Lacans Aphorismen

„Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“

Hokusai, Der Traum der Fischersfrau, Holzschnitt, 1814Katsushika Hokusai, Kraken und Muscheltaucherin, 1814, Holzschnitt, 19 × 27 cm

Zu Lacans bekanntesten Sentenzen gehört die Behauptung „Il n’y a pas de rapport sexuel“.1 Was soll das heißen?

Was Sie schon immer über Geschlechtsverkehr nicht wissen wollten

Rapport sexuel ist der im Französischen übliche Ausdruck für Geschlechtsverkehr. Il n’y a pas de rapport sexuel heißt für einen Franzosen zunächst einmal: Es gibt keinen Geschlechtsverkehr.

In der deutschen Ausgabe von Seminar 20 wird rapport sexuel mit „Geschlechtsverhältnis“ übersetzt2, in der deutschen Version von Evans’ Lacan-Wörterbuch mit „Geschlechtsbeziehung“3. Für diese Übersetzung spricht, dass Wilhelm Fließ – Freuds erster Gewährsmann in Sachen Sexualität – eine „Theorie des Geschlechtsverhältnisses“ entworfen hatte, worunter er eine mathematische Beziehung verstand (die Relation zwischen der 23er Periode und der 28er Periode).4

Der vornehme Ton vernebelt jedoch den Verweis aufs Vögeln. Um von der Schärfe der Formulierung etwas zu retten, sollte man rapport sexuel mit „sexuelle Beziehung“ übersetzen, wie Norbert Haas und Chantal Creusot in ihrer Übersetzung von Lacans Vorwort zur deutschen Übersetzung der Schriften5, oder mit „sexuelles Verhältnis“, wie Peter Widmer es tut6, was noch besser ist, da Lacan selbst rapport sexuel genau so ins Deutsche übersetzt. In Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, sagt er:

„An der Spitze des Unbewussten entdeckt man nicht 36 Bedeutungen, sondern die sexuelle Bedeutung, den sexuellen Sinn [le sens sexuel]. Das heißt ganz genau: den sinnlosen Sinn [le ‚sens non-sens‘]. Den Sinn, wo das Verhältnis* schief geht. Die Beziehung* findet damit statt, dass es kein sexuelles Verhältnis* gibt, dass es, das Verhältnis*, insofern es geschrieben ist, insofern es aufgeschrieben werden kann und es Mathem ist, dass es immer schiefgeht.“7

Die kursiv geschriebenen Wörter und Wortfolgen mit Stern sind im Original deutsch.

Außerdem ist die These Il n y a pas de rapport sexuel Nachfolgerin der These Il n y a pas d’acte sexuel, „Es gibt keinen Geschlechtsakt“.8 Da wäre es wünschenswert, dass die Beziehung auf den Geschlechtsakt durch die Übersetzung von Il n y a pas de rapport sexuel  ein wenig hindurchschimmert.

Lacans These lautet also: „Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“9

Evans beginnt seine Erläuterung so:

„Diese Aussage bezieht sich keinesfalls auf den Geschlechtsverkehr, sondern auf die Frage der Beziehung zwischen der männlichen Geschlechtsposition und der weiblichen Geschlechtsposition.“10

Er irrt sich. Lacans These bezieht sich auf den Geschlechtsverkehr.

In der Lacan-Einführung von Sean Homer liest man zur Formel:

„Lacans Formulierung wird oft – fälschlicherweise, sollte ich hinzufügen – auf ähnliche Weise verstanden, wie die gleichermaßen skandalöse Bemerkung von Ex-US-Präsident Bill Clinton, er hätte ‚keine sexuellen Beziehungen (sexual relations)‘ mit Monica Lewinsky gehabt, wodurch seine Präsidentschaft beinahe zu Fall gebracht worden wäre. Bill Clinton fasste ‚sexuelle Beziehungen‘ in diesem Kontext so auf, dass sich der Ausdruck in einem ganz beschränkten und wörtlichen Sinn auf genitalen Sex bezog und damit, ganz zufälligerweise, jede andere Form von sexueller Betätigung ausschloss. Lacan spricht nicht über sexuelle Beziehungen in diesem Sinn und behauptet nicht, dass Leute keine sexuellen Beziehungen miteinander haben, in welcher Form auch immer.“11

Auch das ist nicht haltbar. Wenn Lacan sagt, „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“, spricht er über „sexuelle Beziehungen in diesem Sinn“, über sexuelle Aktivitäten zwischen einem Mann und einer Frau mit oder ohne Einführen des Penis in die Vagina.

*

Bevor ich meinen Einwand begründe, zunächst einige allgemeine Hinweise zur Formel.

Die Grundbedeutung wird von Evans in seinem Artikel klar herausgestellt. Der Spruch besagt: Zwischen Menschen männlichen Geschlechts und Menschen weiblichen Geschlechts gibt es keine instinktartige Beziehung.

Man kann es auch so sagen: Heterosexualität ist genauso unnatürlich wie Homosexualität.

Freud schreibt:

„Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit, wenn wir annehmen dürften, von einem bestimmten Alter an mache sich der elementare Einfluß der gegengeschlechtlichen Anziehung geltend und dränge das kleine Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz dem Knaben das Beharren bei der Mutter gestatte. Ja man könnte hinzunehmen, dass die Kinder bei den Winken folgen, die ihnen die geschlechtliche Bevorzugung der Eltern gibt. Aber so gut sollen wir es nicht haben, wir wissen kaum, ob wir an jene geheimnisvolle, analytisch nicht weiter zersetzbare Macht, von der die Dichter soviel schwärmen, im Ernst glauben dürfen.“12

Borromäischer Dreierknoten -Version Miller SDass es kein sexuelles Verhältnis gibt, wird in der Darstellung des psychoanalyischen Feldes durch einen borromäischen Knoten durch das Loch im Ring des Realen (R) dargestellt (siehe Abbildung rechts).

Jeder Ring wird von Lacan in Seminar 22 durch drei Merkmale charakterisiert: Konsistenz, Ex-sistenz und Loch. Die Konsistenz eines Rings besteht darin, dass er in sich zusammenhält, dass er sich nicht in einen offenen Faden oder in eine Reihe von Fäden oder in einen Staub von Partikeln auflöst. Mit der Ex-sistenz eines Rings ist gemeint, dass er den anderen Ringen äußerlich ist, dass er an sie anstößt, sie aber nicht durchdringt, nicht mit ihnen verschmelzt. Das Loch eines Rings ist das, wodurch man seine Hand stecken kann. In Lacans zweidimensionaler Darstellung des Knotens wird das Loch eines Rings bisweilen, wie in der nebenstehenden Zeichnung, als Kreisfläche dargestellt.

Im Vorwort von 1974 zu Frank Wedekinds Frühlingserwachen schreibt Lacan:

„Freud hat herausgefunden, dass das, was er Sexualität nennt, im Realen Loch macht.“13

In Seminar 21 bringt er das Loch im Realen mit der Formel zusammen, dass es keine sexuelle Beziehung gibt:

„Aber wir wissen alles, weil alles – wir erfinden ein Dingsda, einen Trick, um das Loch im Realen zu stopfen. Da, wo es keine sexuelle Beziehung gibt, ruft das ein Trauma hervor. Man erfindet. Man erfindet natürlich, was man kann.“14

*

Anders als Evans und Homer meinen, bezieht sich der Ausspruch „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ auf den Geschlechtsverkehr.

In Seminar 14 von 1966/68, Die Logik des Phantasmas, hatte er eine frühere Version dieser These präsentiert. Sie lautet so.

„Das Geheimnis der Psychoanalyse, das große Geheimnis der Psychoanalyse ist, dass es keinen Geschlechtsakt gibt.“15

„Geschlechtsakt“ ist hier keine Metapher; zur Erläuterung der These bezieht Lacan sich beispielsweise auf den Unterschied zwischen dem männlichen und dem weiblichen Orgasmus.

Aber natürlich ist ein „Geschlechtsakt“ nicht dasselbe wie ein „sexuelles Verhältnis“. Wie erläutert Lacan selbst die These „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“?

In einem Vortrag von 1975 sagt er:

„Kommt Ihnen nicht in den Sinn, dass diese ‚sexuelle Realität‘, wie ich mich eben ausgedrückt habe, beim Menschen dadurch spezifiziert ist, dass es zwischen dem männlichen Menschen und dem weiblichen Menschen keine instinkthafte Beziehung gibt?

Dass nichts dazu führt, dass jeder Mann (tout homme) – um den Mann durch das zu bezeichnen, was ziemlich gut zu ihm passt, angesichts dessen, dass er natürlich die Idee des Ganzen imaginiert –, dass jeder Mann nicht in der Lage ist, jede Frau (toute femme) zu befriedigen? Was jedoch bei anderen Tieren die Regel zu sein scheint. Es ist klar, dass sie nicht alle Weibchen befriedigen, aber es geht nur um Fähigkeiten.

Der Mann – man kann ja von Der Mann sprechen, l’homme, l Apostroph – muss sich damit begnügen, davon zu träumen. Er muss sich damit begnügen, davon zu träumen, denn es ist völlig sicher, nicht nur, dass er nicht jede Frau befriedigt, sondern dass Die Frau – hierfür bitte ich die Mitglieder der MLF, der Bewegung zur Frauenbefreiung, die vielleicht anwesend sind, um Entschuldigung –, dass Die Frau nicht existiert. Es gibt Frauen, aber Die Frau, das ist ein Traum des Mannes.

Es ist nicht ohne Bedeutung, dass er sich nur mit einer befriedigt oder auch mit mehreren Frauen. Das ist deshalb so, weil er auf die anderen keine Lust hat. Warum hat er auf sie keine Lust? Weil sie, wenn ich mich so ausdrücken kann, mit seinem Unbewussten nicht zusammenklingen.“16

„Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ meint: Bei dem Tier, das „Mensch“ genannt wird, gibt es zwischen den Männchen und den Weibchen keine instinkthafte Verhaltenskoordination. Für jeden Mann gilt: Er ist nicht in der Lage, sich an jeder beliebigen Frau zu befriedigen oder gar jede beliebige Frau zu befriedigen. Diese Unfähigkeit gilt für alle Männer, also kann man sagen: sie gilt für Den Mann. Bei vielen Tieren scheint das anders zu sein, das Männchen ist hier fähig, mit jedem beliebigen Weibchen zu kopulieren, also mit Dem Weibchen (während die Weibchen, S. weist mich darauf hin, häufig wählerisch sind).

In Seminar 18 hatte Lacan es so formuliert:

„Der Ödipusmythos, wer sieht nicht, dass er notwendig ist, um das Reale zu bezeichnen, denn eben das ist es, was er zu tun beansprucht. Oder genauer, das, worauf der Theoretiker reduziert ist, wenn er diesen Hypermythos formuliert, ist dies, dass das Reale im eigentlichen Sinne wodurch verkörpert wird? durch das sexuelle Genießen, als was? als unmöglich, denn das, was der Ödipus bezeichnet, ist das mythische Wesen, dessen Genießen – sein ihm eigenes Genießen – das Genießen von was wäre? von allen Frauen.“17

Das Reale ist das Unmögliche, nämlich das unmögliche Genießen, und dasjenige Genießen, das unmöglich ist, ist das Genießen aller Frauen, Genitivus objectivus.

Der Mann träumt von Der Frau, also davon, bei jeder Frau potent zu sein, aber das ist ihm nicht möglich. Die Frauen, die ihn dazu bringen, eine Erektion zu haben, sie aufrecht zu erhalten und zum Orgasmus und zur Ejakulation zu kommen, sind ganz bestimmte Frauen: sie müssen mit seinem Unbewussten zusammenstimmen. Die Reproduktion der Gattung hing bis zur Erfindung der künstlichen Befruchtung an dieser prekären Bedingung.

Der Satz „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ bezieht sich also auf den Geschlechtsverkehr. Er besagt: Wenn zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts miteinander kopulieren und in diesem Sinne ein sexuelles Verhältnis haben, ist das insofern kein sexuelles Verhältnis, als das Männchen sich auf seine Partnerin nicht in der Weise bezieht, dass sie für ihn Das Weibchen ist. Er wird von ihr nicht dadurch in Erregung versetzt, dass sie ihm die allgemeinen körperlichen Merkmale einer Frau zu sehen (oder zu hören, zu fühlen, zu riechen, zu schmecken) gibt, sondern dadurch, dass sein Unbewusstes auf ganz bestimmte Frauen anspringt.

Man könnte auch sagen: Es gibt keinen Geschlechtsverkehr. Beim Menschen sind die Geschlechter nicht in der Lage, sich als Geschlechter zu paaren. Der Mann kann sich sexuell auf eine Frau nicht als Fall-von-Frau-schlechthin beziehen, auch dann nicht, wenn er von ihrer Weiblichkeit schwärmt. Wenn er ihre Feminität anhimmelt, wenn er verkündet, sie sei ein richtiges Weibchen, eine Vollblutfrau, dann deshalb, um sich über diese Impotenz hinwegzutäuschen. Auch Goethe hat davon geträumt, diese Unmöglichkeit – dieses Reale – zu überwinden. Im Faust lässt er Mephisto murmeln: „Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, / Bald Helenen in jedem Weibe.“ Toute femme. Mit dem Teufel imaginiert Goethe die Idee des Ganzen.

In Seminar 22 erläutert Lacan das Diktum „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ so:

„Was meint das, wenn ich das sage? Das meint natürlich nicht, dass der Geschlechtsverkehr (rapport sexuel) nicht in Massen anzutreffen wäre und dass man zum Beweis dieses frotti-frotta wieder ganz ins Zentrum stellen muss, dieses Petting, dieses Herumschmusen, und sich dabei worauf berufen?, auf das Reale, auf das Reale des Knotens. (…)

Also, was soll das heißen, wenn ich die Aussage mache, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt? Das heißt, einen sehr begrenzten Punkt zu bezeichnen, die Relationenlogik in Anschlag zu bringen, nämlich herauszustellen, dass R – womit das Verhältnis bezeichnet wird – , dass R zwischen x und y zu setzen ist (was bereits heißt, in das Spiel des Geschriebenen eintreten) und dass es, was das sexuelle Verhältnis angeht, strikt unmöglich ist, auf irgendeine Weise xRy zu schreiben, dass es keine logifizierbare und zugleich mathematisierbare Ausarbeitung des sexuellen Verhältnisses gibt.

Das ist genau der Akzent, den ich auf die Aussage setze, ‚es gibt kein sexuelles Verhältnis‘, und das heißt also: Ohne den Bezug auf diese verschiedenen Konsistenzen – die ich im Moment nur als Konsistenzen nehme –, auf diese verschiedenen Konsistenzen, die sich gleichwohl unterscheiden, insofern sie nämlich als imaginär, symbolisch und real bezeichnet werden, ohne Bezug auf diese Konsistenzen, insofern sie sich voneinander unterscheiden, gibt es keine Möglichkeit des frotti-frotta.

Dass es keine Möglichkeit gibt, die Differenz dieser Konsistenzen auf etwas zu reduzieren, was einfach auf eine Weise geschrieben würde, die gestützt wird, ich möchte sagen, die der Überprüfung durch die Mathematik standhält und die es gestattet, das sexuelle Verhältnis zu sichern.“18

Die Behauptung, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, meint nicht, dass es keinen Geschlechtsverkehr gibt. Lacan will nicht sagen, dass die Leute, statt eindringlich zu kopulieren, lieber frotti-frotta betreiben, sexuelle Interaktion à la Clinton & Lewinsky. Er behauptet auch nicht, dass Menschen deshalb miteinander herumschmusen, weil die Penetration für sie unmöglich wäre, auf Lacanesisch: weil das für sie das Reale wäre.

Dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, meint etwas anderes. Die Beziehung zwischen menschlichen Männchen und menschlichen Weibchen kann nicht in der Form xRy geschrieben werden. Hierbei steht x für ein beliebiges Element der einen Geschlechtsgruppe, y für ein beliebiges Mitglied der anderen Gruppe und R für die Relation, xRy also für das Verhältnis zwischen den Mitgliedern der beiden Gruppen. Das Verhältnis R wäre eine Zuordnungsregel, die dafür sorgen würde, dass sich alle Menschen männlichen Geschlechts auf alle Menschen weiblichen Geschlechts beziehen würden und umgekehrt, und zwar derart, dass jeder beliebige Mann durch jede beliebige Frau zu sexueller Erregung und zielführender Aktion gebracht werden kann und umgekehrt.

Lacan behauptet an dieser Stelle nicht, wie in der vorher zitierten Passage, dass es ein Verhältnis zum Gegengeschlecht empirisch nicht gibt. Die These lautet hier, dass ein solches Verhältnis mit den schriftgestützten Verfahren der Logik und der Mathematik nicht ausgearbeitet werden kann, dass es nicht „geschrieben“ werden kann. Für Lacan heißt das, dass dieses Verhältnis „real“ ist. Vom Symbolischen aus hat man einen Zugang zum Realen auf dem Weg über das logisch Unmögliche, anders gesagt: über das, was nicht „geschrieben“ werden kann. Das sexuelle Verhältnis ist insofern unmöglich (also real), als es nicht aufhört, nicht geschrieben zu werden, heißt es in Seminar 20.19

In Seminar 21 formuliert er es, ausgehend vom borromäischen Knoten, so:

„In diesem Knoten, diesem Knoten, den ich verkünde, in diesem Knoten, diesem Knoten, der insofern aus dem Symbolischen und dem Imaginären gemacht ist, als dies nur etwas ist, was mit, mit drei macht, was sie verknotet – es ist das Reale, worum es geht, dass sie drei sind, daran hängt das Reale. Warum ist das Reale drei?

Das ist eine Frage, die ich damit begründe, damit rechtfertige, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt. Anders gesagt, um es zu präzisieren, um es so zu präzisieren: das geschrieben werden kann. Wodurch, wodurch das, was geschrieben wird, das ist beispielsweise, es gibt nicht ein f derart, dass zwischen x und y, die hier die Grundlage irgendwelcher Sprechwesen bedeuten, um sich der männlichen oder weiblichen Seite zuzuordnen, dies, diese Funktion, die die Beziehung herstellen würde, diese Funktion des Mannes im Verhältnis zur Frau, diese Funktion der Frau im Verhältnis zum Mann – es gibt keine, die geschrieben werden könnte: \overline {\exists \text{f}} \text { f(x,y)}.“20

In der borromäischen Verschlingung von drei Ringen steht der Ring des Realen dafür, dass es kein sexuelles Verhältnis gibt. „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ ist eine Kurzfassung; gemeint ist: „Es gibt kein sexuelles Verhältnis, das geschrieben werden kann“. Das, was nicht geschrieben werden kann, ist eine Funktion (f), also eine Zuordnungsregel zwischen den Elementen zweier Mengen. Es kann keine Funktion geschrieben werden, die es den „Sprechwesen“ ermöglicht, sich der männlichen oder {der weiblichen Seite zuzuordnen, und bei welcher die männliche Seite dadurch bestimmt wäre, dass sie sich auf die Frau bezöge, die weibliche Seite auf den Mann. (Das umgedrehte E, also ∃, ist der Existenzquantor, zu lesen als „es gibt ein“; das kleine f steht für „Funktion“, der Strich über ∃f ist ein  Negationszeichen. \overline {\exists \text{f}} meint also insgesamt: „Es gibt keine Funktion“. Der rechte Ausdruck spezifiert die nicht existierende Funktion: eine Funktion, die x und y aufeinander beziehen würde.)

Die Beziehung zum Sexualpartner wird nicht durch den Instinkt hergestellt, sondern durch das Unbewusste, also nicht durch die Ordnung der Bilder, sondern durch das Symbolische. Das Symbolische ist aus strukturellen Gründen nicht in der Lage, eine Polung auf das Gegengeschlecht qua Gegengeschlecht herzustellen.

Das sollen die Formeln der Sexuierung zeigen, die Lacan ab Seminar 18 entwickelt hat. In deren Mittelpunkt stehen zwei Quantoren, also zwei Ausdrücke, die dazu dienen, Aussagen auf Quantitäten zu beziehen: der in der Logik übliche Quantor „alle“ (wie in „Alle Menschen sind sterblich“) und der von Lacan erfundene Quantor „nicht-alle“. Die Geschlechter unterscheiden sich durch ihren Bezug zur „Idee des Ganzen“, wie es im vorangehenden Zitat in der Sprache der Philosophie hieß. In der Terminologie der Logik formuliert: sie unterscheiden sich durch ihren Bezug zum Qantor tout oder toute, „alle“ bzw. „jeder/jede“. Männer bilden in bestimmter Hinsicht eine Menge, die so verfasst ist, dass man sagen kann: „Alle Männer sind … “ oder „Jeder Mann ist …“ oder „Der Mann ist …“; für Frauen gilt das nicht, wohlgemerkt: in einer bestimmten Hinsicht. In welcher? In Bezug auf die Kastration. Ich habe diesen Schritt zu wenig verstanden, um ihn erläutern zu können.

Lacan kommt, in der zuletzt zitierten Passage, auf das frotti-frotta zurück. Auch Geschlechtsverkehr ohne Penis-Vagina-Interaktion, wie der zwischen dem Präsidenten und der Praktikantin, ist nur dadurch möglich, dass drei „Konsistenzen“ ins Spiel kommen, der Zusammenhalt der drei Fadenringe des borromäischen Knotens: das Symbolische, das Imaginäre und das Reale. Anders gesagt: Geschlechtsverkehr wird durch das Unbewusste ermöglicht, das an das Ineinandergreifen dieser drei Ordnungen gebunden ist und in dem das andere Geschlecht als anderes Geschlecht nicht repräsentiert ist.

Il n’y a pas de rapport sexuel, „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ meint: Wenn Mitglieder der beiden Geschlechtsgruppen einen rapport sexuel haben, ist das kein rapport sexuel. Wenn sie miteinander Sex haben – ob mit Penetration oder ohne –, wird das nicht dadurch ermöglicht, dass der Körper des anderen der andere Geschlechtskörper ist. Das Verhältnis zum Körper des anderen Geschlechts wird weder imaginär hergestellt, durch bildgesteuertes Instinktverhalten, noch symbolisch, durch den Signifikantenapparat des Unbewussten. Warum nicht? Weil Menschen sprechen oder weil das Verhältnis nicht gesagt werden kann? Das kann man nicht wissen.21 Lacans Formulierung spielt auf beide Möglichkeiten an: Die Sprache macht Loch im Realen.22

Wenn es kein sexuelles Verhältnis gibt, was sorgt dann aber dafür, dass Männer und Frauen gleichwohl miteinander Sex haben und Kinder machen? Das, was die Psychoanalyse als „Kastration“ bezeichnet.23

Zum Bild zu Beginn des Artikels

Die Abbildung zeigt einen Holzschnitt aus Hokusais Buch Kinoe no komatsu 喜能会之故真通 (Junge Kiefern am ersten Tag im Jahr der Ratte), das 1814 veröffentlicht wurde. Das Bild ist retuschiert. Der Holzschnitt erstreckt sich über zwei Buchseiten, gewissermaßen ein Centerfold; die Retusche versucht, den Bundknick unkenntlich zu machen.

Im Buch hat das Bild keinen Titel. In Japan wird es Tako to ama genannt, „Kraken und Muscheltaucherin“. Der im Deutschen übliche Titel ist patriarchalischer Kitsch: Der Traum der Fischersfrau.24

Der Holzschnitt ist eine Schrift-Bild-Kombination: die Taucherin schwimmt in einem Meer von Signifikanten, japanischen Schriftzeichen. Nur die Kursivschrift Hiragana wird verwendet, nicht Katakana und nicht Kanji: der Text ist fürs breite Publikum bestimmt. Er verzeichnet, mit verteilten Rollen, das Gespräch zwischen den drei Akteuren, skandiert von Schlürf- und Stöhngeräuschen, die onomatopoetisch repräsentiert werden.25 Der Unterhaltung ist zu entnehmen, dass die beiden Oktopoden männlichen Geschlechts sind und dass der große der Papa des kleinen ist.

Das Bild eignet sich für die gefürchtete subsumierende Deutung, anders gesagt: als Unterrichtsmaterial. Der Schriftbereich steht für das Symbolische, das ist einfach. Das Bild des Körpers der Taucherin repräsentiert was? natürlich das Imaginäre. Der Fels steht für das Reale – Uneinsichtige verweise man auf Freuds Rede vom „gewachsenen Fels“ des Kastrationskomplexes.

Die Linsenaugen der großen Krake, von denen nicht nur die Taucherin, sondern auch der Bildbetrachter angestarrt wird, so dass er in seinem begehrlichen Schauen erwischt wird: der Blick als Objekt a.

Die Szene konfrontiert die Topik der Öffnung mit der des Lochs. Topologisch gesehen, sind Vaginaleingang und Mund keine Löcher, sondern Öffnungen; sie führen in das Innere des Körpersacks und beruhen damit auf der imaginären Konzeption des Raums, auf der Projektion des Körpers, die den Gegensatz von Innen und Außen stiftet.26

Die Fangarme des Kopffüßlers verweisen auf eine andere Raumwelt: auf die Topologie. Hokusai hat die Tentakel so gezeichnet, dass sie sich für den Betrachter schließen und, andeutungsweise, Ringe bilden, Gebilde, die um Löcher herum organisiert sind – um Löcher, die sich dem Gegensatz von Innen und Außen entziehen. In der Sprache der Topologen: die Tentakel deuten triviale Knoten an, die in diesem Fall nicht aus Linien bestehen, sondern aus Oberflächen: Tori. Die Knoten sind auf unentwirrbare Weise miteinander verschlungen. Von dieser Ring-Verschlingung wird das Bild bestimmt, stärker als durch die Ekstase der Taucherin, mehr noch als durch die Darstellung ihres Geschlechts. In der Zeichnung der Felskanten und in den Windungen der Schriftzeichen findet die Verknotung der Tentakel ein Echo.

PSC: LOW-RES PROOF REQ? = YES 1Hokusais Perlentaucherin ist ein Gegenstück zu El Grecos Der Tod Laokoons und seiner Söhne (um 1610; Bild zum Vergrößern anklicken).27 Beide Bilder stellen eine knotenartige Verschlingung dar. Weitere Gemeinsamkeiten: der Moment der Ekstase, die eingefrorene Bewegung, die nackte liegende Figur mit gespreizten Beinen in der Bildmitte, die Zentralstellung der Augen (Laokoons Augen / die Augen der großen Krake), zwei Schlangen / zwei Kraken, die Einbettung der Szene in eine Landschaft, der Bezug auf eine Erzählung. Der radikale Unterschied betrifft die Schrift. El Grecos Gemälde verweist auf die Schrift, nämlich auf die geschriebene Erzählung des Vergil, jedoch als etwas, was aus ihm ausgeschlossen ist. Nicht einmal eine Signatur scheint es zu geben. In Hokusais Holzschnitt stehen Bild und Schrift in einer Beziehung der Nachbarschaft (um einen Terminus der Topologie zu verwenden).

Ein guter Titel für Hokusais Holzschnitt wäre, mit Ian Fleming, Octopussy. Octo- meint „acht“. Schreibt man die Ziffer Acht in einem Zug und legt man für den Überkreuzungspunkt fest, welcher Linienabschnitt überkreuzt und welcher unterkreuzt, ist die 8 ein Diagramm eines trivialen Knotens, eines Fadenrings, wie Lacan sagt. Der Ring, um den es geht, ist der des Realen. Dass es kein sexuelles Verhältnis gibt, ist das Loch im Ring des Realen.

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Anmerkungen

  1. Lacan verwendet die Formel zuerst in Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen, Sitzung vom 22. März 1969; Version Miller, S. 226. – Im Druck erscheint sie erstmals 1970 in Radiophonie; vgl. J. Lacan: Radiophonie. In: Ders.: Radiophonie. Television. Quadriga, Weinheim u.a. 1988, S. 17; sie wird dort von Hans-Joachim Metzger übersetzt mit „Es gibt kein Geschlechtsverhältnis“.
  2. Vgl. Lacan, Seminar 20 von 1972/73, Encore. Herausgegeben von Jacques-Alain Miller, übersetzt von Norbert Haas, Vreni Haas und Hans-Joachim Metzger. Quadriga, Weinheim u.a. 1986, S. 11 und öfter; die komplette Formel „Es gibt kein Geschlechtsverhältnis“ findet man in dieser Ausgabe zuerst auf S. 39.
  3. Vgl. Evans, Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, a.a.O., S 122.
  4. Vgl. Wilhelm Fließ: Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie. (1906). Leipzig, Wien 1923, S. 247-258. Fließ spielt damit auf ein Werk von Carl Düsing an, Die Regulierung des Geschlechtsverhältnisses (1884), das sich auf das statistische Verhältnis der Geburten und Totgeburten von männlichen und weiblichen Kindern bezog. Vgl. Mai Wegener: Neuronen und Neurosen. Der psychische Apparat bei Freud und Lacan. Ein historisch-theoretischer Versuch zu Freuds „Entwurf“ von 1895. Fink, München 2004, S. 176-183.
  5. J. Lacan: Vorwort zur deutschen Ausgabe meiner ausgewählten Schriften – (notwendig bezogen und gestützt auf den Übersetzer). In: Ders.: Schriften II. Hg. v. Norbert Haas. Walter, Olten u.a. 1975, S. 7–14, hier: S. 8.
  6. Vgl. Peter Widmer: Subversion des Begehrens. Eine Einführung in Jacques Lacans Werk. Turia + Kant, Wien 2012, S. 97.
  7. Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, Sitzung vom 20. November 1973; Version Staferla 22.8.2009, S. 31, meine Übersetzung.
  8. Zuerst in Seminar 14, Sitzung vom 12. April 1967.
  9. Zuerst in Seminar 16 von 1968/69, Von einem Anderen zum anderen, Sitzung vom 12. März 1969; Version Miller, S. 226.
  10. Evans, Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse, a.a.O., S. 122.
  11. Sean Homer: Jacques Lacan. Routledge, Abingdon 2005, S. 106, meine Übersetzung. – Clinton fasste den Ausdruck sexual relations noch beschränkter auf, als Homer es darstellt, nicht im Sinne von  Sex (die Genitalien von Bill und Monica waren ja im Spiel), sondern von Sex mit Einführen des Penis in die Vagina.
  12. S. Freud: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1933). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 550.
  13. Lacan: Préface à L’Éveil du printemps. In: Ders.: Autres écrits. Seuil, Paris 2001, S. 562, meine Übersetzung.
  14. Seminar 21 von 1973/74, Les non-dupes errent, Sitzung vom 19. Februar 1974, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  15. Seminar 14, Sitzung vom 12. April 1967.
  16. Conférence à Genève sur le symptôme, 4. Oktober 1975, in: Pas-tout Lacan 1926-1981, S. 1678.
  17. Sitzung vom 20. Januar 1971, meine Übersetzung nach Version Miller, S. 33.
  18. Seminar 22 von 1974/75, RSI, Sitzung vom 18. März 1975, meine Übersetzung nach Version Staferla. – Vgl. auch die Übersetzung von Seminar 22 durch Max Kleiner, S. 50 f.; Kleiner bezieht sich auf eine überarbeitete Fassung der Transkription.
  19. Vgl. Seminar 20 von 1972/73, Encore, Version Miller/Haas u.a., S. 65.
  20. Seminar 21, Sitzung vom 15. Januar 1974, meine Übersetzung nach Version Staferla.
  21. Vgl. Seminar 18, Sitzung vom 16. Juni 1971, Version Miller, S. 168.
  22. Vgl. Seminar 23, Version Miller, S. 31 f.
  23. Vgl. Seminar 18, Version Miller, S. 166-169.
  24. Informationen zum Bild hier und hier.
  25. Eine Übersetzung ins Englische findet man hier.
  26. Vgl. etwa Seminar 22, RSI, Sitzung vom 11. Februar 1975.
  27. Zur Knotenstruktur von El Grecos Laokoon vgl. Hubert Damisch: Topology incorporated. Laokoon im Kino. In: Wolfram Pichler, Ralph Ubl (Hg.): Topologie. Falten, Knoten, Netze, Stülpungen in Kunst und Theorie. Turia + Kant, Wien 2009, S. 67-90, zu El Grecos Bild: S. 68-79.

Kommentare

„Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“ — 3 Kommentare

  1. Der Text von Nemitz „Es gibt kein sexuelles Verhältnis“ auf den ich durch Zufall gestossen bin, ist der erste dtsprachige Text über Lacan dem ich begegne, der völlig auf der Höhe ist und dies nicht in Zeilenlänge oder aphoristisch sondern offenbar „nachhaltig“, auf mehreren aufeinanderfolgenden Seiten. Sonst ist oft alles hinter Euphemismen und Künsteleien oder beidem verschüttet gewesen, auch und besonders in der Übersetzung, und man hat den Anreiz der Weiterbefassung damit sogleich aus den Augen verloren. Es gibt jetzt ein dtsprachiges Verhältnis zu Lacan.

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