Phantasma

Saurons Blick

eye of sauron - 580 pxSau­ron, der Herr der Rin­ge in Der Herr der Rin­ge, er­scheint meist als Lid­lo­ses Auge. Sei­ne Die­ner tra­gen das Lid­lo­se Auge als Wap­pen­zei­chen; in Sau­rons Reich, Mordor, schmü­cken sich so­gar die Flie­gen mit die­sem Em­blem.

Das Bild zeigt die Dar­stel­lung des Lid­lo­sen Au­ges in der Herr-der-Rin­ge-Ver­fil­mung von Pe­ter Jack­son (dan­ke, Fran­zis­ka!). Wie könn­te man den Blick als Ob­jekt a bes­ser il­lus­trie­ren?1

Das Lid­lo­se Auge krönt Sau­rons Fes­tung Barad-dûr; für den Hel­den der Er­zäh­lung ge­hört es zur Um­welt. Der Blick als Ob­jekt a ist nicht der Blick des Sub­jekts, er ist das, was be­wirkt, dass das Sub­jekt sich von den Din­gen an­ge­schaut fühlt.

Das Auge ist lid­los; nichts soll den Be­ob­ach­te­ten vor der Fas­zi­na­ti­ons­kraft des Bli­ckes schüt­zen, im Ge­gen­satz etwa zu den Bud­dha­sta­tu­en mit ih­ren halb ge­senk­ten Li­dern. In der Ter­mi­no­lo­gie Freuds: Das Lid­lo­se Auge funk­tio­niert nicht im Zu­sam­men­hang der Ich­trie­be – La­can: es ist kein Auge; es ge­hört zu den Se­xu­al­trie­ben – La­can: es ist ein Blick.2

Das Lid­lo­se Auge gibt zu se­hen, dass es sieht. Es will nicht nur se­hen, es will auch ge­se­hen wer­den, es ist nicht nur voy­eu­ris­tisch, son­dern auch ex­hi­bi­tio­nis­tisch. Der Blick als Ob­jekt a fun­diert die Ein­heit von Se­hen und Ge­se­hen­wer­den im Schau­t­rieb.

Das Lid­lo­se Auge wird von von ei­nem si­chel­för­mi­gen Ge­gen­stand ein­ge­fasst. Zum Blick ge­hört der Schnitt, zum Ödi­pus­my­thos die Ges­te, mit der Ödi­pus nach den Ge­wand­na­deln sei­ner Ehe­frau & Mut­ter greift und sich die Au­gen aus­sticht. Der Blick als Ob­jekt a ist das Re­si­du­um ei­nes Schnitts, ein Rest, ent­stan­den durch die Ab­tren­nung ei­nes Kör­per­teils. Die­ser Schnitt ist Be­stand­teil des Phan­tas­mas.3

Barad-dûr, Saurons Festung

Barad-dûr, Sau­rons Fes­tung

Das Lid­lo­se Auge bil­det die Spit­ze ei­nes Turms. Als Ob­jekt a er­setzt der Blick den ima­gi­nä­ren Phal­lus.

Der Ge­gen­stand, den das Lid­lo­se Auge se­hen will, ist letzt­lich der Eine Ring: der Meis­ter-Ring. Die­ser Ring si­cher­te Sau­ron einst die All­wis­sen­heit und die All­macht, Sau­ron hat den Ring je­doch ver­lo­ren, in ei­ner Schlacht, in der es ei­nem ge­wis­sen Isil­dur ge­lang, ihm mit dem zer­bro­che­nen Schwert von Isil­durs Va­ter den Fin­ger mit dem Ring ab­zu­schnei­den. Der Blick als Ob­jekt a dient der Ab­wehr der Kas­tra­ti­on des An­de­ren.

Das Lid­lo­se Auge steht über und in der Si­chel, die Si­chel steht auf dem Turm. In La­cans al­ge­brai­sie­ren­der Schreib­wei­se sieht das so aus: a (Ob­jekt a) über dem Strich/dem Schnitt über mi­nus klein phi (Kas­tra­ti­on des ima­gi­nä­ren Phal­lus):

\frac {a}{- \varphi}

Die Pu­pil­le des Lid­lo­sen Au­ges ist ein Schlitz oder Spalt, wie bei ei­ner Kat­ze. Auf die­se Art der Öff­nung stüt­zen sich Ex­hi­bi­tio­nis­mus und Voy­eu­ris­mus. Der Ex­hi­bi­tio­nist of­fe­riert sein Or­gan dem Blick des an­de­ren, in­dem er ei­nen Mo­ment lang den Schlitz der Hose öff­net oder den Man­tel auf­klaf­fen lässt; der Voy­eur be­trach­tet den an­de­ren durch eine Öff­nung hin­durch, durch ei­nen Spalt in ei­nem Vor­hang oder ei­ner Ja­lou­sie, durch die Blen­de ei­nes Fern­gla­ses, durch den Su­cher ei­ner Ka­me­ra.

Der Spalt steht in Be­zie­hung zum weib­li­chen Ge­schlecht. Kat­zen sind als pri­mär weib­lich co­diert (von den Vul­va-Be­zeich­nun­gen der Um­gangs­spra­che ganz zu schwei­gen: Mu­schi, pus­sy, chat­te …). Das ge­schlitz­te Auge mit dem Flam­men­kranz evo­ziert das Bild ei­ner bren­nen­den Vul­va (meint So­phia, Fran­zis­kas Freun­din, und auf mich wirkt es auch so). Sau­ron ist zu­gleich männ­lich und weib­lich, zu­gleich Turm und Bau­bo. Sei­ne Fes­tung dient der Ab­wehr des­sen, dass es „kein Ge­schlechts­ver­hält­nis gibt“, wie La­can sich aus­drückt, dass Män­ner und Frau­en nicht so auf­ein­an­der ge­polt sind wie Li­bel­len­männ­chen und Li­bel­len­weib­chen.

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 Anmerkungen

  1. Das Kon­zept des Blicks als Ob­jekt a wird von La­can ein­ge­führt in Se­mi­nar 10, Sit­zun­gen vom 8.5.1963 und 15.5.63; vgl. au­ßer­dem Se­mi­nar 11, Vor­trä­ge vom 9.2.1964, 28.2.68, 4.3.1964 und 11.3.1964; zu Ex­hi­bi­tio­nis­mus und Voy­eu­ris­mus vgl. auch Se­mi­nar 6, Sit­zung vom 3.6.1959.– Clau­dia Blüm­le, Anne von der Hei­den (Hg.): Blick­zäh­mung und Au­gen­täu­schung. Zu Jac­ques La­cans Bild­theo­rie. Dia­pha­nes, Zü­rich u. a. 2005.
  2. Vgl. S. Freud: Die psy­cho­ge­ne Seh­stö­rung in psy­cho­ana­ly­ti­scher Auf­fas­sung (1910). In: Ders.: Stu­di­en­aus­ga­be, Bd. 6. S. Fi­scher, Frank­furt am Main 2000, S. 205–214.
  3. Vgl. zum Schnitt in Se­mi­nar 6 die Sit­zun­gen ab dem 20. Mai 1959.

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