Lacans Aphorismen

„Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert.“

Giorgio de Chirico, I piaceri del poeta, 1912 (zu Jacques Lacan, Signifikant und Subjekt)Giorgio de Chirico, I piaceri del poeta (Die Freuden des Dichters), 1912

Lacans Definition des Signifikanten lautet:

„Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert.“

In den Schriften findet man den Aphorismus in Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens (zwischen 1960 und 1966)1, in den Seminaren wird er zuerst vorgebracht in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung2.

Der Sinn der Formel erschließt sich, wenn man sich vergegenwärtigt, wogegen sie sich richtet: gegen die klassische Definition des Zeichens, die da lautet „Ein Zeichen repräsentiert etwas für jemanden“. Das „Repräsentieren“ ist hier ein „Repräsentieren für jemanden“, anders gesagt, es bezieht sich auf das Bewusstsein. In Lacans Formel entfällt dieser Bezug: der Signifikant repräsentiert nicht für jemanden, sondern für einen anderen Signifikanten – die Repräsentationsbeziehung, um die es geht, liegt außerhalb des Bewusstseins, der Begriff der Repräsentation wird damit ironisiert und auf solche Weise problematisiert. Die Pointe der Formel ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Gemeint ist: das Subjekt wird auf solche Weise von Signifikanten repräsentiert, dass es ihrer Beziehung immanent ist – es wird durch sie hervorgebracht und determiniert – , dass es aber zugleich aus der Signifikantenbeziehung ausgeschlossen ist.

Einfache Deutung: Der Psychoanalytiker hat es mit Signifikantenbeziehungen zu tun, mit Metonymien und Metaphern, mit Verschiebungen und Verdichtungen. Er unterstellt, dass diesen Signifikantenbeziehungen ein Subjekt zugrunde liegt; auf dieser Hypothese beruht seine Arbeit.

Eine Illustration gibt Lacan in Seminar 14:

„Entität, Vernunftwesen – immer inadäquat von dem Moment an, wo wir auf korrekte Weise die Funktion des Subjekts ins Spiel eintreten lassen, als nichts anderes als das, was von einem Signifikanten bei einem anderen Signifikanten repräsentiert wird. Ein Subjekt ist in keinem Fall eine autonome Einheit, nur der Eigenname kann die Illusion davon geben. Das ‚ich‘ (je) zu sagen, es sei suspekt, ist zu viel gesagt. Seit ich zu Ihnen darüber spreche, muss es das nicht mehr sein. Es ist sehr genau nur dieses Subjekt, das von ‚ich‘, als Signifikant, beispielsweise für den Signifikanten ‚gehe’ repräsentiert wird oder für die drei Signifikanten ‚komme zum Schluss‘ ‚ich komme zum Schluss‘.“3

Im Satz „ich gehe“ wird das Subjekt durch den Signifikanten „ich“ für den Signifikanten „gehe“ repräsentiert. Entscheidend ist, dass das Subjekt nicht der Signifikant „ich“ ist, sondern von ihm nur repräsentiert wird, ähnlich wie eine Regierung von einem Botschafter repräsentiert wird, der ein Eigenleben hat; und dass der repräsentierende Signifikant nicht isoliert ist, sondern wesentlich auf einen anderen oder mehrere andere Signifikanten bezogen ist (so wie ein Botschafter von vornherein auf andere Politiker bezogen ist).

Der Satz wendet sich gegen die Vorstellung, dass das Subjekt autonom ist, dass es außerhalb sprachlicher Beziehungen zu anderen begriffen werden kann, aber auch gegen die Vorstellung (das ist weniger gut zu erkennen),  dass das Subjekt in irgendeine Sinne adäquat repräsentiert werden könnte (der Botschafter ist nicht die Regierung).

In Seminar 18 kommentiert Lacan den Begriff der Intersubjektivität. Das lateinische Wort inter meint „zwischen“, die Intersubjektivität ist also die Beziehung zwischen. Subjekten. Lacan hatte den Begriff anfangs verwendet und später kritisiert.

Inter, sicher, das ist tatsächlich das, was ich erst später äußern konnte über eine Intersignifikanz, die dann in der Folge subjektiviert wird, wobei der Signifikant das ist, was für einen anderen Signifikanten ein Subjekt dort repräsentiert, wo es nicht ist. Wo es repräsentiert wird, ist das Subjekt abwesend. Und eben deshalb, weil es gleichwohl repräsentiert wird, ist es auf diese Weise gespalten.“4

Etwas später heißt es in derselben Sitzung:

„[D]as Subjekt erscheint nur dann, wenn irgendwo die Signifikantenverbindung eingerichtet ist. Ein Subjekt kann nur das Ergebnis der Signifikantenverknüpfung sein. Ein Subjekt als solches beherrscht niemals, in keinem Fall, diese Verknüpfung, sondern wird von ihr im eigentlichen Sinne determiniert.“ (Miller, S. 18)

Das Subjekt erscheint dann, wenn eine Signifikantenverbindung eingerichtet ist; es ist das Produkt dieser Verknüpfung. Es kann diese Verbindung nicht beherrschen, vielmehr wird es von ihr determiniert. Es ist ist gespalten zwischen, einerseits, dem Signifikanten, der es für einen anderen Signifikanten repräsentiert – allerdings entfremdet: dort, wo es nicht ist –, und, andererseits, dem, was in dieser Repräsentationsbeziehung abwesend ist, was in ihr nicht repräsentiert wird.

In Seminar 21 von 1974/75, Les non-dupes errent, sagt er:

„[D]as Unbewusste ist ein Wissen, in dem das Subjekt sich entziffern kann. Das ist die Definition des Subjekts, die ich hier gebe, des Subjekts, wie es durch das Unbewusste konstituiert wird. Es entziffert es, da es als Sprechendes in der Position ist, diese Operation voranzutreiben, die hier sogar bis zu einem bestimmten Punkt erzwungen ist, bis zu dem, wo es einen Sinn erreicht. Und da hört es auf, weil – weil man wohl aufhören muss.“5

Das Unbewusste ist ein Wissen, d.h. eine Beziehung zwischen Signifikanten. Die Minimalform dieses Wissen ist die Signifikantendifferenz; seit Seminar 16 wird sie von Lacan mit S2 symbolisiert. Das Subjekt ist tritt hier doppelt auf. Es ist erstens das, was in diesem Wissen entziffert wird: das Entzifferte. Es ist zweitens diejenige Instanz, die die Entzifferungsoperation vollzieht: das Entzifferende. An die Stelle des Selbstbewusstseins tritt der Prozess der Entzifferung des Unbewussten. Die Entzifferung des Subjekts durch das Subjekt in den Signifikanten des Unbewussten zielt auf den Sinn. Sie kommt zum Halt, wenn ein Sinn erreicht ist.

Im selben Seminar erfährt man eine Sitzung später:

„Die Beziehung des Menschen zur Sprache kann nur auf der folgenden Grundlage angegangen werden: dass der Signifikant ein Zeichen ist, das sich nur an ein anderes Zeichen wendet, dass der Signifikant das ist, was einem Zeichen Zeichen gibt, und dass er deswegen Signifikant ist. Das hat nichts mit der Kommunikation mit einem anderen zu tun. Das determiniert ein Subjekt, das hat ein Subjekt zur Wirkung. Und das Subjekt, es genügt, dass es hierdurch als Subjekt determiniert ist, nämlich dass es aus etwas hervorgeht, das seine Rechtfertigung nur anderswo haben kann.“6

Das Subjekt wird durch die Beziehung eines Signifikanten zu einem anderen Signifikanten nicht einfach repräsentiert sondern determiniert, hervorgebracht.

***

Man kann die Sentenz auch spezifischer deuten. Sie bezieht sich auf eine Funktionenteilung – der eine Signifikant repräsentiert das Subjekt, und zwar für den anderen. In Lacans Beispiel ist der repräsentierende Signifikant das Personalpronomen der ersten Person Singular, „ich“, derjenige Signifikant, für den „ich“ das Subjekt repräsentiert, ist ein Verb.

Lässt sich dieser Funktionenteilung eine psychoanalytische Deutung geben? Gibt es im Unbewussten spezielle Signifikanten, die das Subjekt repräsentieren?

In Seminar 11 von 1964, Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse, erläutert Lacan das Diktum so:

„Diese Vorstellungsrepräsentanz* läßt sich auf unserem Schema der Ursprungsmechanismen der Alienation in jener ersten Signifikantenkoppelung lokalisieren, die uns einen Begriff davon geben kann, wie das Subjekt zuerst im Andern auftaucht, sofern nämlich der erste Signifikant, der einzelne Signifikant / le signifiant unaire, auf dem Feld des Andern auftaucht und das Subjekt für einen anderen Signifikanten repräsentiert, der wiederum die Aphanisis des Subjekts bewirkt.“7

Die beiden Signifikanten werden hier als unärer und als binärer Signifikant unterschieden. Beide haben unterschiedliche Funktionen.
– Der unäre Signifikant repräsentiert das Subjekt.
– Der binäre Signifikant bewirkt das Verschwinden des Subjekts (seine Aphanisis, sein Fading].
– Der unäre Signifikant repräsentiert das Subjekt für den binären Signifikanten.

Der nächste Satz lautet:

„Daher die Spaltung des Subjekts – wenn das Subjekt irgendwo als Sinn auftaucht, manifestiert es sich anderswo als fading, als ein Verschwinden.“8

Die Funktionen sind demnach so aufgeteilt:
– Der unäre Signifikant sorgt dafür, dass das Subjekt auftaucht, und zwar als Sinn; insofern repräsentiert der unäre Signifikant das Subjekt.
– Der binäre Signifikant bewirkt, dass das Subjekt verschwindet.

Unter dem Sinn versteht Lacan an dieser Stelle, mit Freud, die Bedeutung des Symptoms. Die Bedeutung des Symptoms ist ein Signifikant bzw. ein Netz von Signifikanten. Dadurch, dass dieser Signifikant verdrängt ist und gesucht wird, hat er die Funktion des Signifikats, der zu enthüllenden Bedeutung. Wenn dieser Signifikant erinnert oder gedeutet wird, repräsentiert er das Subjekt: die verdrängte Subjektivität.

Der binäre Signifikant ist das Urverdrängte; es kann nicht erinnert werden, also nicht als Sinn auftauchen. Das Subjekt verschwindet: das Urverdrängte zeigt sich nicht in der Erinnerung, nicht in Gestalt von Signifikanten, sondern in der Wiederholung.

Lacan fährt fort:

„Man kann also sagen, daß es auf Leben und Tod geht zwischen dem signifiant unaire / dem unären Signifikanten und dem Subjekt als signifiant binaire / binären Signifikanten, der Ursache für sein Schwinden. Die Vorstellungsrepräsentanz ist der binäre Signifikant.

Dieser Signifikant bildet dann den zentralen Punkt der Urverdrängung* – mithin dessen, was, nachdem es ins Unbewußte übergegangen, jetzt, der Theorie Freud zufolge, jenen Anziehungs*punkt ausmacht, durch den alle weiteren Verdrängungen ermöglicht werden, alle weiteren ähnlichen Übergänge an den Ort der Unterdrückung*, den Ort dessen, was als Signifikant unter den Tisch fällt. Darum geht es bei dem Terminus Vorstellungsrepräsentanz*.“9

Der binäre Signifikant ist erstens die Vorstellungsrepräsentanz, zu ergänzen ist: des Triebs. Der binäre Signifikant ist „le tenant lieu de la représentation“, wie Lacan diesen Terminus übersetzt10, also der Platzhalter, der Ersatz, der Stellvertreter für die Vorstellung vom Trieb; er ist „le représentant de la représentation“11, der Repräsentant der Vorstellung des Triebs. Der binäre Signifikant hat nicht den Charakter einer Vorstellung; er ist etwas anderes als eine Vorstellung und tritt an deren Stelle. Die Vorstellungsrepräsentanz bezieht sich auf das, was Freud als das verlorene Objekt bezeichnet.12

Der binäre Signifikant ist, zweitens, der zentrale Punkt der Urverdrängung. Freud zufolge wird die Verdrängung von zwei Seiten aus betrieben: von Seiten der abwehrenden Instanzen, etwa des Ichs, und von Seiten des Urverdrängten.13 Der binäre Signifikant, die urverdrängte Triebrepräsentanz, ist eine der beiden Kräfte der Verdrängung. Das Urverdrängte ist das, was auf keine Weise erinnert werden kann.14

Das Urverdrängte manifestiert sich, drittens, in dem, was Freud den „Nabel des Traums“ nennt15, einem unentwirrbaren Knäuel von Traumgedanken.16

Alienation - Seminar 11, Miller 222 - Le non-sens freigestellt (zu Jacques Lacan, Signifikant und Subjekt)

Seminar 11, Verison Miller, S. 222

Lacan bezeichnet, viertens, den nicht deutbaren Rest, in dem sich das Urverdrängte klinisch manifestiert, als Nicht-Sinn. Es steht im Gegensatz zum Sinn, zu demjenigen Bereich des Unbewussten, der sich deuten lässt. In Seminar 11 hat Lacan die Beziehung zwischen dem Nicht-Sinn, in dem sich der urverdrängte binäre Signifikant manifestiert, und dem Sinn durch das nebenstehende Venn-Diagramm dargestellt.17

An der Zuordnung zwischen dem Urverdrängten und dem Nicht-Sinn hält Lacan fest. In Seminar 22 von 1974/75, RSI, sagt er:

„Im Symbolischen ist in der Tat etwas urverdrängt*, etwas, dem wir nie Sinn geben, obgleich wir fähig sind zu sagen, alle Menschen sind sterblich. (…) Was das/den Andere betrifft, liefert uns Freud dies – es gibt das Andere nur, wenn man es sagt, aber es ist unmöglich, es vollständig zu sagen. Es gibt ein Urverdrängtes*. ein irreduzibles Unbewußtes, das Sagen definiert sich nicht nur als unmöglich, sondern führt die Kategorie des Unmöglichen als solche ein.“18

In Seminar 8 von 1960/61, Die Übertragung, heißt es:

“Wenn man sogar, und selbst da, wo man nicht Analytiker ist, von zweifacher Symbolisierung sprechen kann, so ist das in diesem Sinn, daß die Natur des Symbols solcher Art ist, daß zwei Register notwendig daraus entspringen: dasjenige, das an die symbolische Kette gebunden ist, und dasjenige, das an die Störung, an das Wirrwarr gebunden ist, die das Subjekt imstande war, da hineinzutragen, denn da findet es auf die gewisseste Weise seinen Ort.“19

Das Subjekt wird doppelt symbolisiert: durch die symbolische Kette und durch das Wirrwar, durch den Sinn und durch den undeutbaren Nicht-Sinn, in dem sich der urverdrängte binäre Signifikant manifestiert.

Der binäre Signifikant ist, fünftens, die Ursache für das Verschwinden des Subjekts. Das Verdrängte ist gespalten in das Urverdrängte und das sekundär Verdrängte, in den binären Signifikanten und die Serie der primären Signifikanten, der Identifizierungen mit dem Ichideal. Das Subjekt verschwindet auf der Ebene des sekundär Verdrängten und damit des unbewussten Diskurses, des Äußerungsvorgangs (énonciation)  – auf dieser Ebene gibt es keinen Signifikanten des Subjekts.20 Es gibt zwar einen Repräsentanten des Subjekts, dieser ist jedoch urverdrängt, durch freie Assoziation nicht abrufbar, er erscheint nicht im unbewussten Diskurs. Der binäre Signifikant ist also insofern die Ursache für das Verschwinden des Subjekts, als er zwar das Subjekt repräsentiert, im Diskurs des Unbewussten – in der énonciation – jedoch nicht erscheint.

Das Diktum „Ein Signifikant ist, was für einen anderen Signifikanten das Subjekt repräsentiert“ kann demnach auch so übersetzt werden: Der (sekundär verdrängte) unäre Signifikant ist derjenige Signifikant, der für den (urverdrängten) binären Signifikanten das Subjekt repräsentiert. Der unäre Signifikant repräsentiert das Subjekt insofern, als er es auftauchen lässt, und zwar als Sinn. Durch das Auftauchen wird das Subjekt gleichzeitig zum Verschwinden gebracht; das verschwundene Subjekt erscheint im Nicht-Sinn. Der Sinn repräsentiert das Subjekt für den Nicht-Sinn, für das Wirrwarr. 

Das lässt sich so darstellen:

S1-S2 (zu Jacques Lacan, Signifikant und Subjekt)Bleiben vier Fragen.
(1) Worin besteht der unäre Charakter des unären Signifikanten?
(2) Inwiefern lässt der unäre Signifikant das Subjekt als Sinn auftauchen?
(3) Worin besteht die Binarität des urverdrängten Signifikanten?
(4) Worin besteht die Beziehung zwischen den beiden Signifikanten – inwiefern repräsentiert der unäre Signifikant das Subjekt FÜR den binären Signifikanten?

Worin besteht der unäre Charakter des unären Signifikanten?

Der unäre Charakter des verdrängenden Signifikanten besteht im einzelnen Zug (trait unaire), dem Merkmal des Ichideals. Das Konzept des trait unaire, des einzelnen Zugs, des Einzelstrichs, wird von Lacan in Seminar 9 von 1961/62, Die Identifizierung, ausführlich entwickelt21; in Seminar 11 bezeichnet er den trait unaire ausdrücklich als Signifikanten22; also ist der einzelne Zug ein unärer Signifikant. Lacan knüpft an Freuds Rede von der Identifizierung mit einem „einzigen Zug“ an, deutet den Begriff aber als „einzelner Zug“; vgl. hierzu diesen Blogeintrag.

Die Idealbildung ist, Freud zufolge, die Hauptquelle der Verdrängung.

Also kann man die Formel auch so übersetzen:

Der einzelne Zug (das Ichideal) ist, was für den urverdrängten binären Signifikanten das Subjekt repräsentiert.

Inwiefern lässt der unäre verdrängende Signifikant das Subjekt als Sinn auftauchen?

Der unäre verdrängende Signifikant lässt das Subjekt insofern als Sinn auftauchen, als die Substitution eines Signifikanten durch einen anderen Signifikanten dazu führt, dass neuer Sinn entsteht. Lacan bezeichnet die Sinnerzeugung durch Signifikantenersetzung als Metapher. Seine Formel der Metapher sieht so aus23:

{f} \left( \frac {\text S'}{\text S} \right){\text S} \cong {\text S (+) s}

Der Ausdruck in der Klammer auf der linken Seite dieser Quasi-Gleichung stellt den Ersetzungsvorgang dar: Die Funktion der Metapher besteht darin, dass in einer Signifikantenkette S-S ein Signifikant durch einen anderen Signifikanten (S‘) ersetzt wird; der ersetzte Signifikant S steht unter dem „Balken“ (barre), unter der Sperre, die die Verdrängung anzeigt. Dies entspricht dem, was auf der rechten Seite zu lesen ist: ein Signifikant (S) wird mit einer neuen (+) Bedeutung (s) versehen.

Unter dem Signifikat, dem Sinn, versteht Lacan in diesem Zusammenhang das, worum es dem Subjekt letztlich geht, das Begehren, genauer: das Begehren, begehrt zu werden. In Seminar 5 heißt es,

„daß wir häufig annehmen müssen, daß der Phallus im Signifikantensystem von dem Moment an ins Spiel kommt, da das Subjekt im Gegensatz zum Signifikanten das Signifikat als solches, ich meine die Bedeutung, zu symbolisieren hat. Das, was wichtig ist für das Subjekt, was es begehrt, das Begehren als begehrtes, das Begehrte des Subjekts, wenn der Neurotiker oder der Perverse es zu symbolisieren hat, so geschieht das am Ende buchstäblich mit Hilfe de Phallus. Der Signifikant des Signifikats im allgemeinen ist der Phallus.“24

Das Signifikat ist das, was dem Subjekt wichtig ist, was es begehrt, nämlich das Begehren; vgl. hierzu den Blogartikel Der Begriff des Signifikats.

Worin besteht die Binarität des urverdrängten Signifikanten?

In Seminar 11 setzt Lacan die Urverdrängung  gleich mit dem „notwendigen Sturz jenes ersten Signifikanten“, der jedoch nicht bestehen kann,

„denn es bräuchte dazu die Repräsentation eines Signifikanten für einen anderen, während hier ja nur einer ist, der erste.“25

Der urverdrängte Signifikant ist demnach nur ein Signifikant. Worin besteht der binäre Charakter dieses einen Signifikanten?

Der die Urverdrängung repräsentierende urverdrängte Signifikant ist der symbolische Phallus.

„(W)as von diesem Sein im Urverdrängten* lebendig ist, findet seinen Signifikanten, indem es vom Phallus das Kennzeichen der Verdrängung* erhält (wodurch das Unbewusste Sprache ist).“26

Der urverdrängte Phallus-Signifikant hat binären Charakter: er ist der reine Gegensatz von Abwesenheit und Anwesenheit, von Plus und Minus27; vgl. hierzu den Blogartikel Der Phallus: binärer Signifikant der Urverdrängung.

In Seminar 10 wird das Urverdrängte als „leerer Platz“ beschrieben.28 In Seminar 11 bezeichnet Lacan den binären Signifikanten als  tenant lieu, als Platzhalter.

Eine mögliche Deutung des Aphorismus ist demnach:

Der (verdrängte) unäre Signifikant (der einzelne Zug, das Ichideal)  ist, was für den (urverdrängten) binären Signifikanten (für den symbolischen Phallus) das Subjekt repräsentiert.

Diese Struktur lässt sich durch das Bild von de Chirico zu Beginn dieses Artikels veranschaulichen. Hauptthema ist ein leerer Platz. Auf ihm steht eine einzelne weiße Figur, die nahezu auf einen Strich reduziert ist. Der leere Platz ist der Phallus als Signifikant der Urverdrängung; der Strich repräsentiert für den leeren Platz das Subjekt.

Worin besteht die Beziehung zwischen den beiden Signifikanten – inwiefern repräsentiert der unäre Signifikant das Subjekt FÜR den binären Signifikanten?

Das Freudsche Unbewusste zeichnet sich durch eine Spaltung aus: zwischen dem Urverdrängten und dem sekundär Verdrängten. Das Urverdrängte wirkt wie eine Anziehungskraft, der gewöhnliche Verdrängungsvorgang ist ein Nachdrängen. Das „für“ bezieht sich vermutlich auf die Anziehung des sekundär Verdrängten durch das Urverdrängte. Der sekundär verdrängte unäre Signifikant repräsentiert das Subjekt FÜR den urverdrängten binären Signifikanten, insofern der unäre Signifikant vom binären Signifikanten in die Verdrängung hineingezogen wird. 

Um es auf das Bild von Chirico zu beziehen: die weiße Figur (der Einzelstrich) wird vom Platz (vom binären Signifikanten) angezogen.

Zur Sekundärliteratur Soler, Venndiagramm (zu Jacques Lacan, Signifikant und Subjekt)

Die Erläuterung der anfangs zitierten Passage aus Seminar 11 durch Colette Soler und Éric Laurent in Reading Seminar XI ist nicht haltbar. Beide ordnen den binären Signifikanten, also S2, dem Sinn zu (vgl. Colers nebenstehendes Diagramm)29; diese Zuordnung geht auf Jacques-Alain Miller zurück.30 Lacan sagt in Seminar 11 das Gegenteil: es ist der unäre Signifikant, der das Subjekt als Sinn auftauchen lässt. In den rechten Kreis, über „Meaning“ (Sinn) muss S1 eingetragen werden.

Die von Soler und Laurent vorgenommene Zuordnung von S1 und S2 passt zu Seminar 16, nicht zu Seminar 11; in Seminar 16 ist es S1, der für S2 das Subjekt repräsentiert.31

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Anmerkungen

  1. Schriften II, S. 195, Übersetzung geändert, Vortrag von 1960, der 1966 veröffentlicht wurde. In den Autres écrits verwendet Lacan seinen Spruch in Proposition du 9 octobre 1967 sur le psychanalyste de l’École, in: J. Lacan: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 246.
  2. Seminar 9, Sitzung vom 24. Januar 1962, in diesem Seminar ein weiteres Mal in der Sitzung vom 27. Juni 1962.
  3. Seminar 12, Sitzung vom 24. Mai 1967; Version Staferla 6.8.2013, S. 175, meine Übersetzung.
  4. Seminar 18, Sitzung vom 13. Januar 1971; Version Miller, S. 10, meine Übersetzung.
  5. Seminar 21, Sitzung vom 13. November 1974; Version Staferla, meine Übersetzung.
  6. Seminar 21, Sitzung vom 20. November 1973, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  7. Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 229 f., mit einem Sternchen versehene Ausdrücke im Original deutsch. Übersetzung geändert; der Ausdruck „unaire“ meint nicht „einzig“ (wie Haas übersetzt), sondern „einzeln“; „einzig“ wäre unique.
  8. A.a.O., S. 229, Übersetzung geändert; zur Übersetzung von division mit „Spaltung“ statt mit „Teilung“ vgl. diesen Blogartikel.
  9. A.a.O., S. 229.
  10. Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 66.
  11. Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 229.
  12. Vgl. Lacan, Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 302.
  13. Freud: „Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzunehmen, eine erste Phase der Verdrängung, die darin besteht, daß der psychischen (Vorstellungs-)Repräsentanz des Triebes die Übernahme ins Bewußte versagt wird. Mit dieser ist eine Fixierung gegeben; die betreffende Repräsentanz bleibt von da an unveränderlich bestehen und der Trieb an sie gebunden. (…) Die zweite Stufe der Verdrängung, die eigentliche Verdrängung, betrifft psychische Abkömmlinge der verdrängten Repräsentanz oder solche Gedankenzüge, die, anderswoher stammend, in assoziative Beziehung zu ihr geraten sind. Wegen dieser Beziehung erfahren diese Vorstellungen dasselbe Schicksal wie das Urverdrängte. Die eigentliche Verdrängung ist also ein Nachdrängen.“ (S. Freud: Die Verdrängung (1915). In: Ders.: Studienausgabe, Band 3. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 109, Einfügung in runden Klammern von Freud)
  14. In Seminar 23 sagt Lacan: „Es gibt keinerlei radikale Reduktion des vierten Terms ((im borromäischen Viererknotens, also kein vollständige Reduktion des Symptoms)), das heißt, dass selbst die Analyse, weil Freud – man weiß nicht, auf welchem Weg er dazu gekommen ist – in der Lage war, es auszusprechen: es gibt eine Urverdrängung*, es gibt eine Verdrängung, die niemals aufgehoben wird.“ (Sitzung vom 9. Dezember 1975; meine Übersetzung nach Version Staferla; vgl. Version Miller, S. 41)
  15. „Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Unerkannten zusammenhängt.“ (S. Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 2. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 130 Fn. 2) Und: „In den bestgedeuteten Träumen muss man oft eine Stelle im Dunkel lassen, weil man bei der Deutung merkt, dass dort ein Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will, aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat. Dies ist dann der Nabel des Traums, die Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt.“ (A.a.O., S. 503)
  16. Im Aufsatz über Ernest Jones schreibt Lacan: „Von daher werden wir über diese magnetisierten Punkte der Signifikation, die seine (Jones’) Bemerkung nahelegt, sagen, sie sind die Punkte der Vernabelung des Subjekts in den Schnitten des Signifikanten, wobei der grundlegendste die Urverdrängung ist, auf der Freud immer bestanden hat, nämlich die vom Diskurs provozierte Reduplikation des Subjekts, wenn sie maskiert bleibt durch das Wuchern dessen, was es als Seiendes evoziert.“ (À la mémoire d’Ernest Jones. Sur sa théorie du symbolique. In: Écrits, S.  710, meine Übersetzung; der Aufsatz wurde Januar bis März 1959 geschrieben und 1960 veröffentlicht.)
  17. Das Diagramm ist aus Seminar 11, Version Miller, S. 222, meine Übersetzung.
  18. Seminar 22, 17. Dezember 1974, Übersetzung von Max Kleiner, S. 13.
  19. Seminar 8, Version Miller/Gondek, S. 290.
  20. Diese These wird von Lacan ausführlich in Seminar 6 von 1958/59 entwickelt, Das Begehren und seine Deutung; vgl. etwa Seminar 6, Version Miller, S. 96. Im Aufsatz Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten wird sie wiederholt: das Ich (Je) (im Sinne des Subjekts in seiner Beziehung zur Sprache) „unterliegt insofern der Urverdrängung, als es nur im fading des Äußerungsvorgangs angezeigt werden kann“ (Schriften II, S. 192, Übersetzung geändert)
  21. Zuerst in der Sitzung vom 6. Dezember 1961.
  22. Seminar 11, Version Miller/Haas, S. 148.
  23. Vgl. Das Drängen des Buchstaben im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud, Schriften II, S. 41.
  24. Seminar 5, Version Miller/Gondek, S. 284.
  25. Seminar 11, a.a.O., S. 264.
  26. Lacan: Die Bedeutung des Phallus, Schriften II, S. 129, Einfügung in Klammern von Lacan, Übersetzung geändert.
  27. Vgl. Seminar 4, Version Miller/Gondek, S. 144.
  28. Seminar 10 von 1962/63, Die Angst, Version Miller/Gondek, S. 138.
  29. Vgl. Colette Soler: The Subject and the Other (II). In: Richard Feldstein, Bruce Fink, Maire Jaanus (Hg.): Reading Seminar XI. Lacan’s Four Fundamental Concepts of Psychoanalysis. State University of New York Press, Albany 1995, S. 45–53, darin die drei Diagramme S. 47–49, das abgebildete Diagramm ist von S. 47.– Éric Laurent: Alienation and Separation (II), in: Reading Seminar XI, a.a.O., S. 29–38, darin das Diagramm S. 30.
  30. Vgl. Laurents Hinweis, a.a.O., S. 30.
  31. Vgl. etwa Seminar 16, Version Miller, S. 22.
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