern wird von ihr im eigentlichen Sinne determiniert.“7

Das Subjekt erscheint dann, wenn eine Signifikantenverbindung eingerichtet ist; es ist das Produkt dieser Verknüpfung. Es kann diese Verbindung nicht beherrschen, vielmehr wird es von ihr determiniert. Es ist ist gespalten zwischen, einerseits, dem Signifikanten, der es für einen anderen Signifikanten repräsentiert – allerdings entfremdet: dort, wo es nicht ist –, und, andererseits, dem, was in dieser Repräsentationsbeziehung abwesend ist, was in ihr nicht repräsentiert wird.

In Seminar 21 von 1974/75, Les non-dupes errent, sagt Lacan:

„[D]as Unbewusste ist ein Wissen, in dem das Subjekt sich entziffern kann. Das ist die Definition des Subjekts, die ich hier gebe, des Subjekts, wie es durch das Unbewusste konstituiert wird. Es entziffert es, da es als Sprechendes in der Position ist, diese Operation voranzutreiben, die hier sogar bis zu einem bestimmten Punkt erzwungen ist, bis zu dem, wo es einen Sinn erreicht. Und da hört es auf, weil – weil man wohl aufhören muss.“8

Das Unbewusste ist ein Wissen, d.h. eine Beziehung zwischen Signifikanten. Die Minimalform dieses Wissen ist die Signifikantendifferenz; seit Seminar 16 wird sie von Lacan mit S2 symbolisiert. Das Subjekt tritt hier doppelt auf. Es ist erstens das, was in diesem Wissen entziffert wird: das Entzifferte. Es ist zweitens diejenige Instanz, die die Entzifferungsoperation vollzieht: das Entzifferende. An die Stelle des Selbstbewusstseins tritt der Prozess der Entzifferung des Unbewussten. Die Entzifferung des Subjekts durch das Subjekt in den Signifikanten des Unbewussten zielt auf den Sinn. Sie kommt zum Halt, wenn ein Sinn erreicht ist.

Im selben Seminar erfährt man eine Sitzung später:

„Die Beziehung des Menschen zur Sprache kann nur auf der folgenden Grundlage angegangen werden: dass der Signifikant ein Zeichen ist, das sich nur an ein anderes Zeichen wendet, dass der Signifikant das ist, was einem Zeichen Zeichen gibt, und dass er deswegen Signifikant ist. Das hat nichts mit der Kommunikation mit einem anderen zu tun. Das determiniert ein Subjekt, das hat ein Subjekt zur Wirkung. Und das Subjekt, es genügt, dass es hierdurch als Subjekt determiniert ist, nämlich dass es aus etwas hervorgeht, das seine Rechtfertigung nur anderswo haben kann.“9

Das Subjekt wird durch die Beziehung eines Signifikanten zu einem anderen Signifikanten nicht einfach repräsentiert sondern determiniert, hervorgebracht.

Der unäre und der binäre Signifikant, Sinn und Nicht-Sinn (Seminar 11)

Man kann die Sentenz auch spezifischer deuten. Sie bezieht sich auf eine Funktionenteilung – der eine Signifikant repräsentiert das Subjekt, und zwar für den anderen. In Lacans Beispiel „ich gehe“ ist der repräsentierende Signifikant das Personalpronomen der ersten Person Singular, „ich“. Derjenige Signifikant, für den „ich“ das Subjekt repräsentiert, ist das Verb „gehe“.

Lässt sich dieser funktionalen Differenzierung eine psychoanalytische Deutung geben? Gibt es spezielle Signifikanten, die das Subjekt repräsentieren, und andere Spezialsignifikanten, für die es repräsentiert wird? Hierzu äußert sich Lacan in Seminar 11 von 1964, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Ausgangspunkt ist Freuds Begriff der Vorstellungsrepräsentanz des Triebes. Deshalb zunächst eine kurze Abschweifung.

Freud: Triebrepräsentanz und Urverdrängung

In Die Verdrängung (1915) hatte Freud geschrieben:

„Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzunehmen, eine erste Phase der Verdrängung, die darin besteht, das der psychischen (Vorstellungs-)Repräsentanz des Triebes die Übernahme ins Bewußte versagt wird. Mit dieser ist eine Fixierung gegeben; die betreffende Repräsentanz bleibt von da an unveränderlich bestehen und der Trieb an sie gebunden.“10

Freud bringt hier drei Größen und ins Spiel und beschreibt deren Dynamik. Die Größen sind der Trieb, eine Vorstellung und das Bewußte.  Die Dynamik entwickelt sich in vier Schritten. 1. Der Trieb wird durch eine Vorstellung psychisch repräsentiert. 2. Dieser Triebrepräsentanz wird die Übernahme ins Bewusstsein versagt. 3. Das hat zur Folge, dass die unbewusste Vorstellung unveränderlich bestehen bleibt. 4. Außerdem bleibt der Trieb hierdurch an diese Vorstellung dauerhaft gebunden. Die beiden letzten Effekte nennt Freud „Fixierung“, die also darin besteht, dass der Trieb dauerhaft durch eine unveränderlich unbewusste Vorstellung repräsentiert wird. Der Gesamtzusammenhang ist die Urverdrängung.

Das Urverdrängte ist das, was auf keine Weise erinnert werden kann. In Seminar 23 von 1975/76, Das Sinthom) sagt Lacan:

„Es gibt keinerlei radikale Reduktion des vierten Terms [im borromäischen Viererknotens, also kein vollständige Reduktion des Symptoms], das heißt, dass selbst die Analyse, da Freud – man weiß nicht, auf welchem Weg er dazu gelangt ist – in der Lage war, es auszusprechen: Es gibt eine Urverdrängung*, es gibt eine Verdrängung, die niemals aufgehoben wird.“11

Das Urverdrängte manifestiert sich in dem, was Freud den „Nabel des Traums“ nennt12, einem unentwirrbaren Knäuel von Traumgedanken.

Im Aufsatz über Ernest Jones schreibt Lacan:

„Von daher möchten wir über diese Magnetpunkte der Bedeutung, die seine [Jones’] Bemerkung nahelegt, sagen, sie sind die Vernabelungspunkte des Subjekts in den Schnitten des Signifikanten, wobei der grundlegendste die Urverdrängung* ist, auf der Freud immer bestanden hat, nämlich die vom Diskurs hervorgerufene Reduplikation des Subjekts, wenn sie verschleiert bleibt durch das Wuchern dessen, was er als Seiendes evoziert.“13

Im Nabel des Traums ist das grundlegende Element die Urverdrängung.

Lacan: Sinn und Vorstellungsrepräsentanz

Welche Funktionen genau lassen sich den beiden Signifikanten zuweisen: dem Signifikanten, der das Subjekt repräsentiert, und dem Signifikanten, für den es repräsentiert wird?

Im Seminar über die vier Grundbegriffe heißt es:

„Wir können sie, diese Vorstellungsrepräsentanz*, in unserem Schema der Ursprungsmechanismen der Entfremdung in dieser ersten Signifikantenkopplung verorten, die es uns ermöglicht, zu begreifen, dass das Subjekt zunächst dadurch im Anderen erscheint, dass der erste Signifikant, der unäre Signifikant, auf dem Feld des Anderen auftaucht, und er das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert, wobei dieser andere Signifikant die Aphanisis des Subjekts zur Wirkung hat. Von daher die Spaltung des Subjekts – wenn das Subjekt irgendwo als Sinn erscheint, manifestiert es sich anderswo als Fading, als Verschwinden. Es geht also, wenn man so sagen kann, auf Leben und Tod zwischen dem unären Signifikanten und dem Subjekt als binärem Signifikanten, der Ursache seines Verschwindens. Die Vorstellungsrepräsentanz ist der binäre Signifikant.

Dieser Signifikant bildet dann den zentralen Punkt der Urverdrängung, dessen, was, nachdem es ins Unbewusste übergegangen ist, der Anziehungs*punkt sein wird – worauf Freud in seiner Theorie hinweist –, durch den alle anderen Verdrängungen möglich sein werden, alle anderen ähnlichen Übergänge an den Ort des Unterdrückten*, dessen, was als Signifikant nach unten gegangen ist. Darum geht es beim Terminus ‚Vorstellungsrepräsentanz‘.“14

Es gibt zwei Signifikanten.

Der eine Signifikant repräsentiert das Subjekt. Er realisiert diese Funktion dadurch, dass er das Subjekt als Sinn erscheinen lässt. Dieser das Subjekt durch den Sinn repräsentierende Signifikant wird von Lacan als „unärer Signifikant“ bezeichnet.

Der unäre Signifikant repräsentiert das Subjekt für einen anderen Signifikanten.

Der andere Signifikant wird von Lacan „binärer Signifikant genannt. Der andere, binäre Signifikant ist, in Freuds Begrifflichkeit, die Vorstellungsrepräsentanz des Triebes, an die der Trieb dauerhaft gebunden bleibt und die nicht bewusst werden kann. Der binäre Signifikant hat die Funktion, dass er das Verschwinden des Subjekts bewirkt, seine Aphanisis, sein Fading (das Verschwinden des Subjekts besteht darin, dass es zu diesen Signifikanten nicht „ich“ sagen kann, dass sie ihm fremd sind).

Die beiden Signifikanten erklären die Subjektspaltung. Das Subjekt ist gespalten zwischen dem Sinn (unärer Signifikant) und der urverdrängten Vorstellungsrepräsentanz des Triebes (binärer Signifikant). Aus Freuds Begriff des Bewusstseins (oder des Bewussten) wird bei Lacan der Sinn, aus dem Unbewussten werden urverdrängte und verdrängte Signifikanten.

Damit kann man das Diktum „Ein Signifikant ist das, wodurch das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert wird“ so übersetzen: Durch den unären Signifikanten (als Quelle des Sinns) wird das Subjekt für einen binären Signifikanten repräsentiert (als dem Anziehungspunkt des Unbewussten). Die Formel bezieht sich damit auf die Subjektspaltung, die darin besteht, dass Signifikanten auf zwei unterschiedliche Weisen funktionieren – die einen erzeugen den Sinneffekt, die anderen bewirken die Verdrängung.

Freud zufolge wird die Verdrängung von zwei Seiten aus betrieben: von Seiten der abwehrenden Instanzen, etwa des Ichs, und von Seiten des Urverdrängten. Der unäre Signifikant, der den Sinneffekt hervorruft, ist die eine Quelle der Verdrängung, der binäre Signifikant, die urverdrängte Triebrepräsentanz, die andere Kraft der Verdrängung.

Alienation - Seminar 11, Miller 222 - Le non-sens freigestellt (zu Jacques Lacan, Signifikant und Subjekt)

Seminar 11, Version Miller

Lacan zufolge manifestiert sich das Urverdrängte als Nicht-Sinn, d.h. in rätselhaften Signifikanten. Es steht im Gegensatz zum Sinn. In Seminar 11 hat Lacan die Beziehung zwischen dem Nicht-Sinn und dem Sinn durch das nebenstehende Venn-Diagramm dargestellt.15

An der Zuordnung zwischen dem Urverdrängten und dem Nicht-Sinn hält Lacan fest. In Seminar 22 von 1974/75, RSI, sagt er:

„Im Symbolischen ist in der Tat etwas urverdrängt*, etwas, dem wir nie Sinn geben, obgleich wir fähig sind zu sagen, alle Menschen sind sterblich. (…) Was das/den Andere betrifft, liefert uns Freud dies – es gibt das Andere nur, wenn man es sagt, aber es ist unmöglich, es vollständig zu sagen. Es gibt ein Urverdrängtes*. ein irreduzibles Unbewußtes, das Sagen definiert sich nicht nur als unmöglich, sondern führt die Kategorie des Unmöglichen als solche ein.“16

Im Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten wird sie wiederholt: das Ich (Je) (im Sinne des Subjekts in seiner Beziehung zur Sprache) „unterliegt insofern der Urverdrängung, als es nur im fading des Äußerungsvorgangs angezeigt werden kann“17.

Zur Sekundärliteratur Soler, Venndiagramm (zu Jacques Lacan, Signifikant und Subjekt)

Die Erläuterung der oben zitierten Passage aus Seminar 11 durch Colette Soler und Éric Laurent in Reading Seminar XI ist nicht haltbar. Beide ordnen den binären Signifikanten, also S2, dem Sinn zu, vgl. Colers nebenstehendes Diagramm.18 Diese Zuordnung geht auf Jacques-Alain Miller zurück.19 Lacan sagt in Seminar 11 das Gegenteil: Es ist der unäre Signifikant, der das Subjekt als Sinn auftauchen lässt. In den rechten Kreis, über „Meaning“ (Sinn) muss S1 eingetragen werden, in den Überschneidungsbereich S2.

Wie hängt der unäre Signifikant mit dem Sinn zusammen und der binäre Signifikant mit dem Nicht-Sinn?

Unärer Charakter und Sinn

Der unäre Charakter des verdrängenden Signifikanten besteht im einzelnen Zug (trait unaire), dem Merkmal des Ichideals. Das Konzept des trait unaire, des einzelnen Zugs, des Einzelstrichs, wird von Lacan in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, ausführlich entwickelt20; in Seminar 11 bezeichnet er den trait unaire explizit als Signifikanten21; also ist der einzelne Zug ein unärer Signifikant. Lacan knüpft an Freuds Rede von der Identifizierung mit einem „einzigen Zug“ an, deutet den Begriff aber als „einzelner Zug“; vgl. hierzu diesen Blogeintrag.

Die Idealbildung ist, Freud zufolge, die Hauptquelle der Verdrängung.

Also kann man die Formel auch so übersetzen:

Der einzelne Zug (das Ichideal) ist, was für den urverdrängten binären Signifikanten das Subjekt repräsentiert.

Der unäre verdrängende Signifikant lässt das Subjekt insofern als Sinn auftauchen, als die Substitution eines Signifikanten durch einen anderen Signifikanten dazu führt, dass neuer Sinn entsteht. Lacan bezeichnet die Sinnerzeugung durch Signifikantenersetzung als Metapher. Seine Formel der Metapher sieht so aus22:

{f} \left( \frac {\text S'}{\text S} \right){\text S} \cong {\text S (+) s}

Der Ausdruck in der Klammer auf der linken Seite dieser Quasi-Gleichung stellt den Ersetzungsvorgang dar: Die Funktion der Metapher besteht darin, dass in einer Signifikantenkette S-S ein Signifikant durch einen anderen Signifikanten (Sꞌ) ersetzt wird; der ersetzte Signifikant S steht unter dem „Balken“ (barre), unter der Sperre, die die Verdrängung anzeigt. Dies entspricht dem, was auf der rechten Seite zu lesen ist: ein Signifikant (S) wird mit einer neuen (+) Bedeutung (s) versehen.

Binärer Signifikant und Nicht-Sinn

In Seminar 11 setzt Lacan die Urverdrängung  gleich mit dem „notwendigen Sturz jenes ersten Signifikanten“, der jedoch nicht bestehen kann,

„denn es bräuchte dazu die Repräsentation eines Signifikanten für einen anderen, während hier ja nur einer ist, der erste.“23

Der urverdrängte Signifikant ist demnach nur ein Signifikant. Worin besteht der binäre Charakter dieses einen Signifikanten?

Der die Urverdrängung repräsentierende urverdrängte Signifikant ist, so nehme ich an, der symbolische Phallus.

„(W)as von diesem Sein im Urverdrängten* lebendig ist, findet seinen Signifikanten, indem es vom Phallus das Kennzeichen der Verdrängung* erhält (wodurch das Unbewusste Sprache ist).“24

Der urverdrängte Phallus-Signifikant hat binären Charakter: er ist der reine Gegensatz von Abwesenheit und Anwesenheit, von Plus und Minus25; vgl. hierzu den Blogartikel Der Phallus: binärer Signifikant der Urverdrängung.

In Seminar 10 von 1962/63, Die Angst, wird das Urverdrängte als „leerer Platz“ beschrieben.26 In Seminar 11 bezeichnet Lacan den binären Signifikanten als  tenant lieu, als Platzhalter.

Eine mögliche Deutung des Aphorismus ist demnach:

Der (verdrängende) unäre Signifikant (der einzelne Zug, das Ichideal)  ist das, wodurch für den (urverdrängten) binären Signifikanten (für den symbolischen Phallus) das Subjekt repräsentiert wird.

Diese Struktur lässt sich durch das Bild von de Chirico zu Beginn dieses Artikels veranschaulichen. Hauptthema ist ein leerer Platz. Auf ihm steht eine einzelne weiße Figur, die nahezu auf einen Strich reduziert ist. Der leere Platz ist der Phallus als Signifikant der Urverdrängung; der Strich repräsentiert für den leeren Platz das Subjekt.

Die Struktur des Diskurses (Seminar 17)

In Seminar 17, Die Kehrseite des Diskurses (1969/70) wird die Formel zur Grundlage für die Konstruktion der vier Diskurse: Diskurs des Herrn, Diskurs der Universität, Diskurs des Analytikers, Diskurs der Hysterikerin.

Diskurs des Herrn:

\frac {\text S_1}{\text {\$}} \:^\rightarrow \, \frac {\text S_2}{a}

Diskurs der Universität:

\frac {\text S_2}{\text S_1} \:^\rightarrow \, \frac {a}{\text {\$}}

Diskurs des Analytikers:

\frac {a}{\text S_2} \:^\rightarrow \, \frac {\$}{\text S_1}

Diskurs der Hysterikerin:

\frac {\$}{a} \,^\rightarrow \: \frac {\text S_1}{\text S_2}

Ein Diskurs besteht aus vier Plätzen, auf denen vier Terme rotieren. Da die Reihenfolge der Terme festgelegt ist, ergeben sich genau vier Diskurse. Die Terme sind:
S1: Herrensignifikant,
S2: Wissen,
a: Mehrlust,
$: Subjekt.
Der Herrensignifikant entspricht dem Ichideal (vgl. diesen Blogartikel), das Wissen dem Unbewussten (vgl. diesen Artikel). Einen Überblick über die vier Terme und ein Anwendungsbeispiel findet man in diesem Beitrag.

Ausgangspunkt für die Konstruktion der Diskurse ist der Herrendiskurs:

\frac {\text S_1}{\text {\$}} \:^\rightarrow \, \frac {\text S_2}{a}

Lässt man den Platz unten rechts außer Acht, ist dies eine formale Darstellung der Sentenz „Ein Signifikant ist das, wodurch für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert wird“: Der Herrensignifikant (S1) ist derjenige Signifikant, durch den das gespaltene Subjekt ($) für das Wissen (für S2) repräsentiert wird. Anders gesagt: Das Ichideal ist derjenige Signifikant, durch den das Subjekt für das Unbewusste repräsentiert wird. Das Ichideal ist ein Hauptquelle der Verdrängung; es repräsentiert insofern das gespaltene Subjekt, als es sich, verdrängend, auf das Verdrängte bezieht, auf das Unbewusste.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. J. Lacan: Subversion du sujet et dialectique du désir dans l’inconscient freudien. In: Ders.: Écrits. Seuil, Paris 1966, S. 793–827, hier: S. 819. Der Text beruht auf einem Vortrag von 1960 und wurde 1966 veröffentlicht.
    In den Seminaren wird die Sentenz zuerst vorgebracht in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung (Seminar 9, Sitzung vom 24. Januar 1962, in diesem Seminar ein weiteres Mal in der Sitzung vom 27. Juni 1962.
  2. Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freud’schen Unbewussten. In: J.L.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien 2015, S. 325–368, hier: S. 357.
  3. Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewußten. Übersetzt von Norbert Haas. In: J.L.: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter, Olten u.a. 1975, S. 165–204, hier: S. 195.
  4. Seminar 14, Sitzung vom 24. Mai 1967; meine Übersetzung nach Version Staferla.
  5. Seminar 16, Sitzung vom 13. November 1968, meine Übersetzung nach Version Staferla; Version Miller, S. 20 f.
  6. Seminar 18, Sitzung vom 13. Januar 1971; Version Miller, S. 10, meine Übersetzung.
  7. A.a.O, Version Miller, S. 18.
  8. Seminar 21, Sitzung vom 13. November 1974; meine Übersetzung nach Version Staferla.
  9. Seminar 21, Sitzung vom 20. November 1973, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  10. S. Freud: Die Verdrängung. In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 103–118, hier: S. 109.
  11. Sitzung vom 9. Dezember 1975; meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 41.
  12. „Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Unerkannten zusammenhängt.“ (S. Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 130 Fn. 2) Und: „In den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im Dunkel lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traums, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt.“ (A.a.O., S. 503)
  13. J.L.: À la mémoire d’Ernest Jones. Sur sa théorie du symbolique. In: Écrits, S.  710, meine Übersetzung; der Aufsatz wurde Januar bis März 1959 geschrieben und 1960 veröffentlicht. Vgl. J.L.: Zum Gedenken an Ernest Jones: Über seine Theorie der Symbolik. In: Ders.: Schriften. Band II. Vollständiger Text. Übersetzt von Hans-Dieter Gondek. Turia und Kant, Wien u.a. 2015, S. 205–229, hier: S. 220 f.
  14. Seminar 11, Sitzung vom 3. Juni 1964; meine Übersetzung nach Version Miller, S. 199; vgl. Version Miller/Haas, S. 229 f.
  15. Das Diagramm ist aus Seminar 11, Version Miller, S. 192 meine Übersetzung; in der deutschen Übersetzung des Seminars (S. 222) fehlen die Klammern um „Das Andere“.
  16. Seminar 22, 17. Dezember 1974, Übersetzung von Max Kleiner, S. 13.
  17. Schriften II, S. 192, Übersetzung geändert.
  18. Vgl. Colette Soler: The Subject and the Other (II). In: Richard Feldstein, Bruce Fink, Maire Jaanus (Hg.): Reading Seminar XI. Lacan’s Four Fundamental Concepts of Psychoanalysis. State University of New York Press, Albany 1995, S. 45–53, darin die drei Diagramme S. 47–49, das abgebildete Diagramm ist von S. 47.– Éric Laurent: Alienation and Separation (II), in: Reading Seminar XI, a.a.O., S. 29–38, darin das Diagramm S. 30.
  19. Vgl. Laurents Hinweis, a.a.O., S. 30.
  20. Zuerst in der Sitzung vom 6. Dezember 1961.
  21. Vgl. Seminar 11, Sitzung vom 22. April 1964; Version Miller/Haas, S. 148.
  22. Vgl. Das Drängen des Buchstaben im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud, Schriften II, S. 41.
  23. Seminar 11, a.a.O., S. 264.
  24. Lacan: Die Bedeutung des Phallus, Schriften II, S. 129, Einfügung in Klammern von Lacan, Übersetzung geändert.
  25. Vgl. Seminar 4 von 1956/57, Die Objektbeziehung, Sitzung vom 16. Januar 1957; Version Miller/Gondek, S. 144.
  26. Seminar 10, Sitzung vom 16. Januar 1963; Version Miller/Gondek, S. 138.
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