Brust als Objekt a

Schwimmhilfe

Honoré Daumer, Leander, 1842Honoré Daumier, Leander (1842)

Lacans versteht unter dem Objekt a ab Seminar 10 nicht das Objekt des Begehrens, sondern die Bedingung des Begehrens, also nicht den Zielpunkt, sondern den Ermöglichungsgrund des Begehrens1 In Freuds Terminologie: das Objekt a ist eine „Liebesbedingung“2. Um das zu verdeutlichen, spricht Lacan vom Objekt a als „cause du désir“, als Ursache des Begehrens3 oder auch als „objet cause du désir“, als Objekt Ursache des Begehrens4.

Der Unterschied zwischen dem Objekt und der Bedingung des Begehrens wird von Daumier in dieser Zeichnung in Szene gesetzt. Sie zeigt Leander, wie er die Dardanellen durchquert, um sich mit der Gestalt am anderen Ufer zu vereinigen, der Aphroditepriesterin Hero. Die Schwimmbewegung steht für das Begehren. Das Objekt dieses Begehren ist Hero. Ihre Anziehungskraft reicht nicht aus, um Leanders Strebensbewegung in Gang zu halten. Er muss sich auf zwei Schwimmblasen stützen, auf Gebilde, die an riesige abgetrennte Brüste erinnern. Leander ist Brustfetischist, diese Ballons sind sein Objekt a, die „absolute“ (von ihm und von Hero abgetrennte) Bedingung seines Begehrens.5 Dieses frei flottierende Objekt ermöglicht es ihm, sein Begehren aufrechtzuerhalten; ohne es käme es zur Aphanisis (im Sinne von Jones, nicht von Lacan), zum Absaufen seines Begehrens.

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Anmerkungen

  1. Vgl. Seminar 10, Vorlesung vom 16.1.1963, Version Miller/Gondek, S. 132.
  2. Freud: Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne (1910). In: Ders.: Studienausgabe, Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 185-195.
  3. Seminar 11, Version Miller/Haas, Vorlesung vom 6.5.1964, S. 177.– Ders.: Ouverture de ce receuil (1966). In: Écrits, S. 9 f.
  4. Seminar 11, a.a.O., Vorlesung vom 10.6.1964, S. 255, in der Übersetzung steht „Objekt als Ursache des Begehrens“ für „objet cause du désir“
  5. Zum Objekt a als eine absoluten, d.h. abgetrennten Bedingung vgl. Lacan: Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens, in: Schriften II, S. 165-204, hier: S. 190.

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