Jacques Lacan: Lituraterre I – Seminar 18, Sitzung vom 12. Mai 1971 (Übersetzung mit Anmerkungen)

Beckett Endspiel (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe und Signifikant))Sa­mu­el Be­ckett, End­spiel (1957)
Auf­füh­rung im Du­ch­ess Theat­re Lon­don 2009
Tom Hi­ckey als Nagg und Mi­ri­am Mar­go­lyes als Nell

Jac­ques La­can:
Se­mi­nar 18 (1971): Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre
Litu­ra­terre – Sit­zung vom 12. Mai 1971
Über­setzt von Rolf Nemitz

Voll­stän­di­ge Über­set­zung von Se­mi­nar 18 auf der Grund­la­ge von Ver­si­on Sta­fer­la, Ver­si­on Es­paces La­can und ei­ner Ton­auf­nah­me, Teil 7/10

Zu „Lituraterre“

In Litu­ra­terre (1971) er­läu­tert La­can, was er un­ter dem Buch­sta­ben (lett­re) ver­steht und wie er ihn vom Si­gni­fi­kan­ten ab­grenzt. Im Fol­gen­den fin­det man mei­ne Über­set­zung, mit aus­führ­li­chen An­mer­kun­gen. Dies ist die ers­te deut­sche Über­set­zung.

Litu­ra­terre gibt es in zwei Ver­sio­nen. Eine ers­te Fas­sung trug La­can am 12. Mai 1971 in sei­nem Se­mi­nar vor, Se­mi­nar 18 von 1971, D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant („Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre“). Eine zwei­te Va­ri­an­te er­schien im sel­ben Jahr in der Zeit­schrift Lit­té­ra­tu­re1. Ich nen­ne die im Se­mi­nar vor­ge­le­se­ne Fas­sung Litu­ra­terre I, die von La­can zum Druck ge­brach­te Fas­sung Litu­ra­terre II. Im Fol­gen­den wird Litu­ra­terre I über­setzt.

Zum deut­schen Text

Der Le­ser wird ge­be­ten, sei­nen Wort­schatz durch fünf Ter­mi­ni zu er­wei­tern: durch das Fremd­wort „Li­to­ral“, durch das la­tei­ni­sche Wort „litu­ra“, durch den Aus­druck „Let­ter“ in ver­zerr­ter Be­deu­tung und schlie­ßich durch die bei­den Neo­lo­gis­men „li­te­ral“ und „Ra­tur“.

– „Li­to­ral“: Ein Schlüs­sel­be­griff von Litu­ra­terre ist das fran­zö­si­sche Wort li­to­ral. Der Aus­druck meint „Ufer“, „Küs­te“, „Strand“, „Ufer­zo­ne“, „Ufer­strei­fen“ usw. Im Nie­der­deut­schen sagt man „Wa­ter­kant“; das Li­to­ral ist der Rand des Was­sers, dort, wo es an das Land an­grenzt. Da die Laut­ähn­lich­keit lit­té­ral („buch­stäb­lich“) – li­to­ral bei La­can eine wich­ti­ge Rol­le spielt, habe ich li­to­ral mit dem Ter­mi­nus „Li­to­ral“ über­setzt, den es tat­säch­lich auch im Deut­schen gibt und der die­sel­be Be­deu­tung hat wie im Fran­zö­si­schen. Das deut­sche Ad­jek­tiv „li­to­ral“ meint laut Du­den: „die Küs­ten-, Ufer-, Strand­zo­ne be­tref­fend“.

– „Litu­ra“: In dem von La­can er­fun­de­nen Wort „Litu­ra­terre“ steckt, wie er selbst sagt, das la­tei­ni­sche Wort litu­ra, „Strei­chung“, im Sin­ne der Strei­chung in ei­nem Text. Das Wort „Litu­ra­terre“ ist nicht nur eine Sil­ben­ver­dre­hung von „Lit­té­ra­tu­re“ (Li­te­ra­tur), son­dern auch die Ver­bin­dung von litu­ra, „Strei­chung“, mit terre „Erde“.

– „Let­ter“: Nor­ma­ler­wei­se ver­steht man un­ter ei­ner Let­ter ein Ele­ment ei­ner Satz­schrift aus Blei, also ei­nen ma­te­ri­el­len Kör­per, mit dem ein Schrift­zei­chen er­zeugt wird, sei dies ein Buch­sta­be, eine Zif­fer oder ein Satz­zei­chen. In La­cans Text ist die Laut­ähn­lich­keit von lett­re („Buch­sta­be“) und lit­té­ra­tu­re („Li­te­ra­tur“) wich­tig. Um sie ins Deut­sche hin­über­zu­ret­ten, ver­wen­de ich im Fol­gen­den „Let­ter“ im Sin­ne von „Buch­sta­be“ und zu­gleich „Brief“, also in ver­scho­be­ner Be­deu­tung. Ich fol­ge da­mit Ro­dol­phe Gas­ché, der in sei­ner Über­set­zung von La­cans Poe-Auf­satz in den Schrif­ten den fran­zö­si­schen Aus­druck lett­re aus dem­sel­ben Grun­de bis­wei­len mit „Let­ter“ über­setzt.

– „li­te­ral“: Das fran­zö­si­sche Wort lit­té­ral meint „buch­stäb­lich“ oder „wört­lich“; da La­can die Nähe zu lett­re, „Buch­sta­be“ be­tont, ist „buch­stäb­lich“ die na­he­lie­gen­de Über­set­zung. Da­mit ver­schwin­det je­doch die An­spie­lung auf lit­té­ra­tu­re („Li­te­ra­tur“) so­wie auf das eng­li­sche Wort lit­ter („Ab­fall“). Ich füh­re des­halb ein neu­es Wort ein und über­set­ze lit­té­ral mit „li­te­ral“. „Li­te­ral“ meint also „buch­stäb­lich“, mit An­spie­lung auf „Li­te­ra­tur“ und auf den Ab­fall.

– „Ra­tur“: Das fran­zö­si­sche Wort ra­tu­re be­deu­tet „Strei­chung“, im Sin­ne der Strei­chung in ei­nem Text; das la­tei­ni­sche Wort litu­ra kann mit ra­tu­re ins Fran­zö­si­sche ge­bracht wer­den. Wenn man ra­tu­re mit „Strei­chung“ über­setzt, geht ver­lo­ren, dass La­can da­mit spielt, dass ra­tu­re den zwei­ten Teil des Wor­tes lit­té­ra­tu­re bil­det, dass lit­té­ra­tu­re also auch so ge­le­sen wer­den kann: lit­ter-ra­tu­re. „Ab­fall-Strei­chung“. Um die­sen Zu­sam­men­hang ins Deut­schen zu brin­gen, habe ich ei­nen wei­te­ren Neo­lo­gis­mus ge­bil­det: „Ra­tur“, wo­mit also die Strei­chung ge­meint ist.

Textgrundlage

Litu­ra­terre I gibt es in meh­re­ren Ver­sio­nen. Die Über­set­zung folgt der Ver­si­on, die man auf der In­ter­net­sei­te „Es­paces La­can“ fin­det; bei die­ser Fas­sung han­delt es sich um die Wort-für-Wort-Tran­skrip­ti­on ei­ner Ton­auf­zeich­nung.

Ich habe die Ver­si­on von Es­paces La­can mit drei an­de­ren Ver­sio­nen ver­gli­chen: mit Ver­si­on Chol­let, ei­ner Ste­no­ty­pie, also ei­ner ste­no­gra­fi­schen Mit­schrift, die mit Schreib­ma­schi­ne ab­ge­schrie­ben wur­de2, mit Mil­lers Ver­si­on die­ser Sit­zung in der of­fi­zi­el­len Aus­ga­be von Se­mi­nar 18, und au­ßer­dem mit Litu­ra­terre II, also mit der von La­can in der Zeit­schrift Lit­té­ra­tu­re ver­öf­fent­lich­ten Fas­sung. Die wich­tigs­ten Ab­wei­chun­gen habe ich in den An­mer­kun­gen zum fran­zö­si­schen Text ver­merkt.

Die Ton­auf­nah­me fin­det man auf der Web­site von Pa­trick Valas, valas.fr, hier. Mil­lers Ver­si­on ist: J. La­can: Le sé­min­aire, li­v­re XVIII. D’un dis­cours qui ne se­rait pas du sem­blant. 1971. Text­her­stel­lung Jac­ques-Alain Mil­ler. Seuil, Pa­ris 2007.

Zur Übersetzung

Die Über­set­zung wird zwei­mal ge­bracht, ein­mal nur deutsch, ein­mal in ei­ner In­ter­li­near­ver­si­on: ein Satz fran­zö­sisch, ein Satz deutsch.

Die An­mer­kun­gen zum fran­zö­si­schen Text ent­hal­ten die wich­tigs­ten Va­ri­an­ten der an­de­ren Ver­sio­nen von Litu­ra­terre. Ein voll­stän­di­ger Ver­gleich mit Litu­ra­terre II wird nicht vor­ge­nom­men. Eine Ge­gen­über­stel­lung der bei­den Ver­sio­nen, von un­be­kann­ter Her­kunft, fin­det man auf der Sei­te von Pa­trick Valas.

Die An­mer­kun­gen zum deut­schen Text in der In­ter­li­near­ver­si­on ent­hal­ten Er­läu­te­run­gen und Par­al­lel­stel­len. Die meis­ten Par­al­lel­stel­len sind aus Se­mi­nar 18. Da es von die­sem Se­mi­nar bis­lang kei­ne deut­sche Fas­sung gibt, habe ich in den An­mer­kun­gen üp­pig dar­aus über­setzt, etwa 20 Druck­sei­ten. Die Über­set­zung die­ser Pas­sa­gen be­zieht sich auf Mil­lers Ver­si­on von Se­mi­nar 18. Zu be­ach­ten ist also, dass ich Se­mi­nar 18 nach zwei ver­schie­de­nen Ver­sio­nen über­set­ze: Litu­ra­terre I wird nach Ver­si­on Es­paces La­can über­setzt, alle an­de­ren Pas­sa­gen nach Ver­si­on Mil­ler. Wei­te­re Par­al­lel­stel­len sind aus Ra­dio­pho­nie (1970) – in der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can sei­ne Zu­hö­rer auf­ge­for­dert, die­sen Text zu le­sen.

Eine gro­ße Hil­fe bei der Über­set­zung wa­ren Ger­hard Herr­gott und Eva Ma­ria Jobst, herz­li­chen Dank an bei­de! Nütz­lich war auch die eng­li­sche Über­set­zung von Se­mi­nar 18 durch Cor­mac Gal­lag­her. Und tau­send Dank an Stef­fen Dietz fürs un­ver­hoff­te und gründ­li­che Kor­rek­tur­le­sen!

Nach­trag vom 4. Mai 2016:

Ein Jahr nach der Ver­öf­fent­li­chung die­ser Über­set­zung habe ich an­ge­fan­gen, Se­mi­nar 18 ins­ge­samt zu über­set­zen. Die Über­set­zung wird im Früh­jahr 2017 ab­ge­schlos­sen sein, ab April 2016 er­scheint etwa je­den Mo­nat die Über­set­zung ei­ner wei­te­ren Sit­zung.

Links zu Über­set­zun­gen wei­te­rer Sit­zun­gen des Se­mi­nars fin­det man hier, ei­nen Über­blick über die ver­schie­de­nen Aus­ga­ben von Se­mi­nar 18 gibt es hier.

Ver­wen­de­te Sym­bo­le

  • Wör­ter mit Stern*: deutsch im Ori­gi­nal.
  • [Wör­ter in ecki­gen Klam­mern im fran­zö­si­schen Text]: Hier ist die Tran­skrip­ti­on un­si­cher.
  • [Wör­ter in ecki­gen Klam­mern in der Litu­ra­terre-Über­set­zung]: er­läu­tern­de Hin­wei­se des Über­set­zers.
  • ((Wör­ter in dop­pel­ten run­den Klam­mern in den An­mer­kun­gen)): er­läu­tern­de Hin­wei­se des Über­set­zers.
  • Ein­fü­gun­gen in <spit­zen Klam­mern>: Tex­ter­gän­zun­gen des Über­set­zers.
  • Ein Schräg­strich / steht zwschen Über­set­zungs­va­ri­an­ten.
  • In ecki­gen Klam­mern und in grau­er Schrift habe ich im fran­zö­si­schen Text zur bes­se­ren Ori­en­tie­rung die Sei­ten­zah­len der Mil­ler-Ver­si­on von Se­mi­nar 18 ein­ge­fügt; „| [120]“ meint also: „hier etwa be­ginnt Sei­te 120 von Mil­lers Aus­ga­be des Se­mi­nars“.

Sitzung vom 12. Mai 1971

Tonaufnahme

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Deutsch

Zah­len in ecki­gen Klam­mern und grau­er Schrift ver­wei­sen auf die Sei­ten von Mil­lers Aus­ga­be des Se­mi­nars.

[113] (An der Ta­fel) Litu­ra­terre

Das Wort, das ich ge­ra­de ge­schrie­ben habe, ist der Ti­tel für das, was ich Ih­nen heu­te an­bie­ten wer­de; da Sie hier zu­sam­men­ge­ru­fen wor­den sind, ist es wohl nö­tig, dass ich Ih­nen et­was zu­wer­fe.

Of­fen­sicht­lich ha­ben mich dazu ak­tu­el­le Er­eig­nis­se an­ge­regt: das ist der Ti­tel, mit dem ich mich be­müht habe, auf eine An­fra­ge zu ant­wor­ten, die an mich ge­rich­tet wor­den ist, näm­lich eine Zeit­schrif­ten­num­mer, die dem­nächst er­schei­nen wird, über Li­te­ra­tur und Psy­cho­ana­ly­se ein­zu­lei­ten.

Die­ses Wort, Litu­ra­terre, das ich er­fun­den habe, fin­det sei­ne Recht­fer­ti­gung im Er­nout und Meillet, es gibt hier ja viel­leicht ei­ni­ge, die wis­sen, was das ist; das ist ein ety­mo­lo­gi­sches Le­xi­kon des La­tei­ni­schen, das gar nicht so dumm ge­macht ist. Schla­gen Sie nach un­ter lino, litu­ra, Sie wer­den das fin­den, und dann un­ter litur­ari­us; es wird deut­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das mit lit­te­ra, mit dem Buch­sta­ben, nichts zu tun hat. Dass das nichts da­mit zu tun hat, ist mir egal. Ich un­ter­wer­fe mich nicht zwangs­läu­fig der Ety­mo­lo­gie, wenn ich mich die­sem Wort­spiel hin­ge­be, mit dem ge­le­gent­lich ein Witz ge­macht wird; der Schüt­tel­reim (cont­re-pêt), der hier evi­dent ist, kam mir auf die Lip­pen und die Um­stel­lung kam mir zu den Oh­ren. Es ist nicht von un­ge­fähr, dass Sie, wenn Sie eine Fremd­spra­che ler­nen, von dem, was Sie ge­hört ha­ben, den ers­ten Kon­so­nan­ten an die zwei­te Stel­le set­zen und den zwei­ten an die ers­te.

Die­ses Le­xi­kon also, in dem man nach­schla­gen möge, lie­fert mir güns­ti­ge Vor­zei­chen, da es sich auf die­sel­be Un­ter­schei­dung (dé­part) grün­det wie ich, als ich in ei­ner ers­ten Be­we­gung – ich mei­ne dé­part im Sin­ne von ré­par­tie, Auf­tei­lung – von ei­ner Äqui­vo­ka­ti­on aus­ge­gan­gen bin, bei der Joy­ce – ich spre­che hier von Ja­mes Joy­ce –, bei dem Ja­mes Joy­ce von a let­ter zu a lit­ter glei­tet, von ei­nem Buch­sta­ben – über­setzt – zu ei­nem Ab­fall. Es gab, viel­leicht er­in­nern Sie sich dar­an, aber sehr wahr­schein­lich ha­ben Sie da­von nie et­was ge­hört, es gab eine Mä­ze­nin, die ihm Gu­tes woll­te und ihm eine Psy­cho­ana­ly­se an­bot, und dass es so­gar eine bei Jung war, die sie ihm an­bot. Bei dem Spiel, das wir evo­zie­ren, hät­te er nichts ge­won­nen, denn er ging ganz di­rekt, mit die­sem a let­ter, a lit­ter, ganz di­rekt auf das Bes­te des­sen zu, was man an ih­rem Ende von ei­ner Psy­cho­ana­ly­se er­war­ten kann.

Aus dem Buch­sta­ben Streu zu ma­chen (À fai­re li­tiè­re de la lett­re), ist das wie­der der Hei­li­ge Tho­mas – Sie er­in­nern sich viel­leicht, Sie ha­ben nie da­von ge­hört? –: si­cut pa­lea, ist das wie­der der Hei­li­ge Tho­mas, der hier bei Joy­ce wie­der auf­taucht, wie sein Werk es von vor­ne bis hin­ten be­zeugt?

Oder ist es die Psy­cho­ana­ly­se | [114], die ihre Kon­ver­genz mit dem be­zeugt, was un­se­re Zeit als Ent­fes­se­lung an­klagt, als Ent­fes­se­lung des al­ten Ban­des, durch das in ei­ner Kul­tur die Ver­schmut­zung ge­zü­gelt wird? Ich habe das ein biss­chen wei­ter aus­ge­führt, wie durch Zu­fall kurz vor dem Mai ʼ68, um an die­sem Tag die Ärms­ten die­ser Men­schen­men­gen nicht leer aus­ge­hen zu las­sen, die ich, wie es aus­sieht, jetzt mit mir zie­he, wenn ich ir­gend­wo ei­nen Be­such ma­che; in Bor­deaux war das. Die Zi­vi­li­sa­ti­on, dar­an hat­te ich dort als Aus­gangs­punkt er­in­nert, ist der Ab­was­ser­ka­nal. Na­tür­lich muss man sa­gen, dass das war, kurz nach­dem mein Vor­schlag vom Ok­to­ber ʼ67 auf die Wei­se auf­ge­nom­men wor­den war, die Ih­nen be­kannt ist, wo­mit ich na­tür­lich sa­gen will, dass ich, als ich da­mit spiel­te, si­cher­lich des Müll­ei­mers ein we­nig müde war, mit dem ich mein Schick­sal ver­nie­tet hat­te.

Wie man weiß, bin ich je­doch nicht der Ein­zi­ge, der das avouè­re, das Ge­ste­hen, zum Erb­teil hat. Das avouè­re, das Ge­ste­hen, oder, um es für Sie auf die alte Wei­se aus­zu­spre­chen, das avoir, das Ha­ben, das Be­ckett mit den Freu­den all un­se­rer Seins-Ab­fäl­le ins Gleich­ge­wicht bringt. Die­ses avouè­re ret­tet die Ehre der Li­te­ra­tur, und es be­freit mich – was mir ganz an­ge­nehm ist – von dem Pri­vi­leg, von dem ich glau­ben könn­te, es durch mei­nem Platz in­ne­zu­ha­ben.

Die Fra­ge ist, ob das, was die Hand­bü­cher von dem, was es gibt, zur Schau zu stel­len schei­nen, ich spre­che von Hand­bü­chern der Li­te­ra­tur, ob es dies ist, dass die Li­te­ra­tur eine Zu­sam­men­stel­lung von Res­ten ist. Geht es bei ihr dar­um, im Ge­schrie­be­nen das zu ko-no­tie­ren, was ur­sprüng­lich zu­nächst Ge­sang wäre, ge­spro­che­ner My­thos, Dra­men­pro­zes­si­on?

Was die Psy­cho­ana­ly­se an­geht, dass sie am Ödi­pus hängt, am Ödi­pus des My­thos, das qua­li­fi­ziert sie in kei­ner Wei­se dazu, sich im Text des So­pho­kles zu­recht­zu­fin­den, das ist nicht das­sel­be. Dass Freud ei­nen Text von Dos­to­jew­ski in Er­in­ne­rung ruft, reicht nicht aus, um zu sa­gen, die Text­kri­tik, bis da­hin Do­mä­ne des Uni­ver­si­täts­dis­kur­ses, habe durch die Psy­cho­ana­ly­se fri­schen Wind be­kom­men.

Wenn mein Un­ter­richt je­doch in ei­ner Ver­än­de­rung der Kon­fi­gu­ra­ti­on statt­fin­det, die sich ge­gen­wär­tig, un­ter dem Vor­wand der Ak­tua­li­tät, die sich ge­gen­wär­tig mit dem Slo­gan prä­sen­tiert, das Ge­schrie­be­ne zu för­dern –; aber die­se Ver­än­de­rung, von der die­ses Zeug­nis, bei­spiels­wei­se dass heut­zu­ta­ge end­lich Ra­belais ge­le­sen wird, zeigt, dass sie viel­leicht auf ei­ner Ver­schie­bung im Be­reich der Li­te­ra­tur be­ruht, mit der ich bes­ser zu­sam­men­pas­se.

Als Au­tor bin ich we­ni­ger in­vol­viert als man sich vor­stellt. Mei­ne Schrif­ten, ein Ti­tel, der iro­ni­scher ist, als man glau­ben mag, da es sich al­les in al­lem ent­we­der um Be­rich­te han­delt, die sich auf Kon­gres­se be­zie­hen, oder – sa­gen wir, ich hät­te gern, dass man sie so ver­steht – um of­fe­ne Brie­fe (lettres), in de­nen ich zu ei­nem Stück mei­nes Un­ter­richts je­des Mal si­cher­lich Fra­gen auf­wer­fe. Aber letzt­lich gibt das da­für den Ton an. | [115] Statt mich aber auf die­sen li­te­ra­ri­schen Flirt ein­zu­las­sen, an dem der Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu er­ken­nen ist, dem es an Er­fin­dungs­ga­be man­gelt, kri­ti­sie­re ich dar­in den nie­mals aus­blei­ben­den Ver­such, die Un­an­ge­mes­sen­heit sei­ner Pra­xis zu be­wei­sen, wenn es dar­um geht, auch nur das ge­rings­te li­te­ra­ri­sche Ur­teil zu mo­ti­vie­ren.

Es ist je­doch auf­fäl­lig, dass ich die­se Samm­lung mei­ner Schrif­ten mit ei­nem Ar­ti­kel er­öff­net habe, den ich da­durch iso­lie­re, dass ich ihn aus sei­ner Chro­no­lo­gie her­aus­neh­me – die Chro­no­lo­gie ist hier die Re­gel –, und dass es sich da­bei um eine Er­zäh­lung han­delt, die selbst, so muss man sa­gen, in­so­fern ziem­lich spe­zi­ell ist, als sie in der ge­ord­ne­ten Lis­te dra­ma­ti­scher Si­tua­tio­nen – Sie wis­sen, dass man so et­was ge­macht hat – nicht un­ter­zu­brin­gen ist. Aber las­sen wir das.

Sie, die­se Er­zäh­lung, wird durch das be­stimmt, was durch das Ver­sen­den ei­nes Brie­fes ge­schieht, und in ih­rem Ver­lauf er­eig­nen sich die­se Nach­sen­dun­gen, durch die ge­stützt wird, dass ich sa­gen kann, die­se Let­ter, dass ich über sie sa­gen kann, eine Let­ter er­rei­che im­mer ih­ren Be­stim­mungs­ort, und dies nach­dem – auf ge­wis­sen Um­we­gen, die er in der Er­zäh­lung (con­te) durch­ge­macht hat – die Rech­nung (comp­te), wenn ich so sa­gen kann, auf­ge­macht wird ohne je­den Be­zug auf sei­nen In­halt, auf den Brief. Das ist be­mer­kens­wert an der Wir­kung, die er auf die­je­ni­gen aus­übt, die sich reih­um zu sei­nen Be­sit­zern ma­chen, so be­gie­rig sie auch auf die Macht sein mö­gen, die er über­trägt, so dass man hier, wie ich es tue, be­haup­ten kann, dass die­se Il­lu­si­ons­wir­kung als ein Fe­mi­ni­sie­rungs­ef­fekt ar­ti­ku­liert wer­den kann. Das heißt – ich ent­schul­di­ge mich, dar­auf zu­rück­zu­kom­men –, hier die Let­ter klar vom Her­ren­si­gni­fi­kan­ten zu un­ter­schei­den – ich spre­che über das, was ich tue –, in­so­fern sie ihn hier mit sich führt, sie führt ihn in ih­rem Um­schlag mit, denn es han­delt sich um eine Let­ter im Sin­ne des Wor­tes „Brief“. Nun, ich be­haup­te, dass ich hier von dem Wort „Let­ter“ kei­nen me­ta­pho­ri­schen Ge­brauch ma­che, da die Er­zäh­lung ge­nau dar­in be­steht, dass in ihr in ei­ner Ta­schen­spie­le­rei die Bot­schaft hin und her wan­dert, wo­bei es das Ge­schrie­be­ne ist, also die Let­ter im ei­gent­li­chen Sinn, was ein­zig den Wen­de­punkt her­bei­führt.

Wenn mei­ne Kri­tik An­lass gibt, für Li­te­ra­tur­kri­tik ge­hal­ten zu wer­den, könn­te sie sich hier also nur auf das be­zie­hen – und das ver­su­che ich –, was Poe selbst als Schrift­stel­ler ge­tan hat, um eine sol­che Bot­schaft über die Let­ter zu ge­stal­ten. Es ist klar: auch wenn er es nicht so sagt, nicht so wie ich es sage, ge­steht er es den­noch ein, und das nicht auf un­ge­nü­gen­de, son­dern auf umso stren­ge­re Wei­se.

Nichts­des­to­we­ni­ger, die Eli­si­on, die Eli­si­on die­ser Bot­schaft könn­te nicht mit­hil­fe ir­gend­ei­nes Zu­ges sei­ner Psycho­bio­gra­fie auf­ge­klärt wer­den, eher wür­de sie, die­se Eli­si­on, da­durch ver­kleis­tert; eine Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin, die die an­de­ren Tex­te von Poe, man er­in­nert sich viel­leicht dar­an, ab­ge­wischt hat, be­kun­det, dass sie hier mit ih­rem Putz­lap­pen nicht wei­ter kommt – sie rührt nicht dran, die Ma­rie. | [116] So viel zum Text von Poe.

Was aber mei­nen ei­ge­nen Text an­geht, könn­te er nicht durch mei­ne ei­ge­ne Psycho­bio­gra­fie er­hellt wer­den? Durch den Wunsch, den ich ge­bil­det hät­te, näm­lich bei­spiel­wei­se ei­nes Ta­ges auf an­ge­mes­se­ne Wei­se ge­le­sen zu wer­den? Aber da­mit das ei­nen Wert hät­te, da­für wäre zu­nächst ein­mal nö­tig, dass man er­ör­tert, dass der­je­ni­ge, der eine sol­che Deu­tung aus­ar­bei­ten wür­de, er­ör­tert, was ich dar­un­ter ver­ste­he, dass die Let­ter so weit trägt, dass sie, wie ich sage, im­mer ih­ren Be­stim­mungs­ort er­reicht. Das ist viel­leicht der Punkt, wo ich im den Ver­eh­rern der Schrift Au­gen­blick na­he­ste­he.

Dass die Psy­cho­ana­ly­se hier wie üb­lich von der Li­te­ra­tur et­was emp­fängt, ist si­cher; sie könn­te von ihr zu­nächst das Sa­men­korn neh­men, das in ei­ner we­ni­ger psycho­bio­gra­fi­sche Vor­stel­lung von der Trieb­fe­der der Ver­drän­gung be­stün­de.

Was mich an­geht, wenn ich der Psy­cho­ana­ly­se den Text von Poe vor­schla­ge, mit dem, was da­hin­ter­liegt, dann eben des­halb, weil sie ihn nur in der Wei­se an­ge­hen kann, dass sie hier ihr Schei­tern (échec) zeigt. Da­mit klä­re ich sie auf, die Psy­cho­ana­ly­se. Und man weiß es, man weiß, dass ich weiß, dass ich da­mit – das steht auf dem Rü­cken mei­nes Ban­des – die Auf­klä­rung (les lu­miè­res) her­auf­be­schwö­re. Ich klä­re sie je­doch auf, um zu zei­gen, wo sie, die Psy­cho­ana­ly­se, ein Loch macht. Dar­an ist nichts Il­le­gi­ti­mes, das hat be­reits Frucht ge­tra­gen, in der Op­tik weiß man das seit lan­gem, und die neu­es­te Phy­sik, die der Pho­to­nen, hat sich da­mit be­waff­net. Durch die­se Me­tho­de könn­te die Psy­cho­ana­ly­se ihr Ein­drin­gen in die Li­te­ra­tur­kri­tik bes­ser recht­fer­ti­gen. Das wür­de hei­ßen, dass die Li­te­ra­tur­kri­tik dazu kom­men wür­de, sich tat­säch­lich zu er­neu­ern, von da­her, dass die Psy­cho­ana­ly­se dazu da wäre, dass die Tex­te sich an ihr mes­sen, ge­nau von da­her, dass das Rät­sel auf der Sei­te der Psy­cho­ana­ly­se bleibt, dass sie sprach­los wäre.

Aber die­je­ni­gen Psy­cho­ana­ly­ti­ker, bei de­nen es kei­ne Ver­leum­dung ist, zu be­haup­ten, dass sie, statt sie, die Psy­cho­ana­ly­se, aus­zu­üben, von ihr aus­ge­übt wer­den, ver­ste­hen mei­ne Be­haup­tun­gen schlecht, zu­min­dest als Kör­per ge­nom­men. An sie ge­wen­det set­ze ich Wahr­heit und Wis­sen ein­an­der ent­ge­gen. Ers­te­re ist das, wor­in sie ihr Amt so­gleich er­ken­nen, wäh­rend, auf der An­kla­ge­bank, es ihre Wahr­heit ist, auf die ich war­te. Um mei­nen Schuss zu kor­ri­gie­ren, be­har­re ich dar­auf, sa­voir en échec zu sa­gen, „Wis­sen im Schach“, das ist das, wo die Psy­cho­ana­ly­se sich den Au­gen zeigt. Sa­voir en échec‚ „Wis­sen im Schach“ – so wie man sagt fi­gu­re en aby­me, „Fi­gur am Ab­grund“, Fi­gur, die sich in sich selbst wie­der­holt –, da­mit ist nicht das Schei­tern des Wis­sens ge­meint. Und so­gleich er­fah­re ich, dass man sich da­von dis­pen­siert glaubt, ir­gend­ein Wis­sen un­ter Be­weis zu stel­len.

Wäre die­ser tote Buch­sta­be, den ich in den Ti­tel ei­nes die­ser Stü­cke ge­setzt habe, die ich Schrif­ten ge­nannt habe, des Buch­sta­bens, über das Drän­gen, als Rä­son des Un­be­wuss­ten?

Ist es nicht aus­rei­chend, mit dem Buch­sta­ben das zu be­zeich­nen, was, da es ja in­sis­tie­ren muss, nicht mit vol­lem Recht da ist, auch wenn es mit so star­ker Rä­son vor­ge­bracht wird?

Die­se rai­son, die­ses Ver­hält­nis, als rai­son mo­y­enne oder rai­son ex­trê­me zu be­zeich­nen, als mitt­le­res oder äu­ße­res Ver­hält­nis, das heißt, wie ich es bei Ge­le­gen­heit be­reits ge­tan habe, die | [117] Bi­fi­di­tät zu zei­gen, in der jede Mes­sung sich voll­zieht.

Gibt es aber nichts im Rea­len, was ohne die­se Ver­mitt­lung aus­kommt?

Dies könn­te die Gren­ze (fron­tiè­re) sein. Die Gren­ze, in­so­fern sie zwei Ter­ri­to­ri­en von­ein­an­der trennt, hat nur ei­nen Feh­ler, aber der ist be­trächt­lich: sie sym­bo­li­siert, dass sie von der­sel­ben Sor­te sind, wenn ich so sa­gen kann, in je­dem Fall für je­den, der sie über­schrei­tet. Ich weiß nicht, ob Sie sich da­bei auf­ge­hal­ten ha­ben, aber das ist das Prin­zip, von dem aus ein ge­wis­ser von Uex­küll ei­nes Ta­ges den Ter­mi­nus „Um­welt*“ fa­bri­ziert hat. Das be­ruht auf dem Prin­zip, dass sie der Re­flex der In­nen­welt* ist. Da­mit wird die Gren­ze zur Ideo­lo­gie be­för­dert. Das ist of­fen­sicht­lich ein schlech­ter Aus­gangs­punkt, eine Bio­lo­gie – denn es war eine Bio­lo­gie, die er, von Uex­küll, da­mit be­grün­den woll­te –, eine Bio­lo­gie, die sich be­reits ganz zu An­fang vor al­lem die Tat­sa­che der An­pas­sung <zum Prin­zip> gibt, die für die­se Kopp­lung von Um­welt und In­nen­welt den Hin­ter­grund ab­gibt. Of­fen­kun­dig ist die Se­lek­ti­on, die Sek­ti­on als Typ von Ideo­lo­gie auch nicht mehr wert; wenn sie sich selbst als „na­tür­lich“ ab­seg­net, ist sie dar­um nicht we­ni­ger ideo­lo­gisch.

Ich wer­de Ih­nen et­was vor­schla­gen, ein­fach so, ganz bru­tal, um an a let­ter, a lit­ter an­zu­schlie­ßen.

Ich will Ih­nen sa­gen: Ist die Let­ter nicht das Li­te­ra­le, das auf das Li­to­ral zu grün­den ist? / Ist der Buch­sta­be nicht das Buch­stäb­li­che, das auf die Ufer­zo­ne zu grün­den ist? Denn das ist et­was an­de­res als eine Gren­ze; im Üb­ri­gen ha­ben Sie be­mer­ken kön­nen, dass man das nie­mals ver­wech­selt. Das Li­to­ral ist das, was ei­nen Be­reich er­zeugt, als ei­nen, der in sei­ner Gän­ze für ei­nen an­de­ren Be­reich eine, wenn Sie so wol­len, Gren­ze bil­det, aber ge­nau von da­her, dass sie ab­so­lut nichts Ge­mein­sa­mes ha­ben, nicht ein­mal eine re­zi­pro­ke Be­zie­hung.

Ist die Let­ter nicht ei­gent­lich li­to­ral, der Rand (bord) des Lochs im Wis­sen, den die Psy­cho­ana­ly­se ge­nau dann be­zeich­net, wenn sie sich ihr, der Let­ter, an­nä­hert (ab­or­de), ist es nicht das, was sie be­zeich­net?

Es hat et­was Ko­mi­sches, fest­zu­stel­len, wie die Psy­cho­ana­ly­se sich ge­wis­ser­ma­ßen durch ihre ei­ge­ne Be­we­gung ver­pflich­tet, den Sinn des­sen zu ver­ken­nen, was je­doch, so muss man wohl sa­gen, der Buch­sta­be buch­stäb­lich sagt, mit sei­nem Mund, wenn all ihre Deu­tun­gen auf das Ge­nie­ßen (jouis­sance) hin­aus­lau­fen. Zwi­schen Ge­nie­ßen und Wis­sen wür­de die Let­ter das Li­to­ral bil­den.

All das ver­hin­dert nicht, dass das, was ich über das Un­be­wuss­te ge­sagt habe, wenn wir da­bei blei­ben, dass es gleich­wohl den Vor­rang hat, ohne wel­chen das, was ich vor­brin­ge, ab­so­lut kei­nen Sinn hät­te. Es bleibt zu wis­sen, wie das Un­be­wuss­te – von dem ich sage, dass es eine Wir­kung der Spra­che ist, da es de­ren Struk­tur als not­wen­dig und hin­rei­chend vor­aus­setzt –, wie es die­se Funk­ti­on des Buch­sta­bens steu­ert.

Dass er ein für das Auf­schrei­ben des Dis­kur­ses ge­eig­ne­tes In­stru­ment ist, macht ihn kei­nes­wegs da­für un­ge­eig­net, dem, was ich da­mit ma­che, zu die­nen, wenn ich ihn bei­spiels­wei­se in Das Drän­gen des | [118] Buch­sta­bens, wor­über ich vor­hin zu Ih­nen ge­spro­chen habe, dazu ver­wen­de, um je­nes Spiel zu zei­gen, das je­mand, näm­lich Jean Tar­dieu, so nennt: das Wort, das für ein an­de­res ge­nom­men wird, ja, das Wort, das durch ein an­de­res ge­nom­men wird, an­ders ge­sagt: Me­ta­pher und Me­to­ny­mie als Wir­kun­gen des Sat­zes. Das sym­bo­li­siert also leicht all die­se Si­gni­fi­kan­ten­ef­fek­te, aber das nö­tigt kei­nes­wegs dazu, dass er, der Buch­sta­be, in eben die­sen Ef­fek­ten pri­mär wäre, für die er mir als In­stru­ment dient. Eine Über­prü­fung nö­tigt sich we­ni­ger hin­sicht­lich die­ses Pri­mats auf, das über­haupt nicht an­zu­neh­men ist, son­dern in Be­zug auf das, was von der Spra­che das Li­to­ra­le zum Li­te­ra­len auf­ruft. Nichts von dem, was ich mit­hil­fe von Buch­sta­ben über die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten ge­schrie­ben habe, um sie aus dem wie­der­zu­ge­win­nen, was Freud dar­über for­mu­liert, aus Aus­sa­gen ganz ein­fach über Sprach­t­at­sa­chen, nichts er­laubt es, wie es ge­sche­hen ist, den Buch­sta­ben mit dem Si­gni­fi­kan­ten zu ver­wech­seln. Das, was ich mit­hil­fe von Buch­sta­ben über die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten ge­schrie­ben habe, au­to­ri­siert nicht dazu, aus dem Buch­sta­ben ei­nen Si­gni­fi­kan­ten zu ma­chen und ihm, was dar­über hin­aus­geht, ei­nen Pri­mat ge­gen­über dem Si­gni­fi­kan­ten zu­zu­schrei­ben.

Ein der­art ver­wirr­ter Dis­kurs hat nur aus dem auf­tau­chen kön­nen, aus dem Dis­kurs, der mich im­por­tiert. Und der mich in ei­nen an­de­ren Dis­kurs im­por­tiert, den ich zu ge­ge­be­ner Zeit als Uni­ver­si­täts­dis­kurs be­zeich­ne, näm­lich, wie ich seit ein­ein­halb Jah­ren hin­rei­chend, so den­ke ich, her­aus­ge­stellt habe, näm­lich als Dis­kurs des Wis­sens, das aus­ge­hend vom Schein in Ge­brauch ge­nom­men wird. Das ge­rings­te Ge­fühl der Er­fah­rung, der ich mich stel­le, kann nur von ei­nem an­de­ren Dis­kurs als die­sem her ver­or­tet wer­den; ich hat­te es schüt­zen müs­sen, das Pro­dukt die­ses Dis­kur­ses, vor dem, was ich nicht wei­ter be­zeich­ne, ohne ihn als mei­nen ein­zu­ge­ste­hen. Man hat mir das er­spart, Gott sei Dank, was nicht ver­hin­dert, dass man mich be­läs­tigt, in­dem man mich im­por­tiert.

Auch wenn ich die Mo­del­le ak­zep­ta­bel ge­fun­den hät­te, die Freud in ei­nem Ent­wurf ar­ti­ku­liert, in dem er die Bah­n­ung be­schreibt, die Aus­höh­lung un­ge­nau­er Wege, hät­te ich dar­aus den­noch nicht die Me­ta­pher der Schrift über­nom­men. Und es ist ge­nau die­ser Punkt, an dem ich den Ent­wurf nicht ak­zep­ta­bel fin­de. Die Schrift ist nicht die Ein­prä­gung (im­pres­si­on), auch wenn das al­lem zu­wi­der­läuft, was über den be­rühm­ten Wun­der­block* an Bla­bla ge­schrie­ben wor­den ist.

Wenn ich mich auf den so­ge­nann­ten zwei­und­fünf­zigs­ten Brief stüt­ze, dann um hier zu le­sen, was Freud mit ei­nem von ihm ge­bil­de­ten Aus­druck als „Wz“ be­zeich­nen konn­te, als Wahr­neh­mungs­zei­chen, und um fest­zu­stel­len, dass es das ist, was er als das fin­den konn­te, was dem Si­gni­fi­kan­ten am nächs­ten kommt, zu ei­nem Zeit­punkt, als Saus­su­re ihn noch nicht wie­der zu Tage ge­för­dert hat­te, die­sen be­rühm­ten Si­gni­fi­kan­ten, der je­doch nicht auf ihn zu­rück­geht, son­dern viel­mehr auf die Stoi­ker. Dass Freud ihn da mit zwei Buch­sta­ben schreibt, so wie | [119] ich ihn an­ders­wo mit nur ei­nem schrei­be, be­weist in kei­ner Wei­se, dass der Buch­sta­be pri­mär wäre.

Ich wer­de heu­te also ver­su­chen, Ih­nen den Kern des­sen an­zu­zei­gen, was mir den Buch­sta­ben, die Let­ter, als Kon­se­quenz zu pro­du­zie­ren scheint, so­wie den Kern der Spra­che, ge­nau des­sen, dass ich sage, dass der­je­ni­ge sie be­wohnt, der spricht. Ich wer­de die Merk­ma­le (traits) da­von dem ent­leh­nen, was es von ei­ner Öko­no­mie der Spra­che her er­laubt, das zu ent­wer­fen, wo­durch mei­ner Mei­nung nach ge­stützt wird, dass Li­te­ra­tur da­bei sein könn­te, in Litu­ra­terre um­zu­schla­gen. Wun­dern Sie sich nicht, mich hier da­bei zu se­hen, wie ich in ei­ner li­te­ra­ri­schen Be­weis­füh­rung vor­an­schrei­te, denn das heißt, im sel­ben Schritt zu mar­schie­ren wie in dem, in dem die Fra­ge selbst vor­an­kommt. Man wird hier se­hen kön­nen, wie sich das be­kräf­tigt, was eine sol­che De­mons­tra­ti­on, die ich als li­te­ra­risch be­zeich­ne, sein kann.

Ich bin im­mer ein biss­chen au bord, am Ran­de, war­um nicht die­ses Mal m’y lan­cer, mich hin­ein­stür­zen / an Bord ge­hen.

Ich kom­me von ei­ner Rei­se zu­rück, die ich nach Ja­pan ma­chen woll­te, we­gen dem, was ich auf ei­ner ers­ten, ei­ner ers­ten Rei­se als Li­to­ral er­fah­ren hat­te. Man kann mich von dem her ver­ste­hen, was ich eben über die Um­welt* ge­sagt habe, die ich eben des­halb zu­rück­ge­wie­sen habe, weil sie die Rei­se un­mög­lich macht, was, wenn Sie sich an mei­ne For­meln hal­ten, hei­ßen wür­de, ihr Rea­les zu si­chern. Nur, das ist ver­früht, es ist der Start, den das un­mög­lich macht, au­ßer dass „ab­fah­ren, ab­fah­ren“ ge­sun­gen wird, was üb­ri­gens häu­fig vor­kommt.

Ich wer­de nur ei­nen Mo­ment die­ser Rei­se ver­mer­ken, ei­nen, den ich wo­bei er­lebt habe? auf ei­ner neu­en Flug­rou­te, was ich ein­fach da­durch mit­be­kom­men habe, dass sie, als ich das ers­te Mal ge­flo­gen bin, schlicht ver­bo­ten war. Ich muss ge­ste­hen, dass es nicht auf der Hin­fahrt war, ent­lang dem Po­lar­kreis, der dem Flug­zeug die­se Rou­te vor­zeich­net, dass ich zu le­sen be­gon­nen habe, und zwar was? das, was ich von der si­bi­ri­schen Ebe­ne sah.

Ich bin da­bei, für Sie ei­nen Ver­such in Si­bi­ri­ethik zu ma­chen. Die­ser Ver­such hät­te nicht das Ta­ges­licht er­blickt, wenn das Miss­trau­en der So­wjets, nicht mir ge­gen­über, son­dern Flug­zeu­gen ge­gen­über, mich die In­dus­trie­an­la­gen und die mi­li­tä­ri­schen Ein­rich­tun­gen hät­te se­hen las­sen, die den Wert von Si­bi­ri­en aus­ma­chen. Aber die­ses Miss­trau­en ist letzt­lich eine Be­din­gung, die wir als ak­zi­den­tell be­zeich­nen wol­len, war­um nicht gar als ok­zi­den­tell, wenn man hier ein biss­chen oc­ci­re, tö­ten, hin­ein­legt. Die Auf­schich­tung von Süd­si­bi­ri­en ist das, was vor uns liegt.

Die ein­zi­ge ent­schei­den­de Be­din­gung ist hier die Be­din­gung des Li­to­rals. Da ich nun aber ein klein biss­chen dick­fel­lig bin, kam sie für mich erst auf dem Rück­flug ins Spiel, da sie buch­stäb­lich dar­in be­stand, dass Ja­pan mir durch sei­ne Let­ter zwei­fel­los die­sen ein we­nig zu star­ken Kit­zel ver­schafft hat­te, was ge­nau das ist, was es braucht, | [120] da­mit ich ihn wie­der spü­re. Ich sage, „dass ich ihn wie­der spü­re“, weil ich das ja, um ihn zu ver­or­ten, um ihn vor­aus­zu­se­hen, be­reits hier ge­macht hat­te, als ich zu Ih­nen ein klein we­nig über die ja­pa­ni­sche Spra­che ge­spro­chen hat­te, über das, wo­von sie, die­se Spra­che, ei­gent­lich af­fi­ziert wird, näm­lich von der Schrift; ich habe Ih­nen das be­reits ge­sagt.

Da­für war si­cher­lich nö­tig, für die­ses klein biss­chen zu viel war es nö­tig, dass das, was man Kunst nennt, et­was vor­stellt. Das be­ruht dar­auf, dass die ja­pa­ni­sche Ma­le­rei hier ihre Ehe mit dem Buch­sta­ben de­mons­triert und zwar ganz ge­nau in Ge­stalt der Kal­li­gra­fie. Das fas­zi­niert mich, die­se Sa­chen, die hän­gen, Kak­e­mo­no, so wird das ge­spro­chen, die­se Sa­chen, die da un­ten an je­der Mu­se­ums­mau­er hän­gen und die In­schrif­ten tra­gen, aus chi­ne­sisch ge­bil­de­ten Schrift­zei­chen, was ich ein we­nig ken­ne, sehr we­nig, aber das We­ni­ge, was ich weiß, er­mög­licht es mir, zu er­mes­sen, was in der Kur­siv­schrift ge­tilgt wird, in der das Sin­gu­lä­re der Hand das Uni­ver­sa­le er­drückt, also ei­gent­lich das, wor­über ich Ih­nen bei­brin­ge, dass es nur vom Si­gni­fi­kan­ten her ei­nen Wert hat. Ich er­in­ne­re Sie dar­an, ein Strich (trait), der im­mer ver­ti­kal ist, das ist auch dann wahr, wenn es kei­nen Strich gibt. Also in der Kur­siv­schrift fin­de ich das [chi­ne­si­sche] Schrift­zei­chen nicht wie­der, weil ich An­fän­ger bin, aber das ist nicht das Wich­ti­ge.

Denn das, was ich die­ses Sin­gu­lä­re nen­ne, kann eine fes­te­re Form stüt­zen. Das Wich­ti­ge ist, was es hier hin­zu­fügt, das ist eine Di­men­si­on, oder auch – ich habe Ih­nen ja bei­ge­bracht, da­mit zu spie­len – eine dem­an­si­on, wo das wohnt, was ich für Sie be­reits im letz­ten oder vor­letz­ten Se­mi­nar, glau­be ich, ein­ge­führt habe, ein Wort, das ich, um mich zu amü­sie­ren, Pa­pe­lu­dun schrei­be [pas plus d’un, „nicht mehr als ei­ner“]. Das ist die Di­men­si­on, von der Sie wis­sen, dass sie es mir er­mög­licht, das ist na­tür­lich leicht ge­sagt, von Pea­nos klei­nem Ma­the­ma­tik­spiel usw. und von der Art, wie Fre­ge vor­ge­hen muss, um die Rei­he der „na­tür­li­chen“ Zah­len, in An­füh­rungs­zei­chen, auf die Lo­gik zu re­du­zie­ren –, die Di­men­si­on also, von wo aus ich das Sub­jekt in das ein­set­ze, in das, was ich heu­te noch nen­nen wer­de, weil ich Li­te­ra­tur ma­che und weil ich gute Lau­ne habe. Sie wer­den es wie­der­erken­nen, ich schrei­be es in ei­ner an­de­ren Form als die­ses, das Hun-en-pe­luce [un en plus, „eins mehr“], das ist sehr nütz­lich, nicht wahr, das setzt sich an die Stel­le von dem, was ich l’Achose mit gro­ßem A nen­ne, das Un­ding, und das ver­stopft sie mit dem klein a. Es ist viel­leicht kein Zu­fall, dass es so, wie ich es be­zeich­ne, auf ei­nen Buch­sta­ben re­du­ziert wer­den kann.

Auf der Ebe­ne der Kal­li­gra­fie ist es die­ser Buch­sta­be, der den Ein­satz ei­ner Wet­te aus­macht, ei­ner Wet­te, aber wel­cher? ei­ner Wet­te, die mit Tin­te und Pin­sel ge­won­nen wird.

Nun, so also ist mir un­über­wind­lich er­schie­nen, un­ter ei­ner Be­din­gung, die hier fest­zu­hal­ten ist, zwi­schen den Wol­ken näm­lich er­schien mir das Rie­seln, das mir hier mehr zu ope­rie­ren schien | [121] als die Ober­flä­chen­ge­stalt an­zu­zei­gen, des­sen, was man die si­bi­ri­sche Ebe­ne nennt, eine wirk­lich ver­las­se­ne (dé­so­lée) Ebe­ne, ver­las­sen von jed­we­der Ve­ge­ta­ti­on, aber mit Re­fle­xen, Re­fle­xen die­ses Rie­selns, die das, was nicht spie­gelt, in den Schat­ten sto­ßen.

Was ist das, die­ses Rie­seln? Das ist ein Strauß, ein Bün­del. Das bil­det ei­nen Strauß.

Das ist das, was ich an an­de­rer Stel­le un­ter­schie­den habe vom ers­ten Strich/Zug (trait) und von dem, was ihn aus­löscht. Ich habe es be­reits frü­her ge­sagt, aber man ver­gisst im­mer ei­nen Teil der Sa­che, ich habe es in Be­zug auf den ein­zi­gen Zug / ein­zel­nen Strich (trait un­aire) ge­sagt: das, wo­durch das Sub­jekt sich be­zeich­net, ist das Aus­lö­schen des Strichs / des Zugs. Es mar­kiert sich also in zwei Schrit­ten, so dass sich hier das aus­zeich­net, was Strei­chung ist.

Litu­raLitu­ra­terre: Strei­chung jeg­li­cher Spur, die zu­vor da war, das ist das, was aus dem Li­to­ral Ter­ra macht / was aus der Ufer­zo­ne Land macht. Rei­ne litu­ra, das ist Li­te­ra­les.

Die­se Strei­chung zu re­pro­du­zie­ren, heißt, die­se Hälf­te zu re­pro­du­zie­ren, [gibt es nicht? …] die­se Hälf­te, von der her das Sub­jekt sub­sis­tiert. Die­je­ni­gen, die schon län­ger da sind, da­von muss es im­mer we­ni­ger ge­ben, müs­sen sich an das er­in­nern, was ich mal über die Aben­teu­er ei­nes hal­ben Huhns er­zählt habe.

Die de­fi­ni­ti­ve Strei­chung zu pro­du­zie­ren, eben dar­in be­steht die Leis­tung der Kal­li­gra­fie. Sie kön­nen im­mer ver­su­chen, ein­fach das zu tun, was ich nicht tun wer­de, weil es mir miss­lin­gen wird (je la ra­te­rai), zu­nächst ein­mal, weil ich kei­nen Pin­sel habe, Sie kön­nen ver­su­chen, die­sen ho­ri­zon­ta­len Strich (bar­re) zu ma­chen, des­sen Spur von links nach rechts ver­läuft, um durch ei­nen Strich (trait) die unä­re Eins als Schrift­zei­chen bild­lich dar­zu­stel­len. Of­fen ge­sagt, Sie wer­den sehr lan­ge brau­chen, um her­aus­zu­fin­den, durch wel­che Strei­chung das in An­griff ge­nom­men wird und bei wel­chem Schwe­ben das zu ei­nem Halt kommt, der­art, dass das, was Sie tun wer­den, jäm­mer­lich sein wird; für ei­nen Ok­zi­den­tier­ten ist das hoff­nungs­los. Man braucht hier eine an­de­re Be­we­gungs­füh­rung, die man nur dann er­fasst, wenn man sich von al­lem löst, was ei­nen aus­streicht (raye), was auch im­mer das sein mag.

Zwi­schen Zen­trum und Ab­we­sen­heit, zwi­schen Wis­sen und Ge­nie­ßen, gibt es Li­to­ral, das nur dann ins Li­te­ra­le um­schlägt, wenn Sie die­ses Um­schla­gen in je­dem Mo­ment als das­sel­be auf­fas­sen könn­ten. Nur von da­her kön­nen Sie sich für das Agens hal­ten, das es trägt.

Was durch mei­ne Sicht auf das Rie­seln ent­hüllt wird, über das, wo­von die Strei­chung be­herrscht wird, das ist, dass die­se Sicht, in­dem sie sich zwi­schen den Wol­ken her­stellt, sich mit der Quel­le des Rie­selns ver­eint. Aris­to­pha­nes ruft mich dazu auf, in den Wol­ken das zu fin­den, wor­um es beim Si­gni­fi­kan­ten geht, näm­lich um den Schein par ex­cel­lence, wenn es durch sein Zer­bre­chen dazu kommt, dass dar­aus die Wir­kung des­sen reg­net, was dar­aus her­ab­stürzt, des­sen, was hier ein Schweb­stoff war, Ma­te­rie im Schwe­be­zu­stand.

Es muss ge­sagt wer­den, dass die ja­pa­ni­sche Ma­le­rei, von der ich Ih­nen eben ge­sagt habe, dass sie sich so gut mit der Kal­li­gra­fie ver­bin­det, da­von im Über­fluss hat und dass die Wol­ke | [122] hier nicht fehlt. Von dort, wo ich zu die­ser Stun­de war, habe ich wirk­lich gut be­grif­fen, wel­che Funk­ti­on die­se Wol­ken, die­se gol­de­nen Wol­ken hat­ten, die ei­nen gan­zen Teil der Sze­nen buch­stäb­lich ver­stop­fen, ver­ste­cken, an Or­ten, an Or­ten, die Sa­chen sind, die in an­de­rer Rich­tung aus­ge­rollt wer­den, man nennt sie Ma­ki­mo­no, die die Auf­tei­lung klei­ner Sze­nen be­stim­men. War­um? Wie ist es mög­lich, dass die­se Leu­te, die zeich­nen kön­nen, das Be­dürf­nis ver­spü­ren, sie mit die­sen Mas­sen von Wol­ken zu durch­set­zen, wenn nicht ge­nau des­halb, weil hier­durch die Di­men­si­on des Si­gni­fi­kan­ten ein­ge­führt wird.

Die Let­ter, die eine Ra­tur macht / der Buch­sta­be, der eine Strei­chung voll­zieht, un­ter­schei­det sich also vom Schein dar­in, dass er Bruch ist, der das auf­löst, was eine Form, ein Phä­no­men, ei­nen Me­te­or bil­de­te. Das ist die Ope­ra­ti­on – ich habe es be­reits ge­sagt –, die die Wis­sen­schaft an­fangs auf spür­bars­te Wei­se an den wahr­nehm­ba­ren Ge­stal­ten voll­zieht.

Aber zu­gleich muss es auch sein, dass da­von das zu ver­ab­schie­den ist, was durch die­sen Bruch Ge­nie­ßen her­vor­rie­fe, d.h. dar­aus das zu ver­trei­ben, was er von die­ser Hy­po­the­se, um mich so aus­zu­drü­cken, des Ge­nie­ßens stützt, durch wel­ches ins­ge­samt die Welt ge­bil­det wird. Denn die Idee der Welt, das ist dies: zu den­ken, sie sei aus Trie­ben ge­macht, der­art, dass von da­her auch die Lee­re vor­ge­stellt wird.

Nun, das, was an Ge­nie­ßen dazu evo­ziert wird, da­mit ein Schein zer­bricht, das ist das, was sich im Rea­len – das ist hier der wich­ti­ge Punkt: im Rea­len – als Aus­wa­schung (ra­vi­ne­ment) prä­sen­tiert. Da­mit wird Ih­nen de­fi­niert, in­wie­fern die Schrift die Aus­wa­schung des Si­gni­fi­kats im Rea­len ge­nannt wer­den kann, näm­lich das, was vom Schein ge­reg­net hat / ge­fal­len hat, in­so­fern es das ist, wo­durch das Si­gni­fi­kat ge­bil­det wird. Die Schrift paust den Si­gni­fi­kan­ten nicht ab, sie geht zu ihm nur zu­rück, um Na­men zu neh­men, aber auf ge­nau die­sel­be Wei­se, wie das al­len Din­gen zu­stößt, die die Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie be­nannt hat, nach­dem sie sie ge­zählt hat.

Da ich mir al­ler­dings nicht si­cher bin, dass mein ge­sam­ter Dis­kurs ver­stan­den wird, wird es wohl nö­tig sein, dass ich eine Op­po­si­ti­on fi­xie­re: die Schrift, der Buch­sta­be, das ist im Rea­len, und der Si­gni­fi­kant im Sym­bo­li­schen. Auf die­se Wei­se wer­den Sie das run­ter­be­ten kön­nen. Gut.

Ich kom­me auf ei­nen spä­te­ren Mo­ment im Flug­zeug zu­rück. So wer­den wir ein biss­chen wei­ter­kom­men; ich habe Ih­nen ge­sagt, dass das auf der Rück­rei­se war.

Nun, was be­ein­dru­ckend ist, das ist, sie er­schei­nen zu se­hen: es gibt an­de­re Spu­ren, von de­nen man sieht, dass sie sich in Iso­ba­ren hal­ten, nur hel­fen sie sich hin und wie­der mit ei­ner Auf­schüt­tung. Also grob ge­spro­chen Iso­ba­ren; das macht sie zu Nor­ma­len im Ver­hält­nis zu den­je­ni­gen, de­ren Ge­fäl­le, das man als das stärks­te be­zeich­nen kann, sich auf der Ober­flä­che in Kur­ven ab­zeich­net. Da, wo ich war, war das sehr klar.

Be­reits in Osa­ka hat­te ich ge­se­hen, wie die | [123] Au­to­bah­nen vom Him­mel her­ab­zu­kom­men schie­nen, nur dort konn­ten sie so an­ge­ord­net wer­den, näm­lich über­ein­an­der. Es gibt eine be­stimm­te ja­pa­ni­sche Ar­chi­tek­tur, die mo­derns­te, die sehr gut die alte wie­der­zu­fin­den ver­mag. Die ja­pa­ni­sche Ar­chi­tek­tur be­steht we­sent­lich aus dem Schla­gen ei­nes Vo­gel­flü­gels. Das hat mir ge­hol­fen, zu be­grei­fen, so­fort zu se­hen, dass der kür­zes­te Weg von ei­nem Punkt zum an­de­ren sich nie je­man­dem ge­zeigt hät­te, wenn es nicht die Wol­ke gäbe. Wie wird eine Stra­ße ge­baut? Nie folgt ir­gend­je­mand der ge­ra­den Li­nie, we­der der Mensch noch die Amö­be, noch die Flie­ge, noch der Ast, noch sonst et­was. Den neu­es­ten Nach­rich­ten zu­fol­ge weiß man, dass auch die Licht­bahn (trait de lu­miè­re) ihr nicht folgt, in völ­li­ger Über­ein­stim­mung mit der Krüm­mung des Uni­ver­sums. Gleich­wohl schreibt die Ge­ra­de hier­in et­was ein, das schreibt den Ab­stand ein, und der Ab­stand – sie­he die New­ton­schen Ge­set­ze – ist ab­so­lut nichts an­de­res als ein Wir­kungs­fak­tor in ei­ner Dy­na­mik der Kas­ka­de, wie wir sie be­zeich­nen möch­ten. Das ist das, was be­wirkt, dass al­les was fällt, ei­ner Pa­ra­bel folgt. Eine Ge­ra­de gibt es also nur durch die Schrift und eine Ver­mes­sung nur durch den Be­zug auf den Him­mel. Und bei­de sind als sol­che, um die Ge­ra­de zu stüt­zen, bei­de sind Ar­te­fak­te, in­so­fern sie nur die Spra­che be­woh­nen. Das soll­te man kei­nes­falls ver­ges­sen, un­se­re Wis­sen­schaft ist nur durch ein Rie­seln von klei­nen Buch­sta­ben und Kom­bi­na­ti­ons­dia­gram­men wirk­sam.

Un­ter der Mi­ra­beau-Brü­cke …“, si­cher­lich, wie un­ter der Brü­cke ei­ner Zeit­schrift, die mei­ne war, da, wo ich als Aus­hän­ge­schild eine Oh­ren­brü­cke ge­macht hat­te, Ho­rus Apol­lo ent­nom­men, „Un­ter der Mi­ra­beau-Brü­cke fließt die Sei­ne“, la scè­ne pri­mi­ti­ve, die Ur­sze­ne. Das ist eine Sze­ne von der Art, dass – ver­ges­sen Sie nicht, Freud wie­der­zu­le­sen –, dass hier die rö­mi­sche V der Stun­de fünf schla­gen kann, das ist im Wolfs­mann. Aber man ge­nießt es nur, wenn hier die Deu­tung reg­net.

Dass das Sym­ptom die Ord­nung er­rich­tet, auf die sich un­se­re Po­li­tik be­zieht, das ist der Schritt, den sie ge­tan hat. Er im­pli­ziert an­de­rer­seits, dass al­les, was von die­ser Ord­nung ar­ti­ku­liert wird, der Deu­tung un­ter­zo­gen wer­den kann. Dar­um hat man durch­aus recht, wenn man die Psy­cho­ana­ly­se un­ter die Ru­brik der Po­li­tik setzt. Und dies könn­te nicht ganz ein­fach sein, auf­grund des­sen, was es mit der Po­li­tik auf sich hat, und we­gen all dem, was hier ge­macht wird, wenn die Psy­cho­ana­ly­se sich als be­schla­ge­ner er­wie­se.

Es wür­de also viel­leicht das ge­nü­gen – um un­se­re Hoff­nung auf an­de­res zu set­zen –, was die Li­te­ra­ten tun, wenn ich sie zu mei­nen Ge­fähr­ten ma­chen kann, es wür­de also ge­nü­gen, dass wir von der Schrift ei­nen an­de­ren Ge­brauch mach­ten als den der Tri­bü­ne oder des Tri­bu­nals, da­mit dar­in an­de­re Wor­te (pa­ro­les) ins Spiel kä­men, um uns selbst dar­aus, um uns dar­aus den Tri­but zu ma­chen.

[124] Ich habe es ge­sagt, und ich ver­ges­se es nie­mals, es gibt kei­ne Met­a­spra­che; jede Lo­gik ist dar­in ver­fälscht, dass sie von der Ob­jekt­spra­che aus­geht, wie sie es bis heu­te un­aus­bleib­lich tut. Es gibt also kei­ne Met­a­spra­che, aber das Ge­schrie­be­ne, das aus Spra­che ver­fer­tigt wird, könn­te viel­leicht das Ma­te­ri­al sein, das die Kraft hät­te, dass sich hier un­se­re Be­haup­tun­gen än­dern. Ich sehe kei­ne an­de­re Hoff­nung als das, was sich ge­gen­wär­tig zu­spitzt.

Ist es mög­lich, ins­ge­samt vom Li­to­ral aus ei­nen Dis­kurs zu bil­den, der da­durch ge­kenn­zeich­net wäre – das ist die Fra­ge, die ich die­ses Jahr stel­le –, nicht vom Schein aus­ge­sen­det zu wer­den? Das ist of­fen­kun­dig die Fra­ge, die sich in der so­ge­nann­ten Avant­gar­deli­te­ra­tur stellt, die selbst eine Sa­che des Li­to­rals ist und sich also nicht auf den Schein stützt, die aber nichts be­weist, au­ßer, dass sie den Bruch an­zeigt, den ein­zig ein Dis­kurs pro­du­zie­ren kann – ich sage pro­du­zie­ren, mit Pro­duk­ti­ons­wir­kung her­aus­stel­len, das ist das Sche­ma mei­ner Vier­füß­ler vom letz­ten Jahr. Das, wor­auf die Am­bi­ti­on ei­ner Li­te­ra­tur ge­rich­tet zu sein scheint, ist das, was ich litu­ra­terrir nen­ne, näm­lich sich von ei­ner Be­we­gung her zu ord­nen, die sie als wis­sen­schaft­lich be­zeich­net.

Und es ist eine Tat­sa­che, dass in der Wis­sen­schaft die Schrift Wun­der be­wirkt hat, und die­ses Wun­der hat sich längst nicht er­schöpft. Al­ler­dings wird die phy­si­ka­li­sche Wis­sen­schaft dazu ge­bracht oder dazu ge­bracht wer­den, in den Tat­sa­chen das Sym­ptom zu be­den­ken, auf­grund der Ver­schmut­zung – es gibt Leu­te, Wis­sen­schaft­ler, die da­für sen­si­bel sind –, auf­grund der Ver­schmut­zung des­sen, was man, hin­sicht­lich der Erde, ohne jede Kri­tik als Um­welt be­zeich­net. Das ist die Idee von Uex­küll: Um­welt*, aber be­ha­vio­ri­siert, das heißt völ­lig ver­dummt.

Um mich hier selbst zu „litu­ra­ter­rie­ren“, möch­te ich wie­der von die­sem Aus­wa­schungs­ef­fekt aus­ge­hen, das ist si­cher­lich ein Bild, aber kei­ne Me­ta­pher: die­se Aus­wa­schung ist die Schrift. Was ich da ge­schrie­ben habe, ist dar­in ent­hal­ten, und wenn ich von Ge­nie­ßen spre­che, be­ru­fe ich mich zu Recht auf das, was ich an Zu­hö­rer­schaft ak­ku­mu­lie­re, und na­tür­lich nicht we­ni­ger auf das, des­sen ich mich be­rau­be. Das hält mich auf Trab, ihr An­drang. Die Aus­wa­schung habe ich vor­be­rei­tet.

Dass in der ja­pa­ni­schen Spra­che, um dar­auf zu­rück­zu­kom­men, eine Wir­kung der Schrift ent­hal­ten ist, dar­an ist das Wich­ti­ge das, was uns hier ein Mit­tel bie­tet, um ein Bei­spiel für litu­ra­terrir zu ge­ben. Das Wich­ti­ge ist, dass die Wir­kung der Schrift an die Schrift ge­bun­den bleibt, dass der Trä­ger der Schrift­wir­kung hier eine Spe­zi­al­schrift ist, in­so­fern die­se Spe­zi­al­schrift im Ja­pa­ni­schen mit zwei un­ter­schied­li­chen Aus­spra­chen ge­le­sen wer­den kann, in On-Yomi – ich bin nicht da­bei Ih­nen Staub in die Au­gen zu wer­fen […] –, On-Yomi, so nennt sich das, das ist ihre Aus­spra­che als Schrift­zei­chen, | [125] als Schrift­zei­chen wird das als sol­ches an­ders aus­ge­spro­chen, und in Kun-Yomi, was die Wei­se ist, wie auf Ja­pa­nisch ge­sagt wird: das, was das Schrift­zei­chen be­deu­tet.

Aber na­tür­lich wer­den Sie sich da­bei ge­wal­tig ver­tun, d.h. un­ter dem Vor­wand, dass das Schrift­zei­chen Buch­sta­be ist, wer­den Sie glau­ben, dass ich da­bei bin, zu sa­gen, dass im Ja­pa­ni­schen das Strand­gut des Si­gni­fi­kan­ten auf dem Fluss des Si­gni­fi­kats treibt. Es ist der Buch­sta­be und nicht das Zei­chen, der hier den Si­gni­fi­kan­ten stützt, aber wie je­des be­lie­bi­ge an­de­re – dem Ge­setz der Me­ta­pher fol­gend, in Be­zug auf das ich die letz­ten Male dar­an er­in­nert habe, dass es das We­sen der Spra­che aus­macht – ist es im­mer von an­ders­wo her als von dort, wo sie ist, die Spra­che, näm­lich vom Dis­kurs, dass sie, was es auch sei, im Netz des Si­gni­fi­kan­ten fängt, also die Schrift selbst.

Nur wird die Schrift von da in die Funk­ti­on ei­nes Re­fe­ren­ten be­för­dert, der ge­nau­so we­sent­lich ist für alle Din­ge, und das ist es, was den Sta­tus des Sub­jekts ver­än­dert. Da­her kommt es, dass es sich für sei­ne grund­le­gen­de Iden­ti­fi­zie­rung auf ei­nen be­stirn­ten Him­mel stützt und nicht nur auf den ein­zi­gen Zug. Nun ja, es gibt eben zu viel da­von. Zu vie­le Stüt­zen, das ist das­sel­be, wie kei­ne zu ha­ben.

Und dar­um stützt es sich auf et­was an­de­res, auf das Du. Im Ja­pa­ni­schen ist es so, dass man für die ge­rings­te Aus­sa­ge sämt­li­che gram­ma­ti­schen For­men sieht; wenn man et­was sa­gen will, ein­fach so, was auch im­mer, gibt es mehr oder we­ni­ger höf­li­che Ar­ten, es zu sa­gen, je nach der Art, wie ich ihn in das Du ein­be­zie­he. Ich be­zie­he ihn ein, wenn ich Ja­pa­ner bin, wenn ich kein Ja­pa­ner bin, tue ich das nicht, es wür­de mich er­mü­den. Wenn Sie könn­ten – Ja­pa­nisch zu ler­nen, ist wirk­lich in Reich­wei­te ei­nes je­den –, wenn Sie ge­se­hen ha­ben wer­den, dass die ge­rings­te An­ge­le­gen­heit sol­chen Va­ria­tio­nen der Aus­sa­ge un­ter­wor­fen ist, die Va­ria­tio­nen der Höf­lich­keit sind, dann wer­den Sie et­was ge­lernt ha­ben, dann wer­den Sie ge­lernt ha­ben, dass im Ja­pa­ni­schen die Wahr­heit die Struk­tur der Fik­ti­on, die ich in ihr be­zeich­ne, ge­nau da­durch ver­stärkt, dass sie hier die Ge­set­ze der Höf­lich­keit hin­zu­fügt.

Es ist ein­zig­ar­tig, dass dies zu dem Er­geb­nis zu füh­ren scheint, dass vom Ver­dräng­ten nichts ab­zu­weh­ren ist, da das Ver­dräng­te ge­ra­de durch die­sen Be­zug auf den Buch­sta­ben sei­nen Ort fin­det. An­ders ge­sagt, das Sub­jekt ist wie über­all durch die Spra­che ge­spal­ten, aber ei­nes sei­ner Re­gis­ter kann sich durch den Be­zug auf die Schrift be­frie­di­gen und das an­de­re durch die Aus­übung des Spre­chens.

Si­cher­lich ist es das, was mei­nem lie­ben Freund Ro­land Bart­hes die­ses be­rausch­te Ge­fühl ge­ge­ben hat, dass das ja­pa­ni­sche Sub­jekt mit all sei­nen gu­ten Ma­nie­ren ins­ge­samt nichts macht. Zu­min­dest ist es das, was er in ei­nem Buch sagt, das ich Ih­nen emp­feh­le, denn das ist ein sen­sa­tio­nel­les Werk; er hat ihm den Ti­tel Das Reich der Zei­chen | [126] ge­ge­ben. Bei Ti­teln macht man von den Ter­mi­ni oft­mals ei­nen un­pas­sen­den Ge­brauch; naja, das macht man für die Ver­le­ger. Was er of­fen­kun­dig sa­gen will, ist, dass es das Reich des Scheins (des sem­blants) ist; es ge­nügt, den Text zu le­sen, um das mit­zu­be­kom­men.

Nun, der my­thi­sche Ja­pa­ner, der klei­ne Nor­mal-Ja­pa­ner, so hat man mir ge­sagt, fin­det das schlecht. Zu­min­dest ist es das, was ich da drü­ben ge­hört habe. Und tat­säch­lich, wie her­vor­ra­gend auch im­mer Ro­land Bart­hes es ge­schrie­ben ha­ben mag, so möch­te ich ge­gen ihn doch das ein­wen­den, was ich heu­te sage, näm­lich dass sich nichts von der Lee­re, die durch die Schrift aus­ge­höhlt wor­den ist, stär­ker un­ter­schei­det als der Schein, zu­al­ler­erst in­so­fern, als er der ers­te der Be­cher ist, im­mer be­reit, das Ge­nie­ßen in Emp­fang zu neh­men oder es mit sei­nem Kunst­griff (ar­ti­fice) zu­min­dest auf­zu­ru­fen.

Un­se­rer Ge­wohn­heit nach kom­mu­ni­ziert nichts von sich we­ni­ger als ein sol­ches Sub­jekt, das letzt­lich nichts ver­birgt, dem nur bleibt, uns zu ma­ni­pu­lie­ren, und ich ver­si­che­re Ih­nen, dass es dar­auf kei­nes­wegs ver­zich­tet. Das war für mich eine Won­ne, denn letzt­lich bete ich das an. In der Ze­re­mo­nie, in der das Sub­jekt ge­nau dar­aus be­steht (se com­po­se), sich auf­lö­sen (se dé­com­po­ser) zu kön­nen, sind Sie ein Ele­ment un­ter an­de­ren.

Das Bun­ra­ku, viel­leicht ha­ben Sie das ge­se­hen, ei­ni­ge un­ter Ih­nen, als sie nach Pa­ris ge­kom­men sind, das Bun­ra­ku habe ich mir da drü­ben wie­der an­ge­se­hen, be­reits beim ers­ten Mal hat­te ich es mir an­ge­se­hen, nun, das Bun­ra­ku, sei­ne Trieb­fe­der ist hier: es lässt die­je­ni­gen die ganz ge­wöhn­li­che Struk­tur se­hen, de­nen die­se Struk­tur ihre Sit­ten gibt. Sie wis­sen, dass man ne­ben der Pup­pe un­ver­deckt ge­nau die Leu­te sieht, die hier tä­tig sind. Ge­nau­so könn­te, wie im Bun­ra­ku, al­les, was in ei­nem ja­pa­ni­schen Ge­spräch ge­sagt wird, eben­so­gut von ei­nem Re­zi­ta­tor ge­le­sen wer­den. Das ist das, was Bart­hes si­cher­lich er­leich­tert hat.

Ja­pan ist der Ort, wo es das Na­tür­lichs­te ist, sich […] auf die Hil­fe ei­ner Dol­met­sche­rin (in­ter­prè­te) zu stüt­zen, die eben­so ein Dol­met­scher hät­te sein kön­nen, man ist völ­lig ent­spannt, man kann sich durch eine Dol­met­sche­rin ver­dop­peln, eine Übersetzung/Deutung (in­ter­pré­ta­ti­on) ist in kei­nem Fall not­wen­dig.

Sie be­grei­fen, wenn ich er­leich­tert war, das Ja­pa­ni­sche ist die be­stän­di­ge Über­set­zung der Tat­sa­chen der Spra­che.

Was mir ge­fällt, um da­mit zu en­den, ist dies, dass die ein­zi­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on, die ich dort ge­habt habe – au­ßer mit den Eu­ro­pä­ern na­tür­lich, mit de­nen ich mich ge­mäß den Miss­ver­ständ­nis­sen un­se­rer Kul­tur zu ver­stän­di­gen weiß –, die ein­zi­ge, die ich mit ei­nem Ja­pa­ner ge­habt habe, auch die ein­zi­ge ist, die da un­ten wie an­ders­wo eine Kom­mu­ni­ka­ti­on sein könn­te, kein Dia­log, näm­lich eine wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ich habe ei­nen be­deu­ten­den Bio­lo­gen auf­ge­sucht, den ich auf­grund von Re­geln der ja­pa­ni­schen Höf­lich­keit nicht nen­nen wer­de und auf­grund von dem, was ich sa­gen wer­de, und das hat ihn dazu ge­bracht, mir sei­ne Ar­bei­ten vor­zu­füh­ren, na­tür­lich dort, wo so et­was ge­macht wird, an der Ta­fel. Die Tat­sa­che, dass ich da­bei man­gels In­for­ma­ti­on nichts be­grif­fen habe, schließt kei­nes­wegs aus, dass das, was er | [127] ge­schrie­ben hat, sei­ne For­meln, völ­lig gül­tig ist – wie die mei­ni­gen, da wo sie es sind –, gül­tig für die Mo­le­kü­le, zu de­ren Sub­jekt sich mei­ne Nach­kom­men ma­chen wer­den, ohne dass ich je hät­te wis­sen müs­sen, wie ich sie an sie über­tra­ge, was es wahr­schein­lich macht, dass ich mich zu den Le­be­we­sen zäh­le.

Eine As­ke­se der Schrift, das nimmt den Vor­tei­len, die wir aus der Li­te­ra­tur­kri­tik ge­win­nen kön­nen, nicht das Ge­rings­te.

Dies scheint mir – um mit et­was zu schlie­ßen, was durch das, was ich be­reits vor­ge­bracht habe, ko­hä­rent ist –, dies scheint mir nur dann ge­sche­hen zu kön­nen, wenn es wie­der an die­ses un­mög­li­che „es steht ge­schrie­ben“ an­schließt, von dem her viel­leicht ei­nes Ta­ges das se­xu­el­le Ver­hält­nis ein­ge­setzt wer­den wird.

 

Französisch/deutsch mit Anmerkungen

Zah­len in ecki­gen Klam­mern und grau­er Schrift ver­wei­sen auf die Sei­ten von Mil­lers Aus­ga­be des Se­mi­nars.

[113] (An der Ta­fel) Litu­ra­terre

Ce mot que je vi­ens d’écrire in­ti­tu­le ce que je vais vous offrir aujourd’hui, par­ce qu’il faut bien, puis­que vous êtes con­vo­qués là, que je vous lan­ce quel­que cho­se.

(An der Ta­fel) Litu­ra­terre

Das Wort, das ich ge­ra­de ge­schrie­ben habe, ist der Ti­tel für das, was ich Ih­nen heu­te an­bie­ten wer­de; da Sie hier zu­sam­men­ge­ru­fen wor­den sind, ist es wohl nö­tig, dass ich Ih­nen et­was zu­wer­fe.

 

Il m’est évi­dem­ment in­spi­ré par l’actualité : c’est le tit­re dont je me suis ef­for­cé de répond­re à une de­man­de qui m’a été fai­te d’introduire un nu­mé­ro qui va pa­raît­re sur „Lit­té­ra­tu­re et psy­chana­ly­se“.

Of­fen­sicht­lich ha­ben mich dazu ak­tu­el­le Er­eig­nis­se an­ge­regt: das ist der Ti­tel, mit dem ich mich be­müht habe, auf eine An­fra­ge zu ant­wor­ten, die an mich ge­rich­tet wor­den ist, näm­lich eine Zeit­schrif­ten­num­mer, die dem­nächst er­schei­nen wird, über Li­te­ra­tur und Psy­cho­ana­ly­se ein­zu­lei­ten.3

 

Ernout Meillet (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe und Signifikant)Ce mot „Litu­ra­terre“, que j’ai in­ven­té, se lé­giti­me de l’Ernout et Meillet com­me il y en a peut-être ici qui savent ce que c’est, c’est un dic­tionn­aire éty­mo­lo­gi­que du la­tin qui n’est pas trop bête­ment fait.

Die­ses Wort, Litu­ra­terre, das ich er­fun­den habe, fin­det sei­ne Recht­fer­ti­gung im Er­nout und Meillet, es gibt hier ja viel­leicht ei­ni­ge, die wis­sen, was das ist; das ist ein ety­mo­lo­gi­sches Le­xi­kon des La­tei­ni­schen, das gar nicht so dumm ge­macht ist.4

 

Cher­chez à lino, litu­ra, vous trou­ver­ez, et puis litur­ari­us; il est bien pré­cisé que ça n’a rien à fai­re avec lit­te­ra, la lett­re.

Schla­gen Sie nach un­ter lino, litu­ra, Sie wer­den das fin­den, und dann un­ter litur­ari­us5; es wird deut­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das mit lit­te­ra, mit dem Buch­sta­ben, nichts zu tun hat.

 

Que ça n’ait rien à fai­re, moi je m’en fous !

Dass das nichts da­mit zu tun hat, ist mir egal.

 

Je ne me so­u­mets pas for­cé­ment à l’étymologie quand je me lais­se al­ler à ce jeu de mots, dont on fait à l’occasion le mot d’esprit, le cont­re-pêt, en l’occasion évi­dent, m’en re­venant aux lèv­res et le ren­ver­se­ment à l’oreille.

Ich un­ter­wer­fe mich nicht zwangs­läu­fig der Ety­mo­lo­gie, wenn ich mich die­sem Wort­spiel hin­ge­be, mit dem ge­le­gent­lich ein Witz ge­macht wird; der Schüt­tel­reim (cont­re-pêt), der hier evi­dent ist, kam mir auf die Lip­pen und die Um­stel­lung kam mir zu den Oh­ren.6

 

Ce n’est pas pour rien que, quand vous ap­pre­nez une lan­gue étran­gè­re, vous met­tez la pre­miè­re con­son­ne de ce que vous avez en­ten­du la se­con­de, et la se­con­de, la pre­miè­re.

Es ist nicht von un­ge­fähr, dass Sie, wenn Sie eine Fremd­spra­che ler­nen, von dem, was Sie ge­hört ha­ben, den ers­ten Kon­so­nan­ten an die zwei­te Stel­le set­zen und den zwei­ten an die ers­te.

 

Donc, ce dic­tionn­aire, qu’on s’y re­por­te, m’apporte aus­pi­ces d’être fon­dé du même dé­part que je pre­nais d’un pre­mier mou­ve­ment, j’entends dé­part au sens de ré­par­tie, dé­part d’une équi­vo­que dont Joy­ce, c’est Ja­mes Joy­ce dont je par­le, dont Ja­mes Joy­ce glis­se de a let­ter à a lit­ter : d’une lett­re tra­du­i­te à une or­du­re.

Die­ses Le­xi­kon also, in dem man nach­schla­gen möge, lie­fert mir güns­ti­ge Vor­zei­chen, da es sich auf die­sel­be Un­ter­schei­dung (dé­part) grün­det wie ich, als ich in ei­ner ers­ten Be­we­gung – ich mei­ne dé­part im Sin­ne von ré­par­tie, Auf­tei­lung – von ei­ner Äqui­vo­ka­ti­on aus­ge­gan­gen bin, bei der Joy­ce – ich spre­che hier von Ja­mes Joy­ce –, bei dem Ja­mes Joy­ce von a let­ter zu a lit­ter glei­tet, von ei­nem Buch­sta­ben – über­setzt – zu ei­nem Ab­fall.7

Porträt James Joyce (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe und Signifikant)

Ja­mes Joy­ce

 

Il y avait, vous vous en sou­ve­nez peut-être, mais très pro­bable­ment vous n’en avez ja­mais rien su, il y avait une mé­cè­ne qui lui vou­lait du bien et qui lui off­rait une psy­chana­ly­se, et même que c’était de Jung qu’elle la lui off­rait.

Es gab, viel­leicht er­in­nern Sie sich dar­an, aber sehr wahr­schein­lich ha­ben Sie da­von nie et­was ge­hört, es gab eine Mä­ze­nin, die ihm Gu­tes woll­te und ihm eine Psy­cho­ana­ly­se an­bot, und dass es so­gar eine bei Jung war, die sie ihm an­bot.8

 

Au jeu que nous évo­quons, il n’y eût rien ga­g­né, puisqu’il al­lait tout droit avec ce a let­ter, a lit­ter, tout droit au mieux de ce que l’on peut at­tendre de la psy­chana­ly­se à sa fin.

Bei dem Spiel, das wir evo­zie­ren, hät­te er nichts ge­won­nen, denn er ging ganz di­rekt, mit die­sem a let­ter, a lit­ter, ganz di­rekt auf das Bes­te des­sen zu, was man an ih­rem Ende von ei­ner Psy­cho­ana­ly­se er­war­ten kann.

 

A fai­re li­tiè­re de la lett­re, est-ce Saint-Tho­mas en­core, vous vous sou­ve­nez peut-être, vous navez ja­mais su, si­cut pa­lea, Saint-Tho­mas en­core qui re­vi­ent à Joy­ce, com­me son œu­vre en té­moi­g­ne tout au long ?

Aus dem Buch­sta­ben Streu zu ma­chen (À fai­re li­tiè­re de la lett­re), ist das wie­der der Hei­li­ge Tho­mas – Sie er­in­nern sich viel­leicht, Sie ha­ben nie da­von ge­hört? –: si­cut pa­lea, ist das wie­der der Hei­li­ge Tho­mas, der hier bei Joy­ce wie­der auf­taucht, wie sein Werk es von vor­ne bis hin­ten be­zeugt?9

 

Ou bien est-ce la | [114] psy­chana­ly­se qui at­tes­te sa con­ver­gence avec ce que not­re épo­que ac­cu­se d’un dé­bri­de­ment du lien, du lien an­tique dont se con­ti­ent la pol­lu­ti­on dans la cul­tu­re ?

Oder ist es die Psy­cho­ana­ly­se, die ihre Kon­ver­genz mit dem be­zeugt, was un­se­re Zeit als Ent­fes­se­lung an­klagt, als Ent­fes­se­lung des al­ten Ban­des, durch das in ei­ner Kul­tur die Ver­schmut­zung ge­zü­gelt wird?

 

Rom, Cloaca Maxima (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe und Signifikant)

Rom, Cloa­ca Ma­xi­ma

 

J’avais bro­dé là-des­sus com­me par ha­sard, un peu avant le Mai de 68, pour ne pas fai­re dé­faut, ce jour-là, aux pau­més de ces aff­lu­en­ces que je me trouve main­ten­ant dé­pla­cer quand je fais vi­si­te quel­que part : c’était à Bor­deaux.

Ich habe das ein biss­chen wei­ter aus­ge­ge­führt, wie durch Zu­fall kurz vor dem Mai ʼ68, um an die­sem Tag die Ärms­ten die­ser Men­schen­men­gen nicht leer aus­ge­hen zu las­sen, die ich, wie es aus­sieht, jetzt mit mir zie­he, wenn ich ir­gend­wo ei­nen Be­such ma­che; in Bor­deaux war das.10

 

La ci­vi­li­sa­ti­on, y rap­pel­ais-je en pré­mis­ses, c’est l’égout.

Die Zi­vi­li­sa­ti­on, dar­an hat­te ich dort als Aus­gangs­punkt er­in­nert, ist der Ab­was­ser­ka­nal.11

 

Il faut dire sans dou­te que c’était peu après que ma pro­po­si­ti­on d’octobre 67 avait été ac­cueil­lie com­me on le sait, il faut vous dire sans dou­te que, en jouant de ça, j’étais un peu las de la pou­bel­le à laquel­le j’ai rivé mon sort.

Na­tür­lich muss man sa­gen, dass das war, kurz nach­dem mein Vor­schlag vom Ok­to­ber ʼ67 auf die Wei­se auf­ge­nom­men wor­den war, die Ih­nen be­kannt ist, wo­mit ich na­tür­lich sa­gen will, dass ich, als ich da­mit spiel­te, si­cher­lich des Müll­ei­mers ein we­nig müde war, mit dem ich mein Schick­sal ver­nie­tet hat­te.12

 

Pour­tant on sait que je ne suis pas le seul qui a pour par­ta­ge l’avouère.13

Wie man weiß, bin ich je­doch nicht der Ein­zi­ge, der das avouè­re, das Ge­ste­hen, zum Erb­teil hat.

 

L’avouère pour vous le pro­non­cer à l’ancienne, l’avoir14 dont Be­ckett fait ba­lan­ce aux jo­ies de tous ces dé­chets de not­re être.

Das avouè­re, das Ge­ste­hen, oder, um es für Sie auf die alte Wei­se aus­zu­spre­chen, das avoir, das Ha­ben, das Be­ckett mit den Freu­den all un­se­rer Seins-Ab­fäl­le ins Gleich­ge­wicht bringt.15

 

L’avouère sauve l’honneur de la lit­té­ra­tu­re et, ce qui m’agrée as­sez, me relè­ve du pri­vilège que je pour­rais cro­i­re tenir de ma place.

Die­ses avouè­re ret­tet die Ehre der Li­te­ra­tur, und es be­freit mich – was mir ganz an­ge­nehm ist – von dem Pri­vi­leg, von dem ich glau­ben könn­te, es durch mei­nem Platz in­ne­zu­ha­ben.

 

La ques­ti­on est de sa­voir si ce dont les ma­nu­els sem­blent fai­re étal de ce qui exis­te, je par­le des ma­nu­els de lit­té­ra­tu­re, soit que la lit­té­ra­tu­re soit ac­com­mo­da­ti­on des res­tes.

Die Fra­ge ist, ob das, was die Hand­bü­cher von dem, was es gibt, zur Schau zu stel­len schei­nen, ich spre­che von Hand­bü­chern der Li­te­ra­tur, ob es dies ist, dass die Li­te­ra­tur eine Zu­sam­men­stel­lung von Res­ten ist.

 

Est-ce af­fai­re de con­no­ta­ti­on dans l’écrit de ce qui d’abord pri­mi­ti­ve­ment se­rait chant, my­the par­lé, pro­ces­si­on dra­ma­tique ?

Geht es bei ihr dar­um, im Ge­schrie­be­nen das zu ko-no­tie­ren, was ur­sprüng­lich zu­nächst Ge­sang wäre, ge­spro­che­ner My­thos, Dra­men­pro­zes­si­on?

 

Pour la psy­chana­ly­se, qu’elle soit ap­pen­due à l’Œdipe, à l’Œdipe du my­the, ne la qua­li­fie en rien pour s’y re­trou­ver dans le tex­te de So­pho­cle : ce pas pareil.

Was die Psy­cho­ana­ly­se an­geht, dass sie am Ödi­pus hängt, am Ödi­pus des My­thos, das qua­li­fi­ziert sie in kei­ner Wei­se dazu, sich im Text des So­pho­kles zu­recht­zu­fin­den, das ist nicht das­sel­be.16

 

L’évocation par Freud d’un tex­te de Dost­oïev­ski ne suf­fit pas pour dire que la cri­tique du tex­te, jusqu’ici chas­se gar­dée du dis­cours uni­ver­si­taire, ait reçu de la psy­chana­ly­se plus d’air.

Dass Freud ei­nen Text von Dos­to­jew­ski in Er­in­ne­rung ruft, reicht nicht aus, um zu sa­gen, die Text­kri­tik, bis da­hin Do­mä­ne des Uni­ver­si­täts­dis­kur­ses, habe durch die Psy­cho­ana­ly­se fri­schen Wind be­kom­men.17

 

Si pour­tant mon ens­eig­ne­ment18 a place dans un chan­ge­ment de con­fi­gu­ra­ti­on, qui ac­tu­el­le­ment sous des cou­leurs d’actualité, ac­tu­el­le­ment s’affiche d’un slo­gan de pro­mo­ti­on de l’écrit… mais ce chan­ge­ment, dont ce té­moi­gna­ge, par ex­emp­le que ce soit de nos jours qu’enfin Ra­belais soit lu, mont­re qu’il repo­se peut-être sur un dé­pla­ce­ment lit­tér­ai­re à quoi je m’accorde mieux.

Wenn mein Un­ter­richt je­doch in ei­ner Ver­än­de­rung der Kon­fi­gu­ra­ti­on statt­fin­det, die sich ge­gen­wär­tig, un­ter dem Vor­wand der Ak­tua­li­tät, die sich ge­gen­wär­tig mit dem Slo­gan prä­sen­tiert, das Ge­schrie­be­ne zu för­dern –; aber die­se Ver­än­de­rung, von der die­ses Zeug­nis, bei­spiels­wei­se dass heut­zu­ta­ge end­lich Ra­belais ge­le­sen wird, zeigt, dass sie viel­leicht auf ei­ner Ver­schie­bung im Be­reich der Li­te­ra­tur be­ruht, mit der ich bes­ser zu­sam­men­pas­se.19

 

Je suis com­me au­teur mo­ins im­pli­qué qu’on ima­gi­ne.

Als Au­tor bin ich we­ni­ger in­vol­viert als man sich vor­stellt.

 

Mes Ecrits, un tit­re plus iro­ni­que qu’on ne croit, puisqu’il s’agit en som­me soit de rap­ports qui sont fonc­tion de con­grès, soit, di­sons, j’aimerais bien qu’on les en­ten­de com­me ça : des lettres ou­ver­tes où je fais sans dou­te ques­ti­on chaque fois d’un vent de mon ens­eig­ne­ment.

Mei­ne Schrif­ten, ein Ti­tel, der iro­ni­scher ist, als man glau­ben mag, da es sich al­les in al­lem ent­we­der um Be­rich­te han­delt, die sich auf Kon­gres­se be­zie­hen, oder – sa­gen wir, ich hät­te gern, dass man sie so ver­steht – um of­fe­ne Brie­fe (lettres), in de­nen ich zu ei­nem Stück mei­nes Un­ter­richts je­des Mal si­cher­lich Fra­gen auf­wer­fe.20

 

Mais en­fin ça en don­ne le ton… | [115]

Aber letzt­lich gibt das da­für den Ton an.

 

Loin en tout cas de me com­mett­re dans ce frot­ti-frot­ta lit­tér­ai­re dont se dé­no­te le psy­chana­lys­te en mal d’invention, j’y dé­non­ce la ten­ta­ti­ve im­man­quable à dé­mon­trer l’inégalité de sa pra­tique à mo­ti­ver le moind­re ju­ge­ment lit­tér­ai­re.

Statt mich aber auf die­sen li­te­ra­ri­schen Flirt ein­zu­las­sen, an dem der Psy­cho­ana­ly­ti­ker zu er­ken­nen ist, dem es an Er­fin­dungs­ga­be man­gelt, kri­ti­sie­re ich dar­in den nie­mals aus­blei­ben­den Ver­such, die Un­an­ge­mes­sen­heit sei­ner Pra­xis zu be­wei­sen, wenn es dar­um geht, auch nur das ge­rings­te li­te­ra­ri­sche Ur­teil zu mo­ti­vie­ren.

 

Il est pour­tant frap­pant que, ce re­cueil de mes Ecrits, je l’ai ou­vert d’un ar­ti­cle que j’isole en l’extrayant de sa chro­no­lo­gie, la chro­no­lo­gie fait règ­le, et que là il s’agisse d’un con­te, lui-même, il faut le dire, bien par­ti­cu­lier de ne pou­voir ren­trer dans la lis­te or­don­née, vous savez qu’on l’a fai­te, des si­tua­ti­ons dra­ma­ti­ques.

Es ist je­doch auf­fäl­lig, dass ich die­se Samm­lung mei­ner Schrif­ten mit ei­nem Ar­ti­kel er­öff­net habe, den ich da­durch iso­lie­re, dass ich ihn aus sei­ner Chro­no­lo­gie her­aus­neh­me – die Chro­no­lo­gie ist hier die Re­gel –, und dass es sich da­bei um eine Er­zäh­lung han­delt, die selbst, so muss man sa­gen, in­so­fern ziem­lich spe­zi­ell ist, als sie in der ge­ord­ne­ten Lis­te dra­ma­ti­scher Si­tua­tio­nen – Sie wis­sen, dass man so et­was ge­macht hat – nicht un­ter­zu­brin­gen ist.21

 

En­fin, lais­sons cela.

Aber las­sen wir das.

 

Lui, le con­te, il se fait de ce qu’il ad­vi­ent de la pos­te d’une mis­si­ve, au su de qui se pas­sent ses fai­re-suiv­re et de quels ter­mes s’appuie que je puis­se, moi, dire de cet­te lett­re, dire à pro­pos d’elle qu’une lett­re tou­jours en vi­ent à sa de­sti­na­ti­on, et ceci après les dé­tours qu’elle y a su­b­is dans le con­te, le comp­te, si je puis dire, soit ren­du, sans au­cun re­cours à son con­te­nu, à la lett­re.

Sie, die­se Er­zäh­lung, wird durch das be­stimmt, was durch das Ver­sen­den ei­nes Brie­fes ge­schieht, und in ih­rem Ver­lauf er­eig­nen sich die­se Nach­sen­dun­gen, durch die ge­stützt wird, dass ich sa­gen kann, die­se Let­ter, dass ich über sie sa­gen kann, eine Let­ter er­rei­che im­mer ih­ren Be­stim­mungs­ort22, und dies nach­dem – auf ge­wis­sen Um­we­gen, die er in der Er­zäh­lung (con­te) durch­ge­macht hat – die Rech­nung (comp­te), wenn ich so sa­gen kann, auf­ge­macht wird ohne je­den Be­zug auf sei­nen In­halt, auf den Brief.23

 

C’est ça qui rend re­mar­quable l’effet qu’elle por­te sur ceux qui tour à tour s’en font les dé­ten­teurs, tous ar­dents qu’ils puis­sent être du pou­voir qu’elle con­fè­re, pour y pré­tendre que cet ef­fet d’illusion ne puis­se s’articuler, ce que je fais moi, que d’un ef­fet de fé­mi­ni­sa­ti­on.

Das ist be­mer­kens­wert an der Wir­kung, die er auf die­je­ni­gen aus­übt, die sich reih­um zu sei­nen Be­sit­zern ma­chen, so be­gie­rig sie auch auf die Macht sein mö­gen, die er über­trägt, so dass man hier, wie ich es tue, be­haup­ten kann, dass die­se Il­lu­si­ons­wir­kung als ein Fe­mi­ni­sie­rungs­ef­fekt ar­ti­ku­liert wer­den kann.24

 

C’est là, je m’excuse d’y re­ve­nir, bien dis­tin­guer, je par­le de ce que je fais, la lett­re du si­gni­fi­ant maît­re25, en tant qu’ici elle l’emporte dans son en­ve­lop­pe, puisqu’il s’agit d’une lett­re au sens du mot épis­to­le.

Das heißt – ich ent­schul­di­ge mich, dar­auf zu­rück­zu­kom­men –, hier die Let­ter klar vom Her­ren­si­gni­fi­kan­ten zu un­ter­schei­den – ich spre­che über das, was ich tue –, in­so­fern sie ihn hier mit sich führt, sie führt ihn in ih­rem Um­schlag mit, denn es han­delt sich um eine Let­ter im Sin­ne des Wor­tes „Brief“.

 

Or je pré­tends que je ne fais pas là du mot lett­re usa­ge mé­ta­pho­ri­que, puis­que jus­tement le con­te con­sis­te en ce qu’y pas­se com­me mu­s­ca­de le messa­ge dont c’est l’écrit, donc pro­pre­ment la lett­re qui fait seu­le pé­ri­pé­tie.26

Nun, ich be­haup­te, dass ich hier von dem Wort „Let­ter“ kei­nen me­ta­pho­ri­schen Ge­brauch ma­che, da die Er­zäh­lung ge­nau dar­in be­steht, dass in ihr in ei­ner Ta­schen­spie­le­rei die Bot­schaft hin und her wan­dert, wo­bei es das Ge­schrie­be­ne ist, also die Let­ter im ei­gent­li­chen Sinn, was ein­zig den Wen­de­punkt her­bei­führt.27

 

Ma cri­tique, si elle a lieu d’être te­nue pour lit­tér­ai­re, n’aurait là donc por­té, je m’y es­saie, que sur ce que Poe a fait, d’être écri­vain lui-même , pour for­mer un tel messa­ge sur la lett­re.

Wenn mei­ne Kri­tik An­lass gibt, für Li­te­ra­tur­kri­tik ge­hal­ten zu wer­den, könn­te sie sich hier also nur auf das be­zie­hen – und das ver­su­che ich –, was Poe selbst als Schrift­stel­ler ge­tan hat, um eine sol­che Bot­schaft über die Let­ter zu ge­stal­ten.

 

Il est clair qu’à ne pas le dire tel quel tel que je le dis, moi, ce n’est pas in­suf­fi­sam­ment, c’est d’autant plus ri­gou­re­u­se­ment qu’il l’avoue.

Klar ist: auch wenn er es nicht so sagt, nicht so wie ich es sage, ge­steht er es den­noch ein, und das nicht auf un­ge­nü­gen­de, son­dern auf umso stren­ge­re Wei­se.

 

Néan­mo­ins l’élision, l’élision de son messa­ge n’en sau­rait être éluci­dée au mo­y­en de quel­que trait que ce soit de sa psycho­bio­gra­fie, bou­chée plu­tôt qu’elle en se­rait, cet­te éli­si­on ! une psy­chana­lys­te qui, on s’en sou­vi­ent peut-être, a ré­cu­ré les au­tres tex­tes de Poe, ici dé­cla­re for­fait de sa ser­pil­liè­re : elle n’y tou­che pas, la Ma­rie !

Nichts­des­to­we­ni­ger, die Eli­si­on, die Eli­si­on die­ser Bot­schaft könn­te nicht mit­hil­fe ir­gend­ei­nes Zu­ges sei­ner Psycho­bio­gra­fie auf­ge­klärt wer­den, eher wür­de sie, die­se Eli­si­on, da­durch ver­kleis­tert; eine Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin, die die an­de­ren Tex­te von Poe, man er­in­nert sich viel­leicht dar­an, ab­ge­wischt hat, be­kun­det, dass sie hier mit ih­rem Putz­lap­pen nicht wei­ter kommt – sie rührt nicht dran, die Ma­rie.28

 

Voi­là pour le tex­te de Poe.

So viel zum Text von Poe.

 

Mais, pour le mien, de tex­te, est-ce qu’il ne pour­rait pas se ré­soud­re par ma psycho­bio­gra­fie à moi ?

Was aber mei­nen ei­ge­nen Text an­geht, könn­te er nicht durch mei­ne ei­ge­ne Psycho­bio­gra­fie er­hellt wer­den?

 

Le vœu que je for­me­rais, par ex­emp­le, c’est d’être lu un jour con­ven­ab­le­ment.

Durch den Wunsch, den ich ge­bil­det hät­te, näm­lich bei­spiel­wei­se ei­nes Ta­ges auf an­ge­mes­se­ne Wei­se ge­le­sen zu wer­den?

 

Mais pour ça, pour que ça vail­le, il faud­rait d’abord qu’on dé­ve­lop­pe, que ce­lui qui s’y em­plo­ie­r­ait à cet­te in­ter­pré­ta­ti­on dé­ve­lop­pe ce que j’entends que la lett­re por­te pour ar­ri­ver tou­jours, je le dis, à sa de­sti­na­ti­on.29

Aber da­mit das ei­nen Wert hät­te, da­für wäre zu­nächst ein­mal nö­tig, dass man er­ör­tert, dass der­je­ni­ge, der eine sol­che Deu­tung aus­ar­bei­ten wür­de, er­ör­tert, was ich dar­un­ter ver­ste­he, dass die Let­ter so weit trägt, dass sie, wie ich sage, im­mer ih­ren Be­stim­mungs­ort er­reicht.

 

C’est là peut-être que je suis pour l’instant en che­vil­le avec les dé­vots de l’écriture.

Das ist viel­leicht der Punkt, wo ich den Ver­eh­rern der Schrift im Au­gen­blick na­he­ste­he.

 

Il est cer­tain que, com­me d’ordinaire, la psy­chana­ly­se ici reçoit de la lit­té­ra­tu­re, elle pour­rait d’abord en prend­re cet­te grai­ne qui se­rait du res­sort du re­fou­le­ment, une idée mo­ins psycho­bio­gra­phi­que. | [116]

Dass die Psy­cho­ana­ly­se hier wie üb­lich von der Li­te­ra­tur et­was emp­fängt, ist si­cher30, sie könn­te von ihr zu­nächst das Sa­men­korn neh­men, das in ei­ner we­ni­ger psycho­bio­gra­fi­sche Vor­stel­lung von der Trieb­fe­der der Ver­drän­gung be­stün­de.31

 

Pour moi, si je pro­po­se le tex­te de Poe, avec ce qu’il y a der­riè­re, à la psy­chana­ly­se, c’est jus­tement de ce qu’elle ne puis­se l’aborder qu’à y mon­trer son échec.

Was mich an­geht, wenn ich der Psy­cho­ana­ly­se den Text von Poe vor­schla­ge, mit dem, was da­hin­ter­liegt, dann eben des­halb, weil sie ihn nur in der Wei­se an­ge­hen kann, dass sie hier ihr Schei­tern (échec) zeigt.

 

C’est par là que je l’éclaire, la psy­chana­ly­se.

Da­mit klä­re ich sie auf, die Psy­cho­ana­ly­se.

 

Et on le sait, on le sait que je sais, que j’invoque ain­si, c’est au dos de mon vo­lu­me, j’invoque ain­si les lu­miè­res.

Und man weiß es, man weiß, dass ich weiß, dass ich da­mit – das steht auf dem Rü­cken mei­nes Ban­des – die Auf­klä­rung (les lu­miè­res) her­auf­be­schwö­re.32

 

Pour­tant, je l’éclaire de dé­mon­trer où elle fait trou, la psy­chana­ly­se.33

Ich klä­re sie je­doch auf, um zu zei­gen, wo sie, die Psy­cho­ana­ly­se, ein Loch macht.

 

Ça n’a rien d’illégitime, ça a déjà por­té son fruit, on le sait de­puis long­temps en op­tique et la plus ré­cen­te phy­si­que, cel­le du pho­ton, s’en arme.

Dar­an ist nichts Il­le­gi­ti­mes, das hat be­reits Frucht ge­tra­gen, in der Op­tik weiß man das seit lan­gem, und die neu­es­te Phy­sik, die der Pho­to­nen, hat sich da­mit be­waff­net.34

 

C’est par cet­te mé­tho­de que la psy­chana­ly­se pour­rait mieux ju­s­ti­fier son in­tru­si­on dans la cri­tique lit­tér­ai­re.

Durch die­se Me­tho­de könn­te die Psy­cho­ana­ly­se ihr Ein­drin­gen in die Li­te­ra­tur­kri­tik bes­ser recht­fer­ti­gen.

 

Cela vou­d­rait dire que la cri­tique lit­tér­ai­re vi­en­drait ef­fec­tive­ment à se re­nou­ve­ler de ce que la psy­chana­ly­se soit là, pour que les tex­tes se me­s­u­rent à elle, jus­tement de ce que l’énigme res­te de son côté, qu’elle soit co­ite.

Das wür­de hei­ßen, dass die Li­te­ra­tur­kri­tik dazu kom­men wür­de, sich tat­säch­lich zu er­neu­ern, von da­her, dass die Psy­cho­ana­ly­se dazu da wäre, dass die Tex­te sich an ihr mes­sen, ge­nau von da­her, dass das Rät­sel auf der Sei­te der Psy­cho­ana­ly­se bleibt, dass sie sprach­los wäre.35

 

Mais ceux des psy­chana­lys­tes, dont ce n’est pas mé­dire que d’avancer que plu­tôt qu’ils ne l’exercent, la psy­chana­ly­se, ils en sont ex­er­cés, en­ten­dent mal mes pro­pos, à tout le mo­ins d’être pris en corps.

Aber die­je­ni­gen Psy­cho­ana­ly­ti­ker, bei de­nen es kei­ne Ver­leum­dung ist, zu be­haup­ten, dass sie, statt sie, die Psy­cho­ana­ly­se, aus­zu­üben, von ihr aus­ge­übt wer­den, ver­ste­hen mei­ne Be­haup­tun­gen schlecht, zu­min­dest als Kör­per ge­nom­men.36

 

J’oppose à leur adres­se vé­rité et sa­voir.

An sie ge­wen­det set­ze ich Wahr­heit und Wis­sen ein­an­der ent­ge­gen.37

 

C’est la pre­miè­re où aus­sitôt ils re­con­nais­sent leur of­fice, alors que, sur la sel­let­te, c’est leur vé­rité que j’attends.38

Ers­te­re ist das, wor­in sie ihr Amt so­gleich er­ken­nen, wäh­rend, auf der An­kla­ge­bank, es ihre Wahr­heit ist, auf die ich war­te.

 

J’insiste à cor­ri­ger mon tir de dire : sa­voir en échec, voi­là où la psy­chana­ly­se se mont­re aux yeux.39

Um mei­nen Schuss zu kor­ri­gie­ren, be­har­re ich dar­auf, sa­voir en échec zu sa­gen, „Wis­sen im Schach“, das ist das, wo die Psy­cho­ana­ly­se sich den Au­gen zeigt.

 

Sa­voir en échec, com­me on dit fi­gu­re en aby­me, ça ne veut pas dire échec du sa­voir.

Sa­voir en échec‚ „Wis­sen im Schach“ – so wie man sagt fi­gu­re en aby­me, „Fi­gur am Ab­grund“, Fi­gur, die sich in sich selbst wie­der­holt –, da­mit ist nicht das Schei­tern des Wis­sens ge­meint.

 

Aus­sitôt j’apprends qu’on s’en croit dis­pen­sé de fai­re preuve dau­cun sa­voir.

Und so­gleich er­fah­re ich, dass man sich da­von dis­pen­siert glaubt, ir­gend­ein Wis­sen un­ter Be­weis zu stel­len.

 

Se­rait-ce lett­re mor­te que j’ai mis au tit­re d’un de ces morceaux, que j’ai dit Ecrits, de la lett­re de l’instance com­me rai­son de l’inconscient ?

Wäre die­ser tote Buch­sta­be, den ich in den Ti­tel ei­nes die­ser Stü­cke ge­setzt habe, die ich Schrif­ten ge­nannt habe, über den Buch­sta­bens, über das Drän­gen als Rä­son des Un­be­wuss­ten?40

 

N’est-ce pas dé­si­gner as­sez, dans la lett­re, ce qui, à de­voir in­sis­ter, n’est pas là de plein droit si fort de rai­son que ça s’avance.

Ist es nicht aus­rei­chend, mit dem Buch­sta­ben das zu be­zeich­nen, was, da es ja in­sis­tie­ren muss, nicht mit vol­lem Recht da ist, auch wenn es mit so star­ker Rä­son vor­ge­bracht wird?

 

Dire cet­te rai­son mo­y­enne ou ex­trê­me, c’est bien mon­trer, je l’ai fait déjà à l’occasion, la | [117] bi­fi­dité où s’engage tou­jours tou­te me­s­u­re.

Die­se rai­son, die­ses Ver­hält­nis, als rai­son mo­y­enne oder rai­son ex­trê­me zu be­zeich­nen, als mitt­le­res oder äu­ße­res Ver­hält­nis, das heißt, wie ich es bei Ge­le­gen­heit be­reits ge­tan habe, die Bi­fi­di­tät zu zei­gen, in der jede Mes­sung sich voll­zieht.41

 

Mais n’y a-t-il rien dans le réel, qui se pas­se de cet­te mé­dia­ti­on ?

Gibt es aber nichts im Rea­len, was ohne die­se Ver­mitt­lung aus­kommt?42

 

Ce pour­rait être la fron­tiè­re.

Dies könn­te die Gren­ze (fron­tiè­re) sein.

 

La fron­tiè­re à sépa­rer deux ter­ri­toires n’a qu’un dé­faut, mais il est de tail­le, elle sym­bo­li­se qu’ils sont de même ta­bac, si je puis dire en tout cas pour qui­con­que la fran­chit.

Die Gren­ze, in­so­fern sie zwei Ter­ri­to­ri­en von­ein­an­der trennt, hat nur ei­nen Feh­ler, aber der ist be­trächt­lich: sie sym­bo­li­siert, dass sie von der­sel­ben Sor­te sind, wenn ich so sa­gen kann, in je­dem Fall für je­den, der sie über­schrei­tet.

 

Je ne sais pas si vous vous y êtes ar­rêtés, mais c’est le princi­pe dont, un jour, un nom­mé von Uex­küll a fa­bri­qué le ter­me d’Umwelt.

Ich weiß nicht, ob Sie sich da­bei auf­ge­hal­ten ha­ben, aber das ist das Prin­zip, von dem aus ein ge­wis­ser von Uex­küll ei­nes Ta­ges den Ter­mi­nus „Um­welt*“ fa­bri­ziert hat.

 

C’est fait sur le princi­pe qu’il est le re­flet de l’Innenwelt.

Das be­ruht auf dem Prin­zip, dass sie der Re­flex der In­nen­welt* ist.

 

C’est la pro­mo­ti­on de la fron­tiè­re à l’idéologie.

Da­mit wird die Gren­ze zur Ideo­lo­gie be­för­dert.

 

C’est évi­dem­ment un dé­part fâcheux. Une bio­lo­gie, car c’était une bio­lo­gie qu’il vou­lait avec ça fon­der, Uex­küll, une bio­lo­gie qui se don­ne déjà tout au dé­part, le fait de l’adaptation no­tam­ment qui fait le fond de ce cou­pla­ge Um­welt et In­nen­welt.

Das ist of­fen­sicht­lich ein schlech­ter Aus­gangs­punkt, eine Bio­lo­gie – denn es war eine Bio­lo­gie, die er, von Uex­küll, da­mit be­grün­den woll­te –, eine Bio­lo­gie, die sich be­reits ganz zu An­fang vor al­lem die Tat­sa­che der An­pas­sung <zum Prin­zip> gibt, die für die­se Kopp­lung von Um­welt und In­nen­welt den Hin­ter­grund ab­gibt.

 

Evi­dem­ment, la sélec­tion, la sélec­tion, ça ne vaut pas mieux com­me type de l’idéologie. Ce n’est pas par­ce qu’elle se bénit elle-même d’être na­tu­rel­le qu’elle l’est mo­ins.

Of­fen­kun­dig ist die Se­lek­ti­on, die Sek­ti­on als Typ von Ideo­lo­gie auch nicht mehr wert; wenn sie sich selbst als „na­tür­lich“ ab­seg­net, ist sie dar­um nicht we­ni­ger ideo­lo­gisch.43

 

Je vais vous pro­po­ser quel­que cho­se com­me ça bru­ta­le­ment pour ve­nir après a let­ter, a lit­ter.

Ich wer­de Ih­nen et­was vor­schla­gen, ein­fach so, ganz bru­tal, um an a let­ter, a lit­ter an­zu­schlie­ßen.

 

Litoral (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

To­po­gra­fi­sche Glie­de­rung ei­nes Sees

 Moi je vais vous dire : la lett­re n’est-elle pas le lit­té­ral à fon­der dans le lit­to­ral ?

Ich will Ih­nen sa­gen: Ist die Let­ter nicht das Li­te­ra­le, das auf das Li­to­ral zu grün­den ist? / Ist der Buch­sta­be nicht das Buch­stäb­li­che, das auf die Ufer­zo­ne zu grün­den ist?44

 

Car ça c’est aut­re cho­se qu’une fron­tiè­re, d’ailleurs vous avez pu re­mar­quer que ça ne se con­fond ja­mais.

Denn das ist et­was an­de­res als eine Gren­ze; im Üb­ri­gen ha­ben Sie be­mer­ken kön­nen, dass man das nie­mals ver­wech­selt.

 

Le lit­to­ral, c’est ce qui pose un do­mai­ne tout en­t­ier com­me faisant à un aut­re, si vous vou­lez, fron­tiè­re, mais jus­tement de ceci, de ce qu’ils n’ont ab­so­lu­ment rien en com­mun, même pas une re­la­ti­on ré­ci­pro­que.

Das Li­to­ral ist das, was ei­nen Be­reich er­zeugt, als ei­nen, der in sei­ner Gän­ze für ei­nen an­de­ren Be­reich eine, wenn Sie so wol­len, Gren­ze bil­det, aber ge­nau von da­her, dass sie ab­so­lut nichts Ge­mein­sa­mes ha­ben, nicht ein­mal eine re­zi­pro­ke Be­zie­hung.

 

La lett­re n’est-elle pas pro­pre­ment lit­to­ral, le bord du trou dans le sa­voir que la psy­chana­ly­se dé­si­gne jus­tement quand elle ab­or­de la lett­re, voi­là-t-il pas ce qu’elle dé­si­gne ?

Ist die Let­ter nicht ei­gent­lich li­to­ral, der Rand (bord) des Lochs im Wis­sen, den die Psy­cho­ana­ly­se ge­nau dann be­zeich­net, wenn sie sich ihr, der Let­ter, an­nä­hert (ab­or­de), ist es nicht das, was sie be­zeich­net?

 

Le drô­le, c’est de con­sta­ter com­ment la psy­chana­ly­se s’oblige en quel­que sor­te de son mou­ve­ment même à mé­con­naît­re45 le sens de ce que pour­tant la lett­re dit à la lett­re, c’est le cas de le dire, de sa bou­che, quand tou­tes ses in­ter­pré­ta­ti­ons se ré­su­ment à la jouis­sance.

Es hat et­was Ko­mi­sches, fest­zu­stel­len, wie die Psy­cho­ana­ly­se sich ge­wis­ser­ma­ßen durch ihre ei­ge­ne Be­we­gung ver­pflich­tet, den Sinn des­sen zu ver­ken­nen, was je­doch, so muss man wohl sa­gen, der Buch­sta­be buch­stäb­lich sagt, mit sei­nem Mund, wenn all ihre Deu­tun­gen auf das Ge­nie­ßen (jouis­sance) hin­aus­lau­fen.

 

Ent­re la jouis­sance et le sa­voir la lett­re fe­rait le lit­to­ral.

Zwi­schen Ge­nie­ßen und Wis­sen wür­de die Let­ter das Li­to­ral bil­den.

 

Tout ça n’empêche pas que ce j’ai dit de l’inconscient nous restant là ait quand même la pré­cé­dence, sans quoi ce que j’avance n’aurait ab­so­lu­ment au­cun sens.

All das ver­hin­dert nicht, dass das, was ich über das Un­be­wuss­te ge­sagt habe, wenn wir da­bei blei­ben, dass es gleich­wohl den Vor­rang hat, ohne wel­chen das, was ich vor­brin­ge, ab­so­lut kei­nen Sinn hät­te.46

 

Il res­te à sa­voir com­ment l’inconscient que je dis être ef­fet de lan­ga­ge de ce qu’il en sup­po­se la struc­tu­re com­me né­ces­saire et suf­fi­san­te, com­ment il com­man­de cet­te fonc­tion de la lett­re.

Es bleibt zu wis­sen, wie das Un­be­wuss­te – von dem ich sage, dass es eine Wir­kung der Spra­che ist, da es de­ren Struk­tur als not­wen­dig und hin­rei­chend vor­aus­setzt –, wie es die­se Funk­ti­on des Buch­sta­bens steu­ert.

 

Tardieu - Un mot pour un autre (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant))Qu’elle soit in­stru­ment prop­re à l’inscription du dis­cours, ne la rend pas du tout im­prop­re à ser­vir à ce que j’en fais, com­me dans L’instance de | [118] la lett­re, par ex­emp­le, dont je vous par­lais tout à l’heure, où je l’emploie à mon­trer le jeu de ce que l’autre ap­pel­le, Jean Tar­dieu, le mot pris pour un aut­re, voi­re le mot pris par un aut­re, au­tre­ment dit la mé­ta­pho­re et la mé­to­ny­mie com­me ef­fets de la phra­se.

Dass er ein für das Auf­schrei­ben des Dis­kur­ses ge­eig­ne­tes In­stru­ment ist, macht ihn kei­nes­wegs da­für un­ge­eig­net, dem, was ich da­mit ma­che, zu die­nen, wenn ich ihn bei­spiels­wei­se in Das Drän­gen des Buch­sta­bens, wor­über ich vor­hin zu Ih­nen ge­spro­chen habe, dazu ver­wen­de, um je­nes Spiel zu zei­gen, das je­mand, näm­lich Jean Tar­dieu, so nennt: das Wort, das für ein an­de­res ge­nom­men wird, ja, das Wort, das durch ein an­de­res ge­nom­men wird, an­ders ge­sagt: Me­ta­pher und Me­to­ny­mie als Wir­kun­gen des Sat­zes.47

 

Ça sym­bo­li­se donc aisé­ment tous ses ef­fets de si­gni­fi­ant, mais ça n’impose nul­le­ment qu’elle soit, elle, la lett­re, dans ses ef­fets-mê­mes, pour les­quels elle me sert d’instrument, qu’elle soit pri­ma­i­re.

Das sym­bo­li­siert also leicht all die­se Si­gni­fi­kan­ten­ef­fek­te, aber das nö­tigt kei­nes­wegs dazu, dass er, der Buch­sta­be, in eben die­sen Ef­fek­ten pri­mär wäre, für die er mir als In­stru­ment dient.48

 

L’examen s’impose, mo­ins de cet­te pri­ma­rité qui n’est même pas à sup­po­ser, mais de ce qui du lan­ga­ge ap­pel­le le lit­to­ral au lit­té­ral.

Eine Über­prü­fung nö­tigt sich we­ni­ger hin­sicht­lich die­ses Pri­mats auf, das über­haupt nicht an­zu­neh­men ist, son­dern in Be­zug auf das, was von der Spra­che das Li­to­ra­le zum Li­te­ra­len auf­ruft.

 

Rien de ce que j’ai in­scrit, à l’aide de lettres, des for­ma­ti­ons de l’inconscient pour les ré­cup­é­rer de ce dont Freud les for­mu­le, des énon­cés, plus sim­ple­ment des faits de lan­ga­ge, rien ne per­met de con­fond­re, com­me il s’est fait, la lett­re avec le si­gni­fi­ant.

Nichts von dem, was ich mit­hil­fe von Buch­sta­ben über die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten ge­schrie­ben habe, um sie aus dem wie­der­zu­ge­win­nen, was Freud dar­über for­mu­liert, aus Aus­sa­gen ganz ein­fach über Sprach­t­at­sa­chen, nichts er­laubt es, wie es ge­sche­hen ist, den Buch­sta­ben mit dem Si­gni­fi­kan­ten zu ver­wech­seln.

 

Ce que j’ai in­scrit à l’aide de lettres des for­ma­ti­ons de l’inconscient n’autorise pas à fai­re de la lett­re un si­gni­fi­ant et à l’affecter, qui plus est, d’une pri­ma­rité au re­gard du si­gni­fi­ant.

Das, was ich mit­hil­fe von Buch­sta­ben über die Bil­dun­gen des Un­be­wuss­ten ge­schrie­ben habe, au­to­ri­siert nicht dazu, aus dem Buch­sta­ben ei­nen Si­gni­fi­kan­ten zu ma­chen und ihm, was dar­über hin­aus­geht, ei­nen Pri­mat ge­gen­über dem Si­gni­fi­kan­ten zu­zu­schrei­ben.

Jacques Lacan, vier Diskurse - kreisförmig angeordnet (zu Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant))

Vier Dis­kur­se (Se­mi­nar 17)

 

Un tel dis­cours con­fu­si­onnel n’a pu sur­gir que de ce­lui, du dis­cours qui m’importe.

Ein der­art ver­wirr­ter Dis­kurs hat nur aus dem auf­tau­chen kön­nen, aus dem Dis­kurs, der mich im­por­tiert.49

 

Et jus­tement qui m’importe dans un aut­re dis­cours que j’épingle le temps venu du dis­cours uni­ver­si­taire, soit, com­me je l’ai sou­li­gné as­sez de­puis un an et demi, je pen­se, soit du sa­voir mis en usa­ge à par­tir du sem­blant.

Und der mich in ei­nen an­de­ren Dis­kurs im­por­tiert, den ich zu ge­ge­be­ner Zeit als Uni­ver­si­täts­dis­kurs be­zeich­ne, näm­lich, wie ich seit ein­ein­halb Jah­ren hin­rei­chend, so den­ke ich, her­aus­ge­stellt habe, näm­lich als Dis­kurs des Wis­sens, das aus­ge­hend vom Schein in Ge­brauch ge­nom­men wird.50

 

Le moind­re sen­ti­ment que l’expérience à quoi je pare ne peut se si­tu­er que d’un aut­re dis­cours que de ce­lui-là, j’eus dû le gar­der51, le pro­du­it de ce dis­cours, de ce que je ne dé­si­gne pas plus, sans l’avouer, de moi.

Das ge­rings­te Ge­fühl der Er­fah­rung, der ich mich stel­le, kann nur von ei­nem an­de­ren Dis­kurs als die­sem her ver­or­tet wer­den; ich hat­te es schüt­zen müs­sen, das Pro­dukt die­ses Dis­kur­ses, vor dem, was ich nicht wei­ter be­zeich­ne, ohne ihn als mei­nen ein­zu­ge­ste­hen.

 

On me l’a éparg­né, Dieu mer­ci, n’empêche qu’à m’importer au sens que j’ai dit tout à l’heure, on m’importune !

Man hat mir das er­spart, Gott sei Dank, was nicht ver­hin­dert, dass man mich be­läs­tigt, in­dem man mich im­por­tiert.

 

Freud - Entwurf einer Psychologie - Skizzen (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant))

S. Freud, Zeich­nun­gen aus „Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie“ (1895)

 

Si j’avais trou­vé re­cev­a­bles les mo­dè­les que Freud ar­ti­cu­le dans une Es­quis­se d’où dé­cri­re le fra­ya­ge, le fo­ra­ge de rou­tes im­pré­ci­ses52, je n’en au­rais pas pour au­tant pris la mé­ta­pho­re de l’écriture.

Auch wenn ich die Mo­del­le ak­zep­ta­bel ge­fun­den hät­te, die Freud in ei­nem Ent­wurf ar­ti­ku­liert, in dem er die Bah­n­ung be­schreibt, die Aus­höh­lung un­ge­nau­er Wege, hät­te ich dar­aus den­noch nicht die Me­ta­pher der Schrift über­nom­men.53

 

Et jus­tement c’est sur ce point pré­cis que je ne la trouve pas re­cev­a­ble.

Und es ist ge­nau die­ser Punkt, an dem ich den Ent­wurf nicht ak­zep­ta­bel fin­de.

Wunderblock (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstab vs. Signifikant)

Wun­der­block

 

L’écriture n’est pas l’impression, n’en dé­p­lai­se à tout ce qui s’est fait com­me bla-bla sur le fa­meux Wun­der­block.

Die Schrift ist nicht die Ein­prä­gung (im­pres­si­on), auch wenn das al­lem zu­wi­der­läuft, was über den be­rühm­ten Wun­der­block* an Bla­bla ge­schrie­ben wor­den ist.

 

Que je tire par­ti de la lett­re ap­pelée 52è­me, c’est d’y lire ce que Freud ne pou­vait qu’énoncer sous le ter­me qu’il for­ge du Wz : Wahr­neh­mungs­zei­chen, et de re­pé­rer que c’est ce qu’il pou­vait trou­ver de plus pro­che du si­gni­fi­ant à la date où Saus­su­re ne l’avait pas en­core re­mis au jour, ce fa­meux si­gni­fi­ant, qui ne date quand même pas de lui, puisqu’il date des Stoïci­ens.

Wenn ich mich auf den so­ge­nann­ten zwei­und­fünf­zigs­ten Brief stüt­ze54, dann um hier zu le­sen, was Freud mit ei­nem von ihm ge­bil­de­ten Aus­druck als „Wz“ be­zeich­nen konn­te, als Wahr­neh­mungs­zei­chen55, und um fest­zu­stel­len, dass es das ist, was er als das fin­den konn­te, was dem Si­gni­fi­kan­ten am nächs­ten kommt, zu ei­nem Zeit­punkt, als Saus­su­re ihn noch nicht wie­der zu Tage ge­för­dert hat­te, die­sen be­rühm­ten Si­gni­fi­kan­ten, der je­doch nicht auf ihn zu­rück­geht, son­dern viel­mehr auf die Stoi­ker.

 

Que Freud l’écrive là de deux lettres, com­me | [119] moi d’ailleurs je ne l’écris que d’une, cela ne prouve en rien que la lett­re soit pri­ma­i­re.

Dass Freud ihn da mit zwei Buch­sta­ben schreibt, so wie ich ihn an­ders­wo mit nur ei­nem schrei­be, be­weist in kei­ner Wei­se, dass der Buch­sta­be pri­mär wäre.

 

Je vais donc es­say­er pour vous aujourd’hui d’indiquer le vif de ce qui me pa­raît pro­du­i­re la lett­re com­me con­séquence, et du lan­ga­ge, pré­cis­é­ment de ce que je dis que l’habite qui par­le.

Ich wer­de heu­te also ver­su­chen, Ih­nen den Kern des­sen an­zu­zei­gen, was mir den Buch­sta­ben, die Let­ter, als Kon­se­quenz zu pro­du­zie­ren scheint, so­wie den Kern der Spra­che, ge­nau des­sen, dass ich sage, dass der­je­ni­ge sie be­wohnt, der spricht.56

 

J’en em­pr­un­te­rai les traits à ce que d’une éco­no­mie de lan­ga­ge per­met de des­si­ner ce que pro­meut à mon idée que lit­té­ra­tu­re peut être en train de vi­rer à litu­ra­terre.

Ich wer­de die Merk­ma­le (traits) da­von dem ent­leh­nen, was es von ei­ner Öko­no­mie der Spra­che her er­laubt, das zu ent­wer­fen, wo­durch mei­ner Mei­nung nach ge­stützt wird, dass Li­te­ra­tur da­bei sein könn­te, in Litu­ra­terre um­zu­schla­gen.57

 

N’allez pas vous éton­ner de m’y voir pro­cé­der d’une dé­mons­tra­ti­on lit­tér­ai­re puis­que c’est là mar­cher d’un même pas dont la ques­ti­on elle-même s’avance.

Wun­dern Sie sich nicht, mich hier da­bei zu se­hen, wie ich in ei­ner li­te­ra­ri­schen Be­weis­füh­rung vor­an­schrei­te, denn das heißt, im sel­ben Schritt zu mar­schie­ren wie in dem, in dem die Fra­ge selbst vor­an­kommt.

 

On pour­ra y voir s’affirmer ce que peut être une tel­le dé­mons­tra­ti­on que j’appelle lit­tér­ai­re.

Man wird hier se­hen kön­nen, wie sich das be­kräf­tigt, was eine sol­che De­mons­tra­ti­on, die ich als li­te­ra­risch be­zeich­ne, sein kann.

 

Je suis tou­jours un peu au bord, pour­quoi pas, cet­te fois-ci m’y lan­cer.

Ich bin im­mer ein biss­chen au bord, am Ran­de, war­um nicht die­ses Mal m’y lan­cer, mich hin­ein­stür­zen / an Bord ge­hen.

 

Je re­vi­ens d’un voya­ge que j’attendais de fai­re au Ja­pon, de ce que d’un pre­mier, d’un pre­mier voya­ge, j’avais éprou­vé de lit­to­ral.

Ich kom­me von ei­ner Rei­se zu­rück, die ich nach Ja­pan ma­chen woll­te, we­gen dem, was ich auf ei­ner ers­ten, ei­ner ers­ten Rei­se als Li­to­ral er­fah­ren hat­te.58

 

On peut m’entendre de ce que j’ai dit tout à l’heure de l’Um­welt que j’ai ré­pu­dié jus­tement de ça, de rend­re le voya­ge im­pos­si­ble, ce qui si vous sui­vez mes for­mu­les, se­rait as­su­rer son Réel.

Man kann mich von dem her ver­ste­hen, was ich eben über die Um­welt* ge­sagt habe, die ich eben des­halb zu­rück­ge­wie­sen habe, weil sie die Rei­se un­mög­lich macht, was, wenn Sie sich an mei­ne For­meln hal­ten, hei­ßen wür­de, ihr Rea­les zu si­chern.59

 

Seu­le­ment voi­là, c’est pré­ma­tu­ré : c’est le dé­part que ça rend im­pos­si­ble, sauf à chan­ter : „par­tons ! par­tons !“ ça se fait d’ailleurs beau­coup !

Nur, das ist ver­früht, es ist der Start, den das un­mög­lich macht, au­ßer dass „ab­fah­ren, ab­fah­ren“ ge­sun­gen wird, was üb­ri­gens häu­fig vor­kommt.

 

Je ne note­rai qu’un mo­ment de ce voya­ge, ce­lui qu’il se trouve que j’ai re­cueil­li de quoi ? D’’une rou­te nou­vel­le qu’il s’est trou­vé que j’ai pri­se sim­ple­ment de ceci que la pre­miè­re fois que j’y suis allé, elle était sim­ple­ment in­ter­di­te.

Ich wer­de nur ei­nen Mo­ment die­ser Rei­se ver­mer­ken, ei­nen, den ich wo­bei er­lebt habe? auf ei­ner neue Flug­rou­te, was ich ein­fach da­durch mit­be­kom­men habe, dass sie, als ich das ers­te Mal ge­flo­gen bin, schlicht ver­bo­ten war.

 

Sibirien mit Polarkreis (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

Po­lar­kreis über Si­bi­ri­en (ge­stri­chel­te Li­nie „Arc­tic Cir­cle“)

Il faut que j’avoue que cela ne fut pas à l’aller, le long du cer­cle arc­tique que trace cet­te rou­te pour l’avion, que je fis lec­tu­re de quoi ? De ce que je voy­ais de la plai­ne si­bé­ri­en­ne.

Ich muss ge­ste­hen, dass es nicht auf der Hin­fahrt war, ent­lang dem Po­lar­kreis, der dem Flug­zeug die­se Rou­te vor­zeich­net, dass ich zu le­sen be­gon­nen habe, und zwar was? das, was ich von der si­bi­ri­schen Ebe­ne sah.

 

Je suis en train de vous fai­re un es­sai de Si­bé­rié­thi­que.

Ich bin da­bei, für Sie ei­nen Ver­such in Si­bi­ri­ethik zu ma­chen.

 

Cet es­sai n’aurait pas vu le jour si la mé­fi­an­ce des So­vié­ti­ques, ce n’était pas pour moi, c’était pour les avi­ons, m’avait lais­sé voir les in­dus­tries, les in­stal­la­ti­ons mi­li­taires qui font le prix de la Si­bé­rie.

Die­ser Ver­such hät­te nicht das Ta­ges­licht er­blickt, wenn das Miss­trau­en der So­wjets, nicht mir ge­gen­über, son­dern Flug­zeu­gen ge­gen­über, mich die In­dus­trie­an­la­gen und die mi­li­tä­ri­schen Ein­rich­tun­gen hät­te se­hen las­sen, die den Wert von Si­bi­ri­en aus­ma­chen.

 

Mais en­fin de cet­te mé­fi­an­ce, c’est là une con­di­ti­on que nous ap­pel­le­rons ac­ci­den­tel­le, pour­quoi même pas oc­ci­den­tel­le, si l’on y met de l’occire un peu.

Aber die­ses Miss­trau­en ist letzt­lich eine Be­din­gung, die wir als ak­zi­den­tell be­zeich­nen wol­len, war­um nicht gar als ok­zi­den­tell, wenn man hier ein biss­chen oc­ci­re, tö­ten, hin­ein­legt.

 

L’amoncellement du Sud Si­bé­ri­en, c’est ça qui nous pend au nez.

Die Auf­schich­tung von Süd­si­bi­ri­en ist das, was vor uns liegt.60

 

La seu­le con­di­ti­on dé­cisi­ve est ici la con­di­ti­on du lit­to­ral.

Die ein­zi­ge ent­schei­den­de Be­din­gung ist hier die Be­din­gung des Li­to­rals.

 

Jus­tement pour moi, par­ce que je suis un pe­tit peu dur de la feuil­le, elle n’a joué qu’au re­tour d’être lit­té­ra­le­ment ce que le Ja­pon de sa lett­re m’ait sans dou­te fait ce pe­tit peu trop de cha­touille­ments, qui est jus­te ce qu’il faut pour | [120] que je le res­sen­te.

Da ich nun aber ein klein biss­chen dick­fel­lig bin, kam sie für mich erst auf dem Rück­flug ins Spiel, da sie buch­stäb­lich dar­in be­stand, dass Ja­pan mir durch sei­ne Let­ter zwei­fel­los die­sen ein we­nig zu star­ken Kit­zel ver­schafft hat­te, was ge­nau das ist, was es braucht, da­mit ich ihn wie­der spü­re.61

 

Je dis que je le res­sens, par­ce que bien sûr pour le re­pé­rer, pour le pré­voir, j’avais déjà fait ça ici quand je vous ai par­lé un pe­tit peu de la lan­gue ja­po­nai­se, de ce qui, cet­te lan­gue, pro­pre­ment l’affecte, c’est l’écriture, je vous ai déjà dit ça.

Ich sage, „dass ich ihn wie­der spü­re“, weil ich das ja, um ihn zu ver­or­ten, um ihn vor­aus­zu­se­hen, be­reits hier ge­macht hat­te, als ich zu Ih­nen ein klein we­nig über die ja­pa­ni­sche Spra­che ge­spro­chen hat­te, über das, wo­von sie, die­se Spra­che, ei­gent­lich af­fi­ziert wird, näm­lich von der Schrift; ich habe Ih­nen das be­reits ge­sagt.62

 

Il a fal­lu sans dou­te pour ça, pour ce pe­tit peu trop, il a fal­lu que ce que l’on ap­pel­le l’art re­pré­sen­te quel­que cho­se.

Da­für war si­cher­lich nö­tig, für die­ses klein biss­chen zu viel war es nö­tig, dass das, was man Kunst nennt, et­was vor­stellt.63

 

Cela ti­ent dans le fait de ce que la pein­ture ja­po­nai­se y dé­mont­re de son ma­ria­ge à la lett­re, et très pré­cis­é­ment sous la for­me de la cal­li­gra­phie.

Das be­ruht dar­auf, dass die ja­pa­ni­sche Ma­le­rei hier ihre Ehe mit dem Buch­sta­ben de­mons­triert und zwar ganz ge­nau in Ge­stalt der Kal­li­gra­fie.

 

Kakemono mit Kanji (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

Kak­e­mo­no (hän­gen­des Roll­bild) mit chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen (Kan­ji)

 Cela me fa­sci­ne ces cho­ses qui pen­dent, kak­e­mo­no, c’est com­me ça que ça se ja­spi­ne, ces cho­ses qui pen­dent au mur de tout mu­sée là-bas portant in­scrits des ca­rac­tè­res, chi­nois de for­ma­ti­on, que je sais un peu, très peu, mais qui, si peu que je les sa­che, me per­met­tent de me­s­u­rer ce qu’il s’en éli­de dans la cur­si­ve où le sin­gu­lier de la main écra­se l’universel, soit pro­pre­ment64 ce que je vous ap­prends ne va­loir que du si­gni­fi­ant.

Das fas­zi­niert mich, die­se Sa­chen, die hän­gen, Kak­e­mo­no, so wird das ge­spro­chen, die­se Sa­chen, die da un­ten an je­der Mu­se­ums­mau­er hän­gen und die In­schrif­ten tra­gen, aus chi­ne­sisch ge­bil­de­ten Schrift­zei­chen, was ich ein we­nig ken­ne 65, sehr we­nig, aber das We­ni­ge, was ich weiß, er­mög­licht es mir, zu er­mes­sen, was in der Kur­siv­schrift ge­tilgt wird, in der das Sin­gu­lä­re der Hand das Uni­ver­sa­le er­drückt, also ei­gent­lich das, wor­über ich Ih­nen bei­brin­ge, dass es nur vom Si­gni­fi­kan­ten her ei­nen Wert hat.66,

 

Quadrantenschema von Peirce (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

Qua­dran­ten­sche­ma von Peirce

Je vous le rap­pel­le un trait tou­jours ver­ti­cal c’est tou­jours vrai s’il n’y a pas de trait.

Ich er­in­ne­re Sie dar­an, ein Strich (trait), der im­mer ver­ti­kal ist, das ist auch dann wahr, wenn es kei­nen Strich gibt.67

 

Hiragana (zu: Jacques Lacan, Kakemono) (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe und Signifikant)

Ent­wick­lung der Kur­siv­schrift Hi­ra­ga­na (un­ten) aus der chi­ne­si­schen Re­gel­schrift (oben) auf dem Weg über die Gras­schrift (mit­te, rot)

Donc, dans la cur­si­ve, le ca­rac­tè­re, je ne l’y re­trouve pas par­ce que je suis no­vice, mais c’est pas l’important.

Also in der Kur­siv­schrift fin­de ich das [chi­ne­si­sche] Schrift­zei­chen nicht wie­der, weil ich An­fän­ger bin, aber das ist nicht das Wich­ti­ge.68

 

Car ce que j’appelle ce sin­gu­lier peut ap­puy­er une for­me plus fer­me.

Denn das, was ich die­ses Sin­gu­lä­re nen­ne, kann eine fes­te­re Form stüt­zen.

 

L’important, c’est ce qu’il y ajou­te, c’est une di­men­si­on, ou en­core com­me je vous ai appris à jou­er de ça, une dem­an­si­on, là où de­meu­re ce que je vous ai déjà in­tro­du­it, je crois dans quel­que avant ou avant-der­nier sé­min­aire, d’un mot que j’écris pour m’amuser le pap­lu­dun.

Das Wich­ti­ge ist, was es hier hin­zu­fügt, das ist eine Di­men­si­on, oder auch – ich habe Ih­nen ja bei­ge­bracht, da­mit zu spie­len – eine dem­an­si­on, wo das wohnt, was ich für Sie be­reits im letz­ten oder vor­letz­ten Se­mi­nar, glau­be ich, ein­ge­führt habe, ein Wort, das ich, um mich zu amü­sie­ren, Pap­lu­dun schrei­be [pas plus d’un, „nicht mehr als ei­ner“].69

 

C’est la di­men­si­on70 dont vous savez qu’elle me per­met, on a beau dire com­me ça… du pe­tit jeu des ma­t­hé­ma­ti­ques de Péa­no… etc. et de la fa­çon dont il faut que Fre­ge s’y pren­ne pour ré­du­i­re la sé­rie des nom­bres „na­tu­rels“, ent­re guil­le­mets, à la lo­gi­que, cel­le donc dont j’instaure le su­jet dans ce que je vais ap­pe­ler aujourd’hui en­core puis­que je fais de la lit­té­ra­tu­re et que je suis gai, vous al­lez le re­con­naît­re, je l’écris sous une aut­re for­me que cel­le-ci le hun-en-pe­luce… ça sert beau­coup, hun, ça se met à la place de ce que j’appelle „l’Achose“ avec un grand A et ça la bou­che… du pe­tit a.

Das ist die Di­men­si­on, von der Sie wis­sen, dass sie es mir er­mög­licht, das ist na­tür­lich leicht ge­sagt, von Pea­nos klei­nem Ma­the­ma­tik­spiel usw. und von der Art, wie Fre­ge vor­ge­hen muss, um die Rei­he der „na­tür­li­chen“ Zah­len, in An­füh­rungs­zei­chen, auf die Lo­gik zu re­du­zie­ren71 –, die Di­men­si­on also, von wo aus ich das Sub­jekt in das ein­set­ze, in das, was ich heu­te noch nen­nen wer­de, weil ich Li­te­ra­tur ma­che und weil ich gute Lau­ne habe. Sie wer­den es wie­der­erken­nen, ich schrei­be es in ei­ner an­de­ren Form als die­ses, das Hun-en-pe­luce [un en plus, „eins mehr“]72, das ist sehr nütz­lich, nicht wahr, das setzt sich an die Stel­le von dem, was ich l‘Achose mit gro­ßem A nen­ne, das Un­ding, und das ver­stopft sie mit dem klein a.73

 

Ce n’est peut-être pas par ha­sard qu’il peut se ré­du­i­re com­me cela, com­me je le dé­si­gne à une lett­re.

Es ist viel­leicht kein Zu­fall, dass es so, wie ich es be­zeich­ne, auf ei­nen Buch­sta­ben re­du­ziert wer­den kann.

 

Au ni­veau de la cal­li­gra­phie, c’est cet­te lett­re qui fait l’enjeu d’un pari, d’un pari, mais le­quel ? D’un pari qui se ga­gne avec de l’encre et du pin­ceau.

Auf der Ebe­ne der Kal­li­gra­fie ist es die­ser Buch­sta­be, der den Ein­satz ei­ner Wet­te aus­macht, ei­ner Wet­te, aber wel­cher? ei­ner Wet­te, die mit Tin­te und Pin­sel ge­won­nen wird.

 

Sibirien vom Flugzeug aus aufgenommen (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

Si­bi­ri­en, vom Flug­zeug aus

Voi­là c’est com­me ça qu’invinciblement m’apparut dans une cir­con­s­tan­ce qui est à y re­tenir, à sa­voir d’entre les nuages, m’apparut le ru­is­sel­le­ment qui est seu­le trace à ap­pa­raît­re y opé­rer plus en­core que | [121] d’en in­di­quer le re­li­ef, sous cet­te la­ti­tu­de, de ce que l’on ap­pel­le la plai­ne si­bé­ri­en­ne, plai­ne vrai­ment dé­so­lée au sens prop­re d’aucune vé­gé­ta­ti­on, mais de re­flets, re­flets de ce ru­is­sel­le­ment, les­quels pous­sent à l’ombre ce qui n’en mi­roi­te pas.

Nun, so also ist mir un­über­wind­lich er­schie­nen, un­ter ei­ner Be­din­gung, die hier fest­zu­hal­ten ist, zwi­schen den Wol­ken näm­lich er­schien mir das Rie­seln, das mir hier mehr zu ope­rie­ren schien als die Ober­flä­chen­ge­stalt an­zu­zei­gen, des­sen, was man die si­bi­ri­sche Ebe­ne nennt, eine wirk­lich ver­las­se­ne (dé­so­lée) Ebe­ne, ver­las­sen von jed­we­der Ve­ge­ta­ti­on, aber mit Re­fle­xen, Re­fle­xen die­ses Rie­selns, die das, was nicht spie­gelt, in den Schat­ten sto­ßen.74

 

Qu’est-ce que c’est que ça le ru­is­sel­le­ment ?

Was ist das, die­ses Rie­seln?

 

C’est un bou­quet.

Das ist ein Strauß, ein Bün­del.

 

Ca fait bou­quet, c’est ce qu’ailleurs j’ai dis­tin­gué du trait pre­mier et de ce qui l’efface.75

Das bil­det ei­nen Strauß. Das ist das, was ich an an­de­rer Stel­le un­ter­schie­den habe vom ers­ten Strich/Zug (trait) und von dem, was ihn aus­löscht.

 

Je l’ai dit, en son temps, mais on ou­b­lie tou­jours une par­tie de la cho­se, je l’ai dit à pro­pos du trait un­aire, c’est de l’effacement du trait que se dé­si­gne le su­jet.

Ich habe es be­reits frü­her ge­sagt, aber man ver­gisst im­mer ei­nen Teil der Sa­che, ich habe es in Be­zug auf den ein­zi­gen Zug / ein­zel­nen Strich (trait un­aire) ge­sagt: das, wo­durch das Sub­jekt sich be­zeich­net, ist das Aus­lö­schen des Strichs / des Zugs.76

 

Ça se mar­que donc en deux temps77 pour que s’y dis­tin­gue ce qui est ra­tu­re.

Es mar­kiert sich also in zwei Schrit­ten, so dass sich hier das aus­zeich­net, was Strei­chung ist.

 

Litu­ralitu­ra­terre, ra­tu­re d’aucune trace qui soit d’avant, c’est ce qui fait terre du lit­to­ral.

Litu­raLitu­ra­terre: Strei­chung jeg­li­cher Spur, die zu­vor da war, das ist das, was aus dem Li­to­ral Ter­ra macht / was aus der Ufer­zo­ne Land macht.78

 

Litu­ra pure79 : c’est du lit­té­ral.

Rei­ne litu­ra, das ist Li­te­ra­les.

 

La re­pro­du­i­re, cet­te ra­tu­re, c’est re­pro­du­i­re cet­te moi­tié [y en a pas ?…], cet­te moi­tié dont le su­jet sub­sis­te.

Die­se Strei­chung zu re­pro­du­zie­ren, heißt, die­se Hälf­te zu re­pro­du­zie­ren, [gibt es nicht? …] die­se Hälf­te, von der her das Sub­jekt sub­sis­tiert.

 

Ceux qui sont là de­puis un bout de temps, il doit y en avoir de mo­ins en mo­ins, doiv­ent se sou­ve­nir de ce qu’un jour j’ai fait ré­cit des aven­tures d’une moi­tié de pou­let.

Die­je­ni­gen, die schon län­ger da sind, da­von muss es im­mer we­ni­ger ge­ben, müs­sen sich an das er­in­nern, was ich mal über die Aben­teu­er ei­nes hal­ben Huhns er­zählt habe.80

 

Pro­du­i­re la ra­tu­re dé­fi­ni­ti­ve, c’est cela l’exploit de la cal­li­gra­phie.

Die de­fi­ni­ti­ve Strei­chung zu pro­du­zie­ren, eben dar­in be­steht die Leis­tung der Kal­li­gra­fie.81

 

Vous pou­vez tou­jours es­say­er de fai­re sim­ple­ment, ce que je ne vais pas fai­re, par­ce que je la ra­te­rai, d’abord par­ce que je n’ai pas de pin­ceau, es­say­er de fai­re cet­te bar­re ho­ri­zon­ta­le qui se trace de gau­che à droi­te pour fi­gu­rer d’un trait l’Un un­aire com­me ca­rac­tè­re.

Sie kön­nen im­mer ver­su­chen, ein­fach das zu tun, was ich nicht tun wer­de, weil es mir miss­lin­gen wird (je la ra­te­rai), zu­nächst ein­mal, weil ich kei­nen Pin­sel habe, Sie kön­nen ver­su­chen, die­sen ho­ri­zon­ta­len Strich (bar­re) zu ma­chen, des­sen Spur von links nach rechts ver­läuft, um durch ei­nen Strich (trait) die unä­re Eins als Schrift­zei­chen bild­lich dar­zu­stel­len.82

 

Fran­che­ment, vous mett­rez très long­temps à trou­ver de quel­le ra­tu­re ça s’attaque83 et à quel sus­pens ça s’arrête, de sor­te que ce que vous fe­rez sera la­men­ta­ble, c’est sans es­poir pour un oc­ci­den­té.

Of­fen ge­sagt, Sie wer­den sehr lan­ge brau­chen, um her­aus­zu­fin­den, durch wel­che Strei­chung das in An­griff ge­nom­men wird und bei wel­chem Schwe­ben das zu ei­nem Halt kommt, der­art, dass das, was Sie tun wer­den, jäm­mer­lich sein wird; für ei­nen Ok­zi­den­tier­ten ist das hoff­nungs­los.

 

Il y faut un train dif­fé­rent qui ne s’attrape qu’à se déta­cher de quoi que ce soit qui vous raye.

Man braucht hier eine an­de­re Be­we­gungs­füh­rung, die man nur dann er­fasst, wenn man sich von al­lem löst, was ei­nen aus­streicht (raye), was auch im­mer das sein mag.

 

Ent­re cent­re et ab­sence, ent­re sa­voir et jouis­sance, il y a un lit­to­ral qui ne vire au lit­té­ral qu’à ce que ce vi­ra­ge vous puis­siez le prend­re le même à tout in­stant.

Zwi­schen Zen­trum und Ab­we­sen­heit, zwi­schen Wis­sen und Ge­nie­ßen, gibt es Li­to­ral, das nur dann ins Li­te­ra­le um­schlägt, wenn Sie die­ses Um­schla­gen in je­dem Mo­ment als das­sel­be auf­fas­sen könn­ten.84

 

C’est de cela seu­le­ment que vous pou­vez vous tenir pour agent qui le sou­ti­en­ne.

Nur von da­her kön­nen Sie sich für das Agens hal­ten, das es trägt.85

 

Szene aus Aristophanes, Die Wolken, mit Sokrates in einem Wolken-Kübel, Illustration aus: Joannes Sambucus: Emblemata et aliquot nummis antiqui operis, cum emendatione et auctario copioso ipsius autoris, 1564 (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant))

Sze­ne aus Aris­to­pha­nes, Die Wol­ken, mit So­kra­tes in ei­nem Wol­ken-Korb

 

Ce qui se ré­vè­le de ma vi­si­on du ru­is­sel­le­ment, à ce qui do­mi­ne la ra­tu­re, c’est qu’à se pro­du­i­re d’entre les nuages, elle se con­ju­gue à sa source, et c’est bien aux nuées qu’Aristophane me hèle, de trou­ver ce qu’il en est du si­gni­fi­ant, soit le sem­blant par ex­cel­lence… si c’est de sa rup­tu­re qu’en pleut lef­fet de ce qui sen pré­ci­pi­te, de ce qui y était86 ma­tiè­re à sus­pen­si­on.

Was durch mei­ne Sicht auf das Rie­seln ent­hüllt wird, über das, wo­von die Strei­chung be­herrscht wird, das ist, dass die­se Sicht, in­dem sie sich zwi­schen den Wol­ken her­stellt, sich mit der Quel­le des Rie­selns ver­eint87. Aris­to­pha­nes ruft mich dazu auf, in den Wol­ken das zu fin­den, wor­um es beim Si­gni­fi­kan­ten geht, näm­lich um den Schein par ex­cel­lence, wenn es durch sein Zer­bre­chen dazu kommt, dass dar­aus die Wir­kung des­sen reg­net, was dar­aus her­ab­stürzt, des­sen, was hier ein Schweb­stoff war, Ma­te­rie im Schwe­be­zu­stand.88

 

Kanō Eitoku (zugeschrieben), Zypresse, Momoyama-Periode (1573-1615), achtteiliger Wandschirm, 170 x 460,5 cm, Tinte auf Papier mit Blattgold, von hier (zu Lacans Aufsatz über den Buchstaben: Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

Kanō Ei­to­ku (zu­ge­schrie­ben), Zy­pres­se, Mo­mo­y­a­ma-Pe­ri­ode (1573–1615), acht­tei­li­ger Wand­schirm, 170 x 460,5 cm, Tin­te auf Pa­pier mit Blatt­gold

Il faut vous dire que la pein­ture ja­po­nai­se dont tout à l’heure je vous ai dit qu’elle s’entremêle si bien de cal­li­gra­phie, elle en reg­or­ge 89 et que là le nuage, | [122] il n’y man­que pas.

Es muss ge­sagt wer­den, dass die ja­pa­ni­sche Ma­le­rei, von der ich Ih­nen eben ge­sagt habe, dass sie sich so gut mit der Kal­li­gra­fie ver­bin­det, da­von im Über­fluss hat und dass die Wol­ke hier nicht fehlt.90

 

Makimono (zu Jacques Lacan, Lituraterre I - Buchstabe vs. Signifikant)

Ma­ki­mo­no (lie­gen­des Roll­bild) mit Wol­ken, 19. Jh.

C’est de là où j’étais à cet­te heu­re que j’ai vrai­ment bien com­pris quel­le fonc­tion avai­ent ces nuages, ces nuages d’or qui lit­té­ra­le­ment bou­chent, cachent tou­te une par­tie des scè­nes, dans des lieux, des lieux qui sont des cho­ses qui se dé­rou­lent dans un aut­re sens, cel­les-là, on les ap­pel­le mak­e­mo­no, qui pré­si­dent à la ré­par­ti­ti­on des pe­ti­tes scè­nes.

Von dort, wo ich zu die­ser Stun­de war, habe ich wirk­lich gut be­grif­fen, wel­che Funk­ti­on die­se Wol­ken, die­se gol­de­nen Wol­ken hat­ten, die ei­nen gan­zen Teil der Sze­nen buch­stäb­lich ver­stop­fen, ver­ste­cken, an Or­ten, an Or­ten, die Sa­chen sind, die in an­de­rer Rich­tung aus­ge­rollt wer­den, man nennt sie Ma­ki­mo­no91, die die Auf­tei­lung klei­ner Sze­nen be­stim­men.

 

Pour­quoi ? Com­ment se peut-il que ces gens, qui savent des­si­ner, éprou­vent le be­soin de les entre­mê­ler de ces amas de nuages, si ce n’est pré­cis­é­ment que c’est ça qui y in­tro­du­it la di­men­si­on du si­gni­fi­ant ?

War­um? Wie ist es mög­lich, dass die­se Leu­te, die zeich­nen kön­nen, das Be­dürf­nis ver­spü­ren, sie mit die­sen Mas­sen von Wol­ken zu durch­set­zen, wenn nicht ge­nau des­halb, weil hier­durch die Di­men­si­on des Si­gni­fi­kan­ten ein­ge­führt wird.

 

Descartes - Regenbogenmaschine (zu Jacques Lacan - Lituraterre - über den Buchstaben im Unterschied zum Signifikant)

Ent­wurf ei­ner Re­gen­bo­gen­ma­schi­ne. Aus: René Des­car­tes: Ope­ra phi­lo­so­phi­ca om­nia: in­tres to­mos dis­tri­bu­ta. Frie­de­ri­ci Kno­chii, Fran­co­f­ur­ti 1692 ff.

La lett­re, qui fait ra­tu­re, s’y dis­tin­gue d’être rup­tu­re donc du sem­blant qui dis­s­out ce qui fai­sait for­me, phé­nomè­ne, mé­téo­re, c’est ça, je l’ai déjà dit, que la sci­ence opè­re, au dé­part, de la fa­çon la plus sen­si­ble sur des for­mes per­cep­ti­bles.

Die Let­ter, die eine Ra­tur macht / der Buch­sta­be, der eine Strei­chung voll­zieht, un­ter­schei­det sich also vom Schein dar­in, dass er Bruch ist, der das auf­löst, was eine Form, ein Phä­no­men, ei­nen Me­te­or bil­de­te. Das ist die Ope­ra­ti­on – ich habe es be­reits ge­sagt –, die die Wis­sen­schaft an­fangs auf spür­bars­te Wei­se an den wahr­nehm­ba­ren Ge­stal­ten voll­zieht.92

 

Mais du même coup ça doit être aus­si que ce soit d’en con­gé­dier ce qui de cet­te rup­tu­re fe­rait jouis­sance, c’est-à-dire d’en dis­si­per ce qu’elle sou­ti­ent de cet­te hy­po­thè­se, pour m’exprimer ain­si de la jouis­sance, qui fait le mon­de en som­me.

Aber zu­gleich muss es auch sein, dass da­von das zu ver­ab­schie­den ist, was durch die­sen Bruch Ge­nie­ßen her­vor­rie­fe, d.h. dar­aus das zu ver­trei­ben, was er von die­ser Hy­po­the­se, um mich so aus­zu­drü­cken, des Ge­nie­ßens stützt, durch wel­ches ins­ge­samt die Welt ge­bil­det wird.

 

Car l’idée de mon­de, c’est ça : pen­ser qu’il soit fait de pul­si­ons tel­les qu’aussi bien s’en fi­gu­re le vide93.

Denn die Idee der Welt, das ist dies: zu den­ken, sie sei aus Trie­ben ge­macht, der­art, dass von da­her auch die Lee­re vor­ge­stellt wird.

 

Et bien, ce qui de jouis­sance s’évoque à ce que se rom­pe un sem­blant, voi­là ce qui, dans le réel, c’est là le point im­portant, dans le réel, se pré­sen­te com­me ra­vi­ne­ment.

Nun, das, was an Ge­nie­ßen dazu evo­ziert wird, da­mit ein Schein zer­bricht, das ist das, was sich im Rea­len – das ist hier der wich­ti­ge Punkt: im Rea­len – als Aus­wa­schung (ra­vi­ne­ment) prä­sen­tiert.94

 

C’est là vous dé­fi­nir par quoi l’écriture peut être dite dans le réel le ra­vi­ne­ment du si­gni­fié, soit ce qui a plu du sem­blant en tant que c’est ça qui fait le si­gni­fié.

Da­mit wird Ih­nen de­fi­niert, in­wie­fern die Schrift die Aus­wa­schung des Si­gni­fi­kats im Rea­len ge­nannt wer­den kann, näm­lich das, was vom Schein ge­reg­net hat / ge­fal­len hat95, in­so­fern es das ist, wo­durch das Si­gni­fi­kat ge­bil­det wird.

 

L’écriture ne dé­cal­que pas le si­gni­fi­ant, elle n’y re­mon­te qu’à prend­re nom, mais ex­ac­te­ment de la même fa­çon que ça ar­ri­ve à tou­te cho­se que vi­ent à dé­nom­mer la bat­te­rie si­gni­fi­an­te après qu’elle les a dé­nom­brées.

Die Schrift paust den Si­gni­fi­kan­ten nicht ab, sie geht zu ihm nur zu­rück, um Na­men zu neh­men, aber auf ge­nau die­sel­be Wei­se, wie das al­len Din­gen zu­stößt, die die Si­gni­fi­kan­ten­bat­te­rie be­nannt hat, nach­dem sie sie ge­zählt hat.

 

Bien en­ten­du, com­me je ne suis pas sûr que tout mon dis­cours s’entende, il va fal­loir quand même que je fas­se éping­le d’une op­po­si­ti­on. L’écriture, la lett­re, c’est dans le réel, et le si­gni­fi­ant, dans le sym­bo­li­que.

Da ich mir al­ler­dings nicht si­cher bin, dass mein ge­sam­ter Dis­kurs ver­stan­den wird, wird es wohl nö­tig sein, dass ich eine Op­po­si­ti­on fi­xie­re: die Schrift, der Buch­sta­be, das ist im Rea­len, und der Si­gni­fi­kant im Sym­bo­li­schen.96

 

Com­me ça, ça pour­ra fai­re pour vous ri­tour­nel­le. Bon.

Auf die­se Wei­se wer­den Sie das run­ter­be­ten kön­nen. Gut.

 

J’en re­vi­ens à un mo­ment plus tard dans l’avion.

Ich kom­me auf ei­nen spä­te­ren Mo­ment im Flug­zeug zu­rück.

 

On va avan­cer un peu, com­me ça, je vous ai dit que c’était sur ce voya­ge de re­tour.

So wer­den wir ein biss­chen wei­ter­kom­men; ich habe Ih­nen ge­sagt, dass das auf der Rück­rei­se war.

 

Alors là, c’est ça qui est frap­pant, c’est de les voir ap­pa­raît­re, il y a d’autres traces qu’on voit se sou­ten­ir en iso­ba­res, el­les, seu­le­ment el­les s’aident de temps en temps d’un rem­blai.

Nun, was be­ein­dru­ckend ist, das ist, sie er­schei­nen zu se­hen: es gibt an­de­re Spuren/Trassen, von de­nen man sieht, dass sie sich in Iso­ba­ren hal­ten, nur hel­fen sie sich hin und wie­der mit ei­ner Auf­schüt­tung.97

 

En­fin en gros, iso­ba­res, ça les fait nor­ma­les à cel­les dont une pen­te qu’on peut ap­pe­ler su­prê­me du re­li­ef se mar­que des cour­bes.98

Also grob ge­spro­chen Iso­ba­ren; das macht sie zu Nor­ma­len im Ver­hält­nis zu den­je­ni­gen, de­ren Ge­fäl­le, das man als das stärks­te be­zeich­nen kann, sich auf der Ober­flä­che in Kur­ven ab­zeich­net.99

 

Là d’où j’étais, c’était très clair.

Da, wo ich war, war das sehr klar.

 

Autobahnkreuz in Osaka (zu: Jacques Lacan: Lituraterre - Signifikant vs. Buchstabe)

Au­to­bahn­kreuz in Osa­ka

J’avais déjà vu à Osa­ka com­ment les | [123] au­to­rou­tes pa­rais­sent de­scend­re du ciel, il n’y a que de là qu’elles ont pu se po­ser com­me ça les unes au-des­sus des au­tres.

Be­reits in Osa­ka hat­te ich ge­se­hen, wie die Au­to­bah­nen vom Him­mel her­ab­zu­kom­men schie­nen, nur dort konn­ten sie so an­ge­ord­net wer­den, näm­lich über­ein­an­der.100

 

Il y a une cer­tai­ne ar­chi­tec­tu­re ja­po­nai­se, la plus mo­der­ne, qui sait très bien re­trou­ver l’ancienne.

Es gibt eine be­stimm­te ja­pa­ni­sche Ar­chi­tek­tur, die mo­derns­te, die sehr gut die alte wie­der­zu­fin­den ver­mag.

 

L’architecture ja­po­nai­se, ça con­sis­te es­sen­ti­el­le­ment en un bat­te­ment d’une aile d’oiseau.

Die ja­pa­ni­sche Ar­chi­tek­tur be­steht we­sent­lich aus dem Schla­gen ei­nes Vo­gel­flü­gels.

 

Ça m’a aidé à com­prend­re de voir tout de sui­te que le plus court che­min d’un point à un aut­re ne se­rait ja­mais mon­tré à per­son­ne, s’il n’y avait pas le nuage.

Das hat mir ge­hol­fen, zu be­grei­fen, so­fort zu se­hen, dass der kür­zes­te Weg von ei­nem Punkt zum an­de­ren sich nie je­man­dem ge­zeigt hät­te, wenn es nicht die Wol­ke gäbe.

 

Com­ment ça se fait une rou­te101, ja­mais per­son­ne ne suit la li­gne droi­te, ni l’homme, ni l’amibe, ni la mou­che, ni la bran­che, ni rien du tout.

Wie wird eine Stra­ße ge­baut? Nie folgt ir­gend­je­mand der ge­ra­den Li­nie, we­der der Mensch noch die Amö­be, noch die Flie­ge, noch der Ast, noch sonst et­was.

 

Aux der­niè­res nou­vel­les, on sait que le trait de lu­miè­re non plus ne la suit pas, tout à fait so­li­dai­re de la cour­bu­re uni­ver­sel­le.

Den neu­es­ten Nach­rich­ten zu­fol­ge weiß man, dass auch die Licht­bahn (trait de lu­miè­re) ihr nicht folgt, in völ­li­ger Über­ein­stim­mung mit der Krüm­mung des Uni­ver­sums.

 

La droi­te là-dedans, ça in­scrit tout de même quel­que cho­se, ça in­scrit la di­stan­ce, et la di­stan­ce, con­fer les lois de New­ton, ça n’est ab­so­lu­ment rien qu’un fac­teur ef­fec­tif d’une dy­na­mi­que que nous ap­pel­le­rons de cas­ca­de.

Gleich­wohl schreibt die Ge­ra­de hier­in et­was ein, das schreibt den Ab­stand ein, und der Ab­stand – sie­he die New­ton­schen Ge­set­ze – ist ab­so­lut nichts an­de­res als ein Wir­kungs­fak­tor in ei­ner Dy­na­mik der Kas­ka­de, wie wir sie be­zeich­nen möch­ten.

 

C’est ce qui fait que tout ce qui choit suit une. pa­ra­bo­le

Das ist das, was be­wirkt, dass al­les was fällt, ei­ner Pa­ra­bel folgt.

 

Donc, il n’y a de droi­te que d’écriture, ni d’arpentage que du ciel.

Eine Ge­ra­de gibt es also nur durch die Schrift und eine Ver­mes­sung nur durch den Be­zug auf den Him­mel.

 

Et ce sont l’un et l’autre en tant que tels, pour sou­ten­ir la droi­te, ce sont ar­te­facts à n’habiter que le lan­ga­ge.

Und bei­de sind als sol­che, um die Ge­ra­de zu stüt­zen, bei­de sind Ar­te­fak­te, in­so­fern sie nur die Spra­che be­woh­nen.102

 

Il ne faud­rait quand même pas l’oublier, not­re sci­ence n’est opé­ran­te que d’un ru­is­sel­le­ment de pe­ti­tes lettres et de gra­phi­ques com­bi­nés.

Das soll­te man kei­nes­falls ver­ges­sen, un­se­re Wis­sen­schaft ist nur durch ein Rie­seln von klei­nen Buch­sta­ben und Kom­bi­na­ti­ons­dia­gram­men wirk­sam.

Ohrenbrücke aus Horapollo, zu: Jacques Lacan, Lituraterrre - Signifikant vs. Buchstabe

Ti­t­elem­blem von „La Psy­chana­ly­se“ aus Ho­rus Apol­lo

 

Ohrenbrücke auf der Titelseite von La PsychanalyseSous le pont Mi­ra­beau, cer­tes com­me sous ce­lui d’une re­vue qui fut la mi­en­ne là où j’avais fou­tu com­me ens­eig­ne un pont-oreil­le em­pr­un­té à Ho­rus Ap­po­lo, Sous le pont Mi­ra­beau… coule la Sei­ne… pri­mi­ti­ve.

Un­ter der Mi­ra­beau-Brü­cke …“103, si­cher­lich, wie un­ter der Brü­cke ei­ner Zeit­schrift, die mei­ne war, da, wo ich als Aus­hän­ge­schild eine Oh­ren­brü­cke ge­macht hat­te, Ho­rus Apol­lo ent­nom­men, „Un­ter der Mi­ra­beau-Brü­cke fließt die Sei­ne“, la scè­ne pri­mi­ti­ve, die Ur­sze­ne.104

 

C’est une scè­ne tel­le, ne l’oubliez pas, à re­li­re Freud, que peut y batt­re le V ro­main de l’heure cinq, c’est dans l’Hom­me aux loups.

Das ist eine Sze­ne von der Art, dass – ver­ges­sen Sie nicht, Freud wie­der­zu­le­sen –, dass hier die rö­mi­sche V der Stun­de fünf schla­gen kann, das ist im Wolfs­mann.105

 

Mais qu’aussi bien, on n’en jouit pas, [… qu’à ce qu’y pleuve ? ] l’interprétation.106

Aber man ge­nießt es nur, wenn hier die Deu­tung reg­net.

 

Que le sym­ptô­me in­sti­tue l’ordre dont s’avère not­re po­li­tique, c’est là le pas qu’elle a fran­chi.

Dass das Sym­ptom die Ord­nung er­rich­tet, auf die sich un­se­re Po­li­tik be­zieht, das ist der Schritt, den sie ge­tan hat.

 

Il im­pli­que d’autre part que tout se qui s’articule de cet ord­re soit pas­si­ble d’interprétation.

Er im­pli­ziert an­de­rer­seits, dass al­les, was von die­ser Ord­nung ar­ti­ku­liert wird, der Deu­tung un­ter­zo­gen wer­den kann.

 

C’est pour­quoi on a bien rai­son de mett­re la psy­chana­ly­se au chef de la po­li­tique.

Dar­um hat man durch­aus recht, wenn man die Psy­cho­ana­ly­se un­ter die Ru­brik der Po­li­tik setzt.107

 

Et ceci pour­rait nêtre pas de tout repos pour ce qui est de la po­li­tique et pour tout ce qui s’y fait, si la psy­chana­ly­se s’avérait plus aver­tie.108

Und dies könn­te nicht ganz ein­fach sein, auf­grund des­sen, was es mit der Po­li­tik auf sich hat, und we­gen all dem, was hier ge­macht wird, wenn die Psy­cho­ana­ly­se sich als be­schla­ge­ner er­wie­se.

 

Il suf­fi­rait donc peut-être que pour mett­re not­re es­poir ail­leurs, ce que font les lit­té­ra­teurs, si je peux les fai­re mes com­pa­gnons, il suf­fi­rait donc que de l’écriture nous ti­ri­ons un aut­re par­ti que de tri­bu­nes ou tri­bu­nal pour que s’y jou­ent d’autres pa­ro­les à nous en fai­re nous-mê­mes, à nous en fai­re le tri­but.109 | [124]

Es wür­de also viel­leicht das ge­nü­gen – um un­se­re Hoff­nung auf an­de­res zu set­zen –, was die Li­te­ra­ten tun, wenn ich sie zu mei­nen Ge­fähr­ten ma­chen kann, es wür­de also ge­nü­gen, dass wir von der Schrift ei­nen an­de­ren Ge­brauch mach­ten als den der Tri­bü­ne oder des Tri­bu­nals, da­mit dar­in an­de­re Wor­te (pa­ro­les) ins Spiel kä­men, um uns selbst dar­aus, um uns dar­aus den Tri­but zu ma­chen.

 

Je l’ai dit, et je ne l’oublie ja­mais, il n’y a pas de mé­tal­an­ga­ge, tou­te lo­gi­que est faus­sée de prend­re dé­part du lan­ga­ge ob­jet com­me im­man­quable­ment elle le fait jusqu’à ce jour.

Ich habe es ge­sagt, und ich ver­ges­se es nie­mals, es gibt kei­ne Met­a­spra­che; jede Lo­gik ist dar­in ver­fälscht, dass sie von der Ob­jekt­spra­che aus­geht, wie sie es bis heu­te un­aus­bleib­lich tut.110

 

Il n’y a donc pas de mé­tal­an­ga­ge, mais l’écrit qui se fa­bri­que du lan­ga­ge pour­rait peut-être être ma­té­ri­el de force à ce que s’y chan­gent nos pro­pos.

Es gibt also kei­ne Met­a­spra­che, aber das Ge­schrie­be­ne, das aus Spra­che ver­fer­tigt wird, könn­te viel­leicht das Ma­te­ri­al sein, das die Kraft hät­te, dass sich hier un­se­re Be­haup­tun­gen än­dern.

 

Je ne vois pas d’autre es­poir que ce qui ac­tu­el­le­ment s’aiguise.111

Ich sehe kei­ne an­de­re Hoff­nung als das, was sich ge­gen­wär­tig zu­spitzt.

 

Est-il pos­si­ble en som­me du lit­to­ral de con­sti­tu­er tel dis­cours qui se ca­rac­té­ri­se, com­me j’en pose la ques­ti­on cet­te an­née, de ne pas s’émettre du sem­blant ?

Ist es mög­lich, ins­ge­samt vom Li­to­ral aus ei­nen Dis­kurs zu bil­den, der da­durch ge­kenn­zeich­net wäre – das ist die Fra­ge, die ich die­ses Jahr stel­le –, nicht vom Schein aus­ge­sen­det zu wer­den?

 

C’est évi­dem­ment la ques­ti­on qu’ils se pro­po­sent dans la lit­té­ra­tu­re dite d’avant-garde, laquel­le elle-même est un fait de lit­to­ral, et donc ne se sou­ti­ent pas du sem­blant, mais pour au­tant ne prouve rien, si­non à mon­trer la cas­su­re que seul un dis­cours peut pro­du­i­re, j’ai dit pro­du­i­re, mett­re en avant avec l’effet de pro­duc­tion, c’est le sché­ma de mes quadri­po­des de l’année der­niè­re.

Das ist of­fen­kun­dig die Fra­ge, die sich in der so­ge­nann­ten Avant­gar­deli­te­ra­tur stellt, die selbst eine Sa­che des Li­to­rals ist und sich also nicht auf den Schein stützt, die aber nichts be­weist, au­ßer, dass sie den Bruch an­zeigt, den ein­zig ein Dis­kurs pro­du­zie­ren kann – ich sage pro­du­zie­ren, mit Pro­duk­ti­ons­wir­kung her­aus­stel­len, das ist das Sche­ma mei­ner Vier­füß­ler vom letz­ten Jahr.112

 

Ce à quoi sem­ble pré­tendre une lit­té­ra­tu­re en son am­bi­ti­on, c’est ce que j’épingle de litu­ra­terrir, c’est de s’ordonner d’un mou­ve­ment qu’elle ap­pel­le sci­en­ti­fi­que.

Das, wor­auf die Am­bi­ti­on ei­ner Li­te­ra­tur ge­rich­tet zu sein scheint, ist das, was ich litu­ra­terrir nen­ne, näm­lich sich von ei­ner Be­we­gung her zu ord­nen, die sie als wis­sen­schaft­lich be­zeich­net.113

 

Et c’est un fait que dans la sci­ence l’écriture a fait mer­veil­le, et cet­te mer­veil­le n’est pas près de se tarir.

Und es ist eine Tat­sa­che, dass in der Wis­sen­schaft die Schrift Wun­der be­wirkt hat, und die­ses Wun­der hat sich längst nicht er­schöpft.

 

Ce­pen­dant la sci­ence phy­si­que se trouve ou va se trou­ver ra­men­ée à la con­s­idé­ra­ti­on du sym­ptô­me, dans les faits, par la pol­lu­ti­on, il y a des gens, des sci­en­ti­fi­ques qui y sont sen­si­bles, par la pol­lu­ti­on de ce que du ter­rest­re on ap­pel­le, sans plus de cri­tique, en­vi­ron­ne­ment.

Al­ler­dings wird die phy­si­ka­li­sche Wis­sen­schaft dazu ge­bracht oder dazu ge­bracht wer­den, in den Tat­sa­chen das Sym­ptom zu be­den­ken, auf­grund der Ver­schmut­zung – es gibt Leu­te, Wis­sen­schaft­ler, die da­für sen­si­bel sind –, auf­grund der Ver­schmut­zung des­sen, was man, hin­sicht­lich der Erde, ohne jede Kri­tik als Um­welt be­zeich­net.114

 

C’est l’idée de Uex­küll, l’Um­welt, mais be­ha­vio­ri­sée, c’est-à-dire com­plè­te­ment cré­ti­ni­sée.

Das ist die Idee von Uex­küll: Um­welt*, aber be­ha­vio­ri­siert, das heißt völ­lig ver­dummt.

 

Pour litu­ra­terrir moi-même, je vais re­par­tir de cet ef­fet dans le ra­vi­ne­ment, c’est une image cer­tes, mais d’aucune mé­ta­pho­re, l’écriture est ce ra­vi­ne­ment.

Um mich hier selbst zu „litu­ra­ter­rie­ren“, möch­te ich wie­der von die­sem Aus­wa­schungs­ef­fekt aus­ge­hen, das ist si­cher­lich ein Bild, aber kei­ne Me­ta­pher: die­se Aus­wa­schung ist die Schrift.

 

Ce que j’ai écrit là y est com­pris, et quand je par­le de jouis­sance, j’invoque lé­giti­me­ment ce que j’accumule d’auditoire, et pas mo­ins na­tu­rel­le­ment ce dont je me pri­ve.

Was ich da ge­schrie­ben habe, ist dar­in ent­hal­ten, und wenn ich von Ge­nie­ßen spre­che, be­ru­fe ich mich zu Recht auf das, was ich an Zu­hö­rer­schaft ak­ku­mu­lie­re, und na­tür­lich nicht we­ni­ger auf das, des­sen ich mich be­rau­be.115

 

Ça m’occupe, vot­re aff­lu­ence.

Das hält mich auf Trab, ihr An­drang.116

 

Le ra­vi­ne­ment, je l’ai pré­pa­ré.

Die Aus­wa­schung habe ich vor­be­rei­tet.

 

Qu’il y ait in­clus dans la lan­gue ja­po­nai­se, c’est là que je re­prends, un ef­fet d’écriture, l’important, c’est ce qui nous y off­re res­sour­ce de fai­re ex­emp­le litur­at­terrir.

Dass in der ja­pa­ni­schen Spra­che, um dar­auf zu­rück­zu­kom­men, eine Wir­kung der Schrift ent­hal­ten ist, dar­an ist das Wich­ti­ge das, was uns hier ein Mit­tel bie­tet, um ein Bei­spiel für litur­at­terrir zu ge­ben.

 

L’important, c’est que l’effet de l’écriture res­te at­ta­ché à l’écriture, que ce qui est por­teur de l’effet d’écriture y soit une éc­ri­tu­re spé­cia­li­sée, en ceci qu’en ja­po­nais cet­te éc­ri­tu­re spé­cia­li­sée puis­se se lire de deux pro­non­cia­ti­ons dif­fé­ren­tes, en onio­mi, je ne suis pas là en train de vous je­ter de la poud­re aux yeux […]| [125], onio­mi, c’est com­me ça que ça s’appelle, c’est sa pro­non­cia­ti­on en ca­rac­tè­res, en ca­rac­tè­res, ça se pro­non­ce com­me tel dis­tinc­te­ment, en ko­unio­mi, de la fa­çon dont ça se dit en ja­po­nais, ce que le ca­rac­tè­re veut dire.

Das Wich­ti­ge ist, dass die Wir­kung der Schrift an die Schrift ge­bun­den bleibt, dass der Trä­ger der Schrift­wir­kung hier eine Spe­zi­al­schrift ist, in­so­fern die­se Spe­zi­al­schrift im Ja­pa­ni­schen mit zwei un­ter­schied­li­chen Aus­spra­chen ge­le­sen wer­den kann, in On-Yomi – ich bin nicht da­bei Ih­nen Staub in die Au­gen zu wer­fen […] –, On-Yomi, so nennt sich das, das ist ihre Aus­spra­che als Schrift­zei­chen, als Schrift­zei­chen wird das als sol­ches an­ders aus­ge­spro­chen, und in Kun-Yomi, was die Wei­se ist, wie auf Ja­pa­nisch ge­sagt wird: das, was das Schrift­zei­chen be­deu­tet.117

 

Vous al­lez na­tu­rel­le­ment vous fout­re dedans, c’est-à-dire que, sous pré­tex­te que le ca­rac­tè­re est lett­re, vous al­lez cro­i­re que je suis en train de dire que dans le ja­po­nais les épa­ves du si­gni­fi­ant cou­rent sur le fleuve du si­gni­fié.

Aber na­tür­lich wer­den Sie sich da­bei ge­wal­tig ver­tun, d.h. un­ter dem Vor­wand, dass das Schrift­zei­chen Buch­sta­be ist, wer­den Sie glau­ben, dass ich da­bei bin, zu sa­gen, dass im Ja­pa­ni­schen das Strand­gut des Si­gni­fi­kan­ten auf dem Fluss des Si­gni­fi­kats treibt.

 

C’est la lett­re, et non pas le si­gni­fi­ant, qui ici fait ap­pui de si­gni­fi­ant, mais com­me n’importe quoi d’autre, à suiv­re la loi de mé­ta­pho­re dont j’ai rap­pelé, ces der­niers temps, qu’il fait l’essence du lan­ga­ge, c’est tou­jours dail­leurs de là où il est le lan­ga­ge, du dis­cours, qu’il prend quoi que ce soit au fi­let du si­gni­fi­ant, et donc l’écriture elle-même.118

Es ist der Buch­sta­be und nicht das Zei­chen, der hier den Si­gni­fi­kan­ten stützt, aber wie je­des be­lie­bi­ge an­de­re – dem Ge­setz der Me­ta­pher fol­gend, in Be­zug auf das ich die letz­ten Male dar­an er­in­nert habe, dass es das We­sen der Spra­che aus­macht – ist es im­mer von an­ders­wo her als von dort, wo sie ist, die Spra­che, näm­lich vom Dis­kurs, dass sie, was es auch sei, im Netz des Si­gni­fi­kan­ten fängt, also die Schrift selbst.119

 

Seu­le­ment voi­là, elle est pro­mue de là à la fonc­tion d’un ré­fé­rent aus­si es­sen­tiel de tou­te cho­se120, et c’est ça qui chan­ge le sta­tut du su­jet.

Nur wird die Schrift von da in die Funk­ti­on ei­nes Re­fe­ren­ten be­för­dert, der ge­nau­so we­sent­lich ist für alle Din­ge, und das ist es, was den Sta­tus des Sub­jekts ver­än­dert.

 

C’est par là qu’il s’appuie sur un ciel con­stel­lé, et non seu­le­ment sur le trait un­aire pour son iden­ti­fi­ca­ti­on fon­da­men­ta­le.

Da­her kommt es, dass es sich für sei­ne grund­le­gen­de Iden­ti­fi­zie­rung auf ei­nen be­stirn­ten Him­mel stützt und nicht nur auf den ein­zi­gen Zug.

 

Eh bien jus­tement il y en a trop.

Nun ja, es gibt eben zu viel da­von.

 

Trop d’appuis, c’est la même cho­se que de ne pas en avoir.

Zu vie­le Stüt­zen, das ist das­sel­be, wie kei­ne zu ha­ben.

 

C’est pour ça qu’il prend ap­pui ail­leurs, sur le tu.

Und dar­um stützt es sich auf et­was an­de­res, auf das Du.121

 

C’est qu’en ja­po­nais, on voit tou­tes les for­mes gram­ma­ti­ca­les pour le moind­re énon­cé, pour dire quel­que cho­se, com­me ça, n’importe quoi, il y a des ma­niè­res plus ou mo­ins po­lies de le dire se­lon la fa­çon dont je l’implique, dans le tu.

Im Ja­pa­ni­schen ist es so, dass man für die ge­rings­te Aus­sa­ge sämt­li­che gram­ma­ti­schen For­men sieht; wenn man et­was sa­gen will, ein­fach so, was auch im­mer, gibt es mehr oder we­ni­ger höf­li­che Ar­ten, es zu sa­gen, je nach der Art, wie ich ihn in das Du ein­be­zie­he.

 

Je l’implique, si je suis ja­po­nais, si je ne suis pas ja­po­nais, je ne le fais pas, ça me fa­ti­guer­ait.

Ich be­zie­he ihn ein, wenn ich Ja­pa­ner bin, wenn ich kein Ja­pa­ner bin, tue ich das nicht, es wür­de mich er­mü­den.

 

Quand vous pour­rez, c’est vrai­ment à la por­tée de tout le mon­de d’apprendre le ja­po­nais, quand vous au­rez vu que la moind­re cho­se fait su­jet aux va­ria­ti­ons dans l’énoncé, qui sont des va­ria­ti­ons de po­li­tes­se, vous au­rez appris quel­que cho­se. Vous au­rez appris qu’en ja­po­nais, la vé­rité ren­force la struc­tu­re de fic­tion que j’y dé­no­te jus­tement d’y ajou­ter les lois de la po­li­tes­se.122

Wenn Sie könn­ten – Ja­pa­nisch zu ler­nen, ist wirk­lich in Reich­wei­te ei­nes je­den –, wenn Sie ge­se­hen ha­ben wer­den, dass die ge­rings­te An­ge­le­gen­heit sol­chen Va­ria­tio­nen der Aus­sa­ge un­ter­wor­fen ist, die Va­ria­tio­nen der Höf­lich­keit sind, dann wer­den Sie et­was ge­lernt ha­ben, dann wer­den Sie ge­lernt ha­ben, dass im Ja­pa­ni­schen die Wahr­heit die Struk­tur der Fik­ti­on, die ich in ihr be­zeich­ne, ge­nau da­durch ver­stärkt, dass sie hier die Ge­set­ze der Höf­lich­keit hin­zu­fügt.123

 

Sin­gu­liè­re­ment ça sem­ble por­ter le ré­sul­tat de ce qu’il n’y ait rien à dé­fend­re du re­fou­lé, puis­que le re­fou­lé lui-même trouve à se lo­ger de cet­te ré­fé­rence à la lett­re.

Es ist ein­zig­ar­tig, dass dies zu dem Er­geb­nis zu füh­ren scheint, dass vom Ver­dräng­ten nichts ab­zu­weh­ren ist, da das Ver­dräng­te ge­ra­de durch die­sen Be­zug auf den Buch­sta­ben sei­nen Ort fin­det.

 

En d’autres ter­mes, le su­jet est di­vi­sé com­me par­tout par le lan­ga­ge, mais un de ses re­gis­tres peut se sa­tis­fai­re de la ré­fé­rence à l’écriture, et l’autre de l’exercice de la pa­ro­le.

An­ders ge­sagt, das Sub­jekt ist wie über­all durch die Spra­che ge­spal­ten, aber ei­nes sei­ner Re­gis­ter kann sich durch den Be­zug auf die Schrift be­frie­di­gen und das an­de­re durch die Aus­übung des Spre­chens.124

 

Barthes - L'empire des signes (zu Jacques Lacan - Signifikant vs. Buchstabe)C’est sans dou­te ce qui a don­né à mon cher ami Ro­land Bart­hes ce sen­ti­ment eni­vré que de tou­tes ces bon­nes ma­niè­res, le su­jet ja­po­nais ne fait en bloc rien125.

Si­cher­lich ist es das, was mei­nem lie­ben Freund Ro­land Bart­hes die­ses be­rausch­te Ge­fühl ge­ge­ben hat, dass das ja­pa­ni­sche Sub­jekt mit all sei­nen gu­ten Ma­nie­ren ins­ge­samt nichts macht.126

 

Du mo­ins est-ce ce qu’il dit dans un li­v­re que je vous re­com­man­de, car c’est une œu­vre sen­sa­ti­onnel­le, l’Empire des Si­gnes, | [126] qu’il in­ti­tu­le ça.

Zu­min­dest ist es das, was er in ei­nem Buch sagt, das ich Ih­nen emp­feh­le, denn das ist ein sen­sa­tio­nel­les Werk; er hat ihm den Ti­tel Das Reich der Zei­chen ge­ge­ben.127

 

Dans les ti­tres, on fait des ter­mes sou­vent un usa­ge im­prop­re. En­fin, on fait ça pour les édi­teurs.

Bei Ti­teln macht man von den Ter­mi­ni oft­mals ei­nen un­pas­sen­den Ge­brauch; naja, das macht man für die Ver­le­ger.

 

Ce qu’il veut dire évi­dem­ment, que c’est l’empire des sem­blants, il suf­fit de lire le tex­te pour s’en aper­ce­voir.

Was er of­fen­kun­dig sa­gen will, ist, dass es das Reich des Scheins (des sem­blants) ist; es ge­nügt, den Text zu le­sen, um das mit­zu­be­kom­men.128

 

Et bien, le ja­po­nais… my­thi­que, le pe­tit ja­po­nais du com­mun, m’a-t-on dit, la trouve mau­vai­se.

Nun, der my­thi­sche Ja­pa­ner, der klei­ne Nor­mal-Ja­pa­ner, so hat man mir ge­sagt, fin­det das schlecht.

 

C’est du mo­ins ce que j’ai en­ten­du là-bas.

Zu­min­dest ist es das, was ich da drü­ben ge­hört habe.

 

Et en ef­fet, quel­que ex­cel­lent [que l’ait] écrit Ro­land Bart­hes, je lui op­po­se­rai ce que je dis aujourd’hui, à sa­voir que rien n’est plus dis­tinct du vide creu­sé par l’écriture que le sem­blant, en ceci d’abord qu’il est le pre­mier des go­dets prêt tou­jours à fai­re ac­cueil à la jouis­sance ou tout au mo­ins à l’invoquer de son ar­ti­fice.

Und tat­säch­lich, wie her­vor­ra­gend auch im­mer Ro­land Bart­hes es ge­schrie­ben ha­ben mag, so möch­te ich ge­gen ihn doch das ein­wen­den, was ich heu­te sage, näm­lich dass sich nichts von der Lee­re, die durch die Schrift aus­ge­höhlt wor­den ist, stär­ker un­ter­schei­det als der Schein, zu­al­ler­erst in­so­fern, als er der ers­te der Näp­fe ist, im­mer be­reit, das Ge­nie­ßen in Emp­fang zu neh­men oder es mit sei­nem Kunst­griff (ar­ti­fice) zu­min­dest auf­zu­ru­fen.129

 

D’après nos ha­bitu­des, rien ne com­mu­ni­que mo­ins de soi qu’un tel su­jet qui en fin de comp­te ne cache rien, qui n’a qu’à nous ma­ni­pu­ler, et je vous as­su­re qu’il ne s’en pri­ve pas.

Un­se­rer Ge­wohn­heit nach kom­mu­ni­ziert nichts von sich we­ni­ger als ein sol­ches Sub­jekt, das letzt­lich nichts ver­birgt, dem nur bleibt, uns zu ma­ni­pu­lie­ren, und ich ver­si­che­re Ih­nen, dass es dar­auf kei­nes­wegs ver­zich­tet.

 

C’était pour moi un dé­li­ce, car en fin de comp­te j’adore ça…

Das war für mich eine Won­ne, denn letzt­lich bete ich das an.

 

Vous êtes un élé­ment, ent­re au­tres, du cé­ré­mo­ni­al où le su­jet se com­po­se jus­tement de pou­voir se dé­com­po­ser.

In der Ze­re­mo­nie, in der das Sub­jekt ge­nau dar­aus be­steht (se com­po­se), sich auf­lö­sen (se dé­com­po­ser) zu kön­nen, sind Sie ein Ele­ment un­ter an­de­ren.

 

Bunraku (zu Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

Bun­ra­ku

Le Bun­ra­ku, peut-être que vous avez vu ça, cer­ta­ins d’entre vous quand ils sont pas­sés à Pa­ris, le Bun­ra­ku, j’ai été le re­voir là-bas, je l’avais déjà vu la pre­miè­re fois, eh bien… eh bien, le Bun­ra­ku, c’est là son res­sort : il fait voir la struc­tu­re tou­te or­dinaire pour ceux à qui elle don­ne leurs mœurs el­les-mê­mes.

Das Bun­ra­ku, viel­leicht ha­ben Sie das ge­se­hen, ei­ni­ge un­ter Ih­nen, als sie nach Pa­ris ge­kom­men sind, das Bun­ra­ku habe ich mir da drü­ben wie­der an­ge­se­hen, be­reits beim ers­ten Mal hat­te ich es mir an­ge­se­hen, nun, das Bun­ra­ku, sei­ne Trieb­fe­der ist hier: es lässt die­je­ni­gen die ganz ge­wöhn­li­che Struk­tur se­hen, de­nen die­se Struk­tur ihre Sit­ten gibt.

 

Vous savez qu’on voit à côté de la ma­ri­on­net­te ex­ac­te­ment à dé­cou­vert les gens qui y opè­rent.

Sie wis­sen, dass man ne­ben der Pup­pe un­ver­deckt ge­nau die Leu­te sieht, die hier tä­tig sind.

Bunraku, Tayu (Rezitator) und Samisen-Spieler (zu: Jacques Lacan, Lituraterre - Buchstabe vs. Signifikant)

Tayu (Re­zi­ta­tor) und Sa­mi­sen-Spie­ler beim Bun­ra­ku

 

Aus­si bien, com­me au Bun­ra­ku, tout ce qui se dit dans une con­ver­sa­ti­on ja­po­nai­se pour­rait-il aus­si bien être lu par un ré­ci­tant.

Ge­nau­so könn­te, wie im Bun­ra­ku, al­les, was in ei­nem ja­pa­ni­schen Ge­spräch ge­sagt wird, eben­so­gut von ei­nem Re­zi­ta­tor ge­le­sen wer­den.130

 

C’est là ce qui a dû sou­la­ger Bart­hes.

Das ist das, was Bart­hes si­cher­lich er­leich­tert hat.

 

Le Ja­pon est l’endroit où il est le plus na­tu­rel de se sou­ten­ir […] d’une in­ter­prè­te qui au­rait aus­si bien pu être un, d’une in­ter­prè­te, on est tout à fait à l’aise, on peut se dou­bler d’une in­ter­prè­te, ça ne né­ces­si­te en au­cun cas d’interprétation.131

Ja­pan ist der Ort, wo es das Na­tür­lichs­te ist, sich […] auf die Hil­fe ei­ner Dol­met­sche­rin (in­ter­prè­te) zu stüt­zen, die eben­so ein Dol­met­scher hät­te sein kön­nen, man ist völ­lig ent­spannt, man kann sich durch eine Dol­met­sche­rin ver­dop­peln, eine Übersetzung/Deutung (in­ter­pré­ta­ti­on) ist in kei­nem Fall not­wen­dig.

 

Vous vous ren­dez comp­te, [si j’étais sou­la­gé…] le ja­po­nais, c’est la tra­duc­tion per­pé­tu­el­le des faits du lan­ga­ge132.

Sie be­grei­fen, wenn ich er­leich­tert war, das Ja­pa­ni­sche ist die be­stän­di­ge Über­set­zung der Tat­sa­chen der Spra­che.

 

Ce que j’aime, et je vais fi­nir là-des­sus, c’est que la seu­le com­mu­ni­ca­ti­on que j’y ai eue, hors les Eu­ro­péens, bien sûr, avec les­quels je sais m’entendre se­lon not­re ma­len­ten­du cul­tu­rel, la seu­le que j’ai eue avec un Ja­po­nais, c’est aus­si la seu­le, qui là-bas com­me ail­leurs puis­se être une com­mu­ni­ca­ti­on, pas un dia­lo­gue, c’est une com­mu­ni­ca­ti­on sci­en­ti­fi­que.

Was mir ge­fällt, um da­mit zu en­den, ist dies, dass die ein­zi­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on, die ich dort ge­habt habe – au­ßer mit den Eu­ro­pä­ern na­tür­lich, mit de­nen ich mich ge­mäß den Miss­ver­ständ­nis­sen un­se­rer Kul­tur zu ver­stän­di­gen weiß –, die ein­zi­ge, die ich mit ei­nem Ja­pa­ner ge­habt habe, auch die ein­zi­ge ist, die da un­ten wie an­ders­wo eine Kom­mu­ni­ka­ti­on sein könn­te, kein Dia­log, näm­lich eine wis­sen­schaft­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on.133

 

J’ai été voir un émi­nent bio­lo­gis­te, que je ne nom­mer­ai pas, en rai­son des rè­gles de la po­li­tes­se ja­po­nai­se et de ce que je vais dire, ça l’a pous­sé à me dé­mon­trer ses travaux na­tu­rel­le­ment là où ça se fait, au ta­bleau noir !

Ich habe ei­nen be­deu­ten­den Bio­lo­gen auf­ge­sucht, den ich auf­grund von Re­geln der ja­pa­ni­schen Höf­lich­keit nicht nen­nen wer­de und auf­grund von dem, was ich sa­gen wer­de, und das hat ihn dazu ge­bracht, mir sei­ne Ar­bei­ten vor­zu­füh­ren, na­tür­lich dort, wo so et­was ge­macht wird, an der Ta­fel.

 

Le fait que, fau­te d’informations, je n’y com­pris rien, n’empêche nul­le­ment ce qu’il a | [127] écrit, ses for­mu­les, d’être en­t­iè­re­ment val­ab­les, com­me les mi­en­nes, là où el­les sont, val­ab­les pour les mo­lé­cu­les dont mes de­scen­dants se fe­ront su­jets, sans que j’aie ja­mais eu à sa­voir com­ment je leur trans­met­t­a­is ce qui ren­dait vrai­sem­bla­ble que, moi, je me clas­se par­mi les êtres vi­vants.134

Die Tat­sa­che, dass ich da­bei man­gels In­for­ma­ti­on nichts be­grif­fen habe, schließt kei­nes­wegs aus, dass das, was er ge­schrie­ben hat, sei­ne For­meln, völ­lig gül­tig ist – wie die mei­ni­gen, da wo sie es sind –, gül­tig für die Mo­le­kü­le, zu de­ren Sub­jekt sich mei­ne Nach­kom­men ma­chen wer­den, ohne dass ich je hät­te wis­sen müs­sen, wie ich sie an sie über­tra­ge, was es wahr­schein­lich macht, dass ich mich zu den Le­be­we­sen zäh­le.135

 

Une ascè­se de l’écriture, ça n’ôte en rien des avan­ta­ges que nous pou­vons prend­re de la cri­tique lit­tér­ai­re.

Eine As­ke­se der Schrift, das nimmt den Vor­tei­len, die wir aus der Li­te­ra­tur­kri­tik ge­win­nen kön­nen, nicht das Ge­rings­te.

 

Ça me sem­ble, pour fer­mer la bou­cle sur quel­que cho­se de cohé­rent en rai­son de ce que j’ai déjà avan­cé, ça me sem­ble ne pou­voir pas­ser qu’à re­joind­re ce „c’est écrit“ im­pos­si­ble dont s’instaurera peut-être un jour le rap­port se­xu­el.

Dies scheint mir – um mit et­was zu schlie­ßen, was durch das, was ich be­reits vor­ge­bracht habe, ko­hä­rent ist –, dies scheint mir nur dann ge­sche­hen zu kön­nen, wenn es wie­der an die­ses un­mög­li­che „es steht ge­schrie­ben“ an­schließt, von dem her viel­leicht ei­nes Ta­ges das se­xu­el­le Ver­hält­nis ein­ge­setzt wer­den wird.136

Sekundärliteratur zu „Lituraterre“

Bis­was, San­ta­nu: A li­tera­ry in­tro­duc­tion to „Litu­ra­terre“. In: Ders. (Hg.): The li­tera­ry La­can. From li­te­ra­tu­re to litu­ra­terre and bey­ond. Seagull, Cal­cut­ta u.a. 2012, S. 173–195.

Lau­rent, Écric: La lett­re vo­lée et le vol sur la lett­re. (Vor­trag von 1998 oder 1999). In: La Cau­se freu­dien­ne Nr. 43, 1999, S. 22, im In­ter­net hier: http://www.lacanchine.com/Laurent_01.html. Eng­li­sche Über­set­zung: E. Lau­rent: The pur­loi­ned let­ter and the tao of the psy­cho­ana­lyst. In: Vé­ro­ni­que Voruz, Bog­dan Wolf (Hg.): The la­ter La­can. An in­tro­duc­tíon. Sta­te Uni­ver­si­ty of New York Press, Al­ba­ny 2007, S. 25–52.

Metz, Bé­né­dict: Sur le ra­vi­ne­ment : une lec­tu­re de Litu­ra­terre et de ce que La­can y ap­por­te con­cer­nant les rap­ports du sem­blant et de l’écrit. 29.8.2008. A.L.I. Sé­min­aire d’été 2008,

http://www.a-l-i.org/freud/Champs_specialises/Presentation/Sur_le_ravinement_une_lecture_de_Lituraterre_et_de_ce_que_Lacan_y_apporte_concernant_les_rapports_du_semblant_et_de_l_ecrit

No­bus, Dany: Il­li­te­ra­tu­re. In: Luke Thurs­ton (Hg.): Re-in­ven­ting the sym­ptom. Es­says on the fi­nal La­can. Other Press, New York 2002, S. 19–43.

Ogasa­wa­ra, Shin’ya: L’instance de la lett­re dans l’inconscient ja­po­nais. In: Or­ni­car? di­gi­tal, http://www.wapol.org/ornicar/articles/ogw0068.htm; die eng­li­sche Über­set­zung fin­det man hier. The in­s­tan­ce of the let­ter in the Ja­pa­ne­se un­con­scious, http://web.missouri.edu/~stonej/JapanUnc.pdf

Ra­ba­té, Jean-Mi­chel: Jac­ques La­can. Psy­cho­ana­ly­sis and the sub­ject of li­te­ra­tu­re. Pal­gra­ve, Ba­sing­s­to­ke und New York 2001, zu Litu­ra­terre: S. 31–35.

Vil­lers, Guy de: Éc­ri­tu­re et réel. La lett­re chez La­can. 28. März 2011, http://cripsa.over-blog.com/article-ecriture-et-reel-70457691.html

Žižek, Sla­voj: Dialec­tical cla­ri­ty ver­sus the mis­ty con­ceit of pa­ra­dox. In: Ders., John Mil­bank: The mons­tro­si­ty of Christ. Pa­ra­dox or dialec­tic? MIT Press, Cam­bridge, Mass. (USA) 2009, S. 234–306; zu Litu­ra­terre: S. 274 f.

Verwandte Beiträge

Anmerkungen

  1. Lit­té­ra­tu­re, Nr. 3, 1. Jg., Ok­to­ber 1971, S. 3–10, nach­ge­druckt in: J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 11–20
  2. Ver­si­on Chol­let fin­det man auf der In­ter­net­sei­te der Éco­le la­ca­ni­en­ne de psy­chana­ly­se, http://www.ecole-lacanienne.net/fr/p/lacan/m/nouvelles/paris-7/stenotypies-version-non-j-l-seminaire-xviii-d-un-discours-qui-ne-serait-pas-du-semblant-1971–91
  3. Litu­ra­terre wur­de ver­öf­fent­licht in der Zeit­schrift Lit­té­ra­tu­re, 1. Jahr­gang, Ok­to­ber 1971, Heft 3, S. 3–10.
  4. Al­fred Er­nout, An­toi­ne Meillet: Dic­tionn­aire éty­mo­lo­gi­que de la lan­gue la­ti­ne. His­toire des mots. Klinck­sieck, Pa­ris 1959.
  5. Lino ist die ers­te Per­son Sin­gu­lar von li­ne­re, „aus­strei­chen von Ge­schrie­be­nem“; litu­ra be­deu­tet „Strei­chung in ei­nem Text“; litur­ari­us meint „et­was, was Strei­chun­gen zeigt“.
  6. An­spie­lung auf Freuds Der Witz und sei­ne Be­zie­hung zum Un­be­wuss­ten (1905) so­wie auf die Ana­ly­se des Ver­spre­chers in Freuds Zur Psy­cho­pa­tho­lo­gie des All­tags­le­bens (1904).

    In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can ge­sagt, nach ei­ner Be­mer­kung über die Funk­ti­on der Töne im Chi­ne­si­schen und über die Mo­du­la­ti­on im Eng­li­schen:

    Na­tür­lich wäre es ganz und gar miss­bräuch­lich, zu sa­gen, dass das ein Ver­hält­nis zum Sinn (sens) hat. Nur muss man da­für dem Wort ‚Sinn‘ ein Ge­wicht ver­lei­hen, dass es nicht hat, weil das Mi­ra­kel, das Wun­der, das be­weist, dass aus Spra­che et­was zu ma­chen ist, näm­lich der Witz, ge­nau auf dem Nicht-Sinn be­ruht. Wenn man sich auf ei­ni­ge an­de­re Ar­ti­kel be­zieht, die da zum Dreck ge­bracht wor­den sind / pou­bel­li­qués (pu­bliés (ver­öf­fent­licht) + pou­bel­le (Ab­fall­ei­mer)), hät­te man sich viel­leicht sa­gen kön­nen, dass es nicht von un­ge­fähr ist, dass ich ge­schrie­ben habe: „Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten“. Ich habe nicht ge­sagt „Das Drän­gen des Si­gni­fi­kan­ten“, die­ser teu­re Si­gni­fi­kant, la­ca­nia­nisch, was man sagt, was man sagt, was man sagt, wenn man sa­gen will, dass ich ihn il­le­gi­ti­mer­wei­se Saus­su­re ge­raubt habe.“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 89)

    Über den Ver­spre­cher heißt es in der­sel­ben Sit­zung:

    Und was kann das hei­ßen wol­len, dass Sie ei­nen Ver­spre­cher, eine Fehl­hand­lung, ein Miss­lin­gen in der Psy­cho­pa­tho­lo­gie des All­tags­le­bens min­des­tens drei Mal in den­sel­ben fünf Mi­nu­ten wie­der­holt ha­ben? Ich weiß nicht, war­um ich Ih­nen das sage, denn das ist ein Bei­spiel, mit dem ich ei­nen mei­ner Pa­ti­en­ten of­fen­ba­re. Vor nicht lan­ger Zeit hat tat­säch­lich ei­ner mei­ner Pa­ti­en­ten fünf Mi­nu­ten lang – wo­bei er je­des Mal lach­te und sich ver­bes­ser­te, aber das ließ ihn kalt – sei­ne Mut­ter als ‚mei­ne Frau‘ be­zeich­net. ‚Das ist nicht mei­ne Frau, denn mei­ne Frau‘ usw., und so ging das fünf Mi­nu­ten lang, er hat es si­cher­lich zwan­zig Mal wie­der­holt. Was wird in die­sem Spre­chen ver­fehlt, wo ich mich doch ab­mü­he, Ih­nen zu sa­gen, dass das wirk­lich das ge­lun­ge­ne Spre­chen ist? Das ist des­halb so, weil sei­ne Mut­ter durch­aus sei­ne Frau war. Er hat sie so be­zeich­net, wie es nö­tig war.

    Es gibt ein Feh­len ein­zig in Be­zug wor­auf? In Be­zie­hung zu dem, was die Schlau­ber­ger der Ur­schrift, der Schrift, die je schon in der Welt ist, vom Spre­chen prä­fi­g­u­rie­ren. Ko­mi­sche Übung, nicht wahr? Von mir aus, eine der Funk­tio­nen des Uni­ver­si­täts­dis­kur­ses be­steht dar­in, auf die­se Wei­se die Kar­ten zu ver­wir­ren. Je­der er­füllt also sei­ne Funk­ti­on, ich auch, ich habe die mei­ne, und auch sie hat ihre Wir­kun­gen.

    Gut. Also, wir ha­ben eine neue Ge­stalt des Fort­schritts, die das Zur-Welt-Kom­men ist, das Auf­tau­chen ei­nes Er­sat­zes für die­se Idee der Evo­lu­ti­on, die auf obers­ter tie­ri­scher Ent­wick­lungs­stu­fe zu die­sem Be­wusst­sein führt, das uns kenn­zeich­net, dank des­sen wir in je­nem Glan­ze leuch­ten, der Ih­nen be­kannt ist. Das also ist das Er­schei­nen der Pro­gram­mie­rung in der Welt.

    Ich wer­de mich die­ser Be­mer­kung, dass eine Pro­gram­mie­rung ohne die Schrift nicht denk­bar wäre, nur be­mäch­ti­gen, um dar­auf auf­merk­sam zu ma­chen, dass auf der an­de­ren Sei­te das Sym­ptom – Ver­spre­cher, Fehl­hand­lung, Psy­cho­pa­tho­lo­gie des All­tags­le­bens – nur ge­stützt wird, nur ei­nen Sinn hat, wenn Sie von der Idee aus­ge­hen, dass das, was Sie zu sa­gen ha­ben, pro­gram­miert ist, d.h. dass sie es zu schrei­ben ha­ben. Si­cher­lich, wenn er ‚mei­ne Frau‘ statt ‚mei­ne Mut­ter‘ schreibt, gibt es kei­nen Zwei­fel, dass es sich um ei­nen Lap­sus han­delt; ei­nen Lap­sus gibt es aber nur als lap­sus ca­la­mi, selbst wenn es sich um ei­nen lap­sus lin­guae han­delt, denn die Spra­che, naja, sie weiß sehr gut, was sie zu tun hat. Das ist ein klei­ner Phal­lus, der ganz sanft kit­zelt. Wenn sie et­was zu sa­gen hat, nun, dann sagt sie es. Ein ge­wis­ser Äsop hat­te be­reits ge­sagt, sie sei zu­gleich das Bes­te und das Schlimms­te.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 89 f.)

    Mit dem Hin­weis auf eine Be­mer­kung über den Schrift­cha­rak­ter der Pro­gram­mie­rung spielt La­can viel­leicht auf eine Äu­ße­rung von Der­ri­da an. Im ers­ten Ka­pi­tel der Gram­ma­to­lo­gie kann man le­sen:

    Im Hin­blick auf die ele­men­tars­ten In­for­ma­ti­ons­pro­zes­se in der le­ben­den Zel­le spricht auch der Bio­lo­ge heu­te von Schrift und Pro-gramm. Und end­lich wird der gan­ze, vom ky­ber­ne­ti­schen Pro­gramm ein­ge­nom­me­ne Be­reich – ob ihm nun we­sens­mä­ßig Gren­zen ge­setzt sind oder nicht – ein Be­reich der Schrift sein.“ (Jac­ques Der­ri­da: Gram­ma­to­lo­gie (1967). Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1974, S. 21)

    Lap­sus ca­la­mi ist der la­tei­ni­sche Aus­druck für „Schreib­feh­ler“, „Schreib­ver­se­hen“ (ca­la­mus ist das Schreib­rohr); lap­sus lin­guae meint Sprach­feh­ler“.

    Im Ae­sop-Ro­man – ei­nem an­ti­ken Ro­man über den Dich­ter Ae­sop – wird er­zählt, dass der Skla­ve Ae­sop von sei­nem Herrn auf­ge­for­dert wur­de, zu­nächst das bes­te und dann das schlech­tes­te Ge­richt auf­zu­ti­schen. Bei­de Male ser­vier­te er Zun­ge (griech. glōssa, lat. lin­gua), mit der Be­grün­dung, dass die Spra­che (eben­falls glōssa bzw. lin­gua) zu­gleich das Bes­te und das Schlech­tes­te sei.

  7. In La­cans Poe-Auf­satz (1956) heißt es zu Poes Er­zäh­lung Der ent­wen­de­te Brief:

    Was hiel­ten sie in dem, was sie in ih­ren Hän­den hin und her wen­de­ten, an­de­res in der Hand, als et­was, was nicht der Be­schrei­bung ent­sprach, die sie vom Brief hat­ten? A let­ter, a lit­ter, ein Brief, ein Ab­fall. Im li­te­ra­ri­schen Kreis um Joy­ce hat man mit Zwei­deu­tig­kei­ten zur Ho­mo­pho­nie die­ser bei­den eng­li­schen Wör­ter ge­spielt.“ (J. La­can: Das Se­mi­nar über E.A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“. In: Ders.: Schrif­ten I, S. 24)

    In ei­ner An­mer­kung zu die­sem Satz ver­weist La­can auf den von Sa­mu­el Be­ckett her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­band: Our exa­gmi­na­ti­on round his fac­tifi­ca­ti­on for in­ca­mi­na­ti­on of work in pro­gress. Syl­via Be­ach (Shake­speare & Com­pa­ny), Pa­ris 1929 (A.a.O., S. 24).

    Der Sam­mel­band ent­hält den Brief ei­nes Vla­di­mir Di­xon, der mit A lit­ter to Mr Joy­ce über­schrie­ben ist. Hier­in heißt es: “Plea­se frog­gi­ve my t’Emeritus and any in­con­vin­ce that may have been cau­sed by this lit­ter. Yours veri tass, Vla­di­mir Di­xon.” Der Brief wur­de lan­ge Zeit irr­tüm­lich Joy­ce zu­ge­schrie­ben. Joy­ce selbst ver­wen­det das Wort­spiel letter/litter häu­fig aber auch selbst in Fin­ne­gans Wake; vgl. die Be­le­ge in Bis­was 2012, S. 175 f.

    Das güns­ti­ge Vor­zei­chen be­steht ver­mut­lich dar­in, dass im Ernout/Meillet zu le­sen ist, dass man ne­ben lit­te­ra (für „Buch­sta­be“) noch eine zwei­te Schreib­wei­se fin­det, li­te­ra, also mit nur ei­nem t, und dass die zwei­te Schreib­wei­se auf ei­nen ety­mo­lo­gisch fal­schen Ver­gleich mit lino, li­tum zu­rück­zu­füh­ren ist, also auf die An­glei­chung an litu­ra, „Strei­chung“ (vgl. Bi­was 2012, S. 174).

  8. Die Mä­ze­nin, die ihm an­bot, eine Psy­cho­ana­ly­se bei Jung zu fi­nan­zie­ren, war Edith Ro­cke­fel­ler Mc­Cor­mick, vgl. Ri­chard Ell­mann: Ja­mes Joy­ce. Zwei­ter Band. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1979, S. 713 f. Joy­ce lehn­te das An­ge­bot ab.
  9. Der la­tei­ni­sche Aus­druck si­cut pa­lea meint „wie Streu“. Im De­zem­ber 1273 hat­te Tho­mas von Aquin eine mys­ti­sche Er­fah­rung, die ihn dazu brach­te, die Ar­beit an der Sum­ma Theo­lo­gi­ca ein­zu­stel­len und nichts mehr zu schrei­ben. Er er­klär­te dies da­mit, dass al­les, was er bis­her ge­schrie­ben habe, „wie Streu“ für ihn sei, ver­gli­chen mit dem, was er ge­se­hen habe. (Vgl. Bis­was 2012, S. 177.)

    Die Wen­dung geht auf das Buch Je­sa­ja der he­bräi­schen Bi­bel zu­rück: „Aber die Men­ge dei­ner Fein­de soll wer­den wie Staub und die Men­ge der Ty­ran­nen wie we­hen­de Spreu.“ (Je­sa­ja 29, Vers 5)

  10. La­can be­zieht sich auf sei­nen Vor­trag Mon ens­eig­ne­ment, sa na­tu­re et ses fins, den er am 20. April 1967 im psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus Charles Per­rens in Bor­deaux ge­hal­ten hat­te und in dem er sich über die Be­zie­hung der Zi­vi­li­sa­tio­nen zu Müll­de­po­ni­en und Ab­was­ser­sys­te­men ge­äu­ßert hat­te:

    Es ist stets scho­ckie­rend, dar­über zu spre­chen, ob­wohl das doch im­mer ein Teil von dem ge­we­sen ist, was man die Kul­tur (ci­vi­li­sa­ti­on) nennt. Eine Hoch­kul­tur ist zu­nächst ein­mal eine Kul­tur, die eine Müll­kip­pe hat. So­lan­ge man nicht von Din­gen die­ser Art aus­geht, wird man nichts Se­riö­ses sa­gen.

    Bei den Völ­kern, die man seit ei­ni­ger Zeit pri­mi­tiv nennt, ich weiß nicht war­um, wo sie doch ab­so­lut nichts von Pri­mi­ti­vi­tät an sich ha­ben, oder sa­gen wir, in den Ge­sell­schaf­ten, mit de­nen sich die Eth­no­lo­gen be­fas­sen (…), nun ja, gibt es we­ni­ger an Müll­pro­ble­men. Ich be­haup­te nicht, dass es der­glei­chen nicht gibt. Und eben, weil sie we­ni­ger von die­sen Pro­ble­men ha­ben, hat man sie Wil­de ge­nannt und so­gar gute Wil­de, und man sieht sie als Leu­te an, die nä­her an der Na­tur sind.

    Doch für die Glei­chung Hoch­kul­tur = Roh­re und Kloa­ken gibt es kei­ne Aus­nah­me. In Ba­by­lon gibt es Kloa­ken, in Rom gibt es nur das. Die Stadt be­ginnt da­mit, Cloa­ca ma­xi­ma. Das Reich der Welt war ihr ver­hei­ßen. Man soll­te folg­lich stolz dar­auf sein. Der Grund da­für, dass man es nicht ist, ist der, dass man, wenn man die­ser Tat­sa­che ihre, wenn man das sa­gen kann, fun­da­men­ta­le Trag­wei­te ge­ben wür­de, der er­staun­li­chen Ana­lo­gie ge­wahr wer­den wür­de, die zwi­schen Müll­kip­pe und Kul­tur (ci­vi­li­sa­ti­on) be­steht.

    Das ist jetzt kein Pri­vi­leg mehr. Alle Welt ist da­von mehr als zu­ge­deckt. Das ver­fes­tigt sich über ih­nen, die Kul­tur. Ein­ge­schlos­sen, wie man es ist, in die­sen Pan­zer aus Ab­fäl­len, die auch von da her­kom­men, ver­sucht man, dem vage eine Form zu ge­ben.“ (J. La­can: Mei­ne Leh­re, ihre Be­schaf­fen­heit und ihre Zwe­cke. In: J. La­can: Mei­ne Leh­re. Über­setzt von Hans-Die­ter Gon­dek. Tu­ria und Kant, Wien 2008, S. 67–100, hier: S. 73 f.)

  11. Quel­le der Ab­bil­dung: Ar­ti­kel „Cloa­ca Ma­xi­ma“ der deut­schen Wi­ki­pe­dia.
    In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can sich auf das chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen für „Schrift“ be­zo­gen, wen, und hin­zu­ge­fügt:

    Nun, ver­su­chen Sie ru­hig, das zu schrei­ben, denn für die Chi­ne­sen ist es das Zei­chen der Zi­vi­li­sa­ti­on. Und mehr noch: das ist wahr.“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 87)

  12. Im Ok­to­ber 1967 hat­te La­can der von ihm ge­lei­te­ten Éco­le Freu­dien­ne de Pa­ris (EFP) ein Ver­fah­ren zur Ver­lei­hung des Ti­tels ei­nes Lehr­ana­ly­ti­kers („Ana­lys­te de l’École“, AE) vor­ge­schla­gen, die pas­se. Das Ver­fah­ren war sehr um­strit­ten. La­can hat­te hier­zu zwei schrift­li­che Vor­schlä­ge ge­macht, die Pro­po­si­ti­on du 9 oc­tob­re 1967 (ers­te Fas­sung) und die Pro­po­si­ti­on du 9 oc­tob­re 1967 sur le psy­chana­lys­te de l’École (zwei­te Fas­sung). Die ers­te Fas­sung wur­de ab­ge­lehnt (der Text wur­de spä­ter in der Zeit­schrift Ana­ly­ti­ca ver­öf­fent­licht, 8. Jg. (1978), S. 3–26). Die zwei­te Fas­sung wur­de im Ja­nu­ar 1969 von der Ge­ne­ral­ver­samm­lung der EFP an­ge­nom­men (der Text er­schien 1968 in Sci­li­cet, 1. Jg., S. 14–3150, nach­ge­druckt in J. La­can: Au­tres écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 243–260).

    Vgl. José At­tal: La pas­se à plus d’un tit­re. La troi­siè­me pro­po­si­ti­on d’octobre de Jac­ques La­can. Ca­hiers de l’Unebévue, Pa­ris 2012, S. 15, 20–27.– Da­vid Macey: La­can in con­texts. Ver­so, Lon­don u.a. 1988, S. 248 f.– Eli­sa­beth Rou­di­nes­co: Jac­ques La­can. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln 1996, S. 501–503.

  13. La­can spricht das Wort avou­er, „ge­ste­hen“, ab­wei­chend aus. In ety­mo­lo­gi­schen Wör­ter­bü­chern fin­det man als alte Form von avou­er das Wort avo­er, das, in al­ter Ma­nier aus­ge­spro­chen, an avoir (ha­ben) an­klingt. In Litu­ra­terre II schreibt er an die­ser Stel­le avou­er in der üb­li­chen Schreib­wei­se (Au­tres écrits, S. 11).
  14. In Litu­ra­terre II heißt es: „L’avouer ou, pro­non­cé à l’ancienne, l’avoir“ (Au­tres écrits, S. 11). Dem­nach ist avoir (ha­ben) eine alte Aus­spra­che von avou­er (ge­ste­hen).
  15. Bi­was (2012, S. 179, Fn. 7) weist hier­zu dar­auf hin, dass La­can in der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 16 über die­je­ni­gen ge­spro­chen hat­te, die von den Pu­bli­zis­ten als Struk­tu­ra­lis­ten be­zeich­net wer­den, La­can sagt dort:

    Eine ge­wis­se An­zahl von uns fin­det sich im sel­ben Müll­ei­mer ver­ei­nigt, durch die Gna­de der­je­ni­gen, de­ren Amt das ist. Man könn­te un­an­ge­neh­me­re Ge­sell­schaft ha­ben. Tat­säch­lich sind die­je­ni­gen, mit de­nen ich hier zu­sam­men­ge­bracht wer­de, al­le­samt Leu­te, für de­ren Ar­beit ich die größ­te Wert­schät­zung habe – es könn­te mir schlech­ter ge­hen.

    Was den Müll­ei­mer an­geht, in die­ser Zeit, die vom Ge­nie Sa­mu­el Be­cketts be­herrscht wird, wis­sen wir ein biss­chen dar­über. Was mich per­sön­lich an­geht, nach­dem ich mich in drei psy­cho­ana­ly­ti­schen Ge­sell­schaf­ten auf­ge­hal­ten habe, bis heu­te etwa drei­ßig Jah­re lang, in drei Ab­schnit­ten von fünf­zehn, zehn und fünf Jah­ren, weiß ich ein biss­chen über das, was es heißt, mit Es­sens­ab­fäl­len zu­sam­men­zu­le­ben.“ (Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1968; Ver­si­on Mil­ler, S. 11)

  16. In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can ge­sagt:

    Der Ödi­pus­my­thos, wer sieht nicht, dass er not­wen­dig ist, um das Rea­le zu be­zeich­nen, denn eben das ist es, was er zu tun be­an­sprucht. Oder ge­nau­er, das, wor­auf der Theo­re­ti­ker re­du­ziert ist, wenn er die­sen Hy­per­my­thos for­mu­liert, ist dies, dass das Rea­le im ei­gent­li­chen Sin­ne wo­durch ver­kör­pert wird? durch das se­xu­el­le Ge­nie­ßen, als was? als un­mög­lich, denn das, was der Ödi­pus be­zeich­net, ist das my­thi­sche We­sen, des­sen Ge­nie­ßen – sein ihm ei­ge­nes Ge­nie­ßen – das Ge­nie­ßen von was wäre? von al­len Frau­en.“ (Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 33)

    In der Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1971 heißt es:

    Was be­deu­tet es, dass im ana­ly­ti­schen Dis­kurs die­ser Re­si­dual­my­thos bei­be­hal­ten wird, der Ödi­pus­my­thos ge­nannt wird, Gott weiß war­um, der aber tat­säch­lich der­je­ni­ge von To­tem und Tabu ist, wo der My­thos des Ur­va­ters auf­ge­schrie­ben ist, gänz­lich eine Er­fin­dung Freuds, des Ur­va­ters, in­so­fern er alle Frau­en ge­nießt – ? Das ist das, was wir aus et­was grö­ße­rer Ent­fer­nung be­fra­gen müs­sen, von der Lo­gik aus, vom Ge­schrie­be­nen her.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 68 f.)

    Am 9. Juni 1971 äu­ßert sich La­can ein wei­te­res Mal zum Ödi­pus­my­thos:

    Es ist si­cher, dass das Ge­nie­ßen, das man da­her hat, sich kas­trie­ren zu las­sen, zu den Vor­stel­lun­gen nur rap­ports d’appareil ((?)) hat.

    Das ist das, wor­in der So­pho­klei­sche Ödi­pus – der für uns die­sen Vor­rang nur des­halb hat, weil die an­de­ren Ödi­pus­se un­voll­stän­dig und meist ver­lo­ren sind – für un­se­re Ar­ti­ku­la­ti­ons­be­dürf­nis­se noch viel zu reich und zu dif­fus ist.

    Die Ge­nea­lo­gie des Be­geh­rens – in­so­fern es ((in den Dra­men)) dar­um geht, wie es ver­ur­sacht wird – be­ruht auf ei­ner Kom­bi­na­to­rik, die kom­ple­xer ist als die des My­thos.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 157)

  17. Vgl. S. Freud: Dos­to­jew­ski und die Va­ter­tö­tung (1928). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 10. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 267–286. Freud be­zieht sich hier auf Dos­to­jew­skis Ro­man Die Brü­der Ka­ra­ma­sow.
  18. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „Si pour­tant mon ens­eig­ne­ment“.– Mil­ler: „Ici, pour­tant, mon ens­eig­ne­ment“ (Hier je­doch).– Litu­ra­terre II: „Ici mon ens­eig­ne­ment“ (Au­tres écrits, S. 12).
  19. Éric Lau­rent (1999) ver­weist hier­für auf Mi­cha­el Bach­tin, Ra­belais und sei­ne Welt. Volks­kul­tur als Ge­gen­kul­tur, eine Ar­beit, die 1965 auf Rus­sisch er­schien. Eine fran­zö­si­sche Über­set­zung wur­de 1970 ver­öf­fent­licht, also im Jahr vor Litu­ra­terre (eine deut­sche Über­set­zung wur­de 1987 bei Suhr­kamp pu­bli­ziert). Lau­rent be­tont, dass Bach­tin das La­chen in den Mit­tel­punkt stellt.
  20. In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can ge­sagt:

    Der Weg zum Ge­schrie­be­nen wird na­tür­lich vom Spre­chen aus ge­bahnt. Wenn ich mei­nen Schrif­ten die­sen Ti­tel ge­ge­ben habe, dann des­halb, weil sie ei­nen Ver­such dar­stel­len, ei­nen Ver­such des Ge­schrie­be­nen; das wird hin­rei­chend da­durch ge­kenn­zeich­net, dass das zu Gra­fen führt. Das Är­ger­li­che ist, dass die Leu­te, die be­an­spru­chen, mich zu kom­men­tie­ren, so­fort von den Gra­fen aus­ge­hen. Sie ha­ben Un­recht, die Gra­fen sind nur ver­ständ­lich in Ab­hän­gig­keit, möch­te ich sa­gen, von der kleins­ten Stil­wir­kung be­sag­ter Schrif­ten, die in ge­wis­ser Wei­se da­für die Stu­fen des Zu­gangs sind. Was dazu führt, dass das Ge­schrie­be­ne, das Ge­schrie­be­ne für sich al­lein ge­nom­men – um wel­ches Sche­ma es auch ge­hen mag, um das, was man als Sche­ma L be­zeich­net oder wie auch im­mer, oder um den gro­ßen Gra­fen selbst – die Ge­le­gen­heit für alle Ar­ten von Miss­ver­ständ­nis­sen bie­tet. Wor­um es geht, ist ein Spre­chen, in­so­fern es sich be­müht, den Weg zu die­sen Gra­fen zu bah­nen.“ (Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 62)

    Wei­te­re Aus­füh­run­gen zu den Gra­fen in den Écrits fin­det man in der Sit­zung vom 10. März 1971: die Gra­fen stel­len eine To­po­lo­gie dar, und die Grund­la­ge der To­po­lo­gie ist die Schrift (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 79–83).

  21. La­can be­zieht sich auf sei­nen Auf­satz Le Sé­min­aire sur „La Lett­re vo­lée“. Grund­la­ge die­ses Tex­tes ist die Vor­le­sung vom 26. April 1955 im Rah­men von Se­mi­nar 2. Die aus­ge­ar­bei­te­te schrift­li­che Fas­sung wur­de 1956 ver­fasst und 1957 ver­öf­fent­licht (vgl. Écrits, S. 11–41, mit Nach­trä­gen S. 41–61); die deut­sche Über­set­zung hat den Ti­tel Das Se­mi­nar über E.A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief‘“ (Schrif­ten I, S. 9–41, Nach­trä­ge von S. 41–60).

    Poes De­tek­tiv­ge­schich­te The pur­loi­ned let­ter (1844) fin­det man, in der Buch­aus­ga­be von 1845, hier; eine Über­set­zung von Hed­da Eu­len­berg (1901) ist hier.

    In der Sit­zung vom 26. April 1955 hat­te es über den Brief/Buchstaben (lett­re) in Poes Er­zäh­lung ge­hei­ßen:

    – Der Brief ist das Syn­onym des in­itia­len, des ra­di­ka­len Sub­jekts (Se­mi­nar 2, Ver­si­on Miller/Metzger, S. 250)

    – Der Brief ist das Un­be­wuss­te mit all sei­nen Kon­se­quen­zen (250).

    – Er ist das sich im Rein­zu­stand ver­schie­ben­de Sym­bol (250).

    – Der Brief in Poes Er­zäh­lung ent­spricht der For­mel des Tri­me­thyl­amins in dem von Freud ana­ly­sier­ten Traum von Ir­mas In­jek­ti­on (250). Die­se For­mel ist das letz­te Wort des­sen, wor­um es geht; die­ses Wort will nichts sa­gen, au­ßer, dass es ein Wort ist (218).

    – In Poes Er­zäh­lung un­ter­liegt der Brief ei­ner un­be­herrsch­ba­ren Ei­gen­dy­na­mik, die die Form sym­bo­li­scher Trans­for­ma­tio­nen hat (250).

    – Die­ses Sym­bol übt Wir­kun­gen aus: man kann nicht an es rüh­ren, ohne in sein Spiel hin­ein­ge­zo­gen zu wer­den (250); die Per­so­nen sind dem Brief ge­gen­über in ei­ner „fe­mi­ni­nen“ Po­si­ti­on (254, 257 f.).

    – Der Brief ist der Trä­ger der Dro­hung ei­ner ver­dräng­ten Un­ord­nung, er ge­fähr­det die Ord­nung des Pakts (254); die Macht des Brie­fes ist un­be­stimmt, sie hat kei­nen be­stimm­ten sym­bo­li­schen Sinn (255).

    – La­can be­tont den Ge­gen­satz des Ge­schrie­be­nen zum Ge­spro­che­nen. Ent­ge­gen dem Sprich­wort ver­ba vo­lant, scrip­ta ma­nent (Wor­te flie­gen, Ge­schrie­be­nes bleibt) muss man sa­gen: das Ge­schrie­be­ne fliegt, die Wor­te blei­ben (251 f.); vom Brief kann nicht ge­spro­chen wer­den (255).

  22. Vgl. Schrif­ten I, S. 41.
  23. La­can spielt hier mit der Laut­ähn­lich­keit von con­te (Er­zäh­lung), comp­te (Rech­nung) und con­te­nu (In­halt).

    In frü­he­ren Sit­zun­gen von Se­mi­nar 18 hat­te La­can aus­führ­lich sei­nen Poe-Auf­satz kom­men­tiert.

    In der Sit­zung vom 10 März 1971 heißt es nach Be­mer­kun­gen zum Ver­hält­nis von Spra­che und Schrift:

    Nun ja, ich sage Ih­nen all das. Ich muss sa­gen, dass mich das nicht er­mü­det, wenn Sie wol­len, aber das er­mü­det mich trotz­dem ein biss­chen.

    Sie wer­den mir glau­ben, wenn Sie wol­len, als ich heu­te früh auf­wach­te, nach­dem ich bis um ein Uhr Ma­de­lei­ne Da­vid ge­le­sen hat­te, habe ich mir ge­sagt, dass es im­mer­hin ab­so­lut nicht um­sonst war, dass mei­ne Schrif­ten mit Le Sé­min­aire sur ‚La Lett­re vo­lée‘ be­gon­nen ha­ben, mit dem Se­mi­nar über ‚Der ent­wen­de­te Brief‘. La lett­re wird da in ei­nem an­de­ren Sinn auf­ge­fasst als in L’instance de la lett­re dans l’inconscient, Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten, näm­lich in dem des Briefs.

    Ich bin nicht frisch, ich bin spät zu Bett ge­gan­gen, nach Mit­ter­nacht, und Glo­ria wird Ih­nen be­zeu­gen, dass ich mich von acht Uhr bis halb zehn mit dem Wie­der­le­sen des Se­mi­nars über ‚Der ent­wen­de­te Brief‘ her­um­ge­schla­gen habe. Das ist eine Sa­che, die der Mühe wert war, ein biss­chen raf­fi­niert. Ich lese mich nie­mals wie­der, aber wenn ich mich wie­der­le­se, kön­nen Sie sich nicht vor­stel­len, wie ich mich be­wun­de­re. Of­fen­kun­dig hat­te ich mir Mühe ge­ge­ben, ich hat­te da eine ziem­lich aus­ge­feil­te Sa­che ver­fasst, die nicht schlecht war. Als ich es ge­macht habe, ich weiß nicht mehr wann, es gibt das Da­tum, da war das im­mer vor der Ka­nail­le von Sain­te-Anne. Da­nach habe ich es an ei­nem Ort aus­ge­feilt, den ich ans Ende ge­setzt habe, ich bin ge­wis­sen­haft, San Ca­scia­no, in der Nähe von Flo­renz, das hat mir ziem­lich mei­ne Fe­ri­en ver­dor­ben. Naja, wis­sen Sie, ich habe die Nei­gung, mei­ne Fe­ri­en zu ver­der­ben.

    Hö­ren Sie, es ist spät, nicht wahr, und letzt­lich glau­be ich, dass es bes­ser wäre, wenn ich das nächs­te Mal zu Ih­nen dar­über spre­che.

    Aber schließ­lich, viel­leicht, wer weiß, wird Sie das dazu an­rei­zen, es zu le­sen. Es wäre bes­ser, Ih­nen nicht so­fort zu sa­gen, wo­hin man ge­hen muss. Ich wer­de es den­noch tun, denn es gibt Leu­te, die das nicht mit­be­kom­men könn­ten.

    Die­ser Brief, von dem ich spre­che, der Brief, den die Kö­ni­gin emp­fängt – Sie ha­ben viel­leicht die be­tref­fen­de Er­zäh­lung von Poe ge­le­sen –, das ist ein Brief, der im­mer­hin ein biss­chen merk­wür­dig ist. Man er­fährt nie­mals, was drin­steht. Ge­nau das ist we­sent­lich, man er­fährt nie­mals, was drin­steht. Und so­gar, nichts wi­der­spricht dem, dass am Schluss nur sie es weiß. Im Üb­ri­gen, wenn sie die Po­li­zei dar­auf an­setzt, ver­ste­hen Sie, ist es durch­aus not­wen­dig, dass sie die Vor­stel­lung hat, dass das in kei­nem Fall ir­gend­je­man­dem Aus­künf­te ge­ben kann. Es gibt nur eine Sa­che, näm­lich dass si­cher ist, dass das ei­nen Sinn hat. Und da das von ei­nem ge­wis­sen Her­zog von so­und­so kommt, der sich an sie ge­wandt hat, wenn er dem Kö­nig, ih­rem gu­ten Herrn, in die Hän­de fällt, selbst wenn auch er hier nichts ver­steht, wird er sich sa­gen, ‚Wie auch im­mer, da ist et­was faul‘. Und Gott weiß, wo das hin­füh­ren kann. Ich be­dau­re die al­ten Ge­schich­ten, zu de­nen das frü­her ge­führt hat, das brach­te eine Kö­ni­gin aufs Scha­fott, Sa­chen wie die­se da.

    Gut. Da ich für Sie nicht die Sa­che ma­chen kann, die ich ver­fasst habe über das, was Poe un­ter dem Ti­tel The pur­loi­ned let­ter ver­fasst hat, den ich an­nä­he­rungs­wei­se mit la lett­re en souf­fran­ce über­setzt habe, der un­zu­stell­ba­re Brief, nun gut, le­sen Sie es von hier zum nächs­ten Mal, von Sei­te 30 der Écrits bis zum Schluss. ((La lett­re en souf­fran­ce heißt wört­lich: „der Brief im Lei­den“, von La­can wird der Aus­druck im Sin­ne von „der Brief, der Lei­den her­vor­ruft“ ver­wen­det: der Brief ist ak­tiv, die Per­so­nen sind pas­siv. RN.)) Das wird es mir viel­leicht ge­stat­ten, fort­zu­set­zen, das zu stüt­zen, was Sie in mei­ner heu­ti­gen Rede kon­ver­gie­ren se­hen.

    Sie ha­ben viel­leicht vage von der Wir­kung der Ver­schie­bun­gen die­ses Briefs spre­chen ge­hört, die­ses Wech­selns von Hand zu Hand. Der Mi­nis­ter hat ihn der Kö­ni­gin sti­bitzt, wo­nach Du­pin ein­greift, das Poesche Ge­nie, nicht wahr, der Schlaus­te der Schlau­en, der gar nicht so schlau ist. Aber Poe ist schlau, als Er­zäh­ler der Ge­schich­te.

    Hier öff­ne ich eine Klam­mer, und ich stel­le Ih­nen eine klei­ne Fra­ge, die je­doch eine sehr all­ge­mei­ne Reich­wei­te hat. Ist der Er­zäh­ler der Ge­schich­te der­je­ni­ge, der sie schreibt? Stel­len Sie sich die­se Fra­ge bei­spiels­wei­se, wenn Sie Proust le­sen. Es ist sehr not­wen­dig, sie zu stel­len, denn ohne das sind Sie auf­ge­schmis­sen, Sie glau­ben, dass der Er­zäh­ler der Ge­schich­te ein ein­fa­cher Je­mand ist, ein biss­chen asth­ma­tisch, und in sei­nen Aben­teu­ern al­les in al­lem ziem­lich blöd; das muss man wohl sa­gen, nicht wahr. Nur, wenn Sie Proust prak­ti­ziert ha­ben, ha­ben Sie nicht den Ein­druck, dass das in ir­gend­ei­ner Wei­se blöd ist. Das ist nicht das, was Proust über den Er­zäh­ler sagt, was er schreibt, ist et­was an­de­res. Nun­ja, ge­hen wir wei­ter.

    Von Sei­te 30 ((Schrif­ten I, S. 29)) bis zu ei­ner be­stimm­ten Sei­te, Sie wer­den se­hen, wenn ich von der Be­för­de­rung des Brie­fes spre­che, von der Art, wie der Mi­nis­ter ihn der Kö­ni­gin ge­nom­men hat, oder dass Du­pin den Staf­fel­stab vom Mi­nis­ter über­nimmt, und dar­über, wel­che Fol­gen es hat, der Be­sit­zer (dé­ten­teur) die­ses Brie­fes zu sein. Dé­ten­teur, das ist ein ei­gen­ar­ti­ges Wort, nicht wahr? Das be­deu­tet viel­leicht, die Mög­lich­keit der dé­ten­te zu ha­ben, der Ent­span­nung. Die­ser Brief, über den ich von die­ser bis zu je­ner Sei­te spre­che, Sie wer­den se­hen, dass ich ihn ge­schrie­ben habe. Wuss­te ich, was ich tat?

    Nun, ich wer­de es Ih­nen nicht sa­gen. Das, wo­von ich spre­che, ist der Phal­lus. Und ich wer­de so­gar noch mehr sa­gen, nie hat je­mand bes­ser dar­über ge­spro­chen. Aus die­sem Grun­de bit­te ich Sie, sich dar­auf zu be­zie­hen, Sie wer­den da­bei et­was ler­nen.“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 92–94)

    In der Sit­zung vom 17. März 1971 fährt La­can fort, sei­nen Poe-Auf­satz zu kom­men­tie­ren:

    Die­ses Se­mi­nar über ‚Der ent­wen­de­te Brief‘, ich weiß noch nicht, was das brin­gen kann. (…)

    Wer sind die­je­ni­gen, die auf mei­ne aus­drück­li­che Emp­feh­lung hin die An­stren­gung un­ter­nom­men ha­ben, die Sei­ten 30 bis 41 von dem zu le­sen, was man als mei­ne Écrits be­zeich­net ((Sei­ten 29 bis 41 von Schrif­ten I))? Nun, he­ben Sie doch mal den Fin­ger. Hier kann man den Fin­ger he­ben. Vie­le sind das nicht ge­ra­de. Ich weiß nicht, ob ich nicht den Ner­ven­zu­sam­men­bruch krie­gen wer­de. Ob ich nicht ganz ein­fach gehe, weil man schließ­lich mi­ni­ma­le Res­sour­cen braucht, um je­man­den zu fra­gen, wel­che Be­zie­hung er mög­li­cher­wei­se in die­sen Sei­ten hat spü­ren kön­nen, zu dem, wo­von ich ge­sagt habe, dass ich hier dar­über ge­spro­chen habe, näm­lich über den Phal­lus.“ (Se­mi­nar 18, Ver­si­on Mil­ler, S. 95)

    Auf die­sen Sei­ten spre­che ich sehr ge­nau nur über die Funk­ti­on des Phal­lus, in­so­fern sie in ei­nem be­stimm­ten Dis­kurs ar­ti­ku­liert wird. (…)

    Na­tür­lich, als ich letz­tes Mal ge­sagt habe – auf die­se Wei­se las­se ich mich ge­hen, vor al­lem, wenn man ein biss­chen den An­schein er­we­cken muss, zu at­men –, dass ich mich be­wun­der­te, ich hof­fe, dass Sie das nicht wört­lich ge­nom­men ha­ben. Das, was ich be­wun­der­te, war viel­mehr, dass die Tras­se / die Zeich­nung / la tra­cé, die ich zu ei­nem Zeit­punkt ge­macht hat­te, als ich erst an­fing, als Be­zugs­punkt eine be­stimm­te Fur­che aus­zu­he­ben, jetzt nicht ein­fach zu ver­wer­fen ist und mich nicht mit Scham er­füllt. (…)

    Al­les, was hier vom Si­gni­fi­kan­ten, wenn ich so sa­gen kann, ge­fischt wer­den kann, ist völ­lig er­staun­lich, und das ist das, wor­um es da­bei geht. Von die­sem Se­mi­nar über ‚Der ent­wen­de­te Brief‘ aus bin ich zum Fi­schen ge­kom­men, wo­von ich schließ­lich den­ke, dass die Tat­sa­che, dass ich es an den An­fang ge­setzt habe, nicht wahr, un­ter Au­ßer­acht­las­sung jeg­li­cher Chro­no­lo­gie, viel­leicht ge­zeigt hat, dass ich die Idee hat­te, dass das ins­ge­samt die bes­te Art wäre, in mei­ne Schrif­ten ein­zu­füh­ren.

    Ich kom­me zu der Be­mer­kung, die ich dar­in über den be­rühm­ten Mann ma­che, who da­res all things, tho­se un­be­co­m­ing as well as tho­se be­co­m­ing a man. Wenn ich in die­sem Mo­ment dar­auf be­har­re, es wört­lich zu über­set­zen, ‚das, was ei­nes Man­nes un­wür­dig wie auch das, was sei­ner wür­dig ist‘, dann des­halb, weil die­se For­mel en bloc zu neh­men ist. Die un­aus­sprech­li­che, be­schä­men­de Sei­te, die nicht ge­sagt wird, be­zo­gen auf das, was ei­nen Mann be­trifft, ist hier, um es klar zu sa­gen, der Phal­lus. Wenn man die­sen Block, nicht wahr, so über­setzt, dass man ihn in zwei Stü­cke teilt, ‚das, was ei­nes Man­nes wür­dig ist wie auch das, was sei­ner un­wür­dig ist‘, dann taugt das nichts. Eben­so muss man den Block­cha­rak­ter die­ser For­mu­lie­rung bei­be­hal­ten, die ich zi­tie­re, the robber’s know­ledge of the loser’s know­ledge of the rob­ber, ‚das Wis­sen des Diebs über das Wis­sen des Be­stoh­le­nen über den Dieb‘. Die­ses Ele­ment des Wis­sens, das dar­in be­steht, eine be­stimm­te Phan­ta­sie über sich selbst auf­ge­nö­tigt zu ha­ben, näm­lich ge­nau der Mann zu sein, der al­les wagt, das ist hier, wie Du­pin so­fort sagt, der Schlüs­sel zur Si­tua­ti­on. (…)

    Der Brief also, pur­loi­ned, nicht ‚ge­stoh­len‘, son­dern, wie ich er­läu­te­re, da­mit fan­ge ich an, ‚der ei­nen Um­weg ma­chen wird‘, oder wie ich es über­set­ze, la lett­re en souf­fran­ce, der un­zu­stell­ba­re Brief, so be­ginnt die­ser klei­ne Schrieb, und er en­det da­mit, dass er den­noch an sei­nen Be­stim­mungs­ort ge­langt. (…)

    Am Ende liegt mir dar­an, das her­vor­zu­he­ben, was da­von das We­sent­li­che ist und wes­halb die Über­set­zung mit Der ge­stoh­le­ne Brief nicht gut ist. The pur­loi­ned let­ter, das be­deu­tet, dass er trotz­dem an sei­nen Be­stim­mungs­ort ge­langt. Und den Be­stim­mungs­ort gebe ich an. Ich gebe ihn als die grund­le­gen­de Be­stim­mung je­des Brie­fes an. Er kommt, sa­gen wir, nicht etwa bei die­sem an und auch nicht bei die­ser, son­dern bei je­nen, die hier nichts ver­ste­hen kön­nen, zu de­nen in die­sem Fall die Po­li­zei ge­hört. Sie ist wohl­ge­merkt völ­lig un­fä­hig, ir­gend­et­was zu ver­ste­hen von die­sem Sub­strat, von die­sem Brief­ma­te­ri­al. Ich be­to­ne es und er­läu­te­re es auf zahl­rei­chen Sei­ten, und ge­nau des­we­gen war die Po­li­zei auch nicht in der Lage, ihn zu fin­den. Die­se Er­fin­dung, die­se Er­dich­tung von Poe, all das wird sehr schön ge­sagt, groß­ar­tig. Der Brief ist wohl­ge­merkt au­ßer­halb der Reich­wei­te der Er­klä­rung des Raums, weil es das ist, wor­um es geht. Das ist das, was die Po­li­zei zu Be­ginn ge­sagt hat, und dann der Prä­fekt. Beim Mi­nis­ter ist man sich si­cher, dass der Brief dort ist, dass er da ist, da­mit er ihn im­mer in Reich­wei­te hat; der Raum ist buch­stäb­lich von ei­nem Kon­troll­netz über­zo­gen wor­den, ohne dass man ihn ge­fun­den hat.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 96–98)

    Nach ei­ner län­ge­ren Aus­füh­rung über den Raum in der Ma­the­ma­tik heißt es:

    Ich habe mich dar­auf ge­stürzt, weil ich ge­sagt habe, dass der Brief, der sei­nen Be­stim­mungs­ort er­reicht, der­je­ni­ge Brief ist, der bei der Po­li­zei an­kommt, die hier nichts be­greift.

    Die Po­li­zei ist, wie Sie wis­sen, nicht erst ges­tern ent­stan­den. Drei Spie­ße auf dem Bo­den, drei Spie­ße auf dem Cam­pus, wenn Sie ein biss­chen von dem ken­nen, was He­gel ge­schrie­ben hat, dann wis­sen Sie, dass das der Staat ist. Der Staat und die Po­li­zei, für je­man­den, der ein ganz klein biss­chen nach­ge­dacht hat, und man kann nicht sa­gen, dass He­gel in die­ser Sa­che schlecht po­si­tio­niert ist, ist das ge­nau das­sel­be.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 101)

    Was mit den drei Spie­ßen ge­meint ist, ist un­klar. In Se­mi­nar 21 spricht La­can über die Ety­mo­lo­gie von tra­vail, „Ar­beit“, und führt es auf das la­tei­ni­sche Wort tri­pa­li­um zu­rück, „Drei­pfahl“, ein Fol­ter­in­stru­ment aus drei Pfählen.[1. Vgl. Sit­zung vom 13. No­vem­ber 1974. Das könn­te hei­ßen: die Po­li­zei sorgt da­für, dass wei­ter­ge­ar­bei­tet wird.

    La­can fährt fort, in­dem er die For­mel des Her­ren­dis­kur­ses er­läu­tert, wel­cher – La­can zu­fol­ge – die Form ei­nes Te­tra­eders hat. Dann sagt er:

    Von da­her er­gibt sich, dass in ei­ner Welt, wie sie durch ei­nen be­stimm­ten Te­tra­eder struk­tu­riert ist, der Brief an sei­nem Be­stim­mungs­ort nur an­kommt, um das zu fin­den, was ich in mei­ner Rede über den Ent­wen­de­ten Brief mit dem Ter­mi­nus des Sub­jekts be­zeich­ne. Es ist kei­nes­wegs auf ir­gend­ei­ne Wei­se zu eli­mi­nie­ren oder zu­rück­zu­zie­hen, un­ter dem Vor­wand, dass wir ei­ni­ge Schrit­te mit der Struk­tur vor­an­kom­men. Wenn das, was wir mit dem Ter­mi­nus des Un­be­wuss­ten ent­deckt ha­ben, ei­nen Sinn hat, dann kön­nen wir nicht, selbst auf die­ser Ebe­ne, das Sub­jekt nicht in Rech­nung stel­len, das, ich wie­der­ho­le es, ir­re­du­zi­bel ist. Aber das Sub­jekt zeich­net sich durch sei­ne ganz spe­zi­el­le Dumm­heit aus. Das ist das, was im Text von Poe zählt, und zwar des­halb, weil es nicht be­lang­los ist, dass der­je­ni­ge, über den er bei die­ser Ge­le­gen­heit Scher­ze macht, der Kö­nig ist, der sich hier in der Funk­ti­on des Sub­jekts ma­ni­fes­tiert.

    Er ver­steht ab­so­lut nichts, und sei­ne ge­sam­te Po­li­zei­struk­tur kann nichts aus­rich­ten, so­dass der Brief nicht ein­mal in sei­ne Reich­wei­te ge­langt, da es ja die Po­li­zei ist, die ihn schützt, und sie nichts da­mit an­fan­gen kann. Ich be­to­ne so­gar, wenn man ihn in ih­ren Ak­ten wie­der­fän­de, wäre das für ei­nen His­to­ri­ker nutz­los. Auf ei­ni­gen Sei­ten von dem, was ich über die­sen Brief schrei­be, kann man sa­gen, dass es sehr wahr­schein­lich nur die Kö­ni­gin ist, die weiß, was der Brief be­deu­tet. Sein Ge­wicht be­steht dar­in: wenn die ein­zi­ge Per­son, die dar­an in­ter­es­siert ist, näm­lich das Sub­jekt, der Kö­nig, ihn in Hän­den hiel­te, wür­de es nur dies ver­ste­hen, dass er si­cher­lich ei­nen Sinn hat, dass die­ser Sinn aber – und dar­in be­steht der Skan­dal – ihm, dem Sub­jekt, ent­geht. Der Ter­mi­nus des Skan­dals oder auch des Wi­der­spruchs ist auf die­sen vier letz­ten Sei­ten, die ich Ih­nen zu le­sen ge­ge­ben habe, ganz rich­tig plat­ziert, das be­to­ne ich.

    Da es hier ei­ni­ge gibt, die frü­her Poe ge­le­sen ha­ben, müs­sen Sie wis­sen, dass ein Mi­nis­ter in die Sa­che ver­wi­ckelt ist, der­je­ni­ge, der den Brief ge­klaut hat. Es ist klar, dass uns der Mi­nis­ter, ein­zig in Ab­hän­gig­keit von der Zir­ku­la­ti­on des Brie­fes, im Ver­lauf des Orts­wech­sels be­sag­ten Brie­fes, Ver­än­de­run­gen zeigt, so wie ein Fisch, der sei­ne Farb­ver­än­de­run­gen durch­läuft. In Wahr­heit, sei­ne we­sent­li­che Funk­ti­on, auf die mein ge­sam­ter Text ein biss­chen zu üp­pig an­spielt – aber man kann gar nicht zu sehr auf et­was be­har­ren, um sich ver­ständ­lich zu ma­chen –, die­se Funk­ti­on spielt dar­auf an, dass der Brief eine fe­mi­ni­sie­ren­de Wir­kung hat.

    Aber von dem Mo­ment an, als er ihn, den Brief, nicht mehr hat und er nichts da­von weiß, fin­den wir ihn ge­wis­ser­ma­ßen in der­je­ni­gen Di­men­si­on wie­der­her­ge­stellt, die sein ge­sam­ter Plan ihm ver­schaf­fen soll­te, der ei­nes Man­nes, der al­les ris­kiert.

    Und ich in­sis­tie­re auf die­ser Wen­dung des Ge­sche­hens, näm­lich der, wo­mit die Poesche Aus­sa­ge en­det. In die­sem Mo­ment er­scheint die Sa­che, mons­trum hor­ren­dum ((das ent­setz­li­che Un­ge­heu­er)), wie im Text ge­sagt wird.

    Das ist das, was er für die Kö­ni­gin hat­te sein wol­len, die das na­tür­lich in Rech­nung ge­stellt hat­te, denn sie hat­te ja ver­sucht, ihn wie­der­zu­er­lan­gen, die­sen Brief. Aber schließ­lich wur­de das Spiel mit ihm fort­ge­setzt. Jetzt war un­ser Du­pin an der Rei­he, der Schlaus­te der Schlau­en also, der­je­ni­ge, dem Poe die Rol­le zu­weist, uns mit et­was zu be­wer­fen, was ich ganz ab­sicht­lich so nen­nen will, ich be­to­ne es in die­sem Text, der uns et­was Sand in die Au­gen wer­fen soll. Dass wir näm­lich glau­ben, dass es das gibt, den Schlaus­ten der Schlau­en, dass er wirk­lich al­les be­greift und weiß, dass er, im Te­tra­eder ste­ckend, be­grei­fen kann, wie er ge­macht ist.

    Ich habe mich ziem­lich iro­nisch ge­äu­ßert über die­se si­cher­lich sehr ge­konn­ten Din­ge, über die­se Wort­spie­le mit am­bi­tus, mit re­li­gio oder mit ho­nes­ti ho­mi­nes, ein­fach um zu sa­gen, dass ich, was mich an­geht, das klei­ne Tier ein biss­chen wei­ter ge­sucht habe, nicht wahr? In Wahr­heit ist es ir­gend­wo. Es ist ir­gend­wo, wenn man Poe folgt, und man kann sich die Fra­ge stel­len, ob Poe das wohl mit­be­kom­men hat.

    Näm­lich dass der Brief, al­lein schon des­we­gen, weil er in Du­pins Hän­de über­ge­gan­gen ist, jetzt wie­der­um ihn fe­mi­ni­siert hat, und zwar so weit, dass er sich in ge­nau die­sem Mo­ment nicht zu­rück­hal­ten kann und er eine Wut ge­gen­über dem Mi­nis­ter zeigt, der glaubt, be­reits je­der­mann hin­rei­chend von sei­ner Gna­de ab­hän­gig ge­macht zu ha­ben, um kei­ne wei­te­re Spur zu hin­ter­las­sen, mit dem es aber so steht, dass er, Du­pin, weiß, ihn des­sen be­raubt zu ha­ben, was es ihm ge­stat­ten könn­te, wei­ter­hin sei­ne Rol­le zu spie­len, wenn es je­mals not­wen­dig wäre, die Kar­ten auf­zu­de­cken. In dem Bil­let, mit dem er den ge­stoh­le­nen Brief er­setzt hat, schickt er ihm die­se Bot­schaft: Un des­sein si fu­neste / S’il n’est di­gne d’Atrée est di­gne de Thy­es­te, „Ein so un­heil­vol­ler Plan / Wenn er nicht ei­nes Atreus wür­dig ist, ist er ei­nes Thy­es­tes wür­dig“.

    Die Fra­ge, wenn ich so sa­gen kann, ist die, ob Poe hier­bei wohl die Trag­wei­te des­sen mit­be­kommt, dass Du­pin eine Art Bot­schaft jen­seits al­ler Mög­lich­kei­ten schickt, denn Gott weiß, ob es je­mals ge­sche­hen wird, dass der Mi­nis­ter ihn her­vor­holt, sei­nen Brief, und ihm im sel­ben Mo­ment die Luft raus­ge­las­sen wird / er ab­ge­schlafft ist / se trouve dé­gon­flé. Dies, um Ih­nen zu sa­gen, dass die Kas­tra­ti­on hier, wie der Brief, sus­pen­diert ist, aber voll­kom­men rea­li­siert ist.

    Ich ver­wei­se auch auf die­se Per­spek­ti­ve, die mir nicht im Vor­hin­ein ge­schrie­ben zu sein scheint. Das ver­leiht dem nur ei­nen umso grö­ße­ren Wert, was Du­pin als Bot­schaft an den­je­ni­gen schreibt, den er ge­ra­de des­sen be­raubt hat, was die­ser für sei­ne Macht hält. Die­ses Hühn­chen ju­belt bei dem Ge­dan­ken an das, was ge­sche­hen wird, wenn der Be­trof­fe­ne – vor wem? zu wel­chem Zweck? – da­von Ge­brauch ge­macht ha­ben wird. Was man sa­gen kann, ist, dass Du­pin ge­nießt. Nun, und das ist die Fra­ge, die ich letz­tes Mal an­ge­schnit­ten habe, als ich Ih­nen sag­te, ist das das­sel­be: der Er­zäh­ler und der­je­ni­ge, der schreibt? Es ist un­be­streit­bar, dass der Er­zäh­ler, das Sub­jekt der Aus­sa­ge, der­je­ni­ge, der spricht, dass dies Poe ist. Ge­nießt Poe das Ge­nie­ßen von Du­pin oder von an­ders­wo? Das ist eben das, was ich mich heu­te be­mü­hen wer­de, Ih­nen zu zei­gen.

    Ich spre­che zu Ih­nen über den Ent­wen­de­ten Brief, wie ich ihn selbst ar­ti­ku­liert habe. Da­mit ist das eine Il­lus­tra­ti­on, die ich für die Fra­ge ge­ben kann, die ich letz­tes Mal auf­ge­wor­fen habe. Ist das nicht et­was ra­di­kal Ver­schie­de­nes: der­je­ni­ge, der schreibt, und der­je­ni­ge, der in et­was Ge­schrie­be­nem in sei­nem Na­men als Er­zäh­ler spricht? Auf die­ser Ebe­ne ist das spür­bar.

    Tat­säch­lich ist das, was auf der Ebe­ne des Er­zäh­lers ge­schieht, letzt­end­lich das, was ich so nen­nen könn­te – ich ent­schul­di­ge mich, auf dem de­mons­tra­ti­ven Cha­rak­ter die­ses klei­nen Es­says zu be­har­ren–: die voll­kom­mens­te Kas­tra­ti­on, die da de­mons­triert wird. Alle sind glei­cher­ma­ßen be­tro­gen, und nie­mand weiß da­von das Ge­rings­te.

    Dies ist si­cher: der Kö­nig schläft na­tür­lich von An­fang an, und bis ans Ende sei­ner Tage wird er auf bei­den Oh­ren schla­fen.

    Die Kö­ni­gin ist sich nicht dar­über im Kla­ren, dass es na­he­zu un­ver­meid­lich ist, dass sie nach die­sem Mi­nis­ter ver­rückt wird, jetzt, wo sie ihn in der Hand hat, wo sie ihn kas­triert hat, nicht wahr? Das ist eine Lie­be.

    Der Mi­nis­ter pour être fait, il est fait ((?so wie die Din­ge ste­hen, ist er er­le­digt?)), aber letzt­lich lässt ihn das kalt, denn, wie ich ir­gend­wo sehr gut er­klärt habe, ent­we­der – oder. Ent­we­der es ge­fällt ihm, der Ge­lieb­te der Kö­ni­gin zu wer­den, und das müss­te an­ge­nehm sein – im Prin­zip, man sagt so, das ge­fällt nicht je­dem. Oder wenn er wirk­lich für sie ei­nes die­ser Ge­füh­le hat, die von der Ord­nung des­sen sind, was ich das ein­zi­ge hell­sich­ti­ge Ge­fühl nen­ne, näm­lich der Hass, wie ich Ih­nen sehr gut er­klärt habe, wenn er sie also hasst, wird sie ihn des­halb um so mehr lie­ben, und das wird es ihm ge­stat­ten, so weit zu ge­hen, dass er im­mer­hin da­mit en­den wird, dass in ihm der Ver­dacht auf­kommt, dass der Brief schon seit lan­gem nicht mehr da ist. Weil er sich na­tür­lich täu­schen wird. Er wird sich sa­gen, wenn man mit ihm so weit geht, dann des­halb, weil man sich der Din­ge si­cher ist, also wird er sei­nen klei­nen Wisch recht­zei­tig öff­nen, aber in kei­nem Fall wird es von da aus zu dem kom­men, was das Ge­wünsch­te ist, näm­lich dazu, dass er da­mit en­det, sich lä­cher­lich zu ma­chen. Lä­cher­lich wird er nicht sein.“ (Se­mi­nar 18, Ver­si­on Mil­ler, S. 102–105)

    In der Sit­zung nach der Litu­ra­terre-Vor­le­sung spricht La­can ein wei­te­res Mal über den Poe-Auf­satz:

    Es geht also dar­um, spür­bar zu ma­chen, wie die Über­mitt­lung ei­ner Let­ter zu et­was in Be­zie­hung steht, was für die Or­ga­ni­sa­ti­on ei­nes je­den Dis­kur­ses we­sent­lich ist, grund­le­gend, näm­lich das Ge­nie­ßen.

    Da­für ist es nö­tig, dass ich Sie je­des Mal für die Sa­che zu­gäng­lich ma­che. Wie, wenn nicht so, dass ich an das grund­le­gen­de Bei­spiel er­in­ne­re, von dem ich aus­ge­gan­gen bin?

    Es geht aus­drück­lich dar­um, die Let­ter als sol­che zu stu­die­ren, in­so­fern sie, wie ich ge­sagt habe, eine fe­mi­ni­sie­ren­de Wir­kung hat. Da­mit er­öff­ne ich mei­ne Schrif­ten. Die­se Let­ter, das habe ich noch das letz­te Mal her­vor­ge­ho­ben, funk­tio­niert in­so­fern auf sehr spe­zi­el­le Wei­se, als nie­mand et­was über ih­ren In­halt weiß und bis zum Ende, bis zum Schluss nie­mand dar­über et­was wis­sen wird.

    Die­se Let­ter ist sehr ex­em­pla­risch. Na­tür­lich ist nur ei­nem Ein­fäl­ti­gen nicht die Idee ge­kom­men, aber ich den­ke, selbst ei­nem Ein­fäl­ti­gen ist sie ge­kom­men, dass die­se Let­ter et­was so Sum­ma­ri­sches, so Gro­bes ist et­was wie eine Bot­schaft, die das Zeug­nis des­sen über­mit­teln wür­de, was man ge­mein­hin ein se­xu­el­les Ver­hält­nis nennt, ob­schon sie von ei­nem Mann ge­schrie­ben ist, der, wie ge­sagt wird, wie her­vor­ge­ho­ben wird, zum ho­hen Adel ge­hört, und sie an eine Kö­ni­gin ge­rich­tet ist. Es ist of­fen­kun­dig, dass es nicht das ist, was das Dra­ma aus­macht. Es ge­hört zum Ge­ba­ren ei­nes Ho­fes, das heißt von et­was – das ist die bes­te De­fi­ni­ti­on, die man da­von ge­ben kann –, was sich auf die Dis­tri­bu­ti­on des Ge­nie­ßens grün­det, es ge­hört zum Ge­ba­ren ei­nes Ho­fes, dass er bei die­ser Dis­tri­bu­ti­on dem se­xu­el­len Ver­hält­nis sei­nen Rang zu­weist, und zwar, das ist of­fen­kun­dig, den nied­rigs­ten. Die Diens­te, die eine ad­li­ge Dame in die­ser Ei­gen­schaft von ei­nem La­kai­en er­hal­ten kann, wer­den hier von nie­man­dem als be­mer­kens­wert her­aus­ge­stellt.

    Mit der Kö­ni­gin al­ler­dings, und ge­nau des­halb, weil es die Kö­ni­gin ist, müs­sen die Din­ge ei­nen an­de­ren Ak­zent er­hal­ten. Aber zu­nächst ein­mal wird an­ge­nom­men, das zeigt die Er­fah­rung, dass ein Mann von Ge­burt der­je­ni­ge ist, der, wenn ich so sa­gen kann, von sei­ner Ras­se her an ei­ner Li­ai­son sei­ner Gat­tin kei­nen An­stoß zu neh­men weiß, au­ßer un­ter dem As­pekt des An­stands, also der For­men, die re­spek­tiert wer­den. Das ein­zi­ge, was hier ei­nen Ein­wand her­vor­ru­fen könn­te, ist na­tür­lich die Ein­füh­rung un­ehe­li­cher Kin­der in die Ab­stam­mungs­li­nie, aber selbst das kann zur Ver­jün­gung des Blu­tes die­nen. Die­ser Rah­men wird Ih­nen, in der Ge­sell­schaft, um die es hier geht, zwar nicht be­son­ders ver­ge­gen­wär­tigt, er ist aber für das, was über die so­zia­len Be­zie­hun­gen zu be­den­ken ist, gleich­wohl ex­em­pla­risch und grund­le­gend.

    Man sieht hier gut, dass nichts so sehr die­ses Ele­ment er­schei­nen lässt, wie eine Ord­nung, die auf dem Ar­te­fakt auf­ge­baut ist, die­ses Ele­ment, das an­schei­nend ge­nau je­nes ist, wel­ches im Rea­len als ir­re­du­zi­bel er­schei­nen muss, näm­lich die Funk­ti­on des Be­dürf­nis­ses. Wenn ich Ih­nen ge­sagt habe, dass es eine Ord­nung gibt, in der es völ­lig an­ge­bracht ist, wie hoch der Rang auch sein mag, sich die­sen Teil des ir­re­du­zi­blen Ge­nie­ßens zu re­ser­vie­ren, den mi­ni­ma­len Teil, der nicht sub­li­miert wer­den kann, wie Freud sich aus­drück­lich aus­drückt, so kann nur eine Ord­nung, die sich auf das Ar­te­fakt grün­det – ich habe auf den Hof ver­wie­sen, in­so­fern er das Ar­te­fakt des Adels durch das Ar­te­fakt ei­ner ge­ord­ne­ten Dis­tri­bu­ti­on des Ge­nie­ßens ver­dop­pelt –, auf an­ge­mes­se­ne Wei­se dem Be­dürf­nis sei­nen Platz zu­wei­sen. Das aus­drück­lich als sol­ches spe­zi­fi­zier­te Be­dürf­nis ist das se­xu­el­le Be­dürf­nis.

    Je­doch, wenn das Ar­te­fakt auf der ei­nen Sei­te ei­ner be­stimm­ten Theo­re­ti­sie­rung ge­nügt, die das Na­tür­li­che zu spe­zi­fi­zie­ren scheint, ei­ner pri­mä­ren und ins­ge­samt bio­lo­gi­schen Theo­re­ti­sie­rung des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses, die das, was dar­aus her­vor­ge­hen muss, näm­lich die Re­pro­duk­ti­on, von ei­nem Be­dürf­nis ab­hän­gig ma­chen wür­de, so kon­sta­tie­ren wir auf der an­de­ren Sei­te, dass es of­fen­kun­dig Raum da­für lässt, dass es auch mög­lich ist, dass die Re­pro­duk­ti­on nicht die, in An­füh­rungs­zei­chen, ‚le­gi­ti­me‘ Re­pro­duk­ti­on ist.

    Die­ses Be­dürf­nis, die­ses im se­xu­el­len Ver­hält­nis Ir­re­du­zi­ble, man kann si­cher­lich ein­räu­men, dass es im­mer exis­tiert, und Freud be­stä­tigt das. Es ist aber si­cher, dass es nicht ge­mes­sen wer­den kann, zu­min­dest kann es nur durch ein Ar­te­fakt ge­mes­sen wer­den, durch das Ar­te­fakt der Be­zie­hung zum An­de­ren mit gro­ßem A. Es ist nicht mess­bar, und eben die­ses Ele­ment der Un­be­stimmt­heit ist es, wo das un­ter­zeich­net wird, was es an Grund­le­gen­dem gibt, näm­lich sehr ge­nau, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis nicht auf­ge­schrie­ben wer­den kann, dass es als Ver­hält­nis nicht be­gründ­bar ist.“ (Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 19. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 130 f.)

    Es ist nicht we­nig, die Let­ter in ei­nem be­stimm­ten Ver­hält­nis der Frau zu dem her­aus­zu­stel­len, was, vom ge­schrie­be­nen Ge­setz her, sich in den Kon­text ein­schreibt, in dem die Sa­che statt­fin­det, auf­grund des­sen, dass sie als Kö­ni­gin das Bild der Frau als Gat­tin des Kö­nigs ist. Et­was wird hier un­an­ge­mes­sen sym­bo­li­siert und ty­pi­scher­wei­se in Be­zug auf das Ver­hält­nis als se­xu­el­les, und nicht ohne Grund kann es nur in We­sen ver­kör­pert wer­den, die zu ei­ner Fik­ti­on ge­hö­ren.

    Die­ser Kon­text ist es, in dem die Tat­sa­che, dass ein Brief an sie adres­siert ist, den Wert an­nimmt, den ich be­zeich­ne, näm­lich den des Zei­chens. Um es mit mei­nen ei­ge­nen Wor­ten zu sa­gen: ‚Denn die­ses Zei­chen‘, sage ich, es geht um die Let­ter, ‚ist in der Tat das­je­ni­ge der Frau, in­so­fern sie ihr Sein in ihm gel­tend macht, da­durch, dass sie es au­ßer­halb des Ge­set­zes grün­det, in dem sie durch die Wir­kung ih­rer Ur­sprün­ge stets ent­hal­ten ist, in der Po­si­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten, ja des Fe­tischs.‘ ((1. Das Se­mi­nar über E.A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 30 f., Über­set­zung ge­än­dert.)) Es ist klar, dass eine sol­che Äu­ße­rung – die je­doch die­je­ni­ge ist, von der, möch­te ich sa­gen, die Re­vol­te der Frau aus­geht, und die be­sagt, dass sie im Ge­setz durch die Wir­kung ih­rer Ur­sprün­ge im­mer ent­hal­ten ist, in der Po­si­ti­on des Si­gni­fi­kan­ten, ja des Fe­tischs –, dass eine sol­che Äu­ße­rung au­ßer­halb der Ein­füh­rung der Psy­cho­ana­ly­se nicht ge­äu­ßert wer­den könn­te.

    Also, da­durch, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis, wenn ich so sa­gen kann, ver­staat­licht ist, das heißt in dem des Kö­nigs und der Kö­ni­gin ver­kör­pert ist, wo­mit die fik­tio­na­le Struk­tur der Wahr­heit zur Gel­tung ge­bracht wird, da­durch also er­hält die Let­ter ihre Funk­ti­on, die ge­wiss als et­was er­scheint, was in Be­zie­hung zu dem Man­gel steht, der da­durch ge­kenn­zeich­net wird, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis auf eine Wei­se pro­pa­giert wird, die in ge­wis­sem Sin­ne ar­bi­trär und fik­tiv ist. Hier er­hält die Let­ter ih­ren Wert und stellt da­mit ihre Fra­ge.“ (Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 19. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 132 f.)

    Um mit dem zu en­den, was ich in Der ent­wen­de­te Brief über die Wir­kung des Brie­fes ge­sagt habe: was habe ich aus­drück­lich ge­sagt? Dass er die­je­ni­gen fe­mi­ni­siert, die sich in ei­ner be­stimm­ten Po­si­ti­on be­fin­den, näm­lich in sei­nem Schat­ten.

    Hier rührt man an die Be­deu­tung der Funk­ti­on des Schat­tens. Be­reits das letz­te Mal – in dem, was ich Ih­nen ge­gen­über ge­äu­ßert habe über das, was ge­nau et­was Ge­schrie­be­nes ist, ich mei­ne über et­was, was sich in li­te­ra­ler oder li­te­ra­ri­scher Form dar­ge­stellt hat – be­reits das letz­te Mal also habe ich er­wähnt, dass der Schat­ten, um er­zeugt zu wer­den, eine Licht­quel­le braucht. Si­cher. Aber es ist für Sie nicht spür­bar ge­we­sen, dass die Auf­klä­rung* von da­her et­was mit sich führt, was die Struk­tur der Fik­ti­on be­wahrt. Ich spre­che von der his­to­ri­schen Epo­che, die nicht un­be­deu­tend ge­we­sen ist, und in Be­zug auf die es uns nütz­lich sein kann – das ist hier der Fall und das ist das, was ich tue –, ihre Wege nach­zu­voll­zie­hen oder sie wie­der auf­zu­neh­men. Das ist es, wo­durch das Licht zu ei­nem Teil je­nes Fel­des ge­macht wird, das sich selbst als das der Wahr­heit de­fi­niert. Nun, selbst wenn die Wahr­heit eine star­ke Aus­wir­kung auf das hat, wo­durch die Un­durch­sich­tig­keit her­vor­ge­bracht wird, so wirft das Licht, das in je­dem Mo­ment die­ses Feld aus­brei­tet, doch ei­nen Schat­ten, und es ist die­ser Schat­ten, der Wir­kung zeigt. Das ist es, in Be­zug wor­auf wir die­se Wahr­heit selbst im­mer über ihre Fik­ti­ons­struk­tur zu be­fra­gen ha­ben.

    So stellt sich letzt­lich her­aus, dass der Brief, wie in die­ser Schrift aus­drück­lich ge­sagt wird, nicht der Frau, de­ren Adres­se er trägt, Ge­nü­ge leis­tet, in­dem er sei­nen Be­stim­mungs­ort er­reicht, son­dern dem Sub­jekt, also dem, um es wie­der ein­mal zu de­fi­nie­ren, was im Phan­tas­ma ge­teilt ist, das heißt der Rea­li­tät, in­so­fern sie durch eine Fik­ti­ons­struk­tur er­zeugt wird.

    Auf eben die­se Wei­se schließt die Er­zäh­lung, zu­min­dest ei­nem zwei­ten Text zu­fol­ge, näm­lich dem mei­nem. Von da müs­sen wir aus­ge­hen, um noch wei­ter ge­hen­der neu zu be­fra­gen, was es mit der Let­ter auf sich hat. Da dies aber nie ge­macht wur­de, muss ich die­se Rede über die Let­ter noch ein biss­chen ver­län­gern.“ (Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 19. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 134)

  24. Im Poe-Auf­satz heißt es:

    In bei­den Fäl­len aber ist be­zeich­nend, dass der Brief, den der Mi­nis­ter letz­ten En­des an sich selbst rich­tet, der Brief ei­ner Frau ist: als ob es sich da­bei um eine Pha­se han­del­te, die er auf­grund ei­ner na­tür­li­chen Kon­ve­ni­enz des Si­gni­fi­kan­ten durch­que­ren muß.

    Auch die Aura von Non­cha­lance, die so­weit geht, den An­schein von Weich­heit vor­zu­täu­schen, das Zur­schau­stel­len ei­nes dem Über­druß na­hen en­nui in sei­nen Wor­ten, die Stim­mung, die der Au­tor ei­ner ‚Phi­lo­so­phie der Ein­rich­tung‘ durch fast un­greif­ba­re Ein­drü­cke, wie der des Mu­sik­in­stru­ments auf dem Tisch, zu er­we­cken weiß – all das scheint zu­sam­men­zu­spie­len, da­mit die Ge­stalt (der Mi­nis­ter), de­ren sämt­li­che Wor­te sie mit den Merk­ma­len der Männ­lich­keit aus­ge­stat­tet ha­ben, den ei­gen­tüm­lichs­ten odor di femmi­na von sich gibt, so­bald sie in Er­schei­nung tritt.“ (Schrif­ten I, S. 34 f., Ein­fü­gung in Klam­mern im Ori­gi­nal)

    Die Ver­brei­tung der ita­lie­ni­schen Wen­dung odor di femmi­na geht auf Mo­zarts Don Gio­van­ni zu­rück, in des­sen Li­bret­to es heißt: „Zit­to! mi pare sen­ti­re odor di femmi­na“ (Still, mir scheint, ich spü­re den Duft ei­ner Frau / Weibs­ge­ruch) (I,4).

    Spä­ter heißt es im sel­ben Auf­satz über den De­tek­tiv:

    So kommt es, dass Du­pin, vom Ort her, wo er ist, sich nicht da­ge­gen weh­ren kann, ge­gen den, der so fragt ((näm­lich was von ei­nem Si­gni­fi­kan­ten üb­rig­bleibt, der kei­ne Be­deu­tung mehr hat)), eine Wut von ma­ni­fes­ter weib­li­cher Na­tur zu emp­fin­den.“ (A.a.O., S. 39 f.)

  25. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can und wie Mil­ler: „si­gni­fi­ant maît­re“ (Her­ren­si­gni­fi­kant).– Litu­ra­terre II: „si­gni­fi­ant même“ (Si­gni­fi­kant selbst) (Au­tres écrits, S. 12).
  26. Litu­ra­terre II: „Puis­que le con­te con­sis­te en ce qu’y pas­se com­me mu­s­ca­de le messa­ge dont la lett­re y fait pé­ri­pé­tie sans lui.“ (Au­tres écrits, S. 12)
  27. In Litu­ra­terre II heißt es deut­li­cher: „die Let­ter be­wirkt hier den Wen­de­punkt ohne sie“, ohne die Bot­schaft.
  28. La­can be­zieht sich auf Ma­rie Bo­na­par­te: Ed­gar Poe. Étu­de psy­chana­ly­tique. De­noël, Pa­ris 1933 (dt.: Ed­gar Poe. Eine psy­cho­ana­ly­ti­sche Stu­die. 3 Bän­de. In­ter­na­tio­na­ler psy­cho­ana­ly­ti­scher Ver­lag, Wien 1934, Band 1 hier, Band 2 hier, Band 3/4 hier). Die Er­zäh­lung Der ent­wen­de­te Brief wird in Band 2 kurz be­han­delt(S. 415–418 der deut­schen Über­set­zung). Poe bringt hier, Bo­na­par­te zu­fol­ge, sein Be­dau­ern über das Feh­len des müt­ter­li­chen Phal­lus zum Aus­druck.
  29. In Litu­ra­terre II wird tou­jours, „im­mer“, kur­siv ge­schrie­ben (Au­tres écrits, S. 13.
  30. An­spie­lung auf Freuds For­de­rung, dass die Li­te­ra­tur in der Aus­bil­dung des Psy­cho­ana­ly­ti­kers eine ent­schei­den­de Rol­le zu spie­len habe. La­can er­in­nert hier­an in Das Drän­gen des Buch­sta­bens, Schrif­ten II, S. 47.
  31. In Se­mi­nar 2 schreibt La­can zur Psycho­bio­gra­fie:

    Man muß vom Text aus­ge­hen, und zwar so, wie Freud es tut und emp­fiehlt, wie von ei­nem hei­li­gen Text. Der Au­tor, der Schrei­ber ist bloß ein Schrei­ber­ling und kommt erst an zwei­ter Stel­le. Die Kom­men­ta­re der Schrift wa­ren un­rett­bar ver­lo­ren an dem Tag, an dem man die Psy­cho­lo­gie von Je­re­mi­as, von Isai­as, ja von Je­sus hat er­mit­teln wol­len. Eben­so bit­te ich Sie, wenn’s um un­se­re Pa­ti­en­ten geht, mehr Auf­merk­sam­keit auf den Text zu ver­wen­den als auf die Psy­cho­lo­gie des Au­tors – das ist die gan­ze Ori­en­tie­rung mei­nes Un­ter­richts.“ (Sit­zung vom 9. März 1955; Ver­si­on Miller/Metzger, S. 197)

    In Ra­dio­pho­nie heißt es über die Li­te­ra­tur:

    Denn der Dich­ter pro­du­ziert sich dar­aus … (es sei mir ge­stat­tet, den zu über­set­zen, der dies dar­tut, mein Freund Ja­kobson in dem Fall) … pro­du­ziert sich dar­aus, von Ver­sen ver­zehrt zu wer­den, die un­ter sich ihr Ar­ran­ge­ment tref­fen, ohne sich, das ist of­fen­kun­dig, um das zu sor­gen, was der Dich­ter da­von weiß oder nicht. (…) Man sieht, wie kost­bar der For­ma­lis­mus war, die ers­ten Schrit­te der Lin­gu­is­tik zu stüt­zen.“ (J. La­can: Ra­dio­pho­nie (1970). In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Wein­heim 1988,Radiophonie, S. 9)

    La­can kom­men­tiert hier Ja­kobsons Be­griff der poe­ti­schen Funk­ti­on.

    Die Rede vom grai­ne (Sa­men­korn) ist viel­leicht eine An­spie­lung auf den Ti­tel von An­dré Gi­des Au­to­bio­gra­fie Si le grain ne meurt (2 Bän­de, 1920 und 1026, wört­lich „Wenn das Korn nicht stirbt“, deut­scher Ti­tel „Stirb und wer­de“) und da­mit auf La­cans Auf­satz Jeu­nesse de Gide ou la lett­re et le dé­sir (1958, Écrits S. 739–764, nicht über­setzt). In die­sem Auf­satz stützt La­can sich vor al­lem auf Jean De­lay La Jeu­nesse d’André Gide, Gal­li­mard, Pa­ris 1956. De­lay be­zeich­net sei­ne Ar­beit aus­drück­lich als Psycho­bio­gra­fie; La­can setzt sich in sei­nem Gide-Auf­satz kri­tisch mit die­ser Kon­zep­ti­on aus­ein­an­der.

  32. Der Text auf der hin­te­ren Um­schlag­sei­te der Écrits be­ginnt mit dem Satz:

    Man muss die­se Samm­lung ge­le­sen ha­ben, in ih­rem gan­zem Um­fang, um zu spü­ren, dass hier nur eine ein­zi­ge Dis­kus­si­on fort­ge­setzt wird, im­mer die­sel­be, eine, die sich dazu be­kennt, soll­te sie auch als ver­al­tet er­schei­nen, die Dis­kus­si­on der Auf­klä­rung zu sein.“

  33. In Litu­ra­terre II wird trou, „Loch“, kur­siv ge­schrie­ben (Au­tres écrits, S. 13).
  34. La­can spielt mit dem Dop­pel­sinn von les lu­miè­res, „die Auf­klä­rung“ / “die Lich­ter“ und wech­selt da­mit zur Op­tik. Die neu­es­te Pho­to­nen­phy­sik ist die Quan­ten­elek­tro­dy­na­mik; sie be­schreibt die Pho­to­nen, auch Licht­quan­ten oder Licht­teil­chen ge­nannt. Das „Loch“ in der Phy­sik ist ver­mut­lich der Wel­le-Teil­chen-Dua­lis­mus, also die prin­zi­pi­el­le Un­mög­lich­keit, eine ver­ein­heit­lich­te Licht­theo­rie zu bil­den.

    In Ra­dio­pho­nie heißt es nach Be­mer­kun­gen zum He­lio­zen­tris­mus und aus­ge­hend von der Un­ter­schei­dung von Wis­sen und Wahr­heit:

    ich möch­te dar­an ei­nen Pho­to­zen­tris­mus fest­ma­chen, weil er we­ni­ger ver­skla­vend ist als der He­lio.“ (Ra­dio­pho­nie, S. 24)

  35. In ei­ner spä­te­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 heißt es zum Rät­sel:

    Mei­ne For­mel, dass das Un­be­wuss­te struk­tu­riert ist wie eine Spra­che, ver­weist also dar­auf, dass eine Mi­ni­mal­be­din­gung des Un­be­wuss­ten die Spra­che ist.

    Aber das nimmt dem Rät­sel nichts von sei­ner Trag­wei­te, dem Rät­sel, das dar­in be­steht, dass das Un­be­wuss­te da­von weit mehr weiß, als es den An­schein hat, weil man von die­ser Über­ra­schung aus­ge­gan­gen war, um es so zu be­nen­nen, wie man es ge­tan hat. Es weiß et­was von den Din­gen.“ (Sit­zung vom 9. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 152)

    La­can spielt hier of­fen­bar dar­auf an, dass er das Un­be­wuss­te als „Wis­sen“ be­zeich­net.

  36. In der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18 heißt es über die im vor­an­ge­gan­ge­nen Se­mi­nar ent­wi­ckel­te Kon­zep­ti­on der vier Dis­kur­se:

    Mit die­sen Plät­zen und die­sen Ele­men­ten wird be­zeich­net, dass das, was im ei­gent­li­chen Sin­ne Dis­kurs ist, auf kei­ne Wei­se von ei­nem Sub­jekt aus ver­or­tet wer­den kann, ob­wohl der Dis­kurs es de­ter­mi­niert.

    Was den Dis­kurs an­geht, geht es nicht nur dar­um, dass er von da­her nur im Lich­te sei­ner un­be­wuss­ten Trieb­fe­der be­ur­teilt wer­den kann, son­dern auch dar­um, dass er nicht mehr als et­was an­de­res ge­äu­ßert wer­den kann denn als das, was von ei­ner Struk­tur aus ar­ti­ku­liert wird, in der es sich ir­gend­wo auf ir­re­du­zi­ble Wei­se ent­frem­det fin­det.

    Von da­her mei­ne ein­lei­ten­de Aus­sa­ge. ‚Von ei­nem Dis­kurs‘ ((La­can be­zieht sich auf den Ti­tel des Se­mi­nars)), hier hal­te ich inne, das ist nicht der mei­ne. Von die­ser Aus­sa­ge über den Dis­kurs als Dis­kurs, der nicht der Dis­kurs von je­mand Be­stimm­tem sein kann, son­dern der sich auf eine Struk­tur grün­det, und von dem Ak­zent, dem ihm die Auf­tei­lung, das Glei­ten be­stimm­ter die­ser Ter­mi­ni ver­leiht, von da gehe ich in die­sem Jahr aus, bei dem, was den Ti­tel hat ‚Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre‘.“ (Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 10)

    In sei­nem Hin­weis für den ja­pa­ni­schen Le­ser (1972) schreibt La­can über den Dis­kurs des Psy­cho­ana­ly­ti­kers, dass die Psy­cho­ana­ly­ti­ker von die­sem Dis­kurs nichts wis­sen, und fährt fort:

    Den Dis­kurs, von dem man selbst die Wir­kung ist, ver­steht man nicht. Rand­be­mer­kung: gleich­wohl ist das mög­lich. Aber dann wird man aus­ge­schlos­sen, durch das, was den Kör­per / die Kör­per­schaft die­ses Dis­kur­ses aus­macht (? Mais alors on se fait ex­pulser par ce qui fait corps de ce dis­cours). Das ist mir also wi­der­fah­ren.“ (Avis au lec­teur ja­po­nais. In: Au­tres écrits, S. 498)

  37. Vgl. J. La­can: Die Wis­sen­schaft und die Wahr­heit (1966). In: Schrif­ten III, S. 231–257; Ste­no­gramm der Er­öff­nungs­vor­le­sung von Se­mi­nar 13 am 1. De­zem­ber 1965.
  38. Die Be­to­nung von leur ist auf der Ton­auf­nah­me zu er­ken­nen, man fin­det sie auch in Ver­si­on Chol­let.
  39. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „aux yeux“ (den Au­gen).– Mil­ler: „aux mieux“ (am bes­ten).– Litu­ra­terre II: kei­ne Ent­spre­chung.
  40. La­can be­zieht sich auf sei­nen Auf­satz L’instance de la lett­re dans l’inconscient ou la rai­son de­puis Freud, deutsch: Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten oder die Ver­nunft seit Freud (1957), Schrif­ten II, S. 15–55.

    In die­sem Auf­satz wird der Buch­sta­be (lett­re) ein­gangs so de­fi­niert:

    Aber wie muss man die­sen Buch­sta­be hier auf­fas­sen? Ein­zig und al­lein buch­stäb­lich.

    Mit ‚Buch­sta­be‘ be­zeich­nen wir je­nen ma­te­ri­el­len Trä­ger, den der kon­kre­te Dis­kurs der Spra­che ent­lehnt.

    Die­se ein­fa­che De­fi­ni­ti­on un­ter­stellt, dass die Spra­che nicht mit den un­ter­schied­li­chen so­ma­ti­schen und psy­chi­schen Funk­tio­nen ver­mengt wird, durch die sie beim spre­chen­den Sub­jekt eher schlecht als recht be­dient wird.“ (Schrif­ten II, S. 19)

    Der Buch­sta­be be­ruht dem­nach auf der Be­zie­hung zwi­schen der Spra­che als ei­ner vor­ge­ge­be­nen Struk­tur und dem kon­kre­ten Dis­kurs, d.h. dem all­täg­li­chen Spre­chen. Der kon­kre­te Dis­kurs ent­lehnt der Spra­che ei­nen ma­te­ri­el­len Trä­ger. Was ist dar­un­ter zu ver­ste­hen? Das Pho­nem. Das wird klar, wenn La­can in die­sem Auf­satz die Funk­ti­on des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten er­läu­tert.

    So han­delt die ‚Traum­deu­tung‘ Sei­te für Sei­te von nichts an­de­rem als dem, was wir den Buch­sta­ben des Dis­kur­ses nen­nen, im Hin­blick auf sei­ne Tex­tur, sei­ne Ver­wen­dun­gen, sei­ne Im­ma­nenz in der hier in Fra­ge ste­hen­den Ma­te­rie. (…)

    Die ers­te aus­drück­li­che Be­stim­mung gleich im Ein­gangs­ka­pi­tel ((der „Traum­deu­tung“)) – denn die­se Mit­tei­lung lei­det kei­nen Auf­schub – be­sagt, daß der Traum ein Re­bus sei. Und Freud prä­zi­siert, daß die­se Be­stim­mung, wie ich zu An­fang ge­sagt habe, buch­stäb­lich auf­zu­fas­sen sei. Im Traum näm­lich ver­fol­gen wir die Ein­wir­kun­gen eben der ver­buch­stäb­li­chen­den (oder an­ders ge­sagt: pho­n­ema­ti­schen) Struk­tur (struc­tu­re lit­té­ran­te), in wel­cher sich der Si­gni­fi­kant im Dis­kurs ar­ti­ku­liert und sich ana­ly­sie­ren läßt.“ (Schrif­ten II, S. 35, Ein­schub in ecki­gen Klam­mern von mir, RN)

    Der Ein­schub „(oder an­ders ge­sagt: pho­n­ema­ti­schen)“ ist von La­can; un­ter dem Buch­sta­ben ver­steht er hier also das Pho­nem in ei­ner be­stimm­ten Wirk­sam­keit.

    Der Traum ist ein Re­bus: die­se The­se von Freud ist das Pa­ra­dig­ma für La­cans Kon­zept des Buch­sta­bens. Freud un­ter­schei­det den ma­ni­fes­ten Traum­in­halt (den er­zähl­ten Traum) vom la­ten­ten Traum­ge­dan­ken und er­läu­tert die Be­zie­hung zwi­schen den bei­den Ebe­nen so:

    Die ((la­ten­ten)) Traum­ge­dan­ken sind uns ohne wei­te­res ver­ständ­lich, so­bald wir sie er­fah­ren ha­ben. Der ((ma­ni­fes­te)) Traum­in­halt ist gleich­sam in ei­ner Bil­der­schrift ge­ge­ben, de­ren Zei­chen ein­zeln in die Spra­che der Traum­ge­dan­ken zu über­tra­gen sind. Man wür­de of­fen­bar in die Irre ge­hen, wenn man die­se Zei­chen nach ih­rem Bil­der­wert an­statt nach ih­rer Zei­chen­be­zie­hung le­sen woll­te. ich habe etwa ein Bil­der­rät­sel (Re­bus) vor mir: ein Haus, auf des­sen Dach ein Boot zu se­hen ist, dann ein ein­zel­ner Buch­sta­be, dann eine lau­fen­de Fi­gur, de­ren Kopf weg­a­po­stro­phiert ist, u. dgl. Ich könn­te nun in die Kri­tik ver­fal­len, die­se Zu­sam­men­stel­lung und de­ren Be­stand­tei­le für un­sin­nig zu er­klä­ren. Ein Boot ge­hört nicht auf das Dach ei­nes Hau­ses, und eine Per­son ohne Kopf kann nicht lau­fen; auch ist die Per­son grö­ßer als das Haus und wenn das Gan­ze eine Land­schaft dar­stel­len soll, so fü­gen sich die ein­zel­nen Buch­sta­ben nicht ein, die ja in frei­er Na­tur nicht vor­kom­men. Die rich­ti­ge Be­ur­tei­lung des Re­bus er­gibt sich of­fen­bar erst dann, wenn ich ge­gen das Gan­ze und die Ein­zel­hei­ten des­sel­ben kei­ne sol­chen Ein­sprü­che er­he­be, son­dern mich be­mü­he, je­des Bild durch eine Sil­be oder ein Wort zu er­set­zen, das nach ir­gend­wel­cher Be­zie­hung durch das Bild dar­stell­bar ist. Die Wor­te, die sich so zu­sam­men­fin­den, sind nicht mehr sinn­los, son­dern kön­nen den schöns­ten und sinn­reichs­ten Dich­ter­spruch er­ge­ben.“ (S. Freud: Die Traum­deu­tung (1900). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 2. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 280 f.)

    Der Traum ist ein Re­bus und das heißt: er ist pho­n­ema­tisch zu le­sen, buch­stäb­lich. Wie in ei­nem Bil­der­rät­sel steht auch im Traum das Bild ei­nes Hau­ses nicht für das Si­gni­fi­kat „Haus“, also nicht für das Wohn- oder Ge­schäfts­ge­bäu­de, son­dern für die Sil­be „Haus“; man fin­det sie etwa in „haust du ihn?“oder in „Hausse“ vs. Baisse oder in „hau­ßen“, wie man in Süd­deutsch­land für „hier au­ßen“ sagt. Im Traum ist also eine pho­n­ema­ti­sche Struk­tur am Werk, sie be­mäch­tigt sich des kon­kre­ten Dis­kur­ses und or­ga­ni­siert ihn.

    Da­mit ist klar, was es meint, dass der kon­kre­te Dis­kurs der Spra­che ei­nen ma­te­ri­el­len Trä­ger ent­lehnt. Be­zo­gen auf den Traum ist der kon­kre­te Dis­kurs der er­zähl­te Traum, der ma­ni­fes­te Traum­in­halt. Die­ser kon­kre­te Dis­kurs ent­lehnt der Spra­che ei­nen ma­te­ri­el­len Trä­ger, näm­lich das Pho­nem.

    Vom „to­ten Buch­sta­ben“ spricht La­can in L’instance de la lett­re an der fol­gen­den Stel­le:

    Si­cher, man sagt, der Buch­sta­be tö­tet, und der Geist macht le­ben­dig. Wir schlie­ßen uns nicht aus von die­ser Kon­ven­ti­on, zu­mal wir hier ir­gend­wo ein ed­les Op­fer zu be­grü­ßen hat­ten, das den Irr­tum be­ging, im Buch­sta­ben zu su­chen, aber wir fra­gen auch, wie der Geist ohne den Buch­sta­ben le­ben könn­te. Die An­sprü­che des Geis­tes wür­den auch dann un­an­ge­foch­ten blei­ben, wenn der Buch­sta­be nicht die Pro­be ab­ge­legt hät­te da­von, dass er alle sei­ne Wahr­heits­wir­kun­gen im Men­schen tä­tigt, ohne daß der Geist auch nur das ge­rings­te da­mit zu schaf­fen hat.

    Dies hat sich Freud of­fen­bart, und Freud nann­te sei­ne Ent­de­ckung das Un­be­wuß­te.“ (Schrif­ten II, S. 34)

    Nicht das Si­gni­fi­kat hat Wahr­heits­wir­kun­gen, auf die­ser Ebe­ne kommt es zur Ver­wei­sung von Be­deu­tung auf Be­deu­tung. Der Wahr­heits­ef­fekt wird viel­mehr durch den Buch­sta­ben her­vor­ge­bracht, durch die Wirk­sam­keit der pho­n­ema­ti­schen Struk­tur des Si­gni­fi­kan­ten auf der Ebe­ne des kon­kre­ten Dis­kur­ses.

    Was könn­te da­mit ge­meint sein? Viel­leicht dies. Der drit­te Ab­schnitt des Auf­sat­zes trägt die Über­schrift La lett­re, l’être et l’autre (Schrif­ten II, S. 49). Viel­leicht will La­can sa­gen, dass es Laut­ähn­lich­kei­ten die­ser Art sind, die ei­nen Wahr­heits­ef­fekt er­zeu­gen. Die Über­set­zung – Der Buch­sta­be, das Sein und der an­de­re – bringt die Ho­mo­pho­nie zum Ver­schwin­den. Da­mit ist die Über­schrift für den Le­ser we­ni­ger über­zeu­gend. Die Wahr­heits­wir­kung des Buch­sta­bens wäre dann die an die Laut­sei­te der Spra­che ge­bun­de­ne Über­zeu­gungs­kraft.

    In Se­mi­nar 18 hat­te La­can frü­her zum Auf­satz Das Drän­gen des Buch­sta­bens ge­sagt:

    Wenn man sich auf ei­ni­ge an­de­re Ar­ti­kel be­zieht, die da zum Dreck ge­bracht wor­den sind, pou­bel­li­qués ((pu­bliés (ver­öf­fent­licht) + pou­bel­le (Ab­fall­ei­mer))), hät­te man sich viel­leicht sa­gen kön­nen, dass es nicht von un­ge­fähr ist, dass ich ge­schrie­ben habe Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten. Ich habe nicht ge­sagt Das Drän­gen des Si­gni­fi­kan­ten, die­ser teu­re Si­gni­fi­kant, la­ca­nia­nisch, was man sagt, was man sagt, was man sagt, wenn man sa­gen will, dass ich ihn un­be­rech­tig­ter­wei­se Saus­su­re ge­raubt habe.

    Ja. Dass der Traum, sagt Freud, ein Re­bus ist, das ist nicht das, was mich ei­nen ein­zi­gen Mo­ment lang da­von ab­brin­gen wird, dass das Un­be­wuss­te wie eine Spra­che struk­tu­riert ist. Nur, das ist eine Spra­che, in de­ren Mit­te ihr Ge­schrie­be­nes er­schie­nen ist. Das be­deu­tet na­tür­lich nicht, dass man die­sen Ge­stal­ten, die in den Träu­men her­um­spa­zie­ren, den ge­rings­ten Glau­ben schen­ken muss – und wann wer­den wir es tun, nicht wahr? –, seit wir wis­sen, dass das Wort­vor­stel­lun­gen sind, denn das ist ein Re­bus, das wird über­setzt, über­tra­gen* in das, was man die Ge­dan­ken* des Un­be­wuss­ten nennt.“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 89; La­can sagt, auf Deutsch, „über­trägt“ statt „über­tra­gen“)

  41. In Die Be­deu­tung des Phal­lus (1958) schreibt La­can:

    Der Phal­lus als Si­gni­fi­kant gibt die rai­son des Be­geh­rens (nach der Be­deu­tung, die die­ser Be­griff in der fran­zö­si­schen Spra­che hat, wenn von ei­ner ‚mitt­le­ren und äu­ße­ren rai­son‘ im Gol­de­nen Schnitt die Rede ist).“ (Schrif­ten II, S. 129)

    Beim gol­de­nen Schnitt wird eine Ge­ra­de in zwei Ab­schnit­te so ge­teilt, dass sich die ge­sam­te Ge­ra­de zum län­ge­ren Ab­schnitt so ver­hält wie der län­ge­re Ab­schnitt zum kür­ze­ren. Die la­tei­ni­sche Über­set­zung von Eu­klids Be­schrei­bung die­ser Be­zie­hung lau­tet: pro­por­tio ha­bens me­di­um et duo ex­tre­ma, „das­je­ni­ge Ver­hält­nis, das eine Mit­te und zwei Ex­tre­me hat“ (Buch VI, De­fi­ni­ti­on 3); im Fran­zö­si­schen wird die­se Pro­por­ti­on als ex­trê­me et mo­y­enne rai­son be­zeich­net, als „äu­ße­re und mitt­le­re Pro­por­ti­on“ („und“, nicht „oder“).

    In Se­mi­nar 14 von 1966/67, Die Lo­gik des Phan­tas­mas, kommt La­can dar­auf zu­rück und ent­wi­ckelt das Kon­zept der „mitt­le­ren und äu­ße­ren rai­son“ für den se­xu­el­len Akt und für den psy­cho­ana­ly­ti­schen Akt (Sit­zun­gen vom 22. Fe­bru­ar bis zum 14. Juni 1967). Da­bei wird klar, dass es ihm hier­bei um die In­kom­men­sura­bi­li­tät geht, um die Un­ver­ein­bar­keit zwei­er Maß­ver­hält­nis­se.

    Bi­fi­di­tät meint „Zwei­tei­lung“; die Bi­fi­di­tät der Mes­sung ist die In­kom­men­sura­bi­li­tät.

    Der Phal­lus ist in­so­fern die rai­son des Be­geh­rens, als er der Si­gni­fi­kant der In­kom­men­sura­bi­li­tät ist.

  42. Der Aus­druck mé­dia­ti­on, „Ver­mitt­lung“, er­scheint in Se­mi­nar 18 noch ein wei­te­res Mal; ob es ei­nen Zu­sam­men­hang zu die­ser Stel­le gibt, ist mir nicht klar.

    Nach ei­ner Be­mer­kung zum Aus­druck Φ(x) heißt es:

    Der Über­gang zur Ver­mitt­lung, in An­füh­rungs­zei­chen, ist nur die Ver­mitt­lung die­ses zu­min­dest eins, das ich her­vor­he­be, und das wir bei Pea­no in dem be­stän­dig wie­der­hol­ten n + 1 wie­der­fin­den, das in ge­wis­ser Wei­se vor­aus­setzt, dass das vor­an­ge­hen­de n sich auf Null re­du­ziert. Wo­durch wird es auf Null re­du­ziert? Ge­nau durch den Va­ter­mord. Durch die­se Ver­or­tung, durch die­sen Um­weg, durch die­se un­ge­ra­de* Art und Wei­se – um Fre­ges ei­ge­nen Aus­druck zu ver­wen­den –, be­zieht sich der Sinn (sens) des Va­ter­mor­des auf eine Be­deu­tung*, auf die des Phal­lus.“ (Sit­zung vom 16. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 177)

  43. La­can be­zieht sich auf den Be­griff „na­tür­li­che Se­lek­ti­on“.
  44. Quel­le der ne­ben­ste­hen­den Ab­bil­dung: Ar­ti­kel „Li­to­ral“ in der deut­schen Wi­ki­pe­dia.
  45. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „mé­con­naît­re“.– Mil­ler: „re­con­naît­re“ (er­ken­nen, an­er­ken­nen).– Litu­ra­terre II: „mé­con­naît­re“ (Au­tres écrits, S. 14).
  46. In ei­ner spä­te­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 heißt es:

    Mei­ne For­mel, dass das Un­be­wuss­te struk­tu­riert ist wie eine Spra­che, ver­weist also dar­auf, dass die Mi­ni­mal­be­din­gung des Un­be­wuss­ten die Spra­che ist.“ (Sit­zung vom 9. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 152)

  47. Mit Me­ta­pher und Me­to­ny­mie be­zeich­net La­can in Das Drän­gen des Buch­sta­bens die Dy­na­mik des Un­be­wuss­ten. Die­sen Ge­dan­ken über­nimmt er von Ro­man Ja­kobson.

    In Two as­pects of lan­guage and two ty­pes of apha­sic dis­tur­ban­ces (1956) schreibt Ja­kobson:

    A com­pe­ti­ti­on bet­ween both de­vices, me­to­ny­mic and me­ta­pho­ric, is ma­ni­fest in any sym­bo­lic pro­cess, eit­her in­tra­per­so­nal or so­ci­al. Thus in an in­qui­ry into the struc­tu­re of dreams, the de­cisi­ve ques­ti­on is, whe­ther the sym­bols and the tem­po­ral se­quen­ces used are ba­sed on con­ti­gui­ty (Freud’s me­to­ny­mic ‚dis­pla­ce­ment‘ and syn­ec­dochic ‚con­den­sa­ti­on‘) or on si­mi­la­ri­ty (Freud’s ‚iden­ti­fi­ca­ti­on and sym­bo­lism‘).” (In: Ders. und Mor­ris Hal­le: Fun­da­men­tals of lan­guage. Mou­ton & Co, ’s-Gra­ven­ha­ge (Den Haag) 1956, dar­in Teil II, S. 53–82, hier: S. 80 f.)

    Die ver­öf­fent­lich­te deut­sche Über­set­zung die­ser Pas­sa­ge ent­hält ei­nen Feh­ler: „dis­pla­ce­ment“ wird hier mit „Ver­drän­gung“ ins Deut­sche ge­bracht, statt, wie es rich­tig wäre, mit „Ver­schie­bung“ („Ver­drän­gung“ wäre re­pres­si­on). Man liest hier:

    Eine ge­wis­se Ri­va­li­tät zwi­schen den me­to­ny­mi­schen und me­ta­pho­ri­schen Dar­stel­lungs­wei­sen kommt bei je­dem sym­bo­li­schen Pro­zeß, gleich­gül­tig ob es sich um ei­nen in­tra­per­so­nel­len oder um ei­nen so­zia­len han­delt, zum Vor­schein.

    So ist es auch bei der Un­ter­su­chung von Traum­struk­tu­ren eine ent­schei­den­de Fra­ge, ob die Sym­bo­le und die zeit­li­che Rei­hen­fol­ge auf Kon­ti­gui­tät (Freuds me­to­ny­mi­sche ‚Ver­drän­gung‘ und syn­ek­doch­ei­sche ‚Ver­dich­tung‘) oder auf Si­mi­la­ri­tät (Freuds ‚Iden­ti­fi­zie­rung‘ und ‚Sym­bo­lis­mus‘) be­ru­hen.“

    (R. Ja­kobson: Zwei Sei­ten der Spra­che und zwei Ty­pen apha­ti­scher Stö­run­gen (1956). Über­setzt von Ge­org Fried­rich Mei­er, Über­ar­bei­tung der Über­set­zung durch Wolf­gang Raible. In: R. Ja­kobson: Auf­sät­ze zur Lin­gu­is­tik und Poe­tik. Hg. v. Wolf­gang Raible. Ull­stein, Frank­furt am Main u.a. 1979, S.117–141, im In­ter­net hier; der zi­tier­te Satz fin­det sich auf S. 137 f. Die­se Über­set­zung be­ruht auf der Über­set­zung von Fun­da­men­tals of lan­guage durch Ge­org Fried­rich Mei­er, die, un­ter dem Ti­tel Grund­la­gen der Spra­che, 1960 im Aka­de­mie-Ver­lag er­schien.)

    Mei­ne Über­set­zung:

    Eine Ri­va­li­tät zwi­schen den bei­den Me­cha­nis­men, me­to­ny­mi­schen und me­ta­pho­ri­schen, ma­ni­fes­tiert sich in je­dem sym­bo­li­schen Pro­zess, sei er in­tra­per­so­nal oder so­zi­al. So lau­tet bei der Er­for­schung der Struk­tur der Träu­me die ent­schei­den­de Fra­ge, ob die Sym­bo­le und die ver­wen­de­ten zeit­li­chen Se­quen­zen auf Kon­ti­gui­tät be­ru­hen (Freuds me­to­ny­mi­sche ‚Ver­schie­bung‘ und syn­ek­doch­ei­sche ‚Ver­dich­tung‘) oder auf Si­mi­la­ri­tät (Freuds ‚Iden­ti­fi­zie­rung und Sym­bo­lik‘).“

    In Ra­dio­pho­nie be­zieht La­can die Me­to­ny­mie auf das Ge­nie­ßen:

    Die Me­to­ny­mie, es ist nicht aus dem Sinn von vor dem Sub­jekt, daß sie spielt (also von der Bar­rie­re des Nicht­sinns her), es ist aus dem Genuß, wor­in das Sub­jekt sich pro­du­ziert als Schnitt: der ihm also Stoff macht, aber in­dem er es da­für auf eine an die­sen Kör­per ge­bun­de­ne Ober­flä­che re­du­ziert, schon das Fak­tum des Si­gni­fi­kan­ten.

    Nicht, wohl­ver­stan­den, daß der Si­gni­fi­kant sich ver­an­ke­re (noch sich ver­fär­be) im Kit­zel (im­mer noch die Kis­te Na­po­le­on), son­dern daß er ihn un­ter an­de­ren Zü­gen er­mög­li­che, mit de­nen sich der Genuß be­deu­tet und wo­von das Pro­blem ist, zu wis­sen, was sich dar­aus be­frie­digt.

    Daß un­ter dem, was sich ein­schreibt, die Pas­si­on des Si­gni­fi­kan­ten glei­tet, muß man sie: Genuß des An­de­ren nen­nen, denn dar­in, daß sie hin­ge­ris­sen sei von ei­nem Kör­per, wird er dar­über der Ort des An­de­ren.

    Die Me­to­ny­mie, wir­kend aus ei­nem Me­ta­bo­lis­mus des Ge­nie­ßens, des­sen Po­ten­ti­al durch den Schnitt des Sub­jekts ge­re­gelt wird, ko­tiert als Wert, was sich da­von über­trägt.“ (Ra­dio­pho­nie, S. 21)

    In ei­ner spä­te­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 sagt La­can zu Me­ta­pher und Me­to­ny­mie:

    Von da­her, dass die Spra­che nur von ei­ner ein­zi­gen Be­deu­tung* her ge­bil­det wird, be­zieht sie ihre Struk­tur, die dar­in be­steht, dass man das, was man be­wohnt, nur für die Me­ta­pher ver­wen­den kann, wor­aus all der my­thi­sche Irr­sinn her­vor­geht, von dem ihre Be­woh­ner le­ben, so­wie für die Me­to­ny­mie, von der sie ‚das biss­chen Rea­li­tät‘ neh­men, das ih­nen bleibt, in Ge­stalt der Mehr­lust.“ (Sit­zung vom 9. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 149)

    La­can spielt hier auf Fre­ges Ge­gen­satz von Sinn und Be­deu­tung an.

    Und in der Schluss­sit­zung des Se­mi­nars heißt es:

    Das letz­te Mal habe ich dies ar­ti­ku­liert, um die Din­ge an dem Punkt auf­zu­grei­fen, der tat­säch­lich be­fragt wer­den kann, dar­über, was es mit der ganz ge­wöhn­li­chen Rede auf sich hat: wenn wir das, was die Lin­gu­is­tik uns an­zeigt, nicht bis zum Ende füh­ren wol­len, son­dern wenn wir es ein­fach ex­tra­po­lie­ren, dann wird uns klar, das nichts von dem, was die Spra­che uns zu tun ge­stat­tet, je­mals et­was an­de­res ist als Me­ta­pher oder aber Me­to­ny­mie. Das, was je­des Spre­chen, wel­ches auch im­mer, in ei­nem be­stimm­ten Mo­ment zu be­nen­nen vor­gibt, kann im­mer nur auf eine Kon­no­ta­ti­on ver­wei­sen.

    Ich habe das letz­te Mal ge­sagt, wenn es et­was gibt, wor­auf letzt­lich ver­wie­sen wer­den könn­te als das, was von den mit­ein­an­der kom­bi­nier­ten Sprach­funk­tio­nen de­no­tiert wird, dann ist das eine Be­deu­tung*, und es gibt nur eine, die Be­deu­tung des Phal­lus*.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 170)

    La­can be­zieht sich auf: Jean Tar­dieu: Un mot pour un aut­re. Gal­li­mard, Pa­ris 1951 (Thea­ter­stück); dt.: Pro­fes­sor Fro­ep­pel. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln u.a. 1966.

  48. La­can be­zieht sich hier und in den fol­gen­den Sät­zen auf Jac­ques Der­ri­da: Freud und der Schau­platz der Schrift (1966). In: Ders.: Die Schrift und die Dif­fe­renz. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1972, S. 302–350.

    In der Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1971 hat­te er hier­zu an­ge­merkt:

    In un­se­rer Zeit ist es sehr wich­tig – aus­ge­hend von be­stimm­ten Äu­ße­run­gen, die ge­macht wor­den sind und die dazu ten­die­ren, sehr be­dau­er­li­che Ver­wir­run­gen her­vor­zu­ru­fen –, dar­an zu er­in­nern, dass das Ge­schrie­be­ne im Ver­hält­nis zu je­der Funk­ti­on der Spra­che kei­nes­wegs pri­mär son­dern se­kun­där ist, dass es aber nichts­des­to­we­ni­ger ohne das Ge­schrie­be­ne auf kei­ne Wei­se mög­lich ist, dass man da­hin kommt, das zu be­fra­gen, was in ers­ter Li­nie aus der Sprach­wir­kung als sol­cher her­vor­geht, an­ders ge­sagt aus der sym­bo­li­schen Ord­nung, näm­lich die Di­men­si­on, um Ih­nen ein Ver­gnü­gen zu ma­chen, aber Sie wis­sen, dass ich ei­nen an­de­ren Term ein­ge­führt habe, die dem­an­si­on, die Woh­nung, der Ort des An­de­ren der Wahr­heit.“ (Se­mi­nar 18, Ver­si­on Mil­ler, S. 64)

    In der Sit­zung vom 10. März 1971 heißt es zu Der­ri­da (des­sen Name nicht ge­nannt wird), nach Be­mer­kun­gen über Hei­deg­gers Be­griff des Da­seins:

    Be­sag­te Prä­senz als lo­go­zen­trisch zu kri­ti­sie­ren, wie es ge­macht wor­den ist, die Idee des in­spi­rier­ten Spre­chens, wie man sagt, in de­ren Na­men, dass das in­spi­rier­te Spre­chen –; si­cher­lich kann man dar­über la­chen, dem Spre­chen den gan­zen Blöd­sinn zur Last le­gen, in die ein be­stimm­ter Dis­kurs sich ver­irrt hat, und uns zu ei­ner my­thi­schen Ur­schrift füh­ren, al­les in al­lem ein­zig aus dem ge­bil­det, was man zu­recht als ei­nen be­stimm­ten blin­den Fleck be­greift, den man in all dem kri­ti­sie­ren kann, was über die Schrift nach­ge­dacht wor­den ist – all das führt kaum wei­ter.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 78)

  49. Wort­spiel mit dem Dop­pel­sinn von qui m’importe: der mir wich­tig ist / der mich im­por­tiert.
  50. In den For­meln der vier Dis­kur­se ist der Platz des Scheins der Platz oben links (vgl. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 25). Im Dis­kurs der Uni­ver­si­tät ist das Wis­sen, S2, am Platz oben links, also am Platz des Scheins.
  51. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „J’eus dû le gar­der“.– Mil­ler „J’eusse dû“ (Ich hät­te müs­sen; Sub­junk­tiv Im­per­fekt).– Litu­ra­terre II: Le moind­re sen­ti­ment (…) eût dû …“ (Das ge­rings­te Ge­fühl … hät­te müs­sen; Sub­junk­tiv Im­per­fekt) (Au­tres écrits, S. 14)
  52. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „im­pré­ci­ses“.– Mil­ler und Litu­ra­terre II: „im­pres­si­ves“ (Au­tres écrits, S. 14).
  53. Vgl. S. Freud: Ent­wurf ei­ner Psy­cho­lo­gie (1895). Von die­sem Text gibt es zwei deut­sche Aus­ga­ben mit un­ter­schied­li­chen Tran­skrip­tio­nen:

    (a) S. Freud: Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se 1887–1902. Brie­fe an Wil­helm Fließ. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1950, S. 299–384.

    (b) Da die 1950 ver­öf­fent­lich­te Tran­skrip­ti­on feh­ler­haft ist, wur­de in den Ge­sam­mel­ten Wer­ken eine neue Tran­skrip­ti­on ver­öf­fent­licht, er­stellt von In­ge­borg Mey­er-Pal­me­do: S. Freud: Ge­sam­mel­te Wer­ke. Nach­trags­band. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1987, S. 375–486.

    Auf den Ent­wurf hat­te La­can sich zu­erst in Se­mi­nar 2 be­zo­gen, dann wie­der in Se­mi­nar 7.

    Vgl. hier­zu: Mai We­ge­ner: Neu­ro­nen und Neu­ro­sen. Der psy­chi­sche Ap­pa­rat bei Freud und La­can. Ein his­to­risch-theo­re­ti­scher Ver­such zu Freuds „Ent­wurf“ von 1985. Fink, Mün­chen 2004.

  54. Brief von Freud an Wil­helm Fließ vom 6. De­zem­ber 1896. Vgl. S. Freud, Aus den An­fän­gen der Psy­cho­ana­ly­se, a.a.O., S. 151–156. In der Neu­aus­ga­be der Fließ-Brie­fe ist dies der 112. Brief: S. Freud: Brie­fe an Wil­helm Fließ 1887–1904. Un­ge­kürz­te Aus­ga­be. Hg. v. Jef­frey Mous­sai­eff Mas­son. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 1986, S. 217–226.
  55. Freud schreibt: „Wz ((Wahr­neh­mungs­zei­chen)) ist die ers­te Nie­der­schrift der Wahr­neh­mun­gen, des Be­wußt­seins ganz un­fä­hig, nach Gleich­zei­tig­keits­as­so­zia­tio­nen ge­fügt.“ (Brie­fe an Wil­helm Fließ 1887–1904, a.a.O., S. 218, Ein­fü­gung in Klam­mern von Mas­son)
  56. Im Poe-Auf­satz heißt es um­ge­kehrt, daß „wir leh­ren, daß das Un­be­wuß­te, will hei­ßen: daß der Mensch vom Si­gni­fi­kan­ten be­wohnt wird“ (Schrif­ten I, S. 35).

    In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can eine Ver­bin­dung zwi­schen der Schrift und dem Be­woh­nen der Spra­che her­ge­stellt:

    Ich den­ke, dass wir die letz­ten Male über die Woh­nung (ha­bi­tat) des Spre­chens be­reits ge­nug Din­ge ge­sagt ha­ben, um zu se­hen, dass un­se­re Ent­de­ckung doch zu­min­dest da­mit eng ver­knüpft ist, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, so wie ich es de­fi­niert habe. Oder, wenn Sie so wol­len, dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis das Spre­chen selbst ist. Ge­ben Sie zu, dass das im­mer­hin ein biss­chen zu wün­schen (dé­si­rer) üb­rig lässt. Im Üb­ri­gen den­ke ich, dass Sie ein Biss­chen dar­über wis­sen. Dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, habe ich be­reits in der Form fest­ge­hal­ten, dass es ge­gen­wär­tig kei­ne Wei­se gibt, es zu schrei­ben.“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler S. 83)

  57. Mit „Öko­no­mie der Spra­che“ spielt La­can auf Freuds Be­griff der Öko­no­mie an, also auf den theo­re­ti­schen Ge­sichts­punkt quan­ti­ta­tiv be­stimm­ba­rer Er­re­gungs­men­gen; in La­cans Be­griff­lich­keit geht es bei der „Öko­no­mie der Spra­che“ um das Ver­hält­nis von Ge­nie­ßen und Wis­sen.

    In der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te er die­sen Zu­sam­men­hang so her­ge­stellt:

    Wer nicht sieht, dass die Öko­no­mie, so­gar die so­ge­nann­te der Na­tur, im­mer eine Dis­kur­s­tat­sa­che ist, der kann nicht be­grei­fen, dass dies dar­auf ver­weist, dass es hier ((in Jen­seits des Lust­prin­zips)) um das Ge­nie­ßen nur in­so­fern ge­hen konn­te, als es selbst nicht nur ein Fakt (fait), son­dern ein Ef­fekt (ef­fet) des Dis­kur­ses ist.“ (Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 21)

  58. Die ers­te Rei­se nach Ja­pan hat­te La­can 1963 un­ter­nom­men; er be­rich­tet dar­über in Se­mi­nar 10.
  59. La­can be­zieht sich hier auf sei­ne For­mel „Das Rea­le ist das Un­mög­li­che“, die er zu­erst in Se­mi­nar 9 vor­ge­bracht hat­te, in den Sit­zun­gen vom 14. und 21. März 1962.
  60. Das be­zieht sich ver­mut­lich auf die mit dem Bai­kal-Gra­ben ver­bun­de­ne Plat­ten­tek­to­nik.
  61. Zu Ja­pan vgl. auch: J. La­can: Avis au lec­teur ja­po­nais (1972). In: Au­tres écrits, S. 497–499.
  62. Zur Ein­wir­kung der Schrift auf die ja­pa­ni­sche Spra­che hat­te La­can sich in der Sit­zung vom 10. März 1971 ge­äu­ßert; vgl. Se­mi­nar 18, Ver­si­on Mil­ler, S. 91 f.
  63. Viel­leicht eine An­spie­lung auf Freuds Be­griff „Wort­vor­stel­lung“ (re­pré­sen­ta­ti­on des mots) – in ei­ner frü­he­ren Sit­zung des Se­mi­nars hat­te La­can er­klärt, die Schrift sei eine „Wort­vor­stel­lung“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 86); spä­ter fügt er in der­sel­ben Sit­zung hin­zu, es sei über­haupt nicht si­cher, ob es ohne die Schrift Wor­te gäbe. „Es ist viel­leicht die Vor­stel­lung als sol­che, die sie macht, die Wor­te.“ (A.a.O., S. 91).
  64. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „pro­pre­ment“.– Mil­ler: „re­pren­ant“ (wie­der auf­neh­mend).– Litu­ra­terre II: „pro­pre­ment“ (Au­tres écrits, S. 16).
  65. Von 1942 bis 1945 hat­te La­can an ei­nem Chi­ne­sisch-Kurs teil­ge­nom­men, der von dem an­ge­se­he­nen Si­no­lo­gen Paul De­mié­vil­le ge­lei­tet wur­de (vgl. hier); er er­in­nert hier­an in Se­mi­nar 18 (Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 46). Zwi­schen 1969 und 1973 traf La­can sich ein­mal wö­chent­lich mit dem Si­no­lo­gen François Cheng und sprach mit ihm über chi­ne­si­sche Klas­si­ker, vor al­lem über Lao Tse, Men­ci­us und Shi Tao (vgl. François Cheng: Le Doc­teur La­can au quo­ti­di­en. In: L‘Âne, Nr 48, Ok­to­ber-De­zem­ber 1991, im In­ter­net hier).
  66. Die ja­pa­ni­sche Schrift be­steht aus drei Schrift­ar­ten, aus chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen, Kan­ji ge­nannt, und aus zwei Kur­siv­schrif­ten, Hi­ra­ga­na und Ka­t­aka­na.
  67. La­can ver­weist auf ein Sche­ma von Charles San­ders Peirce, dass die Be­zie­hun­gen zwi­schen af­fir­ma­ti­ven, ne­ga­ti­ven, uni­ver­sa­len und par­ti­ku­la­ren Aus­sa­gen dar­stellt. Er hat­te sich dar­auf zu­erst in Se­mi­nar 15 be­zo­gen (Sit­zun­gen vom 7. Fe­bru­ar und vom 6. März 1968), in Se­mi­nar 18 war er dar­auf zu­rück­ge­kom­men (Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1971; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 69.– Sit­zung vom 17. März 1971; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 109).

    Nicht nur in Be­zug auf Qua­dran­ten 1, son­dern auch in Be­zug auf Qua­drant 4 kann man sa­gen: alle Stri­che sind ver­ti­kal. Dass es in Qua­drant 4 kei­ne Stri­che gibt, macht die Aus­sa­ge nicht falsch. Uni­ver­sa­le Aus­sa­gen sind We­sens­aus­sa­gen, ihre Wahr­heit ist un­ab­hän­gig von der Wahr­heit von Exis­tenz­be­haup­tun­gen, un­ab­hän­gig da­von, ob es et­was gibt, was ih­nen ent­spricht.

  68. Quel­le der Ab­bil­dung zur Ent­wick­lung der Kur­siv­schrift: Ar­ti­kel „Hi­ra­ga­na“ in der deut­schen Wi­ki­pe­dia.
  69. Den Ter­mi­nus dem­an­si­on hat­te La­can fünf Sit­zun­gen zu­vor ein­ge­führt:

    Die Wahr­heit ist nicht das Ge­gen­teil des Scheins. Die Wahr­heit ist, wenn ich so sa­gen kann, die­se Di­men­si­on oder die­se dem­an­si­on, D, E, M, A, N, wenn Sie mir ge­stat­ten, ein neu­es Wort zu bil­den, um die­se Be­cher zu be­zeich­nen, jene dem­an­si­on, die mit der­je­ni­gen des Scheins streng kor­re­liert.“ (Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971; über­setzt nach Ver­si­on Es­paces La­can)

    Mil­ler tran­skri­biert an die­ser Stel­le falsch mit „de­men­si­on“ (Se­mi­nar 18, Ver­si­on Mil­ler, S. 26) – der Ton­band­tran­skrip­ti­on von Es­paces La­can lässt sich ent­neh­men, dass La­can den vier­ten Laut als a buch­sta­biert, nicht als e.

    Das fran­zö­si­sche Wort man­si­on meint das „Haus“, z.B. in der As­tro­lo­gie. Of­fen­kun­dig spielt La­can hier auf eine For­mu­lie­rung von Hei­deg­ger an: „Die Spra­che ist der Be­zirk (temp­lum), d. h. das Haus des Seins.“ (M. Hei­deg­ger: Wozu Dich­ter? (1926) In: Ders.: Holz­we­ge. Ge­samt­aus­ga­be, Bd. 5. Klos­ter­mann, Frank­furt am Main 1977, S. 310)

    Die vier Be­cher – die vier Plät­ze der Dis­kurs­for­meln – bil­den dem­nach die vier Di­men­sio­nen der Spra­che, ihre vier dem­an­si­ons. Eine die­ser vier Di­men­sio­nen oder dem­an­si­ons ist die Wahr­heit (un­ten links), sie steht in Ver­bin­dung mit der Di­men­si­on bzw. dem­an­si­on des Scheins (oben links).

    Zu dem­an­si­on heißt es in der Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1971:

    (…) ohne das Ge­schrie­be­ne ist es auf kei­ne Wei­se mög­lich, dass man da­hin kommt, das zu be­fra­gen, was in ers­ter Li­nie aus der Sprach­wir­kung als sol­cher her­vor­geht, an­ders ge­sagt aus der sym­bo­li­schen Ord­nung, näm­lich die Di­men­si­on, um Ih­nen ein Ver­gnü­gen zu ma­chen, aber Sie wis­sen, dass ich ei­nen an­de­ren Term ein­ge­führt habe, die dem­an­si­on, die Woh­nung, der Ort des An­de­ren der Wahr­heit.

    Ich weiß, dass die­se dem­an­si­on bei ei­ni­gen Fra­gen auf­ge­wor­fen hat, die Echos da­von habe ich er­hal­ten. Nun, wenn dem­an­si­on tat­säch­lich ein neu­er Aus­druck ist, den ich fa­bri­ziert habe, und wenn er noch kei­nen Sinn hat, dann heißt das, dass es Ih­nen zu­kommt, ihm ei­nen zu ge­ben. Die dem­an­si­on der Wahr­heit in ih­rer Blei­be zu be­fra­gen, das ist et­was – da ist das Neue an dem, was ich heu­te ein­füh­re –, was nur durch das Ge­schrie­be­ne ge­macht wird, und durch das Ge­schrie­be­ne in­so­fern, in­so­fern die Lo­gik nur vom Ge­schrie­be­nen her kon­sti­tu­iert wird.

    Das ist das, was ich an die­sem Punkt mei­nes dies­jäh­ri­gen Dis­kur­ses ein­füh­re – eine Fra­ge der Lo­gik gibt es nur aus­ge­hend vom Ge­schrie­be­nen, in­so­fern das Ge­schrie­be­ne ge­ra­de nicht die Spra­che ist. Dar­auf be­zog sich mei­ne Aus­sa­ge, dass es kei­ne Met­a­spra­che gibt. In­so­fern das Ge­schrie­be­ne sich von der Spra­che un­ter­schei­det, ist dies da, um uns zu zei­gen: wenn die Spra­che vom Ge­schrie­be­nen her be­fragt wird, dann ge­nau in­so­fern, als das Ge­schrie­be­ne sie, die Spra­che, nicht ist, das Ge­schrie­be­ne aber nur kon­stru­iert, nur her­ge­stellt wird aus­ge­hend von sei­nem Be­zug auf die Spra­che.“ (Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 64 f.)

    Den Aus­druck Pas-plus-d’un hat­te La­can in Se­mi­nar 18 in der vor­an­ge­gan­ge­nen Sit­zung ein­ge­führt:

    Was ich an­de­rer­seits, be­zo­gen auf die­sen Ent­wen­de­ten Brief, her­vor­he­be, ist dies, wenn es nur eine Frau gibt und nicht Die Frau, an­ders aus­ge­drückt, wenn die Funk­ti­on der Frau nur durch das um­ge­setzt wird, was der gro­ße Ma­the­ma­ti­ker Brou­wer im Zu­sam­men­hang des­sen, was ich Ih­nen eben über die ma­the­ma­ti­sche Dis­kus­si­on vor­ge­tra­gen habe, als Viel-Ein­heit be­zeich­net, dann gibt es eine Funk­ti­on, die, recht ei­gent­lich ge­spro­chen, die des Va­ters ist, der da ist. Der Va­ter ist da, um sich an­er­ken­nen zu las­sen, in sei­ner ra­di­ka­len Funk­ti­on, in der­je­ni­gen, die er im­mer ma­ni­fes­tiert hat, je­des Mal, wenn es bei­spiels­wei­se um den Mo­no­the­is­mus ging.

    Es ist nicht ohne Be­deu­tung, dass Freud hier ge­schei­tert ist. Das ist näm­lich eine ab­so­lut we­sent­li­che Funk­ti­on, der man es vor­be­hal­ten soll­te, im ei­gent­li­chen Sin­ne am Ur­sprung der Schrift zu ste­hen. Das ist das, was ich das Nicht-mehr-als-eins (pas-plus-d’un) nen­nen wer­de.

    Aris­to­te­les macht si­cher­lich ganz und gar hin­rei­ßen­de, be­acht­li­che An­stren­gun­gen, wie er es für ge­wöhn­lich tut, um uns das durch Stu­fen zu­gäng­lich zu ma­chen; im Na­men sei­nes Prin­zips, das man als das Prin­zip des stu­fen­wei­sen Rück­stiegs von Ur­sa­che zu Ur­sa­che und von Sein zu Sein usw. qua­li­fi­zie­ren kann, wird es wohl nö­tig sein, dass Sie ir­gend­wo an­hal­ten. Das ist das Net­te bei ihm, dass er wirk­lich für die Dum­men sprach. Von da­her die Ent­wick­lung der Funk­ti­on des Sub­jekts.

    Das Nicht-mehr-als-eins stellt sich auf eine völ­lig ori­gi­nel­le Wei­se dar. Ohne Nicht-mehr-als-eins kön­nen Sie nicht ein­mal da­mit an­fan­gen, die Rei­he der gan­zen Zah­len zu schrei­ben. Das wer­de ich Ih­nen das nächs­te Mal an der Ta­fel zei­gen. Es ist nö­tig, dass es eine 1 gibt, und dann wie­der, da­mit Sie da­nach, je­des Mal, wenn Sie wie­der an­fan­gen wol­len, nur noch die Lip­pen zu schür­zen brau­chen, so dass das je­des Mal 1 mehr er­gibt, aber nicht das­sel­be. Hin­ge­gen sind all die­je­ni­gen, die sich so wie­der­ho­len, die sel­ben; sie kön­nen ad­diert wer­den. Man nennt das die arith­me­ti­sche Rei­he.“ (Sit­zung vom 17. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 106)

    In der Sit­zung vom 9. Juni 1971 wird der Be­griff pap­lu­dun wei­ter er­läu­tert:

    Dass das x den Über­gang zu ei­nem We­sen (être), zu ei­nem alle Frau­en auf­nö­tigt, den ein so sen­si­bles We­sen wie Aris­to­te­les tat­säch­lich nie­mals voll­zo­gen hat, das ge­nau ist es, was es ge­stat­tet, zu be­haup­ten, dass das alle Frau­en die­je­ni­ge Äu­ße­rung ist, von der her sich die Hys­te­ri­ke­rin als Sub­jekt ent­schei­det, und dass es des­halb so ist, dass eine Frau eng mit ei­nem pap­lu­dun ver­bun­den ist, durch das sie recht ei­gent­lich in die­ser Lo­gik des Nach­fol­gers ver­or­tet wird, die Pea­no uns als Mo­dell ge­ge­ben hat.

    Die Hys­te­ri­ke­rin ist nicht eine Frau. Es geht dar­um zu wis­sen, ob die Psy­cho­ana­ly­se, wie ich sie de­fi­nie­re, Zu­gang zu ei­ner Frau ver­schafft (…).“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 155)

    La­can er­läu­tert dann den Un­ter­schied zwi­schen Wahr­heit und Wis­sen an Pla­tons Me­non, als Un­ter­schied zwi­schen der wah­ren Mei­nung, die die Tu­gend fun­die­ren kann, und Wis­sen; das un­be­wuss­te Wis­sen ist Wis­sen über die Wahr­heit.

    Kann die­se Wahr­heit, in­so­fern sie sich in der Hys­te­ri­ke­rin ver­kör­pert, tat­säch­lich ei­nem Glei­ten un­ter­zo­gen wer­den, das hin­rei­chend ge­schmei­dig ist, dass sie die Ein­füh­rung in eine Frau wäre?

    Ich weiß durch­aus, dass die Fra­ge auf eine hö­he­re Ebe­ne ge­bracht wor­den ist, seit ich be­wie­sen habe, dass es sprach­lich Ar­ti­ku­lier­tes gibt, das nicht im Spre­chen ar­ti­ku­lier­bar ist, und dass ganz ein­fach von da das Be­geh­ren auf­taucht.

    Es ist je­doch ein­fach, das zu ent­schei­den. Ge­nau des­halb, weil es um das Be­geh­ren geht, in­so­fern es den Ak­zent auf die In­va­ri­anz des Un­be­kann­ten setzt – die links steht ((in den For­meln der Se­xu­ie­rung)), die­je­ni­ge, die sich nur un­ter der Über­schrift der Ver­nei­nung* her­stellt –, kann die Aus­höh­lung des Be­geh­rens durch die Ana­ly­se in kei­ner Funk­ti­on der Va­ria­blen ge­schrie­ben wer­den. Dies ist das Wi­der­la­ger, von dem her sich als sol­ches das Be­geh­ren der Hys­te­ri­ke­rin von dem trennt, was sich gleich­wohl her­stellt, und was es zahl­lo­sen Frau­en er­mög­licht, als sol­che zu funk­tio­nie­ren, d.h. in­dem sie ihr Sein zu ei­ner Funk­ti­on des pap­lu­dun ma­chen, für all ihre si­tua­ti­ven Ver­än­de­run­gen.

    Die Hys­te­ri­ke­rin spielt da die Rol­le des Funk­ti­ons­sche­mas, falls Sie wis­sen, was das ist. Das ist die Trag­wei­te mei­ner For­mel über das so­ge­nann­te un­be­frie­dig­te Be­geh­ren.

    Dar­aus folgt, dass die Hys­te­ri­ke­rin den Platz ein­nimmt, das pap­lu­dun ein­zu­füh­ren, von dem her jede der Frau­en ein­ge­setzt wird, auf dem Weg des nicht von je­der Frau kann ge­sagt wer­den, dass sie eine Funk­ti­on des Phal­lus ist.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 156)

    Ins­ge­samt hat der Ödipus<mythos> den Vor­teil, zu zei­gen, auf wel­che Wei­se der Mann auf die For­de­rung des pap­lu­dun ((nicht-mehr-als-eins)) ant­wor­ten kann, die im Sein ei­ner Frau ist. Er selbst wür­de da­von nicht-mehr-als eine lie­ben. Un­glück­li­cher­wei­se ist das nicht die­sel­be. Es ist im­mer das­sel­be Ren­dez-vous – als die Mas­ken fie­len, war es we­der er noch sie.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 158)

    In der letz­ten Sit­zung des Se­mi­nars heißt es:

    Aber dann, da ich Ih­nen vom Pap­lu­dun aus die lo­gi­fi­zier­te Wahl­mög­lich­keit in der un­be­frie­dig­ten Be­zie­hung des se­xu­el­len Ver­hält­nis­ses be­zeich­net habe, ah­nen wir auch, wor­auf die un­glaub­li­chen Ge­fäl­lig­kei­ten von Freud ge­gen­über ei­nem Mo­no­the­is­mus hin­aus­lau­fen, des­sen Mo­dell er merk­wür­di­ger­wei­se von ganz wo­an­ders holt als aus sei­ner Tra­di­ti­on. Für ihn muss das Ech­na­ton sein. Auf der se­xu­el­len Ebe­ne ist nichts zwei­deu­ti­ger als die­ser so­la­re Mo­no­the­is­mus, wenn man sieht, wie er strahlt, mit all sei­nen Strah­len, die mit klei­nen Hän­den aus­ge­stat­tet sind, die die Na­sen­lö­cher un­zäh­li­ger win­zi­ger Men­schen kit­zeln wer­den, Kin­der des ei­nen und des an­de­ren Ge­schlechts, wo­bei in die­ser bild­haf­ten Dar­stel­lung der ödi­pa­len Struk­tur er­staun­lich ist, dass sie sich äh­neln wie Brü­der, so muss man wohl sa­gen, und mehr noch wie Schwes­tern. Wenn das Wort ‚sub­lim‘ ei­nen mehr­deu­ti­gen Sinn ha­ben kann, dann wohl da. Es ist auch nicht ohne Be­deu­tung, dass die letz­ten mo­nu­men­ta­len Bil­der von Ech­na­ton, die ich, als ich das letz­te Mal ägyp­ti­schen Bo­den ver­ließ, se­hen konn­te, nicht nur kas­triert sind, son­dern schlicht­weg fe­mi­nin.“ (Sit­zung vom 16. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 176)

  70. Chol­let: „dit­ment­i­on“.– Mil­ler: „dem­an­si­on“.– Litu­ra­terre II: kei­ne Ent­spre­chung.
  71. Was Fre­ge an­geht, be­zieht La­can sich hier auf die Be­zie­hung von Null und Eins; vgl. Se­mi­na­re 12 und 13 so­wie La­cans Vor­trag Über Struk­tur als Ein­mi­schen ei­ner An­ders­heit in wel­ches Sub­jekt auch im­mer (1966) (mei­nen Kom­men­tar zu die­sem Text fin­det man hier). La­can be­zieht sich auf: Gott­lob Fre­ge, Grund­la­gen der Arith­me­tik (1884).
  72. Den Ter­mi­nus un-en-plus „eins mehr“, hat­te La­can in Se­mi­nar 14 ein­ge­führt, in der Sit­zung vom 23. No­vem­ber 1966. Um eine Men­ge zu bil­den, braucht es, au­ßer den Ele­men­ten der Men­ge, ein wei­te­res Ele­ment, das bei­spiels­wei­se durch den Kreis um die Ele­men­te her­um re­prä­sen­tiert wird; La­can sym­bo­li­siert es mit (+1). Die­ses zu­sätz­li­che Ele­ment ist ei­nes, das den Ele­men­ten fehlt, also zu­gleich „eins we­ni­ger“ (−1).
    Der Ge­dan­ke geht auf Se­mi­nar 9 zu­rück, dort noch ohne die­se Ter­mi­no­lo­gie (Sit­zung vom 9. Mai 1962).
    In ei­ner spä­te­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 heißt es:

    Die­ser Be­griff des Zu­min­dest-ei­ner (au mo­ins un), mein Gott, da­mit ende ich, weil die Stun­de mir die Gren­ze an­zeigt. Sie wer­den se­hen, dass ich ihn in der Fol­ge in ei­nen Funk­ti­ons­zu­sam­men­hang zu brin­gen ha­ben wer­de mit dem, was Sie dort be­reits ar­ti­ku­liert se­hen, näm­lich mit der Funk­ti­on des un en pe­luce [un en plus, eins mehr], die üb­ri­gens nicht so ist, wie ich sie das letz­te Mal ge­schrie­ben habe. Es ist nicht ohne Be­deu­tung, dass ich es so ge­schrie­ben habe, ich den­ke, dass das bei ei­ni­gen im­mer­hin ge­wis­se Echos her­vor­ru­fen kann.“ (Sit­zung vom 19. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 144)

  73. Den Ter­mi­nus l’achose hat­te La­can in Ra­dio­pho­nie ein­ge­führt:

    Ich müß­te ‚an­ti­zi­pie­ren‘ (auf­neh­mend den Sinn mei­nes ei­ge­nen Wor­tes) auf das, was ich vor­ha­be ein­zu­füh­ren un­ter der Schreib­wei­se von l’achose, l, Apo­stroph, a, c, h, o usw., um spü­ren zu ma­chen, in wel­chem Ef­fekt die Lin­gu­is­tik Po­si­ti­on be­zieht.

    Das wird kein Pro­greß sein: eher eine Re­gres­si­on. Das ist es, wes­sen wir be­dür­fen ge­gen die Ein­heit von Ob­sku­ran­tis­mus, die sich be­reits zu­sam­men­schweißt, um der acho­se zu­vor­zu­kom­men.“ (Ra­dio­pho­nie, S. 8)

    In Se­mi­nar 17 heißt es:

    Den Raum, in dem sich die Schöp­fun­gen der Wis­sen­schaft aus­brei­ten, kön­nen wir von da an nur durch die l’insubstance qua­li­fi­zie­ren, die Un­sub­stanz, durch l’achose mit Apo­stroph, das Un­ding. Eine Tat­sa­che, die den Sinn un­se­res Ma­te­ria­lis­mus durch und durch ver­än­dert.“ (Sit­zung vom 20. Mai 1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 186)

    Das Ver­hält­nis zwi­schen l‘Achose und Ob­jekt a war Ge­gen­stand ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18. In An­spie­lung auf Hei­deg­gers Be­griff des Da­seins hat­te La­can ge­sagt:

    Bin ich da, bin ich ge­gen­wär­tig, wenn ich zu Ih­nen spre­che? Es wäre nö­tig, dass das Ding (la cho­se), in Be­zug auf das ich mich an Sie wen­de, da wäre. Nun, es reicht zu sa­gen, dass la cho­se nur als l’achose ge­schrie­ben wer­den kann, wie ich es ge­ra­de an die Ta­fel ge­schrie­ben habe, das Ding nur als Un­ding, was be­sagt, dass es da ab­we­send ist, wo es sei­nen Platz ein­nimmt. Oder, ge­nau­er, dass, ein­mal weg­ge­nom­men, das Ob­jekt klein a, das die­sen Platz hält, an die­sem Platz nur den se­xu­el­len Akt lässt, so wie ich ihn ak­zen­tu­ie­re, das heißt die Kas­tra­ti­on.“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 77)

    Ei­ni­ge Sät­ze spä­ter heißt es:

    Wenn es auf der Ebe­ne von l’achose Loch gibt, lässt Sie das be­reits ah­nen, dass das eine Wei­se war, es bild­lich dar­zu­stel­len, die­ses Loch (…)“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 78).

  74. Im Poe-Auf­satz fin­det sich ein ähn­li­ches Bild. Über Du­pin, den De­tek­tiv, heißt es, als er den Brief ver­steckt:

    Sei­ne prä­zi­se Hand­ha­bung be­rück­sich­tigt das Blen­den­de des Licht­scheins, nicht min­der die Spie­ge­lun­gen, de­ren sich der Schat­ten be­dient, um sei­ne Beu­te nicht fah­ren zu las­sen.“ (Schrif­ten I, S. 30).

    In Se­mi­nar 18 wird La­can in der Fol­ge­sit­zung über den Schat­ten sa­gen:

    Hier rührt man an die Be­deu­tung der Funk­ti­on des Schat­tens. Be­reits das letz­te Mal – in dem, was ich Ih­nen ge­gen­über ge­äu­ßert habe über das, was ge­nau et­was Ge­schrie­be­nes ist, ich mei­ne über et­was, was sich in li­te­ra­ler oder li­te­ra­ri­sche Form dar­ge­stellt hat – habe ich er­wähnt, dass der Schat­ten, um er­zeugt zu wer­den, eine Licht­quel­le be­nö­tigt. Ja. Aber es ist für Sie nicht spür­bar ge­we­sen, dass von da­her die Auf­klä­rung* et­was mit sich führt, was die Struk­tur der Fik­ti­on be­wahrt. Ich spre­che von der his­to­ri­schen Epo­che, die nicht un­be­deu­tend ge­we­sen ist, und in Be­zug auf die es uns nütz­lich sein kann – das ist hier der Fall und das ist das, was ich ma­che –, ihre Wege nach­zu­voll­zie­hen oder sie selbst wie­der auf­zu­neh­men. Das, was die Auf­klä­rung zum Teil die­ses Fel­des macht, das sich selbst als das der Wahr­heit de­fi­niert. Nun soll­te sie so­gar ei­nen wir­kungs­vol­len Ef­fekt auf das ha­ben, was die Un­durch­sich­tig­keit her­vor­brach­te, auf das Licht als sol­ches, das die­ses Feld in je­dem Mo­ment ver­brei­tet, ei­nen Schat­ten pro­ji­ziert, und es ist die­ser Schat­ten, der Wir­kung zeigt. Das ist das, wor­in wir die­se Wahr­heit selbst im­mer über ihre Fik­ti­ons­struk­tur zu be­fra­gen ha­ben.“ (Sit­zung vom 19. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 134)

    Si­bi­ri­en-Foto: Marc van der Cha­ijs, Flickr, 2006.

  75. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „qui l’efface“.– Mil­ler: „qu’il ef­face“ (was er aus­löscht).– Litu­ra­terre II: „qui l’efface“ (Au­tres écrits, S. 16).
  76. In Se­mi­nar 9 sagt La­can:

    Aber wenn ich plötz­lich die Spur da­von fin­de, dass man sich be­müht hat, die Spur aus­zu­lö­schen; oder wenn ich so­gar von die­ser Be­mü­hung kei­ne Spur mehr fin­de; wenn ich zu­rück­ge­kom­men bin, weil ich weiß – wor­auf ich kei­nes­wegs stolz bin – dass ich die Spur hin­ter­las­sen habe; wenn ich fin­de, dass man – ohne eine Ent­spre­chung, die es ge­stat­tet, die­ses Aus­lö­schen auf ein all­ge­mei­nes Aus­lö­schen der Züge/Striche (traits) der Kon­fi­gu­ra­ti­on zu be­zie­hen –, dass man tat­säch­lich die Spur als sol­che aus­ge­löscht hat, nun, dann bin ich si­cher, dass ich es mit ei­nem rea­len Sub­jekt zu tun habe.“ (Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 24. Ja­nu­ar 1962; mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la)

    Eine Spur ist ein Zei­chen: sie be­zieht sich auf eine Sa­che und re­prä­sen­tiert da­mit et­was für je­man­den. Ein Si­gni­fi­kant re­prä­sen­tiert nicht et­was für je­man­den, er be­zieht sich auf an­de­re Si­gni­fi­kan­ten, er funk­tio­niert dif­fe­ren­ti­ell. Da­mit der Si­gni­fi­kant ent­steht, muss die Spur aus­ge­löscht wer­den, der Be­zug auf das re­prä­sen­tier­te Et­was und auf  den Je­mand muss ge­tilgt wer­den. Durch das Aus­lö­schen der Spur, durch die In­stal­lie­rung von Si­gni­fi­kan­ten ent­steht das Sub­jekt im Sin­ne der Psy­cho­ana­ly­se.

    Eine frü­he­re Fas­sung die­ses Ge­dan­kens fin­det man in Se­mi­nar 5:

    Ge­hen wir von dem aus, was eine Spur ist. Eine Spur, das ist ein Ab­druck, das ist kein Si­gni­fi­kant. Man fühlt wohl trotz­dem, daß es zwi­schen den bei­den ein Ver­hält­nis ge­ben kann, und in Wahr­heit par­ti­zi­piert das, was man das Ma­te­ri­al des Si­gni­fi­kan­ten nennt, stets ein we­nig am schwin­den­den Cha­rak­ter der Spur. Dies scheint so­gar eine der Exis­tenz­be­din­gun­gen für das si­gni­fi­kan­te Ma­te­ri­al zu sein. Dies ist den­noch kein Si­gni­fi­kant. Frei­tags Fuß­ab­druck, den Ro­bin­son bei sei­nem Spa­zier­gang auf der In­sel ent­deckt, ist kein Si­gni­fi­kant. Um­ge­kehrt, ein­mal an­ge­nom­men, Ro­bin­son strei­che, aus wel­chem Grun­de auch im­mer, die­se Spur aus, so wird da­mit ein­deu­tig die Di­men­si­on des Si­gni­fi­kan­ten ein­ge­führt. Von dem Mo­ment an, da man sie aus­streicht, da dies ei­nen Sinn aus dem Aus­strei­chen hat, wird das, von dem es Spur gibt, of­fen­sicht­lich als Si­gni­fi­kat kon­sti­tu­iert.“ (Se­mi­nar 5, Sit­zung vom 23. April 1958; Ver­si­on Miller/Gondek, S. 404)

    In Se­mi­nar 18 hat­te La­can in ei­ner frü­he­ren Sit­zung zum „ein­zi­gen Zug“ ge­sagt:

    Die­ser be­rühm­te Raum ist ja für un­se­re Lo­gik seit ei­nem be­stimm­ten Mo­ment, seit Des­car­tes, die sper­rigs­te Sa­che der Welt. Das ist im­mer­hin eine Ge­le­gen­heit, dar­über zu spre­chen, auch wenn es nö­tig ist, es als eine Art Rand­be­mer­kung hin­zu­zu­fü­gen, als das, was ich als die Di­men­si­on des Ima­gi­nä­ren un­ter­schei­de.

    Es gibt wirk­lich Leu­te, die sich den Kopf zer­bre­chen, nicht un­be­dingt we­gen die­ser Schrift, we­gen an­de­rer Schrif­ten, oder die so­gar No­ti­zen auf­be­wahrt ha­ben, von dem, was ich frü­her mal habe sa­gen kön­nen, etwa über die Iden­ti­fi­zie­rung. Die­ses Jahr, 1961/62, ich muss sa­gen, dass alle mei­ne Zu­hö­rer an et­was an­de­res dach­ten, au­ßer, ich weiß nicht, ein oder zwei, die ganz von au­ßen ka­men und die nicht wuss­ten, was ge­nau da ab­lief. Ich hat­te über den ein­zi­gen Zug / den ein­zel­nen Zug / den Ein­zel­strich / den trait un­aire ge­spro­chen, und jetzt ist man be­un­ru­higt, und es scheint, dass das ge­recht­fer­tigt ist, näm­lich dar­über, wo man ihn un­ter­brin­gen soll, die­sen Ein­zel­strich, auf der Sei­te des Sym­bo­li­schen oder auf der des Ima­gi­nä­ren? Und war­um nicht des Rea­len? Wie auch im­mer, so et­was, weil das auf die­se Wei­se ge­macht wird, ein senk­rech­ter Strich, ein ein­zi­ger Zug*, na­tür­lich hat­te ich das bei Freud auf­ge­fischt.

    Das wirft ei­ni­ge Fra­gen auf, wie ich Ih­nen be­reits das letz­te Mal ein we­nig na­he­ge­bracht habe, mit der Be­mer­kung, dass es völ­lig un­mög­lich war, ir­gend­et­was Halt­ba­res über die Zwei­tei­lung in Lo­gik und Ma­the­ma­tik zu den­ken, die für die Ma­the­ma­ti­ker so schwie­rig, so pro­ble­ma­tisch ist. Ist es mög­lich, dass al­les auf rei­ne Lo­gik re­du­ziert wer­den kann, also auf ei­nen Dis­kurs, der sich auf eine wohl­de­fi­nier­te Struk­tur stützt? Gibt es nicht ein ab­so­lut we­sent­li­ches Ele­ment, das üb­rig­bleibt, was auch im­mer wir an­stel­len mö­gen, um es in die­se Struk­tur ein­zu­zwän­gen, es zu re­du­zie­ren, ein letz­ter Kern also, der üb­rig­bleibt, und der als In­tui­ti­on / als An­schau­ung be­zeich­net wird – ?

    Ge­wiss, das ist die Fra­ge, von der Des­car­tes aus­ge­gan­gen ist. Ich möch­te Sie dar­auf auf­merk­sam ma­chen, dass ihm zu­fol­ge die ma­the­ma­ti­sche Be­grün­dung nichts Wirk­sa­mes, Schöp­fe­ri­sches oder was auch im­mer aus der Ord­nung der Be­grün­dung be­zieht, son­dern ein­zig ihr Aus­gangs­punkt, näm­lich eine ur­sprüng­li­che An­schau­ung, die­je­ni­ge, die er mit sei­ner ur­sprüng­li­chen Un­ter­schei­dung zwi­schen dem Aus­ge­dehn­ten und dem Den­ken an­nimmt oder ein­setzt. Da die­ser kar­te­si­sche Ge­gen­satz mehr von ei­nem Den­ker als von ei­nem Ma­the­ma­ti­ker ge­bil­det wor­den ist – von je­man­dem, der ge­wiss nicht un­fä­hig war, in der Ma­the­ma­tik et­was zu leis­ten, wie die Tat­sa­chen be­wie­sen ha­ben –, ist er na­tür­lich von den Ma­the­ma­ti­kern selbst wei­ter an­ge­rei­chert wor­den. Das ist wohl das ers­te Mal, dass auf dem Weg der Phi­lo­so­phie et­was zur Ma­the­ma­tik ge­kom­men ist. Denn ich möch­te Sie bit­ten, dies zu be­ach­ten, was mir sehr si­cher zu sein scheint – man möge mir wi­der­spre­chen, wenn man kann, es wäre leicht, je­man­den zu fin­den, der in die­ser Fra­ge kom­pe­ten­ter ist als ich –, näm­lich dass die Ma­the­ma­ti­ker der An­ti­ke ih­ren Weg ver­folgt ha­ben, ohne all dem auch nur im Ge­rings­ten Be­ach­tung zu schen­ken, was sich in den Schu­len der Weis­heit er­eig­nen konn­te, in den Schu­len der Phi­lo­so­phie, in wel­chen auch im­mer. Heut­zu­ta­ge ist das nicht mehr so, jetzt, wo der kar­te­si­sche Im­puls, be­zo­gen auf die Un­ter­schei­dung zwi­schen An­schau­en und Be­grün­den, die Ma­the­ma­tik selbst in star­kem Maße um­ge­trie­ben hat.

    Dar­an liegt es wohl, dass es mir nicht ge­lingt, hier nicht auf eine Ader zu sto­ßen, durch et­was her­vor­ge­ru­fen, was in ei­ner ge­wis­sen Be­zie­hung zu dem Ver­such steht, den ich hier un­ter­neh­me, auf dem Feld, um das es geht. Mir scheint, dass die Be­mer­kung, die ich vor­brin­gen kann – von dem Punkt aus, an dem ich mit den Be­zie­hun­gen zwi­schen dem Spre­chen und dem Ge­schrie­be­nen bin, be­zo­gen auf das, was die Funk­ti­on der Schrift, zu­min­dest bei die­ser ers­ten Kan­te (? arête), an Be­son­de­rem hat, ver­gli­chen mit je­der Rede –, dass die­se Be­mer­kung viel­leicht so ist, dass sie dazu führt, dass die Ma­the­ma­ti­ker sich über das klar­wer­den, wor­auf ich das letz­te Mal hin­ge­wie­sen habe, näm­lich dass die An­schau­ung des eu­kli­di­schen Rau­mes et­was der Schrift zu ver­dan­ken hat.

    An­de­rer­seits, das, was man in der Ma­the­ma­tik die Re­duk­ti­on der ma­the­ma­ti­schen Ope­ra­ti­on auf die Lo­gik nennt, das geht nicht, das kann kei­ne an­de­re Stüt­ze ha­ben als die Ma­ni­pu­la­ti­on klei­ner und gro­ßer Buch­sta­ben, ver­schie­de­ne Par­ti­en von Al­pha­be­ten, ich mei­ne grie­chi­sche oder deut­sche Buch­sta­ben, meh­re­re Par­ti­en von Al­pha­be­ten. Um das fest­zu­stel­len, reicht es aus, die Ge­schich­te zu ver­fol­gen. Jede Ma­ni­pu­la­ti­on, mit der in der ma­the­ma­ti­schen Be­grün­dung die lo­gi­sche Re­duk­ti­on vor­an­schrei­tet, ist auf die­se Stüt­ze an­ge­wie­sen. Ich wer­de ver­su­chen, das für Sie ein we­nig vor­an­zu­trei­ben.

    Wie ich Ih­nen wie­der­holt ge­sagt habe, sehe ich kei­nen we­sent­li­chen Un­ter­schied zu dem, was lan­ge, wäh­rend ei­ner gan­zen Epo­che, im 17. und 18. Jahr­hun­dert, für das ma­the­ma­ti­sche Den­ken die Schwie­rig­keit ge­bil­det hat, näm­lich die Not­wen­dig­keit der Zeich­nung (tra­cé) für den eu­kli­di­schen Be­weis. Es war not­wen­dig, dass zu­min­dest ei­nes die­ser Drei­ecke ge­zeich­net war. Und von da aus ge­rie­ten alle in Auf­re­gung. Ist die­ses Drei­eck, das da ge­zeich­net wor­den sein wird, das all­ge­mei­ne Drei­eck oder ein be­son­de­res Drei­eck? Es ist völ­lig klar, dass es im­mer be­son­ders ist. Das, was Sie für das Drei­eck im all­ge­mei­nen be­wei­sen, näm­lich, im­mer die­sel­be Ge­schich­te, drei Win­kel, die zwei rech­te bil­den, es ist klar, dass Sie nicht sa­gen dür­fen, dass die­ses Drei­eck nicht das Recht hat, zu­gleich ein gleich­schen­ke­li­ges Recht­wink­li­ges oder ein Gleich­sei­ti­ges zu sein. Es ist also im­mer be­son­ders.

    Das hat die Ma­the­ma­ti­ker enorm be­schäf­tigt. Ich über­ge­he – hier ist si­cher­lich nicht der Ort, dar­an zu er­in­nern, wir sind nicht da, um in Ge­lehr­sam­keit zu ma­chen –, ich über­ge­he, über wen und wen das ver­läuft, seit Des­car­tes und Leib­niz und an­de­ren; das führt bis zu Husserl. ((La­can be­zieht sich auf: Ed­mund Husserl: Die Fra­ge nach dem Ur­sprung der Geo­me­trie als in­ten­tio­nal-his­to­ri­sches Pro­blem. In: Re­vue in­ter­na­tio­na­le de phi­lo­so­phie, Brüs­sel, 1. Jg. (1939), S. 203–225. Vgl. hier­zu: Jac­ques Der­ri­da: Husserls Weg in die Ge­schich­te am Leit­fa­den der Geo­me­trie. Ein Kom­men­tar zur Bei­la­ge III der „Kri­sis“ (1962). Fink, Mün­chen 1987.)) Sie schei­nen mir je­doch nie­mals die­sen har­ten Punkt ge­se­hen zu ha­ben, dass die Schrift von zwei Sei­ten her da ist, dass sie das An­schau­en und das Be­grün­den ho­mo­ge­ni­siert. An­ders aus­ge­drückt, das Auf­schrei­ben klei­ner Buch­sta­ben hat eine Funk­ti­on, die nicht we­ni­ger in­tui­tiv ist als das, was der gute Eu­klid ge­zeich­net hat (tra­çait). Tat­säch­lich wür­de es dar­um ge­hen, her­aus­zu­fin­den, war­um man denkt, dass sich das un­ter­schei­det.

    Ich weiß nicht, ob ich Sie dar­auf hin­wei­sen muss, dass die Kon­sis­tenz des Rau­mes, des eu­kli­di­schen Rau­mes, des Rau­mes, der mit sei­nen drei Di­men­sio­nen ab­ge­schlos­sen ist, auf ganz an­de­re Wei­se, so scheint mir, de­fi­niert wer­den muss. Wenn Sie zwei Punk­te neh­men, ha­ben die­se den glei­chen Ab­stand zu­ein­an­der, wenn ich so sa­gen kann, der Ab­stand des ers­ten Punk­tes vom zwei­ten ist der glei­che wie der des zwei­ten zum ers­ten. Sie kön­nen drei da­von neh­men und da­für sor­gen, dass es wei­ter­hin wahr ist, also dass je­der den glei­chen Ab­stand zu je­dem der bei­den an­de­ren Punk­te hat. Sie kön­nen vier da­von neh­men und da­für sor­gen, dass das wei­ter­hin wahr ist. Ich habe nie ge­hört, dass aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen wird. Sie kön­nen fünf da­von neh­men, und jetzt über­ei­len Sie sich nicht, um zu sa­gen, dass Sie auch sie in glei­chen Ab­stand zu je­dem der vier an­de­ren brin­gen kön­nen, weil Ih­nen das nicht ge­lin­gen wird, zu­min­dest nicht in un­se­rem eu­kli­di­schen Raum. Da­mit Sie die­se vier Punk­te in dem glei­chen Ab­stand zu je­dem der an­de­ren Punk­te ha­ben, ist es nö­tig, dass sie eine vier­te Di­men­si­on er­zeu­gen. Das ist es.

    Si­cher­lich, das geht mü­he­los, buch­stäb­lich, und dann hält das sehr gut. Man kann be­wei­sen, dass ein vier­di­men­sio­na­ler Raum völ­lig ko­hä­rent ist, in dem Maße, wie man die Ver­bin­dung sei­ner Ko­hä­renz mit der Ko­hä­renz der re­el­len Zah­len zei­gen kann; in eben dem Maße hat er Be­stand.

    Aber schließ­lich ist es eine Tat­sa­che, dass sich die An­schau­ung jen­seits des Te­tra­eders be­reits auf den Buch­sta­ben stüt­zen muss.“ (Sit­zung vom 17. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 98–101)

  77. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „Ça se mar­que donc en deux temps“.– Mil­ler: „Ça se re­mar­que donc en deux temps“.– Litu­ra­terre II: „s’y mar­quent deux temps“ (Au­tres écrits, S. 16).
  78. La­can über­setzt hier ra­tu­re (Strei­chung) ins La­tei­ni­sche: litu­ra. Litu­ra­terre kann dem­nach auch so ge­le­sen wer­den: „Strei­chung – Erde“.
  79. Mil­ler schreibt „pure“ kur­siv; La­can in Litu­ra­terre II nicht (Au­tres écrits, S. 16).
  80. Vgl. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 21.1.1970; Ver­si­on Mil­ler, S. 63. Jean Macé: L‘Histoire de Moi­tiè de Pou­let (Die Ge­schich­te von Hal­bes Huhn), La­cans ers­te Lek­tü­re. Aus: Jean Macé: Con­tes du pe­tit châ­teau, Het­zel, Pa­ris 1862.

    In ei­ner spä­te­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 heißt es zu den bei­den Hälf­ten:

    Dort ((in La­cans Auf­satz Die Freud­sche Sa­che)) wird nur ge­sagt, was Spre­chen be­deu­tet – die un­heil­ba­re Spal­tung in Ge­nie­ßen und Schein. Die Wahr­heit ist, zu ge­nie­ßen, ei­nen Schein zu bil­den und in kei­nem Fall ein­zu­ge­ste­hen, dass die Rea­li­tät je­der die­ser bei­den Hälf­ten nur vor­herrscht, in­dem sie sich be­stä­ti­gen, von der an­de­ren zu sein, also in al­ter­nie­ren­dem Strahl zu lü­gen.“ (Sit­zung vom 9. Juni 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 151)

  81. La­can spielt hier auf eine Ab­hand­lung von Shi Tao an, ei­nem chi­ne­si­schen Ma­ler des 17. Jahr­hun­derts. Shi Tao zu­fol­ge be­ruht die Ar­beit des Ma­lers, des Kal­li­gra­fen, auf dem „unä­ren Pin­sel“. In Se­mi­nar 14 hat­te La­can über Shi Tao ge­sagt:

    Freud hat den ein­zi­gen Zug/Strich (trait un­aire) nicht ent­deckt. (…) Öff­nen Sie das letz­te Heft der aus­ge­zeich­ne­ten Zeit­schrift, die Arts Asia­ti­ques heißt, und Sie wer­den hier die Über­set­zung ei­ner sehr schö­nen klei­nen Ab­hand­lung über die Ma­le­rei se­hen, von ei­nem Ma­ler, von dem ich er­freu­li­cher­wei­se das Glück habe, klei­ne Kak­e­mo­nos zu be­sit­zen, der Shi Tao heißt und der die­sen unä­ren Strich nun wirk­lich groß her­aus­stellt. Er spricht nur da­von, ja, über eine gan­ze Rei­he von Sei­ten spricht er nur da­von. Das nennt sich auf Chi­ne­sisch – und nicht nur für die Ma­ler, denn auch die Phi­lo­so­phen spre­chen viel da­von – yi, das be­deu­tet Ein, und sua, was „Strich“ heißt. Das ist der unä­re Strich.“ (Sit­zung vom 26. April 1967, mei­ne Über­set­zung nach Ver­si­on Sta­fer­la)

    In Shi Taos Ab­hand­lung heißt es:

    Die un­ter­schieds­lo­se Ver­schmel­zung von Yin-Yun bil­det das ur­sprüng­li­che Cha­os. Und wenn es nicht durch das Mit­tel des unä­ren Pin­sel­strichs wäre, wie an­ders könn­te das ur­sprüng­li­che Cha­os er­schlos­sen wer­den? (…) Die Ein­heit von Tin­te und Pin­sel zu ver­wirk­li­chen heißt, die Un­ter­schei­dung von Yin und Yun zu lö­sen und sich dar­an­zu­ma­chen, das Cha­os zu er­schlie­ßen (…). In der Mit­te des Oze­ans der Tin­te, fest den Geist zu er­rich­ten; auf der Spit­ze des Pin­sels möge das Le­ben sich be­ja­hen und auf­stei­gen; auf der Ober­flä­che der Ma­le­rei die Me­ta­mor­pho­se zu voll­zie­hen, dass im Her­zen des Cha­os das Licht er­rich­tet wer­de und auf­schie­ße! Aus­ge­hend vom Ein teilt sich das Vie­le, aus­ge­hend vom Vie­len wird das Ein er­obert, die Me­ta­mor­pho­se des Ein er­zeugt Yin und Yun – und da ist es, dass alle Vir­tua­li­tä­ten der Welt ihre Er­fül­lung fin­den.“ (mei­ne Über­set­zung der Über­set­zung von François Cheng in sei­nem Buch Vide et plein. Le lan­ga­ge pic­tu­ral chi­nois. Seuil, Pa­ris 1991, über­setzt nach dem Zi­tat in Lau­rent (1999).

  82. Das ja­pa­ni­sche Schrift­zei­chen für die Zahl 1 ist ein waa­ge­rech­ter Strich. In Se­mi­nar 9 heißt es, dass der trait un­aire, der ein­zi­ge Zug / der Ein­zel­strich auf zwei Wei­sen ge­zeich­net wer­den kann, als senk­rech­ter Strich, im Fran­zö­si­schen ba­tôn ge­nannt, Knüp­pel, und als waa­ge­rech­ter Strich, „wie es die Chi­ne­sen ma­chen“ (Se­mi­nar 9, Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961).
  83. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „de quel­le ra­tu­re ça s’attaque“.– Mil­ler: „de quel­le na­tu­re ça s’attaque“.– Litu­ra­terre II: „de quel ap­pui elle s’attaque“ (Au­tres écrits, S. 16).
  84. Ab­sence spielt ver­mut­lich auf sens an; ab­sence wäre dann das Ge­nie­ßen als Ab­we­sen­heit von Sinn.

    Zum Ver­hält­nis von Wis­sen und Ge­nie­ßen äu­ßert sich La­can in der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18. Zum Se­mi­nar­ti­tel Über ei­nen Dis­kurs, der nicht vom Schein wäre, heißt es hier:

    Der gro­ße Vor­teil, es so zu fas­sen, be­steht dar­in, dass man nicht sagt, vom wes­sen Schein. Nun, da ist das, um das her­um ich vor­schla­ge, un­se­re Aus­sa­gen vor­an­zu­brin­gen, näm­lich her­aus­zu­fin­den, wor­um es dort geht, wo es nicht vom Schein wäre?

    Na­tür­lich ist das Ter­rain durch ei­nen ein­zig­ar­ti­gen, wenn auch zag­haf­ten Schritt vor­be­rei­tet wor­den, den­je­ni­gen, den Freud in Jen­seits des Lust­prin­zips ge­tan hat.

    Ich kann hier nicht mehr tun, als auf den Kno­ten zu ver­wei­sen, den in die­ser Aus­sa­ge die Wie­der­ho­lung und das Ge­nie­ßen bil­den. Er ist da­von ab­hän­gig, dass die Wie­der­ho­lung ge­gen das Lust­prin­zip geht, wel­ches, möch­te ich sa­gen, sich nicht da­von er­holt / kei­ne Auf­he­bung fin­det. Im Lich­te der <psycho>analytischen Er­fah­rung kann der He­do­nis­mus sich nur auf das zu­rück­zie­hen, was er ist, näm­lich ein phi­lo­so­phi­scher My­thos. Ich mei­ne, ein My­thos ei­ner voll­kom­men de­fi­nier­ten und kla­ren Klas­se von My­then, über die ich letz­tes Jahr ge­äu­ßert habe, dass die Hil­fe, die sie für ei­nen be­stimm­ten Pro­zess des Herrn ge­leis­tet ha­ben, es dem Dis­kurs des Herrn als sol­chem er­mög­licht hat, ein Wis­sen auf­zu­bau­en. Die­ses Wis­sen, das ein Wis­sen des Herrn ist, hat, an­ge­sichts des Herrn, die Exis­tenz ei­nes an­de­ren Wis­sens an­ge­nom­men, und der phi­lo­so­phi­sche Dis­kurs trägt da­von noch die Spur. Gott sei Dank ist der phi­lo­so­phi­sche Dis­kurs nicht ver­schwun­den, ohne zu­vor fest­ge­macht zu ha­ben, dass es am Ur­sprung ein Ver­hält­nis zwi­schen die­sem Wis­sen und dem Ge­nie­ßen ge­ben muss­te. Der­je­ni­ge, der den phi­lo­so­phi­schen Dis­kurs so ab­ge­schlos­sen hat, He­gel, um ihn zu nen­nen, sieht nur die Art und Wei­se, wie die Skla­ve­rei durch die Ar­beit dazu ge­lan­gen wird, was zu voll­enden? Nichts an­de­res als das Wis­sen des Herrn.“ (Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 19 f.)

    In je­dem Mo­ment als das­sel­be: La­can spielt hier viel­leicht auf den Satz der Iden­ti­tät an, A=A der ja die Ver­wen­dung von Buch­sta­ben vor­aus­setzt. Vgl. hier­zu La­cans Kri­tik am Satz der Iden­ti­tät in Se­mi­nar 9: der Satz der Iden­ti­tät ist un­wahr, da er auf dem Buch­sta­ben be­ruht und der Buch­sta­be dif­fe­ren­ti­ell or­ga­ni­siert ist, also nicht mit sich selbst iden­tisch ist (Sit­zung vom 6. De­zem­ber 1961); vgl. die­sen Blog­ar­ti­kel.

    In der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18 heißt es:

    Der Schein, in dem der Dis­kurs mit sich selbst iden­tisch ist, ist eine Ebe­ne des Aus­drucks ‚Schein‘, das ist der Schein in der Na­tur.“ (Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 16)

  85. Sich für ein Agens zu hal­ten, für ei­nen Agen­ten, be­ruht dem­nach auf Iden­ti­fi­zie­rung. Zum Be­griff des Agen­ten vgl. Se­mi­nar 17, Sit­zung vom 18. März 1970. Be­zo­gen auf die Dis­kurs­for­meln ist der Platz des Agen­ten der Platz oben links (vgl. Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 196), in Se­mi­nar 18 wird die­ser Platz als der des Scheins be­zeich­net (vgl. Se­mi­nar 18, Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 25).
  86. Chol­let: „qu’en pleut cet ef­fet, en­core faut il pré­ciser qu’il y était“.– Mil­ler: „qu’en pleut cet ef­fet à ce qu’il s’en pré­ci­pi­te ce qui y était“.– Litu­ra­terre II: „qu’en pleut, ef­fet à ce“ (Au­tres écrits, S. 17).
  87. Die Wol­ken sind die Quel­le des „Rie­selns“, also der Flüs­se.
  88. La­can be­zieht sich auf Aris­to­pha­nes’ Ko­mö­die Die Wol­ken (423 v. Chr). Ein Bau­er und sein Sohn ler­nen Rhe­to­rik, um der schlech­ten Sa­che zum Sie­ge zu ver­hel­fen. So­kra­tes, der in den Lüf­ten schwebt, er­klärt ih­nen, die Wol­ken sei­en die Göt­ter der neu­en Zeit, denn die Wol­ken ver­kör­pern „die Ge­dan­ken, Ide­en, Be­grif­fe, die uns Dia­lek­tik ver­lei­hen und Lo­gik und den Zau­ber des Wor­tes und den blau­en Dunst, Über­tölp­lung, Flos­keln und Blend­werk“ (Aris­to­pha­nes: Sämt­li­che Ko­mö­di­en. Bd. 1. Über­setzt von Lud­wig See­ger. Ar­te­mis-Ver­lag, Zü­rich 1952, Ver­se 317 und 318, zit. nach dem Wi­ki­pe­dia-Ar­ti­kel „Die Wol­ken“).

    In Ra­dio­pho­nie ver­wen­det La­can den Ter­mi­nus Ma­te­rie so:

    Die­se in­tran­si­ti­ve Ma­te­ria­li­sie­rung, möch­ten wir sa­gen, des Si­gni­fi­kan­ten zum Si­gni­fi­kat, das ist das, was man das Un­be­wuß­te nennt, das nicht An­ke­rung ist, son­dern Ab­la­ge, An­schwem­mung der Spra­che.“ (Ra­dio­pho­nie, S. 21)

    Il­lus­tra­ti­on aus: Jo­an­nes Sam­bu­cus: Em­ble­ma­ta et ali­quot num­mis an­ti­qui ope­ris, cum emen­da­tio­ne et auc­ta­rio co­pi­o­so ip­si­us au­to­ris, 1564. Quel­le: Ar­ti­kel „The Clouds“ der eng­li­schen Wi­ki­pe­dia.

  89. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „elle en reg­or­ge“.– Mil­ler er­setzt „elle en reg­or­ge“ durch „pour­quoi?“ (war­um?).– In Litu­ra­terre II gibt es hier­zu kei­ne Ent­spre­chung.
  90. Quel­le des Bil­des von Ei­to­ku: e-Mu­se­um, Na­tio­nal Trea­su­res & Im­portant Cul­tu­ral Pro­per­ties of Na­tio­nal Mu­se­ums, Ja­pan http://www.emuseum.jp/detail/100144/000/000?mode=detail&d_lang=en&s_lang=en&class=1&title=&c_e=®ion=&era=¢ury=&cptype=&owner=&pos=25&num=4
  91. Ein Ma­ki­mo­no ist ein Roll­bild im Quer­for­mat, das in ho­ri­zon­ta­ler Rich­tung aus­ge­rollt wird, d.h. auf ei­nem Tisch oder auf dem Bo­den.
    Quel­le der Ab­bil­dung: Christie’s, A Mak­e­mo­no 19th Cen­tu­ry, Lot 263, Sale 9257 http://www.christies.com/lotfinder/LotDetailsPrintable.aspx?intObjectID=3827521
  92. Der Aus­druck „Me­te­or“ be­zog sich ur­sprüng­lich auf Him­mels­er­schei­nun­gen je­der Art, auch auf den Re­gen­bo­gen. La­can hat­te sich hier­auf in der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18 be­zo­gen: die ers­te Ope­ra­ti­on der Wis­sen­schaft be­steht dar­in, sol­che Phä­no­me­ne auf­zu­lö­sen, durch Buch­sta­ben, also durch al­ge­brai­sche For­meln (13. Ja­nu­ar 1971; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 15).
    Quel­le der Ab­bil­dung der Re­gen­bo­gen­ma­schi­ne:  paraselene.de, Bil­der­ga­le­rie zu Him­mels­ob­jek­ten und at­mo­sphä­ri­schen Er­schei­nun­gen http://paraselene.de/cgi/bin?_SID=xxx&_bereich=artikel&_aktion=detail&idartikel=114057&_sprache=de
  93. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „vide“.– Mil­ler und Litu­ra­terre II: „vie“ (Le­ben) (Au­tres écrits, S. 17).
  94. Aus­wa­schung ist ein Be­griff der Bo­den­kun­de. Stof­fe, die im Bo­den ent­hal­ten sind, wer­den durch Feuch­tig­keit ge­löst und die Lö­sung wird durch ver­si­ckern­des Was­ser ab­ge­führt. Auf Aus­wa­schung be­ruht bei­spiels­wei­se die Ent­kal­kung ei­nes Bo­dens.
  95. Wort­spiel mit dem Dop­pel­sinn von plu, dem Par­ti­zip pas­siv so­wohl von pleu­voir, „reg­nen“, also auch von plai­re, „ge­fal­len“.
  96. Die nach­fol­gen­de Sit­zung von Se­mi­nar 18 be­ginnt so:

    Wenn ich ohne Um­schwei­fe mit dem be­gin­ne, was ich Ih­nen zu sa­gen habe, könn­te das so aus­ge­drückt wer­den.

    Wir füh­ren eine Er­kun­dung durch, aus­ge­hend von ei­nem be­stimm­ten Dis­kurs, in die­sem Fall dem mei­nen, dem mei­nen in­so­fern, als er der­je­ni­ge des Ana­ly­ti­kers ist. Sa­gen wir, dass hier­durch Funk­tio­nen be­stimmt wer­den. An­ders aus­ge­drückt, die Funk­tio­nen wer­den nur von ei­nem be­stimm­ten Dis­kurs aus be­stimmt. Auf die­ser Ebe­ne von Funk­tio­nen, die durch ei­nen be­stimm­ten Dis­kurs fest­ge­legt wer­den, kann ich die fol­gen­de Äqui­va­lenz auf­stel­len: das Ge­schrie­be­ne ist das Ge­nie­ßen.

    Na­tür­lich ist das nur un­ter­zu­brin­gen im In­ne­ren die­ser ers­ten Ar­ti­ku­la­ti­on über Funk­tio­nen, die durch ei­nen Dis­kurs be­stimmt wer­den. Sa­gen wir, dass die­se Ter­mi­ni im In­ne­ren die­ser Funk­tio­nen ex­akt den­sel­ben Platz ein­neh­men.“ (Sit­zung vom 19. Mai 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 129)

  97. La­can meint Hö­hen­li­ni­en und ver­wech­selt Iso­hyp­se (Li­nie glei­cher Höhe) mit Iso­ba­ren (Li­ni­en glei­chen Luft­drucks), viel­leicht um eine Laut­ähn­lich­keit mit la bar­re un­ter­zu­brin­gen, „der Strich“.
  98. Litu­ra­terre II: „se mar­quait de cours d’eau“, durch Was­ser­läu­fe ge­kenn­zeich­net war (Au­tres écrits, S. 17).
  99. Die ho­ri­zon­tal ge­führ­ten „Iso­ba­ren“ – Ei­sen­bahn­li­ni­en und Stra­ßen – sind in­so­fern Nor­ma­le, als man an ih­nen das Ge­fäl­le der Flüs­se ab­le­sen kann.
  100. Quel­le des Fo­tos vom Au­to­bahn­kreuz in Osa­ka: Flickr, https://www.flickr.com/photos/41119677@N05/4275301195
  101. Chol­let schreibt statt „Com­ment ça se fait une rou­te“ (Wie wird eine Stra­ße ge­baut): „qui car­ré­ment prend l’aspect d’une rou­te“ (die schlicht­weg das Aus­se­hen eine Stra­ße an­nimmt).– Mil­ler: „qui prend car­ré­ment l’aspect d’une rou­te“.– Litu­ra­terre II: kei­ne Ent­spre­chung.
  102. Un­ter ei­nem Ar­te­fakt ver­steht La­can in Se­mi­nar 18 ein Dis­kur­s­tat­sa­che (vgl. Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 12). Schrift und Ver­mes­sung gibt es nur, weil es Dis­kur­se gibt; in­so­fern sind sie Ar­te­fak­te.
  103. An­fang des Ge­dichts Le Pont Mi­ra­beau von Guil­lau­me Apol­linaire (1912).
  104. La­can be­zieht sich auf die Ab­bil­dung auf der Ti­tel­sei­te der Zeit­schrift La psy­chana­ly­se, die von 1956 bis 1964 er­schien. Sie zeigt ein Ohr über ei­ner Brü­cke.

    Die Ab­bil­dung ist den Hie­ro­gly­phi­ca ent­nom­men, ei­nem Werk des Ho­rus Apol­lo oder Hor­a­pol­lo über ägyp­ti­sche Hie­ro­gly­phen aus dem 5. Jh. n. Chr. Im Druck er­schien es erst­mals 1505 bei Alde Manu­ce in Ve­ne­dig; die Ab­bil­dung ent­stammt der 1519 im sel­ben Ver­lag er­schie­ne­nen Aus­ga­be, sie ist mit fol­gen­der Er­läu­te­rung ver­se­hen: „Das ge­mal­te Ohr be­deu­tet das ge­schaf­fe­ne Werk oder das Werk, das man er­schaf­fen soll“ (vgl. La­can, Se­mi­nar 4, Ver­son Miller/Gondek, S. 500).

  105. In Freuds Stu­die über den „Wolfs­mann“ heißt es:

    In ei­nem ganz an­de­ren Zu­sam­men­han­ge, vie­le Mo­na­te spä­ter, mach­te dann der Pa­ti­ent die Be­mer­kung, das Öff­nen und Schlie­ßen der Flü­gel, als der Schmet­ter­ling saß, hät­te den un­heim­li­chen Ein­druck auf ihn ge­macht. Dies wäre so ge­we­sen, wie wenn eine Frau die Bei­ne öff­net, und die Bei­ne er­gä­ben dann die Fi­gur ei­ner rö­mi­schen V, be­kannt­lich die Stun­de, um wel­che schon in sei­nen Kna­ben­jah­ren, aber auch jetzt noch, eine Ver­düs­te­rung sei­ner Stim­mung ein­zu­tre­ten pfleg­te.“ (Aus der Ge­schich­te ei­ner in­fan­ti­len Neu­ro­se (1918). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 8. Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag, Frank­furt am Main 2000, S. 203 f.)

  106. Chol­let: „mais aus­si bien qu’on n’en jouit pas, c’est le mal­heur de l’interprétation.“ (aber auch, dass man das nicht ge­nießt, ist das Un­glück der Deu­tung).– Mil­ler: „Mais aus­si bien, on n’en jouit que par l’interprétation.“ (Aber man ge­nießt es auch nur durch die Deu­tung)– Litu­ra­terre II: „Mais aus­si bien n’en jouit-on qu’à ce qu’y pleuve la pa­ro­le d’interprétation.“ (Aber man ge­nießt es auch nur dann, wenn hier das Spre­chen der Deu­tung reg­net.) (Au­tres écrits, S. 18)
  107. In Ra­dio­pho­nie heißt es: „An die­sem Ge­lenk ((des Dis­kur­ses)) zum Rea­len eben fin­det sich die po­li­ti­sche In­zi­denz, wo der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Platz hät­te, wenn er dazu fä­hig wäre.“ (Ra­dio­pho­nie, S. 45)
  108. Litu­ra­terre II: „si la psy­chana­ly­se s’en avé­rait aver­tie“ (Au­tres écrits, S. 17).
  109. Chol­let wie Es­paces La­can: „à nous en fai­re nous-mê­mes, à nous en fai­re le tri­but“.– Mil­ler: „d‘autres pa­ro­les à nous en fai­re nous-même le tri­but“ (an­de­re Wor­te, um uns dar­aus uns selbst den Tri­but zu ma­chen).– Litu­ra­terre II: „pour que s’y jou­ent d’autres pa­ro­les à nous en fai­re le tri­but.“ (Da­mit dar­in an­de­re Wor­te ins Spiel kä­men, um uns dar­aus den Tri­but zu ma­chen) (Au­tres écrits, S. 18)
  110. Die Sen­tenz „Es gibt kei­ne Met­a­spra­che“ fin­det man zu­erst in Se­mi­nar 5 von 1957/58, in der Sit­zung vom 27. No­vem­ber 1957.
    In Sub­ver­si­on des Sub­jekts hat­te La­can ge­schrie­ben:

    Ge­hen wir aus von der Auf­fas­sung des An­de­ren als Ort des Si­gni­fi­kan­ten. Kei­ne Aus­sa­ge von Au­to­ri­tät kann hier an­ders ga­ran­tiert sein als in ih­rem Aus­sa­gen selbst, ver­geb­lich wür­de sie ihre Ga­ran­ti­en in ei­nem an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten su­chen, der un­ter kei­nen Um­stän­den an­ders­wo er­scheint als an die­sem Ort. Un­se­re For­mel da­für ist: Es gibt kei­ne Met­a­spra­che, die man spre­chen könn­te, oder apho­ris­ti­scher: Es gibt kei­nen An­de­ren des An­de­ren. Der Ge­setz­ge­ber, also der, der vor­gibt, das Ge­setz auf­zu­rich­ten, sta­pelt hoch, wenn er sich dar­stellt als ei­ner, der hier Ab­hil­fe wüß­te.“ (Sub­ver­si­on des Sub­jekts und Dia­lek­tik des Be­geh­rens, Text von 1960, ver­öf­fent­licht 1966. In: Ders.: Schrif­ten II, S. 188 f.)

    In Se­mi­nar 18 hat­te La­can am 10. Fe­bru­ar 1971 ge­sagt:

    Es ist je­doch merk­wür­dig, dass Lin­gu­is­ten nicht se­hen, dass je­der Sprach­ge­brauch, wel­cher auch im­mer, sich in Me­ta­phern fort­be­wegt, dass es nur eine me­ta­pho­ri­sche Spra­che gibt. Das be­weist je­der Ver­such zu ‚met­a­spra­chen‘, wenn ich mich so aus­drü­cken kann. Er kann nicht an­ders tun als zu ver­su­chen, von dem aus­zu­ge­hen, was im­mer als Ob­jekt­spra­che de­fi­niert wird, je­des Mal, wenn man in ei­ner so­ge­nann­ten Lo­gi­ker­be­mü­hung vor­an­schrei­tet. Nun, wenn man den Aus­sa­gen ir­gend­wel­cher die­ser Lo­gi­ker­ver­su­che folgt, kann man mit dem Fin­ger spü­ren, dass sie sich nicht fas­sen lässt, die­se Ob­jekt­spra­che. Es ge­hört zum We­sen der Spra­che, ich sage nicht des Spre­chens, ich sage der Spra­che selbst, dass, wenn es dar­um geht, sich auf ir­gend­et­was zu be­zie­hen, was dar­in be­deu­tet wird, dass der Re­fe­rent nie­mals der gute ist, und das ist es, was eine Spra­che aus­macht. Jede Be­zeich­nung ist me­ta­pho­risch, sie kann nur durch Ver­mitt­lung von et­was an­de­rem vor­ge­nom­men wer­den. (…) Aus die­sem Grun­de ist der Re­fe­rent im­mer real, weil es un­mög­lich ist, ihn zu be­zeich­nen. Un­ter die­ser Vor­aus­set­zung bleibt nichts an­de­res, als ihn zu kon­stru­ie­ren. Und man kon­stru­iert ihn, wenn man kann.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 45 f.)

    Und am 10. März 1971 hieß es:

    Nun, dar­aus kön­nen Sie viel ler­nen, viel dar­über, dass die ja­pa­ni­sche Spra­che von ih­rer Schrift ge­nährt wird. Sie wird wie ge­nährt? Lin­gu­is­tisch na­tür­lich, das heißt an dem Punkt, wo die Lin­gu­is­tik an die Spra­che her­an­reicht, das heißt im­mer im Ge­schrie­be­nen.

    Es muss Ih­nen ja ge­sagt wer­den, wenn Mon­sieur de Saus­su­re re­la­tiv in der Lage war, die Si­gni­fi­kan­ten als ar­bi­trär zu be­zeich­nen, dann ein­zig auf­grund des­sen, dass es sich um ge­schrie­be­ne Fi­gu­ra­tio­nen han­del­te. Wie hät­te er sei­nen klei­nen Quer­strich (bar­re) ma­chen kön­nen, den ich hin­rei­chend ge­braucht und miss­braucht habe, mit der Sa­che dar­un­ter und den Sa­chen dar­über, wenn er kei­ne Schrift ge­habt hät­te?

    All das, um Sie dar­an zu er­in­nern, dass das ins Auge springt, wenn ich sage, dass es kei­ne Met­a­spra­che gibt. Es ge­nügt, dass ich Ih­nen ei­nen ma­the­ma­ti­schen Be­weis vor­füh­re, Sie wer­den dann se­hen, dass ich ge­zwun­gen bin, dar­über zu schwat­zen, denn das ist et­was Ge­schrie­be­nes. Ohne das wür­de das nicht rü­ber­kom­men.

    Wenn ich dar­über spre­che, ist das kei­nes­wegs Met­a­spra­che, son­dern das, was man be­zeich­net, was die Ma­the­ma­ti­ker selbst, wenn Sie eine lo­gi­sche Theo­rie er­läu­tern, als Rede be­zeich­nen, als all­ge­mei­ne Rede, als ge­wöhn­li­che Rede.

    Das ist die Funk­ti­on des Spre­chens, in­so­fern es an­ge­wen­det wird, na­tür­lich nicht auf völ­lig un­be­grenz­te, un­dis­zi­pli­nier­te Wei­se – das ist das, was ich eben ‚be­wei­sen‘ ge­nannt habe –, son­dern auf die Spra­che. Die Schrift ist das, wor­um es geht, das, wor­über ge­spro­chen wird.

    Es gibt kei­ne Met­a­spra­che, in dem Sin­ne, dass man im­mer nur aus­ge­hend von der Schrift spricht.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 92)

  111. Chol­let und Mil­ler: „qui ac­tu­el­le­ment écriv­ent“ (was ge­gen­wär­tig ge­schrie­ben wird).– Litu­ra­terre II: kei­ne Ent­spre­chung.
  112. Die Avant­gar­deli­te­ra­tur ist kein Dis­kurs im Sin­ne von La­can, sie setzt den durch ei­nen Dis­kurs er­zeug­ten Bruch vor­aus. La­can be­zieht sich hier auf das Sche­ma der vier Dis­kur­se aus Se­mi­nar 17. Je­der Dis­kurs be­steht aus vier Plät­zen, der Platz un­ten rechts ist der Platz der Pro­duk­ti­on, d.h. des­sen, was durch ei­nen Dis­kurs er­zeugt wird. Vgl. Se­mi­nar 17, Ver­si­on Mil­ler, S. 196.
  113. Litu­ra­terrir“ ent­hält das Verb „at­terrir“, zu Bo­den ge­hen, lan­den; der Aus­druck kann also ge­le­sen wer­den als Ver­dich­tung aus litu­ra und at­ter­ir, „Strei­chung“ und „zu Bo­den ge­hen“.
    Der Dis­kurs, der den Bruch voll­zieht, ist dem­nach der­je­ni­ge der Wis­sen­schaft.
  114. In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 ver­weist La­can auf den Sam­mel­band L’écriture et la psy­cho­lo­gie des peu­ples (A. Co­lin, Pa­ris 1963), dar­in ins­be­son­de­re auf den Bei­trag von Al­fred Mé­traux über die Schrift der Os­ter­in­seln; da­nach fährt er so fort:

    Dass man ziem­lich ver­nünf­ti­ge Sa­chen über die Schrift sagt, ist si­cher­lich nicht so­fort ge­sche­hen, und wir wer­den se­hen war­um. Wäh­rend die­ser Zeit brauch­te es si­cher­lich ernst­haf­te Ein­schüch­te­rungs­ef­fek­te, sol­che, die sich aus die­sem ver­fluch­ten Aben­teu­er er­ge­ben, das wir die Wis­sen­schaft nen­nen, und es gibt in die­sem Hör­saal nicht ei­nen un­ter uns, mich na­tür­lich ein­ge­schlos­sen, der auch nur die ge­rings­te Idee da­von ha­ben kann, wo­hin das füh­ren wird.

    Gut. Also wei­ter. Man wird sich ein biss­chen über Fra­gen der Ver­schmut­zung auf­re­gen, über Fra­gen der Zu­kunft, über eine ge­wis­se An­zahl von Dumm­hei­ten die­ser Art, und die Wis­sen­schaft wird klei­ne Pos­sen auf­füh­ren, für die es kei­nes­wegs nutz­los wäre, klar zu se­hen, wor­in bei­spiels­wei­se ihr Ver­hält­nis zur Schrift be­steht. Das könn­te dien­lich sein.“ (Sit­zung vom 10. März 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 85)

  115. In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can, nach Er­läu­te­run­gen zum Be­griff der Me­ta­pher, zu Chom­skys Be­griff der Per­form­anz an­ge­merkt:

    Sie ((die Lin­gu­is­ten)) sind es, die das so nen­nen. Ich nicht, ich habe da­für kei­nen Be­darf. Ich bin da­bei, sie zu voll­zie­hen, die Per­form­anz, in­dem ich die Per­form­anz er­brin­ge, zu Ih­nen über die Me­ta­pher zu spre­chen. Und na­tür­lich lege ich Sie da­mit rein, denn das ein­zig In­ter­es­san­te ist das, was sich bei der Per­form­anz er­eig­net, näm­lich die Pro­duk­ti­on von Mehr­lust, die Ihre und die­je­ni­ge, die Sie mir zu­schrei­ben, wenn Sie nach­den­ken. Nach­den­ken, das pas­siert Ih­nen. Das pas­siert Ih­nen vor al­lem, um sich zu fra­gen, was ich hier bloß an­stel­le. Man muss wohl glau­ben, dass Ih­nen das Lust (plai­sir) ma­chen muss, auf der Ebe­ne die­ser Mehr­lust, die Sie drängt. Wie ich Ih­nen be­reits er­klärt habe, ist dies die Ebe­ne, auf der sich die Ope­ra­ti­on der Me­to­ny­mie voll­zieht, dank de­rer Sie fast über­all hin ge­führt wer­den kön­nen, an der Nase her­um­ge­führt wer­den kön­nen, na­tür­lich nicht ein­fach, um Sie in den Kor­ri­dor zu brin­gen. Aber das ist nicht das, was in­ter­es­sant ist, Sie in den Gang zu füh­ren, und nicht ein­mal, Sie auf dem öf­fent­li­chen Platz zu schla­gen. Das In­ter­es­san­te ist, Sie hier zu hal­ten, wohl­ge­ord­net, ziem­lich eng, an­ein­an­der­ge­drängt. Wäh­rend Sie hier sind, scha­den Sie nie­man­dem.“ (Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 48)

  116. Zum An­drang der Zu­hö­rer­schaft hat­te La­can sich in der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18 ge­äu­ßert, aus­ge­hend von dem Auf­satz Ra­dio­pho­nie, der kurz zu­vor in der Zeit­schrift „Sci­li­cet“ er­schie­nen war:

    Zwei Merk­ma­le die­ses Hef­tes von ‚Sci­li­cet‘ sind hier fest­zu­hal­ten.

    Das ers­te ist, dass ich hier ins­ge­samt mei­nen Dis­kurs vom letz­ten Jahr er­pro­be – halb­wegs, bis auf et­was, was mehr ist (qui est en plus) – in ei­ner Kon­fi­gu­ra­ti­on, die ge­nau durch die Ab­we­sen­heit des­sen ge­kenn­zeich­net ist, was ich den An­drang (pres­se) Ih­rer Ge­gen­wart ge­nannt habe. Um dem, was die­se Ge­gen­wart be­deu­tet, sei­nen vol­len Ak­zent zu ge­ben, möch­te ich sie als ‚drän­gen­de Mehr­lust‘ (plus-de-jouir pres­sé) be­zeich­nen. (…)

    Das ist nicht neu, ich habe es be­reits ge­sagt, aber nie­mand ach­tet dar­auf, das, was die Ori­gi­na­li­tät die­ses Un­ter­richts aus­macht, und wo­durch das mo­ti­viert wird, was Sie durch ih­ren An­drang zu ihm bei­steu­ern, ist ge­nau dies, dass je­mand, aus­ge­hend vom ana­ly­ti­schen Dis­kurs, sich Ih­nen ge­gen­über in die Po­si­ti­on des Ana­ly­san­ten bringt. Als ich im Ra­dio ge­spro­chen habe, habe ich die­sen Un­ter­richt der Pro­be der Ab­zie­hung die­ser Ge­gen­wart un­ter­wor­fen, die­ses Raums, in dem Sie sich drän­gen – an­nul­liert und er­setzt durch das rei­ne Es gibt die­ser In­ter­si­gni­fi­kanz, von der ich eben ge­spro­chen habe, auf dass hier das Sub­jekt ins Schwan­ken ge­rät.“ (Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 11)

    Die­ser Dis­kurs also, der sich dar­auf be­schränkt, nur im Ar­te­fakt zu agie­ren, ist ins­ge­samt nur die Ver­län­ge­rung der Po­si­ti­on des Ana­ly­ti­kers, in­so­fern sie da­durch de­fi­niert ist, das Ge­wicht sei­ner Mehr­lust an ei­nem be­stimm­ten Platz zu brin­gen. Das ist je­doch die Po­si­ti­on, die ich hier nicht ein­neh­men könn­te, sehr ge­nau des­halb, weil ich hier nicht in der Po­si­ti­on des Ana­ly­ti­kers bin. Wie ich vor­hin ge­sagt habe, wä­ren viel­mehr Sie in die­ser Po­si­ti­on, in die­sem An­drang, bis auf dies, dass Ih­nen hier das Wis­sen fehlt.“ (Eben­da, Ver­si­on Mil­ler, S. 12)

    Ich gehe von dem aus, was in ei­nem Dis­kurs ge­sagt wird, von des­sen Ar­te­fakt an­ge­nom­men wird, da­für aus­zu­rei­chen, dass Sie da sind.

    Hier, Schnitt, denn ich füge nicht hin­zu, ‚dass Sie da sind im Zu­stand der drän­gen­den Mehr­lust‘.

    Ich habe ‚Schnitt‘ ge­sagt, weil es frag­lich ist, ob mein Dis­kurs Sie als Mehr­lust ver­sam­melt, die be­reits drängt. Es ist nicht ent­schie­den, was auch im­mer die­ser oder je­ner dar­über den­ken mag, dass es die­ser Dis­kurs wäre – der­je­ni­ge der Aus­sa­gen­fol­ge, die ich ih­nen prä­sen­tie­re –, der Sie in die­se Po­si­ti­on bringt.“ (Eben­da, Ver­si­on Mil­ler, S. 13)

  117. Die Spe­zi­al­schrift, von der La­can hier spricht, ist das aus chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen be­stehen­de Kan­ji, ei­nes der drei im Ja­pa­ni­schen ver­wen­de­ten Schrift­sys­te­me. Kan­ji-Schrift­zei­chen kön­nen auf zwei Wei­sen ge­le­sen wer­den, in Laut-Le­sung (On-Yomi) und in Be­griffs-Le­sung (Kun-Yomi). Bei Laut-Le­sung lehnt sich die Aus­spra­che an den Klang des ent­spre­chen­den chi­ne­si­schen Wor­tes an. Bei Be­griffs-Le­sung wird dem Schrift­zei­chen die Aus­spra­che zu­ge­ord­net, die das dem Schrift­zei­chen ent­spre­chen­de ja­pa­ni­sche Wort hat; vgl. hier.

    Eine gro­be Ähn­lich­keit im Deut­schen lässt sich am Wort „Cham­pa­gner“ de­mons­trie­ren. Das „gn“ wird als Pho­nem­fol­ge /nj/ ge­le­sen; dies ent­spricht in etwa ei­ner Laut-Le­sung, die sich auf eine Fremd­spra­che stützt.

    Bei Ver­wen­dung ei­ner Buch­sta­bier­ta­fel wird „gn“ bei­spiels­wei­se als „Gus­tav-Nord­pol“ ge­le­sen; dies ent­spricht in etwa der Be­griffs­le­sung. Dies umso mehr, als im Ja­pa­ni­schen die Be­griffs­le­sung nicht nur eine Be­deu­tung des Schrift­zei­chens an­gibt, son­dern zu­gleich sei­nen Na­men.

    In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can ge­sagt:

    Wenn Sie sich ein biss­chen an ei­ner Spra­che ab­ge­ar­bei­tet ha­ben wer­den wie der­je­ni­gen, die ich eben­falls ge­ra­de ler­ne, und da bin ich mir ab­so­lut nicht si­cher, dass das eine Wir­kung des Über-Ichs ist, die ja­pa­ni­sche Spra­che, nun, dann wird Ih­nen klar wer­den, dass eine Schrift eine Spra­che so, wie sie be­schaf­fen ist, be­ein­flus­sen kann, die­se me­lo­diö­se Spra­che, wun­der­bar in ih­rer Schmieg­sam­keit und ih­rem Ein­falls­reich­tum. Wenn ich den­ke, dass das eine Spra­che ist, in der die Ad­jek­ti­ve kon­ju­giert wer­den und dass ich bis zu mei­nem Al­ter ge­war­tet habe, um das zu mei­ner Dis­po­si­ti­on zu ha­ben, dann weiß ich wirk­lich nicht, was ich bis hier­her ge­tan habe. Ich, ich habe nach nichts an­de­rem ge­strebt als da­nach, dass die Ad­jek­ti­ve kon­ju­giert wer­den. Und eine Spra­che, in der die Fle­xio­nen die­ses ab­so­lut Wun­der­ba­re ha­ben, dass sie ganz al­lein spa­zie­ren ge­hen.

    Das, was ‚Mo­nem‘ ge­nannt wird, hier kön­nen Sie es mit­ten­drin än­dern. Sie ver­pas­sen ihm eine chi­ne­si­sche Aus­spra­che, völ­lig an­ders als die ja­pa­ni­sche Aus­spra­che, der­art, dass Sie, wenn Sie mit ei­nem chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen kon­fron­tiert sind, es On-Yomi oder Kun-Yomi aus­spre­chen, ab­hän­gig von den je­wei­li­gen Be­din­gun­gen, die im­mer sehr ge­nau sind. Aber für ei­nen Typ, der so wie ich da­hin ge­langt, gibt es kei­ne Mög­lich­keit zu wis­sen, wel­che der bei­den er wäh­len muss. Man muss in­iti­iert sein, aber na­tür­lich gibt es nur die Na­tür­li­chen, die es wis­sen.

    Mehr noch, Sie kön­nen zwei chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen ha­ben. Wenn Sie sie Kun-Yomi aus­spre­chen, d.h. auf Ja­pa­nisch, sind Sie ab­so­lut nicht in der Lage zu sa­gen, zu wel­chem die­ser chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen die ers­te Sil­be des­sen ge­hört, was Sie sa­gen, und zu wel­chem die letz­te ge­hört, die in der Mit­te noch we­ni­ger, nicht wahr? Es ist das Ge­samt der bei­den chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen, das Ih­nen die mehr­sil­bi­ge ja­pa­ni­sche Aus­spra­che dik­tiert, die man voll­kom­men ver­steht, eine Aus­spra­che, die auf zwei Schrift­zei­chen gleich­zei­tig ant­wor­tet. Denn wenn man an­nimmt, dass ein chi­ne­si­sches Schrift­zei­chen im Prin­zip ei­ner Sil­be ent­spricht, wenn Sie es auf chi­ne­si­sche Wei­se aus­spre­chen, On-Yomi, dann sieht man nicht, war­um man sich dann, wenn man es auf ja­pa­ni­sche Wei­se aus­spricht, ver­pflich­tet glau­ben soll­te, die­se Wort­vor­stel­lung in Sil­ben zu zer­le­gen.

    Nun, dar­aus kön­nen Sie viel ler­nen, viel dar­über, dass die ja­pa­ni­sche Spra­che von ih­rer Schrift ge­nährt wird. Sie wird wie ge­nährt? In lin­gu­is­ti­scher Form na­tür­lich, das heißt an dem Punkt, wo die Lin­gu­is­tik an die Spra­che her­an­reicht, das heißt im­mer im Ge­schrie­be­nen.

    Es muss Ih­nen ja ge­sagt wer­den, wenn Mon­sieur de Saus­su­re re­la­tiv in der Lage war, die Si­gni­fi­kan­ten als ar­bi­trär zu be­zeich­nen, dann ein­zig auf­grund des­sen, dass es sich um ge­schrie­be­ne Fi­gu­ra­tio­nen han­del­te. Wie hät­te er sei­nen klei­nen Quer­strich (bar­re) ma­chen kön­nen, den ich hin­rei­chend ge­braucht und miss­braucht habe, mit der Sa­che dar­un­ter und den Sa­chen dar­über, wenn er kei­ne Schrift ge­habt hät­te?“ (Sit­zung vom 10. März 1971; über­setzt nach Ver­si­on Mil­ler, S. 91 f.)

    Mo­nem“ ist der Ter­mi­nus des fran­zö­si­schen Sprach­wis­sen­schaft­lers An­dré Mar­ti­net für die kleins­te be­deu­tungs­tra­gen­de Ein­heit, also für das Ge­bil­de, das im Deut­schen „Mor­phem“ heißt.

    Der Quer­strich (bar­re) ist der waa­ge­rech­te Strich zwi­schen Si­gni­fi­kat und Si­gni­fi­kant in Saus­su­res Dar­stel­lung des Zei­chens; in Das Drän­gen des Buch­sta­bens hat­te La­can die­sen Strich als Sper­re ge­deu­tet, die das Si­gni­fi­kat in der Ver­drän­gung hält.

    Im Vor­wort zur ja­pa­ni­schen Über­set­zung der Écrits schreibt La­can 1972:

    Das Un­be­wuss­te (um zu wis­sen, was das ist, lese man den Dis­kurs, den die­se Schrif­ten als den von Rom ver­zeich­nen), das Un­be­wuss­te, sage ich, ist struk­tu­riert wie eine Spra­che.

    Das ist es, was es der ja­pa­ni­schen Spra­che er­mög­licht, die Bil­dun­gen so voll­kom­men ab­zu­dich­ten, dass ich zu­ge­gen sein konn­te, als eine Ja­pa­ne­rin die Ent­de­ckung mach­te, was ein Witz ist: eine er­wach­se­ne Ja­pa­ne­rin.

    Da­durch wird be­wie­sen, dass in Ja­pan der Witz tat­säch­lich die Di­men­si­on der ganz ge­wöhn­li­chen Rede ist, und das ist es, wes­halb nie­mand, der die­se Spra­che be­wohnt, das Be­dürf­nis hat, psy­cho­ana­ly­siert zu wer­den, au­ßer um sei­ne Be­zie­hun­gen zu den Spiel­au­to­ma­ten zu re­geln, ja so­gar zu noch ein­fa­che­ren me­cha­ni­schen Kli­en­ten.

    Für die wirk­lich spre­chen­den We­sen ge­nügt das On-Yomi, um das Kun-Yomi zu kom­men­tie­ren. Die Klam­mer, die bei­de mit­ein­an­der ver­bin­det, ist das Wohl­erge­hen der­je­ni­gen, die sie dazu bil­den, so frisch wie hei­ße Waf­feln dar­aus her­vor­zu­ge­hen.

    Nicht alle ha­ben das Glück, in ih­rer Spra­che chi­ne­sisch zu spre­chen, der­art, dass sie da­von ein Dia­lekt wäre, vor al­lem nicht, was ein noch stär­ke­rer Punkt ist, da­von eine Schrift über­nom­men zu ha­ben, die ih­rer Spra­che so fremd ist, dass dies hier in je­dem Mo­ment den Ab­stand des Den­kens, also des Un­be­wuss­ten, zum Spre­chen spür­bar macht. Also der Ab­stand, der in den in­ter­na­tio­na­len Spra­chen, die für die Psy­cho­ana­ly­se re­le­vant ge­we­sen sind, so schwer frei­zu­le­gen ist.“ (Avis au lec­teur ja­po­nais. In: Au­tres écrits, S. 498 f. Die­ses Vor­wort trägt das Da­tum vom 27. Ja­nu­ar 1972; es wur­de 1981 auf Fran­zö­sisch ver­öf­fent­licht.)

    In Se­mi­nar 23 wird La­can sei­ne The­se be­kräf­ti­gen: Ja­pa­ner sind nicht ana­ly­sier­bar, heißt es dort (vgl. Se­mi­nar 23, Sit­zung vom 26. März 1976; Ver­si­on Mil­ler, S. 126).

  118. Chol­let und Mil­ler: „et non pas le si­gne“ (und nicht das Zei­chen).– Litu­ra­terre II: „C’est la lett­re com­me tel­le qui fait ap­pui au si­gni­fi­ant se­lon sa loi de mé­ta­pho­re. C’est d’ailleurs : du dis­cours, qu’il la prend au fi­let du sem­blant.“ (Au­tres écrits, S. 19) Ich neh­me an, das „et non pas le si­gni­fi­ant“ in Ver­si­on Es­paces La­can ein Ver­spre­cher oder ein Ver­schrei­ber ist und über­set­ze an die­ser Stel­le nach Ver­si­on Chol­let.
  119. Un­ter „Zei­chen“ ver­steht La­can die Auf­fas­sung von der Spra­che als Ob­jekt, das vom ei­nem Je­mand ma­ni­pu­liert wird, die Spra­che als Werk­zeug, etwa als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel; ent­spre­chend der De­fi­ni­ti­on von Charles San­ders Peirce, wo­nach ein Zei­chen et­was für je­man­den re­prä­sen­tiert. Vgl. Ra­dio­pho­nie, S. 8.)
  120. Chol­let: „de tou­te cho­se“.– Litu­ra­terre II: „que tou­te cho­se“.– Mil­ler: „que tou­tes cho­ses“.
  121. In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can ge­sagt:

    Das, was sich in ei­nem Dis­kurs an den An­de­ren als ein Du wen­det, lässt die Iden­ti­fi­zie­rung auf­tau­chen, mit et­was, was man das mensch­li­che Idol nen­nen kann. (…) In je­dem Dis­kurs, der ans Du ap­pel­liert, pro­vo­ziert et­was zu ei­ner ge­tarn­ten, ge­hei­men Iden­ti­fi­zie­rung, die nichts an­de­res ist als die mit die­sem rät­sel­haf­ten Ob­jekt, das gar nichts sein kann, die ganz klei­ne Mehr­lust von Hit­ler, die viel­leicht nicht wei­ter ging als sein Schnurr­bart.“ (Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 29)

  122. Litu­ra­terre II: „que j’y dé­no­te, de ce que cet­te fic­tion soit so­u­mi­se aux lois de la po­li­tes­se.“ (Au­tres écrits, S. 19)
  123. Vgl. in die­sem Blog den Ar­ti­kel „Die Wahr­heit hat die Struk­tur ei­ner Fik­ti­on.“
  124. In der ers­ten Sit­zung von Se­mi­nar 18 wird die Spal­tung des Sub­jekts durch die Spra­che so be­schrie­ben:

    Er­in­nern Sie sich an mei­ne Ter­mi­ni. Zu der Zeit, als ich ei­nem be­stimm­ten Be­richt den Ti­tel Funk­ti­on und Feld des Spre­chens und der Spra­che in der Psy­cho­ana­ly­se ge­ge­ben habe, habe ich ‚In­ter­sub­jek­ti­vi­tät‘ ge­schrie­ben, und Gott weiß zu wel­chen fal­schen Spu­ren das Äu­ßern von Ter­mi­ni wie die­sen An­lass ge­ben kann. Man möge mir nach­se­hen, dass ich sie, die­se Spu­ren, als ers­te ma­chen muss­te. Nur vom Miss­ver­ständ­nis aus konn­te ich vor­an­kom­men. ‚In­ter‘, si­cher­lich, das ist das, was ein­zig die Fol­ge mir er­laubt hat, tat­säch­lich über eine ‚In­ter­si­gni­fi­kanz‘ zu äu­ßern, die da­nach sub­jek­ti­viert wird, wo­bei der Si­gni­fi­kant das ist, was ein Sub­jekt für ei­nen an­de­ren Si­gni­fi­kan­ten re­prä­sen­tiert, wo das Sub­jekt nicht ist. Da, wo es re­prä­sen­tiert wird, ist das Sub­jekt ab­we­send. Und ge­nau des­halb, weil es gleich­wohl re­prä­sen­tiert wird, fin­det es sich auf die­se Wei­se ge­spal­ten.“ (Sit­zung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 10)

  125. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „ne fait en bloc rien“.– Mil­ler und Litu­ra­terre II: „ne fait en­ve­lop­pe à rien“ (ei­nen Um­schlag / eine Hül­le für nichts bil­det) (Au­tres écrits, S. 19).
  126. Auf Ro­land Bart­hes hat­te La­can sich in Se­mi­nar 18 be­reits frü­her be­zo­gen. In der Sit­zung vom 10. Fe­bru­ar 1971 hat­te er be­rich­tet, dass ein Lin­gu­ist ihm, Bart­hes und Lévi-Strauss den Vor­wurf ge­macht hat­te, von der Lin­gu­is­tik ei­nen me­ta­pho­ri­schen Ge­brauch zu ma­chen (vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 42). Der frag­li­che Lin­gu­ist ist An­dré Mar­ti­net.
  127. Ro­land Bart­hes: L’empire des si­gnes. Ski­ra, Genf 1970; dt.: Das Reich der Zei­chen. Über­setzt von Mi­cha­el Bi­sch­off. Suhr­kamp, Frank­furt am Main 1981.
  128. Der Schein ist der Si­gni­fi­kant, heißt es in der ers­ten Vor­le­sung von Se­mi­nar 18 (Vor­le­sung vom 13. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 14).
    Vgl. vor­her La­cans Be­mer­kung, es sei der Buch­sta­be und nicht das Zei­chen, das im Ja­pa­ni­schen den Si­gni­fi­ka­ten stützt (Ver­si­on Mil­ler, S. 125).
  129. In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can die vier Plät­ze der vier Dis­kur­se als Näp­fe (go­dets) be­zeich­net (vgl. Sit­zung vom 20. Ja­nu­ar 1971; Ver­si­on Mil­ler, S. 26). Der ers­te Napf ist dem­nach der Platz oben links, der Platz des Scheins. In der­sel­ben Sit­zung be­zeich­net er den Dis­kurs als Ar­te­fakt (Ver­si­on Mil­ler, S. 27); also ist ver­mut­lich ge­meint „oder es mit sei­nem Dis­kurs zu­min­dest auf­zu­ru­fen“.
  130. Beim Bun­ra­ku sitzt der Re­zi­ta­tor (tayu) an der Sei­te der Büh­ne. Er ar­ti­ku­liert die Stim­men des Er­zäh­lers und sämt­li­cher Fi­gu­ren und be­tont da­bei die Emo­tio­nen. (Vgl. Wi­ki­pe­dia-Eng­lisch, Ar­ti­kel „Bun­ra­ku“.
  131. Deut­li­cher in Litu­ra­terre II: „ in­ter­prè­te, jus­tement de ce qu’il ne né­ces­si­te pas l’interprétation.“ (ge­nau des­halb, weil eine Übersetzung/Deutung nicht not­wen­dig ist) (Au­tres écrits, S. 20).
  132. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „des faits de lan­ga­ge“. – Mil­ler und Litu­ra­terre II: „la tra­duc­tion per­pé­tu­el­le fai­te lan­ga­ge“ (die zu Spra­che ge­mach­te be­stän­di­ge Über­set­zung) (Au­tres écrits, S. 20).
  133. Un­ter „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ und „Dia­log“ ver­steht La­can meist die Auf­fas­sung, dass die Spra­che ein Werk­zeug ist, um Ge­dan­ken mit­zu­tei­len; vgl. etwa Ra­dio­pho­nie, S. 8.

    In ei­ner frü­he­ren Sit­zung von Se­mi­nar 18 hat­te La­can dar­an er­in­nert, dass er seit lan­gem sagt, es gebe kei­nen Dia­log (Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar 1971; vgl. Ver­si­on Mil­ler, S. 72).

  134. Chol­let schreibt wie Es­paces La­can: „je me clas­se par­mi les êtres vi­vants“.– Mil­ler: „qu’avec moi je les clas­se êtres vi­vants“ (dass ich sie mit mir zu den Le­be­we­sen zäh­le).– Litu­ra­terre II: „qu’avec moi je les clas­se, de pure lo­gi­que, par­mi les êtres vi­vants.“ (Dass ich sie mit mir, rein lo­gisch, zu den Le­be­we­sen zäh­le) (Au­tres écrits, S. 20).
  135. In Das Drän­gen des Buch­sta­bens im Un­be­wuss­ten (1957) heißt es:

    Die An­sprü­che des Geis­tes wür­den auch dann un­an­ge­foch­ten blei­ben, wenn der Buch­sta­be nicht die Pro­be ab­ge­legt hät­te da­von, daß er alle sei­ne Wahr­heits­wir­kun­gen im Men­schen tä­tigt, ohne daß der Geist auch nur das ge­rings­te da­mit zu schaf­fen hat.“ (Schrif­ten II, S. 34)

    1966 ver­weist La­can in ei­nem Nach­trag zu sei­nem Poe-Auf­satz dar­auf, dass er im Auf­satz vom ca­put mor­tu­um des Si­gni­fi­kan­ten ge­spro­chen habe, von sei­nem „To­ten­kopf“, d.h. von ei­nem „Loch“, das der Si­gni­fi­kant auf­reißt (vgl. Das Se­mi­nar über E.A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 50); er be­tont den kau­sa­len As­pekt die­ses Lochs, sei­ne Wirk­sam­keit.

    Die­ser Ef­fekt ist der­art hand­greif­lich, dass er so­wohl hier ((im von La­can ent­wi­ckel­ten Sche­ma ei­ner Kom­bi­na­to­rik)) als auch in der Fik­ti­on des ent­wen­de­ten Brie­fes ge­faßt wer­den kann.

    De­ren We­sen be­steht dar­in, dass der Brief/Buchstabe sei­ne Wir­kun­gen nach in­nen über­tra­gen konn­te: auf die Han­deln­den der Er­zäh­lung, den Er­zäh­ler mit­ein­ge­schlos­sen, wie auch nach au­ßen: auf un­se­re Le­ser, wie auch auf ih­ren Au­tor, ohne daß ir­gend je­mand je­mals sich um sei­ne Be­deu­tung küm­mern muß­te. Das ist ge­wöhn­lich das Los all des­sen, was ge­schrie­ben wird.“ (Das Se­mi­nar über E.A. Poes „Der ent­wen­de­te Brief“, Schrif­ten I, S. 55)

    In Ra­dio­pho­nie (1970) be­schreibt La­can eine ähn­li­che Ta­fel-Sze­ne:

    Ich ent­sin­ne mich der Ver­le­gen­heit, mit der mich ein Bur­sche be­frag­te, der sich, da er Mar­xist sein woll­te, un­ter das aus Leu­ten der Par­tei (der ein­zi­gen) be­stehen­de Pu­bli­kum ge­mischt hat­te, das (Gott weiß wie­so) zur Mit­tei­lung mei­ner ‚Dia­lek­tik des Be­geh­rens und Sub­ver­si­on des Sub­jekts in der Psy­cho­ana­ly­se‘ zu­sam­men­ge­strömt war.

    Ich habe net­ter­wei­se (nett, wie ich im­mer bin) in der Fol­ge in mei­nen Écrits auf die Ver­dutzt­heit hin­ge­wie­sen, die mir aus die­sem Pu­bli­kum ant­wor­te­te.

    Was ihn an­geht, ‚glau­ben Sie denn‘, sag­te er mir, ‚daß es ge­nügt, daß Sie was pro­du­ziert, Buch­sta­ben an die Ta­fel ge­schrie­ben ha­ben, um da­von ei­nen Ef­fekt zu er­war­ten?‘

    Eine der­ar­ti­ge Übung hat je­doch ge­tra­gen, ich habe da­von den Be­weis, und sei’s nur durch den Ab­fall, der ihr ein Recht für mein Buch gab – wo­bei die Fonds der Ford Foun­da­ti­on, die sol­che Zu­sam­men­künf­te an­re­gen, da­mit sie was ha­ben, um mit dem Schwamm drü­ber­zu­wi­schen, sich un­vor­stell­bar auf dem Tro­cke­nen fan­den, um mich zu pu­bli­zie­ren.

    Das ist, weil der Ef­fekt, der sich pro­pa­giert, nicht ei­ner von Kom­mu­ni­ka­ti­on des Spre­chens, son­dern von Ver­schie­bung des Dis­kur­ses ist.

    Freud, un­be­grif­fen, und sei’s von ihm selbst, da er sich hat ver­ständ­lich ma­chen wol­len, ist we­ni­ger durch sei­ne Schü­ler ge­dient als durch die­se Pro­pa­gie­rung (…).“ (Ra­dio­pho­nie, S. 11)

  136. In der Sit­zung vom 17. Fe­bru­ar hat­te La­can ge­sagt,

    dass es beim Sprech­we­sen kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt. Es hat eine ers­te Be­din­gung ge­ge­ben, die es uns so­fort se­hen las­sen könn­te, näm­lich dass das se­xu­el­le Ver­hält­nis, wie je­des an­de­re Ver­hält­nis, letzt­lich nur vom Ge­schrie­be­nen her Be­stand hat. Das We­sent­li­che des Ver­hält­nis­ses ist, dass es eine Ab­bil­dung im Sin­ne der Ma­the­ma­tik ist, a auf b ab­ge­bil­det – a → b. Wenn Sie es nicht a und b schrei­ben, ha­ben Sie es nicht mit dem Ver­hält­nis als sol­chem zu tun. Das heißt nicht, dass sich im Rea­len nichts er­eig­net. Aber im Na­men von was wol­len Sie es ‚Ver­hält­nis‘ nen­nen? Die­se ganz gro­be Sa­che wür­de be­reits hin­rei­chen, um, sa­gen wir, be­greif­lich zu ma­chen, dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, wür­de aber in nichts die Tat­sa­che aus­räu­men, dass es nicht ge­lingt, es zu schrei­ben.“ (Ver­si­on Mil­ler, S. 65)

    In der Sit­zung vom 10. März knüpft er hier­an an:

    Dass es kein se­xu­el­les Ver­hält­nis gibt, habe ich be­reits in der Form fi­xiert, dass es ge­gen­wär­tig kei­ne Wei­se gibt, es zu schrei­ben. Wer weiß, es gibt Leu­te, die da­von träu­men, dass das ei­nes Ta­ges ge­schrie­ben wird. War­um nicht, es gibt Fort­schrit­te der Bio­lo­gie, Mon­sieur Ja­cob ist im­mer­hin da, nicht wahr? Viel­leicht wird es ei­nes Ta­ges nicht mehr die ge­rings­te Fra­ge ge­ben über das Spermato<zoon> und die Ei­zel­le. Sie sind für­ein­an­der ge­macht, das wird ge­schrie­ben wer­den, wie man sagt. (…)

    Wie auch im­mer, ge­gen­wär­tig kann das nicht ge­schrie­ben wer­den, ohne et­was funk­tio­nie­ren zu las­sen, was ein biss­chen ko­misch ist, weil man ge­ra­de über sein Ge­schlecht nichts weiß, näm­lich das, was ‚Phal­lus‘ heißt.

    Ich be­dan­ke mich bei der Per­son, die mir die Sei­te ge­ge­ben hat, wo es in mei­nen Schrif­ten das gibt, was es mit dem Be­geh­ren des Man­nes auf sich hat, Φ(a) ge­schrie­ben. Φ, das ist der Phal­lus-Si­gni­fi­kant. Das wird hier für die­je­ni­gen ge­sagt, die glau­ben, dass der Phal­lus der Si­gni­fi­kan­ten­man­gel ist. Ich weiß, dass das in den Ca­fés dis­ku­tiert wird, denn ich, ich mach mir nichts draus, aus den Schrif­ten, nicht wahr? Und das Be­geh­ren der Frau, das schreibt sich Ⱥ(φ). (φ) ist der Phal­lus da, wo man sich vor­stellt, dass er ist, der klei­ne Pul­ler­mann. Nun, das ist das, was ei­nem bes­ser zu schrei­ben ge­lingt nach et­was, was wir, mein Gott, ein­fach so nen­nen wer­den: die Tat­sa­che, ei­nen be­stimm­ten Mo­ment der Wis­sen­schaft er­reicht zu ha­ben.

    Die­ser Mo­ment der Wis­sen­schaft ist durch eine be­stimm­te An­zahl von ge­schrie­be­nen Ko­or­di­na­ten ge­kenn­zeich­net, zu de­nen vor­ran­gig die For­mel ge­hört, die Mon­sieur New­ton ge­schrie­ben hat, in Be­zug auf das, wor­um es bei dem geht, was man das Gra­vi­ta­ti­ons­feld nennt, und was nichts an­de­res ist als ein rei­ner Schrieb. (…) Wenn ich den­ke, dass die­se Her­ren da – und bald die­se Da­men und Her­ren –, die an die­sem ab­so­lut sub­li­men Ort her­um­spa­ziert sind, der si­cher­lich eine der Ver­kör­pe­run­gen des Se­xu­al­ob­jekts ist, der Mond, wenn ich den­ke, dass sie ein­fach durch et­was Ge­schrie­be­nes da­hin ge­bracht wor­den sind, dann gibt das viel Hoff­nung. So­gar in dem Feld, in dem das für uns nütz­lich sein könn­te, in dem des Be­geh­rens. Aber letzt­lich ist das nicht für mor­gen, nicht wahr? Trotz der Psy­cho­ana­ly­se ist das nicht für mor­gen.“ (Se­mi­nar 18, Ver­si­on Mil­ler, S. 83 f.)

    La­can be­zieht sich an der zu­letzt zi­tier­ten Stel­le auf fol­gen­de Pas­sa­ge in sei­nem Auf­satz Re­mar­que sur le rap­port de Da­ni­el Lag­a­che „Psy­chana­ly­se et struc­tu­re de la per­son­na­lité “:

    Die Funk­ti­on Φ des ver­lo­re­nen Si­gni­fi­kan­ten, für die das Sub­jekt sei­nen Phal­lus op­fert, die Form Φ(a) des männ­li­chen Be­geh­rens, Ⱥ(φ) des Be­geh­rens der Frau, füh­ren uns zu die­sem Ende der Ana­ly­se, de­ren Apo­rie uns Freud mit der Kas­tra­ti­on hin­ter­las­sen hat.“ (Écrits, S. 683; zi­tiert nach der Über­set­zung in die­sem Blog hier).


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