Franz Kaltenbeck: Die Gewalt der Melancholie nach David Foster Wallace oder Die Grenzen der Verschlüsselung

Zuperzelle in Tornado Alley - das Reale (Franz Kaltenbeck zu David Foster Wallace)Foto: Mar­ko Ko­ro­sec, Su­per­zel­le in Tor­na­do Al­ley. Ju­les­burg, Co­lo­ra­do (USA), 28. Mai 2013
Aus: Na­tio­nal Geo­gra­phic 2014

Da­vid Fos­ter Wal­lace schrieb im­mer mit dem Ge­fühl der Dring­lich­keit. Als er im Al­ter von 46 Jah­ren Selbst­mord be­ging, hat­te er be­reits zwei Ro­ma­ne ver­öf­fent­licht – ei­nen da­von (in der deut­schen Über­set­zung) im Um­fang von 1545 Sei­ten –, au­ßer­dem zahl­rei­che Sto­ries und Es­says. Wenn die me­lan­cho­li­sche De­pres­si­on sein Le­ben be­droh­te, muss­te er, um das Schlimms­te zu ver­hü­ten, mehr­fach ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wer­den. Er such­te ver­schie­de­ne „The­ra­peu­ten“ auf. Ge­gen Dro­gen und Al­ko­hol kämpf­te er, in­dem er sich sehr ak­tiv an den Tref­fen meh­re­rer Selbst­hil­fe­grup­pen be­tei­lig­te, vor al­lem bei den An­ony­men Al­ko­ho­li­kern; ei­ni­ge sei­ner Ge­schich­ten spie­len in die­sem Mi­lieu. Er hat zwar Freud ge­le­sen, scheint aber nie in ei­ner Psy­cho­ana­ly­se ge­we­sen zu sein.

Seit Freud stel­len wir in der Psy­cho­ana­ly­se den Me­lan­cho­li­ker als ein Sub­jekt dar, das von sei­nen Schuld­ge­füh­len, sei­ner Hilf­lo­sig­keit und sei­nem Ich­ver­lust über­wäl­tigt ist. Je­doch kann der Me­lan­cho­li­ker, der uns auf­sucht, nach­den­ken und spre­chen, Tä­tig­kei­ten, die man sei­nen Un­glücks­ge­fähr­ten, die ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wer­den und de­nen star­ke Be­ru­hi­gungs­mit­tel ver­ab­reicht wer­den, nicht im­mer zu­ge­steht.

Psychotische Melancholie

In In­fi­ni­te Jest (Un­end­li­cher Spaß), sei­nem 1996 ver­öf­fent­lich­ten en­zy­klo­pä­di­schen Ro­man, er­zählt Da­vid Fos­ter Wal­lace uns ab Sei­te 99 von ei­ner Kran­ken, die an ih­ren Arzt eine For­de­rung rich­tet, die ganz an­ders ist als die, mit der man sich an ei­nen Psy­cho­ana­ly­ti­ker wen­det.1 Sie heißt Kate Gom­pert, ist 21 Jah­re alt und be­fin­det sich nach ei­nem schwe­ren Selbst­mord­ver­such auf ei­ner Psych­ia­trie­sta­ti­on. Da­mit sie die pas­sa­ge à l’acte nicht noch ein­mal voll­zieht, muss sie täg­lich 24 Stun­den lang von KranWallace, Unendlicher Spaß (Reales, Das Reale)ken­schwes­tern über­wacht wer­den. Es ist ihr vier­ter Kli­nik­auf­ent­halt we­gen „uni­po­la­rer kli­ni­scher De­pres­si­on“ (Freuds „ech­te oder schwe­re Me­lan­cho­lie“). Be­han­delt wird sie un­ter an­de­rem mit Li­thi­um. Ganz ohne Zwei­fel zeigt Kate pa­tho­lo­gi­sche Züge, die dem Au­tor ent­lehnt sind, und wie die­ser er­weist sie ihre Schlag­fer­tig­keit. Auf die Fra­ge des As­sis­tenz­arz­tes, „War­um ha­ben Sie sich weh­tun wol­len?“, ant­wor­tet sie: „Ich woll­te mir nicht weh­tun. Ich woll­te mich um­brin­gen.“ Dann er­klärt sie ihm, dass sie nicht zu je­nen ge­hört, die des­halb da­von­ge­hen wol­len, weil sie sich selbst has­sen, und auch nicht zu den­je­ni­gen, die sich tö­ten, weil die Kat­ze ge­stor­ben ist oder weil sie bei ei­ner Prü­fung durch­ge­fal­len sind. Sie hat sich auch nicht be­stra­fen wol­len. Sie woll­te ein­fach nicht mehr mit­spie­len, nicht mehr den­ken, nichts mehr füh­len. Der Grund für ih­ren Wunsch zu ster­ben ist ein ei­gen­ar­ti­ges Ge­fühl (fee­ling). Des­halb ist sie hier, in ei­nem Raum ohne Fens­ter, und des­halb hat man ihr die Schnür­sen­kel ab­ge­nom­men. Der As­sis­tenz­arzt will wis­sen, ob das Ge­fühl, dem sie ent­flie­hen will, eine De­pres­si­on ist. Den Aus­druck „De­pres­si­on“ weist sie zu­rück, da er ei­nen dazu bringt, sich je­man­den vor­zu­stel­len, der stumm und trau­rig ist, aus dem Fens­ter schaut und seufzt, je­man­den, der zwar den Blues hat, sich aber den­noch in ei­nem ru­hi­gen Zu­stand be­fin­det. Was ihr weh­tut, ist kein Zu­stand, son­dern ein Ge­fühl, das sie im gan­zen Kör­per spürt, in den Hän­den, in den Ar­men, in den Bei­nen, im Bauch, im Kopf (106). Es ist eher ein Grau­en als eine Trau­rig­keit, „schlim­mer als al­les, was man sich vor­stel­len kann“. Man müss­te es ab­stel­len, aber das ge­lingt ei­nem nicht, un­er­bitt­lich stellt sich die­ses Grau­en ein. Der Arzt be­zeich­net die Emp­fin­dung, von der sie spricht, als „Angst“, aber auch das ist für Kate nicht der pas­sen­de Aus­druck. Es geht um et­was an­de­res: al­les wird zum Grau­en. Al­les wird häss­lich, be­klem­mend (lurid), scharf (harsh), scharf­klin­gend, sta­che­lig (spi­ny).

Lan­ge be­vor Herr LD – ein Kran­ker, dem ich von No­vem­ber 2012 bis De­zem­ber 2013 im Ge­fäng­nis als Ana­ly­ti­ker zu­ge­hört habe – sei­ne Frau und sei­nen Sohn mit zahl­rei­chen Mes­ser­sti­chen er­mor­de­te, hat­te er fol­gen­den Traum. Er be­fin­det sich am Ufer ei­nes dunk­len Mee­res, zö­gert aber, schwim­men zu ge­hen, denn im Was­ser gibt es viel ros­ti­ges Ei­sen, das man nicht gut sieht: Kon­ser­ven­do­sen und Alt­me­tall, vom Was­ser ver­ros­tet. Je wei­ter er vor­an­schrei­tet, des­to we­ni­ger sieht er den Grund des Was­sers, da­bei hat er den Ein­druck, dass auf dem Bo­den we­ni­ger Ab­fäl­le sind. Also bleibt er am Ufer. Von die­sem Traum hat­te er sei­nem The­ra­peu­ten er­zählt, und der fand ihn vol­ler Weis­heit. In der Ver­gan­gen­heit gab es Fall­stri­cke, die Zu­kunft wer­de bes­ser sein, so ließ er ihn wis­sen, be­vor sie sich trenn­ten. Nun ja, das Ende der Ge­schich­te war nicht so glück­lich. Nach­dem ich bei Wal­lace die Stel­le ge­le­sen hat­te, in der er die psy­cho­ti­sche Me­lan­cho­lie auf et­was Schar­fes, Scharf­klin­gen­des und Sta­che­li­ges be­zieht, schien mir der Traum des zu­künf­ti­gen Mör­ders von der Ord­nung ei­ner Dro­hung zu sein, mehr, als ich an­fangs ge­dacht hat­te; zu­nächst hat­te ich an­ge­nom­men, der Traum ver­wei­se ihn auf ein nicht zu über­schrei­ten­des Hin­der­nis. Die schnei­den­den Me­tal­le ha­ben ihn tat­säch­lich ge­sucht. Drei Stun­den vor dem Dop­pel­mord hat­te er die Mord­waf­fe ge­kauft, ein Mes­ser, das ihm „die­nen“ (ser­vir) soll­te.

War Ih­nen je schlecht?“, fragt Kate Gom­pert Ih­ren Arzt. „Ein scheuß­li­ches Ge­fühl, aber es be­schränkt sich auf den Ma­gen. (..) stel­len Sie sich vor, Sie wür­den sich drin­nen über­all so füh­len. Als wäre je­der Zel­le und je­dem Atom oder je­der Ge­hirn­zel­le oder was weiß ich so schlecht, dass sie kot­zen will, aber nicht kann, und so füh­len Sie sich die gan­ze Zeit, und Sie sind si­cher, Sie wis­sen ganz ge­nau, dass die­ses Ge­fühl nie­mals weg­ge­hen wird und dass Sie sich den ge­sam­ten Rest Ih­res Le­bens so füh­len wer­den.“ (108) Da­nach ver­langt sie von ihm Elek­tro­schocks oder ein kon­trol­lier­tes Koma; wenn ihre For­de­run­gen ab­ge­lehnt wer­den, soll man ihr den Gür­tel zu­rück­ge­ben, da­mit sie sich er­dros­seln kann.

900 Sei­ten spä­ter wer­den die Aus­füh­run­gen über Me­lan­cho­lie fort­ge­setzt und zu­ge­spitzt.2 Es geht hier wei­ter­hin um Kate Gom­pert, aber auch um Mr Fe­as­ter, der an ei­ner „psy­cho­ti­schen De­pres­si­on“ lei­det, die noch schwe­rer ist als die ihre, und der dar­auf war­tet, dass man ihm durch eine Ope­ra­ti­on sein lim­bi­sches Sys­tem ent­fernt (dass man es „her­aus­reißt“), um den Teil sei­nes Ge­hirns zu be­sei­ti­gen, von dem an­ge­nom­men wird, dass er das Trieb­ver­hal­ten und das Ge­fühls­le­ben steu­ert. (999 f.) Hier sind es nicht die Kran­ken, die sich über die Me­lan­cho­li­en äu­ßern, hier spricht der Er­zäh­ler.

Wäh­rend im zu­vor dis­ku­tier­ten Ka­pi­tel Kate ihre De­pres­si­on mit ih­rer Ma­ri­hua­na­sucht ver­knüpft hat­te, führt nun der Er­zäh­ler das Pro­blem der Me­lan­cho­li­en un­ter dem Ge­sichts­punkt ein, dass der Ent­zug ei­nes Arz­nei­mit­tels ein Ver­lust­trau­ma zur Fol­ge ha­ben kann, vor al­lem dann, wenn das Me­di­ka­ment dem Kran­ken ein ge­wis­ses Wohl­be­fin­den ge­si­chert hat­te. Eben das wird dem Au­tor selbst zu­sto­ßen, wenn er zehn Jah­re nach der Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Ro­mans das Nar­dil (Phen­el­zin) ab­set­zen will, ein al­tes An­ti­de­pres­si­vum mit ver­hee­ren­den Ne­ben­wir­kun­gen.

Es gibt nicht nur die An­he­do­nie (die ein­fa­che Me­lan­cho­lie), eine geis­ti­ge Er­star­rung, bei der man die Fä­hig­keit ver­liert, Lust zu emp­fin­den, und bei der man den Ob­jek­ten, an die man ge­bun­den war, die Be­set­zung ent­zieht. Die­se Form der De­pres­si­on ist nicht di­rekt schmerz­haft, die in ihr herr­schen­de Käl­te kann das Sub­jekt je­doch aus dem Gleis wer­fen. Für den Kran­ken wird die Welt zur Kar­te der Welt, mit der er zwar na­vi­gie­ren kann, in der er aber kei­ne Po­si­ti­on mehr hat und in der er sich nicht mehr „iden­ti­fi­zie­ren“ kann. (995)

Dr. J. O. In­can­den­za, Fil­me­ma­cher und Au­tor ei­nes Films, der durch das Ge­nie­ßen, das er her­vor­ruft, das Pu­bli­kum tö­tet, hat sei­nen Kopf in eine hier­für spe­zi­ell ma­ni­pu­lier­te Mi­kro­wel­le ge­steckt. Er hat je­doch nicht an An­he­do­nie ge­lit­ten, wäh­rend es Hal, sei­nem Sohn, an in­ne­rem Le­ben und an Le­bens­freu­de man­gelt.

Nun ist die An­he­do­nie kei­nes­wegs ein kli­ni­sches Phä­no­men, das auf Kran­ke in der Psych­ia­trie be­schränkt wäre, sie ist zu­gleich das Mo­dell ei­nes so­zia­len Phä­no­mens. Sie in­spi­riert die Hal­tung ei­ner Ge­sell­schaft, die nichts mehr er­stau­nen kann. So be­merkt der Er­zäh­ler, dass an der Wen­de des letz­ten Jahr­hun­derts die Küns­te in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf die herr­schen­de An­he­do­nie ab­ge­stimmt sind: in­ne­re Lee­re ist hip und cool. Das ist ei­ner­seits ein Re­likt der Ro­man­tik und des Welt­schmer­zes des 19. Jahr­hun­derts. An­de­rer­seits hat man den Ju­gend­li­chen Ende des 20. Jahr­hun­derts bei­ge­bracht, die Mas­ken der „Er­nüch­te­rung und der re­si­gnier­ten Iro­nie“ (997) zu tra­gen. Die­ser „ miss­mu­ti­ge Zy­nis­mus“ dient als Ab­wehr ge­gen ein Ge­fühl der Nai­vi­tät, dem es zu sehr an Raf­fi­nes­se feh­len wür­de. Hal, „der leer, aber nicht blöd ist“, pos­tu­liert ins­ge­heim: das, was sich als zy­ni­sche Tran­szen­die­rung des Ge­fühls aus­gibt, ent­sprin­ge in Wirk­lich­keit der Furcht, wahr­haft mensch­lich zu sein, denn ein rea­les mensch­li­ches We­sen blei­be für im­mer kind­lich. (997) „Wirk­lich ame­ri­ka­nisch“ an Hal ist sei­ne Ver­ach­tung des­sen, was ihn so ein­sam macht: sein „ab­scheu­li­ches in­ne­res Selbst; be­dürf­nis- und ge­fühl­sin­kon­ti­nent; das un­ter der hip­pen, lee­ren Mas­ke der An­he­do­nie win­selt und sich win­det“ (998).

Hal ist zu jung, um zu wis­sen, dass die An­he­do­nie – die Krank­heit „mit den to­ten Au­gen“ – nur ein klei­ner Fisch ist, an der Sei­te des „wah­ren Raub­tiers“. Die­ses ist der „Gro­ße Wei­ße Hai der Qual“, näm­lich die „kli­ni­sche De­pres­si­on“, auch „In­vo­lu­ti­ons­de­pres­si­on“ ge­nannt oder „uni­po­la­re Dys­pho­rie“ oder auch „Bur­ton­sche Me­lan­cho­lie“. In die­se Art der De­pres­si­on stürzt Kate Gom­pert, als sie das Ma­ri­hua­na ent­zieht, das sie heim­lich kon­su­miert hat­te. Sie fällt also dem Raub­tier zum Op­fer. Im Un­ter­schied zur Ge­fühl­lo­sig­keit der An­he­do­nie ist die kli­ni­sche De­pres­si­on eine ex­tre­me Hoff­nungs­lo­sig­keit, eine Qual, ein be­stimm­tes Ge­fühl (fee­ling). Der Au­tor, der wuss­te, wo­von er sprach, nennt es It, Es, nach ei­nem Hor­ror­ro­man von Ste­phen King, und er schreibt: „Es ist ein Aus­maß an psy­chi­schem Schmerz, das mit dem uns be­kann­ten mensch­li­chen Le­ben schlecht­hin un­ver­gleich­bar ist. Es ist ein Ge­fühl des ra­di­ka­len und kom­pro­miss­lo­sen Bö­sen, nicht nur ein Cha­rak­te­ris­ti­kum, son­dern die Es­senz der be­wuss­ten Exis­tenz. Es ist ein Ge­fühl der Ver­gif­tung, die das Selbst auf sei­nen fun­da­men­tals­ten Ebe­nen durch­zieht.“ (999)

Der Er­zäh­ler kon­fron­tiert It, also die psy­cho­ti­sche De­pres­si­on, mit der An­he­do­nie. Bei die­ser re­du­ziert sich die Welt auf die Welt­kar­te, wäh­rend das It „eine un­ab­ge­stumpf­te In­tui­ti­on“ ist, „in der die Welt voll und reich ist, be­lebt (…) und gleich­zei­tig qual­voll, bös­ar­tig und feind­se­lig ge­gen­über dem Selbst“. Das It de­pri­miert das Self, zieht sich um es her­um zu­sam­men und hüllt es „in Sei­ne schwar­zen Fal­ten“, der­art, dass It und Self zum Its­elf mit­ein­an­der ver­schmel­zen (ebd.), „so­dass eine fast mys­ti­sche Ein­heit mit ei­ner Welt er­langt wird, in der je­der ein­zel­ne Be­stand­teil auf qual­vol­les Un­heil für das Selbst hin­aus­läuft“ (999). Die psy­cho­ti­sche De­pres­si­on iso­liert ei­nen, sie ist eine „Ein-Mann-Höl­le“.

Die Ein­sam­keit des Sub­jekts, das an psy­cho­ti­scher De­pres­si­on lei­det, ist umso grau­en­vol­ler, so er­läu­tert Wal­lace, als es über sei­nen Schmerz nicht kom­mu­ni­zie­ren kann. Er schlägt vor, über die Si­tua­ti­on von zwei Per­so­nen nach­zu­den­ken, die bei­de schrei­en. Die eine wird mit Strom­schlä­gen ge­fol­tert, die an­de­re nicht, sie lei­det an psy­cho­ti­scher De­pres­si­on. War­um die ers­te Per­son schreit, ver­steht man. Da man am Kör­per der zwei­ten kei­ne Elek­tro­den sieht, weiß man nicht, war­um sie schreit. Die­se Per­son ist völ­lig iso­liert. Un­ter kau­sa­lem As­pekt ist es ganz nor­mal, dass bei­de schrei­en, aber für die psy­cho­ti­sche Per­son ist es sehr schwie­rig, zu er­klä­ren, war­um sie schreit. Ihr Schmerz ist je­doch mit dem Schmerz ver­gleich­bar, den die an­de­re, „nor­mal“ ge­nann­te Per­son er­lei­det, die­je­ni­ge, die un­ter der Fol­ter schreit. Je­mand, der in ei­nen Raum vol­ler psy­cho­tisch De­pres­si­ver käme, stün­de vor der Pa­ra­do­xie, dass man die­se Kran­ken nicht als psy­cho­tisch klas­si­fi­zie­ren könn­te, da ihre Schreie den Um­stän­den, in de­nen sie sich be­fin­den, völ­lig an­ge­mes­sen wä­ren, dass aber die­se Um­stän­de von ei­nem äu­ße­ren Be­ob­ach­ter nicht ein­fach dia­gnos­ti­ziert wer­den könn­ten. Selbst in ei­nem Kran­ken­zim­mer vol­ler psy­cho­tisch De­pres­si­ver, de­ren Lei­den kei­ne wahr­nehm­ba­re phy­si­sche Ur­sa­che hat, ist je­der Kran­ke völ­lig al­lein. (999 f.)

Viel­leicht hat man den Ein­druck ge­won­nen, dass die Be­mer­kun­gen von Wal­lace über die­se Pa­ra­do­xie all­zu sehr dem Be­ha­vio­ris­mus ver­haf­tet sind. Tat­säch­lich ge­hen sie weit dar­über hin­aus. Der Au­tor ver­weist hier auf eine Gren­ze der Chif­frie­rung, auf eine Gren­ze, die von der psy­cho­ti­schen Me­lan­cho­lie auf­ge­nö­tigt wird. Im Un­ter­schied zur Schi­zo­phre­nie ver­än­dert die­se Me­lan­cho­lie nicht die Spra­che. Sie kann in den Kör­per ein­drin­gen und un­er­träg­li­che Schmer­zen her­vor­ru­fen, ohne auf dia­gnos­ti­zier­ba­re Wei­se sein Ge­we­be zu ver­än­dern. Die­ses Ein­drin­gen wird nicht ge­schrie­ben, son­dern ge­schrien. Gro­ße Me­lan­cho­li­ker wie Hein­rich von Kleist, Gé­r­ard de Ner­val oder Adal­bert Stif­ter ha­ben in ei­nem be­stimm­ten Mo­ment mit dem Schrei­ben auf­ge­hört, um sich zu tö­ten3, die Kunst hat­te sie vor dem Schmerz nicht mehr ge­schützt. Sie konn­ten nicht mehr „sa­gen, dass sie lit­ten“4, ihre Spra­che hat­te es ih­nen nicht er­mög­licht, ih­ren Schmerz zu chif­frie­ren. Da­vid Fos­ter Wal­lace hat­te den Mut, auf der Ebe­ne des so­ma­ti­schen Er­le­bens das Lei­den des Me­lan­cho­li­kers zu schrei­ben. Da­mit ihm das ge­lingt, konn­te er sich nicht da­mit be­gnü­gen, die De­pres­si­ons­kri­sen zu be­schrei­ben, er muss­te zu­gleich den Kör­per in­sze­nie­ren, wie er wei­te­ren Prü­fun­gen aus­ge­setzt ist – phy­si­schen (Ten­nis), trau­ma­ti­schen (der Kör­per, der an­ge­grif­fen wird), süch­tig ma­chen­den (der un­ter Dro­gen ste­hen­de Kör­per).

Be­zo­gen auf den Selbst­mord des Me­lan­cho­li­kers stellt Wal­lace ei­nen ent­schei­den­den Punkt her­aus. Was den Kran­ken zum Tod drängt, ist we­der die Ver­zweif­lung noch der Ab­grund ei­ner Schuld. Er tö­tet sich aus ei­nem Grund, der mit der Si­tua­ti­on ei­nes ein­ge­schlos­se­nen Men­schen ver­gleich­bar ist, der sich aus dem Fens­ter ei­nes bren­nen­den Wol­ken­krat­zers stürzt.5 (1000) Auch hier kor­ri­giert der Au­tor eine fal­sche Vor­stel­lung. Man irrt sich, wenn man denkt, dass der Sturz eine An­zie­hung aus­übt. Man müss­te die An­nä­he­rung der Flam­men an den ei­ge­nen Kör­per er­lebt ha­ben, um zu ver­ste­hen, dass das Ent­set­zen vor der An­nä­he­rung des Feu­ers grö­ßer ist als die Angst vor dem Sturz. Man hät­te also nur die Wahl zwi­schen zwei grau­en­haf­ten To­den, wo­bei der durch das Feu­er grau­sa­mer ist als der durch den Fens­ter­sturz. Wie kann man dann eine Per­son, die die­ser Form der Me­lan­cho­lie aus­ge­setzt ist, dazu ver­pflich­ten wol­len – so ruft der Ver­fas­ser aus –, ei­nen Ver­trag ge­gen den Selbst­mord zu un­ter­schrei­ben, wie es in be­stimm­ten psych­ia­tri­schen Ein­rich­tun­gen üb­lich ist?

Die bei­den Ab­schnit­te des Ro­mans von 1996, die wir ge­ra­de zu­sam­men­ge­fasst ha­ben, be­ru­hen we­der auf rei­ner Fik­ti­on noch ein­fach auf den kli­ni­schen Lehr­bü­chern, die der Au­tor hat stu­die­ren kön­nen. Sie ge­hö­ren zu je­nen Be­stand­tei­len des Bu­ches, die sich auf die Er­fah­rung des Rea­len in sei­nem Le­ben be­zie­hen, aber au­ßer­dem auf eine Lek­tü­re, aus der im An­hang des Ro­mans aus­führ­lich zi­tiert wird. Auch bei an­de­ren The­men des Ro­mans lässt sich die Di­men­si­on des Rea­len aus­ma­chen: das ver­hee­ren­de Ge­nie­ßen, die Ver­wer­fung des Va­ters, be­stimm­te Re­fle­xio­nen über den Kör­per beim Ten­nis, die un­ter­ir­di­sche Welt, die Struk­tur des Werks usw.

Sein gan­zes Le­ben lang wur­de Da­vid Fos­ter Wal­lace von der me­lan­cho­li­schen De­pres­si­on ge­quält. 1962 ge­bo­ren, er­lebt er mit neun Jah­ren sei­ne ers­te Angst­de­pres­si­on, ver­bun­den mit ei­ner Pho­bie vor Mü­cken und ih­rem Sum­men. Ob­gleich sei­ne Fa­mi­lie ihn schützt, fühlt er sich in ihr nie si­cher. Er lei­det am „Hoch­stap­ler-Syn­drom“, das er in ei­ner sei­ner Ge­schich­ten zum The­ma ma­chen wird. Als sein Va­ter, Pro­fes­sor für Mo­ral­phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät von Il­li­nois, mit­be­kommt, wie Da­vid zu Be­ginn der Ober­schul­zeit Pla­tons Phai­don aus­ein­an­der­nimmt, be­greift der Va­ter, dass sein Kind bril­lant ist. Seit Be­ginn der Ado­les­zenz raucht Wal­lace Ma­ri­hua­na. Wie Kaf­ka kommt er sehr früh zu der Auf­fas­sung, dass das Le­ben selbst eine Krank­heit ist. Er wird von Sui­zid­ge­dan­ken ver­folgt; in der Fa­mi­lie sei­ner Mut­ter hat­te es meh­re­re Selbst­mor­de ge­ge­ben.6 Mit zwan­zig Jah­ren – er stu­diert Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie am Am­herst Col­le­ge in Mas­sa­chu­setts – packt ihn die Ver­zweif­lung und er will sich tö­ten; er muss zu sei­nen El­tern nach Ur­ba­na zu­rück­keh­ren. Wenn er schreibt, ver­spürt er eine na­he­zu se­xu­el­le Lust. In sei­ner ers­ten Ge­schich­te be­zeich­net er sei­ne Me­lan­cho­lie als the Bad Thing, „das üble Ding“, und er hal­lu­zi­niert hier eine tie­fe Wun­de in sei­nem Ge­sicht. In sei­nem ers­ten Text über die De­pres­si­on er­klärt er, bei De­pres­si­ven, die sich tö­ten wol­len, sei die Selbst­mord­prä­ven­ti­on nutz­los – wenn man an­fan­ge, sich zu be­un­ru­hi­gen, hät­ten die­se Leu­te sich längst um­ge­bracht. Spä­ter wird er über die­se Jah­re sa­gen, er sei ein „ei­gen­ar­ti­ger Fäl­scher“ ge­we­sen, a weird kind of for­ger. Er möch­te, dass man sei­ne De­pres­si­on ver­steht. Tho­mas Pyn­chons Gravity’s Rain­bow liest er in acht Näch­ten. Das „üble Ding“ ge­winnt im­mer wie­der die Ober­hand. Er be­kommt Elek­tro­schocks. 1988 be­greift er, dass er ein Dro­gen- und Al­ko­hol­pro­blem hat. Nach­dem er sei­nen ers­ten Ro­man ver­öf­fent­licht hat, ent­schei­det er sich mit 27 Jah­ren, bei Stan­ley Ca­vell in Har­vard eine Dis­ser­ta­ti­on in Phi­lo­so­phie zu schrei­ben, aber wie­der muss er sich ins Kran­ken­haus ein­wei­sen las­sen. Bei der Ent­las­sung zwingt man ihn, ins Gra­na­da Hou­se ein­zu­zie­hen, eine Ein­rich­tung für Dro­gen­ent­zug; der Auf­ent­halt ist für ihn eben­so düs­ter wie in­struk­tiv. In sei­nem Ro­man ver­wan­delt er die An­stalt in „En­net Hou­se“, was glei­cher­ma­ßen von Dos­to­jew­skis „To­ten­haus“ in­spi­riert ist. En­net Hou­se wird ei­ner der wich­ti­gen Orte von In­fi­ni­te Jest, des­sen ers­te Ent­wür­fe auf das Jahr 1985 zu­rück­ge­hen. In Gra­na­da Hou­se be­geg­net er Big Graig, der das Mo­dell für den Kri­mi­nel­len Don Gate­ly ab­ge­ben wird, eine Haupt­fi­gur des Ro­mans; Don Gate­ly ist eine Art Al­ter Ego von Hal, der zen­tra­len Per­son des ers­ten Teils des Buchs, die den Au­tor re­prä­sen­tiert. Don Gate­ly wird eine schwe­re Schuss­ver­let­zung er­lei­den; aus Angst, ver­gif­tet zu wer­den lehnt er im Kran­ken­haus die Schmerz­mit­tel ab, der Er­zäh­ler schil­dert sei­nen To­des­kampf und sei­ne Alp­träu­me.

Im rea­len Le­ben sucht Wal­lace meh­re­re The­ra­peu­ten auf. Eine the­ra­peu­ti­sche Wir­kung er­war­tet er je­doch vor al­lem vom Schrei­ben: „die Mög­lich­keit, eine Ge­schich­te zu schrei­ben, kann hei­len“7, so hofft er. In ei­nem Kurs für „krea­ti­ves Schrei­ben“ lehrt er: „Schrei­ben Sie nie eine Ge­schich­te ohne Freud­sches Trau­ma.“ Schrei­ben ist für ihn ein Ge­spräch mit ei­nem We­sen, das nicht ge­nannt wer­den kann, Gott oder eine der Vor­stel­lungs­re­prä­sen­tan­zen sei­nes Triebs (my own psy­cho­ana­ly­tic ca­the­xes8). Nach ei­nem er­neu­ten Zu­sam­men­bruch schreibt er sei­ner Agen­tin, dass es ihm so schlecht ging, dass er sich um­brin­gen woll­te, it hurts so bad. Zwei Jah­re spä­ter, im Jah­re 1991, bit­tet er sie, ihn nicht zu ver­las­sen. Im Ge­wand ei­nes Kom­men­tars zu ei­nem Aus­zug aus sei­nem Ro­man macht er den Le­ser auf eine Ver­än­de­rung in der ame­ri­ka­ni­schen Li­te­ra­tur auf­merk­sam: „Fik­tio­na­le Li­te­ra­tur zu schrei­ben, wird zu ei­nem Weg, um tief in sich selbst zu ge­hen und die Sa­che zu be­leuch­ten, die Sie nicht se­hen wol­len, eine Sa­che, die Ih­nen pa­ra­do­xer­wei­se mit al­len ge­mein­sam ist. Die Fik­ti­on wird zu ei­nem bi­zar­ren Weg, die Wahr­heit zu sa­gen“. Er er­klärt auch, in sei­nem Kopf sei al­les in sei­nem Ro­man mit­ein­an­der ver­bun­den und den­noch kön­ne der Ro­man in­ko­hä­rent sein.

Die Struktur eines Tornados

Wallace, Der bleiche König - Reales, Das RealeSei­nem drit­ten Ro­man, Der blei­che Kö­nig (2011 pos­tum ver­öf­fent­licht), steht er weit­aus ne­ga­ti­ver ge­gen­über; er klagt, dass er mit die­sem Werk nicht vor­an­kom­me.9 Er kor­re­spon­diert mit Jo­na­than Fran­zen, ei­nem an­de­ren zeit­ge­nös­si­schen Schrift­stel­ler (be­kannt durch den Ro­man Die Kor­rek­tu­ren), und er schreibt ihm, er habe die Struk­tur sei­nes Ro­mans, den er „das Ding“ nennt, nicht ge­fun­den. Man er­in­ne­re sich, dass er sei­ne Ju­gend­de­pres­si­on the Bad Thing ge­nannt hat­te.

Im Sep­tem­ber 2008 tö­tet er sich und hin­ter­lässt ei­nen um­fang­rei­chen Sta­pel von Pa­pie­ren, das Ma­te­ri­al sei­nes letz­ten Werks. Vor sei­ner pas­sa­ge à l’acte, als er In­fi­ni­te Jest schrieb, glaub­te er „an die Mög­lich­keit, dass das Er­zäh­len ei­ner Ge­schich­te hei­len könn­te“10. Nun, auch sein un­voll­ende­ter Ro­man be­steht aus Ge­schich­ten, sein Er­zähl­ver­mö­gen hat­te er nicht ver­lo­ren.

Sierpinski-Dreieck mit Rekursionstiefe 7 - Reales, Das Reale

Sier­pin­ski-Drei­eck der Re­kur­si­ons­tie­fe 7

Der Au­tor ver­gleicht In­fi­ni­te Jest mit ei­nem be­stimm­ten Frak­tal, das Be­noît Man­del­brot als „Sier­pin­ski-Drei­eck“ be­zeich­net hat.11 Je­des neue gleich­sei­ti­ge Drei­eck, das in das Aus­gangs­drei­eck ein­ge­zeich­net wird, ist eine Ite­ra­ti­on des ers­ten Drei­ecks, in wel­ches man das neue Drei­eck da­durch ein­trägt, dass man die drei Sei­ten­mit­tel­punk­te mit­ein­an­der ver­bin­det.

Im Un­end­li­chen Spaß fin­det man tat­säch­lich Vor­stel­lun­gen, Orte, Per­so­nen usw., die mit an­de­ren Vor­stel­lun­gen, Or­ten und Per­so­nen ge­wis­se Züge ge­mein­sam ha­ben, ob­wohl bei­de im Ge­gen­satz zu­ein­an­der zu ste­hen schei­nen. Bei­spiels­wei­se sind dem Ten­nis und der Me­lan­cho­lie die Ein­sam­keit ge­mein­sam – auf dem Spiel­feld ist ein Ten­ni­s­cham­pi­on ge­nau­so al­lein wie ein Me­lan­cho­li­ker auf ei­ner Kran­ken­sta­ti­on. Man könn­te auch den Ver­gleich wäh­len zwi­schen der Not­wen­dig­keit, sein Ich auf­zu­ge­ben12, um beim Ten­nis Er­folg zu ha­ben, und der Kri­tik am Nar­ziss­mus, die fast das ge­sam­te Buch durch­zieht. Neh­men wir als Bei­spiel noch die bei­den Orte des Ro­mans, die En­field-Ten­nis-Aka­de­mie und das En­net Hou­se, eine Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­stät­te für Al­ko­ho­li­ker und Dro­gen­ab­hän­gi­ge. Al­lem An­schein nach sind die bei­den Häu­ser dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. In der Aka­de­mie wer­den Ju­gend­li­che aus wohl­ha­ben­den Fa­mi­li­en auf­ge­zo­gen, um aus ih­nen Ten­ni­s­cham­pi­ons zu ma­chen, im zwei­ten Haus sind Al­ko­ho­li­ker, Dro­gen­ab­hän­gi­ge, Pro­sti­tu­ier­te und Kri­mi­nel­le ver­sam­melt. Es stellt sich je­doch her­aus, dass die meis­ten Schü­ler seit ih­rer Pu­ber­tät Dro­gen neh­men und bei den Do­ping­tests da­durch be­trü­gen, dass sie „ste­ri­le Urin­pro­ben“ ab­ge­ben; ei­ni­ge von ih­nen ge­hen re­gel­mä­ßig zu den Dea­lern in der Um­ge­bung von En­net Hou­se, dem ver­wor­fe­nen Ort. An­de­rer­seits trifft man in En­net Hou­se nicht nur Hal, son­dern auch die Ge­lieb­te sei­nes Va­ters, des Grün­ders der Aka­de­mie. Don Gate­ly, ein Ein­bre­cher, wird uns als ein Mann von Prin­zi­pi­en ge­schil­dert, der in ei­nem zi­vi­li­sier­ten Le­ben wie in der Aka­de­mie am rech­ten Platz wäre. In den Sze­nen, die im Buch be­schrie­ben wer­den, gibt es kei­ne or­dent­li­chen Iden­ti­tä­ten. Das Gute und das Böse ver­schmel­zen nicht mit­ein­an­der, son­dern lie­gen die gan­ze Zeit ne­ben­ein­an­der.

Für den pos­tum ver­öf­fent­lich­ten Ro­man Der blei­che Kö­nig hat Wal­lace ein über­ra­schen­des The­ma ge­wählt: den In­ter­nal Re­ve­nue Ser­vice (IRS), die Bun­des­steu­er­be­hör­de, die sich mit Steu­er­erhe­bung und Steu­er­prü­fung be­fasst. Der IRS be­schäf­tigt Tau­sen­de von Be­am­ten, die die Auf­ga­be ha­ben, die Steu­er­erklä­run­gen der Staats­bür­ger und Ein­woh­ner der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu über­prü­fen.13 Die­se In­sti­tu­ti­on hat den Au­tor fas­zi­niert, auf­grund ih­res ge­heim­nis­vol­len Sta­tus – ein Staat im Staa­te –, und auch des­we­gen, weil sie für den Zu­sam­men­halt und das wirt­schaft­li­che Über­le­ben des Staa­tes grund­le­gend ist. Der IRS führt also Per­so­nen zu­sam­men, die sich an ei­ner auf­rei­ben­den Mehr­deu­tig­keit sto­ßen. Ei­ner­seits han­delt es sich um Leu­te, die sich ganz ih­rer Auf­ga­be ver­schrie­ben ha­ben – Hel­den der Ar­beit. An­de­rer­seits lei­den sie schreck­lich an der Lan­ge­wei­le, die sich ih­nen da­durch auf­nö­tigt, dass sie täg­lich Hun­der­te von Steu­er­erklä­run­gen über­prü­fen müs­sen; kein Feh­ler wird ih­nen ver­zie­hen. Häu­fig sind die­se Be­am­ten Sub­jek­te, die für die­se müh­se­li­ge Lauf­bahn um­ge­schult wor­den sind: Stu­die­ren­de, die ihr Stu­di­um nicht ab­ge­schlos­sen ha­ben; wun­der­ba­re Frau­en, die vor ih­rer Auf­nah­me in den IRS ein schwe­res Le­ben hat­ten; Ge­schei­ter­te, die beim Ein­tritt in die­se eh­ren­wer­te In­sti­tu­ti­on durch die Aus­bil­dung wie­der auf­ge­rich­tet wur­den. Und schließ­lich sind sie alle sehr qua­li­fi­ziert. Der Er­zäh­ler be­rich­tet von dem oft­mals be­weg­ten Le­ben die­ser Hel­den, ge­wis­ser­ma­ßen „Er­nied­rig­te und Be­lei­dig­te“, so­wohl von ih­rem Le­ben vor der Ein­stel­lung durch den IRS als auch vom Le­ben wäh­rend der Ar­beits­stun­den. Der Ro­man ent­hält Re­fle­xio­nen über die Lan­ge­wei­le, in de­nen der Ver­fas­ser bei­spiels­wei­se Kier­ke­gaard und Pas­cal zi­tiert.

In fast al­len Ka­pi­teln ist die Schreib­wei­se ex­pe­ri­men­tell. Ob­wohl ihm die li­te­ra­ri­sche In­no­va­ti­on ge­lingt, klagt Wal­lace bei sei­nen Schrift­stel­ler­freun­den Don De­Lil­lo und Jo­na­than Fran­zen dar­über, das Buch nicht be­en­den zu kön­nen. Sei­ne Ver­un­si­che­rung be­zieht sich auf die Struk­tur des Ro­mans. Die Tex­te, die nach dem Selbst­mord ge­fun­den wur­den, sind von Mi­cha­el Pietsch in eine Rei­hen­fol­ge ge­bracht und her­aus­ge­ge­ben wor­den; wir wis­sen also nicht, ob die­se Ord­nung dem Ver­fas­ser ge­fal­len hät­te. Au­ßer­dem war das um­fang­rei­che Ma­nu­skript frag­men­ta­risch.

Die Struk­tur ei­nes Wer­kes be­schränkt sich nicht auf die An­ord­nung der Tex­te, aus de­nen es be­steht. Wenn Kri­ti­ker das Ende von In­fi­ni­te Jest des­halb be­dau­ert ha­ben, weil es ab­rupt ist und kei­ne Lö­sung bie­tet, hat­te Wal­lace ih­nen ge­ant­wor­tet, sein Ro­man kön­ne we­der li­ne­ar noch zir­ku­lär sein, für ihn habe er die Ge­stalt ei­nes Bo­gens. Seit La­cans Joy­ce-Se­mi­nar kann man den­ken, dass die Struk­tur und die Form ei­nes Werks mit dem Sym­ptom des Au­tors ver­kno­tet sind, mit dem, was La­can das „Sin­t­hom“ nennt.

Tornado Alley (Wallace, Das Reale, Reales, Sinthom)

Tor­na­do Alley[note]Von der Sei­te tornadochaser.net.[/note]

Ei­ni­ge Mo­na­te vor dem Selbst­mord hat­te Wal­lace in ei­nem Brief an Jo­na­than Fran­zen ge­schrie­ben, Der blei­che Kö­nig habe die Struk­tur ei­nes Tor­na­dos. Da ein Tor­na­do nie­mals still hält, sei es ihm je­doch nicht mög­lich, die­se Struk­tur nach­zu­zeich­nen. Dass er mit Tor­na­dos eine ge­wis­se Er­fah­rung hat­te, wis­sen wir, in ei­nem Auf­satz von 1990 hat er sie be­schrie­ben.14 Kind­heit und Ju­gend hat­te er in Il­li­nois ver­bracht, in ei­ner Re­gi­on, die zur Tor­na­do Al­ley ge­rech­net wird, zur „Tor­na­do-Gas­se“, ei­nem Ge­biet, das zer­stö­re­ri­schen Win­den kei­nen Wi­der­stand bie­tet.

Als jun­ge Hoff­nung der ört­li­chen Ten­nis­mann­schaft be­rech­ne­te er den Ein­fluss des Win­des auf sein Spiel. Das Le­ben im Mitt­le­ren Wes­ten wur­de tat­säch­lich „durch den Wind in­for­miert und de­for­miert“. Aber am 6. Juni 1978, mit 16 Jah­ren, als er mit ei­nem Freund auf ei­nem Ten­nis­platz ab­seits des Or­tes „mit hirn­lo­ser Be­harr­lich­keit“ ei­nen be­stimm­ten Auf­schlag übte15, wur­de er von ei­nem Tor­na­do über­rascht. An die­sem Tag hat­ten die Alarm­si­re­nen nicht funk­tio­niert, und die bei­den Jun­gen, von ih­rem Trai­ning ab­sor­biert, hat­ten die Zei­chen nicht wahr­ge­nom­men, mit de­nen die Ka­ta­stro­phe sich an­kün­dig­te: das ab­rup­te Schwei­gen und die plötz­li­che Ab­küh­lung der Luft.16

Wenn Da­vid Fos­ter Wal­lace von Tor­na­dos be­ses­sen war, dann des­halb, weil sie in sei­nem Kin­der­le­ben als Dro­hun­gen auf­tauch­ten und weil sie für ihn eine „trans­fi­gu­ra­ti­on“17 wa­ren. Sie er­ga­ben kei­nen Sinn. Die Häu­ser zer­bars­ten nicht, sie im­plo­dier­ten. Die Tor­na­dos ver­schon­ten Bor­del­le, nicht aber Wai­sen­häu­ser. Sie wa­ren all­mäch­tig und ge­horch­ten kei­nem Ge­setz. Der Ro­man, den er nicht zu be­en­den ver­moch­te, hät­te dem­nach als Struk­tur die­ses Ding ge­habt, „das ei­nem Übel will“. Sieht man hier nicht, dass das Werk, zu­min­dest sei­ne Struk­tur, sich ge­fähr­lich mit dem Sym­ptom ver­mi­schen kann, hier mit der Me­lan­cho­lie, um zum „Sin­t­hom“ zu wer­den?

In Der blei­che Kö­nig wird das Lei­den vor al­lem auf die Lan­ge­wei­le zu­rück­ge­führt. Sta­tisch wie sie of­fen­bar ist, scheint sie das ge­ra­de Ge­gen­teil ei­nes Tor­na­dos zu sein. Man könn­te aber auch ihre Nähe zum Tor­na­do her­aus­stel­len, aus­ge­hend von die­sem Schwei­gen, das ei­nen, be­vor der Sturm kommt, in Schre­cken ver­setzt. In die­sem Zu­sam­men­hang kann man auf eine Be­mer­kung von Wal­lace in ei­nem No­tiz­buch ver­wei­sen, wo er schreibt: „Et­was Gro­ßes droht ein­zu­tref­fen, aber nichts ge­schieht“18. Im Fal­le von Da­vid Fos­ter Wal­lace hat das Sin­t­hom sei­ne ret­ten­de Funk­ti­on ver­lo­ren. „Denn ein Dich­ter wird da­durch her­vor­ge­bracht (…), dass er von Versen/Würmern (vers) auf­ge­fres­sen wird“, schreibt La­can.19 Pro­sai­scher hat­te Don De­Lil­lo auf Wal­lace ge­ant­wor­tet, nach­dem die­ser ihm, mit 33 Jah­ren, sei­ne Schreib­schwie­rig­kei­ten ge­schil­dert hat­te: „Der Ro­man ist ein Scheiß­kil­ler. Ich be­mü­he mich, ihm all mei­nen Re­spekt zu er­wei­sen“20. Be­denkt man das Schick­sal sei­nes jun­gen Kol­le­gen, wuss­te er si­cher­lich nicht, wie recht er hat­te.

Ori­gi­nal­ti­tel: „La vio­lence de la mé­lan­co­lie se­lon Da­vid Fos­ter Wal­lace ou les li­mi­tes du chif­fra­ge“.
Vor­trag beim 16. Kol­lo­qui­um von ALEPH (As­so­cia­ti­on pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire), Lil­le, 18. März 2015.

Vom Au­tor au­to­ri­sier­te Über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen von Rolf Nemitz.
Ur­he­ber­recht (Co­py­right) für die­sen Ar­ti­kel bei Franz Kal­ten­beck und der Zeit­schrift „Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se“.

Über Franz Kaltenbeck

Franz-Kaltenbeck Franz Kal­ten­beck ist Psy­cho­ana­ly­ti­ker in Pa­ris und Lil­le, Mit­grün­der von ALEPH (Asso­ciation pour l’étude de la psy­chana­ly­se et de son his­toire) und Her­aus­ge­ber von Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se.

Zu sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen ge­hören: Rein­hard Priess­nitz. Der stil­le Re­bell. Auf­sät­ze zu sei­nem Werk (Dro­schl, Graz 2006); Sig­mund Freud. Im­mer noch Un­be­ha­gen in der Kul­tur? (Mit­her­aus­ge­ber, dia­pha­nes, Zü­rich 2009); Da­vid Fos­ter Wal­lace: Dich­ter, Den­ker, Me­lan­cho­li­ker (In: Y – Re­vue für Psy­cho­ana­ly­se, 1/2012);  Le­sen mit La­can. Auf­sät­ze zur Psy­cho­ana­ly­se (Par­odos, Ber­lin 2013, sie­he auch hier, 12.12.2014); Mi­cha­el Turn­heim: Jen­seits der Trau­er (Mit­her­aus­ge­ber, Zü­rich, dia­pha­nes 2013); Da­vid Fos­ter Wal­lace au-delà du princi­pe de plai­sir (In: Sa­voirs et cli­ni­que. Re­vue de psy­chana­ly­se, Nr. 15, 2012); Ge­schlecht und Sym­ptom (In: LACANIANA in „La­can ent­zif­fern“, lacan-entziffern.de, 30. Sep­tem­ber 2014)

Kon­takt: franz.kaltenbeck [at] gmail.com

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Anmerkungen

  1. Vgl. Da­vid Fos­ter Wal­lace: In­fi­ni­te Jest. A No­vel. Litt­le, Brown and Com­pa­ny, Bos­ton 1996.– Die Sei­ten­an­ga­be be­zieht sich auf die Über­set­zung: Un­end­li­cher Spaß. Ro­man. Über­setzt von Ul­rich Blu­men­bach. Ro­wohlt Ta­schen­buch Ver­lag, Rein­bek bei Ham­burg 2009. Im Fol­gen­den wird aus die­ser Über­set­zung zi­tiert und durch Zah­len in Klam­mern auf die Sei­ten die­ser Über­set­zung ver­wie­sen.
  2. Die Chro­no­lo­gie des Ro­mans ist kom­pli­ziert. Auf Sei­te 321 f. fin­det man eine Lis­te von neun Jah­ren. Sie tra­gen die Na­men von Un­ter­neh­men, die das Recht er­wor­ben ha­ben, ei­nem be­stimm­ten Jahr ih­ren Na­men zu ge­ben, eine Be­zeich­nung nach der Art des chi­ne­si­schen Ka­len­ders (Jahr des Af­fen, Jahr des Schweins usw.). So gibt es bei­spiels­wei­se das „Jahr des Glad-Müll­sacks“. Je­des Ka­pi­tel trägt den Na­men ei­nes Jah­res und au­ßer­dem, aber nicht im­mer, ein ge­nau­es Da­tum. Der Ro­man be­ginnt mit dem letz­ten (neun­ten) Jahr die­ser Lis­te, en­det aber nicht mit dem ers­ten. Auf der Ebe­ne der Er­zäh­lung wer­den die Aus­füh­run­gen über die Me­lan­cho­lie in ein und dem­sel­ben Jahr ge­macht, im „Jahr der In­kon­ti­nenz-Un­ter­wä­sche“. Die auf Sei­te 990 be­gin­nen­den Aus­füh­run­gen tra­gen zu­sätz­lich das Da­tum des 14. No­vem­bers.
  3. Vgl. Franz Kal­ten­beck: Le sui­ci­dé et son dou­ble. In: Ge­ne­viè­ve Mo­rel (Hg.): Cli­ni­que du sui­ci­de. Érès, Tou­lou­se 2004.
  4. Goe­the, der mit groß­tö­nen­den Be­mer­kun­gen nie­mals geiz­te, hat be­haup­tet, ein Gott habe ihm die Fä­hig­keit ver­lie­hen, zu sa­gen, wor­an er litt.
  5. Es sei dar­auf hin­ge­wie­sen, dass In­fi­ni­te Jest fünf Jah­re vor dem 11. Sep­tem­ber 2001 ver­öf­fent­licht wur­de.
  6. Die­se bio­gra­phi­schen In­for­ma­tio­nen be­ru­hen auf: Da­ni­el T. Max: Every Love Sto­ry is a Ghost Sto­ry. A life of Da­vid Fos­ter Wal­lace. Gran­ta, Lon­don 2012 (dt: Jede Lie­bes­ge­schich­te ist eine Geis­ter­ge­schich­te. Da­vid Fos­ter Wal­lace – ein Le­ben. Über­setzt von Eva Kem­per. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln 2014).
  7. Die Wahr­heit tut weh, sie heilt aber auch“, schreibt er an Mary Karr, eine Frau, die er ge­liebt hat. (Max, a.a.O., S. 169 der eng­li­schen Aus­ga­be)
  8. Max, a.a.O., S. 145 der eng­li­schen Aus­ga­be.
  9. The Pale King. An Un­fi­nis­hed No­vel. Litt­le, Brown and Com­pa­ny, New York 2011.– Deutsch: Der blei­che Kö­nig. Ein un­voll­ende­ter Ro­man. Über­setzt von Ul­rich Blu­men­bach. Kie­pen­heu­er und Witsch, Köln 2013.
  10. Max, a.a.O., S. 193 der eng­li­schen Aus­ga­be.
  11. Sier­pin­ski-Drei­eck.– Frak­ta­les Ob­jekt, von Sier­pin­ski aus­ge­hend von ei­nem gleich­sei­ti­gen Drei­eck er­zeugt. Das Drei­eck wird zu­nächst in vier kon­gru­en­te Drei­ecke ge­teilt, wo­bei das Drei­eck im Zen­trum weiß ist. Je­des neue far­bi­ge Drei­eck wird nach der­sel­ben Re­gel im­mer wie­der ge­teilt. Das End­ergeb­nis hat ei­nen end­li­chen Um­fang und ei­nen Flä­chen­in­halt von Null.“ (Dic­tionn­aire de ma­t­hé­ma­ti­ques ré­créa­ti­ves.)
  12. Die Il­li­nois-Ver­bin­dung von po­cken­nar­bi­gen Spiel­fel­dern, krank­ma­chen­der Feuch­tig­keit und Wind ver­lang­te und be­lohn­te auf dem Platz ein fast zen-glei­ches Ak­zep­tie­ren der Din­ge, wie sie tat­säch­lich wa­ren.“ D. F. Wal­lace: De­ri­va­ti­ve Sport in Tor­na­do Al­ley. In: Ders.: A Sup­po­sed­ly Fun Thing I’ll Ne­ver Do Again. Es­says and Ar­gu­ments. Litt­le, Brown and Com­pa­ny, 1997, S. 10, zit. n. Max, a.a.O. (Der deut­sche Ti­tel des Sam­mel­ban­des ist: Schreck­lich amü­sant – aber in Zu­kunft ohne mich. Über­setzt von Mar­cus In­gen­da­ay. mare­buch­ver­lag, Ham­burg 2002.)
  13. IRS: In­ter­nal Ser­vice Ex­ami­na­ti­on Cen­ter, Peo­ria, Il­li­nois im Jah­re 1985, eine Ab­tei­lung des ame­ri­ka­ni­schen Fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums (vgl. The Pale King, Pen­gu­in, Lon­don u.a. 2012, S. 13).
  14. Vgl. den Es­say De­ri­va­ti­ve Sport in Tor­na­do Al­ley, a.a.O.
  15. But­ter­fly drills.
  16. Wenn man sich beim Nä­her­kom­men ei­nes Tor­na­dos nicht in ein fes­tes Ge­bäu­de flüch­ten kann, muss man in der Na­tur eine de­pres­si­on auf­su­chen, eine Sen­kung. In dem Flach­land, in dem sie trai­nier­ten, gab es kei­ne.
  17. De­ri­va­ti­ve Sport in Tor­na­do Al­ley, a.a.O., S. 17.
  18. Zit. n. Max, a.a.O., S. 295 der eng­li­schen Aus­ga­be.
  19. J. La­can: Ra­dio­pho­nie. In: Ders.: Au­tres Écrits. Seuil, Pa­ris 2001, S. 405, Über­set­zung Rolf Nemitz. Vgl. dt. Ra­dio­pho­nie. In: Ders.: Ra­dio­pho­nie. Te­le­vi­si­on. Qua­dri­ga, Ber­lin 1988, S. 9.
  20. The no­vel is a fuck­ing kil­ler …“. Zi­tiert nach Max, a.a.O., S. 236 der eng­li­schen Aus­ga­be.

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