Raumschiff Enterprise

Das Phantasma des Herrn Alexander

Information Dominance Center - zu: Phantasma nach Jacques LacanIn­for­ma­ti­on Do­mi­nan­ce Cen­ter des INSCOM, von hier

Be­vor Keith Alex­an­der NSA-Di­rek­tor wur­de, war er Lei­ter von INSCOM, ei­nem Ge­heim­dienst der US-Army und ein Zweig der NSA. Vo­ri­ge Wo­che be­rich­te­te For­eign Po­li­cy, dass er wäh­rend sei­ner INS­COM-Zeit Be­su­chern gern die Kom­man­do­zen­tra­le vor­führ­te, das In­for­ma­ti­on Do­mi­nan­ce Cen­ter, das oben ab­ge­bil­det ist.

Es war von ei­nem Büh­nen­bil­der aus Hol­ly­wood ent­wor­fen wor­den, nach dem Vor­bild der Kom­man­do­brü­cke des Raum­schiffs En­ter­pri­se aus der Star-Trek-Se­rie, ein­schließ­lich ver­chrom­ter An­zei­gen­ta­feln, Com­pu­ter­plät­zen, ei­nem rie­si­gen Fern­seh­schirm an der Stirn­wand und Schie­be­tü­ren, die ‚wu­usch‘ mach­ten, wenn sie auf oder zu gin­gen. Ge­setz­ge­ber und an­de­re be­deu­ten­de Wür­den­trä­ger sa­ßen ab­wech­selnd im le­der­nen ‚Ka­pi­täns­ses­sel‘ in der Mit­te des Rau­mes und sa­hen zu, wie Alex­an­der, ein Lieb­ha­ber von Sci­ence-Fic­tion-Fil­men, auf dem gro­ßen Bild­schirm mit sei­nen Da­ten­werk­zeu­gen prahl­te.“

War­um wirkt das so bi­zarr und viel­leicht so­gar un­heim­lich? Weil wir mit dem Zu­sam­men­hang zwi­schen Macht und Phan­tas­ma kon­fron­tiert wer­den. Zur Ana­ly­se die­ser Be­zie­hung hat La­can ein Werk­zeug ent­wi­ckelt, die For­mel vom Dis­kurs des Herrn.1

Diskurs des Herrn, zu: Phantasma nach Jacques LacanIn die­sem Sche­ma re­prä­sen­tiert die lin­ke Sei­te den Herrn, die rech­te sei­nen „Knecht“, also den­je­ni­gen, der für ihn ar­bei­tet. Die obe­re Zei­le steht für die be­wuss­te Sei­te der Be­zie­hung, die un­te­re für die un­be­wuss­te. Was sieht man, wenn man Keith Alex­an­der mit die­sem Be­griffs­ap­pa­rat zu be­schrei­ben ver­sucht?

Am Platz oben links steht der Her­ren­si­gni­fi­kant (S1). Aus Alex­an­ders Zeit bei INSCOM wird in dem er­wähn­ten Ar­ti­kel der Satz über­lie­fert: “Let’s not worry about the law. Let’s just fi­gu­re out how to get the job done.” Das ist der Her­ren­si­gni­fi­kant, ein Be­fehl, der über dem Ge­setz steht.

Am Platz oben rechts steht das Wis­sen (S2). Das ist in die­sem Fall das Know-how der­je­ni­gen, die im Auf­trag des Herrn die ge­sam­te elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on welt­weit spei­chern und ana­ly­i­se­ren. Das Wis­sen ist also die tech­ni­sche Kom­pe­tenz der 35.000 NSA-An­ge­stell­ten, aber auch das Kön­nen der­je­ni­gen, die für die NSA in Kon­trakt­un­ter­neh­men ar­bei­ten, etwa, wie Ed­ward Snow­den, bei Booz Al­len Ha­mil­ton, und schließ­lich das tech­ni­sche Kön­nen der Be­schäf­ti­gen von Goog­le, Mi­cro­soft, Face­book und Ap­ple. Zum Wis­sen, S2, ge­hört aber nicht nur das kno­wing how, son­dern auch das kno­wing that: die In­for­ma­tio­nen, die von der NSA ge­spei­chert und ver­ar­bei­tet wer­den  und die eine Art glo­ba­les Un­be­wuss­tes bil­den: die Er­in­ne­rung an das, was man ver­ges­sen hat.

Der Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Her­ren­si­gni­fi­kan­ten und dem Wis­sen ist be­wusst, wie bei­spiels­wei­se der Name der Kom­man­do­zen­tra­le zeigt. In­for­ma­ti­on Do­mi­nan­ce Cen­ter, das kann man auch so schrei­ben: Do­mi­nanz­zen­trum (S1) für In­for­ma­ti­on (S2). Und na­tür­lich zeigt sich die Be­wusst­heit die­ser Be­zie­hung auch in dem Be­fehl, den Alex­an­der als NSA-Chef sei­nen Leu­ten ge­ge­ben hat: „Collect it all!“ „It“, das ist das Wis­sen, also S2; der Be­fehl selbst ist der Her­ren­si­gni­fi­kant, S1.

Un­ten rechts hat das un­be­wuss­te Pro­dukt die­ser Wis­sens sei­nen Ort: das Ob­jekt a. Nimmt man die bei­den un­te­ren Sym­bo­le zu­sam­men, $ und a, er­hält man die For­mel für das Phan­tas­ma, $◊a. Eben das ist die Poin­te von La­cans Kon­zep­ti­on des Her­ren­dis­kur­ses: Die Macht (die das Wis­sen in Gang setzt), stützt sich auf ein Phan­tas­ma.

La­can liest die For­mel des Phan­tas­mas so: „S im Pro­zess des fa­ding vor dem Ob­jekt des Be­geh­rens“.2
– Das durch­ge­stri­che­ne S meint: „das Sub­jekt im Pro­zess des Ver­schwin­dens“.
– Das Ob­jekt des Be­geh­rens, a, hat bei La­can zwei Be­deu­tun­gen. Bei der Ein­füh­rung der For­mel be­zieht er sich da­mit auf den ima­gi­nä­ren an­de­ren bzw. das Ideal­ich3, spä­ter4 wird dar­aus der Schatz, den die­ser ima­gi­nä­re an­de­re in sei­nem In­ne­ren ver­birgt, das Par­ti­al­ob­jekt: Brust, Kot, Stim­me, Blick.
– Die Rau­te zwi­schen $ und a, also ◊, wird von La­can als „Schnitt“ in­ter­pre­tiert.5

Bei der Deu­tung von Alex­an­ders Phan­tas­mas sind also vier Ele­men­te zu re­kon­stru­ie­ren: das Sub­jekt als ver­schwin­dend, der ima­gi­nä­re an­de­re als Ob­jekt des Be­geh­rens, das Par­ti­al­ob­jekt und der Schnitt. Ein Phan­tas­ma hat im­mer den Cha­rak­ter ei­ner Sze­ne, die vier Ele­men­te müs­sen als Be­stand­tei­le die­ser Sze­ne iden­ti­fi­ziert wer­den.

Stel­len wir uns vor, wie Ge­ne­ral Alex­an­der im In­for­ma­ti­on Do­mi­nan­ce Cen­ter sei­nen Platz im zen­tra­len Le­der­ses­sel ein­ge­nom­men hat und auf den gro­ßen Bild­schirm an der Stirn­sei­te des Rau­mes starrt. Er in­sze­niert jetzt sein Phan­tas­ma.

Wo ist das ver­schwin­den­de Sub­jekt? Alex­an­der hat die Auf­ga­be, sich un­sicht­bar zu ma­chen, zu sei­nem Be­ruf ge­macht, er ist Spi­on ge­wor­den. Wenn er sich in sei­ne Kom­man­do­zen­tra­le zu­rück­zieht, ist er ein Sub­jekt im Pro­zess des fa­ding, des Ver­schwin­dens. Das, was er hier tut, ist ge­heim; für den Rest der Welt ist er un­sicht­bar.

Das Ob­jekt des Be­geh­rens im Sin­ne des ima­gi­nä­ren an­de­ren ist na­tür­lich Cap­tain Kirk (oder Cap­tain Pi­card) aus der En­ter­pri­se-Se­rie.

Das Ob­jekt des Be­geh­rens im Sin­ne des Par­ti­al­ob­jekts ist der Blick. Es ist dies ein Blick ohne per­so­na­len Trä­ger, ein Blick, der al­les sieht und der im ge­sam­ten pla­ne­ta­ri­schen Raum er­schei­nen kann. Im In­for­ma­ti­on Do­mi­nan­ce Cen­ter ma­ni­fes­tiert sich der Blick im Glän­zen der Fern­seh­schir­me und im Glit­zern der Schalt­ta­feln – eben des­halb sind sie ver­chromt.

Und der Schnitt? Im Phan­tas­ma er­scheint er, so er­läu­tert La­can, in Ge­stalt ei­nes Rah­mens oder ei­ner Kan­te, also bei­spiel­wei­se als der Rah­men des Fens­ters, aus dem man sich stür­zen will, oder als Ab­bruch­kan­te ei­nes Dachs, wie in ei­nem Hitch­cock-Film. In Alex­an­ders Phan­tas­ma wird der Schnitt, so neh­me ich an, durch den Rah­men des gro­ßen Bild­schirms ge­lie­fert. Die­ser Rah­men trennt zwei Wel­ten mit un­ter­schied­li­chen Seins­wei­sen, die rea­le Welt des Kom­man­do­raums und die vom Wis­sen er­zeug­te di­gi­ta­le Welt, das Un­plea­s­ant­vil­le. Hät­te Alex­an­der um 1960 bei La­can auf der Couch ge­le­gen, hät­te die­ser ihm zu zei­gen ver­sucht, dass er die­ser Schnitt ist.

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Anmerkungen

  1. Der Her­ren­dis­kurs wird von La­can ein­ge­führt in Se­mi­nar 17 von 1969/70, Die Kehr­sei­te der Psy­cho­ana­ly­se.
  2. Die Aus­rich­tung der Kur und die Prin­zi­pi­en ih­rer Macht, in: Schrif­ten I, S. 227.
  3. So in Se­mi­nar 5 und 6.
  4. Ab Se­mi­nar 10.
  5. Vgl. zum Schnitt Se­mi­nar 6, Sit­zun­gen ab dem 20. Mai 1959.

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